„Writing an introduction to politeness is like being in mortal combat with a many-headed hydra. You’ve barely severed one head when a few more grow in its place” (Watts 2003: XI).
Diese Metaphorik veranschaulicht nicht nur die auftretenden Schwierigkeiten beim Verfassen einer jeden Einleitung, sondern die ausgesprochene Komplexität des Forschungsgegenstandes an sich. Höflichkeit gehört wohl zu den zwischenmenschlichen Phänomenen, von denen jeder eine gewisse, oft sehr persönliche Vorstellung hat, ohne sie jedoch umfassend und allgemeingültig definieren zu können.
In der linguistischen Forschung (vor allem Pragmatik und Soziolinguistik) wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Untersuchungen zur Realisierung von Sprechakten in verschiedenen Sprachen und Kulturkreisen durchgeführt, um Höflichkeit im Spannungsfeld von Gesellschaft, Kultur und Individualität zu betrachten. Dabei wurden fächerübergreifende Erkenntnisse, u.a. aus der Soziologie, Ethnologie oder Anthropologie, herangezogen. Aufgrund der Annahme, dass Individuen im Laufe ihrer Sozialisation Höflichkeit verstehen und anwenden lernen, ergeben sich notwendigerweise Komplikationen beim Eintritt in einen anderen Kulturkreis. Neben der fremden Sprache begegnet man unbekannten Umgangsformen, deren Verhaltensregeln erkannt und gegebenenfalls angewandt werden müssen. Der Nutzen von kontrastiven Studien liegt im Allgemeinen darin, gesellschaftlich bedingte Sprachbarrieren aufzuzeigen und zu erklären, um nicht zuletzt kulturelle Unterschiede verstehen und überwinden zu können.
Die vorliegende Studie soll einen Beitrag zur Erforschung interkulturellen Lebens leisten, indem Komplimenterwiderungen und Ablehnungen unter mexikanischen Studierenden der ‚Universidad Autónoma del Estado de Morelos’ analysiert und mit Erkenntnissen aus dem englischsprachigen Raum verglichen werden. Die grundlegende Fragestellung lautet, welche Strategien mexikanische Studierende zur Erwiderung der genannten Sprechakte anwenden. Im Laufe meines zehnmonatigen Aufenthalts an dieser Universität bin ich des Öfteren auf kulturell bedingte Unterschiede gestoßen, die sich ebenfalls in der sprachlichen Höflichkeit abzeichneten. Zudem stelle ich auch im täglichen Miteinander mit meinem mexikanischen Partner fest, welch hohen Stellenwert Höflichkeit als eine Form von Respekt und Anerkennung in der mexikanischen Kultur innehat.
Inhaltsverzeichnis
1. Forschungsanliegen
THEORETISCHER TEIL
2. Grundpositionen der Sprechakttheorie
2.1. Sprechakttypen
2.2. Weiterentwicklung der Sprechakttheorie
2.3. Taxonomie illokutionärer Akte
2.4. Indirekte Sprechakte
3. Ausgewählte Prinzipien und Maximen verbaler Kommunikation
3.1. Bedeutungnn
3.2. Konversationale Implikaturen, Kooperationsprinzip und Maximen
4. Höflichkeit als Gegenstand der Linguistik
4.1. Begriff der Höflichkeit
4.2. Höflichkeit aus Sicht des ‚Face’-Konzepts
4.3. Höflichkeit aus Sicht der Konversationsmaximen
4.4. Interkulturelle Pragmatik
4.5. Forschungsgegenstand: Komplimenterwiderungen und Ablehnungen
4.5.1. Komplimente und deren Erwiderungen
4.5.2. Anfragen und Ablehnungen
EMPIRISCHER TEIL
5. Methodik der Untersuchung
5.1. Methodische Vorüberlegungen und Hypothesen
5.2. Planung und Durchführung der Datenerhebung
5.3. Verarbeitung und Analyse des Datenmaterials
6. Ergebnisse
6.1. Komplimenterwiderungen
6.2. Ablehnungen
7. Diskussion
7.1. Komplimente und Komplimenterwiderungen
7.1.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede
7.1.2. Kulturspezifische Faktoren
7.1.3. Aufbau und Durchführung der Datenerhebung
7.2. Ablehnungen und andere Anfrageerwiderungen
7.2.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede
7.2.2. Versuchsleitereffekt
7.2.3. Aufbau und Durchführung der Datenerhebung
8. Fazit
9. Summary
10. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Höflichkeitsstrategien bei mexikanischen Studierenden, wobei der Fokus auf zwei spezifischen Sprechakten liegt: Komplimenterwiderungen und Ablehnungen von Bitten. Ziel ist es, durch eine empirische Analyse der Kommunikationsmuster zu verstehen, wie kulturelle Konventionen und soziale Faktoren die sprachliche Höflichkeit in diesem Kontext prägen.
- Analyse verbaler und non-verbaler Höflichkeitsstrategien
- Kontrastive Betrachtung von Sprechakt-Realisierungen
- Einfluss von Geschlecht und sozialem Kontext auf Kommunikation
- Überprüfung linguistischer Theorien (Brown/Levinson, Leech) am Beispiel mexikanischen Spanischs
- Reflexion über methodische Herausforderungen in der interkulturellen Pragmatik
Auszug aus dem Buch
4.2. Höflichkeit aus Sicht des ‚Face’-Konzepts
Einer der einflussreichsten Beiträge zur Höflichkeitsforschung, der zahlreichen empirischen Arbeiten als Erklärungsmodell dient, ist das ‚Face’-Konzept von Brown/ Levinson (1978, 1987). Erklärtes Ziel ist die Entwicklung eines formalen Modells zu interkulturellen Universalien der Höflichkeit, wobei fiktive Beispiele des Englischen, Tzeltal (Maya-Sprache aus Chiapas/ Mexiko) und Tamil (Dialekt im Süden Indiens) herangezogen werden.
Als generellen Rahmen ihrer Theorie nennen Brown/ Levinson die Implikatur-Theorie und die Konversationsmaximen von Grice. Ihr Ansatz stellt eine Ergänzung dar, denn: "One powerful and pervasive motive for not talking Maxim-wise is the desire to give some attention to face. […] Politeness is then a major source of deviation from such rational efficiency, and is communicated precisely by that deviation" (1987: 94).
Grundsätzlich gehen die Autoren von drei Hauptstrategien aus, der positiven (‚expression of solidarity’), der negativen (‚expression of restraint’) sowie der ‚off-record’-Höflichkeit (‚avoidance of unequivocal impositions’). Bezüglich positiver Höflichkeit benennen Brown/ Levinson 15 Strategien, deren gesamte Darstellung in diesem Rahmen zu weit führen würde (vgl. 1987: 101f.). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Sprecher einerseits eine gemeinsame Basis anstreben sollte (z.B. “Bringe dein Interesse an dem Adressaten zum Ausdruck“ oder „Vermeide Unstimmigkeiten“ mittels ‚white lies’ und Heckenausdrücken/ ‚hedges’) und andererseits seinen Kooperationswillen verdeutlichen sollte (z.B. „Begründe dein Handeln“ oder „Bekunde dein Interesse an den Bedürfnissen des Adressaten“). Mit der Anwendung negativer Höflichkeit strebe der Sprecher an, durch Zurückhaltung und die Formalität seiner Äußerung die Handlungsfreiheit des Adressaten nicht einzuschränken. Dazu werden zehn Strategien formuliert, die besagen, dass der Sprecher beispielsweise mittels impersonaler Ausdrücke oder Entschuldigungen seinen Einfluss auf den Adressaten zurücknehmen und ihn zu keiner Handlung zwingen sollte (vgl. 1987: 129f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Forschungsanliegen: Einführung in die Komplexität von Höflichkeit und Darlegung des Studienziels: die Analyse von Komplimenterwiderungen und Ablehnungen bei mexikanischen Studierenden.
2. Grundpositionen der Sprechakttheorie: Erläuterung der Grundlagen der Sprechakttheorie von Austin und Searle als Basis für das Verständnis sprachlicher Handlungen.
3. Ausgewählte Prinzipien und Maximen verbaler Kommunikation: Darstellung der Bedeutungstheorie von Grice sowie des Kooperationsprinzips und seiner Maximen für die Konversationsanalyse.
4. Höflichkeit als Gegenstand der Linguistik: Theoretische Herleitung verschiedener Höflichkeitskonzepte (Face, Konversationsmaximen) und Diskussion von deren Anwendbarkeit im interkulturellen Kontext.
5. Methodik der Untersuchung: Beschreibung des experimentellen Designs, der Datenerhebung mittels Interviews und der methodischen Herangehensweise an das Audiomaterial.
6. Ergebnisse: Präsentation und Kategorisierung der gesammelten Daten zu Komplimenterwiderungen und Ablehnungen im mexikanischen Spanisch.
7. Diskussion: Kritische Analyse der Ergebnisse in Bezug auf die aufgestellten Hypothesen, die soziokulturellen Faktoren der mexikanischen Gesellschaft und die untersuchten Theorien.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Studie und Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten im Bereich der interkulturellen Kommunikation.
9. Summary: Englische Zusammenfassung der Arbeit.
10. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Höflichkeit, Sprechakttheorie, interkulturelle Pragmatik, Komplimente, Ablehnungen, mexikanisches Spanisch, Face-Konzept, Konversationsmaximen, soziale Distanz, ethnolinguistische Analyse, Kommunikationsstrategien, non-verbale Kommunikation, Geschlechtsspezifik, soziale Variablen, Konversationsimplikaturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Erforschung von Höflichkeitsstrategien in der Alltagskommunikation, spezifisch am Beispiel von Komplimenterwiderungen und Ablehnungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der interkulturellen Pragmatik, der Sprechakttheorie sowie der soziolinguistischen Analyse von Höflichkeit unter Berücksichtigung kultureller und geschlechtsspezifischer Faktoren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, welche Strategien mexikanische Studierende bei der Erwiderung von Komplimenten und der Ablehnung von Anfragen anwenden und wie diese im Vergleich zu existierenden Modellen zu bewerten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine empirische Untersuchung in Form von teils standardisierten, qualitativ ausgewerteten Interviews (face-to-face) mit mexikanischen Studierenden auf dem Campus der Universität von Morelos durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen ausführlichen Theorieteil zur Sprechakttheorie und Höflichkeitsforschung sowie einen empirischen Teil, der die methodische Vorgehensweise, die Ergebnisse der Datenerhebung und deren kritische Diskussion umfasst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Höflichkeit, Sprechakttheorie, interkulturelle Pragmatik, Komplimente, Ablehnungen sowie soziolinguistische Faktoren wie soziale Distanz und Geschlechterrollen.
Warum spielen "Komplimente" eine besondere Rolle?
Komplimente werden in der Arbeit als "Face Threatening Acts" (FTA) analysiert, um zu verstehen, wie Adressaten mit dem durch das Kompliment ausgelösten sozialen Dilemma (Bescheidenheit vs. Zustimmung) umgehen.
Welchen Einfluss hatte das Geschlecht der Interviewer auf die Ergebnisse?
Die Studie zeigt signifikante Unterschiede in den Reaktionen der Probanden in Abhängigkeit vom Geschlecht und äußeren Erscheinungsbild der Interviewer, was als Versuchsleitereffekt in der Diskussion kritisch hinterfragt wird.
- Quote paper
- Sandra Metzger (Author), 2004, Politeness in English and Mexican Spanish - Focus on Refusals and Compliment Responses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45924