Der Einfluss von Facebook auf unsere sozialen Bindungen. Über Mark S. Granovetters "The Strength of Weak Ties"


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2. Der Text „The Strength of Weak Ties“ von Mark S. Granovetter
2.1. Begriffsdefinitionen
2.2. Die Bedeutung von schwachen Verbindungen nach Mark S. Granovetter

3. Verbindungen im Internet am Beispiel Facebook
3.1. Der Einfluss von Facebook auf die schwachen Verbindungen
3.2. Mögliche Risiken durch Facebook in Bezug auf starke Verbindungen

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Zu den wichtigsten Ressourcen des Menschen zählen soziale Kontakte. Diese Erkenntnis geht unter anderem auf den französischen Philosophen Pierre Bourdieu zurück, der 1983 den Begriff des sozialen Kapitals einführte. Wie hoch das soziale Kapital einer Person ist, hängt mit dem ihr zur Verfügung stehenden Netz an Beziehungen zusammen. Es umfasst alle Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.1

Doch bereits zehn Jahre bevor Pierre Bourdieu die Gesamtheit an sozialen Kontakten eines Menschen als dessen soziales Kapital definierte, beschäftigte sich auch der amerikanische Soziologe Mark S. Granovetter mit den sozialen Beziehungen, die Menschen innerhalb eines Netzwerkes miteinander verknüpfen. Er kam in seiner Arbeit „The Strength of Weak Ties“ im Jahr 1973 zu dem Schluss, dass es nicht nur wichtig ist, die Menge an Verbindungen von Mensch zu Mensch in Netzwerkanalysen zu betrachten, sondern die jeweiligen Verbindungen dabei auch nach ihrer Stärke zu unterscheiden. Er stellte fest, dass es schwache und starke Verbindungen zwischen Menschen gibt, wobei die schwachen Verbindungen nicht weniger von Bedeutung sind als die starken. Im Gegenteil: Die schwachen Verbindungen sind laut Granovetter sowohl für den individuellen als auch den gemeinschaftlichen Fortschritt entscheidend.2 Warum genau der berühmte Soziologe zu diesem Ergebnis kommt und was weitere wichtige Inhalte seiner Arbeit von 1973 sind, soll im Verlauf dieser Arbeit erörtert werden.

Da Granovetters Arbeit bereits über 40 Jahre zurückliegt, ist es darüber hinaus sinnvoll zu prüfen, inwiefern sie im heutigen Internet-Zeitalter nach wie vor aktuell sind. Am Beispiel von Facebook soll aufgezeigt werden, welche Veränderungen sich für die Verbindungen von Menschen durch soziale Netzwerke ergeben. Werden die schwachen Verbindungen durch Facebook eher gefördert oder gehemmt? Und welchen Einfluss könnte Facebook auf die starken Verbindungen jedes Einzelnen haben? Die vorliegende Arbeit widmet sich der Forschungsfrage „Warum sind schwache Verbindungen aus Mark S. Granovetters Sicht so bedeutend und inwiefern nimmt Facebook auf unsere schwachen und starken Verbindungen Einfluss?“ und soll damit einen Überblick über die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Verbindungen innerhalb eines Netzwerks geben sowie einen Aktualitätsbezug zur heutigen Zeit herstellen.

2. Der Text „The Strength of Weak Ties“ von Mark S. Granovetter

Mark S. Granovetter, der im Jahr 1943 geboren wurde, gilt als einer der prominentesten Vertreter der Netzwerkanalyse3 und hat sich bei seiner Arbeit „The Strength of Weak Ties“ von den Vorlesungen seines Harvard-Professors Harrison White inspirieren lassen.4 Die Tatsache, dass die Arbeit von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt mit am häufigsten zitiert wird, zeigt die hohe Bedeutung auf, die „The Strength of Weak Ties“ im Bereich der Netzwerkanalyse einnimmt. 5 Im Folgenden sollen die wichtigsten Aspekte des Textes zusammengefasst werden, um daraufhin zu erläutern, warum Granovetter den schwachen Verbindungen eine so hohe Bedeutung zuschreibt.

2.1. Begriffsdefinitionen

In seinem Text „The Strength of Weak Ties“ beschäftigt sich Mark S. Granovetter mit der Stärke von Verbindungen. Er schreibt, dass einzelne Akteure innerhalb eines Netzwerkes nicht nur miteinander verknüpft seien, sondern auch unterschiedlich stark verknüpft seien. Es gebe verschiedene Faktoren, anhand derer ermittelt werden könne wie stark oder schwach eine einzelne Verbindung zwischen zwei Menschen sei. Dazu zählen zum einen die Menge der miteinander verbrachten Zeit, zum anderen aber auch die emotionale Intensität der Verbindung, die wechselseitige Vertrautheit und das Maß an gegenseitiger Unterstützung. All diese Faktoren zusammengenommen, können laut Granovetter Aufschluss über die Stärke einer Verbindung geben. Er betont dabei aber auch, dass eine solche Stärke nicht ausschließlich rechnerisch ermittelbar sei, sondern in der Realität von jedem selbst durch die eigene Intuition ausgemacht werde.6

Granovetter geht zudem auf die Theorie des kognitiven Gleichgewichts ein, laut der Menschen stets versuchen sich eine Gefühlswelt aufzubauen, die möglichst ähnlich zu der ihrer engen Freunde ist. Daraus ergibt sich, dass zwei sehr eng miteinander verbundene Menschen meist danach streben die guten Freunde des jeweils Anderen näher kennenzulernen und so auch zu diesen eine starke Bindung aufbauen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen zu den gleichen Personen Verbindungen pflegen, steigt also dementsprechend mit der Stärke ihrer eigenen Verbindung an. Granovetter gibt das Beispiel der drei Akteure mit den Namen A, B und C. Wenn A und B miteinander verbunden sind und ebenso auch A und C, dann hängt die Menge der Zeit, die B und C miteinander verbringen davon ab, wie stark die Verbindungen zwischen A und B sowie A und C sind. Sind diese Verbindungen beide nur sehr schwach, sei es durchaus möglich, dass zwischen B und C keinerlei Verbindung besteht. In der Regel wird es allerdings immer irgendeine Form von Verbindung zwischen B und C geben, sofern die Verbindungen zwischen A und B sowie A und C relativ stark sind.7

Aus diesen vorherigen Überlegungen ergibt sich für Granovetter die sogenannte „Verbotene Triade“ (siehe Abbildung 1). In ihr ist sowohl eine Verbindung zwischen A und B als auch eine Verbindung zwischen A und C dargestellt, zwischen B und C hingegen nicht. Er bezeichnet die Triade als verboten, weil sie seiner Meinung nach in dieser Form nicht in der Realität existiert. Laut der Theorie des kognitiven Gleichgewichts werde es immer irgendeine Verbindung zwischen B und C geben, solange beide Akteure eine starke Verbindung zu A aufweisen.8

Des Weiteren geht Granovetter auf die Bedeutung von Brücken innerhalb eines Netzwerkes ein. Eine Brücke wird definiert als die einzige Verbindung zwischen zwei Teilen eines Netzwerkes, die ansonsten komplett voneinander getrennt wären. Laut Granovetter stellen alle Brücken schwache und keine starken Verbindungen dar, weil die beiden Teilnetze, die sie miteinander verbinden, laut der Theorie des kognitiven Gleichgewichts sonst noch weitere Verbindungen untereinander aufweisen würden. Zwar könne es in der Realität eigentlich so gut wie nie eine Brücke geben, die die einzige mögliche Verbindung zwischen zwei Teilnetzen ist, da es immer noch irgendwo eine andere Verbindung geben werde. Dennoch könne man von sogenannten lokalen Brücken sprechen, wenn es Verbindungen gibt, die eindeutig der effizienteste und kürzeste Weg im Vergleich zu anderen Verbindungen sind. Auch lokale Brücken gelten als schwache Verbindungen. Sie seien das beste Beispiel dafür, dass schwache Verbindungen einen mindestens genauso wichtigen Stellenwert einnehmen wie starke Verbindungen, da sie die kürzeste Verbindung zwischen zwei größtenteils voneinander isolierten Teilen eines Netzwerkes sind.9

2.2. Die Bedeutung von schwachen Verbindungen nach Mark S. Granovetter

Die Kernaussage von Mark S. Granovetters Text „The Strength of Weak Ties“ ist, dass schwache Verbindungen sowohl für den individuellen als auch den kollektiven Fortschritt sehr wichtig sind. Nur weil der Ausdruck „schwach“ im deutschen Sprachgebrauch normalerweise negativ assoziiert wird, sollten keine voreiligen Schlüsse über eine vermeintlich geringe Bedeutung von schwachen Verbindungen gezogen werden. Mit einer Studie, die Granovetter im Jahr 1974 veröffentlichte, verdeutlichte er am Beispiel der Jobsuche, wie entscheidend schwache Verbindungen für ein Individuum sein können. Darin beschränkte er sich auf die Befragung männlicher Arbeitnehmer im Technik- und Managementbereich, die kürzlich ihren Job gewechselt hatten. Eine Ausweitung auf weibliche Arbeitnehmerinnen und Arbeiter anderer Branchen wäre nach eigener Aussage für ihn nicht mehr händelbar gewesen wäre.10 Das Ziel seiner Studie war herauszufinden, ob die Befragten ihren neuen Job durch Kontakte vermittelt bekommen hatten und ob diese Kontakte zu den starken oder schwachen Verbindungen der Personen gehörten. Seine Annahme war, dass Menschen, die auf Jobsuche sind, vor allem Hilfe von ihren starken Verbindungen erhalten. Er glaubte, dass hier die Motivation und Hilfsbereitschaft höher sein müsste als die von flüchtigen Bekannten.11 Die Ergebnisse seiner Studie zeigten allerdings, dass die Befragten vor allem durch schwache Verbindungen an ihre neuen Jobs gelangt sind.12 Dies liegt seiner Ansicht nach daran, dass sich Personen, zu denen man nur schwache Verbindungen pflegt, über ganz andere Informationen verfügen und ganz andere Menschen kennen als man selbst. Personen, die wiederum stark mit einem verbunden sind, tendieren laut der Theorie des kognitiven Gleichgewichts dazu ähnliche Verbindungen zu haben. Damit verfügen sie auch über ähnliche Informationen und können einem zum Beispiel bei der Jobsuche nur bedingt mit wertvollen Tipps oder Kontakten weiterhelfen. Anders sieht dies mit den schwachen Verbindungen aus.

„[...] those to whom we are weakly tied are more likely to move in circles different from our own and will thus have access to information different from that which we receive.“13

[...]


1 Vgl. Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt Sonderband 2. Göttingen. Unter: http://www.wib- potsdam.de/wp-content/uploads/2016/06/1983_Bourdieu_Kapital.pdf (Stand: 09.02.2017) S. 6

2 Vgl. Granovetter, Mark S. (1973): The Strength of Weak Ties. In: American Journal of Sociology. Vol. 78, No. 6. The University of Chicago Press. Chicago. S. 1360-1380

3 Vgl. Windeler, Arnold; Wirth, Carsten (2010): Netzwerke und Arbeit. In: Böhle, Fritz; Voß, Günter; Wachtler, Günther (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie. VS Verlag. Wiesbaden. S. 571

4 Vgl. Forsyth, Donelson (23.01.2012): The Strength of Weak Ties. Group Dynamics - The influential actions, processes, and changes that take place in groups. Unter: https://donforsythgroups.wordpress.com/tag/granovetter/ (Stand: 09.02.2017)

5 Vgl. Stanford (13.10.2014): Stanford scholars among the most cited. Standford News. Unter:

http://news.stanford.edu/thedish/2014/10/13/stanford-scholars-among-the-most-cited/ (Stand: 09.02.2017)

6 Vgl. Granovetter, Mark S. (1973): The Strength of Weak Ties. S. 1361

7 Vgl. Granovetter, Mark S. (1973): The Strength of Weak Ties. S. 1362

8 Vgl. Ebd. S. 1363 f.

9 Vgl. Ebd. S. 1364 ff.

10 Vgl. Granovetter, Mark (16.11.2016): Social Networks and Getting a Job: Mark Granovetter. YouTube. Veröffentlicht von: Stanford Center on Poverty and Inequality. Unter: https://www.youtube.com/watch?v=g3bBajcR5fE (Stand: 11.02.2017) Ab Minute 0:53

11 Vgl. Granovetter, Mark S. (1973): The Strength of Weak Ties. S. 1371

12 Vgl. Granovetter, Mark (16.11.2016): Social Networks and Getting a Job: Mark Granovetter. Ab Minute 1:55

13 Granovetter, Mark S. (1973): The Strength of Weak Ties. S. 1371

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Facebook auf unsere sozialen Bindungen. Über Mark S. Granovetters "The Strength of Weak Ties"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V458637
ISBN (eBook)
9783668899230
ISBN (Buch)
9783668899247
Sprache
Deutsch
Schlagworte
granovetter, weak ties, strong ties, netzwerkanalyse, netzwerk, mark granovetter, Verbindungen netzwerk
Arbeit zitieren
Jenny Jacobs (Autor), 2017, Der Einfluss von Facebook auf unsere sozialen Bindungen. Über Mark S. Granovetters "The Strength of Weak Ties", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458637

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