Wie hat sich das "unternehmerische Selbst" weiterentwickelt?


Bachelorarbeit, 2018

35 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Vorgehensweise

2 Hauptteil
2.1 Bröcklings Konzept des unternehmerischen Selbst
2.2 Parallelen zum Begriff des „Arbeitskraftunternehmers“
2.3 Rezensionen und mediale Diskussionen
2.4 Theoretische und empirische Weiterentwicklungen
2.4.1 Geschichtliche Hintergründe und Widersprüche des unternehmerischen Selbst
2.4.2 Beratende Personen und Kreativität als Antreiber des unternehmerischen Selbst
2.4.3 Medien als Räume der Subjektivierung
2.4.4 Ökonomische Praktiken und die Folgen der Wettbewerbsförderung
2.4.5 Projektarbeit und das unternehmerische Selbst im Bereich der Wissenschaft
2.4.6 Das unternehmerische Selbst im Bereich des Coachings
2.4.7 Das unternehmerische Selbst im Bereich der Kirche

3 Schluss
3.1 Resümee
3.2 Ausblick

4 Literatur
4.1 Internetquellen

5 Anhang

1 Einleitung

Heutzutage muss man bereit sein, sich ständig weiterzubilden, das Stichwort ist lebenslanges Lernen. Es ist erforderlich, immer wieder nach Möglichkeiten Ausschau halten, wie man seine Kompetenzen erweitern kann. Als Bewerber*in muss man zeigen, dass man ein gewisses Potential und Talent mitbringt und sich über die Ausbildung hinaus engagiert hat. Als Absolvent kann man noch zu wenig, aus diesem Grunde braucht man die Aus- und Weiterbildung „on the Job“. Wenn man Arbeit hat, ist es unumgänglich zu kämpfen und sich zu beweisen. Diese Anforderungen beschrieben drei Personalverantwortliche auf einer Informationsveranstaltung, die ich 2017 besuchte (Diskussionsprotokoll im Anhang). Eine große Anzahl an weiteren sozialen Kompetenzen, Fähigkeiten und Qualifikationen, die Bewerberinnen bräuchten, wurden aufgezählt.

Von allen Seiten strömen die verschiedensten, hohen Erwartungen an die eigene Biografie heran, welchen man nie entsprechen wird. Die Kampagnen und Slogans, die uns motivieren, unsere Leistungen und unsere Fähigkeiten stetig zu verbessern, haben einige negative Aspekte. Es ist zu beobachten, dass viele in einer Art Wettkampf um Qualifizierungen stehen und gleichzeitig diesen Qualifizierungen nie genügen. Der Begriff des lebenslangen Lernens beinhaltet einen weiteren Aspekt. Wenn Menschen unter den Bedingungen der Flexibilisierung sich selbst und ihre Arbeitskraft mobilisieren müssen, dann wird aus diesen Maßnahmen Profit gezogen. Da externe Motivatoren die Arbeitskraft nicht mehr im gewünschten Maße steigern, wird auf die internalen Motivatoren zurückgegriffen. Die Motivation, frei und selbstbestimmt zu sein, wird genutzt, um die Produktivität der Arbeitskräfte zu erhöhen.

Man soll seine Kompetenzen stets ausweiten und sich selbst optimieren, wozu eine weitere Anforderung kommt, dass man flexibel und mobil sein soll. Kurz gesagt, soll man sich in diesem ökonomischen Paradigma zum Unternehmer seiner Selbst machen. Das von Ulrich Bröckling (2007)1 beschriebene „unternehmerische Selbst“ ist etwas, auf das wir uns alle hinentwickeln sollen und werden, da wir gewissen wirtschaftlichen Dynamiken ausgesetzt sind.

Dadurch, dass die Selbstverwirklichung und das Streben nach ökonomischem Erfolg zum Trend wurden, erlebte der Unternehmergeist in den 1990er Jahren eine Renaissance (Bröckling, 2007, S. 52ff). Auch der Staat habe die Entwicklung unterstützt, indem er die Eingliederung von Arbeitskräften in die Wirtschaft fördere. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit sollten sie sich als Unternehmer ansehen, die ihre Arbeitskraft am Markt verkaufen könnten, sowie selbst

Verantwortung für ihr Leben übernehmen. So würden sie als Selbstständige arbeiten, ohne feste Arbeitszeiten und mit geringer Absicherung. Sie würden ständig arbeiten und sich ohne Pause von Auftrag zu Auftrag hangeln. Die Selbständigkeit erscheine für sie als vorteilhaft aufgrund von „Autonomie, Selbstverwirklichung und nichtentfremdeter Arbeit“ (Bröckling, 2007, S. 58). Um als Selbständige erfolgreich zu sein, müssten die Individuen ihren Wert auf dem Markt stetig steigern und erhalten.

Das unternehmerische Selbst entsteht laut Bröckling (2007) dadurch, dass Staat und Gesellschaft die Herausbildung aktiv durch Belohnungssysteme fördern. Dadurch, dass den Einzelnen von therapeutischem Fachpersonal und Beratenden geholfen werde, sich selbst zu verwirklichen, lernen sie auch, sich selbst zu steuern und werden so ökonomisch erfolgreicher. Unternehmen könne man erfolgreicher machen, indem man den Führungspersonen mehr Freiraum und Verantwortung gebe, sodass sie sich wie Unternehmerinnen fühlen, kreativer und risikofreudiger seien und so bessere Arbeitsleistungen erbringen. Der Schein der Autonomie trüge, denn Unternehmen müssen Kontrolle ausüben und einen organisatorischen Rahmen vorgeben, um die sogenannten „Unternehmer“ im Unternehmen zu halten. In diesem Rahmen müssten auch gewisse Freiheiten eingebaut sein, damit der jeweilige „Unternehmer“ nicht in seiner Arbeit behindert wird (Bröckling, 2007, S. 62ff). Später sei dies von der Ratgeberliteratur auf alle Beschäftigten und alle Menschen übertragen worden. Ein Mensch solle sich selbst verkaufen, Verantwortung für sich selbst übernehmen, sein Potential entfalten, seine Einzigartigkeit und seine herausstechenden Merkmale betonen. Und dies müsse kontinuierlich geschehen, das ganze Leben lang, da man fortlaufend bewertet werde und Kompetenzen vorweisen müsse.

Sichtbar geworden ist schließlich auch die dunkle Seite der unternehmerischen Selbstoptimierung: Die dauernde Angst, nicht genug oder nicht das Richtige getan zu haben, und das unabstellbare Gefühl des Ungenügens gehören zum Unternehmer in eigener Sache ebenso wie das merkantile Geschick und der Mut zum Risiko (Bröckling, 2007, S. 74).

1.1 Fragestellung und Vorgehensweise

Seit dem Erscheinen von Ulrich Bröcklings Werk „Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform“ von 2007 sind über zehn Jahre vergangen. Damit leistete er, so Bröckling wörtlich, einen Beitrag zur „Soziologie der Sozial- und Selbsttechnologien“ (Bröckling, 2007, S. 12f). Seine Diagnose, dass sich das unternehmerische Selbst ausbreitet und zu einem Ideal wird, erstellte er aus einer Untersuchung aktueller Management- und Ratgeberliteratur, Methoden der Psychotechniken, populärwissenschaftlicher Literatur und sozialwissenschaftlichen Analysen und Theorien. Er zog auch Alltagsmaterialien, wie beispielsweise Internetseiten, Cartoons und Lehrpläne von Sonderschulen heran. Seit seiner Veröffentlichung haben sich die sozialen und ökonomischen Bedingungen sehr verändert und es haben sich neue Trends und Strömungen herausgebildet. Deshalb wird in der vorliegenden Arbeit der Frage nachgegangen, inwiefern das Konzept des „unternehmerischen Selbst“ im gegenwärtigen Diskurs Anwendung findet und wie es sich seitdem weiterentwickelt hat.

Zuerst folgt eine inhaltliche Zusammenfassung der wesentlichen Argumente aus Bröcklings Werk. Danach folgt ein Vergleich mit einer ähnlichen Theorie, die des „Arbeitskraftunternehmers“ von G. Günter Voß und Hans J. Pongratz (1998), die Bröcklings Werk voranging. Dazu wird Lothar Peters Aufsatz „Alte und neue Subjektivität von Arbeit“ von 2003 herangezogen, da dieser einige Aspekte des „Arbeitskraftunternehmers“ beschreibt. Im nächsten Kapitel werden Rezensionen von Ulfried Geuter (2007), Harry Nutt (2007) und Andrea Strübe (2013), welche Bröcklings Arbeit bewerten, sowie die Artikel von Andrea Gatterburg (2012), Katharina Pernkopf-Konhäusner (2014) und Gisela Maria Freisinger (2015), welche Bröcklings Konzept aufgegriffen haben, zusammengefasst dargestellt. Darauf folgt die Darstellung der theoretischen und empirischen Weiterentwicklungen. Zuerst wird Raphael Beers Aufsatz „Das Subjekt im Wandel der Zeit“ (2014) zusammenfassend dargestellt. Darauf folgt Boris Traues Arbeit „Das Subjekt der Beratung“ (2010). Nachfolgend werden die Inhalte aus Birgit Riegrafs, Dierk Spreens und Sabine Mehlmanns Einleitung zu ihrem Sammelband „Medien — Körper — Geschlecht“ (2012) skizziert. Im Anschluss wird Christina Schachtners und Nicole Dullers Aufsatz „Kommunikationsort Internet“ (2014) summarisch dargelegt. Im vorletzten Abschnitt folgt eine Darstellung der zentralen Argumente aus Laura Glausers Abhandlung „Das Projekt des unternehmerischen Selbst“ (2016). Mit Birgit Klostermeiers Studie „Das unternehmerische Selbst der Kirche“ (2011) endet der Hauptteil. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und der Beantwortung der Forschungsfrage und einem Ausblick auf das Thema 360° Feedback.

2 Hauptteil

2.1 Bröcklings Konzept des unternehmerischen Selbst

In seinem 2007 erschienenen Buch erweitert Bröckling Foucaults Begriff des Regierens und zeigt die Regeln des Regierens und andere Formen methodischen Beeinflussens von menschlichem Handeln auf. Mit dem Begriff Regieren ist bei Foucault gemeint, dass Regierungen machtvoll auf Individuen einwirken und sie steuern. In diesem Sinne versteht Bröckling (2007) das unternehmerische Selbst als ein „Leitbild“2 (Bröckling, 2007, S.7) das machtvoll auf den Einzelnen einwirkt und sie unterdrückt. Bei seiner Analyse dieses Unterdrückungsmechanismus macht Bröckling (2007) nicht das tatsächliche Verhalten der Menschen zum Thema, sondern legt die Wirkung des unternehmerischen Selbst auf die Menschen dar. Es geht ihm darum, essenzielle Technologien und, so Bröckling (2007) wörtlich, „strategische Elemente herauszupräparieren, aber auch die konstitutionelle Überforderung sowie die Logik der Exklusion und Schuldzuschreibung sichtbar zu machen, denen es die Einzelnen aussetzt“ (ebd., S.9). Das unternehmerische Selbst ist, so Bröckling (2007), ein Subjektivierungsprogramm, das auf das Selbstverständnis und das Verhalten der Individuen einwirkt.

Bröckling (2007) schlussfolgert aus seiner Analyse verschiedenster Theorien und (populär-) wissenschaftlicher Werke, dass die Individuen dazu ermutigt werden, sich nach dem unternehmerischen Selbst auszurichten. Diesem Anspruch könne man nicht gerecht werden, da man die Anforderungen nie zu Gänze erfüllen wird. Nach Bröcklings (2007) Argumentation kann man dem unternehmerischen Selbst nicht entkommen, denn man könne alles optimieren oder maximieren.

Es gibt laut Bröckling (2007) Widerstand gegen das Subjektivierungsprogramm des unternehmerischen Selbst. Dieser Widerstand zwinge das Subjektivierungsprogramm dazu, sich stetig zu optimieren, wodurch es sich stabilisiert. Es gebe auch keine Position, die noch nicht vom unternehmerischen Selbst eingenommen ist, von der man aus Kritik formulieren könnte. Um wirkungsvolle Kritik zu üben, müsste man sich, so Bröckling (2007), vom unternehmerischen Selbst abgrenzen. Dazu müsste man Möglichkeiten ergreifen, flexibel sein, egoistisch Handeln — was gleichzeitig unternehmerischem Handeln entspricht. Man müsste nach Bröckling (2007) also ein anderes Gegenbild entwerfen, gleichgültig sein, zwecklos Handeln und keine Entscheidungen mehr treffen. Kritik könne also bestenfalls die Funktionsweisen und Konsequenzen dieses Subjektivierungsprogrammes aufzeigen.

2.2 Parallelen zum Begriff des „Arbeitskraftunternehmers“

G. Günter Voß und Hans J. Pongratz haben 1998 erstmals den Begriff des „Arbeitskraftunternehmers“ definiert. Der Arbeitskraftunternehmer definiert sich durch eine spezielle Einstellung zur Arbeit, er zeigt unternehmerische Praktiken, hat sich die Marktlogiken einverleibt und sich ihnen unterworfen. Die Arbeit ist laut Voß und Pongratz (1998) dadurch ein Teil seiner selbst geworden. Er sei abhängig von Lohn und Arbeitgeber, denn er tausche Arbeitskraft gegen Gehalt. Er sei im Gegensatz zu Selbstständigen von seinem Arbeitgeber und dessen Entscheidungen abhängig, auch wenn er schon mehr Freiräume gewonnen habe und Verantwortung verliehen bekommen habe. Dadurch werde ihm die Ausbeutung und Machtausübung im kapitalistischen System weniger ersichtlich. Da man laut Voß und Pongratz (1998) Beschäftigte immer weniger external motivieren konnte, mussten Unternehmen sie internal motivieren. Dies sei möglich, wenn sich Individuen als sogenannte Arbeitskraftunternehmer wahrnehmen. Der Arbeitskraftunternehmer lenke und kontrolliere sich und seine Arbeit, ohne stark von außen kontrolliert zu werden. Außerdem würde er stetige Selbstoptimierung sowie Selbstmarketing seiner Fähigkeiten betreiben. Er priorisiere die Arbeit vor allen anderen Lebensbereichen und richte seine Biografie nach der Arbeit aus. Man geht der Arbeit nicht nur aus ökonomischen und rationalen, sondern auch aus einer inneren Motivation und aus „subjektive [n], emotionale[n], moralische[n] und symbolische[n] Bedürfnisse[n]“ (Peter, 2003, S. 83) nach. Dieses Konzept zeigt sehr deutlich, dass der Einzelne fremdbestimmt ist und dass machtvoll auf ihn eingewirkt wird, damit er seine Arbeitskraft rein wirtschaftlichen Zwecken zur Verfügung stellt.

„Nach der Maxime , Macht was ihr wollt, aber seid profitabel!' mobilisiert der Arbeitskraftunternehmer alle gestalterischen Fähigkeiten, Kompetenzen und Intuitionen seines Arbeitsvermögens, ohne auf den Widerstand des Managements, auf Regulierungen der Arbeitsverhältnisse und zeitliche Limitierungen der Verausgabung von Arbeitskraft zu stoßen.“ (ebd., S. 85 f). Es seien weniger konkrete Führungspersonen, die die Mitarbeitenden überwachen, als dass man sich selbst in seinem Handeln überwache. Man werde indirekt dazu geleitet, sich nach bestimmten Strategien und Zielen, die dem Unternehmen dienlich sind, auszurichten. Außerdem solle man kompetitiv denken, wodurch gemeinschaftliches Verhalten an Bedeutung und Wichtigkeit verliere3.

Voß und Pongratz (1998) sowie Bröckling (2007) gehen somit ähnlichen Fragen nach und kommen zu dem Ergebnis, dass sich ein Ideal unternehmerisch zu handeln, herausgebildet hat, welche Auswirkungen auf die Beziehung der Individuen untereinander und auch im Verhältnis zu sich selbst hat. Bröckling (2007) legt seinen Fokus mehr auf die jeweiligen Theorien und Programme, sowie auf das Subjekt. Voß und Pongratz (1998) konzentrieren sich eher auf die Veränderungen der Arbeitswelt. Die Wirksamkeit des Subjektivierungsprogramm des unternehmerischen Selbst sieht Bröckling (2007) weiter als Voß und Pongratz, laut ihm ist es für jeden Einzelnen gültig.

2.3 Rezensionen und mediale Diskussionen

Ulfried Geuter (2007) beschreibt in seiner Buchkritik im Deutschlandfunk Kultur, dass die Menschen durch die Politik dazu motiviert wurden, sich als Geschäftsleute selbstständig zu machen4. Dies bedeute, dass jeder stets an seinem Marktwert arbeiten muss. Er bewertet das unternehmerische Selbst als Gegenstand eines „erhellenden, klugen Buches von Ulrich Bröckling, indem der Autor die ,Dynamik permanenter Selbstoptimierung‘ für den turbokapitalistischen Markt beschreibt.“ (Geuter, 2007, Abs. 2). Bröcklings Theorie sei eine Weiterentwicklung von Foucaults Gouvernementalitätsbegriff. Sein Konzept sei also abzugrenzen von einem neuem „Sozialcharakter“ (ebd., Abs. 3), da es Bröckling nicht um das tatsächliche Verhalten der Individuen ginge, sondern um eine theoretische Analyse. Man könne bei der Lektüre etwas über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und der Selbstgestaltung der Menschen lernen. „Das Buch öffnet dem Leser die Augen“ (ebd., Abs. 8) und erkläre das eigene Verhalten und das anderer Menschen.

Harry Nutt (2007) beschreibt in seinem Artikel in der Frankfurter Rundschau, dass es heutzutage verpönt ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, da man sich nach dem Markt orientieren und Leistungen zeigen müsse. Laut Nutt (2007) reagieren die meisten Soziologen mit einer Anwendung althergebrachter Analysemuster, um die aktuellen Entwicklungen zu beschreiben. Damit „laufen die marktüblichen Gesellschaftsanalysen doch Gefahr, sich auf eine politische Ökonomie vergangener Jahrhunderte zu verlassen“ (Nutt, 2007, Abs. 3). Bröckling eröffne im Gegensatz dazu eine neue Perspektive. Der Rezensent hebt hervor, dass Bröckling „dem Leben als permanentem Assessment Center auf die Schliche“ (Nutt, 2007, Abs. 5) gekommen sei. Nutt lobt das Buch, da es aufklärt. „Immer wieder stupst einen der Autor zu überraschenden, manchmal auch unbequemen Einsichten an.“ (2007, Abs. 6) Er weist darauf hin, dass vor allem NGOs von Bröckling lernen könnten, wie machtvoll sie agieren. Das Buch ließe einen mit recht wenig Hoffnung zurück, da es kaum eine Chance des Entkommens gäbe.

Andrea Strübe bezeichnet in ihrer Rezension in der Onlinezeitschrift „Gesellschaft im Neoliberalismus“ Bröcklings Buch als „Standardwerk zu den Auswirkungen des Neoliberalismus“ (2013, Abs. 1). Bröckling zeige die Programmatik auf, die dazu anleitet, sich nach dem Markt auszurichten. Er veranschauliche, wie den Einzelnen diktiert wird, wie sie sich zu verhalten haben. Außerdem erweitere er den Begriff des Unternehmers auf sämtliche Lebensbereiche. Die Anrufung oder Anforderung, sich zum Unternehmer seiner selbst zu machen, gilt für alle. Bröckling bringe die „Aktivierung der Aktivierung auf den Punkt: Die Frage des Regierens ist demnach die Frage danach, wie Menschen regiert werden sich selbst zu regieren, eine Führung der Selbstführung also“ (Strübe, 2013, Abs. 2). Es ginge neben der permanenten Aktivierung, auch darum, dass erwartet werde, dass die Individuen sich stets selbst wieder in die Lage versetzen, aktiv zu sein. Er integriere Theorien mit diversen Texten und Ratgebern, um sich dem Thema aus mehreren Perspektiven zu nähern. Damit gelinge es ihm, dass der Leser sich ein detailliertes Bild machen könne von dem Subjektivierungsprogramm, welches in alle vorstellbaren Bereiche vordringt.

Dieses Programm5 wird sich aber in keinem Subjekt zur Gänze umwandeln, es ist in seiner Reinform nicht vorzufinden, da es ein Ideal zum Ziel setzt, welches unerreichbar ist. Es ginge Bröckling um die Analyse des Subjektivierungsregimes. Seine Theorie gäbe die Basis dafür, tatsächliches Verhalten zu untersuchen. Strübe (2013) schlägt vor, eine solche Untersuchung bei der Partei Die Linke durchzuführen. Da Freiheit, Selbstbestimmung, aber neuerdings auch effizientes Arbeiten wichtige Themen in dieser Partei seien, habe sich das unternehmerische Selbst sicherlich hier auch schon ausgewirkt. Die Autorin äußert, man müsse der Frage nachgehen, ob in der Partei Die Linke möglicherweise bereits Leistung als Mittel für Erfolg an Stellenwert gewonnen habe.

Andrea Gatterburg verweist in ihrem Artikel in der Spiegel Online Bröckling, der meine, dass man „sich wie ein Markenprodukt präsentieren soll, umstellt von Forderungen und Ansprüchen, begleitet von einem ständigen Gefühl des Ungenügens — streng dich an, streng dich mehr an, na, was schaffst du noch?“ (2012, Teil 1, Abs. 12). Um mit diesen Anrufungen umzugehen, nähmen viele Coaching in Anspruch. Problematisch sei, dass die Qualifikation von Coaches undefiniert sei und man leicht auf Betrüger hereinfallen könne. Ein weiteres Problem, weswegen sich viele coachen lassen, sei die Überforderung aufgrund der Beschleunigung. Dazu käme die Erwartung, dass man belastbar sein müsse, und wer damit überfordert ist, verliert soziale Anerkennung. Die Folge sei „hurrysickness“ (Gatterburg, 2012, Teil 3, Abs. 1), die Menschen würden an der ständigen Hetzerei und der mangelnden Ruhe erkranken. Coaching sei laut Gatterburg (2012) weit verbreitet und werde von Unternehmen und Beschäftigten in Anspruch genommen, was mit sozialer Anerkennung belohnt wird. Coaching passe dazu, dass heutzutage „lebenslanges Lernen und permanente Optimierung gefordert sind“ (Gatterburg, 2012, Teil 1, Abs. 11).

Katharina Pernkopf-Konhäusner (2014) kritisiert in ihrem Bericht in Standard, dass der Film „The Wolf of the Wallstreet“ es so aussehen lasse, als ob sich unglaublicher Erfolg zeige, wenn man nur gewisse Chancen zur rechten Zeit ergreife. Sie zitiert eine in den USA durchgeführte Studie, die festgestellt hat, dass es zwischen 1980 und 2010 eine Zunahme an Publikationen zum unternehmerischen Selbst und Selbstmarketing sowie eine Zunahme an Selbstständigen gegeben habe. Auch das Thema Talent-Management etabliere sich verstärkt. Dem liege die Überzeugung zugrunde, dass jeder ein Talent habe, welches man weiterentwickeln könne. Talentiert heißt in diesem Fall unternehmerisch denkend. Der öffentliche Diskurs würde die negativen Seiten des unternehmerischen Selbst vernachlässigen.

Die Soziologin Paula-Irene Villa äußert in einem Interview mit Gisela Maria Freisinger (2015) in der Spiegel Online, Bröcklings unternehmerisches Selbst sei in der Soziologie langanhaltend diskutiert worden. Jeder würde heutzutage dazu aufgerufen, Selbstoptimierung zu betreiben. Diese Anforderung habe sich auf alle Lebensbereiche ausgeweitet, der Diskurs werde sogar inkorporiert. „Alles wird als Ressource betrachtet, und die müssen ganz ökonomistisch mobilisiert werden“ (Freisinger, 2015, Abs. 3). Erwartet werde, dass wir alles steuern und kontrollieren, um Effizienz und Output zu steigern. Früher waren es die Hochintelligenten, die Kunstschaffenden und die psychisch Kranken, heute will jeder vom Durchschnitt abweichen. Angesichts des Abbaus des Sozialstaates hätten diejenigen, die seither Gelehrtheit und Eifer als Mittel zum Aufstieg nutzten, nun Angst. Deswegen würden sie erst recht nach den Maximen des unternehmerischen Selbst streben. Dies sei auch der Grund dafür, dass sie ihre Kinder vermehrt in Privatschulen geben, damit diese dort eine optimale Ausbildung bekommen. Dieses Handeln hätte die Konsequenz, dass staatliche Schulen abgewertet werden würden und an Qualität verlieren würden.

2.4 Theoretische und empirische Weiterentwicklungen

2.4.1 Geschichtliche Hintergründe und Widersprüche des unternehmerischen Selbst

Im Rückblick betrachtet, entwickelte sich laut Raphael Beer (2014) im 18. Jahrhundert zum ersten Mal ein Diskurs zu einem ökonomischen Subjekt. In dieser Zeit habe das entstehende Bürgertum an Reichtum und Macht gewonnen. Dadurch kam die Frage auf, wie sich Kapital akkumuliere und wie man dieses gerecht verteile (Beer, 2014, S. 216). Die Wohlhabenden hätten einen kleinen Teil ihres Vermögens an die Armen spenden müssen. Dies habe aber zu keiner Schließung der Schere zwischen Arm und Reich geführt. Wenn dagegen jeder in seinem eigenen Interesse handele, führe dies zum nicht intendierten Effekt, dass die gesamte Wirtschaft floriere. Wenn man beispielsweise investiere oder ein Unternehmen gründe, um selbst Gewinne zu erzielen, so schaffe dies Arbeitsstellen. Dies habe einen langfristigeren positiven Einfluss auf die wirtschaftliche Situation. Andererseits „steigert [der Kapitalismus] zwar den allgemeinen Reichtum, nicht aber den privaten der Arbeitermassen, die diesen Reichtum produzieren“ (Beer, 2014, S. 260).

[...]


1 Dieses Konzept stellt er in seinem Buch „Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform“ vor.

2 Bröckling beschreibt das unternehmerisches Selbst auch als ein „Kraftfeld“, welches die Menschen teilweise in entgegengesetzte Richtungen zieht (Bröckling, 2007, S.8).

3 Es werde nicht nur gefordert, dass man konkurrenzorientiert denkt, sondern auch, dass man seine Arbeitskraft stets verfügbar macht, dass man hohe Qualifikationsgrade aufweist und anspruchsvollen Arbeitsaufträge nachgeht. Voß und Pongratz (1998) meinen, dass Männer diese Anforderungen eher umsetzten könnten als Frauen, wodurch das Konzept Unterschiede zwischen den Geschlechtern verstärke.

4 Dabei wurde durch die Politik gemäß Geuter vor allem der Begriff „Ich- AG“ propagiert (2007, Abs.1)

5 Das Programm ist nach Strübe (2013) eine Anrufung dazu, etwas zu erreichen.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Wie hat sich das "unternehmerische Selbst" weiterentwickelt?
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
35
Katalognummer
V458107
ISBN (eBook)
9783346068989
ISBN (Buch)
9783346068996
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbst
Arbeit zitieren
Tabea Vortanz (Autor), 2018, Wie hat sich das "unternehmerische Selbst" weiterentwickelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458107

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