Die Geschlechterverhältnisse in "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Der Hofmeister“ als Drama
2.1 Allgemein
2.2 Geschlechterverhältnisse im Drama

3. Charaktere im Spiegel der Geschlechter
3.1 Läuffer
3.2 Gustchen

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lenz schrieb „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“ im Jahre 1774, also in der Hochzeit des Sturm und Drangs, die u.a. von Goethe und Schiller geprägt wurden. Unter dem Einfluss dieser Zeit, mit seiner starren Ständepolitik, aber auch dem aufkeimenden Reformismus diese Zustände zu ändern, beinhaltet dieses Werk sowohl eine klar erkennbare Sozialkritik, als auch einen vermeintlichen „guten“ Ausgang für die Charaktere, wobei aber am Ende insgeheim eigentlich das alte System wiederhergestellt wird. Sozusagen zurück zum Status Quo und der Verschleierung der eigentlichen Geschehnisse, um den Adel nicht zu demaskieren.

Jakob Michael Reinhold Lenz‘ Vater war selbst ein Hofmeister. Ihm waren also die Missstände um diese Berufsgattung bekannt.1 Somit lässt sich sagen, dass Lenz mit diesem Drama bewusst und mit klarem Blick auf die Zustände dieser Zeit hinweisen wollte.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Geschlechterverhältnisse, wobei ich mich auf die Charaktere Läuffer – den Hofmeister –, Gustchen – Tochter des Major von Berg –, beschränken möchte. Wie werden die Figuren dargestellt? Wie werden sie charakterisiert? Welche Stellung haben sie innerhalb des Werks? Und wie werden sie in ihrem Geschlecht beschrieben?

Im Zentrum der Untersuchung der Geschlechterverhältnisse steht die Charakterisierung des Männlichen und des Weiblichen in den Figuren.

Vorab werde ich das Drama unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der Geschlechterverhältnisse untersuchen und einen Überblick über die Situation im Werk geben.

2. „Der Hofmeister“ als Drama

2.1 Allgemein

In „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“ verarbeitet Lenz auch autobiografische Züge. Er arbeitete 1771 selbst als Hofmeister für zwei Brüder von Kleist.2 So ging Lenz den Weg, den andere Literaten3 vor ihm schon gegangen sind.4 Daher kann auch darauf geschlossen werde, dass Lenz hier seine Erfahrungen, ob nun positiv oder auch negativ, mit hat einfließen lassen. Betrachtet man das Werk auch unter diesem Gesichtspunkt, wird einiges an diesem Drama ersichtlich. Dennoch sollte der Leser vorsichtig sein, es als autobiografisches Werk zu sehen. Lenz verarbeitet die damaligen historischen und sozialen Verhältnisse, gepaart mit den Einflüssen seiner eigenen Biografie – er ist ein Kritiker seiner Zeit und der ständisch-feudalen Ordnung.5

Es gibt viele Handlungsorte im Drama, so sind zum Beispiel die Städte Insterburg, Heidelbrunn, Königsberg, Halle a. d. Saale und Leipzig genannt. Es wird auch häufig zwischen diesen Orten innerhalb der Akte hin und her gesprungen. Das lässt sich auch als die Entfernung der Figuren in ihren Ansichten, Gefühlen und Handlungen interpretieren. Während in Insterburg das Drama seinen Lauf nimmt, ist Fritz von Berg in Halle zum Studium und ist auch in seinem Handeln anders als die Figuren in Insterburg. Die räumliche Entfernung ist somit auch eine Entfernung des Handelns. Fritz ist herausgelöst und es wird ihm in der Entfernung die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu entfalten und seinem Charakter treu zu bleiben.

Auch lässt sich sagen, dass Lenz eine offene Form des Dramas gewählt hat.6 Dies wird auch am Beispiel der Ortvielfalt sichtbar und dass jeder Ort auch ein Raum ist, wo sich die Figuren, wie oben erwähnt, in ihrem Handeln entwickeln und das Verhalten der Figuren auch charakterisieren.

Das Drama bezeichnet Lenz selbst als „Komödie“. Es hat aber auch viele tragische Elemente, so dass man meiner Meinung eher von einer „Tragikomödie“ oder von einem „bürgerlichem Trauerspiel“ sprechen sollte.

Die zeitliche Abfolge umfasst maximal drei Jahre. Gustchen und Fritz geben sich das Versprechen, dass er nach drei Jahren zurückkehrt und sie heiraten werden. Vor Ablauf dieser drei Jahre wird Gustchen von Läuffer schwanger und bekommt das uneheliche Kind. Erst dann kehrt Fritz heim.

Des Weiteren handelt es sich bei diesem Drama um ein synthetisches Drama. Das bedeutet, dass das dramatische Geschehen sich auf ein in der Zukunft liegendes Geschehen oder Ereignis ausrichtet.7

2.2 Geschlechterverhältnisse im Drama

Im Zentrum dieser Arbeit stehen die Geschlechterverhältnisse. Lenz selbst hat kein gutes Bild von Frauen. Er selbst nahm Frauen nie als Individuen wahr, geschweige denn als Menschen.8 Dieser Umstand wird deutlich, dass generell eher wenige Frauen eine tragende Rolle im „Hofmeister“ haben. Sie stehen, wie zum Beispiel Gustchen, im Zentrum, also sind für die Handlung essentiell, haben aber im Vergleich wenig Anteil am Gesamttext. Es wird wieder eine männliche Sicht auf die Dinge gezeigt – aus der Sicht mehrerer männlicher Personen. Dies mag als sehr einseitige Betrachtungsweise erscheinen. Generell lässt sich weiterhin sagen, dass Lenz auch in anderen Schriften oftmals kein positives Bild von Frauen zeichnete. Sie wurden beleidigt, mit Spott überzogen, herabgesetzt und nicht als Individuen wahrgenommen.9 So lässt sich eventuell auch erklären, warum das Bild von Frauen im „Hofmeister“ so negativ gezeichnet ist und sie keine tragenden Rollen spielen. Als Beispiel ist hier auch die Majorin von Berg zu nennen. Sie tritt im Drama relativ früh auf, verschwindet dann aber fast komplett aus dem Stück. Wenn man bedenkt, dass mit Gustchen auch eins ihrer Kinder vermisst wird, nimmt sie keine Rolle ein, keinen Standpunkt und somit werden keine Gefühlsregungen sichtbar. Wieder wird nur die männliche Perspektive gezeigt. Während ihres kurzen Auftretens zeigt sie sich schroff gegenüber Läuffer, der hier stellvertretend für seinen Stand10 steht. Die Majorin bezieht sich nur auf ihren Stand, den Adel. Sie möchte sich nur mit diesem umgeben und duldet da auch keine Widerworte seitens ihrer „Untertanen“:

„Merk Er sich, mein Freund! dass Domestiken in Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh Er auf Sein Zimmer. Wer hat ihn gefragt?“11

An dieser Stelle muss die Frage gestellt werden, ob Lenz die Majorin so negativ herstellt, weil sie zum Adel gehört oder weil sie eine Frau ist? Ich denke, es spielt beides eine Rolle. In diesem Stück machen fast alle Personen in größerer oder kleinerer Form eine Wandlung durch. Lenz lässt die Majorin dann aber einfach komplett außen vor und erwähnt sie im weiterem Verlauf nicht mehr. Dies bedeutet, dass er sie auch von einer eigenen Wandlung ihres Wesens ausschließt.

Insgesamt bedeutet dies, dass die Beziehungen der Figuren untereinander immer gestört sind. Es gibt in diesem Werk keine standhafte, dauerhafte Beziehung. Selbst die Familien sind zerstritten. So entstehen auch Gruppen innerhalb einer Figurenkonstellation. Als Beispiel soll hier wieder die Familie des Major von Bergs dienen. Auf der einen Seite haben wir den Major von Berg selbst, der sich für seine Tochter verpflichtet fühlt und ihr Wünsche erfühlt, seinem Sohn aber sehr streng gegenübersteht:

„[…] Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu verantworten haben, dass ich dir keinen Daumen aufs Auge gesetzt habe, […] eh du mir so ein gassenläuferischer Taugenichts – Ich will dich zu Tode hauen […]“12

Er droht ihm. Das steht im kompletten Gegenteil zu seiner Behandlung von Gustchen.

Auf der anderen Seite dieser Konstellation steht die Majorin von Berg. Bei ihr ist es genau andersherum. Sie kritisiert, ja verachtet meines Erachtens, Ihre Tochter und lobt ihren Sohn. Diese Überkreuzstellung der Geschlechter13 dient meiner Meinung nach wieder der genau dieser, von Lenz gefertigten, Geschlechterrollen. Die Tochter braucht einen starken Vater, der sie führt, der sie leitet und ihr die Wünsche erfüllt, daher nimmt diese Konstellation auch ein Großteil des Werks ein. Die Mutter wird für den, in den Augen des Majors, „unnützen“ Sohn verantwortlich gemacht. Das diese Mutter-Sohn-Konstellation im weiteren Verlauf des Stücks keine Rolle mehr einnimmt, ist ein weiteres Indiz, dass Lenz die Erziehung der Mutter, als einer weiblichen Figur, nicht wichtig und von Relevanz war. Es werden hauptsächlich die Gefühle und Ängste der männlichen Figuren in den Mittelpunkt gerückt.

Am Ende kommt es augenscheinlich sogar zu einer Versöhnung. Gustchen wird am Ende, als sie sich in ihrer ganzen Verzweiflung umbringen möchte, von ihrem Vater gerettet. Auch dies ist bezeichnend für die „Hilflosigkeit“ des weiblichen Geschlechts. Es benötigt einen Mann, um sie vor dem nahenden Tod zu bewahren. Doch auch hier steht der Stand über den eigenen Gefühlen:

„[…] Gottlose Kanaille! Hättest du mir nur ein Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammenkriechen […].“14

Anstatt sich seiner Gefühle bewusst zu sein, ist es ihm nach wie vor wichtig in welchem Stand der Vater seines Enkels wäre. So hätte er Läuffer geadelt bzw. in seinen Stand erheben lassen, um die Schmach eines unehelichen, ständeübergreifenden Kindes abzuwenden. Bei dem Aufeinandertreffen mit Fritz geschieht ähnliches. Er nimmt das Kind an, so dass die Familie ihr Gesicht bewahren kann. Er sagt, es wäre sein Kind. So wird die Fassade einer „heilen Welt“ weiter aufrecht gehalten. Es kommt zu keiner Befreiung aus den ständischen Verhältnissen – es kommt nur zu einer Anpassung. Es wird auch kein Versuch unternommen auf eine Änderung der Verhältnisse hinzuarbeiten.15

Weiter sind die folgenden Worte, die Fritz zu Gustchen sagt, von großer Aussagekraft:

„Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges Pfand der Schwachheit deines Geschlechts und der Torheiten des unsrigen: am meisten aber der vorteilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch Hofmeister.“16

Dieser Satz ist in mehreren Ebenen sehr beschreibend. Einerseits erkennt er das Kind als das seinige an. Dies stellt das Kind auf die Stufe seines Standes und entfernt nach außen hin den Frevel, den Gustchen begangen hat. An sich eine gute Tat seitens Fritz, doch bei näherer Betrachtung, sieht er dies als „Schwachheit“ des weiblichen Geschlechts. Gustchen ist in seinen Augen schwach geworden und hat ein uneheliches Kind mit dem Hofmeister gezeugt. Dabei sieht er die Schwäche aber nicht in Gustchens Charakters, sondern gleich in der gesamten Weiblichkeit. Wahrscheinlich eine Schutzaussage für Gustchen, die Fritz aber auch wirklich so meint und auch so festmacht – denn er liebt sie und macht sie nicht persönlich für ihren Fehler verantwortlich. Es ist vielmehr der Fehler aller Frauen, der in ihrem Geschlecht verankert ist. Gustchen kann nichts dazu, sie ist eine „Gefangene“ ihres Geschlechts. Sie konnte nach dieser Aussage gar nicht anders handeln. Zum anderen sieht er sein Geschlecht töricht an, d.h. als dumm. Besser wäre es vielleicht mit naiv zu übersetzen. Ich sehe dies als Zeichen, dass Männer es hätten wissen müssen, wie das weibliche Geschlecht als solches ist: ein schwaches Geschlecht. Fritz hätte es besser wissen müssen und nicht so naiv – oder mit seinen Worten töricht – sein dürfen. Darin spiegelt Lenz auch seine eigene, obige schon beschriebene Ansicht von Frauen wider. Er lässt an dieser Stelle nicht zu, dass der Fehler ein individueller war, sondern ein Fehler eines ganzen Geschlechts.

[...]


1 Vgl. Durzak, Manfred: Lenz‘ Der Hofmeister oder Die Selbstkasteiung des bürgerlichen Intellektuellen. Lenz‘ Stück im Kontext des bürgerlichen Trauerspiels. In: Jakob Michael Reinhold Lenz. Studien zum Gesamtwerk. Hrsg. von David Hill. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994. S. 112.

2 Vgl. Becker-Cantarino, Barbara: Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister. In: Interpretationen. Dramen des Sturm und Drang. Hrsg. von Rainer Nägele. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1987. S. 35.

3 Wie etwa bpsw. Wieland oder Herder.

4 Vgl. Voit, Friedrich: Jakob Michael Reinhold Lenz, Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Erläuterungen und Dokumente. Durchges., in Kap. IV,3 erg. u. bibliograph. aktual. Ausgabe. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2002. S. 66.

5 Vgl. Becker-Carantino, B.: Der Hofmeister. S. 36.

6 Vgl. Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. 11. Auflage. München: Wilhelm Fink 2001. S. 322ff.

7 Das Verhältnis Läuffers und Gustchen und der sich daraus folgende Handlungsverlauf.

8 Vgl. Becker-Carantino, B.: Der Hofmeister. S. 38.

9 Vgl. Ebd.

10 Domestiken = Dienstboten.

11 Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Eine Komödie. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2012. S. 9.

12 Lenz, J. M. R.: Hofmeister. S. 11.

13 Vater-Tochter, Mutter-Sohn.

14 Lenz, J. M. R.: Hofmeister. S. 63.

15 Vgl. Durzak, M: Lenz. S. 111.

16 Lenz, J. M. R.: Hofmeister. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Geschlechterverhältnisse in "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V458730
ISBN (eBook)
9783668902947
ISBN (Buch)
9783668902954
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechterverhältnisse, hofmeister, vorteile, privaterziehung, jakob, michael, reinhold, lenz
Arbeit zitieren
Michael Ziewitz (Autor), 2017, Die Geschlechterverhältnisse in "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458730

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