Heidis Alm zwischen Gott und den Menschen

Eine Raumanalyse der Alm in Johanna Spyris "Heidi"- Bänden von 1880/1881


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Heidis Welt sind die Berge

2. Die Alm
2.1 Heidis neues Zuhause – erster Aufstieg
2.2 Raum der Heilung – zweiter Aufstieg
2.3 Abseits der Gesellschaft

3. Jurij Lotmans Raumtheorie

4. Böhme – die Metaphorik des Berges

5. Simmel - Alpenreisen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

A Quellen

B Darstellungen

1. Einleitung: Heidis Welt sind die Berge

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den beiden Bänden "Heidis Lehr- und Wanderjahre" von 1880 und "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" von 1881, mit denen ihre Autorin Johanna Spyri weit über ihren Tod hinaus Erfolg hatte. "Heidi" gilt laut Kindlers Literatur Lexikon als Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur1 Die Forschung, allen voran Klaus Doderer, stritt sich im Zuge der 68er-Bewegung darüber, ob das Werk den Ansprüchen der Kinder- und Jugendliteratur in Bezug auf Weltvorstellungen genügt, oder nur noch literaturhistorisch betrachtet werden sollte. Besonders die Schweizer Presse reagierte entrüstet und wertete die Kritik als Angriff auf die Schweiz und ihre Kultur2 Diese Kritik scheint heute – zumindest aus wirtschaftlicher Perspektive – kaum noch relevant, weil Heidi sich weiterhin gut verkaufen lässt.3 Die fiktive, heile Bergwelt wird als angenehme Abwechslung zur digitalisierten realen Welt angenommen.

Um Welten und Räume geht es auch in dieser Arbeit. Die beiden zentralen Thesen lauten wie folgt: Der Berg beziehungsweise die Alm in "Heidi" ist ein gottesnaher und zugleich gesellschaftsferner Raum. Um die These zu prüfen, wird der Frage nachgegangen, ob der Berg beziehungsweise die Alm überhaupt gottesnah ist, oder nur naturfasziniert und potentiell magisch. Oder ist er gar ein gottesferner Ort? Wo ist die Grenze, die die Alm von der umgebenden Welt abtrennt? Wie steht die Gesellschaft zum Berg beziehungsweise zur Alm und den Menschen, die dort leben?

Auch in dem bekannten Lied "Heidi, Heidi, deine Welt sind die Berge"4, wird deutlich, dass in "Heidi" der Raum, insbesondere der Berg als Raum und Schauplatz, eine besondere Rolle spielt. Aussagekräftig für die Analyse der Alm beziehungsweise der Berge in „Heidi“ sind die beiden Aufstiegs-Szenen, die aus unterschiedlichen Perspektiven den Raum beschreiben und einordnen, ihm Bedeutung geben. Die These und die daraus resultierende Fragestellung werden im Folgenden mit der Forschungsliteratur diskutiert.

Die jüngste Forschung zu „Heidi“, wie Ueli Gyr, Walter Leimgruber, Claudia Maria Pecher und Jean-Michel Wissmer, beschäftigt sich mit den globalen ‚Ablegern‘ von Heidi – sowohl weiterhin als Buch, aber auch in allen anderen medialen Formen wie Zeichentrickserien, Filmen und Merchandise, bis hin zu Werbung mit Heidi als Figur bzw. Symbol.

Georg Escher und Gabriela Fragoso hingegen haben sich ebenfalls mit dem Raum, „Heidis“ Bergen, befasst. Escher hält die zweiteilige Raumstruktur von „Heidi“ für entscheidend, er sieht einen prägenden Einfluss von der Großstadt auf die Alp5 Auch Fragoso beschäftigt sich mit der binären Raumstruktur, sie hält Heidi für das Bindeglied zwischen den beiden Welten, die sie kennenlernt.6

Auch weitere Forschungsarbeiten, die sich im Kern mit anderen Themen befassen – wie mit Religiosität bei Wolfgang Hackl; der Metaphorik der Schweizer Alpen allgemein bei Peter O. Büttner, Hans-Heino Ewers, Christophe Gros, Heidi Lexe und Verena Rutschmann; didaktischen bzw. pädagogischen Gesichtspunkten bei Ramona Bräuer, Klaus Doderer, Gerhard Härle, Bettina Hurrelmann und Anna Katharina Ulrich; medizinischen Aspekten bei Jean Villain; Krankheit und Heimat bei Yvonne Fluri; – sehen die Alm als wichtigen Teil des „Heidi“-Romans an und betrachten ihn aus ihren eigenen Blickwinkeln.

Anschließend wird Lotmans Raumtheorie "Der semiotische Raum", Böhmes "Der erhabene Berg" und Simmels "Alpenreisen" auf „Heidi“ beziehungsweise die ausgewählten Szenen bezogen.

2. Die Alm

Doch zunächst zur Perspektive der Protagonistin: Heidi schaut, ist froh und beeindruckt von der göttlichen Erhabenheit der Bergwelt beziehungsweise den Naturgewalten um sie herum: Ob das Tannenrauschen7, das Alpenglühen8 oder die Blumenvielfalt auf der Geißen-Wanderung9 – Heidi kommt aus dem Staunen und Bewundern ihres für sie zunächst fremden und zugleich schönen neuen Zuhauses nicht mehr heraus. Da die Handlung weitestgehend aus Heidis Perspektive erzählt wird10, lernt der Leser den Raum der Alm mit und durch Heidi kennen. Zunächst fremd, doch immer überwältigend schön und nahezu beseelt durch eine übernatürliche Kraft wirken die Natur und das einfache Leben richtig und nahe zu Gott:

„Dem Heidi war es so schön zumute, wie in seinem Leben noch nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lüfte, den zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so dazubleiben immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut, dass es nun war, als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder, so wie gute Freunde.“11

Die detaillierte Beschreibung von Heidis Wahrnehmung, die Spyri hier verwendet, nimmt den Leser mit, lässt eine Identifikation mit der Protagonistin zu. Die Passage beschreibt, wie Heidi das erste Mal mit dem Geißenpeter auf die höher liegenden, während der Sommermonate benutzten Bergweiden steigt. Die Personifikation der Berge, die in Bezug auf andere Elemente wiederholt auftritt, zeigt Heidis enge Bindung zu ihrer Umwelt auf der Alm und verdeutlicht durch die vermeintliche ‚Freundschaft‘12, wie wohl Heidi sich dort fühlt.

2.1 Heidis neues Zuhause – erster Aufstieg

Ihr erster Aufstieg aus dem Dörfli zur Alm hinauf verläuft ganz anders: Heidi schwitzt wegen der vielen Kleider, die Dete ihr angezogen hat.13 Als sie die Leichtigkeit der Geißen und von Peter, der nur ein „leichte[s] Höschen“ trägt, bemerkt, zieht Heidi kurzerhand sämtliche überflüssige Kleidung aus und springt und klettert „hinter den Geißen und neben dem Peter her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft“.14 Härle interpretiert ihr Verhalten als Befreiung von gesellschaftlicher Überfrachtung15, wobei das Ausziehen im Kontext von Hitze, Anstrengung und mehrerer Lagen Kleidung auch einfach als logische Konsequenz gewertet werden kann. Dennoch ist auffällig wie schnell das fünfjährige Mädchen sich an die neue Umgebung anpasst und dort wohlfühlt: „Wie nun das Kind sich so frei und leicht fühlte, fing es ein Gespräch mit Peter an“16 Heidi interessiert sich für den älteren Jungen Peter und seine Arbeit mit den Geißen. Auch Öhi schaut sie lange an, als sie ihm das erste Mal begegnet, weil seine Augenbrauen „so verwunderlich anzusehen“ sind.17 Heidi nimmt die neue Welt also an, wie sie ist, schaut und hört, nimmt alles in sich auf und als neue Heimat an. So interpretiert auch Hackl die Auszieh-Szene, er hält die Alm deshalb sogar für das Paradies, in dem Heidi wie Adam und Eva keine Kleidung braucht.18 Wendet man Arnold van Genneps Gedanken zu räumlichen Übergängen an, erscheint das Ablegen der zivilisierten Kleidung, die auf der wilden Alm nicht zu gebrauchen, für das Besteigen der Höhen sogar im Wege ist, als Übergangsritus.19 Denn Heidi zieht in dieser Szene um auf die Alm zu Öhi, ihrem Großvater, verlässt den einen und begibt sich in einen neuen Raum.

Ob Paradies wie Hackl es vorschlägt oder gesellschaftsferner Raum nach Härle – Heidi selbst erhält im ersten Kapitel von "Heidis Lehr- und Wanderjahre" nur wenig Raum. Den größten Anteil macht das Gespräch von Dete und Bärbel aus, über das der Leser Öhi, Heidis Eltern und den Grund für Heidis Umzug erfährt. Erst nach dieser „Exposition“ stellt Heidi sich selbst mit der Entkleidung in den Mittelpunkt der Aufmerksamt des Lesers. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf der Geschichte ihrer Eltern, besonders aber der Rolle des Großvaters, Öhi, der als Menschenfeind, Atheist, Spieler, mutmaßlicher Fahnenflüchtiger und Totschläger beschrieben wird.20 Diese negativen Konnotationen übertragen sich automatisch auf den Raum, der zur Figur Öhi gehört: seine Alm. Zu Beginn der Geschichte rechnet der Leser also mit einem Ort, der menschenfeindlich, gottlos und gefährlich ist.

Ganz im Gegensatz dazu ist Heidi fraglos von der Natur der Alm beeindruckt und fasziniert. Ob man in Ihrem Entkleiden das Paradies, also einen gottesnahen Raum – oder einen unzivilisierten, gesellschaftsfernen, vielleicht sogar gottlosen Raum hineinlesen möchte, bleibt offen. Etwas Übernatürliches hat die Alm in Heidis Augen auf jeden Fall, wenn Berge Gesichter zu scheinen haben und das Leben auf der Alm zu einem solchen Hochgefühl führt, wie es bei Heidi der Fall ist.21 Die anfängliche These ist insofern bestätigt, dass die Alm weit oberhalb des Dörfli abseits der Gesellschaft liegt und von Öhi geprägt ist, der die Gesellschaft anderer meidet und umgekehrt. Doch ob die Alm gleichzeitig auch ein gottesnaher Raum ist, bleibt unklar. Einerseits lässt das Entkleiden ein Paradies erwarten, andererseits lebt dort ein Mensch, der der Kirche entsagt hat und nichts von Gott wissen will. Der Leser erhält also widersprüchliche Informationen zur Gottesnähe auf der Alm. Ob diese sich im Verlauf der Handlung auflösen, wird durch die Betrachtung der zweiten Aufstiegsszene von Heidi auf die Alm untersucht.

2.2 Raum der Heilung – zweiter Aufstieg

Konkret sieht Heidis zweiter Aufstieg auf die Alm folgendermaßen aus: Nachdem Heidi mit der Bahn nach Maienfeld gereist ist, fährt sie mit der Kutsche des Bäckers weiter ins Dörfli. Bereits hier beginnt sie „innerlich zu zittern vor Erregung“22 als sie die Wege und Berge erkennt. Die Berge „grüßten sie wie gute alte Freunde“.23 Sie läuft so schnell sie kann, hat lautes Herzklopfen und zittert, kann vor Freude gar nichts mehr sagen als sie die Hütte des Geißenpeters betritt und die Großmutter wiedersieht.24 Auf dem Weg zum Öhi und seiner Alm möchte sie ihren Frankfurter Hut nicht mitnehmen, sondern ihn bei Brigitte und der Großmutter lassen.25 Hier wiederholt sich das Phänomen des räumlichen Überganges. Wie eine Opfergabe lässt sie den wertvollen Hut zurück und geht weiter auf die Alm, dem entbehrungsreichen Leben beim Öhi, zu.26 Auch bei diesem Aufstieg erscheinen Heidi die Berge als Freunde, wie bereits bei der ersten Besteigung der Sommerweiden der Geißen. Heidis besonderer Kontakt zur Alm ist also sofort wiederhergestellt.

Heidi fühlt sich auf der Alm nicht nur wohl, sondern wird dort nach der Frankfurt-Episode auch wieder vom Schlafwandeln und vom Heimweh geheilt.27 Nur auf der Alm kann sie gesund bleiben und zufrieden leben, weil, wie Rutschmann es treffend beschreibt: die Alm „der Ort für eine freie Entwicklung des Geistes und Gemütes [ist]“28 Nur dort bekommt Heidi "Eingebungen" von der Natur, vielleicht sogar Kontakt zu Gott. Besonders Schindler hält die Natur in „Heidi“ für den „Ausdruck der göttlichen Präsenz […]. Von ‚Naturfrömmigkeit‘ wäre hier zu sprechen“.29 Immer wieder läuft Heidi zu den drei alten Tannen hinter der Hütte, um „diese[m] tiefe[n], geheimnisvolle[n] Tosen in den Wipfeln da droben“ zu lauschen, „wie das wehte und wogte und rauschte in den Bäumen mit großer Macht“30 Rituell wirkende Handlungen wie diese und eine Kommunikation mit der oftmals personifizierten Natur sind für ein traumhaftes Kindererleben der Welt vielleicht normal, unabhängig davon aber übernatürlich. Spirituell oder nicht – Heidi entwickelt sich vom kleinen Kind zur immer selbstständigeren und tatkräftigeren, charakterstarken Figur, die ihren Mitmenschen bereitwillig hilft.

[...]


1 Kindlers Literatur Lexikon, S. 488.

2 Vgl. Faehndrich, Heidi: 100 Jahre Heidi, S. 130-131.

3 Vgl. Gyr, Ueli: Herzfigur und Markenzeichen, S. 187.

4 Das Lied von Gitti und Erika, geschrieben 1977, schreibt mit der japanischen Zeichentrickserie von 1974, den Verfilmungen von 1937, 1952, 1965, 1968, 1978 und 2015 sowie Neuauflagen und gekürzte Fassungen den Erfolg der Geschichte bis heute fort.

5 Escher, Georg: ‚Berge heissen nicht‘, S. 279.

6 Vgl. Fragoso, Gabriela: Wanderschaft, S. 55.

7 Vgl. Spyri, Johanna: Heidis Lehr- und Wanderjahre, S. 55.

8 Vgl. ebd., S. 49.

9 Heidi hält das Alpenglühen zunächst für Feuer und ist außer sich. Erst durch Peter beruhigt erkennt sie die Schönheit des Phänomens. Vgl. ebd., S. 38.

10 Beispielsweise „erwacht“ der Leser gemeinsam mit Heidi im neuen Zuhause im Bett aus Heu und orientiert sich neu, erinnert sich an den Umzug und beginnt den neuen Tag mit ihr. Vgl. ebd., S. 36.

11 Ebd., S. 41.

12 Bezogen auf ebd.

13 Vgl. ebd., S. 19.

14 Ebd.

15 Vgl. Härle, Gerhard: Pädagogische Provinz, S. 69.

16 Spyri, Johanna: Heidis Lehr- und Wanderjahre, S. 20.

17 Ebd., S. 22.

18 Vgl. Hackl, Wolfgang: Trivialisierung, S. 79.

19 Vgl. Gennep, Arnold van: Räumliche Übergänge, S. 28-29.

20 Vgl. Spyri, Johanna: Heidis Lehr- und Wanderjahre, S. 11-15.

21 Vgl. ebd., S. 41.

22 Ebd., S. 193.

23 Ebd.

24 Vgl. ebd. 193-195.

25 Vgl. ebd. S. 196-197.

26 Wieder erinnert die Szene an Genneps Übergangsriten, die den Übergang in einen anderen Raum markieren. Vgl. Gennep, Arnold van: Räumliche Übergänge, S. 28-29.

27 Vgl. ebd., S.202.

28 Rutschmann, Verena: Natur und Zivilisation, S. 34. Diesem Argument widerspricht vor allem Villain, der in Heidi den „Fluch des unerfüllten Frauenlebens“ sieht (Villain, Jean: Johannas früh erwachter Sinn fürs Medizinische, S. 78), weil Frauen zu Spyris Zeit primär zur Befriedigung der Männerwelt erzogen worden seien. Die Fremdbestimmtheit oder Aufopferung für andere gipfele im Versprechen an den Doktor, ihn im Alter zu pflegen, womit das neunjährige Mädchen dem Mann ihre Zukunft verspricht. Vgl. ebd.

29 Schindler, Regine: Form und Funktion, S. 189.

30 Spyri, Johanna: Heidis Lehr- und Wanderjahre, S. 55.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Heidis Alm zwischen Gott und den Menschen
Untertitel
Eine Raumanalyse der Alm in Johanna Spyris "Heidi"- Bänden von 1880/1881
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Alpenpässe in der Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V459640
ISBN (eBook)
9783668907195
ISBN (Buch)
9783668907201
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heidi, Johanna Spyri, Berg, Raum
Arbeit zitieren
Jacqueline Schäfer (Autor), 2018, Heidis Alm zwischen Gott und den Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459640

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