Vampire sind die Ikonen der übernatürlichen Wesen. Der Mythos des Vampirs lässt sich bis etwa 1000 n. Chr. zurückverfolgen. Was im osteuropäischen Raum unter dem Begriff des „Upyr” erste Beachtung findet, wird auch im lateinischen Abendland in der Wiedergängervorstellung aufgegriffen und ab dem 16. Jahrhundert im mitteleuropäischen Nachzehrerglauben konkretisiert. Der Vampirglaube wurde in zahlreichen Varianten über das Aussehen, die Fähigkeiten und Tötungsmöglichkeiten des Vampirs zum Aberglauben vieler Kulturen und führt heutzutage in einigen Kulturen immer noch zu Pfählungen und Enthauptungen nach dem Tode. Was als Aberglaube und Angst begann, wurde durch das Aufgreifen in Lyrik, Literatur und Film zum Objekt der Unterhaltung.
Das stereotypisierte Bild des Vampirs begründet Bram Stoker 1897 in seinem Roman „Dracula” mit Graf Dracula, der als berühmtester Vampir aller Zeiten gilt. Der irische Roman ist nicht der erste literarische Text der sich mit Vampiren befasst, aber er ist der bekannteste. Dracula ist mit seinen Figuren und der Handlung Vorbild für viele Werke die danach kommen. So finden sich zum Beispiel Vampirjäger, die Professor Van Helsing, dem Vampirjäger in Dracula nachempfunden sind in der Kinderliteratur und Dracula als Superschurke in den Marvel Comics.
Das ist der Grund dafür, dass Bram Stokers Dracula den Gegenstand dieser Arbeit darstellt.
Diese Arbeit soll den Roman hinsichtlich seiner Entstehungsepoche untersuchen. Das Vampirgenre erlebt seine größte Beliebtheit häufig in Zeiten epochaler und kultureller Veränderungen, die mit der Infragestellung gesellschaftlicher Normen und Werte einhergeht. Das liegt daran, dass Vampire seit ihrem ersten Vorkommen in der Literatur wie andere übernatürliche Monster häufig als Reflexionsraum funktionalisiert werden, um die gesellschaftliche Wirklichkeit der Entstehungsepoche in der fiktiven Welt der Literatur zu thematisieren und zu inszenieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Viktorianismus
2.1 Sexualität
2.2 Geschlechterrollen
3. Dracula
4. Dracula und der Viktorianismus
4. 1 Sexualität
4. 2 Geschlechterrollen
4. 2. 1 Mina Murray
4. 2. 2 Lucy Westenraa
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern der Roman Dracula von Bram Stoker die gesellschaftliche Wirklichkeit, die Ängste und die Moralvorstellungen der viktorianischen Epoche repräsentiert, wobei ein besonderer Fokus auf den Themen Sexualität und Geschlechterrollen liegt.
- Viktorianische Moralvorstellungen und Doppelmoral
- Weibliche Sexualität und das Idealbild der Frau
- Die Bedrohung der männlichen Machtposition durch die "New Women"-Bewegung
- Symbolik in Bram Stokers Dracula
- Die sozio-kulturelle Rolle der Frau im 19. Jahrhundert
Auszug aus dem Buch
4. 1 Sexualität
In Bram Stoker’s Dracula lassen sich sexuelle Aspekte nicht auf der textlichen Oberfläche finden. Bei der oberflächlichen Rezeption des Textes fallen dem Rezipienten keine erotischen Komponenten auf. Dieser Umstand ist wahrscheinlich dem Zeitalter des Viktorianismus zuzuschreiben. Stoker verwendet vermutlich symbolische Elemente des Volksglaubens, wie das Blut, um Sexualität in seinem Roman zu verbergen. In dem Wissen, dass im Volksglauben alle Körperflüssigkeiten des Menschen – Blut, Milch, Sperma, Speichel und Vaginalsekrete – eins sind, lässt sich Sexualität in Dracula finden.
Lucy Westenraa ist die Romanfigur, die hinsichtlich der Sexualität am interessantesten ist. Lucy scheint schon bevor sie durch den Biss Draculas vollständig aus ihrer passiven Sexualität erwacht, dem Sexualverständnis der Frau im patriarchalischen England nicht zu entsprechen. Zum einen wird ihr sexuelles Anderssein in einem Brief an Mina Murray, spätere Harker, deutlich in dem sie ihren Wunsch ausdrückt in Bigamie leben zu wollen, da sie sich zwischen drei Männern, nicht entscheiden wolle. Außerdem scheint sie vorehelichen Sexualkontakten gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Sie küsste ihren Verehrer Quincey Morris und ihrem späteren Verlobten Arthur Holmwood, den sie außerdem bat sich mit ihr alleine zu treffen, bevor sie sich überhaupt mit einem der drei Männer verlobt hatte. Ein weiteres Zeichen für die Entdeckung ihrer sexuellen Lust könnte das Schlafwandeln sein, welches traditionell mit „sexual looseness“ assoziiert wird. Das Stoker diese Assoziation bewusst einsetzt, wird darin deutlich, dass er Mina danach sagen lässt: „Ich war in heißer Angst um Lucy, nicht nur wegen ihrer Gesundheit, […], sondern auch für ihren Ruf […].“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Vampir-Genre ein, begründet die Wahl von Bram Stokers Dracula als Forschungsgegenstand und umreißt die Hypothese, dass der Roman gesellschaftliche Probleme der Entstehungszeit reflektiert.
2. Viktorianismus: Dieses Kapitel beschreibt das viktorianische Zeitalter als Epoche wirtschaftlichen und sozialen Wandels, geprägt durch Fortschrittsglaube, prüde Sexualmoral und eine strikte patriarchalische Ordnung.
3. Dracula: Hier wird der Schauerroman von Bram Stoker inhaltlich kurz zusammengefasst und die erzählerische Form als Dokumentation mittels Tagebucheinträgen und Briefen erläutert.
4. Dracula und der Viktorianismus: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die symbolische Darstellung von Sexualität und die Rolle der Frau als Spiegel viktorianischer Ängste und gesellschaftlicher Normen.
4. 1 Sexualität: Dieser Unterabschnitt untersucht die Darstellung sexueller Begierden, die Symbolik des Blutes und die sexuelle Doppelmoral im Roman am Beispiel von Lucy Westenraa und Mina Harker.
4. 2 Geschlechterrollen: Dieser Unterabschnitt beleuchtet das Geschlechterverständnis im 19. Jahrhundert im Kontext der „New Women“-Bewegung und deren Repräsentation im Roman.
4. 2. 1 Mina Murray: Dieses Kapitel analysiert Mina Murray als Stokers Idealbild einer Frau, die Bildung besitzt, diese aber stets untergeordnet in den Dienst des patriarchalen Männerkollektivs stellt.
4. 2. 2 Lucy Westenraa: Dieses Kapitel betrachtet Lucy Westenraa als Gegenmodell zur idealen Frau, die durch ihren Ausbruch aus traditionellen Rollenbildern als Bedrohung für das Patriarchat inszeniert und schließlich vernichtet wird.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Vampir-Figur in Dracula als funktionaler Reflexionsraum für viktorianische Ängste bezüglich Sexualität und Emanzipation dient.
Schlüsselwörter
Bram Stoker, Dracula, Viktorianismus, Sexualität, Geschlechterrollen, Mina Murray, Lucy Westenraa, New Women, Patriachat, Frauenbild, Doppelmoral, Vampirismus, 19. Jahrhundert, Literarische Analyse, Emanzipation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Bram Stokers Roman Dracula unter dem Aspekt, wie der Text die gesellschaftlichen Bedingungen, Ängste und moralischen Vorstellungen der viktorianischen Ära (1837–1901) widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der viktorianischen Sexualmoral, der Entwicklung der Geschlechterrollen sowie der Angst vor dem aufkommenden Feminismus, repräsentiert durch die "New Women"-Bewegung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: "Inwiefern repräsentiert der Roman Dracula die Gesellschaft der viktorianischen Epoche?" Die Arbeit zielt darauf ab, zu belegen, dass Vampire als Reflexionsraum für gesellschaftliche Missstände funktionalisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext historischer Sekundärliteratur über den Viktorianismus und zeitgenössische Geschlechterkonzepte interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der historische Hintergrund und das viktorianische Moralverständnis erläutert. Anschließend werden die Charaktere Mina Murray und Lucy Westenraa auf Basis der Themen Sexualität und Geschlechterrollen als Repräsentantinnen unterschiedlicher gesellschaftlicher Entwürfe untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie viktorianische Sexualmoral, Geschlechterrollen, "New Women", patriarchale Ordnung, Bram Stoker und Dracula als symbolische Reflexionsfläche zusammenfassen.
Warum wird Lucy Westenraa in der Analyse als "phallische Frau" bezeichnet?
Sie wird als solche bezeichnet, da sie nach ihrer Verwandlung in eine Vampirin die ihr zugewiesenen passiven und unterwürfigen Rollen bricht, sexuelle Aggressivität zeigt und damit die männliche Machtposition herausfordert.
Welche Funktion hat Mina Murray im Vergleich zu Lucy Westenraa im Roman?
Mina Murray fungiert als Stokers "Idealbild", die sich dem Patriarchat unterwirft und ihre intellektuellen Fähigkeiten in den Dienst der Männer stellt, während Lucy Westenraa als "Normbrecherin" durch den Tod bestraft wird, um die "heile Welt" des Patriarchats wiederherzustellen.
- Arbeit zitieren
- Carina Schliekering (Autor:in), 2018, "Dracula" als Erscheinung des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459500