Was ist "professionelles Verhalten" bei der Inobhutnahme eines Kindes?

Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Inobhutnahme


Bachelorarbeit, 2018
44 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1.Einleitung

2. Kindeswohlgefährdung
2.1. Definitionen
2.2. Erscheinungsformen
2.2. Vorkommenshäufigkeit
2.3. Folgen für die Kinder

3. Inobhutnahme
3.1. Definition
3.2. Der Allgemeine Soziale Dienst
3.3. Rechtlichen Rahmenbedingungen
3.3.1. Die Rechte der Eltern
3.3.2. Die Rechte des Kindes
3.3.3. Die Rechte des Jugendamtes
3.4. Arbeitsphasen einer Inobhutnahme
3.5. Kritik

4. Professionelles Verhalten
4.1. Definitionen
4.2. Einflussfaktoren
4.2.1. Personalbeschaffenheit des ASD
4.2.2. Arbeitsbelastung
4.3. Umgang mit den Paradoxien
4.3.1. Das doppelte Mandat
4.3.2. Nähe und Distanz

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Vorkommenshäufigkeit der Formen von Kindeswohlgefährdungen

Abbildung 2: Anzahl der Altersgruppen in Prozent

Abbildung 3: Aufbauorganisation des Jugendamtes

Abbildung 4: Personal im ASD

Abbildung 5: Faktoren der Arbeitsbelastung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.Einleitung

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu zahlreichen Diskussionen aufgrund verschiedenster Inobhutnahmen. Immer wieder wird hervorgetragen, dass zahlreiche Jugendämter ihrer Arbeit nicht ordnungsgemäß nachgehen würden. Den Mitarbeitern des Jugendamtes wird häufig vorgeworfen, Inobhutnahmen ohne rechtmäßigen Hintergrund durchzuführen. Aus diesem Grund, werden regelmäßig Sätze formuliert wie „das Jugendamt klaut Eltern ihre Kinder!“. Doch auch das Gegenteil ist der Fall und Mitarbeiter des Jugendamtes werden gefragt, warum sie das Kind nicht früher in Obhut genommen haben, da es doch offensichtlich war, dass das Kind in der Familie nicht bleiben konnte. Den Sozialarbeitern wird also nicht selten vorgeworfen, dass sie nicht zum Wohle und Schutz des Kindes handeln, Fälle falsch deuten, Missstände übersehen und sie schuldig am Leiden der betroffenen Kinder sind. Für die Sozialarbeiter des Jugendamtes gilt grundsätzlich, liegt eine akute Kindeswohlgefährdung vor und die Eltern des Kindes oder des Jugendlichen sind nicht bereit oder in der Lage die Gefährdung abzuwenden, muss das Jugendamt tätig werden und das betroffene Kind bzw. den betroffenen Jugendlichen aus der Familie nehmen. Doch was gilt in Deutschland als akute Kindeswohlgefährdung und ist es leicht zu differenzieren was genau unter eine akute Kindeswohlgefährdung fällt? Welche Formen von Kindeswohlgefährdungen gibt es? Wie häufig kommen sie in Deutschland vor? Welche Altersgruppen sind am häufigsten davon betroffen? Und letztlich welche Auswirkungen hat eine Kindeswohlgefährdung auf ein Kind sprich mit welchen Folgen hat es zu kämpfen? Für die meisten Menschen in Deutschland ist klar, liegt eine Kindeswohlgefährdung vor, werden die Kinder die von der Kindeswohlgefährdung betroffen sind, vom Jugendamt aus der Familie geholt und fremduntergebracht. Dieses Verfahren wird unter dem Begriff Inobhutnahme verstanden. Doch wie ist die Inobhutnahme genau definiert und wann wird sie vom Jugendamt durchgeführt? Diejenigen die in der Sozialen Arbeit Inobhutnahmen vorrangig durchführen, sind die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes. Doch was ist der Allgemeine Soziale Dienst überhaupt? Für welche Aufgaben ist er zuständig? Und dürfen die Sozialarbeiter des Jugendamtes einfach ohne triftigen Grund eine Inobhutnahme aussprechen bzw. durchführen? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen liegen im Falle einer Inobhutnahme zu Grunde? Wie ist der Ablauf einer Inobhutnahme? Und ist die Kritik gegenüber Inobhutnahmen berechtigt? Um Vorwürfe gegenüber den Mitarbeitern des Jugendamtes, wie anfangs beschrieben, zu entgehen, versuchen die Sozialarbeiter sich bei einer Inobhutnahme professionell zu verhalten. Doch was wird unter dem Begriff „Professionelles Verhalten“ verstanden? Was macht ein „Professionelles Verhalten“ genau aus? Zudem stellt sich die Frage, inwiefern sich das „Professionelle Verhalten“ von dem „alltäglichen/ gewöhnlichen Verhalten“ unterscheidet. Wann kann ein Sozialarbeiter von sich behaupten, dass er sich professionell verhalten hat? Anschließend muss sich mit dem Umstand befasst werden, dass er durchaus professionelle Sozialarbeiter gibt, die sich in bestimmten Situationen nicht professionell verhalten können. Daher muss es gewisse Einflussfaktoren geben, die die professionelle Verhaltensweise beeinflussen. Sobald diese Einflussfaktoren bestimmt werden konnten, kann noch genauer darauf eingegangen werden, mit welchen Schwierigkeiten bzw. Paradoxien der Mitarbeiter des Jugendamtes während einer Inobhutnahme zu kämpfen hat. Und im Schluss kann dann darauf eingegangen werden weshalb „Professionelles Verhalten“ bei einer Inobhutnahme entscheidend ist.

2. Kindeswohlgefährdung

In den Medien hat die Diskussion über Kindeswohlgefährdungen stark zugenommen. Immer wieder tauchen Berichte von Kindesmisshandlungen, Vernachlässigungen und sogar Kindestötungen auf. Die Dunkelziffer all dieser Taten ist jedoch um einiges höher als die der Öffentlichkeit bekannten Fälle. Im Jahr 2017 führten die Jugendämter in Deutschland 143.300 „Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls (Gefährdungseinschätzungen) durch“ (FamRZ 2018, online). Im Vergleich zum Vorjahr handelt es sich hierbei um einen Anstieg von 4,6%. Jedoch wurden insgesamt betrachtet etwas weniger Kindeswohlgefährdungen festgestellt (etwa 45.700 Fälle weniger). Als akute Kindeswohlgefährdungen gelten rund 21.700 Fälle und bei 24.100 Fällen eine latente Kindeswohlgefährdung. Doch um zu verstehen was unter diesen Zahlen verstanden wird müssen zunächst einmal ein paar Begrifflichkeiten erörtert werden.

2.1. Definitionen

Um den Begriff der Kindeswohlgefährdung zu verstehen, muss erklärt werden, was unter dem Kindeswohl verstanden wird.

In unserer Gesellschaft gibt es unterschiedliche Auffassungen davon, was für ein Kind am besten ist. Sogar inmitten unseres Kulturkreises herrschen viele Uneinigkeiten. Während einige Eltern die Auffassung vertreten, dass allein Strenge und Gehorsamkeit für das Kindeswohl bedeutsam sind, vertreten andere die Meinung Kreativität und Selbstverantwortlichkeit seien der Schlüssel zum Erfolg. Letztlich erlaubt unsere Verfassung, dass die Eltern ihre Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen erziehen dürfen. Somit bestimmen die Eltern für sich und ihre Kinder was dem Kindeswohl entspricht (vgl. Schone/ Tenhaken 2015, S.14). Bei dem Begriff des Kindeswohls handelt es sich somit um einen unbestimmten Rechtsbegriff. Doch wann oder woran ist zu erkennen, dass das Kindeswohl in Gefahr ist? Wann und wie kann von einer Kindeswohlgefährdung gesprochen werden?

Unser Rechtssystem versteht unter dem Begriff Gefährdung „eine gegenwärtige in einem solchen Maße vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt“ (Conen/Tammen 2015, S.279). Der Beschluss des Bundesgerichtshofes von 1956 versteht unter einer Kindeswohlgefährdung „eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt“ (Schorn 2011, S.9). Rechtlich gesehen bedeutsam für die Feststellung einer Kindeswohlgefährdung ist der §1666 des BGB. Dort heißt es in Absatz 1 und 2:

„(1) Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet und sind die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage, die Gefahr abzuwenden, so hat das Familiengericht die Maßnahmen zu treffen, die zur Abwendung der Gefahr erforderlich sind.“ (Walhalla & Praetoria Verlag Vogl & Klenner 2018, S.370f.)
„(2) In der Regel ist anzunehmen, dass das Vermögen des Kindes gefährdet ist, wenn der Inhaber der Vermögenssorge seine Unterhaltspflicht gegenüber dem Kind oder seine mit der Vermögenssorge verbundenen Pflichten verletzt oder Anordnungen des Gerichts, die sich auf die Vermögenssorge beziehen, nicht befolgt.“ (ebd.)

Das Kinderschutz-Zentrum Berlin definiert eine Kindewohlgefährdung wie folgt:

„Kindeswohlgefährdung ist ein das Wohl und die Rechte eines Kindes beeinträchtigendes Verhalten oder Handeln bzw. Unterlassen einer angemessenen Sorge durch Eltern und andere Personen in Familien oder Institutionen, das zu nicht-zufälligen Verletzungen, zu körperlichen und seelischen Schädigungen und / oder Entwicklungsbeeinträchtigungen eines Kindes führen kann, was die Hilfe und eventuell das Eingreifen von Jugendhilfe-Einrichtungen Familiengerichten in die Rechte der Inhaber der elterlichen Sorge im Interesse der Sicherung der Bedürfnisse und des Wohls eines Kindes notwendig machen kann.“ (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009, S.32)

Unterschieden wird zu dem unter einer akuten und einer latenten Kindeswohlgefährdung. Unter einer akuten Kindeswohlgefährdung wird eine eindeutig gegenwärtige nachgewiesene Kindeswohlgefährdung verstanden. Als latente Kindeswohlgefährdung wird der Umstand bezeichnet, bei dem eine Kindeswohlgefährdung ungewiss ist, aber somit auch nicht ausgeschlossen werden kann (vgl. Netzwerk Kinderschutz Mansfeld-Südharz 2015, online). Nach dem nun erklärt wurde, was unter dem Begriff Kindeswohlgefährdung verstanden wir, muss genauer untersucht werden, in welcher Form Kindeswohlgefährdungen auftreten.

2.2. Erscheinungsformen

Prinzipiell werden 4 klassische Formen der Kindeswohlgefährdung unterschieden: die Vernachlässigung, die physische und psychische Misshandlung und der sexuelle Missbrauch (vgl. Schorn 2011, S.9).

Die häufigst auftretende Form der Kindeswohlgefährdung ist die Vernachlässigung (vgl. Alle 2017, S.21). Eine Vernachlässigung ist jedoch schwer zu definieren, da sie unterschiedliche Ausprägungen aufweisen kann und noch nicht differenziert genug erforscht ist (vgl. ebd., S.22). Im Allgemeinen wird von Vernachlässigung gesprochen, wenn grundlegende Bedürfnisse des Kindes über eine längere Zeit hinweg unbeantwortet bleiben (vgl. Schorn 2011, S.11). Eine der bekanntesten Definitionen von Vernachlässigung ist die von Schone aus dem Jahr 1997. Er definiert Vernachlässigung als „andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns (…), welches zur Sicherstellung der physischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre“ (Schone 1997, S.21). Seiner Meinung nach kann diese Unterlassung bewusst oder unbewusst stattfinden. Gründe für eine Vernachlässigung können sein: „unzureichendes Wissen, Fähigkeiten und Einsichten“(ebd.). Kinder, die also vernachlässigt werden, werden einfach nicht wahrgenommen und empfangen weder Ansprachen, Anregungen noch emotionale oder körperliche Zuwendung.

Die unverkennbarste Form Kindeswohlgefährdung ist die physische Misshandlung. Zu der physischen Misshandlung zählen „alle körperlichen Gewaltanwendungen wie zum Beispiel Prügel, Schläge mit Gegenständen, Treten, Kneifen, Verbrennen, Verbrühen, Vergiften, Würgen, Ersticken und Schütteln“ (Alle 2017, S.24). Das Kind erleidet dadurch deutlich erkennbare Verletzungen, weshalb die physische Misshandlung als die offenkundigste Kindeswohlgefährdung bezeichnet werden kann. Jedoch ist es oftmals sehr schwierig die Verletzungen des Kindes eindeutig einer Misshandlung zuzuschreiben, da sich viele Kinder blaue Flecken, Kratzer oder Schürfwunden beim Spielen zulegen.

Eine weitere Form der Kindeswohlgefährdung ist die psychische Misshandlung. Hier ist wichtig anzumerken, dass durch alle Misshandlungsformen eine seelische Misshandlung einhergeht (vgl. ebd., S.23). Psychische Misshandlungen können „durch Haltungen, Gefühle, Aktionen von Eltern und Betreuungspersonen gegenüber dem Kind, die es herabsetzen, ihm Angst machen, es isolieren, ihm vermitteln, es sei wertlos, ungeliebt, fehlerhaft, etc.“ (ebd.) verursacht werden. Außerdem werden sie hervorgerufen, wenn ein Kind mit seinen Lebensäußerungen und Bedürfnissen nicht wahrgenommen und wertgeschätzt wird. In manchen Fällen entsteht eine seelische Misshandlung, wenn durch das Verhalten der Eltern Kinder parentifiziert werden, sprich, sie für ihre Eltern elterliche Haltungen wie zum Beispiel Fürsorge, Verantwortung oder Aufgaben übernehmen. Häusliche Gewalt innerhalb der Familie ist ebenfalls eine psychische Form der Misshandlung. Auch wenn das Kind keine physischen Verletzungen erleidet, erfährt es dennoch seelische Verletzungen. „Kinder sind davon tief betroffen und auf Schutz und Hilfe von außen angewiesen. Sie entwickeln häufig Schuldgefühle, übernehmen Verantwortung für einen Elternteil, erleben Ambivalenzen in ihren Gefühlen zu den Eltern und massive Angst in und vor den häuslichen Gewaltsituationen“ (ebd., S.24).

Die letzte der vier grundlegenden Formen von Kindeswohlgefährdungen ist die des sexuellen Missbrauchs. Von sexuellem Missbrauch wird gesprochen, wenn eine sexuelle Aktivität an oder vor einem Kind betrieben wird. Dies geschieht entweder gegen seinen Willen oder aber weil das Kind aufgrund seines Alters bzw. geringen Entwicklungsstandes nicht bewusst einwilligen kann. Dem Missetäter geht es lediglich um die Befriedigung seiner Bedürfnisse, auch auf Kosten des Kindes, wobei ihm seine Machtposition behilflich ist. In den meisten Fällen handelt es sich bei dem Täter um einen guten Bekannten des Kindes, sodass das Kind nichts Böses von ihm erwartet, sondern ihm vertraut (vgl. Deegener 2005, S.38). Zu den sexuellen Handlungen gehören das Streicheln und Berühren der Geschlechtsorgane des Kindes mit den Händen, der Zunge, des Sexualorgans des Täters oder auch mit Gegenständen. Des Weiteren fällt unter sexuelle Misshandlung die orale, vaginale oder anale Penetration mit Sexualorganen oder Gegenständen. Ebenso das Vorzeigen von realen Situationen, Bildern oder Filmen, um sich selbst oder das Kind sexuell zu erregen oder zu befriedigen. Ebenso zählt dazu das Fotografieren eines nackten Kindes. Und letztlich gilt auch das Veranlassen von Berührungen am eigenen Körper und von sexuellen Handlungen am Körper des Kindes als sexueller Missbrauch (vgl. Münder et al. 2000, S.55). In den meisten Fällen werden „die Kinder oder Jugendlichen mithilfe von Drohungen, auch Gewalt- und Strafandrohungen, unter massiven Druck gesetzt, das Erlebte geheim zu halten“ (Alle 2017, S.25). Hinzu kommt, dass sich viele Kinder und Jugendliche schämen und sich daher nicht trauen andere Menschen um Hilfe zu beten. Aus diesem Grund ist die Dunkelziffer bei sexuellem Missbrauch wesentlich höher als bei anderen Formen der Kindeswohlgefährdungen.

Nach dem nun die vier grundlegenden Formen der Kindeswohlgefährdung dargestellt wurden, stellt sich nun die Frage wie häufig eine Kindeswohlgefährdung in Deutschland vorkommt.

2.2. Vorkommenshäufigkeit

Es gibt zu dem Thema Kindeswohlgefährdung eine hohe Vielzahl an Publikationen, jedoch befassen sich die wenigsten mit der Häufigkeit von den verschiedenen Formen der Kindeswohlgefährdung. Ursache für diese Problematik ist, dass es sehr wenige verlässliche Quellen gibt. Eine der verlässlicheren Quellen ist die des Statistischen Bundesamtes. Im Jahr 2017 wurde von ihnen eine Statistik über die Häufigkeit von Kindeswohlgefährdungen erhoben. Hierbei wurde deutlich, dass im Jahr 2017 insgesamt 45.700 Kindeswohlgefährdungen in Deutschland festgestellt wurden. Bei rund 21700 Fällen handelte es sich um eine eindeutige, also akute Kindeswohlgefährdung und bei knapp 24100 Fällen konnte keine Kindeswohlgefährdung ausgeschlossen werden (latente Kindeswohlgefährdung). Außerdem wurde eine Statistik erstellt, in der differenziert wurde wie häufig welche Form der Kindeswohlgefährdung in Deutschland 2017 auftritt (vgl. DESTATIS 2018a, online). Die Ergebnisse habe ich im Folgendem grafisch dargestellt:

Abbildung 1 : Vorkommenshäufigkeit der Formen von Kindeswohlgefährdungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Anhand dieser Grafik ist ersichtlich, dass es sich bei den meisten Kindeswohlgefährdungen um eine Vernachlässigung handelt. Der Anteil der psychischen und der physischen Misshandlung ist in etwa gleich groß. Der sexuelle Missbrauch hingegen ist mit 4% als Kindeswohlgefährdung kaum erfasst. Dies liegt wahrscheinlich an dem bereits vorher genannten Umstand, dass wenige Opfer eines sexuellen Missbrauchs über die Geschehnisse sprechen möchten. Außerdem muss festgehalten werden, dass die Statistik lediglich das Hellfeld abbildet, somit also alle bekannt gewordenen Kindeswohlgefährdungen, jedoch nicht die Realität. Es wird vermutet, dass die Dunkelziffern um einiges höher sind, da die meisten Kindeswohlgefährdungen im näheren Umfeld der Kinder stattfinden, aus welchem jedoch kaum Anzeigen bei der Polizei oder Informationen an das Jugendamt weitergeleitet werden. Die Kinder selbst können oder wollen sich häufig nicht bei den Behörden melden, aus Angst vor den Konsequenzen. In den häufigsten Fällen werden Anzeigen und Informationen von Außenstehenden herangetragen, sodass die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass es wesentlich mehr Fälle von Kindeswohlgefährdungen gibt, da Außenstehende häufig nichts oder nur sehr wenig mitbekommen (vgl. Goldberg 2011, S.29).

Die Statistik hat sich jedoch nicht nur mit den Formen von Kindeswohlgefährdungen beschäftigt, sondern auch mit dem Geschlecht und dem Alter der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Die Kindeswohlgefährdungen in Bezug auf das Geschlecht sind ungefähr gleich verteilt, das heißt es sind genauso viele Jungen wie auch Mädchen von Kindeswohlgefährdungen betroffen. Die Ergebnisse in Bezug auf die Altersgruppen habe ich ebenfalls graphisch dargestellt:

Abbildung 2: Anzahl der Altersgruppen in Prozent

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Durch die vorliegende Grafik wird deutlich, dass Kleinkinder wesentlich häufiger von Kindeswohlgefährdungen betroffen, wie es Jugendliche sind. Die Kinder, die unter 3 Jahre alt sind, sind die, die am häufigsten von Kindeswohlgefährdungen betroffen sind und die 14-17 Jahre alten Jugendlichen, die am wenigsten Betroffenen (vgl. DESTATIS 2018a, online). Aufgrund dieses Ergebnisses wäre eine Studie interessant, welche sich mit der Frage beschäftigt, weshalb Kleinkinder eher von Kindeswohlgefährdungen betroffen sind als Jugendliche. Nach dem nun verschiedene Vorkommenshäufigkeiten zu Kindeswohlgefährdungen veranschaulicht wurde, stellt sich natürlich die Frage was für Auswirkungen diese Kindeswohlgefährdungen für die Kinder/Jugendlichen haben. Immerhin sind im Jahr 2017 45.700 Kinder von Kindeswohlgefährdungen betroffen gewesen, weshalb es wichtig ist zu klären, unter welchen Folgen ein Kind im Falle einer Kindeswohlgefährdung zu leiden hat.

2.3. Folgen für die Kinder

Misshandelte Kinder zeigen praktisch in fast allen Entwicklungsbereichen erhebliche Beeinträchtigungen auf. Vor allem betroffen ist die kognitive, soziale, emotionale aber auch körperliche Entwicklung. Welches Ausmaß diese Beeinträchtigungen haben, hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen von der Art, der Dauer und der Schwere der Misshandlung und zum anderen auch vom Alter des Kindes und daher auch von seiner Interpretation des Ereignisses. Hinzu kommen An- und Abwesenheiten von protektiven Faktoren und Risikofaktoren. Eine Faustregel besagt jedoch, je früher die Misshandlung beginnt, je schwerer sie ist und je länger sie anhält, desto gravierender die Auswirkungen (vgl. Schorn 2011, S.12). Aus diesem Grund spielt auch die Form der Kindeswohlgefährdung eine entscheidende Rolle für die Folgen für das betroffene Kind. Die Folgen für ein vernachlässigtes Kind sind: „seelische und körperliche Erkrankungen, Gedeihstörungen, sozialer Minderwuchs, psychosoziale Entwicklungsstörungen in Bereichen der Kognition und der Emotionen“ (Alle 2017, S.23) und die Ausgrenzung aus der Gesellschaft (vgl. ebd.). Durch psychische und physische Misshandlungen erleiden die Betroffenen nicht nur seelisch-geistige oder körperliche Schäden, ebenso ist ihre Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt. Häufig zeigen sich zudem Verhaltensauffälligkeiten, eine Störung der Emotionen und des Sozialverhaltens, eine Selbstvertrauens- und Selbstbildstörung, Bindungs- und Beziehungsschwierigkeiten, Delinquenz sowie auch ein erhöhter Alkohol- und Suchtmittelgebrauch (vgl. ebd., 24f.). Die Folgen für ein Kind/ Jugendlichen im Falle eines sexuellen Missbrauchs sind hingegen, unabhängig von den wohlmöglichen körperlichen Verletzungen, eine andauernde weitreichende Störung der Psyche. In diesem Fall sind die Gefühle und die Eigenwahrnehmung stark beeinträchtigt. Betroffene leiden unter Ängsten, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, delinquenten, selbstverletzenden und aggressiven Verhalten und neigen ebenfalls zu einem erhöhten Suchtmittelgebrauch (vgl. ebd., S.25f.).

Die Folgen für ein misshandelte Kind bzw. für ein Kind dessen Kindeswohl gefährdet ist, sind also sehr vielfältig und weitreichend. Offensichtlich ist jedoch, dass das Leben eines Kindes dadurch stark beeinträchtigt ist. Umso wichtiger ist es, Kinder im Fall einer Kindeswohlgefährdung zu helfen, sodass sie nicht mehr länger einer Gefahr ausgesetzt sind. Um das Wohl eines Kindes bei einer akuten oder latenten Kindeswohlgefährdung zu schützen, ist oftmals eine Inobhutnahme unausweichlich.

3. Inobhutnahme

Der Begriff Inobhutnahme hat bei vielen Menschen einen „üblen Nachgeschmack“. Immer wieder erscheinen Zeitungsberichte über grundlose oder aber auch nicht durchgeführte Inobhutnahmen, die dringend nötig gewesen wären. Im Volksmund ist der Begriff der Inobhutnahme sehr negativ hinterlegt. Inobhutnahmen im Allgemeinen sind Aufgabe des Allgemeinen Sozialen Dientes des Jugendamtes. Liegt nun eine akute Kindeswohlgefährdung vor, ist der ASD verpflichtet einzugreifen um das Kindeswohl zu schützen. Die meisten Eltern jedoch kriegen es mit der Angst zu tun, wenn sie nur die Begriffe Inobhutnahme oder Jugendamt hören. Doch was genau ist jetzt eine Inobhutnahme und welche Rolle spielt der ASD dabei? Welche Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, damit eine Inobhutnahme durchgeführt wird? Welche Arbeitsphasen beinhaltet bzw. wie lautet der Aufbau einer solche Inobhutnahme? Und ist die Kritik an ihr gerechtfertigt?

3.1. Definition

„Die Inobhutnahme ist eine sog. „andere Aufgabe“ des Jugendamtes, die sich direkt an die Kinder und Jugendlichen als AdressatInnen der Maßnahme wendet. Ihr Ziel ist es, Hilfe durch Schutz zu gewähren. Anlass für die Inobhutnahme ist immer eine akute Gefährdung für das Kindeswohl. Damit stellt sie eine vorübergehende Eil- bzw. Notfallmaßnahme dar und gehört zu den vorläufigen Schutzmaßnahmen für Minderjährige jeden Alters.“ (Schindler 2006, S.84-1)

Inobhutnahmen gelten daher als Krisenintervention und der letzte Ausweg. Denn letztlich kommt es zu Inobhutnahmen nur, wenn die Sorgeberechtigen nicht bei der „Abwendung einer unmittelbar bevorstehenden oder drohenden Gefährdung der Kinder mitwirken, nicht zur Zusammenarbeit bereit sind oder keinerlei Einsicht in die Notwendigkeit einer Intervention haben“ (Alle 2017, S.43). Das Kind wird daher zu seinem eigenen Schutz in Obhut genommen und anschließend entweder bei geeigneten Freunden oder Verwandten, in einer Bereitschaftspflegefamilie, in einer Einrichtung oder in einer sonstig betreuten Wohnform untergebracht (vgl. Kreft 2011, S.50). Welche Unterbringungsform dabei die Idealste ist, muss im Einzelfall entschieden werden und richtet sich allein nach den Bedürfnissen des Kindes. Eine Inobhutnahme besteht jedoch nicht allein aus einer Unterbringung, vor allem geht es, wenn möglich, zusammen mit dem Kind und den Erziehungsberechtigen zu ermitteln, welche Umstände zu der Inobhutnahme geführt haben und zu klären bzw. Pläne zu entwickeln, um diese Krisenintervention zu beenden und die Gefährdung zu beseitigen. All dies ist die Aufgabe eines Bezirkssozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Doch was ist der Allgemeine Soziale Dienst überhaupt?

3.2. Der Allgemeine Soziale Dienst

Der Allgemeine Soziale Dienst, auch ASD genannt ist ein „bezirklich organisierte[r] Basisdienst für die Versorgung einer Region mit sozialen Hilfeleistungen und öffentlichen Kontrollaufgaben in den Bereichen Jugend- Sozial- und Gesundheitshilfe“ (Schrapper 2013, S.57). In den meisten Fällen ist der ASD Bestandteil des Jugendamtes, jedoch kann er auch als Kommunaler Sozialer Dienst, Sozialdienst oder auch als Bürgerbüro bezeichnet werden (vgl. Kreft 2011, S.14). Allerdings ist er, wenn er Bestandteil des Jugendamtes ist, nur ein Teilbereich des Jugendamtes. Um die Stellung des Allgemeinen Sozialen Dienstes beim Jugendamt zu veranschaulichen, dient das unten aufgeführte Organigramm:

Abbildung 3 : Aufbauorganisation des Jugendamtes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Die Zentrale Dienste sind für die Jugendhilfeplanung, das Fachcontrolling und die Kindertagesstätten zuständig. Die Wirtschaftliche Jugendhilfe beschäftigt sich mit der Kostenerstattung, der Heranziehung, der Zahlbarmachung und dem Rechnungswesen. Zu Besondere Soziale Dienste gehört der Adoptionsdienst, der Pflegekinderdienst und die Beistandschaften. Und allein der ASD ist für den Kinderschutz zuständig und wird von Bezirkssozialarbeitern übernommen (vgl. Keil/ Landes 2015, S.40). Bezirkssozialarbeiter werden sie deshalb genannt, weil die Verteilung der Zuständigkeiten von den ASD-Mitarbeitern nach räumlichen Bezirken erfolgt. Der Aufgabenschwerpunkt des ASD ist in den meisten Fällen die Kinder- und Jugendhilfe. Zu den Kernaufgaben der Kinder- und Jugendhilfe für den ASD zählen:

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Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Was ist "professionelles Verhalten" bei der Inobhutnahme eines Kindes?
Untertitel
Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Inobhutnahme
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V458202
ISBN (eBook)
9783668898677
ISBN (Buch)
9783668898684
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendamt, Inobhutnahme, Professionell, Verhalten, Nähe, Distanz, Hilfe, Kontrolle, Kindeswohlgefährdung, ASD
Arbeit zitieren
Johanna Hoffmann (Autor), 2018, Was ist "professionelles Verhalten" bei der Inobhutnahme eines Kindes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458202

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