Gender und die Soundtracks im Disney-Film "Mulan"

Eine musikwissenschaftliche Untersuchung zum Lied "A Girl Worth Fighting for"


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methode und Theorie
2.1 Gender und Judith Butler
2.2 Musical

3. Analyse: Disneys „Mulan“
3.1 Ist „Mulan“ wirklich ein Musical?
3.2 Handlung
3.3 Figuren
3.4 Analyse der Gesangssequenz „A Girl Worth Fighting for“
3.4.1 Inhalt der Sequenz
3.4.2 Raum und Zeit
3.4.3 Kameraeinstellungen
3.4.4 Montage und Kamerabewegung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage nach der Rolle der Frau beschäftigt die Menschheit, seit es sie gibt. An- gefangen von Höhlenmalereien und Ausgrabungen, über mündliche Überlieferun- gen und frühe Schriftstücke, bis zu den Debatten des 20. Und 21. Jahrhunderts sind die Rechte und Pflichten von Frauen von hoher medialer Bedeutung. Von Kindes- beinen an wird Jungen und Mädchen durch diverse Kanäle beigebracht, wie sie sich verhalten sollen und wie ihre Zukunft auszusehen hat. Obwohl das unmittelbare Umfeld – Familie, Freunde, oder auch Lehrer – der Kinder den wohl größten Ein- fluss auf das zukünftige Verhalten der Heranwachsenden hat, versuchten auch die Regierung und die Medien einen gewisse Vorstellungen mithilfe von verschiede- nen, realen wie fiktiven, Vorbildern zu fördern und zu bestärken.

Mithilfe der Medien wurden die jeweiligen Werte der Zeit – sowohl offen als auch unterschwellig, teilweise sogar widersprüchlich, verbreitet. Ein Beispiel für eine solche widersprüchliche Darstellung von Tugenden ist das Disney-Musical „Mu- lan“. Mulan, deren Geschichte auf einer chinesischen Legende, beziehungsweise Ballade aus der Zeit der Wie Dynastie, 386-534 nach Christus, basiert, ist eine Frau, die als Mann verkleidet, an Stelle ihres kranken Vaters in den Krieg zieht. Im Film kämpft sie zunächst in ihrer Verkleidung als Mann, die jedoch auffliegt, und Mu- lans Kompanie dazu zwingt ohne sie weiterzuziehen. Entschlossen, dass der Feind besiegt wurde, wird Mulans Warnung die Hunnen seien noch am Leben von den Männern, die das Vertrauen zu ihr verloren haben, ignoriert und die Hauptstadt wird angegriffen. Mulan rettet mit ihrer ehemaligen Kompanie den Kaiser, vernich- tet den Angreifer endgültig und wird anschließend geehrt.

Die Geschichte von Mulan zeigt eine starke Frau, die die patriarchalischen, konser- vativen Konventionen bricht und kann so als Beispiel für einen pro-feministischen Musikfilm dienen. Roger Ebert kommentiert, dass „the outcome manages so- mehow to be true simultaneously to feminist dogma and romantic convention“1 (das Ergebnis es schafft gleichzeitig sowohl dem feministischen Dogma als auch der romantischen Konvention treu zu sein). Betrachtet man allerdings die Sound- tracks, die mit Gesang unterstützt werden, so stellt man fest, dass jeder einzelne Titel inhaltlich ausschließlich ein konservatives Gender-Bild darstellt.

2. Methode und Theorie

Bei Musikfilmen beziehungsweise Musicals spielt Musik, wie die Namen der Gen- res verraten, eine tragende Rolle, deswegen wird der Fokus auf eben dieses Element gelegt. Das Ziel dieser Seminararbeit ist es der Fragestellung, inwieweit speziell der Gesang die feministischen Züge der Grundgeschichte untergräbt und wie erfolg- reich dies geschieht, nachzugehen. Dazu wird zunächst auf Definitionen und The- orien bezüglich einerseits Feminismus, Gender und Performativität – mit Fokus auf Judith Butlers Arbeit –, aber auch Musical und Performance eingegangen. Es wird diskutiert inwieweit „Mulan“ tatsächlich ein Musical nach Definition von Barry Keith Grant ist und nachfolgend eine hermeneutische Filmanalyse nach Faulstich, mit besonderem Fokus auf den Soundtrack „A Girl Worth Fighting for“, stattfinden. Die Analyse erfolgt mithilfe einer Timeline des Films und eines detaillierten Se- quenzprotokolls der ausgewählten Szene.

2.1. Gender und Judith Butler

Seit über 100 Jahren kämpfen Feministen für die Rechte der Frauen mit dem Hin- tergrund alle Geschlechter seien gleich und dementsprechend gleichwertig2. Mit voranschreitender Zeit stellte man jedoch fest, dass es nicht ausreicht für die Rechte eines Frauenbildes zu kämpfen, denn unterschiedliche Personen haben un- terschiedliche Bedürfnisse, Prioritäten und Probleme. So schienen im europäi- schen, beziehungsweise US-amerikanischen Herzen der feministischen Bewegung vor allem Frauen mit anderer sexueller Orientierung, aber auch anderer Hautfarbe unzureichend repräsentiert zu sein.3

Eines der Probleme innerhalb der feministischen Bewegung, aber auch in der zeit- genössischen Gesellschaft an sich, ist, dass im allgemeinen Sprachgebrauch, vor allem im Deutschen, da sich hier beide Bedeutungen einen Begriff teilen, das bio- logische und identitätsbezogene Geschlecht häufig als eine Einheit verstanden werden. Ein Mensch femininen Genotyps ist eine Frau und ein Mensch maskulinen Genotyps ist ein Mann. Viele Feministen und Feministinnen haben dieser An- nahme jedoch widersprochen und so die Differenzierung von biologischem Ge- schlecht, englisch „sex“, das durch genetische Ausprägungen bestimmt wird, und von identitätsbezogenem Geschlecht, englisch „gender“, das durch soziale Aspekte bestimmt wird, etabliert.4

Der neue Konsens – und in gewisser Weise die neue Bewegung der Gender Studies – beruht auf der Annahme die geschlechtliche Identität einer Person entspreche nicht zwangsweise dem biologischen Geschlecht, was bedeutet, dass sich zum Bei- spiel biologische Frauen auch nach stereotypisch männlichen Verhaltensmustern benehmen können. Simone de Beauvoir behauptete zu diesem Thema, eine Frau würde nicht als solche geboren werden, sondern sich zu einer entwickeln. Diese Aussage impliziert, dass bestimmte, als „typisch“ deklarierte Verhaltensweisen nicht biologisch begründet, also „natürlich“, sind, sondern erlernt werden. Führt man diese These fort bedeutet das, dass nicht die Physiologie eines Menschen für die jeweilige Persönlichkeit verantwortlich ist, sondern Umfeld, gesellschaftliche Norm, Erfahrungen und Lebensumstände der Person.5

Vor allem die Punkte Umfeld und gesellschaftliche Norm spielen eine große Rolle, denn die Interaktion zwischen Menschen beeinflusst das Verhalten massiv. Als performatives Attribut beeinflusst Gender, beziehungsweise das Ausleben und die Präsentation von Gender, wie eine Person wahrgenommen wird.6 Am Beispiel von Mulan wird dies besonders gut deutlich: sie kleidet und verhält sich wie ein Mann, sämtliche Weiblichkeit wird versteckt, also wird sie auch als Mann wahrgenom- men. Gender als das präsentierte7 beziehungsweise wahrgenommene Geschlecht einer Person ist nach Judith Butler, „by no means tied to material bodily facts but is solely and completely a social construction, a fiction, one that, therefore, is open to change and contestation […]“ (in keiner Weise gebunden an materielle körper- liche Fakten, sondern [ist] ausschließlich und vollkommen ein soziales Konstrukt, eine Fiktion, eine die, dementsprechend, offen für Veränderung und Anfechtung).8 Die Performativität, die ursprünglich Zusammenhänge in den Sprachwissen- schaften beschrieben hat, sorgt laut Judith Butler dafür, dass Konzepte die beson- ders häufig diskutiert zuerst zur Norm werden und danach als natürlich gesehen werden. Wird eine Alternative zum Natürlichen und der Norm oft genug öffentlich, zum Beispiel über Medien wie den Film, thematisiert, so wird auch das im Laufe der Zeit akzeptiert und zur Norm. 9 Das Paradebeispiel dafür ist der historische Verlauf der Entwicklung des Frauenbildes. Wie auch bei Mulan, war die Frau we- niger wert und weniger zu unterschiedlichen Handlungen befugt als ein Mann Dadurch, dass Frauen das aber nicht akzeptiert haben und für ihre Gleichheit ein- gestanden sind, haben sie, wie das Objekt der Analyse dieser Arbeit, einen höheren Status erreicht.

2.2. Musical

Die Grenze zwischen Musikfilm und Filmmusical ist ein hochdiskutiertes Thema10, weswegen diverse, aber ähnliche Definitionen von Filmmusical existieren. Eine vergleichsweise eindeutige Definition bietet Barry Keith Grant in der Einleitung seines Buches „The Hollywood Film Musical“. Der erste und wichtigste, wenn auch offensichtlichste, Punkt ist, dass in Filmmusicals Gesang und/oder Tanz von Hauptdarsteller dargeboten werden und Gesang und/oder Tanz generell ein wich- tiges Element darstellen: „[…] the musical refers to films that involve the perfor- mance of song and/or dance by the main characters and also include singing and/or dancing as an important element".11

Die Musik im Musical wird häufig in einem imaginären Raum präsentiert. Dieser imaginäre Raum ist insoweit vom realen Raum zu unterscheiden, dass er zwar nicht erfunden sein muss, aber den Regeln des realen Raums nicht entsprechen muss, da der Raum von der „Magie der Performance“ („charmed by the magic of perfor- mance“) eingenommen wird 12. Laut Rick Altman ist dieser Raum ein „place of transcendence where time stands still, where contingent concerns are stripped a- way to reveal the essence of things“ („Raum der Transzendenz, in dem die Zeit stillsteht, in dem eventuelle Belange abgestreift werden, um die Essenz der Dinge zu offenbaren“)13. Dies bedeutet, dass die Musik und der Raum, den die Musik er- öffnet, dem Sänger neue Erkenntnisse über sich selbst offenbart. Ein Beispiel dafür, ist die Szene, die später im Detail analysiert wird, in der Mulan während dem Lied „A girl worth fighting for“ lernt, dass sie und ihre wahre Persönlichkeit als Frau nicht das sind, was sich die Männer in ihrem Umfeld in einer Frau wünschen und vorstellen.14

[...]


1 Ward, Annalee R. (2010). Mouse Morality. The Rhetoric of Disney Animated Film. University Of Texas Press. S. 95

2 Vgl. McAfee, Noelle (2018). Feminist Philosophy. < https://plato.stanford.edu/entries/fe- minist-philosophy/#WhatFemi>. Letzter Zugriff am 30.09.2018.

3 Vgl. Lloyd, Moya (2011). Judith Butler. In: Ritzer, G. und Stepnisky, J. (Hrsg.). The Wiley- Blackwell Companion to Major Social Theorists. Classical Social Theorists, Volume I. Oxford: Wiley-Blackwell. S. 543.

4 Vgl. Mikkola, Mari (2017). Feminist Perspectives on Sex and Gender.< https://plato.stan- ford.edu/entries/feminism-gender/ > letzter Zugriff am 30.09.2018.

5 Vgl. Mikkola, Mari (2917).

6 Vgl. bigthink (2011). Judith Butler. Your Behaviour Creates Your Gender. <https://www.youtube.com/watch?v=Bo7o2LYATDc > letzter Zugriff am 30.09.2018

7 Vgl. Felluga, Dino (2011). Modules On Butler. On Performativity <https://www.cla.purdue.edu/english/theory/genderandsex/modules/butlerperformati- vity.html> Letzter Zugriff am 30.09.2018.

8 Felluga, Dino (2011). Modules on Butler. On Gender and Sex. < https://www.cla.purdue.edu/english/theory/genderandsex/modules/butlergender- sex.html> Letzter Zugriff am 30.09.2018.

9 Vgl. Felluga, Dino (2011). Modules On Butler. On Performativity. <https://www.cla.purdue.edu/english/theory/genderandsex/modules/butlerperformati- vity.html> Letzter Zugriff am 30.09.2018.

10 Vgl. Grant, Barry Keith (2012): The Hollywood Film Musical. Malden, Oxford und Chichester: Wiley-Blackwell. S.1.

11 Grant (2012, S.1).

12 Vgl. Grant (2012, S. 1).

13 Grant (2012, S. 2).

14 Mulan (USA 1998). Min. 45-48.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gender und die Soundtracks im Disney-Film "Mulan"
Untertitel
Eine musikwissenschaftliche Untersuchung zum Lied "A Girl Worth Fighting for"
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Geschichte des Musikfilms
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V458768
ISBN (eBook)
9783668899728
ISBN (Buch)
9783668899735
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Disney, Film, Mulan, Filmgeschichte, Musikfilm, Musical, Gender, Genderstudies, Medienwissenschaften, Filmwissenschaften, Feminismus, Antifeminismus, Geschlechterrollen, Filmanalyse, Szenenanalyse, Musikanalyse, Kinderfilme, Kinderfilm
Arbeit zitieren
Emilia Schwebel (Autor), 2018, Gender und die Soundtracks im Disney-Film "Mulan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458768

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