Die Auswirkung frühkindlicher Krisen auf die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung


Hausarbeit, 2017

21 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Bindungstheorien
2.1. Definition Bindung
2.2. Entwicklung von Bindungstheorien
2.3. Bindungstheorie nach Bowlby

3. Frühe Krisen
3.1. Pränatale Krisen
3.2. Natale Krisen
3.3. Postnatale Krisen

4. Einfluss der frühen Krisen auf die Bindung von Mutter und Kind

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Man sagt, wenn Eltern im sozialen und emotionalen Umgang mit ihrem Kind versa- gen, dann hat auch das Kind im späteren Leben kaum Chancen auf eine gesunde Entwicklung. Eltern haben nicht nur für die körperlich gesunde Entwicklung ihrer Kinder die Verantwortung, sondern sie tragen auch die Verantwortung für die geis- tige und charakterliche Entwicklung. Diese Hypothese beschreibt eine Sachlage, die heute nach wie vor umstritten ist. Wenn man sich Theorien von Sigmund Freund anschaut, dann ist es laut ihm nicht möglich die Vernachlässigung der Eltern später noch einmal umzukehren.1

Das Thema der Bindung zwischen Mutter beziehungsweise Bezugsperson und Kind ist allerdings viel komplexer als es Sigmund Freund in seinen Theorien darstellt. Das hat der Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby in seiner Bin- dungstheorie verdeutlicht. Er positioniert sich damit klar gegen Triebbefriedigungs- ansätze von Freud. Laut Bowlby braucht jedes Neugeborene nach der Geburt eine vertraute Person, die ihm Schutz und Zuwendung zusichert. 2

Eine sichere Bindung von Kind und primärer Bezugsperson ist die Voraussetzung für eine gesunde psychische Entwicklung. Das zeigen zahlreiche Forschungen und Studien, wie zum Beispiel von Roy Grinker oder auch Daniel Offer, beide Psycho- logen, die belegen, dass ausgeglichene und gesunde, junge Erwachsene aus stabi- len Familienverhältnissen stammen, in denen sich in der frühen Kindheit viel mit ihnen beschäftigt wurde.3 Weitere Forschungen zeigen, dass traumatische Erfah- rungen und deren Auswirkungen auf das Gehirn, die Intervention der Eltern in der frühen Kindheit erfordern. Denn stressvolle und traumatische Erfahrungen können Veränderungen im Gehirn verursachen, die später zu Einschränkungen im psycho- sozialen und emotionalen Bereich, aber auch im kognitiven Bereich, führen kön- nen.4 Daraus lässt sich erkennen, wie essentiell eine sichere Bindung zwischen Kind und Bezugsperson für eine gesunde psychische Entwicklung ist.5 Ein frühzeitiges Erkennen von unsicheren Bindungsmustern und die Intervention von Eltern,kann vielzählige Einschränkungen und Schwierigkeiten verhindern und demnach eine gesunde Entwicklung des Kindes fördern.6

Meine Motivation diese Projektarbeit zu verfassen beruht vor allem darauf, dass ich in einer Eltern-Kind-Einrichtung arbeite. Tagtäglich habe ich Mütter aktuell im Alter zwischen 16 und 32 oder auch Schwangere um mich, die mit Herausforderungen zu kämpfen haben. Da mir sehr viel an dieser Arbeit und den KlientInnen, sei es Säugling, Kleinkind oder Mutter liegt, möchte ich mich mit dem Thema der Bindung zwischen Eltern (speziell Mütter) und Kind und dem Themenbereich der frühen Kri- sen beschäftigen. Der tägliche Umgang macht mir bewusst, dass es nicht immer einfach ist, alleine mit einem Kind zu leben und allen Bedürfnissen gerecht zu wer- den. Deswegen möchte ich mir Wissen über dieses Thema aneignen, um somit für die Mütter eine Unterstützung in schweren Situationen sein zu können.

Auch stellt das Schreiben der Projektarbeit für mich persönliche eine Chance dar, mich weiter zu bilden. Da ich selbst, als Frau, später auch einmal Kinder haben möchte, ist es sehr interessant sich vorher schon einmal mit dem Thema Bindungen auseinander gesetzt zu haben.

Um mit der Projektarbeit zu beginnen, wird sich das erste, auf die Einleitung fol- gende, Kapitel mit dem Thema Bindung auseinandersetzen. Begonnen wird mit ei- ner Definition des Begriffes der Bindung, darauf wird auf die Entwicklung der Bin- dungstheorien eingegangen, um etwas auf die Vergangenheit zurück zu blicken. Danach spezialisierst sich die Projektarbeit auf John Bowlbys Bindungstheorie. Im Weiteren wird sich mit den frühen Krisen befasst, die aufgeteilt sind in prä- und postnatal. Um beide Themen miteinander zu verknüpfen folgt darauf der Einfluss der frühen Krisen auf die Mutter- Kind- Bindung. Ein Fazit schließt die Projektarbeit ab.

2. Bindungstheorien

Da der Begriff der Bindung in der Projektarbeit eine zentrale Rolle spielt, wird das Kapitel der Bindungen und Bindungstheorien zunächst mit einer Definition begon- nen, um ein allgemeines Verständnis darüber zu schaffen. Danach wird auf die Ent- wicklungen von den verschiedenen Bindungstheorien eingegangen. Dabei wird sich unter Punkt 2.3 vor allem auf John Bowlby konzentriert.

2.1 Definition von Bindung

Laut Mary Ainsworth, eine amerikanische Entwicklungspsychologin und eine der Hauptvertreterin der Bindungstheorie, lässt sich Bindung als zeitlich und räumlich überdauerndes emotionales Band zwischen zwei Personen definieren. Das Vorhan- densein und die Qualität der Bindung wird beobachtbar durch die Organisation von Bindungs- und Explorationsverhalten des Kindes, welches sich in früher Kindheit überwiegend als Suche und Erhalt von körperlicher Nähe manifestiert.7

Auch wenn man sich das Werk „ Familienpsychologie kompakt“ von Johannes Jungbauer anschaut, ist klar ersichtlich, dass Bindung auch hier als enge soziale Bezie- hung zu Personen, die in der Lage sind Schutz und Unterstützung bieten zu können, definiert wird.8

Die Eltern-Kind-Beziehung, über die ich noch häufiger schreiben werde, beschreibt die Beziehung zwischen einem Kind und dessen Eltern, die sich fürsorglich um das Kind kümmern. Dabei ist wichtig anzumerken, dass diese Beziehung nicht von der Geburt des Kindes an vorhanden ist. Bindung ist ein Prozess der sich über Monate und Jahre hinweg entwickelt, durch das Vorhandensein von kindlicher und elterlicher Interaktion.9

2.2 Entwicklung von Bindungstheorien

Laut Freud ist die Rolle der Eltern begrenzt auf die Rolle als erste Sexualobjekte des Kindes, was aus der Konstellation des Ödipuskomplexes hervortritt. Im Mittel- punkt der Psychoanalyse standen kindliche Fantasien im Hinblick auf die Beziehung zu den Eltern und weniger die tatsächlichen Erfahrungen wie später bei Bowlby. Erst in den psychoanalytischen Theorien, die nach Freud entwickelt wurden, erga- ben sich andere Perspektiven. Andere Aspekte der Beziehung zwischen Bezugs- person und Kind gerieten in den Mittelpunkt der Betrachtung, insbesondere die Fol- gen, die sich aus frühen Beziehungserfahrungen ergeben. Der große Einfluss von frühen Beziehungen zeigt sich bereits in den Arbeiten von Alfred Adler (1870-1937). Im Mittelpunkt steht hier die psychologische Situation des Kindes, dass sich als min- derwertig erlebt, da es das Gefühl hat in den ersten Lebensjahren dem Leben geis- tig und körperlich nur schwer gewachsen zu sein. Bei den Kindern entwickelt sich die Angst das sie das Leben nicht meistern können. Dieses Gefühl ist bei allen Men- schen vorhanden, äußert sich nur bei jedem mit einer unterschiedlichen Bedeutung für das Selbstbild.10

Auch Heinz Kolhut, der die Bedeutung von mütterlicher Wertschätzung für eine gesunde Entwicklung eines stabilen Selbstgefühls gehört zu den wichtigsten Vertre- tern der Bindungstheorien.

2.3 Bindungstheorie nach Bowlby

John Bowlby, ein Pionier der Bindungsforschung, stellte den Begriff Bindung, wel- cher unter Kapitel 2.1 bereits definiert wurde, in den Mittelpunkt seiner Forschungen und begann seine Bindungstheorie zu entwickeln. Durch die Theorie wurde der da- malige Wissenstand revolutioniert. Bevor Bowlby seine Forschungen teilte, galt Sig- mund Freunds Triebtheorie als einer der Grundsätze in der Psychoanalytik. 11 Die Bindungstheorie sieht allerdings in Bindungen keine Abhänigkeitstheorien oder nachrangige Kategorien wie den Nahrungs- bzw. Sexualtrieb. Sie wird ausgezeich- net von der Bindungsfähigkeit zweier Personen, welche Bowlby als „bedürftige“ und„gebende“ Personen bezeichnet.12

Die Bindungstheorie begreift das Streben nach engen emotionalen Bindung als menschliches Grundelement, welches schon bei Neugeborenen vorhanden ist und bis ins hohe Alter überdauert. Bowlby konzentriert sich in seiner entwickelten The- orie vor allem darauf, warum ein Mensch dazu neigt emotionale Bindungen einzu- gehen und welche Auswirkungen Beeinträchtigungen dieser emotionalen Bindun- gen auf die seelische Gesundheit und Entwicklung haben. 13

Bowlby unterschied neben der Bindung das Bindungsverhalten, welches genetisch bedingt ist und eine biologische Funktion besitzt. Durch dieses Bindungsverhalten wird im Säuglings- bzw. Kindesalter der Schutz, der Beistand und die Zuwendung der Bindungsperson gesichert. Diese Nähe zeigt das Kind durch angeborene Re- flexe und Verhaltensmuster, wie zum Beispiel emotionale oder psychomotorische Kommunikation, später auch durch wachsende Sprachmöglichkeiten. Hierdurch wird bei der Bezugsperson eine weitere biologische Reaktion ausgelöst, damit sie auf die Signale des Kindes fürsorglich reagieren können. Auch die Fürsorge der Eltern beziehungsweise Bezugsperson sieht Bowlby als menschliches Grundele- ment an.14

Die Bindungsentwicklung unterscheidet Bowlby in vier verschiedene Phasen. Die erste Phase erstreckt sich über die ersten drei Lebensmonate eines Kindes. In die- ser Phase werden die Bedürfnisse des Säuglings noch nicht personenspezifisch signalisiert. Sie können aber bereits nach wenigen Tagen ihre Mutter am Geruch, der Stimme oder an der individuellen Art gehalten zu werden erkennen.

Die zweite Phase beginnt ab dem Alter von drei Monaten. Hier beginnen Kinder gezielter ihre Emotionen und Bedürfnisse sozial gerichtet auszudrücken. Sie kön- nen die Eltern durch Mimik in der Richtigkeit ihres Pflegeverhaltens bestärken.

Die erste tatsächliche selektive Ausbildung einer Bindung, erfolgt in der dritten Phase der Bindungsentwicklung. Diese beginnt ab dem Alter von sechs Monaten und geht circa bis zum dritten Lebensjahr. In dieser Zeit beginnen Kinder sich bei emotionaler Belastung an bestimmte Bezugspersonen zu wenden, sie unterschei- den zwischen vertrauten und nicht vertrauten Personen und suchen vermehrt die Nähe der ihr vertrauten Personen. Man spricht hier von „personenunterscheidender Ansprechbarkeit“.15 Im Alter von sechs bis acht Monaten entwickelt sich das Bin- dungssystem des Kindes, welches sich durch Angst und Fremdeln gegenüber nicht vertrauten Personen äußert. In dieser Phase ist die Nähe der Bezugsperson sehr wichtig, da bei einer längeren Trennung ohne Ersatz Depressionen ausgelöst wer- den können.16

[...]


1 Vgl. Oerter, 1993, S. 78

2 Vgl. Kindergartenpädagogik

3 Vgl. Bowlby, 2008, S. 3

4 Vgl. Ludwig- Körner, 2014, S.43

5 Vgl. Ludwig- Körner, 2014, S. 25

6 Vgl. Ludwig- Körner, 2014, S. 43

7 Vgl: Ainsworth, M.D. (1991): Attachment and other affectional bonds across the life cycle

8 Vgl.: Jungbauer (2009): Familienpsychologie kompakt, S.42

9 Vgl.: Jungbauer (2009): Familienpsychologie kompakt, S.42

10 Vgl.: Dr. H. Khoshrouy-Sefat(o.J.): Adler Institutsambulanz Mainz

11 Vgl.: Jungmann & Reichenbach (2011): Bindungstheorie und pädagogisches Handeln, S.15

12 Vgl.: Bowlby (2008): Bindung als sichere Basis, S.99

13 Vgl: Bowlby (2008): Bindung als sichere Basis, S.99

14 Vgl.: Bowlby (2008): Bindung als sichere Basis, S.98f.

15 Vgl.: Bowlby (2008): Bindung als sichere Basis, S.98ff.

16 Vgl.: Bowlby (2008): Bindung als sichere Basis, S.99

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkung frühkindlicher Krisen auf die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
2,1
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V459068
ISBN (eBook)
9783668902428
ISBN (Buch)
9783668902435
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mutter-Kind, Beziehung, Eltern-Kind, Frühe Krisen, Schwangerschaft
Arbeit zitieren
Neele Gebhardt (Autor), 2017, Die Auswirkung frühkindlicher Krisen auf die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459068

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