Pornographie und Pornographiesucht in der heutigen Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2016
61 Seiten, Note: 1.7

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Inhaltsverzeichnis

1. Einfuhrung
1.1 Mein ganz personlicher Weg zum Thema- Aktualitat des Themas
1.2 Meine Quellen

2. Allgemeiner Uberblick zur Pornographic
2.1 Kurzer Einblick in die Geschichte der Pornographie
2.2 Die neue Qualitat des Pornographiekonsums durch die Entwicklung des Internets
2.3 Tabuisierung und Marginalisierung von Pornographie in der heutigen Gesellschaft
2.4 Pornographie als Konsumprodukt

3. Die Sucht nach Pornographie
3.1 Betroffenheit- Manner und Frauen
3.2 Einordnung der Pomographiesucht als Sucht
3.3 Der Weg vom gelegentlichen Pornographiekonsum zur Sucht nach Pornographie
3.4 Mogliche Ursachen fur die Entstehung von der Sucht nach Pornographie
3.4.1 Genetische Ursachen
3.4.2 Psychische Ursachen
3.4.3 Ursachen in der Kindheit- Bedeutung eines sexuellen Traumas..
3.5 Auswirkungen von Pornographie
3.5.1 Auswirkungen auf das Gehirn
3.5.2 Auswirkungen auf die Psyche
3.5.3 Auswirkungen auf das Umfeld und eine Partnerschaft
3.5.4 Auswirkungen auf die Jugend- „Generation Internetporno“
3.6 Wege aus der Sucht- Therapie- und Beratungsansatze

4. Einordnung der Problematik in den gesellschaftlichen Kontext
4.1 Auswirkungen auf die Gesellschaft
4.2 Aufgabe und Handlungsmoglichkeiten der Sozialen Arbeit

5 Reflexion und kritische Auseinandersetzung

Literaturverzeichnis

1. Einfuhrung

1.1 Mein ganz personlicher Weg zum Thema- Aktualitat des Themas

Sexualitat ist die wohl intimste Sache eines Menschen und viele Menschen bezeichnen sie als „die schonste Sache der Welt.“. Sie ist so unterschiedlich und individuell wie die Menschen selbst. Wenn zwei Menschen miteinander schlafen, ist das der innigste Korperkontakt, den sie miteinander teilen konnen. Zwei Menschen verschmelzen miteinander und vereinigen sich. So sagte Friedrich Nietsche einmal: „Denn alle Lust will Ewigkeit.“

Komelius Roth (im Folgenden stets Roth) schreibt in seinem Ratgeber, dass die Sexualitat ein sehr starker Trieb des Menschen ist und seiner Meinung nach sogar gegenuber den Urtrieben, wie Hunger und Durst, einen ubergeordneten Platz einnehmen kann. Dies scheint nicht nur bei den Menschen so zu sein. Es wurden Tierversuche mit Ratten durchgefuhrt, die eine Woche kein Futter bekommen hatten, dabei kam heraus, dass sie unter bestimmten Bedingungen Sex dem Fressen vorzogen. (Carnes o.J. zit. in Roth 2012, Seite 61) Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass manche Babys bereits mit einer Erektion zur Welt kommen und Kleinkinder bei angenehmen Gemutszustanden, wenn sie sich besonders wohl fuhlen, eine Erektion haben konnen. (Barries, Astrid, o.J.)

Als ich als Kind von meinen Eltem aufgeklart wurde, haben sie mir ein sehr romantisches Bild von Sexualitat vermittelt. Beim sexuellen Akt verschmelzen zwei Menschen aus Liebe und dem Gefuhl der Verbundenheit miteinander und teilen so den intimsten Moment gegenseitiger Liebe. Das ist eine schone Vorstellung von Sexualitat und sicher gelingt es auch einigen Menschen in ihrem Leben, sich einem anderen Menschen so zu offnen und sich diesem ganz und gar hinzugeben. Sexualitat ist aber nicht immer nur dieser ein paradiesischer Zustand zwischen zwei Menschen. Sexualitat bedeutet auch Triebbefriedigung, ungebundener SpaB, schnelle Befriedigung und dient manchmal auch dem Stress- oder Frustrationsabbau. Sexualitat ist auch nicht immer befriedigend und schon, sie kann auch frustrierend und unbefriedigend sein und sich sogar traumatisierend und verstorend auf das ganze Leben eines Menschen auswirken. Manche Menschen verbinden mit Sexualitat einen langen Leidensweg und fur einige Menschen kann Sexualitat aus verschiedenen Grunden sogar zur Sucht werden und zwanghaft ihr ganzes Leben bestimmen.

Zur Sexualitat eines Menschen gehort nicht nur der Geschlechtsakt mit einem anderen Menschen, sondern auch die Selbstbefriedigung, ein sehr intimer Moment eines Menschen mit sich selbst. Noch vor einigen Jahren war Masturbation eher verpont und ein Tabuthema. Das hat sich im Laufe der Jahre jedoch geandert. Jugendliche sprechen immer haufiger mit ihren Freunden uber das Thema und tauschen sich gegenseitig aus. Die rasante Entwicklung des Internets, hat viele Vorteile, Neuerungen und Vereinfachungen fur die Menschen gebracht. Das Internet verbindet Individuen auf der ganzen Welt miteinander, doch es bringt auch Risiken und Gefahren mit sich. Meine Generation ist die erste Generation, die durch die rasante Entwicklung des Internets, mit dem Thema der Internetpomographie aufgewachsen ist. Durch Gesprache mit Freunden und Bekannten, weiB ich, dass bereits fur viele in meiner Jugend der Konsum von Internetpomographie vollig normal war und ein selbstverstandlicher Teil meiner Generation ist.

Dass Pomographie aber auch Gefahren beinhaltet und sogar suchtig machen kann, wurde mir erst durch verschiedenste Ereignisse in meinem Leben bewusst. Bjorn Thorsten Leimbach (im Folgenden stets Leimbach) beschreibt in seinem Buch die Gefahren der Internetpomographie und stellt an den Leser die kritische Frage, ob die Entwicklung in unserer Gesellschaft von Intimitat und emotionaler Nahe, hin zu immer mehr „virtuellem Sex und einsamen Masturbieren“, wirklich die „neue sexuelle Selbstbestimmung“ unserer Zeit darstellt. (Leimbach 2015, Seite 116)

Im funften Semester meines Studiums habe ich in dem Projektseminar zu stoffungebundenen Suchten bei dem Dozenten Dr. Essers teilgenommen. Wir haben uns verschiedene Verhaltenssuchte und den aktuellen Forschungsstand genauer angesehen, mit Beratungsstellen in Berlin gesprochen, die sich auf Verhaltenssuchte spezialisiert haben, einen Flyer und eine Broschure erstellt und ein Praventionsprojekt fur Schulen gestartet. Besonders spezialisiert haben wir uns dabei auf die Computer- bzw. Intemetsucht. Die Projektarbeit hat von Anfang an mein Interesse geweckt und mich sehr gefesselt. Besonders interessant fand ich die Informationsrecherche zur Pornographiesucht, da diese Sucht noch relativ wenig erforscht ist und es bisher kaum Hilfsangebote fur Betroffene gibt. Hier konnte ich mich dann zum ersten Mai richtig intensiv mit dieser Sucht auseinandersetzen. Heutzutage besitzt bereits fast jeder Jugendliche ab elf Jahren ein Smartphone oder einen eigenen Computer, das Internet ist im Alltag allgegenwartig, da konnte das Thema der Intemetsucht und auch der Pornographiesucht nicht aktueller sein. Laut einer, vom Bundesministerium fur Gesundheit, in Auftrag gegeben Studie, waren bereits im Jahr 2011 13,6 Prozent der 14- bis 24-Jahrigen Intemetsucht- gefahrdet, was heiBt, dass die Gefahr sehr groB ist, in die Abhangigkeit einer Internetsucht zu rutschen. (Deutsche Presse Agentur, 26.09.2011)

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis bei meiner Themenfindung, war fur mich der Besuch mit unserem Projektkurs in der Beratungsstelle „Lost in Space“. In der einzigen Beratungsstelle berlinweit, die sich auf Computer- und Internetsucht spezialisiert hat, hat uns der Leiter Gordon Schmid (im Folgenden stets Schmid) einen sehr interessanten Einblick uber die Arbeit der Beratungsstelle gegeben. Am Ende des Besuchs kam er noch auf das Thema der Pornographiesucht zu sprechen, da ihm dieses momentan sehr am Herzen liegen wurde. Schmid erzahlte uns, dass die Beratungsstelle eigentlich nicht auf diese Sucht spezialisiert ist, doch da es in ganz Berlin kaum eine andere Anlaufstelle fur Betroffene gibt, beraten die Mitarbeiterlnnen jetzt auch Betroffene zum Thema Pornographiesucht mit. Er berichtete uns, dass in den letzten Jahren immer mehr Pornographiesuchtige in die Beratungsstelle gekommen sind und sich in vielen Gesprachen nach einiger Zeit herausstellte, dass bei den Betroffenen eigentlich nicht ihre Online- Spielsucht das Hauptproblem ist, sondern die Sucht nach Pornographic, uber die sich die Klientenlnnen anfangs jedoch nicht trauten zu sprechen. Das Thema scheint also nach wie vor mit viel Scham und Heimlichkeitbelastetzu sein. (Experteninterview, 31.03.2016)

Die Reaktionen meiner Freunde auf das Thema meiner Bachelorarbeit waren ganz unterschiedlich. Die meisten aber reagierten sehr interessiert. Fur alle meiner mannlichen Bekannten, mit denen ich uber das Thema sprach, ist der Konsum von Internetpornographie etwas ganz normales und selbstverstandliches. Es gab nicht einen Einzigen der sagte keine Pornographic zu konsumieren. Auch mit den Bewohnerlnnen im Krisenhaus Schoneberg, wo ich neben dem Studium im Nachtdienst arbeite, habe ich viele interessante Gesprache uber das Thema Pornographic und die damit verbundene Suchtgefahr gefuhrt. Die Bewohnerlnnen waren wirklich sehr offen und interessiert an dem Thema. Viele von ihnen, die selbst unter einer Suchtproblematik leiden, erzahlten mir ganz ehrlich auch schon Phasen in ihrem Leben gehabt zu haben, in denen sie in Ansatzen pomographiesuchtig gewesen seien.

All diese Erfahrungen und die intensive Beschaftigung mit dem Thema, gaben mir die Idee mich in meiner Bachelorarbeit noch einmal ganz ausfuhrlich mit dem Konsum von Pornographic in unserer Gesellschaft und der Pornographiesucht auseinander zu setzen. Ein Thema, dass anscheinend in der Gesellschaft noch relativ tabuisiert und kaum thematisiert wird, obwohl die Internetpornographie ein hohes Suchtpotential mit sich bringt. Roth schreibt in seinem Buch, dass es in unserer Gesellschaft noch zu wenig bekannt ist, dass Pornographie im Netz das hochste Suchtpotential hat. (Vgl. Roth 2012, Seite 9) Auch Gabriele Farke, die Grunderin des Selbsthilfeportals „www.onlinesucht.de“ ist der Meinung, dass die Online- Sexsucht die am starksten ausgepragte Form der Internetsucht ist. (Farke 2011 zit. in Roth 2012, Seite 8)

In den ersten Kapiteln meiner Arbeit gebe ich einige allgemeine Informationen und einen groben Uberblick zur Pornographie, gehe auf den aktuellen Forschungsstand zum Thema ein und mache damit die Aktualitat des Themas deutlich. Im mittleren Teil habe ich mich genauer mit der Sucht nach Pornographie auseinandergesetzt, mit ihren Ursachen und gehe besonders darauf ein, welche Folgen und Auswirkungen der regelmaBige Konsum von Pornographie auf das Leben der Betroffenen hat. Am Ende meiner Arbeit setze ich mich noch mal kritisch mit dem Thema auseinander. Ich gehe dabei besonders darauf ein, was die Entwicklung der Internetpomographie in den letzten Jahren fur unsere Gesellschaft und insbesondere die junge Generation bedeuten konnte. Wegen der ganz speziellen Betroffenheit der heranwachsenden Generation, widme ich mich in meiner Arbeit einem ganzen Kapitel dazu, welche Auswirkungen Internetpomographie fur die heutige Jugend hat, die quasi selbstverstandlich mit ihr aufwachst und nahezu taglich damit konfrontiert wird. Welche Rolle spielt Pornographie beim Erleben von Liebe und Sexualitat, welche Folgen kann sie fur das Fuhren von Beziehungen haben, in einer Gesellschaft? Reduziert massenhafte Pornographie den Wunsch nach langfristigen Beziehungen? Mit der Internetpomographie werden taglich schatzungsweise 12,6 Millionen Euro Gewinn gemacht. (Boettcher, Raik Rene, o.J.) Was bedeutet das standige Verfugbarsein der Frau fur die jahrelang erkampfte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Mit diesen und anderen Fragen habe ich mich im Laufe meiner Arbeit auseinandergesetzt.

Die Sucht nach Pornographie ist keine neue Erscheinung, erstmals wurde sie bereits im Jahr 1974 von dem amerikanischen Medizinprofessor Viktor B. Cline beschrieben und erforscht. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 72) Ihr AusmaB hat sich aber durch die schnelle Verbreitung und Verfugbarkeit des Internets drastisch erhoht und somit hat Pornographie in unserer Gesellschaft noch mal eine ganz neue Bedeutung bekommen. Sie scheint in unserem alltaglichen Leben allgegenwartig zu sein, im Internet, im Fernsehen, auf Plakaten, in der Werbung, in Zeitschriften, uberall begegnen uns die Bilder. Daher habe ich mich im letzten Teil meiner Arbeit ganz besonders damit auseinandergesetzt, welche Aufgabe der Sozialen Arbeit bei diesem Thema zukommt. Ich gehe auf mogliche Therapieansatze und Hilfsangebote ein, die die Soziale Arbeit leisten konnte. Besondere Aufmerksamkeit widme ich dabei der Prevention von Pornographiesucht. Das Ziel meiner

Arbeit ist es, das Thema mehr in den Vordergrund des Interesses der Offentlichkeit zu bringen und vielleicht auch etwas zum Nachdenken anzuregen. Ich mochte Anregungen fur die Soziale Arbeit geben, wie sie in Zukunft auf diese Problematik eingehen kann.

Im Laufe meiner Arbeit und der Recherche zum Thema habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob Pornographic letztendlich die Ursache oder eigentlich ein Symptom, unserer immer mehr vereinsamenden und anonymer werdenden Gesellschaft, ist. Eine vielleicht erkrankte, traumatisierte, uberforderte und teilweise verangstigte Gesellschaft, der Zeit und Geduld fur aufwendige und intensive Zweisamkeit fehlt und in der immer mehr Menschen sich mit dem „einsamen Gluck“ zufrieden geben.

1.2 Meine Quellen

Ich mochte kurz zu Beginn einmal auf meine Quellen fur diese Arbeit eingehen, damit es fur die Leserlnnen nachvollziehbarer ist, woher ich meine Informationen bezogen habe. Ich habe lange nach geeigneten und aktuellen Buchern zu dem Thema gesucht. Leider ist die Auswahl von fundierter und qualifizierter Literatur zur Pomographie bzw. Pornographiesucht noch sehr gering und es kamen nur wenige Bucher fur mich in Frage. Da ich in meiner Arbeit einen ganz besonderen Schwerpunkt auf die Rolle der Sozialen Arbeit und die klinische Relevanz des Themas setze, nutze ich hauptsachlich als Quellen zwei Bucher, die von Praktikem verfasst wurden. Mich interessieret vor allem der praktische Hintergrund zu dem Thema und beide Autoren belegen ihr Wissen nicht nur auf die aktuellsten Forschungsergebnisse, sondern auch durch ihre praktischen Erfahrungen mit Pomographiesuchtigen bzw. Menschen, die Pomographie konsumieren. Das Buch „Internet Porno“ von Bjorn Thortsen Leimbach wurde 2015 vom Ellert & Richter Verlag erstmals in Hamburg herausgegeben und ist somit sehr aktuell und auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung. Leimbach ist nicht nur Autor, sondern auch Sexualtherapeut und ein sehr bekannter Couch und Trainer fur Manner. Als Paartherapeut leitet er seit 1995 Partnerschaftstrainings, die er selbst entwickelte. In dem Vorwort seines Buches schreibt Leimbach gleich zu Beginn, dass ihm in seiner Arbeit als Sexualtherapeut immer wieder Manner oder deren Partnerinnen auf das Thema Pomographie angesprochen haben. Sogar besorgte Eltern von mannlichen Jugendlichen kommen immer wieder auf den Sexualtherapeuten zu, um ihn bezuglich des Umgangs mit Pomographie, um Rat zu fragen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite9) Meine zweite wichtige Quelle ist das Buch „Sexsucht- Ein Ratgeber fur Betroffene und Angehorige“ von Kornelius Roth. Im Februar 2012 wurde die vierte, aktualisierte und erweiterte Auflage herausgegeben. Roth arbeitet als Psychiater, Psychosomatiker und Psychotherapeut in seiner eigenen Praxis. Sein Schwerpunkt in der Therapie sind Suchte und Traumatisierungen. AuBerdem ist er Mitglied der amerikanischen Fachgesellschaft fur Sexsucht und zwanghaftes Sexualverhalten.

Durch Leimbach stieB ich auf die beiden Forscherlnnen Simone Kuhn und Jurgen Gallinat, die am Max Planck Institut und an der Charite tatig sind. Sie haben 2014 mit 62 gesunden Mannern eine Studie zur Wirkung von Pornographic auf das Gehim, unter dem Namen „Brain Structure and Functional Connectivity Associated With Pornography Consumption- The Brain on Porn“, durchgefuhrt. Ich habe zu ihnen Kontakt aufnehmen konnen und konnte so hautnahe Informationen und Ergebnisse dieser aktuellen Studie erhalten und in meine Bachelorarbeit mit einflieBen lassen. Eine ganz entscheidende und wirklich hilfreiche Quelle aus der Praxis, war fur mich das Gesprach mit Grodon Schmid (Experteninterview am 31.03.2016). In dem langen und sehr interessanten Gesprach hat sich vieles aus meiner bisherigen theoretischen Recherche bestatigt. Seine praktischen Erfahrungen aus der Arbeit mit den Klientenlnnen habe ich immer wieder in meine Arbeit mit einflieBen lassen. AuBerdem hilfreich wahrend meiner Recherche, war fur mich auch das Buch: „Der sexte Sinn- Ein Lebensbericht“ von Wolf Deling (im Folgenden stets Deling), da er selbst aus der Perspektive eines Betroffenen schreibt und auch seine Frau, als Co- Abhangige, ihre Erfahrungen und Gefuhle bezuglich der Sucht ihres Mannes schildert.

Durch das Fehlen von fundierter Literatur zur Pomographie, war das Internet eine ebenso wichtige Quelle fur meine Recherche. Hier habe ich mir nicht nur aktuelle Artikel zu dem Thema durchgelesen, sondern ebenso die aktuellsten Zahlen und Fakten aus wissenschaftlichen Studien herausgesucht.

2. Allgemeiner Uberblick zur Pornographic

2.1 Kurzer Einblick in die Geschichte der Pornographic

Pornographie gibt es nicht erst seit der Einfuhrung des Internets, sondern schon immer. Sie ist so alt, wie die Menschheit selbst und wahrscheinlich wird es sie auch so lange geben, wie Menschen auf der Erde leben werden. Noch heute findet man pornographische Darstellungen in Hohlen aus der Steinzeit. Spater wurden pornographische Bilder dann auf Papyrus gezeichnet oder auf Gegenstande, wie Vasen und Kruge, gemalt. Als man die romische Stadt Pompeji ausgrub, fand man das Bordell Lupanare, welches aus dem Jahr 79 n. Chr. stammen muss. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 20-22)

Rolf Rietmann, der Theologie studiert hat und als systemischer Berater tatig ist, schreibt auf der Internetseite des deutschen Instituts fur Jugend und Gesellschaft, dass es schon im antiken Griechenland eindeutig pornographische Abbildungen auf Alltagsgegenstanden, wie TrinkgefaBen gegeben hat. Das Problem ist seiner Meinung nach also nicht neu. (Rietmann, Rolf, o.J.) Der Begriff Pornographie kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus den beiden Wortern „porne“, was Hure bedeutet, und „graphein“= schreiben, zusammen. Pornographie ist also laut etymologischer Bedeutung die Darstellung von Prostitution. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 20-22) Im Duden wird Pornographie wie folgt definiert: „Die sprachliche, bildliche Darstellung sexueller Akte unter einseitiger Betonung des genitalen Bereichs und unter Ausklammerung der psychischen und partnerschaftlichen Aspekte der Sexualitat.“ (Deutscher Dudenverlag, 2016)

Im 19. Jahrhundert gab es in England die ersten Sexshops und es entstanden erste pornographische Fotografien. Die ersten pomographischen Filme wurden im Jahr 1907 in Frankreich und ein Jahr spater dann auch in den USA gezeigt. In Deutschland dauerte die Entwicklung etwas langer, 1967 waren gerade mal die ersten Aufklarungsfilme zu sehen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 20-22) Mit der Zeit entstanden dann immer mehr sogenannte „Pornokinos“, in denen die BesucherInnen sich gegen Geld pornographische Filme ansehen konnte. Durch die Entwicklung der Videokassette in den 70er Jahren fand der erste rasante Anstieg in der Verbreitung von pornographischem Material statt. Der Videorekorder ermoglichte den Menschen den privaten Konsum von Pornographie von zu Hause aus.

Nach und nach fullten sich in Deutschland die Videotheken mit pornographischen Filmen, die in den sogenannten „Ab- 18- Abteilungen“ meist in der hintersten Ecke zu finden waren. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 21)

Durch die rasante Entwicklung des Internets in den letzten Jahren, sind Videotheken und der private Gebrauch von Videos und DVDs jedoch langst uberflussig geworden und haben an Bedeutung verloren.

2.2 Die neue Qualitat des Pornographiekonsums durch die Entwicklung des Internets

Trotzdem es, wie ich vorher bereits dargestellt habe, Pomographie schon immer gab, war Pornographic nicht immer dieselbe. Leimbach schreibt in seinem Buch, dass sich im Laufe der Jahre nicht nur die Art der Darstellung von Pomographie verandert hat, sondem auch ihre Verbreitung. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 22)

Seit der rasanten Entwicklung des Internets, ist dieses zur Hauptquelle von Pomographie geworden. Roth beschreibt in seinem Buch die Entwicklung der letzten Jahre mit dem treffenden Satz: „Mit dem Internet wurde ein neues Kapitel moderner Sexualgeschichte, aber auch der Sexsuchtgeschichte, aufgeschlagen.“. (Roth 2012, Seite 153)

Laut einer aktuellen Statistik des Online Portals „Netzsieger“ enthalten schatzungsweise 35 % aller Internetseiten pomographische Inhalte und 25 % aller Anfragen im Internet haben das Thema Pomographie zum Inhalt, was 68 Millionen Suchanfragen pro Tag entspricht. Auf den drei meist besuchten Sex- Clip- Seiten sind pro Monat uber anderthalb Milliarden Besucher zu finden. Wenn man auf das Internetportal „Netzsieger“ geht und nach aktuellen Zahlen zur Pomographie sucht, kann man sehen wie viele Sex Clips im Internet angesehen wurden, seit man die Seite geoffnet hat. Ununterbrochen steigt die Zahl immer hoher. Ich war nur einige Minuten auf der Seite und die Zahl stieg innerhalb von Minuten von ein paar tausend Clips auf uber 60 Millionen. Eine ziemlich eindrucksvolle Idee, um den Besucherlnnen der Internetseite den Umfang des Pornographiekonsums im Internet zu verdeutlichen. (Boettcher, Raik Rene, o.J.)

Leimbach schreibt zur rasanten Entwicklung des Internets in seinem Buch sehr provokant: „Wahrscheinlich haben wir den rasanten Ausbau des Internets auch der Pornoindustrie zu verdanken, die High- Speed- Verbindungen fur hochauflosende Filme benotigt.“ (Leimbach 2015, Seite 21-22) Mit dieser Vermutung steht der Autor gar nicht allein da. In einem Artikel von Kai Biermann auf der Internetseite der „Zeit- Online“ schreibt der Autor 2012, dass die Pomographie einer der wichtigsten Motoren der technischen Entwicklung und der rasanten Verbreitung des Internets ist. Der Technikblog „ExtremeTech“ hat nach eigenen Angaben Informationen von der Internetseite „YouPorn“, welche pomographisches Material zur Verfugung stellt, uber deren Datenmengen und Abrufzahlen erhalten. Laut dem Technikblog „werden auf den Servern der Betreiber mehr als 100 Terabyte Pomographie bereitgehalten und sie registrierten im Jahr 2012 mehr als 100 Millionen Pageviews am Tag“. Es gibt kaum Seiten im Netz, die mehr Daten ausliefem. Zu der Zeit des Artikels 2012 sollen Netzwerke, wie Facebook oder YouTube, noch mehr Daten ausgeliefert haben. (Boettcher, Raik Rene, o.J.) Leimbach schreibt aber in seinem Buch, dass es mittlerweile weltweit mehr Zugriffe auf Webseiten mit sexuellem Material gibt, als auf alle sozialen Netzwerke zusammen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 23) Besonders erstaunlich ist fur mich der Fakt, dass Deutschland das Land ist, mit dem weltweit hochsten Pornographiekonsum. Danach folgen Spanien, Frankreich und die USA. 2013 sollen 12,5 % aller Webseitenaufrufe in Deutschland Aufrufe auf pornographische Seiten gewesen sein. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 22-23) Immerhin scheint es noch eine Sache auBer der Pomographie zu geben, die die Deutschen noch lieber mogen, und zwar den FuBball. So behauptet das Portal „Netzsieger“ auf seiner Internetseite, dass wahrend des Champions League Finales 2013 zwischen Bayern- Munchen und Borussia Dortmund die Zugriffzahlen des pornographischen Internetportals „Pornhub“ um 40% einbrachen. (Boettcher, Raik Rene, o.J.)

Leimbach meint, dass das Internet keine Grenzen kennt. Die Konsumentlnnen konnen heutzutage kostenlos, ohne Zeitbegrenzung standig, an jedem Ort und quasi ununterbrochen Pomographie aller Art konsumieren. Jede Sekunde werden neue Bilder und Filme hochgeladen, sexuelle Spielarten in alien denkbaren Versionen, mit den unterschiedlichsten Frauen- und Mannertypen aller denkbaren Nationalitaten oder Hautfarben bis hinzu Gruppensexszenen, Fetisch, Sadomasochismus, Korperflussigkeiten, Hardcore- Sex, Sex mit Ubergewichtigen oder behinderten Menschen, Vergewaltigungen oder anderen Gewaltszenen. Im Internet gibt es quasi nichts, was es nicht gibt. So findet seiner Meinung nachjeder einen Ausweg um seinen Vorlieben nachzugehen oder aus einer langweiligen Beziehung auszubrechen, ohne dabei real fremdgehen zu mussen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 35) Im Internet haben die Verbraucherlnnen eine nahezu unbegrenzte Auswahl an moglichen Partnerlnnen und sexuellen Reizen. (Vgl. Roth 2012, Seite 159) Die Entwicklung und Verbreitung von Smartphones hat das Konsumieren von pomographischem Material noch mehr beschleunigt und vereinfacht. Dadurch ist der erforderliche Triebaufschub vergleichsweise gering. (Vgl. Roth 2012, Seite 159) Gerade die rasante Entwicklung des Internets der letzten Jahre macht das Thema so aktuell und ist eine Ursache fur die erhohte Suchtgefahr von Pornographie. Bei Deling begann sein Pornographiekonsum und die allmahliche Sucht danach mit Pomoheften aus Zeitungsladen. Mit der Etablierung des Kablefernsehens und des Videorekorders wurde dieses durch Filme und DVDs erweitert. Durch das Internet erhielt sein Pornographiekonsum aber noch mal ein ganz anderes AusmaB und stellte ihn vor ein ganz neues Versuchungsrisiko. Obwohl seine Moglichkeiten an Pornographie heran zu kommen nun viel groBer waren, vermehrte sich sein innerer Stress. Beim Internet gibt es keine moralische Kontrollinstanz, die den Inhalt zensiert. Das Internet war fur ihn wie ein riesiges Meer, in dem er als Pornographiesuchtiger Gefahr litt in ihm unterzugehen. (Vgl. Deling 2004, Seite 18-21)

Roth nennt sechs Faktoren, die sexuelle Aktivitaten im Netz besonders attraktiv machen: „Es ist leicht zuganglich, nicht sehr teuer, anonym, geheim, sicher und es normiert eigene sexuelle Empfindungen.“ (Roth 2012, Seite 159) Die Wissenschaftlerin Simone Kuhn bestatigt dies. Ihrer Meinung nach ist durch die einfache Zuganglichkeit, die Erschwinglichkeit und die Anonymitat des Internets nicht mehr nur eine kleine Randgruppe von Pornographie betroffen, sondern ein viel groBeres Publikum, was groBen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft hat. (Vgl. Kuhn 2014, Seite 1)

2.3 Tabuisierung und Marginalisierung von Pornographie in der heutigen Gesellschaft

Trotzdem Pornographie laut der aktuellen Zahlen, die ich bereits aufgefuhrt habe, schon langst ein Bestandteil in unserer Gesellschaft ist, wird das Thema nach wie vor tabuisiert. Gerade deswegen stellt sich mir die Frage, wieso das Thema immer noch nicht im Interesse der Offentlichkeit angekommen ist und nach wie vor kaum offentlich diskutiert wird. Sicherlich konnte das vor allem daran liegen, weil Pornographie einfach mit viel Scham und Heimlichkeit belastet ist. Laut Leimbach schamen sich die meisten Manner bzw. Frauen fur ihren Pornographiekonsum und haben ein schlechtes Gewissen. Viele Betroffene nehmen sich immer wieder vor, ihren Konsum zu reduzieren oder gar ganz sein zu lassen, schaffen es dann aber nicht und machen sich so Selbstvorwurfe. AuBerdem fuhlen sich viele nach dem Konsum von Pornographic wie betrogen, weil ihnen im Porno Lust, Befriedigung und Interesse an ihnen nur vorgespielt wird. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 43) Ein Klient von Leimbach sagte einmal den passenden Satz „Es ist wie bei Mc Donalds: Du isst etwas- der Appetit ist weg, aber der Hunger bleibt.“ (Leimbach 2015, Seite 44) Schmid berichtete mir in unserem Gesprach, dass nur etwa 5% der Betroffenen die Pornographiesucht als Hauptgrund im Erstgesprach nennen. Die meisten Klientenlnnen kommen erst einmal wegen einer Spielproblematik in die Beratungsstelle und auBern dann im Laufe der Beratung, dass sie bei sich auBerdem eine Pornographiesucht vermuten. Schmid sieht ebenfalls Grunde wie Scham, Angst und Unsicherheit der Betroffenen als Ursache dafur, dass das Thema nach wie vor tabuisiert wird. (Experteninterview, 31.03.2016)

Ein weiterer Grund, weshalb das Thema der Pornographiesucht in der Gesellschaft so verharmlost wird, konnte sein, dass Pornographic allgemein, gerade bei Jugendlichen, als vollig harmlos und normal gilt. Die Verlockung ist laut Leimbach, aufgrund der Entwicklung des Internets, groB, da es sehr einfach geworden ist, „zur Ablenkung, Entspannung oder aus Mangel an einer Sexpartnerin, bei einem Porno zu masturbieren.“ (Leimbach 2015, Seite 12)

Eine weitere Rolle, weshalb das Thema so wenig kritisch hinterfragt wird, konnte auch der riesige finanzielle Markt, der hinter der Pornoindustrie steht, spielen. Die Pornoindustrie spart keine Kosten an Werbung und wendet gezielte Strategien an, um die Konsumentenlnnen zu locken und immer wieder neu zu kodem. Sekundlich werden neue Bilder und Filme ins Netz gestellt, sodass es den Nutzerlnnen nie langweilig wird und sie immer wieder etwas neues finden.

2.4 Pornographic als Konsumprodukt

Die Pornoindustrie ist laut Wikipedia okonomisch erfolgreicher als Hollywood, denn allein in den USA erwirtschaftet sie jahrlich zweistellige Milliardenbetrage. (Wikipedia, 07.12.2014) Weltweit setzt die Online Pornographiebranche jahrlich uber funf Milliarden Dollar um und macht mit Internetpornographie 12,6 Millionen Umsatz pro Tag. (Boettcher, Raik Rene, o.J.) Der Umsatz steigt stetig rapide. Im Jahr 1999 wurden in den USA mehr als eine Milliarde US- Dollar durch Internetpornographie umgesetzt. Sechs Jahre spater war der Umsatz bereits auf uber drei Milliarden US- Dollar gestiegen. (Vgl.

Roth 2012, Seite 154) Laut des PM- Magazins werden rund 70 Prozent des gesamten Online Umsatzes mit pornographischen Angeboten gemacht. (PM- Magazin, o.J.) Im Jahr 2005 gab es in etwa 420 Millionen pornographische Einzelseiten im Internet, die gerade mal rund 50 Untemehmen gehorten. (LaRue 2005 zit. in Schirrmacher 2008, Seite 20) Wahrend es in den 70er Jahren fur Jugendliche noch etwas Besonderes war eine Zeitschrift mit halbnackten Frauen zu durchblattern, sind heutzutage Bilder von nackten oder halbnackten Menschen keine Seltenheit mehr. „Wer in der Suchmaschine Google das Stichwort „Sex“ eingibt erhalt weltweit 3,6 Milliarden Eintrage“, so schreibt Roth in seinem Ratgeber. (Roth 2012, Seite 154) Pornographische Bilder begegnen uns aber nicht nur auf den Pornographieseiten im Internet, sondern auch in den offentlichen Medien, wie auf Werbeplakaten oder in der Fernsehwerbung. Die Werbeindustrie hat sich das Motto „Sex sells“ anscheinend ebenso zu Nutzen gemacht. Sie wurde sicher nicht Millionen fur Werbung ausgeben, wenn sie nicht wusste, dass Bilder das Verhalten der Menschen beeinflussen. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 71) Leimbach formuliert es in seinem Buch sogar so: „Man ist also permanent von sexuellen Reizen umgeben.“. (Leimbach 2015, Seite 34) Auch Roth erwahnt in seinem Ratgeber, dass durch die Medien, die Werbung und die Sexindustrie standig das Bild vermittelt wird, dass es umso besser ist,je mehr Sex man hat. In unserer Gesellschaft ist seiner Meinung nach eher derjenige behandlungsbedurftig, der zu wenig Sex hat, als der, der zu viel hat. (Vgl. Roth 2012, Seite 7)

3. Die Sucht nach Pornographic

3.1 Betroffenheit- Manner und Frauen

Das Thema Pornographic und Pomographiesucht assoziiert man automatisch meistens eher mit Mannern, als mit Frauen. In der Praxis sind es auch zum groBten Teil bisher Manner, die sich mit dem Problem der Pomographiesucht an Beratungsstellen und Therapeutenlnnen wenden. Beide Autoren, Roth und Leimbach, haben in ihrer Praxis als Psychotherapeuten und Couch fast ausschlieBlich mit Mannern zu tun und richten sich daher in ihren Buchern auch hauptsachlich an mannliche Betroffene. Roth hat die Erfahrung gemacht, dass vorwiegend Manner im Alter zwischen 23 und 30 Jahren, die unter ihrer Sex- bzw. Pomographiesucht leiden, zu ihm in die Praxis kommen. Dies ist genau die Generation, die seiner Meinung nach bereits mit der Hardcore- Pornographic im Internet aufgewachsen ist. (Vgl. Roth 2012, Seite 8) Der Autor erklart sich die haufigere Betroffenheit von Mannern unter anderem damit, dass bei den meisten Pornos hauptsachlich Mannerphantasien bedient und erfullt werden und daher bei ihnen auch das hohere Suchtpotential liegt. Aus seiner Erfahrung als Psychotherapeut heraus, benutzen Frauen eher weniger Pornographic zur Stimulation, da in diesen ihre eigentlich vermissten Gefuhle nach Geborgenheit, Begehrt- und Gebrauchtwerden, Eroberung und dem groBen Liebesgluck kaum bedient werden. Bei Mannern hingegen reicht schon ein einziger Blick auf eine sexuelle Pose, um im Gehirn die Sexualhormone freizusetzen und sexuelles Begehren auszulosen. (Vgl. Roth 2012, Seite 31- 32) Rolf Rietmann schreibt in seinem Artikel, dass Manner fur Pornographic anfalliger sind, da sie viel mehr uber die Augen reagieren wurden und das mannliche Gehirn viel starker auf Visuelles reagiert als das Weibliche. (Rietmann, Rolf, o.J.)

Schmid aus der Beratungsstelle „Lost in Space“ macht ahnliche Erfahrungen wie die beiden Autoren. In die Beratungsstelle kam bisher nur eine einzige Frau mit dem Problem der Pomographiesucht. Hingegen suchen ungefahr 20 Frauen im Jahr wegen Computerspielsucht die Beratungsstelle auf. Die meisten Manner die kommen sind alleinstehend, nur wenige befinden sich in einer Partnerschaft. Haufig gibt bei den Mannern, die eine Partnerschaft fuhren die Partnerin den AnstoB, sich Hilfe zu suchen. Er berichtete mir, dass die Altersspanne der Manner, die sich in der Beratungsstelle Hilfe suchen, zwischen 20 und 50 Jahren ist. Der Altersdurchschnitt liegt ungefahr bei 29 Jahren. (Experteninterview, 31.03.2016) Simone Kuhn hat wahrend ihrer Forschungen am Max Planck Institut auBerdem herausfinden konnen, dass Manner in einem fruheren Alter mit Pornographic in Beruhrung kommen und generell auch mehr Pornographic konsumieren als Frauen. (Vgl. Kuhn 2014, Seite 2)

Mittlerweile gibt es aber auch einige Studien, die belegen, Pomographie auch bei Frauen eine Rolle spielt. Kuhn schreibt zum Pornographiekonsum, dass in einer Studie in den USA herauskam, dass 66% der Manner und 41% der Frauen regelmaBig Pomographie konsumieren, mindestens einmal im Monat. (McNair 2002 zit. in Kuhn 2014, Seite 2) Auch Thomas Schirrmacher schreibt in seinem Buch, dass die Frauen ahnlich anfallig fur Pomographie sind wie Manner. Es gibt immer mehr Erotikladen und Erotikwebsites im Internet, die sich besonders auf Frauen spezialisiert haben. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 18) Aus Gesprachen mit Freundenlnnen kann ich bestatigen, dass Frauen ebenso Pomographie konsumieren wie Manner, wenn auch vielleicht nicht so regelmaBig.

Ahnlich wie bei jeder anderen Sucht ist nicht jeder Mensch gleich anfallig, suchtig zu werden. Es gibt Menschen, die sich hin und wieder mal einen Porno ansehen, dies aber bei ihnen nie zu einer Sucht fuhren wurde und auch keinen wirklichen Einfluss auf ihr reales sexuelles Empfinden auslost. Leimbach hat als Sexualtherapeut die Erfahrung gemacht, dass bei Personen, die ein erfulltes und abwechslungsreiches Sexualleben haben und im GroBen und Ganzen mit ihrem Leben und sich selbst zufrieden sind, gelegentlicher Pornographiekonsum kaum Auswirkungen auf ihr Liebesleben und Verhalten hat. Jedoch besteht selbst in diesen Fallen seiner Meinung nach die Gefahr, dass aus unregelmaBigem Konsum auch regelmaBiger Konsum wird und sich die gelegentliche Ablenkung allmahlich zurRoutine entwickelt. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 12)

3.2 Einordnung der Pornographiesucht als Sucht

Fur die Mehrheit der Menschen ist Pornographic ein Genussmittel, dass sie gelegentlich konsumieren. Doch es kann, so Roth, „auch ein Zuviel an Pornographie geben“. (Roth 2012, Seite 158) Fur Suchtige ist der Konsum von pornographischem Material dann kein Genuss mehr, sondern eine Droge. (Vgl. Roth 2012, Seite 158) Am Anfang erscheint Pornographie noch als der ideale Ausweg aus den Problemen, doch allmahlich werden die Betroffenen immer unfreier und fuhlen sich irgendwann wie Gefangene, denen ihre sexuellen Gedanken, Phantasien und Handlungen zum eigenen Gefangnis werden, aus dem es nur sehr schwer moglich ist, wieder auszubrechen. (Vgl. Roth 2012, Seite 33)

Wie ich bereits erwahnt habe, haben wir uns im funften Semester in unserem Projektkurs mit den Verhaltenssuchten, im speziellen mit der Internet- und Computersucht, auseinandergesetzt, was sehr spannend war, weil die Verhaltenssuchte bei weitem noch nicht so erforscht sind wie die Suchte, die an einen bestimmten Stoff gebunden sind. Im Laufe unserer Recherche fanden wir heraus, dass es in Deutschland und vor allem auch in Berlin bisher kaum Anlaufstellen fur Betroffene gibt. Auf der Internetseite „psyberlin“ werden Verhaltenssuchte wie folgt definiert: „ Verhaltenssuchte werden auch als nicht- stoffgebundene Abhangigkeiten bezeichnet, da sie sich nicht auf den ubermaBigen oder schadigenden Konsum psychoaktiver Substanzen, sondern auf die ubermaBige Beschaftigung mit bestimmten Verhaltensweisen oder Aktivitaten beziehen.“ (Dr. Arnold, Julia, o.J.)

Theoretisch kann ein Mensch also nach jeder erdenklichen Verhaltensweise suchtig werden. Einige der bekanntesten und am haufigsten vorkommenden Verhaltenssuchte sind die Kaufsucht, die pathologische Spielsucht, exzessives Sammeln oder Arbeiten und seit einiger Zeit auch die Online- bzw. Internetsucht. In der Literatur wird bisher noch diskutiert, ob Suchte, wie die Internet- und Pornographiesucht zu den "Abnormen Gewohnheiten und Storungen der Impulskontrolle", welche im ICD- 10, die "Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme", im F63 festgehalten werden, zahlen oder den stoffungebundenen Suchten zugerechnet werden sollten. Die meisten Praktiker wie Schmid oder Roth sind sich aber einig, dass sie den stoffungebundenen Suchten entsprechen, da es bei den Verhaltenssuchten ganz ahnliche Kriterien gibt wie bei stoffgebundenen Suchten. (Experteninterview, 31.03.2016) Wahrend unseres Projekttages bei Herr Dr. Essers kamen wir zu dem gleichen Ergebnis und bezogen uns daher immer auf Verhaltenssuchte und nicht auf Storungen der Impulskontrolle.

Offiziell gelten weder die Internetsucht noch speziell die Pornographiesucht als Krankheit, denn sie kommen bisher nicht als eigenstandige Diagnosen im DSM, dem Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Storungen, vor. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 25) Forscherlnnen und Autorenlnnen, die sich mit dem Thema beschaftigen, sind sich nach wie vor auch noch uneinig daruber, ob die Pornographiesucht zur Sexsucht oder zur Internetsucht gezahlt werden sollte. Dies spielt in Hinblick auf die klinische Relevanz aber auch keine so groBe Rolle. Wichtig ist, dass sich die meisten daruber einig sind, dass die Sucht nach pornographischem Material existiert und dass sie immer bedeutender in unserer Gesellschaft wird. Die beiden Psychotherapeuten Roth und Leimbach und auch Schmid von „Lost in Space“ bedauern, dass es fur die Sexsucht bzw. Pornographiesucht keine eigene Diagnoseziffer in den internationalen Klassifikationssystemen von Krankheiten gibt. Daher ist es auch nicht moglich Erhebungen aus Krankenstatistiken zu machen. (Vgl. Roth 2012, Seite 17) Wenn die Pornographiesucht diagnostisch eingeordnet werden wurde, konnte dies der Behandlung und Therapie laut Roth wichtige Impulse geben. (Vgl. Roth 2012, Seite 8) Ich teile die Ansicht mit den Autoren und Praktikem, dass dies wirklich tragisch ist, denn somit wird Pornographiesucht nach wie vor verharmlost und nicht als wirkliche Suchterkrankung anerkannt. Im Zuge meiner Recherchen komme ich aber durchaus zu dem Schluss, dass die Sucht nach Pornographic ein eigenstandiges Krankheitsbild ist, dem definitiv mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

3.3 Der Weg vom gelegentlichen Pornographiekonsum zur Sucht nach Pornographic

Wahrend meiner Recherche hat sich immer wieder bestatigt, dass es sehr schwer ist, eine genaue Zahl zur Pravalenz, also zum Vorkommen der Pornographiesucht, zu finden. In jedem Buch und jedem Artikel findet man eine andere Zahl und immer wieder weisen die Autoren darauf hin, dass es sehr schwer ist eine genaue Zahl zu erheben. Roth vermutet, dass dies vor allem daran liegt, dass das Unwissen zu dem Thema nach wie vor noch zu groB ist und viele Befragte durch ihre Schuld- und Schamgefuhle ihr Verhalten herunter spielen oderleugnen. (Vgl. Roth 2012, Seite: 17)

In Amerika wurde eine Studie durchgefuhrt, in der 8,5 % von 10.000 Befragten Internetnutzem als pornographiesuchtig eingestuft werden konnten. (Schneider o.J. zit. in Roth 2012, Seite 17) In Deutschland werden von den 30 Millionen Menschen mit Internetzugang, circa eine Million Menschen als internetpornographiesuchtig eingeschatzt. (Verein Safer Surfing- Kinder- Jugend- und Erwachsenenschutz im Internet, o.J.)

Schwierig ist es auch die Frage zu klaren, ab wann denn nun eine Person als suchtig zu sehen ist. In der amerikanischen Studie waren es Personen, die mehr als 11 Stunden in der Woche mit pomographischem Material im Internet verbringen.

In unserem Seminar haben wir viel recherchiert und festgestellt, dass die Kriterien, die eine Verhaltenssucht ausmachen, sich kaum von denen einer stoffgebundenen Sucht unterscheiden. Kimberly Young hat 1996 als erste die Kriterien zur Diagnosestellung der Internetsucht formuliert. Die „ Young Kriterien“ haben sich heute in der Diagnostik von Internetabhangigkeit weltweit etabliert. (Vgl. Wildt 2015, Seite 27- 29) Auf der bereits schon erwahnten Internetseite „psyberlin“ werden die hauptsachlichen Kennzeichen einer Verhaltenssucht, die sich an die Kriterien von Kimberly Young anlehnen, sehr anschaulich beschrieben. Zum einen wird das Verhalten ubermaBig oft ausgefuhrt und die Betroffenen verspuren ein unwiderstehliches Verlangen, welches sich zu einem immer starkeren unkontrollierbaren Impuls, sich dem Verhalten hinzugeben, entwickelt. Ein sehr entscheidendes Merkmal ist auch die inhaltliche Einengung des Denkens auf den jeweiligen Verhaltensbereich. (Dr. Arnold, Julia, o.J.)

Bei der Pornographiesucht ware es demnach die standige gedankliche Beschaftigung mit sexuellen bzw. pomographischen Gedanken. Wolf Deling beschreibt in seinem Lebensbericht uber seine Sucht sehr gut, wie sich aus dem anfanglichen Konsum nach und nach die Sucht entwickelt hat und seine Gedanken immer mehr davon eingenommen wurden. So schreibt er in seinem Buch: „Die heimliche Lust entwickelte sich zur heimlichen Sucht.“. (Deling 2004, Seite 23) Wenn die Betroffenen ihr Verhalten nicht ausfuhren konnen, fuhlen sie Unbehagen und mit der Zeit entwickeln sich emotionale Probleme wie depressive Verstimmungen. Der Lebens- und Erlebensmittelpunkt der betroffenen Person „richtet sich immer mehr auf den Suchtgegenstand aus“. (Dr. Arnold, Julia, o.J.) Bei den meisten KlientenInnen von „Lost In Space“ ist zu beobachten, dass andere Lebensbereiche, wie die Familie, Arbeit, Freunde oder Hobbys immer mehr vemachlassigt werden. Genau wie bei den stoffgebundenen Suchten wird das suchtige Verhalten, trotz negativer Konsequenzen auf diese Lebensbereiche weiter ausgefuhrt. (Experteninterview, 31.03.2016)

Ein weiteres Suchtkriterium ist die nur kurzfristige Reduktion von Anspannung oder Stress durch die Ausfuhrung des Verhaltens. Mit der Zeit lasst sich bei den Konsumentenlnnen eine Dosissteigerung feststellen. Der Zeitaufwand und die Haufigkeit mussen erhoht werden, um die gewohnte Wirkung durch das Verhalten, wie zum Beispiel das Gefuhl der Entspannung, erreichen zu konnen. AuBerdem findet eine allmahliche Toleranzsteigerung statt. Bei der Pornographiesucht werden beispielsweise immer starkere Reize benotigt, um eine Erregung auszulosen. (Dr. Arnold, Julia, o.J.) Laut Roth findet im Laufe der Jahre eine Konditionierung und Spezialisierung auf bestimmte Reize statt. Die Betroffenen entwickeln ganz bestimmte Vorlieben, die vorher noch gar nicht vorhanden waren. (Vgl. Roth 2012, Seite 33) Schmid berichtete mir in unserem Gesprach, dass durch die Toleranzsteigerung viele seiner KlientenInnen irgendwann sogar extreme Gewaltphantasien oder padophile Vorlieben entwickeln, Neigungen, die sie vorher gar nicht gehabt haben. Zuerst empfanden seine KlientenInnen dieses Material als abscheulich und ekelhaft, doch mit der Zeit brauchten sie immer „harteres Material“ um erregt zu werden. Dies ist dann oft erst der Punkt, an dem sich viele Betroffene Hilfe holen, weil sie dann genug Motivation haben, um ihre Scham zu uberwinden. Der Ekel vor sich selbst und die Angst nie wieder mit einer Frau „normalen“ Sex haben zu konnen und irgendwann vielleicht sogar straffallig zu werden, lasst die meisten ihre Angst uberwinden. (Experteninterview, 31.03.2016)

Die eben beschriebenen Kriterien sind die gleichen, die wir in unserem Projektseminar herausgearbeitet haben. Wobei wir dem Kontrollverlust und dem Leidensdruck noch eine ganz spezielle Bedeutung zugeschrieben haben. Der Leidensdruck ist ein sehr entscheidender Faktor, ab wann ein Mensch als suchtig zu bezeichnen ist und vor allem sich selbst die Sucht eingestehen kann. Der Leidensdruck ist schlieBlich auch die hauptsachlichste Ursache, wieso Betroffene ihre Scham uberwinden und sich Hilfe suchen.

Diese hauptsachlichen Auswirkungen bestatigt auch Leimbach in seinem Buch und stellt noch speziell auf die Pornographiesucht bezogen zwei wichtige weitere Faktoren, die die Sucht nach Pomographie kennzeichnen, in den Mittelpunkt. Zum einen, dass die Konsumentenlnnen aufgrund des haufigen Pornographiekonsums sexuelle Storungen, Krankheiten oder Beziehungsprobleme entwickeln. Zum anderen, dass Betroffene ihr Verhalten verheimlichen und verleugnen und stark unter dem daraus resultierenden geminderten Selbstwertgefuhl leiden. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 26)

Schmid hat mir in unserem Gesprach berichtet, dass das AusmaB bei den Betroffenen, die sich in der Beratungsstelle Hilfe holen, ganz unterschiedlich ist. Manch einer schatzt sich bereits als suchtig ein, wenn er sich einige Male in der Woche einen Pomofilm ansieht und leidet darunter. Ein anderer holt sich erst dann Hilfe, wenn er bereits mehrere Stunden am Tag mit dem Konsum von Pomographie verbringt. Bei den meisten ist die Sucht aber schon sehr weit fortgeschritten, ehe sie den Entschluss fallen, sich Hilfe zu suchen. Seiner praktischen Erfahrung nach durchleben die meisten Betroffenen mindestens zwei bis drei Jahre eine sehr problematische Phase, bis sie sich dazu entscheiden, sich in der Beratungsstelle zu melden. (Experteninterview, 31.03.2016) Diese praktische Erfahrung bestatigt auch Leimbach. So schreibt er: „wer pornosuchtig ist und regelmaBig Pornos konsumiert, braucht meist Jahre, bis er sich seine Sucht uberhaupt selbst eingestehen kann.“ (Leimbach 2015, Seite 12)

Wie ich zuvor herausgearbeitet habe, ist es sehr schwer, eine genaue Definition zu geben, ab wann ein Mensch als pornographiesuchtig einzustufen ist. Die Kriterien fur stoffungebundene Suchte sind aber ein guter Leitfaden, an dem man sich orientieren kann und letztendlich ist es auch beijedem Menschen ganz individuell und unterschiedlich.

Bjorn Thorsten Leimbach fasst die Problematik des Suchtbegriffes in einem Satz sehr treffend zusammen: „ Die Sucht beginnt dort, wo die eigene Kontrolle verschwindet und der Drang sich verselbststandigt.“ (Vgl. Leimbach 2015, Seite 26)

3.4 Mogliche Ursachen fur die Entstehung von der Sucht nach Pomographie

Wahrend meiner Arbeit im Nachtdienst im Krisenhaus Schoneberg habe ich viele Menschen kannengelernt, die unter einer Suchterkrankung leiden. Ich habe die Bewohnerlnnen einige Zeit auf ihrem Weg begleiten konnen und nachts mit Gesprachen versucht zu unterstutzen. In meiner Zeit im Krisenhaus konnte ich miterleben, wie schwer es ist, von einer Sucht los zu kommen. Die meisten Suchtigen haben die Entscheidung getroffen, einen Entzug zu machen und kamen dann nach dem Klinikaufenthalt wieder ins Krisenhaus zuruck. Die Betroffenen litten unter groBem Suchtdruck und immer wieder kam es zu Ruckfallen. Viele von den Betroffenen, die ich kennengerlernt habe, hatten bereits einen jahrelangen Leidensweg hinter sich mit mehreren Entzugen, Klinikaufenthalten und Therapien. Wenn man von einer Sucht loskommen will, ist der Wille und die Entscheidung dazu der erste und wichtige Schritt. Doch die Entscheidung und der gute Vorsatz reichen anscheinend nicht aus, man muss sich auch den wahren Grunden bewusst werden, wie es uberhaupt zu der Sucht gekommen ist und die Verhaltensweisen verstehen, die der Sucht zugrunde liegen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist in der Arbeit mit Suchtigen, in dem Fall mit Pornographiesuchtigen, sich auch die positiven Aspekte der Pornographic zu verdeutlichen, um die Motive der Betroffenen verstehen zu konnen. Denn „nur wer sich die hinter der Sucht liegenden Grunde bewusst macht, kann auch neue Strategien und bessere Verhaltensweisen entwickeln, um von der Sucht loszukommen.“, so Leimbach. (Leimbach 2015, Seite 38)

3.4.1 Genetische Ursachen

In stressigen Situationen, bei Uberforderung oder emotionalen Tiefschlagen betauben sich viele Menschen mit Genussmitteln, um die inneren Spannungen und Gefuhle etwas zu dampfen und nicht unter ihrer Last zu zerbrechen. Dies kann man durch stoffliche Mittel wie Alkohol, Drogen, Essen oder Medikamente erreichen, aber auch mit nichtstofflichen Dingen wie Computerspielen oder eben Pomographie. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 115) Aber nicht bei jedem Menschen entwickelt sich aus diesen betaubenden und ablenkenden Bewaltigungsstrategien eine Sucht. Manche Menschen sind fur den „Teufelskreis“, den Pornographiekonsum im Gehirn auslost, anfalliger als andere. „Sie haben ein so genanntes Dopamin- Loch“. (Leimbach 2015, Seite 48) Sie sind suchtanfalliger fur extreme Pornographic, da ihr Belohnungssystem im Gehirn weniger effizient arbeitet, so Leimbach. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 48- 49) Menschen, die suchtdisponiert sind also anfalliger sind an einer Sucht zu erkranken, leiden unter einem relativen Mangel von Endorphinen. Somit kann laut Roth: „Sucht auch als Versuch gesehen werden, diesen Nachteil auszugleichen.“ (Roth 2012, Seite 77) Einige neuere Forschungsergebnisse kamen zu der Erkenntnis, dass sich die Verarbeitungs- und Belohnungssysteme bei Suchtigen dauerhaft verandem. Die

Nachhaltigkeit des Empfindens von Befriedigung und Glucksempfmden ist irgendwann viel kurzer als bei Nichtsuchtigen, weil die Endorphine im Gehirn viel schneller abgebaut werden. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 48- 49)

Wie ein Mensch Stress und Spannung im Leben verarbeiten kann, ist ein weiteres wichtiges Kriterium bei der Entwicklung einer Sucht. Anfalligkeiten des Stressverarbeitungssystems, wie zum Beispiel eine verminderte Stresstoleranz, werden laut Roth, moglicherweise vererbt. (Vgl. Roth 2012, Seite 63)

3.4.2 Psychische Ursachen

Leimbach hat im Laufe seiner Arbeit als Paartherapeut mit vielen Mannern uber die moglichen Ursachen fur das Entstehen ihrer Pornographiesucht gesprochen. Die Grunde sind dabei ganz unterschiedlich und vielschichtig und es mussen seiner Meinung nach auch mehrere Faktoren zusammen kommen, damit eine Sucht nach Pornographic entsteht. Bei vielen beginnt der Pomographiekonsum einfach aus Langeweile und einem Gefuhl der inneren Leere und Sinnlosigkeit heraus. Vielen fehlen Erfolgserlebnisse und Herausforderungen im Leben. Uber den Pomographiekonsum kann durch starke Emotionen diese innere Leere vorubergehend gefullt werden. Auch permanenter Stress, durch beispielsweise Uberarbeitung und mangelnde Freizeit, nannten viele Manner dem Autor als Grund fur den Beginn ihrer Pornographiesucht. Der Pomokonsum und die Masturbation dienen dann zur Ablenkung und Entspannung. Einsamkeit und das Fehlen sozialer Kontakte konnen ebenso die Entwicklung einer Sucht nach Pomographie bestarken. Laut Leimbach ist der Konsum von Pomographie zunachst genauso aufregend und befriedigend wie realer Sex mit einer Frau. Die Pomographie ermoglicht der Person dann wenigstens zeitweilig virtuelle sexuelle Kontakte und lasst fur einen Moment das Gefuhl der Einsamkeit vergessen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 86- 90) Die Befriedigung halt aber viel kurzer an und ist auch nicht so nachhaltig, wie die Befriedigung durch Geschlechtsverkehr mit einem anderen Menschen und muss daher auch viel schneller wieder herbeigefuhrt werden. Das liegt daran, dass bei der Masturbation, durch die fehlende Zartlichkeit, kein Oxytocin, das sogenannte „Kuschelhormon“, ausgeschuttet wird. Somit fuhlt man sich nach dem Konsum von Pomographie zwar erst einmal befriedigt, der emotionale Hunger aber bleibt bestehen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 89-90) Naturlich kann auch eine unerfullte und problematische Partnerschaft zu regelmaBigem

Konsum von Pornographic fuhren. In einer monogamen Beziehung leiden nach Meinung von Leimbach viele unter sexuellem Desinteresse und sexueller Langeweile. Anstatt sich mit dem Partner, der Partnerin auseinander zusetzen, sich auf Diskussionen einzulassen und Kompromisse eingehen zu mussen, ist es viel einfacher sich seine sexuelle Abwechslung und Befriedigung in der Pornographic zu suchen. Der Mannercoach schreibt aus seiner Erfahrung heraus, dass bei einigen seiner Klienten auch ein unbewusster Frauenhass bzw. ein Unterlegenheitsgefuhl Frauen gegenuber eine Ursache fur ihren haufigen Konsum von Pornographic ist. Die Ursache dafur konnen zum Beispiel vergangene traumatische, enttauschende oder verletzende Erfahrungen mit Frauen sein, wie Ablehnung oder Betrug in einer vergangenen Partnerschaft oder aber auch Unterlegenheitsgefuhle in einer aktuellen Partnerschaft. Diese Enttauschungen konnen zu angestauter Wut fuhren, nicht nur Frauen gegenuber, sondern auch gegen sich selbst aufgrund der eigenen Ohnmacht und Selbsterniedrigung. Der Konsum von Pornographic bietet dem Mann eine Kanalisation seiner Wut, hier ist er sicher vor emeuter Verletzung und kann sich mit dem starken, machtvollen und bestimmenden Mann im Porno, der die Frau erniedrigt und uber sie bestimmt, identifizieren. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 88- 101) Schmid hat mir in unserem Gesprach berichtet, dass viele die wegen Pornographiesucht in die Beratungsstelle kommen, ein sehr geringes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefuhl haben. Viele Betroffene sind depressiv, haben Angststorungen, leben zuruckgezogen und eher isoliert. Manche der Pornographiesuchtigen berichten ihm, Sexualitat nur noch als Belastung zu erleben oder noch nie sexuelle Erfahrungen mit einem anderen Menschen gemacht zu haben. Die Betroffenen leiden unter groBen Versagensangsten und sexuellen Minderwertigkeitskomplexen. Schmid ist sich dabei aber nicht ganz klar, ob das die Ursachen der Pornographiesucht oder eher Symptome der Sucht sind, die erst durch den ubermaBigen Pornographiekonsum entstanden sind. (Experteninterview, 31.03.2016) Auch Roth schreibt in seinem Buch, dass es Zusammenhange zwischen Pornographic und Depression zu geben scheint. Der Autor ist sich ebenso dabei unsicher, ob der zu haufigere Gebrauch von Pornographic depressiv macht, oder depressive Menschen versuchen ihre Beschwerden mit sexuellen Aktivitaten im Internet zu betauben. (Vgl. Roth 2012, Seite 157-158)

3.4.3 Ursachen in der Kindheit- Bedeutung eines sexuellen Traumas

Nach neuen Untersuchungen kann nicht nur eine genetische Veranlagung, sondern auch eine traumatische Kindheit physische Veranderungen im Stressverarbeitungssystem hinterlassen. Durch traumatische Erfahrungen kann es beispielsweise zu einer zwar minimalen, aber funktionell bedeutsamen Verkleinerung des Hippocampus kommen. (Yehuda 2002 zit. in Roth 2012, Seite 63) Dadurch entsteht eine Uberregbarkeit des limbischen Systems, was mit einer verstarkten Ausschuttung von Adrenalin korrespondiert, ein Hormon welches Kampf- und Fluchtverhalten ermoglicht um der Traumabewaltigung zu dienen. Auch wahrend der Betrachtung von Pornographic steigt der Adrenalinspiegel an. Der Traumatisierte kann so also seinen Korper in eine standige Anspannung versetzen und somit Verlorenheitsgefuhle oder Erinnerungen an traumatische Erfahrungen bekampfen und verdrangen. (Buchanan 2003 zit. in Roth 2012, Seite 63)

Roth schreibt in seinem Buch dass ein sexuelles Trauma in vielen Fallen eine Schlusselfunktion bei der Auslosung einer spateren Sexsucht spielt. In einer Untersuchung von fast 1000 Sex- bzw. Pomographiesuchtigen kam heraus, dass vier Funftel der Betroffenen in irgendeiner Form sexuellen Missbrauch im Kindesalter erlebt haben. Es gibt bei kaum einer anderen psychischen Erkrankung so ein hohes Vorkommen von sexuellem Missbrauch. Fur die Betroffenen gibt es Roth genau drei Strategien um ihr Trauma zu bewaltigen. Ein moglicher Schutzmechanismus ist die Abspaltung des Traumas, ein anderer die Unterbesetzung der sexuellen Sphare und die dritte Moglichkeit ist die Uberbesetzung des Sexuellen, was zu einer schnell abrufbaren sexuellen Erregbarkeit fuhrt. Bei dem meist abrupten Ende eines sexuellen Ubergriffs wird das Opfer mit intensiven Gefuhlen, wie Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein oder Gefuhlen von Panik und Angst sich selbst uberlassen. Der Traumabewaltigungsprozess bleibt somit stets unterbrochen. Kinder, die sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren, beginnen also sexuelle Reize oftmals als Bewaltigungsstrategie in ihre Phantasiewelt miteinzubauen. Roth geht davon aus, „dass es keine andere Sucht gibt, die sich so stark in den Gedanken manifestiert und festsetzt wie die Sexsucht.“ (Roth 2012, Seite 27) Der Suchtige taucht in einen ganz eigenen Phantasiebereich ein, der ihm hilft sich vor schmerzhaften und negativen Gefuhlen zu schutzen. Die Phantasiewelt wird immer weiter ausgebaut und Defizite, wie zum Beispiel Beziehungsangste konnen so ausgeglichen werden. Der Betroffene erschafft sich so eine eigene innere Ersatzwelt, die ihm hilft die Enttauschungen und innerlichen Schmerzen des realen Lebens nicht so sehr an sich heran zu lassen und abzuspalten. Die betroffene Person versucht dann die uberwaltigenden Erfahrungen und Emotionen in der Phantasie oder der Realitat wieder aufzunehmen mit dem unbewussten Wunsch, sie so doch noch bewaltigen und verarbeiten zu konnen. Roth betont, dass dies eine groBe Gefahr mit sich bringt, denn wenn der Betroffene sich mehr und mehr in seine Phantasie und Gedanken zuruckzieht, nimmt er irgendwann kaum noch an der realen AuBenwelt teil. (Vgl. Roth 2012, Seite 67- 75) Laut Roth sind keine Phantasien und Gedanken so schmerzstillend und betaubend wie sexuelle Phantasien. In der Pubertat oder manchmal auch schon fruher beginnen sich die kindlichen Phantasien zu sexualisieren. Der junge Mensch erlebt seinen ersten Orgasmus und lernt mit der Zeit, dass er dieses erregende Gefuhl immer wieder selbst erzeugen und steuern kann. Somit hat der Mensch einen eigenen Zugang zu dem starksten Gefuhl gefunden, dass er empfinden kann. Roth weiB aus seiner Arbeit, dass Sex- bzw. Pornographiesuchtige oftmals beziehungsscheu sind. Bei der Selbstbefriedigung ist die Person nicht auf fremde Hilfe angewiesen, es findet keine Begegnung oder ein Austausch mit anderen Menschen statt. Man kann vollkommen selbststandig den Zeitpunkt, die Haufigkeit, Dauer, Art und Starke der sexuellen Erregung und das Entladen der sexuellen Spannung steuern. So befindet sich die Person in einem zeitweise kontrollierbaren, unabhangigen und machtvollen Zustand. (Vgl. Roth 2012, Seite 28-31) Fur Menschen, die in der Kindheit oder auch im spateren Leben Enttauschungen erlebt haben, ist die Masturbation durch Pornographiekonsum eine Moglichkeit ihre Wut zu kanalisieren und einen selbstbestimmten Zustand zu erreichen, in dem keine Verletzung durch andere Menschen moglich ist. Die Betroffenen sind nun nicht mehr ausgeliefert, wie beispielsweise in der Situation des sexuellen Missbrauchs, sondern konnen ihre Angst und ihr sexuelles Erleben beherrschen und steuern. Somit kann man zwanghaftes Masturbieren nach Meinung des Autors auch als eine nachtragliche Bewaltigungsstrategie von traumatischen Erfahrungen, wie sexuellem Missbrauch sehen. (Vgl. Roth 2012, Seite 67­75) Eine Freundin von mir, die im Alter von 14 Jahren von acht betrunkenen Jugendlichen in einem Park brutal vergewaltigt wurde, ist spater selbst sexsuchtig geworden und begann sogar in der Prostitution und im Pornographiegewerbe zu arbeiten. Sie war fur mich irgendwann emotional unerreichbar geworden, entfernte sich immer mehr und wurde mir immer fremder. Leider erzahlte sie mir erst Jahre spater in einem Gesprach von der traumatischen Missbrauchserfahrung. Heute, nach diesem Gesprach mit ihr und meiner Recherche zu der Bachelorarbeit, ist mir bewusst geworden, dass die Uberbesetzung ihrer Sexualitat ein Versuch war das Erlebte irgendwie verarbeiten zu konnen.

Auch Leimbach ist der Meinung, dass die meisten Ursachen fur Pornographiesucht bereits in der Kindheit ihren Ursprung haben. Die Erfahrungen, die wir in der Kindheit machen, haben Auswirkungen darauf, wie wir spater mit Stress, Angsten, Herausforderungen und Krisen umgehen. Die fast wichtigste Beeinflussung haben dabei die Eltern. Bereits in der Sauglingszeit nehmen die Eltern einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des eigenen Korpergefuhls, die emotionale Verfassung und das Selbstwertgefuhl des Kindes. Durch die liebevollen Beruhrungen der Eltern fuhlt sich das Kind sicher und geliebt und erlebt seinen ganzen Korper als Quelle sinnlicher Erfahrungen. Der eigene Umgang der Eltern mit ihrem Korper, ihrer Sinnlichkeit und Sexualitat spiegeln sich auch im Umgang mit dem Kind wieder und haben groBen Einfluss auf das eigene Empfinden des Kindes. Haben die Eltern aber selbst Probleme mit sich, ihrer Sexualitat oder dem Geben von Liebe und Geborgenheit, konnen sich nach der Meinung des Autors diese negativen Gefuhle auf das Kind ubertragen und spater zu einer Sucht nach Pornographic oder Sex fuhren. Leimbach hat wahrend seiner Arbeit als Coach die Erfahrung gemacht, dass viele seiner mannlichen pomographiesuchtigen Klienten ein schwieriges Verhaltnis zum eigenen Vater haben oder der Vater ganz fehlte. Die mannliche Anerkennung des Vaters und die Moglichkeit der positiven Identifikation mit diesem, ist aber seiner Meinung nach essentiell wichtig fur die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefuhls und einer befriedigenden Sexualitat. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 102-114)

Wolf Deling sieht die Ursachen fur seine Pornographiesucht ebenfalls in seiner Kindheit und der Erziehung seiner Eltern begrundet. Er wuchs als Einzelkind auf und wurde sehr streng glaubig erzogen. In der Familie wurde nie uber Sexualitat gesprochen und ihm wurde immer vermittelt, dass insbesondere Masturbation etwas Schlechtes und Verbotenes ist. Wolf Deling erinnert sich, dass seine Mutter immer sehr entrustet reagierte, wenn im Femsehen erotische Szenen zu sehen waren oder doch irgendwie das Thema Sexualitat angesprochen wurde. Sexualitat war daher fur ihn auch immer etwas mit Unanstandigkeit und Hilflosigkeit behaftet. In seine erste selbst herbeigefuhrte Erektion mischten sich daher auch gleich Scham- und Schuldgefuhle. Heute glaubt er, dass gerade diese Heimlichkeit und Tabuisierung von Sexualitat und Masturbation den Reiz ausgemacht haben, der spater dann zu seiner Sucht fuhrte. Das Schlimmste war fur Wolf Deling, dass er niemanden hatte mit dem er uber seine Lust, seine Schuldgefuhle und sein schlechtes Gewissen sprechen konnte. (Vgl. Deling 2004, Seite 11-13)

3.5 Auswirkungen von Pornographic

3.5.1 Auswirkungen auf das Gehirn

Leimbach beschreibt in seinem Buch sehr gut die Auswirkungen von haufigem Pornographiekonsum und vor allem, was genau dabei im Gehirn geschieht. Um die Pornographiesucht zu verstehen und ihre Suchtgefahr richtig einschatzen zu konnen, denke ich, dass es wichtig ist zu wissen, was beim Konsum von Pornographie im Gehirn auf der biochemischen Ebene stattfindet.

Ein wesentlicher Koordinierungspunkt bei der sexuellen Erregung liegt im Gehirn, im Hypothalamusbereich. Im limbischen System, in dem alle Grundinstinkte des Menschen, wie Antrieb, Hunger und Libido reprasentiert sind, befindet sich ebenfalls ein hoher Anted von Sexualhormonen. (Vgl. Roth 2012, Seite 62) Beim realen Sexualverkehr werden Sexualhormone in unser Blut ausgeschuttet und gleichzeitig wird das Belohnungssystem in unserem Gehirn aktiviert, die Nervenzellen setzen beim Sex in sehr hoher Dosis Neurotransmitter, wie Dopamin, Serotonin und Endorphine sowie Enkephaline frei, welche zum cerebralen Belohnungssystem gehoren. Durch diese Freisetzung werden euphorische Gefuhle erzeugt. Ahnliches passiert aber auch beispielsweise bei gutem Essen, dem Anhoren von Musik, beim Verliebtsein, oder bei sportlichen Erfolgen. (Vgl. Roth 2012, Seite 62) Das Erstaunliche ist, dass das Gehirn beim Ansehen von Pornographie ganz genauso reagiert, wie bei realem Sex. Die kunstlichen, anregenden Bilder im Pornofilm erzeugen sogar teilweise noch viel groBere Dopaminschube im Gehirn, was laut Leimbach vor allem am „Neuheits- Faktor“ liegt. Die KonsumentenInnen haben die Moglichkeit mehrmals taglich alle paar Minuten einem neuen virtuellen Sexualpartnerln zu begegnen, wie das im realen Leben niemals der Fall ware. Bei jedem neuen Porno, der konsumiert wird, wird praktisch eine neue Frau virtuell erobert. Das kann sogar dazu fuhren, dass Pornographie irgendwann reizvoller wird als eine vertraute Partnerin, ein vertrauter Partner. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 47). Da unser Gehirn fur so eine standige Stimulation aber nicht geschaffen ist, versucht es sich selbst zu schutzen und senkt die Empfindlichkeit gegenuber dem Dopamin. Naturlich werden durch diesen Schutzmechanismus auch die empfundenen Glucks- und Genussgefuhle beim Pornokonsum reduziert, was die Ursache dafur ist, dass man immer extremere Reize fur den gleichen Kick- Effekt benotigt. Ganz „normale“ Sexszenen verlieren an ihrer stimulierenden Wirkung, weil bei diesen nicht mehr genugend Dopamin im Gehirn ausgeschuttet wird. Die Konumentenlnnen benotigen immer starkere Reize in Form von extremeren Pornos, um den gleichen Effekt im Gehim zu erreichen. Dies fuhrt im extremsten Fall bei einigen Personen dazu, dass sie nur noch durch Hardcore- Pornographic, wie Gewaltszenen, Gruppensex, Pornos mit exotischen Darstellerlnnen oder ungewohnlichen Sexpraktiken, erregt werden. „Normale“ Frauen und „normaler“ Sex verlieren immer mehr an ihrem Reiz. Viele Betroffene finden sich sogar irgendwann im kriminellen Bereich wieder und werden nur noch durch extreme Gewaltszenen, Vergewaltigungsszenen, Inzestszenen, Sex mit Tieren oder padophilem Material erregt. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 48) „Von den eigentlichen sexuellen Vorlieben haben sich die Pornos irgendwann komplett abgekoppelt.“, so Leimbach. (Leimbach 2015, Seite 48) Durch diesen Effekt erklart sich auf stofflicher Ebene die Toleranzentwicklung, auf die ich bereits genauer in dem Kapitel zu den Suchtkriterien von Verhaltenssuchten eingegangen bin.

Die Sucht nach Pornographic wirkt sich demnach fast ganz genauso wie Drogensucht auf das Gehirn aus. Wenn nach dem Pornographiekonsum die Dopaminwelle abklingt, geraten die Konsumentenlnnen in ein psychisches Tief und sehnen sich nach dem nachsten Kick, ahnlich wie nach dem Konsum einer stofflichen Droge. Irgendwann ist es ihnen dann aber nur noch moglich den Belohnungsschaltkreis im Gehim durch Pornographic und keine anderen Dinge mehr zu aktivieren, um den ersehnten Kick zu erleben und das Stimmungstief zu kompensieren. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 48) Andere alltagliche Dinge, wie gutes Essen, Zeit mit Freunden verbringen oder Zartlichkeiten mit einem anderen Menschen auszutauschen verlieren irgendwann an Wert und diese Dinge werden nicht mehr als befriedigend erlebt. Die Betroffenen verlieren allmahlich ihre Fahigkeit zu genieBen und an alltaglichen, kleinen Dingen Freude zu empfinden, da die Belohnungsschaltkreise im Gehirn durch die zu starken Reize nach und nach betaubt werden. Leimbach schreibt aus seiner Erfahrung heraus, dass viele das Interesse an der auBeren Welt, an Freunden und anderen Mitmenschen verlieren. Sie scheinen kaum noch Interesse an den Gedanken und Erlebnissen anderer Menschen zu haben und zeigen in Gesprachen kaum noch Anteilnahme. (Vgl. Leimbach, Seite 58) Im Vordergrund steht irgendwann nur noch der Dopamin- Kick und es bleibt ein permanentes Gefuhl des sexuellen und emotionalen Hungers zuruck. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 55)

Durch die zuvor beschriebene Toleranzentwicklung steigern sich aber nicht nur die benotigten Reize, sondern auch die Intensitat und der Zeitaufwand. Schmid hat mir in unserem Gesprach berichtet, dass viele seiner Klientenlnnen Pornographic bis zu funf, sechs oder sieben Stunden pro Tag bzw. am Stuck konsumieren. Die Betroffenen berichten ihm in den Beratungsgesprachen, dass sie bis zu achtmal hintereinander masturbieren, was bei manchen bereits korperliche Folgen, wie Schmerzen beim Wasserlassen, hat. „Naturlich sind dies die extremsten Falle“, so Schmid. (Experteninterview, 31.03.2016)

In der bereits erwahnten Studie von Simone Kuhn und Jurgen Gallinat, nahmen 64 gesunde Manner zwischen 21 und 45 Jahren teil. Den Probanden, die an der Studie teilgenommen haben, wurde vorher ganz bewusst nicht mitgeteilt, dass es in der Studie hauptsachlich um die Auswirkungen von Pornographiekonsum geht. So war es den beiden Forscherlnnen moglich ein relativ objektives Ergebnis zu erzielen. Den teilnehmenden Mannern wurden Fragen gestellt, nach ihrem durchschnittlichen wochentlichen Pornographiekonsum und seit wann sie Pornographic konsumieren. AuBerdem wurden den Probanden Bilder mit sexuellen Reizen und nicht sexuellen Reizen gezeigt. Dabei wurden sie an ein MRI Gerat, Magnetic Resonance Imaging, angeschlossen, so konnten die Gehimstrome und die Aktivitat im Gehim gemessen werden. Ein erstaunliches Ergebnis, dass in der Studie herauskam, ist beispielsweise, dass die Anzahl der grauen Gehirnzellen durch Pornographiekonsum zuruck geht. Dies hat zur Folge, dass sich Bereiche im Gehirn, die fur Kreativitat, Motivation und Aktivitat zustandig sind, zuruckbilden. 21 Manner von den teilnehmenden 64 Mannern, konnten als Intemetsexsucht- gefahrdet eingestuft werden. (Vgl. Kuhn 2014, Seite 2-7) Leimbach fasst in seinem Buch die hauptsachlichen Folgen von einem niedrigen Dopaminspiegel und dem Ruckgang der grauen Gehirnzellen ebenfalls zusammen. Diese sind zum Beispiel eine verminderte Libido, Erektionsprobleme, erhohte Angstlichkeit, Unsicherheiten im Kontakt mit anderen Menschen, Konzentrationsprobleme, Mudigkeit, Antriebslosigkeit und Motivationsmangel bis hin zu Depressionen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 49- 50)

Giacomo Rizzolatti, ein italienischer Neurophysiologe und Entdecker der Spiegelneurone, fand in seinen Versuchen mit Affen heraus, dass allein durch das Anschauen einer Handlung, wie des Essens, beim beobachtenden Tier die gleichen Neurone ausgelost werden, wie wenn das Tier selber essen wurde. Laut Roth tragt die Entdeckung der Spiegelneurone, welche ein verzweigtes Netz von Nervenzellen im Gehirn sind, die spiegelbildlich die Gefuhle und Korperzustande anderer in einem selbst hervorrufen konnen, ebenfalls entscheidend zum Verstandnis der Sex- und Pomographiesucht bei. Die pomographischen Bilder und Filme aktivieren beim Betrachterln sexuelle Belohnungsreize und rufen somit bei ihnen die gleichen sexuellen Korpergefuhle hervor, wie sie die Akteure empfinden. Durch das Betrachten von sexualisierten Bildern und sogar durch die alleinige Vorstellungskraft, kann also das zentralnervose Belohnungssystem aktiviert werden. Fur Roth hat die Himforschung damit einen sehr wichtigen Beitrag zur Erklarung der Attraktivitat und des Suchtpotentials von Pornographie erbracht. (Roth 2012, Seite 79)

3.5.2 Auswirkungen auf die Psyche

William Blake sagte einmal: “Du weiBt niemals was genug ist, bis du weiBt, was mehr als genug ist“ Dieses Zitat beschreibt ziemlich gut die innere Verfassung und das Dilemma der Menschen, die unter Pornographiesucht leiden. Deling wurde das AusmaB und die Ausweglosigkeit seiner Sucht erst richtig bewusst, als es schon fast zu spat war. Die Pornographie nahm sein Leben immer mehr ein und bestimmte irgendwann seinen kompletten Tagesablauf. Er erinnert sich, wie er oftmals Verabredungen mit seiner Frau oder seinen Kindern absagen musste, weil er durch seinen zeitraubenden Pornographiekonsum nicht seine Arbeit geschafft hatte. Deling entfernte sich immer mehr von den Menschen, die er liebte und lebte ein Doppelleben, unter den daraus resultierenden Schuldgefuhlen erbeinahe zerbrach. (Vgl Deling, 2004, Seite 31- 36)

Leimbach beobachtet bei den meisten seiner Klientenlnnen Gefuhle von Scham und Ekel vor sich selbst. Spatestens wenn die Betroffenen sich von ekelhaften oder perversen Dingen erregt fuhlen und beginnen wegen ihres Konsums nahestehende Menschen zu belugen und zu hintergehen, fangen sie an sich fur ihr Verhalten zu schamen und entwickeln negative Gefuhle sich selbst gegenuber bis hinzu Selbsthass. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 57) Roth erlebt immer wieder bei seinen Klientenlnnen, dass ihr gesamter Tagesablauf auf den Pornographiekonsum abgestimmt wird. Vielen bleibt daher nur wenig Zeit, Schlaf, Hobbys und Freundschaften werden immer mehr vemachlassigt. Der gesamte Lebensrhythmus und das Essverhalten der Betroffenen stellt sich um. Sie fuhlen sich wie getrieben, vereinsamen aber innerlich immer mehr und ziehen sich aus dem offentlichen Leben zuruck. (Vgl. Roth 2012, Seite 163) In Versuchen mit Ratten kam heraus, dass eine standige Selbststimulierung der sexuellen Lustzentren zur Vernachlassigung anderer Triebe, wie dem Gefuhl nach Hunger und Durst, fuhrt. Das Ergebnis kann ebenso auf den Menschen ubertragen werden. (Vgl. Carnes o.J. zit. in Roth 2012, Seite 61) Die Klientenlnnen von Roth berichten ihm anfangs noch ein gesteigertes sexuelles Verlangen empfunden zu haben, was sich dann aber schnell zu Lustlosigkeit und sexuellen Problemen umgekehrt hat. Viele haben das Gefuhl einer standigen sexuellen Getriebenheit ohne wirkliche Befriedigung empfinden zu konnen. AuBerdem tritt immer mehr eine

Unzufriedenheit mit realer Sexualitat ein, ebenso wie eine Fixierung auf bestimmte Korperteile oder Vorlieben, sexuelle Unlustgefuhle und Erektionsstorungen bis hin zu Impotenz, konnen die Folge sein. (Vgl. Roth 20012, Seite 163) Laut einigen Studien leiden bis zu 60 % der Manner, die regelmaBig Pornographie konsumieren, unter Erektionsstorungen. Uber 50 % der Konsumenten, die sich in einer Partnerschaft befinden, berichten von Problemen mit der Erektion bei ihrer Partnerin, nicht aber beim Konsum von Pornographie. Realer Sex kann mit den extremen optischen Reizen, wie sie in Pornos zu sehen sind, nicht mithalten, somit fallt es vielen Mannem schwer ihre Erektion und die sexuelle Spannung beim Sex mit einer Frau zu halten. Die Lust auf realen Sex nimmt einfach immer mehr ab, es entsteht ein sogenannter Appetenzmangel, weil der Appetit bereits durch die Masturbation gestillt wird. Da bei der Selbstbefriedigung vor einem Porno aber eine sehr einseitige mentale Fixierung stattfindet, kann es passieren, dass den Konsumentenlnnen allmahlich ihr Korpergefuhl verloren geht. Beim realen Sex wird die Reduktion der Beruhrungen auf die Geschlechtsorgane, Bruste und Po ubemommen und somit werden die Betroffenen immer unsensibler fur zartliche Beruhrungen und andere erotische Zonen des Korpers. Leimbach beobachtet bei vielen seiner Klientenlnnen narzisstische Zuge und selbstsuchtiges Verhalten. Bei der Masturbation geht es nur um den eigenen Lustgewinn und die eigene sexuelle Befriedigung. Die Frauen in Pomofilmen stellen keine Anspruche, auBern keine Wunsche und belasten das Gegenuber auch nicht mit ihren Problemen oder Emotionen. Auf dem Mann lastet beim Sex ein groBer Druck, weil von ihm viel abhangt. Beim Konsum von Pornographie braucht er jedoch keine Versagensangste haben, weil niemand eine Erwartung an ihn stellt. Die Fahigkeit und die Geduld sich auf die Lust und Bedurfnisse eines anderen Menschen einzustellen, geht dadurch immer mehr verloren. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 45- 53)

Was es den Betroffenen so schwer macht ihren Pomographiekonsum einzuschranken, sind die empfundenen Entzugserscheinungen, wie Erregungszustande, Angste, Zwangsgedanken, eine gesteigerte sexuelle Phantasietatigkeit, Schlafstorungen und vermehrte sexualisierte Traumaktivitat. (Vgl. Roth 2012, Seite 164) Besonders schlimm ist das Craving, der empfundene Suchtdruck. Deling beschreibt in seinem Buch, dass all seine Vorsatze, seine Einsicht und jegliche Ablenkungsversuche scheiterten und vergessen waren, sobald der Drang zu stark wurde. „Wenn der Zeitpunkt da ist und die Lust drangt, gibt es kein Halten.“ (Deling 2004, Seite 26)

Schmid beobachtet bei seinen mannlichen Klienten genau die gleichen Erscheinungen, wie die Autoren sie in ihren Buchern beschreiben. Die meisten Betroffenen, die in die

Beratungsstelle kommen, erleben Sexualitat nur noch als belastend, entwickeln sexuelle Storungen und haben neben ihrer virtuellen Sexualitat nur wenig bis keine reale Sexualitat mehr. Manche von ihnen hatten sogar noch nie sexuellen Kontakt mit einer Frau. Viele seiner Klienten erzahlen ihm, bei einer Frau nur sehr schwer oder gar nicht mehr eine Erektion zu bekommen. Sie leiden unter einem sehr geringen Selbstbewusstsein, fuhlen sich depressiv und antriebslos und isolieren sich selbst immer mehr. Alle berichten ihm aber, dass der Pornographiekonsum sie nicht tiefgreifend befriedigt und sie sich eigentlich sehnlichst realen sexuellen Kontakt mit einer Frau und eine Partnerschaft wunschen. (Experteninterview, 31.03. 2016)

3.5.3 Auswirkungen auf das Umfeld und eine Partnerschaft

Pornographiesucht hat, wie eigentlich alle anderen Suchte auch, nicht nur Einfluss auf die Betroffenen selbst, sondern betrifft meistens auch das Umfeld und die nachsten Personen. Am haufigsten betroffen sind naturlich die Partnerlnnen der Pomographiesuchtigen. Viele Betroffene berichten aber auch von Auswirkungen auf ihren Freundeskreis und auf die Arbeit. Wer beispielsweise nachtelang Pornos konsumiert, ist am nachsten Tag naturlich ubermudet und gereizt. Somit kann die Leistungsfahigkeit und Motivation am Arbeitsplatz abnehmen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 56)

In einer Studie kam heraus, dass 20 % der Manner und ebenso 13 % der Frauen, Pornographic wahrend der Arbeit konsumieren. 70 % der pornographischen Daten sollen an Werktagen zwischen 09:00 Uhr und 17:00 Uhr abgerufen werden, also hauptsachlich wahrend der Arbeitszeit. (Boettcher, Raik Rene, o.J.) Schmid hat mir in unserem Gesprach berichtet, dass viele seiner Klientenlnnen davon berichten Pornographic heimlich auf der Arbeit zu konsumieren. Oft konnen sie nicht lange konzentriert am Computer arbeiten, ohne immer wieder an Pornos denken zu mussen. (Experteninterview, 31.03.2016) Kuhn und Gallinat wiesen in ihrer Studie sogar nach, dass die Konzentrationsfahigkeit nach dem Konsum von Pomographie abnimmt und Leistungsdefizite zu merken sind. Dafur nehmen aber innere Unruhe, Nervositat, Reizbarkeit und Angstlichkeit zu. Irgendwann geht den Betroffenen das innere Gleichgewicht verloren, es fehlt ihnen an Ausgeglichenheit und Ruhe. (Vgl. Kuhn 2014, Seite 1- 7)

Gerade bei einem so sensiblen Thema wie der Sexualitat, sind die Partnerlnnen oft sehr stark betroffen und verletzt, wenn sie von dem Pornographiekonsum ihres Partners erfahren. Der regelmaBige Konsum von Pomographie hat Auswirkungen auf die Sexualitat und die Partnerschaft und oft bekommen in Familien auch die Kinder die Auswirkungen der Sucht zu spuren. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 15) Eine langandauemde, monogame und ausgeglichene Beziehung zu fuhren, ist an sich schon eine schwierige Herausforderung, an der man standig arbeiten und viel Kraft und Energie hineininvestieren muss. Ein GroBteil der Menschen in unserer Gesellschaft konsumiert Pomographie regelmaBig, auch in einer Partnerschaft. Was genau hat der Konsum fur Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten? Macht es den Sex in der Partnerschaft vielleicht aufregender und bringt neue Ideen in das Sexleben mit ein? Oder ist eher das Gegenteil der Fall? Kann jemand, der daran gewohnt ist, virtuell einen permanenten Partnerwechsel zu erleben, sich uberhaupt noch lange auf einen einzigen Sexualpartnerln einlassen und diese, diesen lange interessant und sexuell anziehend finden?

Kuhn schreibt in der Veroffentlichung ihrer Studie, dass verschiedenste Forschungen ergeben haben, dass durch regelmaBigen Pornographiekonsum die sexuelle Unzufriedenheit in Partnerschaften zunimmt und das Gesehene die eigenen sexuellen Vorlieben in der Partnerschaft beeinflusst. (Vgl. Kuhn 2014, Seite 2) Wie ich bereits zuvor erwahnt habe, berichten viele Betroffene, dass die Lust auf realen Sex mit den Partnerlnnen immer mehr abnimmt. Die Partnerin, der Partner bemerkt allmahlich, dass der andere immer mehr das sexuelle Interesse verliert, da der Sex meistens nur noch sehr mechanisch und gefuhllos ist. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 54) Viele Frauen beispielsweise berichten, dass sie beim Geschlechtsverkehr das Gefuhl haben, dass ihr Partner nicht wirklich bei ihnen ist, sondern mit seinen Gedanken ganz woanders. Aktuelle Studien belegen, dass sich die Bilder im Kopf einpragen und so schnell nicht mehr weg gehen. Beim Sex mit der Partnerin, dem Partner kommen die pornographischen Bilder immer wieder ins Gedachtnis und viele Manner mussen sich die Onaniephantasien in Erinnerung rufen um uberhaupt beim Geschlechtsverkehr eine Erektion zu bekommen und zum Orgasmus gelangen zu konnen. Besonders bei langen Beziehungen ist dies der Fall, weil das Neue und aufregende mit der Zeit verblasst. Durch den jahrelangen Pornographiekonsum ist man aber daran gewohnt von immer wieder neuen und aufregendenden Reizen stimuliert zu werden, was es umso schwerer macht eine lange monogame Beziehung zu fuhren. (Vgl. Roth 2012, Seite 33) Roth hat mit vielen Parternlnnen von Sex- und Pornographiesuchtigen gesprochen. Alle berichten ihm immer wieder die gleichen Gefuhle von Zuruckweisung, Betrogenheit, Herabwurdigung, Verlassenheit, Scham und Wut zu empfinden, nachdem sie vom Konsum des Partners, der Partnerin erfahren haben. Die meisten erleben das wiederholte Angelogen werden als Vertrauensbruch und stellen teilweise die gesamte vorherige Beziehung in Frage. (Vgl. Roth 2012, Seite 163) In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2002 wurden 1117 Amerikaner zur Pomographie befragt. Es kam heraus, dass etwa die Halfte der Befragten den Konsum von Pomographie mit einem realen Seitensprung gleichsetzt. (Vgl. Whitty o.J. zit. in Schirrmacher 2008, Seite 53) Deling schreibt in seinem Lebensbericht, dass er sich 24 Jahre seines Lebens regelmaBig zu pornographischem Material befriedigt hat, manchmal mit einigen Tagen Pause, manchmal zwei bis drei Mai pro Tag. 14 Jahre von diesen 24 Jahren lebte er in der Ehe mit seiner Frau. In der Anfangszeit, als er seine Frau kennerlernte, war er positiv gestimmt: „Jetzt habe ich’s geschafft. Ich brauche keine Bilder mehr, weil das schonste Bild einer Frau ja nun zu mir gehort.“ (Deling 2004, Seite 14) Nach einigen Wochen Ehe kam sein Verlangen nach Pomographie jedoch zuruck und seine Schamgefuhle wurden immer starker, weil es nun noch auBer ihm einen anderen Menschen betraf, seine Frau. Wolf Deling schreibt, dass er anfangs noch ein sehr erfulltes Sexleben mit seiner Frau hatte, doch seine sexuelle Lust nach ihr nahm immer mehr ab. Manchmal uberkam ihn selbst nach erfulltem Sex mit seiner Frau die Lust sich selbst zu befriedigen. Er entfernte sich auch emotional immer mehr von seiner Frau, bis er am Ende sogar ihre gemeinsame Liebe anzweifelte. (Vgl. Deling, Seite 7- 32) Am Ende des Buches kommt auch die Frau von Deling zu Wort. Sie beschreibt ihre Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefuhle, die sich in groBer Einsamkeit auBerten. Lange ahnte sie nicht woran das lag und was mit ihrem Mann los war, sie spurte nur, dass es etwas Unbekanntes gab, was sie nicht genau definieren konnte. Sie zweifelte lange Zeit an sich selbst und gab sich die Schuld fur die Entfremdung, die Lust- und Gefuhlslosigkeit in ihrer Ehe. Als sie dann langsam hinter die Ursache der Probleme zwischen ihnen kam, war dies erst ein riesiger Schock und ein Vertrauensbruch fur sie, mit der Zeit aber konnte sie ihre Unsicherheit uberwinden und zu ihrer Starke zuruck finden. (Vgl. Deling 2004, Seite 71- 76)

Manner verlieren manchmal mit der Zeit nicht nur den Respekt vor sich selbst, sondern auch gegenuber der Partnerin und vor Frauen im Allgemeinen, so Leimbach. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 55) Dies bestatigt auch schon eine Studie aus dem Jahr 2007, die besagt, dass Manner die sehr viele Pomos konsumieren gewisse Eigenschaften an ihrer Partnerin immer weniger schatzen, wie ihre menschliche Warme, Intelligenz oder Empathie. Laut der Studie reduzieren Manner Frauen immer mehr auf ihre auBeren, sexuellen Reize und ihre Attraktivitat. Sie beginnen Frauen nach ihrem Verhalten und ihren Korpem mit den Pornodarstellerinnen zu vergleichen und werden so immer unzufriedener. Manche Betroffene beschrieben darin, dass sie wenn sie eine attraktive Frau auf der StraBe sehen, sofort auf ihre sexuellen Reize fixiert sind und die Frau im Kopf als potentielle Sexpartnerin benutzt wird. (Your Brain On Porn, 2007)

3.5.4 Auswirkungen auf die Jugend- „Generation Internetporno“

Leimbach widmet sich in seinem Buch mit einem ganzen Kapitel der so genannten „Generation Porno“. Ich mochte ebenfalls in meiner Bachelorarbeit auf die spezielle Betroffenheit der Jugendlichen und Kinder von Pornographie eingehen, weil ich in diesem Bereich, besonders bei der Prevention, wichtige Aufgaben und Herausforderungen fur die Soziale Arbeit sehe. Pornographie gab es in jeder Generation, sie ist nicht nur ein Thema der heutigen Jugend. Laut Leimbach hatte „das Blattern in Heften oder der heimliche Blick in ein Pornovideo“, (Leimbach 2015, Seite 15) jedoch nicht die eigene Sexualitat und den Alltag der Jugendlichen so sehr gepragt, wie es heute, durch die Entwicklung des Internets, der Fall ist. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 15) Deswegen habe ich mich auch ganz bewusst dazu entschieden, sie in die „Generation Internetporno“ umzubenennen.

Pornographische Videos und Pomohefte durften damals auch erst an Jugendliche ab 18 Jahren verkauft werden, es kostete denjungen Menschen also etwas mehr Aufwand an das Material zu gelangen. Durch die Entwicklung des Internets fallt dieser Schutz jedoch weg. Statistisch gesehen fragen nur drei Prozent aller Sexseiten im Internet nach dem Alter. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 24) Das ist einer der Grunde, weswegen viele der jungen Menschen oft auch ungewollt auf ihren ersten Pornofilm stoBen. Aktuelle Studien besagen, dass der Erstkontakt der Kinder und Jugendlichen mit Pornographie immer fruher wird (Vgl. Roth 2012, Seite 9). Die Herausgeber der Internetseite „netzsieger.de“, kommen zu dem Ergebnis, dass Jugendliche mit elf Jahren im Durchschnitt ihren ersten Kontakt mit Internetpornographie haben. (Boettcher, Raik Rene, o.J.) Laut einer anderen Studie, konsumiert bereits die Halfte alle 13- Jahrigen regelmaBig Pomos im Internet. (Evers, Marco, 07.04.2014)

Prof. Dr. Petra Grimm, die Ethikbeauftragte der Hochschule fur Medien in Stuttgart hat Schulerlnnen zu ihrem Erstkontakt mit Pornographie befragt. Viele Jugendliche berichteten ihr, dass ihr erster Kontakt meist uber Links von Freunden und uber Soziale

Netzwerke eher ungewollt stattfand und viele daher sehr unvorbereitet traf. Die haufigste Reaktion bei den jungen Menschen ist meist ein Gefuhl des Schocks und der Verstorung, was sich mit Scham und Peinlichkeit mischt. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 61)

Viele meiner Freunde, mit denen ich uber ihren Erstkontakt mit Pornographie sprach, bestatigten mir dies. Ihren ersten Porno, den sie meist bei Freunden gezeigt bekamen, empfanden sie erst mal als ekelhaft und verstorend. Diese intensiven sexuellen Reize uberfordem die Verarbeitungsfahigkeit der Kinder, die sich teilweise noch vor der Geschlechtsreife befinden. (Vgl. Roth 2012, Seite 9) Erstaunlich ist, dass diese ersten Gefuhle des Ekels aber relativ schnell einem Gefuhl von Erregung weichen. Die Jugendlichen gewohnen sich allmahlich an die Bilder und es setzten unbewusste sexuelle Konditionierungs- und Kompensationsprozesse, beispielsweise in Form von kindlicher Selbstbefriedigung, ein. Diese konnen zum Baustein einer spateren Sexsucht werden. (Vgl. Roth 2012, Seite 9) Ein Klient von Leimbach berichtete ihm von seinem traumatischen und schockierenden Erstkontakt mit einem Hardcore- Pomofilm. Heute ist der Mann pomosuchtig, konsumiert die Filme mehrmals taglich und versucht durch ein Coaching bei dem Autor von seiner Sucht loszukommen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 66) Laut Schirrmacher hat der Pornographiekonsum auch erhebliche Auswirkungen auf das Verhutungsverhalten der Jugendlichen. Schwedische Forscher befragten 300 Patientenlnnen an einer Urogenitalklinik in Schweden. 99% der Befragten, konsumierten Pornographie, von denen 53% angaben, dass der Konsum ihre Sexualitat beeinflussen wurde. Nur 17 % der Befragten verhuteten regelmaBig mit einem Kondom. (Vgl. Schirrmacher2012, Seite 63)

Wie ich bereits erwahnt habe, haben wir mit unserem Kurs bei Herr Dr. Essers im funften Semester eine Schulklasse besucht. Die Schulerlnnen wurden in einer altersgemischten Klasse unterrichtet und waren zwischen 12 und 16 Jahren alt. Wir haben mit den Schulerlnnen eine neunzigminutige Projekteinheit zu dem Thema der Computer- und Internetsucht durchgefuhrt. In einem Spiel haben wir den Schulerlnnen verschiedene Aussagen vorgelesen, bei denen sie aufstehen mussten, wenn diese auf sie zutreffen. Das Thema der Internetpornographie haben wir nur einmal ganz vorsichtig am Rande mit angeschnitten, doch dies reichte schon aus, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Bei der Aussage: „Ich habe schon mal Material im Internet konsumiert, welches fur mein Alter eigentlich noch nicht geeignet ist.“, sind alle Jugendlichen, auBer einem Jungen, aufgestanden. Die Schulerlnnen tuschelten direkt los, kicherten und es fiel mehrmals das Wort „Porno“. Die anderen Schuler riefen dem einzigen Jungen, der nicht aufgestanden war zu, dass er sich ja wohl schon einmal einen Porno angesehen habe. Auch er musste dann schmunzeln und stand ebenfalls auf. Es gab also demnach keinen einzigen Schuler in der Klasse, der noch nie pomographisches oder gewalttatiges Material im Internet angesehen hatte. Fur uns war das eine ziemlich interessante Feststellung und wir waren generell positiv uberrascht daruber, wie offen die Jugendlichen dem Thema Intemetsucht gegenuberstehen. Schmid berichtete mir ebenfalls, dass die meisten der Betroffenen, die in die Beratungsstelle kommen, bereits im fruhen Jugendalter mit dem Pornographiekonsum begonnen hatten. Viele Betroffene schildem ihm in den Beratungsgesprachen, bereits mit elf Jahren das erste Mai eher ungewollt mit Pomographie in Kontakt gekommen zu sein. Schmid beobachtet immer wieder bei seinen Klientenlnnen, dass sie teilweise auch als Erwachsene noch jugendliche Verhaltensweisen zeigen. Das Ziel in der Beratung ist es, diese aufzudecken und in einer langfristigen Therapie nachzureifen. (Experteninterview, 31.03.2015)

Pomographie scheint heutzutage fur die meisten Jugendlichen anscheinend vollig normal und zu einem Teil ihres taglichen Medienkonsums geworden zu sein. Viele wachsen selbstverstandlich mit Pomographie auf und masturbieren jahrelang zu Pomographie im Internet bevor sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 60) Zweidrittel aller Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren konsumieren regelmaBig Pomographie im Internet, jeder funfte Junge sogar taglich. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 24)

Was aber wird den Jugendlichen in Pomos uber Sexualitat vermittelt? Die meisten Pornos, die im Internet angesehen werden sind Hardcore- Pomofilme, in denen man die Protagonisten beim Oral-, Anal-, Gruppensex oder anderen sexuellen Praktiken sehen kann. Zwischen den Sexualpartnerlnnen findet so gut wie keine Zartlichkeit statt, kein vorsichtiges Annahern, Herantasten, Kussen und Streicheln, die Jugendlichen bekommen hier keine wahre Intimitat oder Kommunikation zu sehen. Meistens wechseln die Schauspielerlnnen nur kurz einige Worte miteinander, bevor es dann ziemlich schnell zum Sex kommt. Was den Konsumentenlnnen vermittelt wird ist beziehungsloser Sex mit standig wechselnden Sexualpartnerlnnen, Sex der keine Grenzen oder Tabus kennt. Was aber hat das Gesehene mit dem realen Leben und Erleben der Jugendlichen zu tun? Die Jungen und Madchen befinden sich eigentlich gerade in einer Phase der Identitatssuche und der Ich- Findung. Die Pubertat ist die Phase in der die Sexualitat erwacht, die Jugendlichen fangen an miteinander zu flirten und sich vorsichtig aneinander anzunahem, erste Kusse und Streicheleinheiten bis hin zum Petting und dem ersten Sex werden normalerweise ausgetauscht. Welche Auswirkungen aber hat dieser Kontrast zwischen dem, was die Jugendlichen in der Pornographie sehen und dem, was sie spater in ihrer realen Sexualitat erleben? Konnen junge Menschen das eine von dem anderen trennen? Einige Sexualwissenschaftler trauen es den Jugendlichen zu, dass sie zwischen der virtuellen Pornographiewelt und der realen Sexualitat unterscheiden konnen. (Vgl. Roth 2012, Seite 158) Leimbach hingegen ist der Meinung, dass die soziale Kompetenz und das Beziehungsverhalten derjungen Menschen durch den Konsum von Pornographie erheblich gestort wird. Seiner Auffassung nach wird der Einstieg in die Sexualitat immer schwieriger, je mehr Pornos die Jugendlichen konsumiert haben, bevor sie eigene sexuelle Erfahrungen machen. Je fruher Pornographie konsumiert wird, desto mehr gewohnt sich das Nervennetz im Gehim an die unnormale Stimulation durch die Videos und Bilder. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 60- 69) „Die Bilder sickern ins Gehirn und pragen die eigenen Vorstellungen und Erwartungen an Sex, ob die Jugendlichen das wollen oder nicht.“, so Leimbach. (Leimbach 2015, Seite 65) Er hat die Erfahrung gemacht, dass es fur Betroffene, die bereits im fruhen Jugendalter mit dem Pomographiekonsum begonnen haben, viel schwerer ist von der Sucht loszukommen. Erwachsene, die bereits selbst Beziehungserfahrung gesammelt haben, konnen die virtuelle Welt der Pornographie viel besser von der realen Sexualitat trennen, als dies bei den Jugendlichen der Fall ist. Ihnen fehlt jeglicher Erfahrungshintergrund und sie nehmen viel schneller das Gesehene als ihre eigenen Erwartungen an Sexualitat an. Naturlich fallen durch Pornographie einige Tabus weg und der Umgang mit Sexualitat wird offener, was aber nach der Meinung des Autors die Jugendlichen nicht freier oder sicherer macht, sondern sie im Gegenteil unter Druck setzt und ihnen MaBstabe und Ziele vor Augen halt, die unrealistisch sind und beim realen Sex niemals erreicht werden konnen. Die Jungen stehen bei den ersten Kontakten mit einem Madchen unter erheblichem Leistungsdruck und sind uberfordert. Sie haben falsche Erwartungen an das Gegenuber und sind vollig verunsichert im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Ebenso rufen MaBstabe, wie perfekt geformte Korper, optische sexuelle Reize, die stetige Bereitschaft zum Sex und zur Befriedigung des Mannes oder schnelle und einfache Orgasmen, an denen Frauen in der Pornographie gemessen werden, bei den jungen Madchen Minderwertigkeitsgefuhle und Unsicherheiten hervor. Gefuhle, wie Verspieltheit, Unsicherheit oder Schuchternheit, die gerade in der Erkundungsphase der Sexualitat und in den ersten Annaherungsversuchen mit einem anderen Menschen ganz normal sind, sucht man in Pornofilmen vergebens. Die Folgen davon sind laut Leimbach, dass immer mehr Jugendliche sich ganz aus der realen Sexualitat zuruckziehen, keine

Beziehungen mehr eingehen und ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen erst sehr spat machen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 60- 69)

Der Autor halt es fur besonders wichtig, dass die Jugendlichen nicht sich selbst uberlassen werden, sondern Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen mit den Kindern und Jugendlichen die Thematik besprechen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 17) Die Elternbeziehung spielt nach der Meinung des Autors bei der eigenen spateren Sexualitat und dem eigenen Beziehungsverhalten eine groBe Rolle. Die Elternbeziehung kann einen starken Gegenpol zur Pornographic bilden, wenn sie dem Kind eine liebevolle und leidenschaftliche Beziehung vorleben, in der lebendige Sexualitat und Liebe gelebt werden. Die Aufklarung und Information derjungen Menschen uber Pornographic und ihre moglichen Folgen ist wichtig. Noch entscheidender und pragender ist, nach Leimbachs Meinung, aber das Konzept von Sexualitat und Partnerschaft, was die Eltern oder andere Bezugspersonen den Jugendlichen vorleben. Nicht jedes Kind wachst in einem liebevollen Elternhaus auf indem offen uber Liebe, Sexualitat und Partnerschaft gesprochen wird. Die Soziale Arbeit kann hier ansetzen und eine wichtige Rolle bei der Aufklarung spielen.

Ich habe die Auswirkungen von Pomographie auf die unterschiedlichen Bereiche, wie das Gehirn, die psychische Verfassung, eine Partnerschaft, das Umfeld des Betroffenen oder das Alter des Erstkontaktes, ganz bewusst sehr genau beschrieben, weil ich denke, dass es sehr wichtig ist sich uber das AusmaB der Auswirkungen bewusst zu sein, um die Beratungs- und Therapieangebote auch passend darauf abstimmen zu konnen.

3.6 Wege aus der Sucht- Therapie- und Beratungsansatze

Schmid hat mir in unserem Gesprach erzahlt, dass bei fast alien seiner Klientenlnnen, die pomographiesuchtig sind, das ganz klare Ziel die Abstinenz ist, wahrend es bei den Computerspielsuchtigen meistens eher um eine Einschrankung des suchtigen Verhaltens geht. Die meisten der Betroffenen konsumieren aber erst einmal noch anderes Bildmaterial weiter, wie DVDs oder Pornohefte und versuchen nur das Internet zu meiden. Dies fuhrt dann schon zu einer ersten Eindammung der Sucht. Da die Betroffenen die Internetpornographie meiden, besteht nun eine viel groBere Hemm- und Uberwindungsschwelle um der Sucht nachzugehen. Das Material ist nicht mehr kostenlos und unbeschrankt verfugbar, wie es beim Internet der Fall war. Die Betroffenen mussen nun beispielsweise das Haus verlassen, um sich DVDs auszuleihen und Geld investieren. (Experteninterview, 31.03..2016)

Roth ist der Auffassung, dass bei jeder Sucht am Anfang immer die gleiche Vorgehensweise notig ist: „Die Droge muss aus dem Haus.“ (Roth 2012, Seite 166) Er empfehlt in Anwesenheit einer Vertrauensperson alle, mit der Sucht in Verbindung stehenden Mittel, zu entfernen. Bei der Pornographiesucht ware dies beispielsweise die Entfemung der Webcam, Loschen von entsprechenden Adressen und sexuellen Inhalten oder die Kundigung jeglicher Abonnements. Bei einem sehr schweren Suchtverlauf empfiehlt der Psychotherapeut sogar zu hinterfragen, ob uberhaupt ein Computer benotigt wird und diesen, wenn moglich, ganz abzuschaffen oder wenigstens den Online- Anschluss. (Vgl. Roth 2012, Seite 166) Naturlich ist dies ein sehr radikaler Weg, der nicht bei jedem funktionieren wird. Ein erster Fortschritt ist es, seinen Konsum schon mal etwas einzuschranken, sich ein Zeitlimit zu setzen, von beispielsweise 10- bis 15 Minuten. So kann man sein Suchtverhalten etwas begrenzen und ein wenig die Kontrolle zuruck gewinnen. Eine Moglichkeit ist zum Beispiel auch das Datenvolumen auf dem Smartphone zu begrenzen, damit es nach einigen Minuten Pomographiekonsum aufgebraucht ist und man nicht in Versuchung gerat mehrere Stunden damit zu verbringen. Ein weiteres wirksames Mittel ist es einen Porno- und Sexfilter auf dem Computer bzw. dem Smartphone zu installieren. Am besten gibt dann eine Vertrauensperson das Password dafur ein, damit man selbst nicht in Versuchung geraten kann es zu umgehen. Leimbach schlagt seinen Klientenlnnen oft vor ein Sex- Tagebuch zu fuhren, in dem man ganz genau seinen Pomographiekonsum und andere sexuelle Aktivitaten, die Haufigkeit, Dauer, die Gefuhle dabei und danach, dokumentiert, um einen realistischen Uberblick uber sein eigenes Sexualverhalten zu bekommen. Der Autor rat seinen Klientenlnnen wieder bewusster zu leben, in sich hinein zu fuhlen und sich Zeit fur sich selbst zu nehmen, um wieder einen Zugang zu den eigenen Gefuhlen zu bekommen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 188- 197)

Die meisten KlientenInnen bei „Lost In Space“ bekommen erst mal nur eine Einzelberatung, da das Thema fur die Gruppentherapie zu schambelastet und intim ist und die Betroffenen erst mal Vertrauen zu ihrem Berater, ihrer Beraterin aufbauen mussen. Spater findet die Einzelberatung dann nur noch alle zwei Wochen statt und wird immer seltener, die Moglichkeit an der Gruppentherapie teilzunehmen besteht dann wochentlich. Schmid hat mir berichtet, dass die anderen Personen in der Gruppe auf das Thema Pornographiesucht meistens sehr tolerant reagieren und in den gemeinsamen Gesprachen viel Verstandnis fureinander zeigen. Die durchschnittliche Dauer der Beratung ist ein

viertel bis ein halbes Jahr, die Beratung kann aber auch bis zu maximal einem Jahr andauern. Die Sozialarbeiterlnnen der Beratungsstelle stellen den Betroffenen viele Fragen und versuchen die Dinge ganz klar zu benennen und bei Unverstandnis genau nachzufragen. Es werden auch Fragen nach dem Sexleben und dem

Masturbationsverhalten gestellt. Bei diesem sensiblen Thema der Pornographiesucht werden die Klientenlnnen nur von gleichgeschlechtlichen Sozialarbeiterlnnen beraten und betreut, es sei denn sie wunschen es sich anders. (Experteninterview, 31.03.2016)

Wenn die Betroffenen in einer Partnerschaft oder mit anderen Familienangehorigen zusammen leben, spielt der Standort des Computers eine groBe Rolle. Am besten steht er im Wohnzimmer, wo der Bildschirm jederzeit fur jeden im Haus sichtbar ist. Im Idealfall nutzen die Betroffenen den Computer dann nur noch, wenn ein anderes Familienmitglied anwesend ist. Roth schlagt seinen Klientenlnnen meistens vor, einen schriftlichen Gesundungsplan, der aus drei Spalten besteht, zu fuhren. In der ersten Spalte werden alle Online Sexaktivitaten aufgelistet, die problematische Auswirkungen auf das Leben haben. In der zweiten Spalte listet man alle Auslose- und Risikosituationen auf, die die Abstinenz gefahrden konnten. Wenn die Betroffenen diese kennen und benennen konnen, ermoglicht es ihnen sich ein Fruhwarnsystem aufzubauen. Positive Verhaltensweisen und Bedurfnisse, die in der Vergangenheit eventuell vernachlassigt wurden, werden in einer dritten Spalte aufgelistet. (Vgl. Roth 2012, Seite 166-168) All dies sind Strategien und Methoden, die man als Sozialarbeiterln in der Beratung sehr gut gemeinsam mit den Klientenlnnen entwickeln und durchfuhren kann. Als Sozialarbeiterln kann man so den Betroffenen gut zur Seite stehen und sie auf ihrem Weg begleiten. In den meisten Fallen reichen diese spezifischen, rein symptomorientierten MaBnahmen aber nicht aus, da der Sucht meist komplexere Ursachen und Themen, wie ich sie zuvor beschrieben habe, zugrunde liegen. Um diese zu erkennen, aufzuarbeiten und wirklich langfristig von dem suchtigen Verhalten loszukommen, ist eine tiefgreifende Therapie notig. Schmid hat mir dies in unserem Gesprach bestatigt. Die Beratung dient nur dazu bei den ersten Schritten zur Abstinenz zu begleiten und zu unterstutzen, die meisten beginnen dann parallel dazu eine Therapie. Die Sozialarbeiterlnnen von „Lost in Space“ helfen den Betroffenen bei der Therapeutensuche. Laut Schmid gibt es bei der Pornographiesucht generell gute Behandlungsmoglichkeiten. Die Motivation der Klientenlnnen und der starke Wille etwas in ihrem Leben zu verandern, sind seiner Erfahrung nach die entscheidenden Kriterien, um langfristig suchtfrei zu werden. (Experteninterview, 31.03.2016)

Deling beschreibt in seinem Lebensbericht seinen langen leidvollen Weg, weg von der Pornographie. Immer wieder hat er versucht von seiner Sucht loszukommen und ist immer wieder neu gescheitert. Irgendwann, als er schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, hat er verzweifelt auf einen See geblickt, der auBer einiger kleiner Locher fast vollstandig zugefroren war. Dieses Naturbild zeigte ihm, dass es doch noch Hoffnung gibt, so ausweglos die Situation auch zu sein scheint und es war dieser eine entscheidende Moment, in dem er den Entschluss fasste, grundlegend etwas in seinem Leben zu andern. Deling suchte sich daraufhin einen Psychotherapeuten, der ihn auf seinem Weg begleitete und mit dem er aufarbeitete, wie es dazu kommen konnte, dass er zu einem „Getriebenen“ wurde, der sein Leben nicht mehr selbst lenken und steuern konnte. Insgesamt dauerte die Therapie zweieinhalb Jahre an und es kam auch immer wieder zu Ruckschlagen. Die Therapie aber half ihm, diese auch anzunehmen und nicht aufzugeben und irgendwann erkannte er, dass hinter seiner Sucht eigentlich eine tiefe Sehnsucht steckt. Eine Sehnsucht nach innerer Erfullung, die er vergebens in der Selbstbefriedigung gesucht hatte. Mit ihr hatte er versucht den Mangel an Liebe, Geborgenheit, Zuneigung und Wertschatzung aufzufullen. Letztendlich wuchs seine innere Leere aber immer mehr und half ihm nicht zu dem Menschen zu werden, der er eigentlich im Innersten war. Durch die Selbstbefriedigung erfuhr Deling eine schnelle Triebbefriedigung, eine oberflachliche Trostung, bei der er innere Spannungen und Zerrissenheit nicht lange aushalten musste, sondern schnell abbauen konnte. Irgendwann lemte er mithilfe der Therapie sein Mangelempfinden nicht einfach nur kurzfristig zu stopfen, sondern manchen seelischen Schmerz erst einmal auszuhalten. Mit der Zeit fand Deling sein eigenstandiges, mundiges Ich, dass unabhangig von der Anerkennung anderer ist. Ein Ich, das selbst entscheidet, was es tun will und was nicht, ein Ich, uber das er selbst die Kontrolle hat, ein Ich, das wirklich frei ist. Wirklich loskommen von seiner Sucht konnte Deling aber erst, als er auch diese Teile seines Ichs, die Pomographiesucht, das Verlangen, den Trieb in sich, seine eigenen Defizite, annehmen und akzeptieren konnte. Er wurde erst wirklich frei, als er aufhorte gegen diesen Teil in sich selbst anzukampfen. (Vgl. Deling 2004Seite 37- 52)

Roth schreibt in seinem Buch, dass sich das Gehim im Laufe des Lebens durch seine Plastizitat verandert. So konnen zum Beispiel die Hirnstruktur und die Stressachse durch belastende Erlebnisse oder Traumata in ihrer Funktionalitat geschadigt werden. Aber auch das Denken hat einen messbaren Effekt auf die Aktivierung bzw. die Dampfung des limbischen Systems. Somit konnen beispielsweise durch Psychotherapie oder andere helfende Lebensereignisse, unausloschliche traumatische Erinnerungen, die im

Mandelkern zwar gespeichert bleiben, uber das GroBhim gedampft und abgeschwacht werden. (Vgl. Spitzer 2008 zit. in Roth 2012, Seite 80) Der Verstand des Menschen kann also uber seine Angst siegen. Der Autor schlussfolgert daraus, dass auch die Sexsucht und die Sucht nach Pomographie veranderbar und verlernbar sind. Es ist moglich, dass die Betroffenen wieder einen neuen und anderen Umgang mit sexuellen Reizen erlernen konnen. (Vgl. Roth 2012, Seite 81)

4. Einordnung der Problematik in den gesellschaftlichen Kontext

4.1 Auswirkungen auf die Gesellschaft

Im Laufe meiner Arbeit habe ich mir nicht nur die Frage gestellt, welche Auswirkungen die alltagliche Konfrontation mit Pomographie auf das Individuum, sondern auch auf die Gesellschaft hat. Hierbei hat mich auch besonders die Frage interessiert, welchen Einfluss Pomographie auf das asthetisch und sexuelle Empfinden der Gesellschaft hat.

Wie ich im Einleitungsteil bereits erwahnt habe, begegnet uns Pomographie nicht nur auf Sexseiten im Internet oder in Pornoheften, sondern sie scheint viele Teile der Gesellschaft durchdrungen zu haben. Wenn man einmal bewusst darauf achtet, wo einem Pomographie im alltaglichen Leben uberall begegnet, fallen einem beispielsweise unzahlige Werbeplakate mit halbnackten Frauen und Mannem auf. Viele Industriezweige, wie die Mode-, Kosmetik oder Automobilbranche werben mit Erotik fur ihre Produkte.

Thomas Schirrmacher kritisiert die „Pornographisierung der Gesellschaft“ (Schirrmacher 2008, Seite 13) in seinem Buch, seiner Meinung nach verschwimmen immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit Pomographie. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 13) Schuld an dieser Entwicklung haben fur ihn vor allem die Geschaftemacher der Pornoindustrie, der Werbung und der Medien, aber auch die Millionen von Konsumenten und Nutzem, die diese Industriezweige durch ihren Konsum unterstutzen und finanzieren. Schirrmacher schreibt in seinem Buch, dass pro Sekunde uber 3000 Dollar fur Internetpornographie ausgegebenwerden. (Vgl. Schirrmacher2008, Seite 19)

Roth ist der Auffassung, dass „der Technikwandel auch einen Wertewandel im Bereich der Sexualitat nach sich gezogen hat“. (Roth 2012, Seite 156) Pornographie beeinflusst nicht nur die sexuellen Bedurfnisse der Menschen, sondem auch ihr sexuelles Empfinden von Asthetik und Erotik. Dieses wird beispielsweise durch die Schlankheit, GroBbrustigkeit und die rasierten Genitalien der weiblichen Pornodarstellerinnen verandert und neu normiert. Viele Manner und Frauen rasieren sich heutzutage selbst ihre Genitalien und es gibt auch immer haufiger Frauen, die Schonheitsoperationen, wie BrustvergroBerungen oder Schamlippenverkleinerungen, vomehmen. Nach der Meinung des Autors hat das aktuelle Schonheitsideal und das Empfinden, von dem, was man sexuell asthetisch findet, seinen Ursprung in der Pomographie. (Vgl. Roth 2012, Seite 157)

Das Schonheitsideal in der Gesellschaft, also dass was man als asthetisch und schon empfindet, ist individuell gepragt, es wird sicher aber auch durch gesellschaftliche Faktoren beeinflusst. Dabei spielen Pomographie, die Medien und die Werbebranche meiner Meinung nach eine groBe Rolle. Wenn man damit aufwachst und taglich mit einem bestimmten Schonheitsideal konfrontiert wird, gewohnt man sich mit der Zeit an das, was man sieht und empfindet es als normal. Selten hinterfragt man sein eigenes Schonheitsideal und vor allem woher das eigene Empfinden von Asthetik kommt und wodurch es beeinflusst wird. Wenn man also taglich nur wohlgeformte und perfekt proporzunierte Korper sieht, hat das sicher einen Einfluss auf das eigene Schonheitsempfinden, man vergleicht sich automatisch und setzt ich selbst unter Druck. Mit den da gebotenen Idealbildem konnen Manner und Frauen im realen Leben aber nicht wirklich konkurrieren und wenn nur fur eine relativ kurze Zeit und mit einem groBen Aufwand. Durch Konkurrenzgedanken und den standigen Vergleich mit den makellosen Korpem, konnen Minderwertigkeitsgefuhle, Selbstzweifel und Enttauschungen entstehen, was nicht nur Einfluss auf das einzelne Individuum hat, sondern auch auf zwischenmenschliche Beziehungen innerhalb der Gesellschaft. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 42)

Ich stelle mir immer wieder die Frage, wieso nicht viel mehr „normale“ Models in der Werbung oder den Medien vorkommen, Frauen beispielsweise mit etwas weniger Busen, etwas mehr Korpergewicht oder anderen Makeln, Menschen mit denen sich die Konsumentlnnen auch wirklich identifizieren konnen. Wieso haben die meisten Frauen in Pornofilmen groBe, kunstliche, operierte Bruste, sind braun gebrannt, schlank gebaut und wieso sind die meisten mannlichen Darsteller durchtrainiert und haben einen ubergroBen Penis? 1st das wirklich das, was unsere Gesellschaft als attraktiv und erotisch empfindet? Wo bleibt da die Individualist, die Personlichkeit, die Unterschiedlichkeit der Asethik und der Erotik? Es stellt sich mir die Frage, ob die Pornoindustrie sich mit ihrem Material den Wunschen der Konsumentenlnnen angepasst hat oder ob umgekehrt die Konsumentenlnnen allmahlich von der Pornoindustrie konditioniert wurden und letztendlich das sexuell erregend finden, was ihnen vorgegeben wird?

Nicht nur Feministinnen, sondem auch einige Autorenlnnen kritisieren, dass die Darstellung der Frau in der heutigen Pornographie ein Ruckschritt in der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist. In dem meisten pornographischen Material werden Sexualpartnerlnnen, meistens die Frauen, zu Erfullungsgehilfen der eigenen Lust gemacht, die jederzeit verfugbar sind. Sie haben kein eigenes Mitspracherecht, auBem keine Wunsche oder Anforderungen. In der massentauglichen Pornographie findet keine Kommunikation, kein Austausch, keine Diskussion statt. Schirrmacher bedauert diese Entwicklung sehr, da die Emanzipationsbewegung gerade erreicht hatte, Frauen in der Sexualitat als selbstbewusste Personlichkeiten mit Mitspracherecht und eigenen Vorlieben und Wunschen wahrzunehmen. Dies wird jedoch durch die gezeigte Pornographie im Internet und das damit vermittelte Bild der Frau wieder ins Gegenteil gewandelt. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 45)

Leimbach sieht die Grunde fur die Entwicklung einer Pornographiesucht hauptsachlich in der eigenen Personlichkeit und der individuellen Biografie der Person begrundet. Dadurch erklart sich seiner Meinung nach aber nicht der rasant ausbreitende Pornographiekonsum in der Gesellschaft. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 115) Einige Grunde, wie die rasante Entwicklung des Internets oder das selbstverstandliche Heranwachsen junger Menschen mit Pornographie, habe ich bereits genannt. Leimbach fuhrt in seinem Buch noch einen weiteren Grund auf und zwar die Veranderungen des Rollenverhaltens von Mann und Frau in Beziehungen. Manner werden seiner Meinung nach immer mehr feminisiert und Frauen immer maskuliner in ihrer Rolle, was sich negativ auf Liebesbeziehungen und die Sexualitat auswirkt. Der Autor hat in seiner Arbeit mit Mannem die Erfahrung gemacht, dass „virtueller Sex und einsames Masturbieren“ (Leimbach 2015, Seite 115) immer mehr die korperliche und emotionale Nahe zwischen zwei Menschen ersetzt. Seiner Meinung nach fluchten die Manner sich geradezu in die Pornographie, was eine Folge der geschlechtlichen Neutralitat ist, die durch „falsch verstandenen Feminismus und die Gender- Mainstream- Bewegung“ (Leimbach 2015, Seite 115) kommt. Wahrend Schirrmacher das Gefuhl hat, dass durch Pornographie die feministische Bewegung einen Ruckschritt erlebt, ist Leimbach der Meinung, dass gerade diese Bewegung ein Ausloser fur den massenhaften Pornographiekonsum in unserer Gesellschaft sein konnte. Die geschlechtliche Neutralitat nimmt seiner Meinung nach der Erotik die Spannung, die durch die Unterschiede des weiblichen und mannlichen lebt. Wahrend sozusagen die Rollen im realen Leben immer mehr verschwimmen, gibt es in der Pornowelt noch ganz klare und klassische Rollenverteilungen. Hier ist der Mann der Dominante und Bestimmende und die Frau die Ergebene, die sich dem Mann unterwirft und sich ihm hingibt. Fur Leimbach sind die hohen Zahlen von Mannern, die Pornographie konsumieren, ein Zeichen dafur, dass sie sich nach dieser klaren Rollenverteilung sehnen. Die Entwicklung ist seiner Ansicht nach ein Symptom der existierenden sexuellen und partnerschaftlichen Probleme unserer Gesellschaft. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 115- 117) Einerseits kann ich diese Sicht des Autors nachvollziehen, aber ich stelle mir die Frage, ob es nicht auch umgekehrt sein konnte. Also dass der Pornographiekonsum nicht die Folge, sondern die Ursache von sexuellen und partnerschaftlichen Problemen ist. Ich denke, dass beides der Fall ist und sich Ursachen und Folgen gegenseitig bedingen. Sicher fuhren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dazu, dass sich einige Menschen in die Pornographiewelt fluchten. Der Pornographiekonsum lostjedoch nicht die existierenden partnerschaftlichen Probleme, sondern verstarkt sie noch und fuhrt zu wieder neuen. Die Folge davon ist, dass Liebesbeziehungen immer kurzlebiger werden und es immer mehr Langzeitsingles gibt. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 116) Diese Entwicklung thematisiert nicht nur Leimbach in seinem Buch. Es gibt momentan viele Autoren, die sich mit der Beziehungsunfahigkeit unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Ein Beispiel dafur ist das Buch „Generation Beziehungsunfahig“ von Michael Nast, das ein wahrer Verkaufsschlager ist. Der Autor halt mittlerweile Lesungen und Vortrage in vielen Stadten Deutschlands in groBen Hallen und Stadien mit bis zu 1500 Sitzplatzen zu dem Thema. Michael Nast erwahnt das Thema Pornographie nur am Rande, ihm geht es vielmehr um die Selbstverliebtheit einer ganzen Generation. Seiner Meinung nach existiert in der heutigen Gesellschaft eine extrem Ich- Bezogene Haltung, bei der jeder nur sich selbst im Mittelpunkt sieht. Die Partnerlnnen mussen in das eigene Lebenskonzept hineinpassen. Es wird nicht mehr aus einem „Wir“ entschieden, sondern aus einem „Ich“ heraus und wenn der andere da nicht hinein passt, wird eben schnell uber Dating- Apps, wie beispielsweise „Tinder“ ein neuer Partner, eine neue Partnerin gesucht Ein GroBteil bleibt lieber gleich ohne eine feste Beziehung, um sich nicht auf einen anderen Menschen einstellen zu mussen und seine Unabhangigkeit nicht zu verlieren. (Armbruster, Claudio, 04.04.2016) Die hohen Verkaufszahlen des Buches zeigen, dass das Problembewusstsein und das Interesse an diesem Thema durchaus in der Gesellschaft vorhanden ist. Schirrmacher ist sogar der Auffassung, dass Pornographie ganze Familien zerstoren kann und den Wunsch nach einer Familiengrundung und eigenen Kindem mindert. Er sieht in dem Wunsch nach einer Familie und dem gleichzeitigen

Konsum von Pomographie einen groBen Kontrast. Kinder aufzuziehen bedeutet viel Zeitaufwand, Energie und ein Stuck weit die Einschrankung der personlichen Freiheit. Dies steht aber der Suche nach standig neuen sexuellen Geschlechtspartnerlnnen und sexuellen Abenteuern, wie es seiner Meinung nach die Pomographie vermittelt, im Weg. (Vgl. Schirrmacher2008, Seite61)

Einige Unternehmen entwickeln momentan stimulierende elektronische Hilfsmittel, die einen Penis und eine Vagina nachbilden sollen. Diese konnen dann von Online Partnerlnnen wechselseitig online gesteuert werden. Dadurch ware dann vollstandig der Durchbruch der virtuellen Cybersexerfahrung gelungen. (Vgl. Roth 2012, Seite 156) Dann ist virtuelle Sexualitat mit einem anderen Menschen moglich, ohne sich gegenseitig zu beruhren, sich zu fuhlen, zu riechen und zu schmecken.

Das einsame Masturbieren vor Pomographie scheint in diese Generation ganz gut hinein zu passen, denn dabei wird Selbstbezogenheit und Abkapselung noch mehr verstarkt, was die Beziehungsunfahigkeit aber immer mehr schwacht. (Vgl. Roth 2012, Seite 30) Schirrmacher schreibt in seinem Buch, dass selbst der Wunsch nach einer langfristigen Beziehung und auch der Kinderwunsch nachweislich durch den massenhaften Gebrauch von Pomographie reduziert werden. Viele Scheidungen und Trennungen sollen mit Pomographie in Zusammenhang stehen. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 37) In einer Pressemeldung der American Academy Matrimonial Lawers gaben zwei Drittel aller Scheidungsrichter an, dass in der Halfte ihrer behandelten Scheidungen Pornographiekonsum eineRolle spielt. (Vgl. Schirrmacher2008, Seite 58)

Die Verantwortung fur die rasante Entwicklung der Pomographie und die damit verbundenen Auswirkungen tragt laut Schirrmacher nicht allein die Porno- oder Werbeindustrie, sondem jeder Konsument, jede Konsumentin selbst. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 19) Jeder Mensch sollte sich selbst uberlegen, was er konsumiert und was damit eigentlich unterstutzt wird. Die Pomographie, die man im Internet konsumieren kann, ist unterschiedlichster Art. Es gibt Filme mit professionellen Pornodarstellerlnnen, aber auch viele sogenannte „Homemade Pornovideos“ von Amateuren, jeder der mochte hat also die Moglichkeit ein selbstgedrehtes Sexvideo im Internet online zu stellen. Die Konsumentlnnen konnen dabei nicht feststellen, ob die Protagonisten in dem Film freiwillig mitgemacht haben oder dazu gezwungen wurden. Schirrmacher schreibt, dass die Pornoindustrie zu groBen Teilen von Verbrecherorganisationen kontrolliert wird, was unter anderem an den groBen Verdienstmoglichkeiten liegt. Einen sehr betrachtlichen Anted des

Jahresumsatzes durch Pomographie erwirtschaftet die Mafia mit der Kinderpomographie, fur die Kinder weltweit aus Entwicklungslandern eingekauft werden. (Vgl. Schirrmacher, Seite120) Laut der Internetseite „www.gewaltinfo.at“ wurden in den 27 EU- Mitgliedsstaaten in den Jahren von 2008 bis 2010 23.600 Menschen Opfer von Menschenhandel. Davon waren 68 % Frauen, 12 % Madchen, 17 % Manner und 3 % Jungen. Die Opfer werden auf vielfaltige Weise ausgebeutet, sie werden nicht nur zur Prostitution gezwungen, sondern auch zur Pomographie und virtueller Pomographie, also der Pomographie im Internet. (Bundesministeriums fur Familien und Jugend (BMFJ), 2013) Die Zahlen zum Menschenhandel sind aber nur Schatzungen, da es nicht moglich ist verlassliche Zahlen uber Menschenhandel herauszugeben. Es gibt zwar Angaben uber identifizierte Opfer von Menschenhandel, aber die Anzahl der nicht-identifizierten Opfer, die sogenannte „Dunkelziffer“, bleibt dabei unbekannt. (Dolinsek, Sonja, 25.11.2014)

Nach UN- Schatzungen liegt die Zahl beispielsweise viel hoher, jahrlich sollen in Europa 500.000 Frauen und Madchen, meistens aus Osteuropa, verschleppt werden. Schirrmacher schreibt in seinem Buch, dass die Bundesregierung die Zahl der Sexarbeiterlnnen in Deutschland auf 400.000 schatzt, wovon 98 % Frauen sind und die Halfte von ihnen Migrantinnen sein sollen. (Vgl. Schirrmacher 2008, Seite 22) Auch diese Zahl ist aber sehr unzuverlassig und kann nur als Schatzung gesehen werden. Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderpomographie und Zwangspomographie sind Themen, die beim Konsum von Pomographie meist ganz ausgeblendet werden. Kaum ein Konsument macht sich bewusst, dass er durch seinen Pornographiekonsum eine Branche mitfinanziert, die in Kriminalitat und Menschenhandel verwickelt und davon nicht zu trennen ist.

4.2 Aufgabe und Handlungsmoglichkeiten der Sozialen Arbeit

Nun komme ich zu dem wohl wichtigsten Punkt meiner Arbeit, der Rolle der Sozialen Arbeit. Was hat das Thema Pomographie bzw. Pornographiesucht eigentlich mit der Sozialen Arbeit zu tun, ist es fur sie uberhaupt relevant und wennja, weshalb?

Vor ungefahr funf Jahren kamen die ersten Klientenlnnen mit der Problematik der Pornographiesucht in die Beratungsstelle „Lost In Space“, anfangs nur vereinzelt relativ wenige, doch mit der Zeit kamen immer mehr. Schmid schatzt, dass mittlerweile von den 200 Betroffenen, die sich pro Jahr an die Beratungsstelle wenden, bei ungefahr 20- 25 % Pomographie eine Rolle spielt. Trotzdem das Thema Pomographie auf der Internetseite und in den Flyem der Beratungsstelle nicht gesondert erwahnt wird und auch nicht darauf hingewiesen wird, dass Klientenlnnen mit Pomographiesucht beraten werden, wenden sich immer mehr Betroffene an Schmid und seine Kollegenlnnen. Dies und ebenso die Scham und Peinlichkeit des Themas sind Grunde dafur, weswegen viele Betroffene anfangs eine Computerspielsucht in den Mittelpunkt stellen und erst nach einigen Beratungsgesprachen sich trauen von ihrer Pomographiesucht zu berichten. Schmid und ich haben uns im Gesprach die Frage gestellt, wie viele es wohl waren, wenn Pomographiesucht als Schwerpunkt der Beratung, neben beispielsweise der Computerspielsucht oder der Sucht nach Sozialen Netzwerken, gesondert genannt werden wurde. (Experteninterview, 31.03.2016) Ich stelle mir die Frage, wie es sein kann, dass trotz der Aktualitat und Bedeutung des Themas, „Lost In Space“ bisher fast die einzige Beratungsstelle in ganz Berlin ist, die sich uberhaupt mit diesem Thema auseinandersetzt? Liegt es vielleicht daran, dass sich niemand fur diese Problematik verantwortlich fuhlt und sich dem Thema annimmt?

Lehrerlnnen und Eltern scheinen oft bei der Erziehung derjungen Menschen zu Hause und in den Schulen mit der Thematisierung von Pomographie uberfordert zu sein. Schmid hat mir von den Eltemabenden, erzahlt, die die Beratungsstelle anbietet, auf denen das Thema Pomographie schon ofters mit angeschnitten wurde. AuBerdem bieten die Mitarbeiterlnnen von „Lost In Space“ gelegentlich Workshops zur Onlinepornographie fur Lehrerlnnen an. Schmid hat mir berichtet, dass die Sozialarbeiterlnnen dabei oft auf Abneigung und Angst dem Thema gegenuber stoBen. Den meisten Eltern und Lehrerlnnen ist das Thema zu intim, da es irgendwie auchjeden personlich beruhrt. (Experteninterview, 31.03.2016) Naturlich gibt es Therapeutenlnnen und insbesondere auch Sexualtherapeutenlnnen, die Betroffene mit dieser Problematik behandeln, doch es fehlt der Zwischenschritt, die Anlaufstelle, die Hilfesuchende in Empfang nimmt und weitervermittelt. Und genau hier sehe ich die Hauptaufgabe und die Bedeutung der Sozialen Arbeit. Nicht nur fur das Thema der Pomographiesucht, sondern auch fur die Internet- und Computersucht im Allgemeinen sollte es viel mehr Beratungs- und Anlaufstellen, wie „Lost In Space“ geben. Schmid hat mir bestatigt, dass der Bedarf nach Beratung zum Thema der Pomographiesucht eindeutig vorhanden ist. Er bedauert sehr, dass die Beratungsstelle vom Senat aber nur eine % Stelle fur ganz Berlin finanziert bekommt, somit sind sie momentan unterbesetzt. Es mangelt „Lost In Space“ an Personal und Zeit sich dem Thema mehr zu widmen und so vielleicht auch mehr Betroffene ansprechen zu konnen. Es wird aber trotzdem nie jemand weggeschickt, sondern jeder so gut es geht von den Sozialarbeiterlnnen betreut und beraten. (Experteninterview, 31.03.2016)

Die Aufgabe der Sozialen Arbeit ist es aber nicht nur Betroffenen beratend zur Seite zu stehen, sondern auch in der Gesellschaft auf das Thema aufmerksam zu machen, zu informieren und es mehr in den Fokus der Offentlichkeit zu bringen. Dabei sehe ich die Prevention als ein sehr entscheidendes und wichtiges Handlungsfeld der Sozialen Arbeit. Gerade durch die zuvor beschriebenen Auswirkungen von Pornographie auf die jungen Heranwachsenden, wird deutlich, wie wichtig die Prevention ist. Ich kann mich noch genau an einen Preventionsworkshop zum Thema Drogen in der sechsten Klasse erinnern. Zu uns in die Schule kam damals ein Ex- Drogenabhengiger, der von seiner Sucht und seinem Leidensweg vom Loskommen von den Drogen, berichtete. Mich hat dieser Workshop damals sehr geprdgt und ich musste oft daran zuruck denken. Es gibt relativ viel Prevention in Schulen zu stoffgebundenen Suchten, wieso aber gibt es diese kaum zu den stoffungebundenen Suchten, im speziellen zur Intemetsucht? Wie ich bereits dargestellt habe gewinnt diese in unserer Gesellschaft, wo fast jeder ein Smartphone und einen Computer besitzt, immer mehr an Bedeutung. Kinder und Jugendliche sollten meiner Meinung nach von Anfang an in Medienkompetenz geschult werden und auch uber die Gefahren, die das Internet mit sich bringt, aufgekldrt werden. Nur wer die Risiken und negativen Seiten einer Sache kennt und auch uber ihr Suchtpotential bescheid weiB, kann sich selbst schutzen und sich Grenzen setzen. Die Jugendlichen sollten dabei unterstutzt werden selbstkritisch und verantwortungsvoll mit dem immer verfugbaren Internet und seinem Angebot, umgehen zu konnen. Es ist wichtig, dass die reflektierte Aufklarung uber die Gefahren von Pornographiekonsum rechtzeitig stattfindet, bevor der Konsum beginnt. Hierfur bietet sich beispielsweise die Schulsozialarbeit sehr gut an, weil man an den Schulen wirklich alle Jugendlichen erreichen kann.

Schmid und sein Team bieten auch Praventionsarbeit mit Schulern in Schulen an. Dabei wird das Thema Pornographie und Pomographiesucht aber nicht gesondert erwahnt, da es ein zu groBes Gebiet ist und zu viel Raum einnehmen wurde. Schmid hat aber die Hoffnung in Zukunft die Moglichkeit zu haben komplette Preventions- Workshops zum Thema Pornographie durchfuhren zu konnen. Ideen hat er dafur schon reichlich, die Beratungsstelle benotigt nur noch die Kapazitat um diese auch in die Tat umsetzen zu konnen. (Experteninterview, 31.03.2016) Durch die Unterrichtseinheit in einer Schule zur Prevention von Internet- und Computersucht, die wir mit unserem Kurs mit Herr Dr. Essers durchfuhrten, konnten wir sehen wie offen die Jugendlichen dem Thema gegenuber stehen. Die Schuler waren sehr interessiert und machten engagiert mit. Leider besuchten wir nur eine einzige Schule im Rahmen des Projektes, weil uns einfach die Zeit dafur fehlte das Projekt noch neben der Uni fortzusetzen. Ich denke, dass es sehr empfehlenswert ware solch ein Projekt in der Sozialen Arbeit noch mal genauer auszubauen und aktiv mit Prevention zu dem Thema der Internet- bzw. Pornographiesucht an Schulen zu gehen. Leimbach bemangelt ebenfalls, dass Pomographie aus Scham und Unwissenheit so gut wie gar nicht thematisiert wird und es an geeigneten Unterrichtsmaterialien zu diesem Thema fehlt. Er schlagt als geeigneten Rahmen beispielsweise die Facher Medienkompetenz oder Sexualkunde vor. Seiner Meinung nach ist es bei so einem sensiblen Thema besonders wichtig nicht wertend oder verurteilend zu sein und den Jugendlichen ihre Intimsphare zu lassen. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 69- 72) Schmid findet es ebenso bei diesem Thema sehr wichtig, einen neutralen Raum zum Austausch und zur Diskussion zu schaffen. Pomographie sollte nicht einfach verteufelt oder verurteilt werden. Das Entscheidende ist auf einen gesunden Umgang mit Pomographie aufmerksam zu machen. (Experteninterview, 31.03.2016)

Leimbach schlagt in seinem Buch vor, ganz neutral uber die Fakten und Auswirkungen von Intemetpornographie aufzuklaren. Eine Moglichkeit ist es einen Praventionsworkshop beispielsweise mit einer Einfuhrung uber das Gehirn, die Wirkungsweise von Dopamin, Adrenalin oder Testosteron und den Zusammenhang zwischen Gefuhlen und Hormonen, zu beginnen. Von der Einfuhrung kann man dann einen guten Ubergang schaffen, wie das Belohnungssystem funktioniert und wie genau Suchte entstehen. Nach der Meinung des Autors ist es wichtig ein Bewusstsein bei den jungen Menschen fur das Suchtpotential, dass Pomographie mit sich bringt, zu schaffen und die Auswirkungen auf das eigene Beziehungsverhalten deutlich zu machen. Wenn es moglich ist uber das Thema informierend, wissenschaftlich, wertfrei und im Dialog zu sprechen, holt man es aus seiner „Schmuddelecke“ und der Heimlichkeit heraus und hort auf zu verurteilen oder das Thema nur einseitig zu betrachten. (Vgl. Leimbach 2015, Seite 69- 72)

Ich denke, dass man den Jugendlichen und Erwachsenen auBerdem deutlich machen sollte, welches riesige finanzielle und teilweise kriminelle Geschaft hinter der Pornoindustrie steht. Denn was den Meisten gar nicht bewusst ist, ist dass sie es durch ihren Konsum indirekt unterstutzen. AuBerdem finde ich es wichtig sich mit den jungen Menschen gemeinsam mal das mediale Umfeld genauer anzusehen. Dann kann man den Nutzung von Pomographie in der Werbung, das aktuelle Schonheitsideal und das was in unserer Gesellschaft als erotisch und asthetisch angesehen wird, diskutieren und so kritisch miteinander ins Gesprach kommen.

In dem Kapitel zu den Ursachen der Pornographiesucht habe ich herausgearbeitet, welche spezielle Rolle ein sexuelles Trauma in der Kindheit oder im fruhen Jugendalter haben kann. Sexueller Missbrauch bei Kindem ist bei weitem haufiger als man denkt. In einer Studie, bei der 850 Studenten befragt wurden, gaben 20 % der Frauen und 8 % der Manner an, sexuell missbraucht worden zu sein. (Vgl. Engfer 1998 zit. in. Roth 2012, Seite 68) Daher ist es eine weitere sehr wichtige Aufgabe der Sozialen Arbeit, sich auf die Arbeit mit Kindern zu konzentrieren, wachsam, aufmerksam und sensibel mit dem Thema umzugehen. In der Familien-, Kinder- und Jugendarbeit mit den Menschen ins Gesprach zu kommen und ihnen unterstutzend zur Seite zu stehen, ist sehr entscheidend zur Prevention von sexuellem Missbrauch oder anderen traumatischen Erfahrungen.

Einen weiteren wichtigen Handlungsschwerpunkt der Sozialen Arbeit sehe ich in der Stadteilarbeit, dem Vernetzen und dem Schaffen von Freizeitangeboten. Die Soziale Arbeit kann mit ihren Angeboten Menschen zusammenfuhren und sie so aus ihrer Isolation und Einsamkeit herausfuhren. Isolation und das Fehlen von sozialen Kontakten sind ebenfalls entscheidende Ursachen von der Entwicklung einer Pornographiesucht. Mogliche Beispiele fur Angebote, die die Soziale Arbeit leisten kann, sind Nachbarschaftscafes, Jugendclubs oder Mehrgenerationenhauser. Es ist wichtig moglichst viele Menschen zu erreichen, Menschen miteinander ins Gesprach zu bringen, ihnen sinnvolle Aufgaben zu geben, um neue Motivation und Anregungen zu schaffen. Dies sollen nur einige Beispiele dafur sein, was die Soziale Arbeit auf diesem Gebiet leisten konnte und wo man, gerade bei der Praventionsarbeit mitjungen Menschen, ansetzen kann.

5. Reflexion und kritische Auseinandersetzung

Zu dem Thema Pomographie gibt es viele unterschiedliche Standpunkte. Die einen vertreten den Standpunkt, dass Pomographie vollig harmlos ist und keine Auswirkungen auf das Sexualleben oder die Psyche eines Menschen hat. Andere vertreten den genau gegensatzlichen Standpunkt, dass Pomographie unmoralisch, pervers, diskriminierend und frauenfeindlich ist. Am Ende der Recherche zu meiner Bachelorarbeit komme ich zu dem Schluss, dass weder der eine noch der andere Standpunkt richtig ist, sondem eine Kombination aus beiden.

Pornographie hat viele verschiedene Facetten und wirkt sich bei jedem Individuum ganz unterschiedlich aus. Naturlich hat Pornographie auch positive Aspekte. Es ist moglich, dass durch sie der Umgang mit der eigenen Sexualitat offener wird, an die Sexualpartnerlnnen werden neue Ideen herangetragen und vielleicht fallt es ihnen so auch leichter uber ihre eigenen Wunsche und Vorlieben zu sprechen. Doch die Pornographie hat auch ihre Schattenseiten. Laut der aktuellsten Studien, die ich bereits aufgefuhrt habe, gibt es in der Gesellschaft immer mehr Menschen, die nach Pornographie suchtig werden, darunter leiden und sich Hilfe wunschen. Diese Zahlen und vor allem die Erfahrungen der Praktiker, wie Gordon Schmid, Bjorn Thorsten Leimbach oder Komelius Roth, die mit den Suchtigen taglich arbeiten, sind durch kein Gegenargument weg zu reden. Pornographie hat ein hohes Suchtrisiko und kann sich gefahrlich auf das Leben eines Menschen auswirken, wenn auch nichtjeder davon gleichermaBen betroffen ist. Genauso wie manche Menschen ihr Leben lang Alkohol trinken konnen, aber nicht suchtig werden und der Konsum kaum Auswirkungen auf sie hat, gibt es Menschen, die der gelegentliche Konsum von Pornographie nicht groB beeinflusst. Abhangig von der Personlichkeit eines Menschen, seinen Voraussetzungen und seinen Erfahrungen in der Kindheit und abhangig davon, welche Art Pornographie konsumiert wird, kann der Konsum von Pornographie aber auch fatale Folgen haben. Pornographie hat nicht nur Auswirkungen auf das Gehirn, die Phantasie und Kreativitat eines Menschen, seine psychische Verfassung, sexuelle Vorlieben und Einstellungen, sondem auch auf das Beziehungsverhalten des Menschen. Dem sollte sichjederbewusst sein.

Komelius Roth lehnt ebenfalls beide gegensatzlichen Standpunkte, die Verharmlosung und die Dramatisierung von Pornographie, ab. Seiner Meinung nach fehlen in unserer Gesellschaft offene, kritische und distanzierte Standpunkte zu dem Thema. Denn nur, was wir thematisieren, konnen wir auch in unsere Gesellschaft integrieren. (Vgl. Roth 2012, Seite 158) Pornographie ist aus der Gesellschaft nicht wegzudenken, es gab sie schon immer und es wird sie auch immer geben. Durch die Entwicklung des Internets steht unsere Gesellschaft, insbesondere die heranwachsende Generation, aber vor einer ganz neuen Herausforderung. Pornographie ist kein Phanomen mehr einer Minderheit, sondem betrifft die mehrheitliche Masse der Gesellschaft. Die nachsten Generationen werden hochstwahrscheinlich noch selbstverstandlicher mit der Internetpornographie aufwachsen.

Die Jugend sollte aber nicht allein durch das Internet aufgeklart werden und mit den Gefahren, die es mit sich bringt, allein gelassen werden. Gerade hier ist meiner Meinung nach, die Soziale Arbeit ganz besonders gefragt. Es ist unsere Aufgabe den jungen Menschen unterstutzend und aufklarend zur Seite zu stehen und urteilsfrei uber Risiken und Gefahren aufzuklaren und auf diese in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Komelius Roth schreibt in seinem Buch, dass Betroffenen und deren Familien nur wirklich geholfen werden kann, wenn es gelingt in der Gesellschaft ein fest verankertes Bewusstsein dafur zu schaffen, dass die Sexsucht und die Sucht nach Pornographic anerkannte und verbreitete Krankheitsbilder sind. Nur so konnen sie aus der Scham und Heimlichkeit ihrer Sucht herauskommen. (Vgl. Roth 2012, Seite 8) Der Autor hat die Hoffnung, dass die Verhaltenssuchte, wie die Pornographiesucht, in Zukunft in der Gesellschaft mehr berucksichtigt werden und ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Einen ersten Schritt in diese Richtung sieht er darin, dass die Spielsucht, als erste stoffungebundene Sucht, im DSM- V unter der Kategorie der seelischen Erkrankungen als Suchterkrankung aufgenommen wurde. (Vgl. Roth 2012, Seite 8) Auch Gordon Schmid hat die groBe Hoffnung, dass der Konsum der Internetpornographie als Thema in Zukunft mehr in den Fokus der Offentlichkeit gerat und es weitere Beratungsstellen fur Betroffene geben wird. Er wunscht sich fur die Zukunft, dass „Lost In Space“ die Kapazitat hat mehr auf das Thema der Pornographiesucht eingehen zu konnen, um so mehr Menschen zu erreichen und fur sie ein Ansprechpartner zu sein. (Experteninterview, 31.03.2016)

Vielleicht hat das Internet die Pornographic ein Stuck weit befreit, nicht aber die Sexualitat der Betrachterlnnen. Bei ihnen liegt nun die groBte Herausforderung mit den neuen Moglichkeiten des Internets achtsam und behutsam umzugehen. Jeder Einzelne muss einen verantwortungsvollen und selbstkritischen Umgang mit der neu gewonnen Freiheit erlernen.

Leid, Enttauschungen und innere Verletzungen gehoren untrennbar zum Leben dazu und sind Anforderungen denen man nicht aus dem Weg gehen kann. Doch manche Erlebnisse sind so schlimm, dass das Individuum sie nicht verarbeiten kann. In der Phantasie konnen wir uns unser Leben so erschaffen, wie wir es mochten und es ertraglich ist. Die Phantasie ist sehr wichtig, denn sie lasst uns kreativ sein, mit anderen mitfuhlen und lasst Menschen Traume und Hoffnungen haben. Wenn man sich aber zu sehr in seine Phantasiewelt zuruckzieht, lebt man irgendwann kaum noch in der Realitat. Denn nur in der Realitat konnen wir anderen Menschen begegnen und nur dort findet ein zwischenmenschlicher

Austausch statt. In der Gedankenwelt ist die Person allein mit sich selbst, was zu groBer Einsamkeit fuhren kann. Entweder zerbricht man an den Verletzungen des Lebens oder aber man nutzt sie als Chance und als ganz personliche Herausforderung, sein Leben neu zu hinterfragen und die eigentlichen Moglichkeiten des Lebens voll auszuschopfen. So ist es moglich sich von der alten „Liebesbeziehung“ zu seinen Suchten zu trennen und eine neue Liebe zu finden, die Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen und einem sinnerfullten Leben. Aristoteles sagte einst: „Ich schatze den als tapferer, der sein Verlangen uberwindet als jenen, der seine Feinde besiegt. Denn der schwerste Sieg ist der Sieg uber sich selbst.“

Wolf Deling schreibt am Ende seines Buches von der inneren Befreiung, als er nach einem jahrelangen Kampf endlich von der Pornographiesucht loskommen konnte. Er hatte das Gefuhl ein ganz neues Leben geschenkt zu bekommen, eine zweite Chance, die er nutzen will. (Vgl. Deling 2004, Seite 60-70)

Sexuelle Phantasien und Pornographic sind Moglichkeiten aus der Realitat zu fluchten und helfen sicher eine Weile bei der Verdrangung der eigenen Probleme. Die Pomographie kann einem Menschen aber niemals das geben, was eine reale Beziehung kann. Die Sexualitat des Menschen ist sehr kostbar und zerbrechlich. Eigentlich ist sie etwas verbindendes und fruchtbares zwischen zwei Menschen, doch durch die Internetpornographie besteht die Gefahr, dass die Fahigkeit verloren geht, Intimitat und emotionale Nahe empfinden zu konnen.

Der Konsum von Pomographie macht erst einmal glucklich und befriedigt die sexuelle Lust. Die wahren Sehnsuchte des Menschen, wie tiefgreifende Befriedigung und emotionale Nahe, erfullt die Pomographie aber nicht.

Was dem Individuum bleibt, ist lediglich ein „einsames Gluck“.

Literaturverzeichnis

Deling, Wolf: Der sexte Sinn- Ein Lebensbericht. 1. Auflage, GieBen, Brunnen Verlag (2004)

Kuhn, Simone; Gallinat, Jurgen: Brain Structure and Functional Connectivity Associated With Pornography Consumption- The Brain on Pom, Berlin, American Medical Association (2014)

Leimbach, Bjorn Thorsten: Internet Porno- Die neue Sexsucht- Ein Ratgeber fur Manner, Frauen und Eltern. 1. Auflage, Hamburg, Ellert & Richter Verlag (2015)

Roth, Kornelius: Sexsucht- Ein Ratgeber fur Betroffene und Angehorige. 4. aktualisierte und erweiterte Auflage, Berlin, Christoph Links Verlag (2012)

Schirrmacher, Thomas: Internetpornographie- und was jeder daruber wissen sollte. 1. Auflage, Holzgerlingen, Hanssler Verlag im CSM- Verlag (2008)

Schmid, Gordon: Leiter der Beratungsstelle „Lost In Space“- Experteninterview, Berlin (stattgefunden am 31.03.2016)

Te Wildt, Bert: Digital Junkies- Internetabhangigkeit und ihre Folgen fur uns und unsere Kinder. 1. Auflage, Munchen, Droemer Verlag (2015)

Internetquellen:

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Barries, Astrid: Kindliche Sexualitat. in: Zentrum Bayern- Familie und Soziales- Bayrisches Landesjugendamt (o.J.), unter:{ HYPERLINK https://www.elternimnetz.de/kinder/erziehungsfragen/entwicklung/kindlichesexualitaet.ph p } (abgerufen am 15.04.2016)

Boettcher, Raik Rene: Pomografie- Ein Milliardengeschaft, in: Netzsieger GmbH (o.J.), unter: {HYPERLINK https://www.netzsieger.de/ratgeber/internet-pomografie-statistiken }(abgerufen am: 15.05.2016)

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Dr. Arnold, Julia, psyberlin: Definition und Beschreibung der Symptomatik (o.J.), in: { HYPERLINK http://www.psyberlin.com/infobereich/verhaltenss%C3%BCchte/ }(abgerufen am: 14.06.2016)

Evers, Marco/ der Spiegel: Erregung im Schattenbereich (07.04.2014), in:{ HYPERLINK http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-126393834.html } (abgerufen am: 20.06.2016)

PM- Magazin: Wieviel Umsatz wird mit Pomographie gemacht (o.J.), in:{HYPERLINK http://www.pm- magazin.de/r/gute-frage/wie-viel-umsatz-wirdmit-porno-videos-gemacht }(abgerufen am: 04.05.2016)

Rietmann, Rolf: Der unheimliche Partner- Wege aus der Pornographiesucht, Deutsches Institut fur Jugend und Gesellschaft (o.J.), in: { HYPERLINK http://www.dijg.de/pomographie-sexsucht- pomosucht/genesung/wege-heraus-partner/ }(abgerufen am: 15.05.2016)

Verein Safer Surfing - Kinder-, Jugend- und Erwachsenenschutz im Internet (o.J.), in: { HYPERLINK https://www.nacktetatsachen.at/index.php7idM224 (abgerufen am: 04.05.2016) Wikipedia- Die freie Enzyklopadie: Sexindustrie } (07.12.2016), in:{ HYPERLINK http://de.wikipedia.org/wiki/Sexindustrie }(abgerufen am: 10.06.2016)

Your Brain On Porn (2007), in: { HYPERLINK http://yourbrainonpom.com/why-is-romeo-ignroing-juliet }(abgerufenam: 12.06.2016)

Anhang

Interview mit Gordon Schmid von der Beratungsstelle „Lost In Space“

Betroffene:

vor ungefahr funf Jahren kamen erste Klienten mit dem Thema Pornographie, nur vereinzelte, relativ wenige

- mit der Zeit kamen immer mehr
- insgesamt kommen in die Beratungsstelle ungefahr 200 Betroffene im Jahr, davon schatzungsweise 20- 25 % , bei denen Pornographie auch eine Rolle spielt
- hauptsachlich Manner, bisher erst eine Frau, die meisten Manner sind allein stehend (zum Vergleich: ungefahr 20 Frauen im Jahr, die wegen Spielsucht Hilfe suchen), wenige sind in einer Partnerschaft, bei denen gibt meistens die Partnerin den AnstoB sich Hilfe zu suchen
- die Meisten kommen erst mal wegen einer Spielproblematik und auBern erst im Laufe der Beratung, dass sie pornographiesuchtig sind, nur etwa 5% der Betroffenen auBern die Pornographiesucht als Hauptgrund im Erstgesprach -> Grunde sind: Scharm, Angst, Unsicherheit, Tabuisierung des Themas
- die Altersspanne der Klienten reicht von 20 bis 50 Jahren in etwa, der Altersdurchschnitt liegt bei ca. 29 Jahren

Ausmafi/ Verlauf:

- meistens hat die Pomographienutzung im fruhen Jugendalter begonnen und sich dann im Laufe der Jahre immer mehr gesteigert, oft durchleben die Betroffenen mindestens 2-3 sehr problematische Jahre bis sie sich Hilfe holen
- viele schildem bereits mit elf Jahren das erste Mal eher ungewollt mit Pornographie in Kontakt gekommen zu sein
- die Klienten, die kommen und sich Hilfe suchen, sind meistens die extremsten Falle: durch die Toleranzentwicklung steigert sich nicht nur die Intensitat und der Zeitaufwand, sondern es werden auch immer extremere Reize zur Erregung benotigt, Sex mit Kindern, Sex mit Tieren, extreme Gewaltszenen -> meistens suchen die Betroffenen erst Hilfe, wenn sie sich bereits im kriminellen Bereich befinden (selten bleibt Jemand in einem Bereich)
- die meisten geben an, fruher nicht solche Neigungen gehabt zu haben, diese seien erst durch den ubermaBigen Pomokonsum entstanden
- viele konsumieren Pornographie bis zu funf, sechs oder sieben Stunden pro Tag bzw. am Stuck und masturbieren bis zu achtmal hintereinander, was bereits korperliche Folgen hat, wie Schmerzen beim Wasserlassen
- bei der Pomographiesucht finden sich die gleichen Suchtkriterien wie bei alien anderen Verhaltenssuchten und alien stoffgebundenen Suchten: starkes Verlangen, Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, Leidensdruck, Vernachlassigung anderer Lebensbereiche (Familie, Arbeit, Freunde, Hobbys...) und das Weiterfuhren des suchtigen Verhaltens trotz negativer Konsequenzen
- das suchtige Verhalten regt das Belohnungssystem im Gehirn an, der naturliche DopaminausstoB reicht irgendwann nicht mehr aus, alle Suchtmittel greifen viel hoher an ^ die Sucht schafft es irgendwann alle Grundbedurfnisse in den Hintergrund zu drangen
- haufig findet der Konsum auch am Arbeitsplatz statt, weswegen Vielen der Verlust der Arbeitsstelle droht
- die meisten Betroffenen haben keine Sexualitat mehr nebenbei, aber wunschen sich sehnlichst wieder eine reale Sexualitat leben zu konnen
- bei Vielen tritt das Phanomen des „Jagers und Sammlers“ auf, immer auf der Suche nach dem „besonderen“ Bild oder Film, werden unzahlige Sachen gesammelt und abgespeichert

mogliche Ursachen:

- Viele erleben Sexualitat nur noch als Belastung oder haben diese als solche erlebt
- manche hatten aber auch noch nie realen sexuellen Kontakt, sie haben ihre komplette Adoleszenz im Netz verbracht und zeigen teilweise auch als Erwachsene nochjugendliche Verhaltensweisen -> Ziel in der Beratung und Therapie ist es dann nachzureifen
- viele Betroffene haben ein sehr geringes Selbstbewusstsein, sind depressiv, haben Angststorungen, leben zuruckgezogen und eher isoliert -> hier ist aber nicht ganz klar, ob das die Ursachen sind oder eher Symptome der Sucht, die erst durch den ubermaBigen Pornographiekonsum entstanden sind

Verlauf der Beratung/ Therapie:

- bei fast alien ist das ganz klare Ziel die Abstinenz (im Vergleich: bei den Spielsuchtigen ist es dahingegen oft eher nur eine Einschrankung der Sucht)
- die meisten konsumieren aber erst mal noch anderes Bildmaterial weiter, wie DVDs oder Pornohefte und versuchen nur das Internet zu meiden, dies fuhrt schon mal zu einer Eindammung der Sucht, da hierbei eine viel groBere Hemmschwelle besteht -> die Betroffenen mussen das Haus verlassen und das Material ist nicht kostenlos und unbeschrankt verfugbar, wie es beim Internet der Fall ist
- meistens findet erst mal nur eine Einzelberatung statt, da das Thema fur Gruppentherapie zu scharmbelastet und intim ist
- spater findet die Einzelberatung dann nur noch alle zwei Wochen statt und wird immer seltener, die Moglichkeit an der Gruppentherapie teilzunehmen besteht wochentlich
- die anderen Personen in der Gruppe reagieren auf das Thema meistens sehr tolerant und in den Gesprachen sind die Klienten schnell beim Thema Pornographic
- die durchschnittliche Dauer der Beratung ist ein viertel bis ein halbes Jahr, die Beratung kann bis zu maximal einem Jahr stattfinden
- Strategien in der Beratung sind: viele Fragen zu stellen und die Dinge ganz klar zu benennen, bei Unverstandnis fragt der Berater nach
- alle Bereiche sollen ganz klar angesprochen werden und es werden auch Fragen nach dem Sexleben und dem Masturbationsverhalten gestellt
- die Klienten mit Pomographiesucht werden nur von einem gleichgeschlechtlichen Berater beraten, es sei denn es wird anders gewunscht
- viele Klienten installieren zur Sicherheit eine Sicherheitssoftware auf ihrem Computer, welche das Offnen von Pornoseiten verhindert, hier ist es sinnvoll, dass nicht der Betroffene selbst das Passwort fur die Software einrichtet, sondern jemand anderes diese installiert
- die Beratung dient nur dazu, bei den ersten Schritten zur Abstinenz zu begleiten und zu unterstutzen, die meisten beginnen parallel eine Therapie
- in dieser geht es darum, die Ursachen herauszufinden und die Themen, die eigentlich hinter der Sucht stecken, aufzudecken um langfristig suchtfrei leben zu konnen
- die Berater helfen dem Betroffenen bei der Therapeutensuche, es muss nicht immer ein Sexualtherapeut sein, weil es in der Therapie eher um die, hinter der Sucht liegenden, Probleme geht
- die meisten Klienten, die kommen, haben bereits bei sich die Diagnose „Pornographiesucht“ gestellt, selten kommen sie mit der Fragestellung ob sie suchtig sind
- oft spielt aber beim Erstkontakt eine Fremdeinwirkung eine Rolle, wie zum Beispiel Druck durch den Arbeitgeber oder die Partnerin
- generell gibt es gute Behandlungsmoglichkeiten, die Motivation der Klienten ist das entscheidende Kriterium

Probleme/ Ziele der Beratungsstelle:

- das Thema Pornographiesucht wird auf der Internetseite von „Lost in Space“ nicht gesondert erwahnt, die Klienten kommen daher eher uber Umwege oder die Computerspielsucht zu der Beratungsstelle
- „Lost in Space“ ist berlinweit die einzige Beratungsstelle, die sich uberhaupt mit dem Thema Computer- bzw. Intemetsucht auseinandersetzt, fur Pornographiesucht gibt es berlinweit keine Beratungsstelle, da das Thema sehr scharmbelastet ist und noch nicht wirklich in den Fokus der Offentlichkeit geruckt ist
- der Bedarf ist eindeutig da, „Lost in Space“ bekommt vom Senat aber nur eine % Stelle fur ganz Berlin finanziert ^ es mangelt an Personal, sie sind momentan einfach unterbesetzt
- die Betroffenen, die kommen, werden aber trotzdem so gut es geht betreut und beraten
- in der Praventionsarbeit in Schulen wird das Thema auch nicht erwahnt, da es zu groB ist und zu viel Raum einnehmen wurde ^ „Lost in Space“ wurde in Zukunft gern die Kapazitat haben komplette Preventions- Workshops zum Thema Pornographic durchzufuhren, Ideen dafur sind bereits vorhanden
- auf Elternabenden, die die Beratungsstelle anbietet, wurde Pomographie schon ofters thematisiert und es wurden Workshops zur Online- Pomographie fur Lehrer angeboten ^ dabei stoBen die Berater auf viel Abneigung und Angst dem Thema gegenuber, das Thema sei sehr intim und wurde jeden personlich beruhren ^ es soll aber auch nicht alles verteufelt werden, sondern der Hinweis auf einen gesunden Umgang gegeben werden.

[...]

61 von 61 Seiten

Details

Titel
Pornographie und Pornographiesucht in der heutigen Gesellschaft
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1.7
Autor
Jahr
2016
Seiten
61
Katalognummer
V458866
ISBN (Buch)
9783668892439
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pornographie, Sucht, Gesellschaft, Konsum, Soziale Arbeit, Pornographiesucht, Generation Porno, Ursachen, Therapieansätze, Sex, Sozialpädagogik, Jugend, Sexualität, Glück, Liebe, Beratung, Therapie, Sexsucht, Missbrauch
Arbeit zitieren
Elena Liliana Vogt (Autor), 2016, Pornographie und Pornographiesucht in der heutigen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458866

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