Diese Arbeit widmet sich dem Mensch-Tier-Vergleich aus pädagogisch-anthropologischer Sicht Tomasellos und Gehlens. Dabei gilt es, die Forschungsfrage zu klären, in welcher Hinsicht der Mensch als ein „Mängelwesen“ im Vergleich zu Tieren verstanden werden kann.
Um in die Thematik einzuleiten, erfolgt zunächst ein knapper Abriss der Biografie und des akademischen Werdeganges Tomasellos und Gehlens, die sich aus anthropologischer Perspektive u.a. mit diesem Themengebiet auseinandergesetzt haben.
Anschließend werden im darauffolgenden Kapitel die tierischen Instinkte bei Affen und die menschlichen Kognitionen gegenübergestellt. Dabei spielen insbesondere biologische und kulturelle Faktoren eine zentrale Rolle, die es im Detail herauszuarbeiten gilt.
Im Kontext dieses Kapitels wird sich anschließend dem Menschen gewidmet und seine Sonderstellung innerhalb der Welt erläutert. Daraus resultieren ferner diverse Anforderungen an den Menschen selbst als auch an seine Erziehung, die es ebenfalls zu erläutern gilt.
Die Arbeit rundet mit einem Fazit ab, in dessen Rahmen die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und die Forschungsfrage in kompakter Form beantwortet werden.
Berücksichtigt man Tomasellos und Gehlens Argumentation und deren Bezugnahme auf unterschiedliche Forschungsergebnisse, kann erst einmal allgemein festgehalten werden, dass sich Menschen und Tiere hinsichtlich ihrer kognitiven Strukturen und Lernprozesse teilweise grundlegend voneinander unterscheiden. Einen zentralen Aspekt stellt hier zum einen der "Wagenhebereffekt" dar, der auf kulturell tradierten Mustern bei der menschlichen Gattung verweist und als Lernprozess angesehen werden kann, durch die Handlungspraxen im Laufe der Zeit kontinuierlich verbessert werden. Eine stetige Weiterentwicklung der Handlungsweisen ist bislang bei nicht menschlichen Primaten in dem Ausmaß nicht vorzufinden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Biografie und akademischer Werdegang Michael Tomasellos
1.2. Biografie und akademischer Werdegang Arnold Gehlens
2. Die Mensch-Tier-Differenzierung
2.1. Tierische Lernprozesse versus menschliche Kognitionen – Die Relevanz biologischer und kultureller Faktoren
2.1.1. Die „biologische Vererbung“
2.1.2. Die „kulturelle Vererbung“
2.2. Das Problem „Mensch“ oder: Der Mensch und seine Position innerhalb seiner (Um)welt
2.2.1. Anforderungen an den Menschen und dessen Erziehung zum Kulturwesen
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Mensch-Tier-Vergleich aus einer pädagogisch-anthropologischen Perspektive, wobei die Theorien von Michael Tomasello und Arnold Gehlen im Zentrum stehen. Ziel ist es, die Forschungsfrage zu klären, inwiefern der Mensch als „Mängelwesen“ im Vergleich zum Tier verstanden werden kann und welche Rolle Kulturentwicklung und Erziehung dabei spielen.
- Kognitive Unterschiede zwischen Mensch und Primaten
- Biologische versus kulturelle Vererbung und ihre Auswirkungen
- Der Mensch als „Mängelwesen“ im anthropologischen Diskurs
- Der „Wagenhebereffekt“ als Prozess kumulativer kultureller Evolution
- Die Bedeutung von Intentionalität und kausalem Verständnis beim Lernen
- Erziehung als notwendiger Prozess zur Kultivierung des Menschen
Auszug aus dem Buch
2.1. Tierische Lernprozesse versus menschliche Kognitionen – Die Relevanz biologischer und kultureller Faktoren
Tomasello thematisiert in seinem Werk zunächst die Entwicklung der aktuell lebenden Menschengattung, die auf eine langjährige Evolution zurückzuführen ist.
Denn „irgendwo in Afrika wurde vor etwa sechs Millionen Jahren eine Population von Menschenaffen durch ein unscheinbares Evolutionsereignis von ihren Artgenossen reproduktiv isoliert. Diese neue Gruppe entwickelte sich fort und teilte sich in weitere Gruppen auf […]. Alle bis auf eine dieser neuen Arten starben dann aus. Diese eine Art überlebte bis vor zwei Millionen Jahren und hatte sich in der Zwischenzeit so sehr verändert, daß sie nicht nur nach einer neuen Art-, sondern auch nach einer neuen Gattungsbezeichnung verlangte, nämlich Homo“ (Tomasello 2002, S. 11., Hervorheb. im Original).
Diese neue Art unterschied sich in diversen Merkmalen von ihren Vorfahren; sie wies größere Gehirne auf und stellte, im Vergleich zu ihren Ahnen, Werkzeuge aus Steinen her. Weitere zwei Millionen Jahre später entwickelte sich aus dieser Gattung dann der „homo sapiens“ (ebd., Hervorheb. im Original), dessen Gehirngröße erneut angestiegen war. Ferner zeichnete sich diese Art durch neue körperliche Eigenschaften, neuartige Kognitionen und andere Werkzeuge aus, die von ihr verwendet wurden (vgl. ebd.). Auch begann sie, mit Hilfe verwendeter Zeichen miteinander zu kommunizieren und zeigte soziale Eigenschaften, mit deren Hilfe sie ihr Leben zu einer Gemeinschaft zu strukturieren versuchte (vgl. a. a. O., S. 12).
Für Tomasello stellen diese Entwicklung bzw. Unterschiede zwischen den einzelnen Gattungen ein „Grundrätsel“ (a. a. O., S. 13) dar. Denn zum einen ist diese zeitliche Spanne mit Blick auf evolutionäre Veränderungen sehr kurz und zum anderen weisen Menschen und Schimpansen eine etwa 99 prozentige Deckungsgleichheit hinsichtlich ihrer Genetik auf, sodass von einer sehr engen Verwandtschaft zwischen diesen beiden Spezies gesprochen werden kann (vgl. ebd.). Folglich vermutet er, dass diese beobachtbaren Differenzen und „dieser biologische Mechanismus in der sozialen oder kulturellen Weitergabe bestehen“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein, stellt die Forschungsfrage nach dem „Mängelwesen“ und gibt einen biografischen Abriss zu Michael Tomasello und Arnold Gehlen.
2. Die Mensch-Tier-Differenzierung: Hier werden die kognitiven Unterschiede zwischen Menschen und Tieren anhand von Studien zu Lernprozessen, Kausalitätsverständnis und der Rolle der Kultur detailliert analysiert.
3. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und resümiert, dass der Mensch durch seine Kultivierung seine biologischen Mängel kompensiert, was ihn jedoch von der sozialen Verantwortung durch andere Menschen abhängig macht.
Schlüsselwörter
Pädagogische Anthropologie, Mensch-Tier-Vergleich, Mängelwesen, Kulturelle Evolution, Wagenhebereffekt, Michael Tomasello, Arnold Gehlen, Kognition, Sozialisation, Kultivierung, Intentionalität, Kausalität, Primaten, Erziehungswissenschaft, Verhaltensimitation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Vergleich zwischen Mensch und Tier unter der Fragestellung, wie der Mensch als „Mängelwesen“ nach den Theorien von Tomasello und Gehlen anthropologisch und pädagogisch einzuordnen ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Evolution kognitiver Fähigkeiten, der Unterschied zwischen biologischer und kultureller Vererbung sowie die Notwendigkeit der Erziehung zur Kultivierung des Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Klärung der Forschungsfrage, in welcher Hinsicht der Mensch im Vergleich zu Tieren als ein mangelbehaftetes Wesen verstanden werden kann, das auf eine spezifische kulturelle Prägung angewiesen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse anthropologischer und psychologischer Theorien von Michael Tomasello und Arnold Gehlen, die durch den Vergleich mit empirischen Beobachtungen aus Studien an Primaten ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung menschlicher Kognitionen im Vergleich zum Tier, die Analyse des „Wagenhebereffekts“ bei der kulturellen Weitergabe von Wissen sowie die philosophisch-anthropologische Einordnung des Menschen als Kulturwesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Pädagogische Anthropologie, Mängelwesen, Kultivierung, Kognitive Evolution und Sozialisation.
Warum bezeichnet Gehlen den Menschen als „Mängelwesen“?
Gehlen begründet dies mit dem Fehlen artspezifischer Instinkte, die das Überleben in der Natur garantieren würden, wodurch der Mensch gezwungen ist, sich durch Kultur und Erziehung aktiv einen Platz in der Welt zu schaffen.
Was unterscheidet das „Emulationslernen“ der Affen vom „Imitationslernen“ des Menschen?
Während Affen beim Emulationslernen zielgerichtet nachahmten, ohne die Intention der beobachteten Handlung zu verstehen, imitieren Menschen intentional und zielorientiert, indem sie die sozialen Hintergründe und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erfassen.
- Arbeit zitieren
- Corinna Diße (Autor:in), 2018, Das Mensch-Tier-Verhältnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458752