Zum Begriff der Weltliteratur


Essay, 2013
4 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Essay: Zum Begriff der Weltliteratur

„‚Weltliteratur‘ ist ein faszinierender Begriff, von dem eine eigene Anziehungs- und Leuchtkraft ausgeht. Schon das Wort ist auf eine suggestive Weise großartig. Mit ihm verbindet man einen weiten Horizont, hohe Ansprüche, einen Blick fürs Ganze.“1 Die Weite des Begriffs „Weltliteratur“ birgt den Vorteil, dass er nicht begrenzt ist und dadurch mit erweiterter und aktualisierter Bedeutung gefüllt werden kann. Gleichzeitig steckt darin die Schwierigkeit, ihn zu fassen und eindeutig zu bestimmen. Wie verschiedenartig und vage die Auffassungen sein können, zeigt folgendes Zitat, das Weltliteratur aus Sicht des Lesers und des Rezeptionsvergnügens begreift: „Weltliteratur sind die Werke, die die Seele weiten um innere und äußere ‚Welt‘.“2

Dieser Essay hinterfragt den Begriff und legt verschiedene Konzepte dar, die sich hinter der Weltliteratur verbergen. Es werden zunächst ausgewählte Stationen des Begriffewandels nachgezeichnet: Von Goethes Verständnis über den umgangssprachlichen Gebrauch bis hin zur Literatur unter globalisierten Bedingungen. Auf diese Weise wird geprüft, wie tragfähig der Begriff „Weltliteratur“ tatsächlich ist.

Im 19. Jahrhundert sprach Goethe mehrfach von ihr, doch „[w]as er unter ‚Weltliteratur‘ verstanden wissen wollte, hat Goethe an keiner Stelle systematisch entwickelt.“3 Allerdings lassen sich zwei wichtige Ideen zurückverfolgen: der kommunikative Ansatz und das Verhältnis von National- und Weltliteratur. Goethe beschreibt einen Austausch, der ein Netzwerk sowie eine gemeinsame literarische Tätigkeit ermöglicht.4 Laut Lamping meinte er Texte, „in denen Autoren miteinander kommunizieren oder die aus dieser Kommunikation entstehen.“5 Zu Goethes Zeiten hatte Nationalliteratur eine große Bedeutung. Lamping beschreibt sie als „Teil der Kultur einer Nation, Ausdruck ihrer Eigenart.“6 „Weltliteratur“ sei hingegen international: „die Grenzen einer Sprache, einer Nation, einer Kultur überschreitend.“7 Nach Lamping ist das Verhältnis beider zueinander komplementär: „Weltliteratur ist immer auch Nationalliteratur – so wie Nationalliteratur immer auch Weltliteratur sein kann, wenn sie sich in Goethes Sinn am internationalen Austausch beteiligt.“8

Im Laufe der Zeit hat der Begriff an neuer Bedeutung hinzugewonnen. Lamping unterscheidet zwischen qualitativer und quantitativer „Weltliteratur“.9 Ersteres Verständnis sei normativ10, es umfasse „den Kanon der klassischen Texte“11, die damit überzeitlich seien. Quantitativ ist im Sinne von „Universalität oder Globalität“12 zu verstehen und meint „die Summe aller Literaturen der Welt, alter wie neuer, großer wie kleiner, mündlich wie schriftlich überlieferter.“13 Nach Lamping haben diese beiden neueren und umgangssprachlichen Auslegungen von „Weltliteratur“ nicht mehr viel mit Goethes Grundidee zu tun – dennoch hat Goethes Konzept Auswirkungen auf neuere Ansätze.

Einen ähnlichen Gedanken wie den der Welt- und Nationalliteratur beschreibt Ette. Er versteht europäische Literatur „als ein komplexes Ensemble globalisierter und nicht-globalisierter Literaturen“14. Diese Literatur überspanne sprachliche Grenzen15: Sie vereint neben globalisierten auch nationale, regionale und lokale Literatursprachen16, d.h. sie lässt „sich im Bewegungsraum zwischen National- und Weltliteratur lokalisieren, aber nicht fixieren“17. Ein weiteres Merkmal nach Ette ist Translingualität, das „Schreiben jenseits der jeweiligen Muttersprache“18.

Sturm-Trigonakis beschreibt Literatur ebenfalls wie Ette unter globalisierten Bedingungen. Für ihr System der „Neuen Weltliteratur“ benennt sie drei Kriterien, die jene Texte aufweisen müssen, um dazu zugehören. Dabei müssen alle Kriterien auf einen Text zutreffen und ineinandergreifen, um ein „eigenständiges literarisches Funktionssystem“19 zu bilden. Zu diesen zählen:

- Zwei- oder Mehrsprachigkeit20
- transnationale Inhalte wie Reisen, Exil, Migration21 sowie
- die „Hinwendung zum Regionalen und Lokalen“22.

Es wird deutlich, dass diese zeitgenössischen Ansätze von Ette und Sturm-Trigonakis ihren Fokus auf Bewegung und Mehrsprachigkeit legen. Allerdings kann selbst Goethes Ursprungsidee von der Vernetzung und des Austauschs hinzugenommen und auf heutige Zeiten angewendet werden: „Weitverbreitet ist inzwischen die Ansicht, dass Goethes Konzept sehr wohl dazu dienen könne, die Literatur im Zeitalter der Globalisierung zu beschreiben.“23

Eine Vernetzung in globalisierten Zeiten ist äußerst aktuell, vor allem im virtuellen Raum. Es gibt Autorennetzwerke, Blogs, Foren, gemeinschaftliche Romanprojekte, die einen Austausch unter Schreibenden fördern. Zudem trifft die Vernetzung ebenso auf die Art moderner Texte zu, wenn man an Montagetechniken oder Hypertexte denkt.

Bezeichnenderweise haben sich die Autoren in der Forschungsliteratur nicht herangewagt, einen alternativen Begriff für „Weltliteratur“ zu finden; das spricht für seine Tragfähigkeit. „Weltliteratur“ vereint verschiedene Traditionen, Konzepte und Charakteristiken einer Literatur. Sprache und Worte befinden sich stets im Wandel, davon ist „Weltliteratur“ nicht ausgenommen. Die Begriffsauffüllung ist kontextabhängig und sollte vom Benutzer entsprechend mit Bedacht gewählt werden. Neue Begriffe würden mit der Tradition brechen, auf die er verweist. Durch die Begriffstradition besteht gleichzeitig eine Art Erinnerungskultur – „Weltliteratur“ wird so im wahrsten Sinne zum Weltkulturerbe.

[...]

1 Lamping, Dieter: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Kröner Taschenbuch (= 509). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2010. S. 9.

2 Pongs, Hermann: Vorwort. In: Lexikon der Weltliteratur. Handwörterbuch der Literatur von A-Z. Hrsg. von Hermann Pongs. Wiesbaden: F. Englisch Verlag 1984.

3 Lamping, Dieter: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Kröner Taschenbuch (= 509). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag. 2010. S. 21.

4 Vgl. Ebd. S. 23 f.

5 Ebd. S. 24.

6 Ebd. S. 61.

7 Lamping, Dieter: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Kröner Taschenbuch (= 509). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2010 S. 62.

8 Ebd. S. 63.

9 Vgl. Ebd. S. 106.

10 Vgl. S. 108.

11 Ebd. S. 106.

12 Ebd. S. 109.

13 Ebd. S. 107.

14 Ette, Ottmar: Europäische Literatur(en) im globalen Kontext. Literaturen für Europa. In: Wider dem Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur. Hrsg. Özkan Ezli, Dorothee Kimmick, Annette Werberger. Bielefeld: Transcript 2009. S. 264.

15 Vgl. Ebd. S. 264.

16 Vgl. Ebd S. 264 f.

17 Ebd. S. 265.

18 Ebd. S. 277.

19 Sturm-Trigonakis, Elke: Global playing in der Literatur. Ein Versuch über die Neue Weltliteratur. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007. S. 109.

20 Ebd. S. 108.

21 Vgl. Ebd. S. 109.

22 Ebd.

23 Lamping, Dieter: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Kröner Taschenbuch (= 509). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2010. S. 131.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Zum Begriff der Weltliteratur
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
4
Katalognummer
V458904
ISBN (eBook)
9783668882171
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weltliteratur
Arbeit zitieren
Ann-Christin Helmke (Autor), 2013, Zum Begriff der Weltliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458904

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zum Begriff der Weltliteratur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden