Akteure der Standardisierung. Ammons soziales Kräftefeld am Beispiel der Rechtschreibreform


Referat (Ausarbeitung), 2018

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rechtschreibreform von 1996 - Von der Idee bis zur Umsetzung
2.1 Benennung der beteiligten Akteure

3. Reaktionen und Antworten zur Rechtschreibreform
3.1 Frankfurter Erklärung
3.2 Dresdner Erklärung

4. Wer bestimmt in der Diskussion um die Rechtschreibreform was Standard ist?
4.1 Standard und Norm
4.2 Legitimität von Normen
4.3 Standarddeutsch und die Schwierigkeit der Bestimmung
4.4 Das soziale Kräftefeld nach Ammon als Erklärung für die Entstehung sprachlicher Standard

5. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

„Wir finden, daß dem Staat die Legitimation zu tieferen Eingriffen in die Rechtschreibung, wie sie in der Neuregelung zum Teil vorgenommen werden, fehlt.“ (Meier 2003, S. 9).

„Die Mitglieder der Reformkommission halten ihr Werk für gut gelungen. Dabei haben sie aber eine Vielzahl an sprachwissenschaftlichen Fehlern gemacht. Diese aufzuzeigen und auch zu beweisen machte ich mir zur Aufgabe.“ (Harscher 2002, S. 5).

Diese Zitate zeigen auf, dass die lebhafte Diskussion um die deutsche Rechtschreibre- form - nach wie vor - eine zentrale Stellung in der deutschen Gesellschaft einnimmt. Es ist davon auszugehen, dass die deutsche Rechtschreibreform kein abgeschlossener Prozess ist, denn die Stimmen der Reformgegner zu unterdrücken ist keine leichte Aufgabe.

Viel zu nahe liegt der Verdacht, dass die Durchsetzung der Reform nicht rechtmäßig war. Es stellt sich daher die Frage, wer denn nun in der Diskussion um die Rechtschreibreform überhaupt bestimmt was Standard ist.

Hierfür soll in dieser schriftlichen Ausarbeitung zunächst einmal der Weg zur Recht- schreibreform von 1996 vorgestellt werden, um einen kleinen Einblick über den Verlauf der Durchsetzung zu gewähren. Des Weiteren wird eine Reaktion zur Rechtschreibreform von 1996 vorgestellt (Frankfurter Erklärung), welche anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1996 unterzeichnet und vorgestellt wurde. Auch die Antwort auf die Frankfurter Erklärung, welche nicht lange auf sich warten ließ und von den Kultusministern stammt, wird vorgestellt. Für die Analyse muss dann zunächst einmal untersucht werden was Standard ist, von wem dieser ausgegeben wird und wie dieser mit Legitimität in Verbin- dung steht. Anschließend soll mit dem sozialen Kräftefeld von Ulrich Ammon aufgezeigt werden, wer darüber bestimmt, dass sprachliche Standards festgelegt werden. Mit dem Fazit werden am Ende dieser Arbeit die Ergebnisse resümiert.

2. Die Rechtschreibreform von 1996 - Von der Idee bis zur Umsetzung

Mit der Gründung des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie im Jahre 1980 wur- de der Grundbaustein für die kommende Rechtschreibreform gelegt, denn die Recht- schreibung rückte in den Fokus der Gesellschaft und der Politik. Die Ziele des Internatio- nalen Arbeitskreises waren deutlich: Koordinierung und Steigerung der Orthographie. Im Jahre 1985 konnte man bereits den ersten Vorschlag präsentieren (vgl. Internationaler Ar- beitskreis für Orthographie 1995).

Im Jahre 1987 wurde die Situation verschärft bzw. ernster genommen als zuvor. Die In- nenminister der einzelnen Länder und die Kultusminister1 haben das Institut für deutsche Sprache2 in Mannheim damit beauftragt „zu den Bereichen Silbentrennung, Interpunktion, Zusammen- und Getrenntschreibung, Fremdwortschreibung und Laut-Buchstaben-Be- ziehung Vorschläge für eine Reform des Regelwerks vorzulegen und mit der Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden) abzustimmen.“ (Ballweg et al. 1989, S. VII). Somit ha- ben die genannten Institute im Grunde genommen eine Genehmigung erhalten, ein neues verbindliches Regelwerk zu entwerfen und vorzustellen.

Das Institut für deutsche Sprache sagte am 31.03.1987 zu und gab an, bis Mitte 1988 ei- nen entsprechenden Vorschlag bei den Auftraggebern einzureichen, welcher von einer eigenen Kommission erarbeitet werden sollte. Auch dass dieser Vorschlag mit der Gesell- schaft für deutsche Sprache3 abgestimmt wird, wurde bestätigt (vgl. ebd.). Erst im Sep- tember 1988 wurde der Vorschlag von beiden Instituten vorgestellt und erörtert (vgl. ebd.). Eingereicht wurde der Entwurf dann aber erst im Oktober 1988 mit entsprechender Stel- lungnahme der GfdS (vgl. ebd.). Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Vorschlag unvollständig war. Aus diesem Grund wurde dieser von den Auftraggebern wieder zu- rückgewiesen.

Im Jahre 1992 machte der Internationale Arbeitskreis für Orthographie einen allumfassen- den Vorschlag mit dem Titel Deutsche Rechtschreibung - Vorschläge zu ihrer Neuregelung (vgl. Internationaler Arbeitskreis für Orthographie 1992). Daraufhin wurden im Jahre 1993 43 verschiedene Verbände darum gebeten, diesen Vorschlag zu überprüfen und gegebe- nenfalls zu überarbeiten.

Im Jahre 1994 gelang im Grunde genommen der Durchbruch, da das finite Regelwerk von Wissenschaftlern vorgelegt werden konnte. Nach einer minimalen Abänderung des Re- gelwerks wurde anschließend auf der Kultusministerkonferenz der Reform zugestimmt (vgl. Meier 2003).

Am 01.07.1996 verpflichteten sich die Länder Deutschland, Österreich, die Schweiz, Lich- tenstein und weitere deutschsprachige Länder, die Reform bis zum 01.08.1998 einzufüh- ren. Dass weitere Reformen in den Jahren 2004, 2006 und 2011 erfolgten, liegt daran, dass Sprache etwas Dynamisches ist. Sprache verändert sich ständig und wird aus die- sem Grund immer wieder angepasst.

2.1 Benennung der beteiligten Akteure

Aus dem zuvor genannten zeitlichen Ablauf des Prozesses der Rechtschreibreform sind folgende Akteure maßgeblich an den Entscheidungsprozessen beteiligt gewesen. Die Ak- teure wurden nach ihrer Sozialstruktur und sozialen Kraft (Ammon) geordnet:

1. Wissenschaftler und Sachverständige (Mikroebene - Sprachexperten, Kodifizierer)
2. Internationaler Arbeitskreis für Orthographie (Mesoebene - Kodifizierer)
3. Innenminister und Kultusminister (Mesoebene - Normautoritäten)
4. IDS und GfdS (Mesoebene - Sprachexperten, Kodifizierer)
5. 43 verschiedene Verbände (Mesoebene - Sprachexperten, Kodifizierer)
6. Ganze Länder - Internationale Ebene (Makroebene (Normautoritäten)

3. Reaktionen und Antworten zur Rechtschreibreform

Mit der Durchsetzung der Rechtschreibreform hat man die Meinungen der deutschen Ge- sellschaft gespalten. Das Lager der Befürworter ist mindestens genau so groß wie das Lager der Gegner der Reform. Zahlreiche offene Briefe wurden verfasst. Des Weiteren wurden Beschwerden eingelegt. Man hat sich vereinigt, um die Reform doch noch auf ir- gendeine Art und Weise zu verhindern. Jedoch waren all diese Versuche erfolglos. Einer dieser Versuche, die Rechtschreibreform zurückzuweisen, wird im Folgenden vorgestellt (Frankfurter Erklärung). Anschließend wird die Antwort der Kultusministerkonferenz hierauf vorgestellt (vgl. Siegner 1997, S. 35.f.).

Die Akteure, die an den folgenden Reaktionen und Antworten beteiligt gewesen waren, werden im Folgenden schriftlich hervorgehoben.

3.1 Frankfurter Erklärung

Die Frankfurter Erklärung ist eine reformkritische Reaktion vom 06. Oktober 1996 und ist als Antwort auf die Durchsetzung der Rechtschreibreform zu betrachten. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse des selben Jahres wurde in Form einer schriftlichen Resolution der Versuch gewagt, die Rechtschreibreform doch noch zu unterbinden. Hierfür wurde die Resolution unter anderem auch von verschiedenen bekannten Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Schriftstellern, Verlegern und Journalisten unterschrieben (vgl. Frankfurter Erklä- rung 1996). Zu den bekanntesten unterzeichnenden Personen sind Günter Grass, Ilse Aichinger und Hans Magnus Enzensberger zu nennen (vgl. ebd.).

Initiator und Organisator der Resolution war der Deutschlehrer und Publizist Friedrich Denk, welcher Flugblätter an den Ständen der Buchmesse auslegte, in der Hoffnung ge- nügend Unterschriften von den Besuchern sammeln zu können, um die Durchsetzung der kommenden Reform verhindern zu können.

Man bemängelte in der Resolution, dass es sich um eine Reform handeln würde, „die in den meisten Punkten keineswegs notwendig ist, in vielem sogar eine Verschlechterung bedeutet und - abgesehen von der ss-Regelung - nur etwa 0,05 Prozent eines durch- schnittlichen Textes betreffen würde.“ (Frankfurter Erklärung 1996, Absatz 2).

Da es sich um eine Reform handeln würde, die sowieso weitestgehend sinnlos sei, „bitten die unterzeichneten Germanisten, Pädagogen, Schüler und Studenten, Schriftsteller, Bibliothekare, Archivare und Historiker, Verleger, Buchhändler, Journalisten und Liebhaber der deutschen Sprache und Literatur die verantwortlichen Politiker in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, diese von einer kleinen, weitgehend an- onymen Expertengruppe vorgeschlagene Rechtschreibreform, deren Einführung Millionen von Arbeitsstunden vergeuden, jahrzehntelange Verwirrung stiften, dem Ansehen der deutschen Sprache und Literatur im In- und Ausland schaden und mehrere Milliarden DM kosten würde, die wenigen zugutekommen würden und von uns allen zu tragen wären, umgehend zu stoppen und bei der bisherigen Rechtschreibung zu bleiben.“ (Frankfurter Erklärung 1996, Absatz 3).

Mit der Frankfurter Erklärung hat man möglicherweise ein Zeichen gesetzt, jedoch keine Erfolge erzielen können. Die Dresdner Erklärung wird im Folgenden aufzeigen, dass die Durchsetzung der Reform nicht mehr zu unterbinden gewesen war (vgl. Siegner 1997, vgl. KMK 1996).

[...]


1 Ständige Konferenz der Kultusminister

2 ID

3 Gfd

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Akteure der Standardisierung. Ammons soziales Kräftefeld am Beispiel der Rechtschreibreform
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Metasprachdiskurse
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V458827
ISBN (eBook)
9783668900684
ISBN (Buch)
9783668900691
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtschreibreform, Ammon, Soziales Kräftefeld, Metasprachdiskurse
Arbeit zitieren
Mahmud Tunc (Autor), 2018, Akteure der Standardisierung. Ammons soziales Kräftefeld am Beispiel der Rechtschreibreform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458827

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