Die Klarheiten Gottes nach Wolf Krötke mit Blick auf die aussterbende Gebetspraxis


Hausarbeit, 2018

31 Seiten, Note: 1,3

Timo Benninger (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erschließung von Krötkes Begriff der Klarheiten Gottes

3. Die Klarheiten Gottes nach Krötke
3.1. Die Liebe Gottes
3.1.1. Liebe als Teil der Doxa Gottes
3.1.2. Gottes liebende und gnädige Gerechtigkeit
3.2. Die Macht Gottes
3.2.1. Die Allmacht Gottes im Konflikt mit dem Elend auf Erden
3.2.2. Die Macht Gottes als ermächtigende Macht
3.3. Eine kritische Reflexion der Macht und Liebe Gottes nach Krötke

4. Die Notwendigkeit von konkreter religiöser Kommunikation in gottverlassenen Zeiten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit mehreren tausend Jahren waren das Gebet und der Glaube an Gott selbstverständlich in den Alltag der meisten Menschen integriert. Doch ganz besonders in den heutigen westlichen Ländern treten immer mehr Menschen aus den Kirchen aus, wodurch nicht nur der Glaube infrage gestellt wird, sondern auch die Gebetspraxis langsam ausstirbt.

Als mögliche hilfestiftende Antwort auf diese Entwicklungen verfasste der Theologe Wolf Krötke unter anderem die Bücher „Beten Heute“ und „Gottes Klarheiten“, welche nun im Folgenden als Grundlage für diese Hausarbeit dienen werden. Das Ziel dieser Hausarbeit wird es sein, sich einen Überblick von Krötkes theologischen Überlegungen zu verschaffen, diese kurz kritisch zu beleuchten und anschließend in Bezug zur Gebetspraxis zu setzen. Zu Beginn wird ein Blick auf Krötkes Begriff der „Klarheiten Gottes“ geworfen und erläutert, weshalb er die allgemeine Lehre von den Eigenschaften Gottes kritisiert. Im Anschluss werden lediglich die Klarheiten der Liebe und der Macht näher betrachtet, da diese für den Gebetskontext von größerer Bedeutung sind als die Klarheiten der Wahrheit und Ewigkeit. Dabei wird vor allem die Frage nach der Art und Weise des Wirken Gottes in seiner Liebe und Macht beleuchtet. In diesem Kontext wird unter anderem Krötkes Einstellung zu den häufig scheiternden menschlichen Liebesbeziehungen und der nachlassenden Rolle der Liebe im öffentlichen Leben aufgezeigt. Darüber hinaus wird betrachtet inwiefern die Liebe Teil der Doxa Gottes ist und welche Auswirkungen dies auf die Gerechtigkeit Gottes hat. Hieran anknüpfend wird das Wirken Gottes in seiner Macht angeführt, wobei ein besonderer Fokus auf die Theodizeefrage und auf die Allmacht Gottes gerichtet wird. Besonderes Augenmerk wird auch Krötkes Differenzierung von Gott als einem metaphysischen beziehungsweise persönlich beziehungsorientiertem Wesen zukommen.

Im zweiten Hauptteil werden die Auswirkungen der zuvor erarbeiteten Erkenntnisse für das Gebetsverständnis und die Gebetspraxis herausgestellt. Diesbezüglich wird auch Krötkes Gebetsverständnis mit Blick auf das Eingreifen Gottes und die Verantwortung des Betenden aufgezeigt. Damit einhergehend werden Krötkes Antwortversuche auf geläufige Kritikpunkte gegenüber dem Gebet dargestellt. Abschließend soll ebenfalls verdeutlich werden, warum eine eindeutige und klare Kommunikation von Gott und seinen Wirkweisen essentiell sei, um das Fortbestehen des Glaubens in der heutigen Zeit sicherzustellen.

2. Erschließung von Krötkes Begriff der Klarheiten Gottes

Um Krötkes Entscheidung für den Begriff der Klarheit nachzuvollziehen, ist es sinnvoll, zuerst seine Kritik an der traditionellen Eigenschaftslehre genauer zu betrachten. In der Lehre von den Eigenschaften sieht er das Problem in der schieren Vielzahl an möglichen Beschreibungen, mit denen das Wesen Gottes charakterisiert werden könnte, und deswegen habe sich gewissermaßen ein nicht endender Diskurs entwickelt.1 Zudem verweist Krötke auf Barth, welcher die Ansammlung von den Eigenschaften Gottes als einen stets unvollständig bleibenden Versuch darstellt, das Wesen Gottes zu beschreiben. Überraschenderweise spreche selbst die Bibel nicht von verbindlichen Eigenschaften, sondern nur von einer Vielzahl von Prädikaten, die Gott zugesprochen werden.2 Krötke betont diesbezüglich außerdem die Gefahr „willkürlicher Entscheidungen“3, die bei der Definition der Eigenschaften Gottes einfließen könnten.4

Als vorteilhaftere Alternative verweist Krötke deswegen auf die Aussagen des Theologen Hans Urs von Balthasars, welcher die alternative Bezeichnung der Eigenschaften Gottes als Äußerungsweisen seiner Doxa als durchaus plausibel ansieht.5 Die Probleme der traditionellen Eigenschaftslehre mit ihrer Unerschöpflichkeit der Beschreibung Gottes würden alternativ durch ein Verwenden der Begriffe „Äußerungsweisen oder Wirkweisen“6 deutlich reduziert, da diese nicht von willkürlichen menschlichen Einflüssen manipuliert werden können, sondern sie sich ausschließlich durch Gottes eigene Offenbarungen charakterisieren.7 In diesen Offenbarungen, welche dem Menschen zuteilwerden, „wenn Gott sich auf eine Wirklichkeit außerhalb seiner selbst bezieht“8, sieht Krötke das konkrete sich Ereignen der Klarheiten Gottes.9

Die bedeutsamste Offenbarung zeige sich in Gottes Menschwerdung in Jesus Christus, wodurch ein klarer Bezug zur essentiellen Doxa Gottes hergestellt werden könne. Durch Gottes Wirken in Jesus Christus kommuniziere er den sündhaften Menschen seine Liebe und Treue, wodurch für den Menschen eine direkte Beziehung zu Gott möglich werde.10 Nach Krötke kann die Doxa Gottes mit der Doxa Christi gleichgesetzt werden,11 denn durch Gottes Offenbarung im Wirken Christi „werden die Klarheiten Gottes menschlich sichtbar.“12

Aufgrund dieser Art der Offenbarung entscheidet sich Krötke für die eher wenig genutzte Übersetzung von Doxa mit dem Wort „Klarheit“13. Krötke räumt allerdings ohne weiteres ein, dass es bestimmte Bereiche im Reden von Gott gibt, in denen die übliche Übersetzung von Doxa mit „Herrlichkeit“ durchaus sinnvoll ist, wie zum Beispiel in der Doxologie und in dem Bereich der eschatologischen Hoffnung.14 Um den Klarheitsbegriff zu verdeutlichen, konkretisiert er ihn durch Beschreibungen als „ kommunikative15 und „ klarmachende Klarheiten16. Seiner Meinung nach besitzt Gott die Absicht, durch seine Klarheiten eine unmissverständliche Form mitzuteilen, in welcher er möchte, dass Menschen ihn wahrnehmen. Hierbei wird einerseits Bezug genommen auf die göttliche Macht seiner Klarheit in Jesus Christus und andererseits auch auf die beziehungsorientierte Bereitschaft Gottes, welche sich in seinem trinitarischen Wesen bereits als Klarheit manifestiert.17 Durch Christus sind Menschen ermächtigt, in die Klarheiten und Herrlichkeit Gottes zu schauen und von ihnen zu sprechen, ohne sich wie im Gegensatz zum Alten Testament vor dieser Heiligkeit zu fürchten.18

Aufgrund der neutestamentlichen Perspektive gewähre Gott der sündigen menschlichen Wirklichkeit nach der Offenbarung in Christus und nach der Freisetzung des Heiligen Geistes dennoch die Möglichkeit, als Geschöpfe Gottes „ Partner seiner Klarheit19 zu werden. Nach Krötke toleriere Gott, bis das Reich Gottes kommt, die Andersartigkeit der Geschöpfe und gewähre der menschlichen Welt „ Zeit zum Glauben20, um letztendlich doch die Klarheiten Gottes zu erkennen.21

Um willkürliche und übermäßig viele Bestimmungen von Gottes Klarheiten zu vermeiden, hat Krötke sechs Bedingungen vorausgesetzt.22 Jede Klarheit muss als eine „ Bewegung Gottes auf die Welt zu23 verstanden werden, wodurch Gott im Lauf der Geschichte bestimmte Klarheiten offenbare. Alle Klarheiten Gottes müssen zudem durch „ das Gleichnis des Menschseins Jesu24 auf für den Menschen konkrete und verständliche Weise artikuliert werden können, um die Identifikation Gottes in Jesus zu beachten.25 Jede Klarheit ist in einem trinitarischen Sinne zu verstehen, welches bedeutet, dass Gott diese Klarheiten nicht nur in Interaktion mit der Erde zeige, sondern auch bereits vorher im „ Verhältnis zu sich selbst26. Jegliche Klarheit Gottes soll stets eine kommunikative Neigung besitzen, durch welche die Menschen zu jedem Punkt im Laufe der Zeit eigene Erkenntnisse und Erfahrungen über die Welt und über sich selbst in die Deutung des Gleichnisses Jesu einwirken lassen sollen, um damit einhergehend neue Erkenntnisse über Gottes Beziehung zur Welt zu erhalten.27 Darüber hinaus ist es laut Krötke von Bedeutung, dass jede Klarheit einen „heilsamen“28 Gegensatz zwischen Gott und der Welt darstellt, welcher aber aufgrund von Gottes „klarmachenden Klarheiten“29 den sündigen Menschen immer noch eine Möglichkeit bereitet, der Vorstellung Gottes gerecht zu werden. Als letzten Punkt führt Krötke an, dass jede Klarheit in der Lage sein muss, diejenigen Menschen anzusprechen und zu ermutigen, die in die Gottvergessenheit geraten sind.30

Krötke ist der Auffassung, dass die folgenden vier biblisch begründeten Klarheiten diese Kriterien erfüllen: Wahrheit, Liebe, Macht und Ewigkeit. Diese vier Klarheiten beeinflussen sich gegenseitig positiv und können nicht gegeneinander Handeln, da sie alle dem „dreieinen Wesen Gottes“ entsprechen.31 Ergänzend fügt Krötke hinzu, dass viele der klassischen Prädikate Gottes den einzelnen Klarheiten untergeordnet werden können.32

Als letzte Spezifizierung benennt Krötke die Klarheiten zudem als „ heilig[e] Klarheiten33, da die Heiligkeit an sich keine eigene Charaktereigenschaft darstellt, sondern dahingehend „ immanent [ist], daß sie als ein Charakteristikum der δόξα selbst in allen ihren Konkretionen zu verstehen ist.“34 Daraus schlussfolgert Krötke die innewohnende Heiligkeit der einzelnen Klarheiten, welche folglich in jeder ausgeübten Klarheit gleichsam mit wirksam wird.35 Durch diese Weise der Darstellung versucht Krötke auch zu unterstreichen, dass dieser Gott in seiner Herrlichkeit zwar eine gewisse Differenz zur Welt darstelle, aber er nichtsdestotrotz eben kein der Welt abgeschiedenes Wesen sei, sondern vielmehr ein Gott, der durch seine Klarheiten im Leben wirke, um eine „ Heiligung36 des menschlichen Lebens hervorzurufen.37

Durch die Herausstellung der Nachtteile der traditionellen Eigenschaftslehre entwickelt Krötke folglich eine sinnvolle Ausgangsbasis für die Beschreibung des Wesen Gottes in seinen Klarheiten. Diese auf Gottes biblische und historische Selbstoffenbarungen basierenden Klarheiten der Wahrheit, Liebe, Macht und Ewigkeit erstellen durch ihre Konkretisierungen als kommunikativ, klarmachend und heilig das Bild eines greifbaren und gegenwärtigen, mit den Menschen verbundenen Gottes. Diese Annahme werde letztendlich durch Gottes Absicht unterstrichen, den Mensch in einem heilsamen und kooperativen Sinne an der Anteilnahme und Umsetzung der Klarheiten zu beteiligen.

3. Die Klarheiten Gottes nach Krötke

3.1. Die Liebe Gottes

In vielen Bereichen des Lebens ist von Liebe „geradezu inflationär die Rede“38, da einerseits im öffentlichen Leben der Politik, Wirtschaft und Kultur der Liebe kaum noch ein Platz zugesprochen wird und andererseits die zwischenmenschliche Liebe im privaten Raum in den meisten Fällen auch nicht die häufig mit Liebe in Verbindung gebrachten Erwartungen von einem durchdringenden Leben erfüllen. Die gewisse Oberflächlichkeit der gesellschaftlichen Auffassung von Liebe, die fälschlicherweise häufig mit Lust oder kurzzeitigem Vergnügen gleichgestellt wird, führt vermehrt zu einer Sehnsucht nach einer Liebe, die über dieses flüchtige Erleben hinausgeht. Laut dem von Krötke zitierten Sozialpsychologen Erich Fromm entsteht diese Sehnsucht nach ausgeprägten Beziehungen durch die Tatsache, dass Menschen Wesen sind, die ein tiefgehendes Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft in sich tragen und dieses auf die intensivste Art und Weise wie möglich erleben wollen. Daraus wird gefolgert, dass die Erfahrung von Beziehungen und Liebe somit zu den essentiellen Bedürfnissen eines Menschen gehört, weshalb ein Mensch ohne diese meistens in depressive Verschlossenheit und Isolation verfällt. Damit einhergehend findet sich dann häufig auch eine mangelnde Fähigkeit, selber Liebe auszudrücken und selber Beziehungen einzugehen.39

Zudem beruft sich Krötke auf den Psychologen Peter Lauster, wenn er schreibt, dass Menschen erst durch die Bejahung und Annahme von Seiten anderer dazu befähigt werden, ein freies Selbst zu entwickeln und Liebe zu zeigen. Darüber hinaus wird auch angeführt, dass eine beziehungsorientierte Liebe stets ein Zu- und Vertrauen zwischen Menschen benötigt, welches wiederum von einer Offenheit beider Seiten begleitet werden muss.40 Sollten diese Voraussetzungen nicht gegeben sein, würden Menschen dazu tendieren, ihre Liebe nach innen auf eine „eigene Selbstsicherung im Geist“41 zu richten. Diese selbstbezogene Verschlossenheit verstärkt abermals die eigene „Unfähigkeit zum Lieben“42.

Aufgrund dieses menschlichen Grundbedürfnisses nach Liebe, Anerkennung und Beziehungen bemerkt Krötke das durchaus vorhandene Potential für die Verkündigung der Liebe Gottes, welche besondere Möglichkeiten entfalten könnte, da viele menschliche Beziehungen problembehaftet sind und mehrfach auch gänzlich scheitern, weil sie unter anderem von Menschen eingegangen werden, deren Selbst zu verschlossen ist, um Liebe und Gefühle auszudrücken.43

Im Kontext dieser Gesichtspunkte warnt Krötke nun allerdings davor, die Liebe nicht einfach im metaphysischen Sinne auf Gott zu projizieren, um ihn somit als „Lösung des Problems faktischer menschlicher Liebesunfähigkeit“44 zu postulieren. Denn gerade die abstrakte Vorstellung eines liebenden Gottes sorgt eben noch nicht bei jedem Menschen für eine „Erfahrung des Geliebtwerdens durch Gott“45. Um die Schwachstellen einer solchen Auffassung weiter zu verdeutlichen, führt Krötke an, dass ein metaphysischer Gott absoluter Liebe zwar in jedem positiv gelungenen Liebesereignis auf dieser Welt anwesend sein mag, aber ein mögliches Problem dieser Betrachtungsweise entsteht bereits durch einen Blick auf die hohe Anzahl gescheiterter interpersoneller Beziehungen.46

Kontrastierend dazu stellt Krötke die Liebe Gottes hauptsächlich als eine Liebe zur Welt dar, die sich als Liebe zu jedem einzelnen Menschen konkretisiere. Damit eine derartige Beziehung zwischen Mensch Gott und Welt entstehen kann, mache Gott die initiale Bewegung, um sich seinem Gegenüber vertraut zu machen, ein Verhältnis des Liebens anzubieten und damit eine persönliche Wirklichkeit seiner Liebe für die Geschöpfe zu realisieren.47 Krötke bringt den Kontrast zum metaphysischen Verständnis von der Liebe Gottes im Vergleich zum auf die einzelnen Menschen zugehenden Gott im folgenden Zitat präzise zum Ausdruck, wenn er schreibt: „Nur wenn Menschen sich selbst in der Besonderheit ihrer Individualität als von Gott geliebt erfahren, ist Gott für sie wirklich.“48 Dies verdeutlicht nochmals die mangelhafte Bedeutung eines abstrakten metaphysischen Gottes für das einzelne Individuum.

Der zuvor genannte Beziehungswunsch von Seiten Gottes wird von Krötke dahingehend ausgebreitet, dass „Gottes Liebe aufgrund der Lieblosigkeit seiner Partner nicht erlischt“49. Das heißt: selbst wenn Menschen sich nicht auf Gottes Liebe und eine vertraute Beziehung mit ihm einlassen, werde Gott stets weiterhin versuchen, diese Menschen mit seiner „schöpferischen Kraft“50 zu erreichen, da er sie auch weiterhin als „der Liebe würdig“51 ansehe. Diese Art des Liebens ist laut Krötke möglich, da Gottes Liebe nicht durch äußere Aspekte bedingt werde, sondern die Liebe Gottes sich in seinem trinitarischen Sein stets selber konstituiere, reproduziere und erfülle, wodurch es in seiner Wirklichkeit der Liebe „kein Gegeneinander, sondern nur ein gänzliches Füreinander und Miteinander“52 gebe. Ergänzend zu diesen Beschreibungen der Liebe Gottes fügt Krötke erklärend hinzu, dass ein liebender und beziehungsorientierter Gott seine Anbetung, Existenz und Macht niemals mit Gewalt durchsetzen könne, da dies seinem Wesen der Liebe widersprechen würde. Genauso meint Krötke, dass Gott die Freiheit seiner Geschöpfe bewahre und er sie nicht zwinge, an ihn zu glauben, stattdessen steht es ihnen frei, auf sein Angebot der Liebe einzugehen oder dieses zu ignorieren.53

Krötke sieht vor allem in dieser Art der göttlichen Liebe einen vielversprechenden Gegenpol zu dem sinkenden Vertrauen in eine erfüllende menschliche Liebe in der Gesellschaft. Sogar gottvergessene Menschen können möglicherweise mithilfe „eines unfraglichen Geliebtseins“54 von Seiten Gottes eine neue „lebensermutigende Perspektive erhalten“55.

Konkretisierend lässt sich festhalten, dass Krötke die menschliche Sehnsucht nach Liebe und das individuelle Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft hervorhebt, um damit die Möglichkeit für das auf Liebe abzielende Einwirken eines beziehungsorientierten Gottes zu unterstreichen. Obwohl Gottes Zuwendung nicht immer auf Offenheit und Akzeptanz stößt, stellt Krötke Gottes Verhalten in einer Art und Weise dar, durch welche Menschen eine Liebe angeboten werde, die zur eigenen Selbstannahme und zu einer authentischen Erfahrung von gottbezogener und zwischenmenschlicher Liebe verhelfen kann.

3.1.1. Liebe als Teil der Doxa Gottes

Die Zuschreibung der Liebe zur Doxa Gottes vollzieht Krötke vornehmlich anhand von biblischen Texten und dem Auftreten Jesu. Beispielsweise führt Krötke Stellen in II Kor 13,11 und I Joh 4,8 an, in denen Gott als „Gott der Liebe“56 und der Inbegriff der Liebe selbst charakterisiert wird.57 Diese Beschreibungen berufen sich vor allem auf das Wesen und Wirken Christi, welches als überaus bedeutsames Beispiel für die Liebe Gottes zu sich und zu den Menschen angesehen werden könne.58 Dies wird auch unterstrichen durch die Äußerung in Joh 3,16, wo geschrieben steht, dass Gott in Christus die Welt geliebt habe.59

Laut Krötke spielt vornehmlich die Auferstehung Jesu eine entscheidende Rolle beim Verständnis der Liebe Gottes. Durch die Kreuzigung Jesu habe Gott den Menschen zwar auf eine gnädige Art und Weise gerechtfertigt, aber nur aufgrund der Auferstehung könne das Opfer Jesu mit dem Bild eines liebenden Gottes übereinstimmen.60 Mittels der Auferstehung werde die Botschaft Jesu von der Liebe und dem Reich Gottes noch verstärkt, da die Menschen nun ein eindeutigeres Bild von Gottes Doxa erhalten haben, wodurch erkennbar werde, dass Gott jeden einzelnen Menschen weiterhin in Form des Heiligen Geistes mit seiner Liebe erreichen und erneuern zu ersuche.61 Diese Ausganssituation verdeutlicht Krötke durch zahlreiche Stellen wie zum Beispiel in Röm 8,39, in den Gleichnissen vom Verloren in Lk 15, in der Bergpredigt und in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. An diesen Beispielen verdeutlicht Krötke besonders prägnant, dass für Gott jeder Mensch von Bedeutung sei und Gott in seiner Güte und Liebe prinzipiell nicht zwischen menschlichen Differenzlinien, wie z.B. Kultur, Herkunft und Wohlstand, unterscheide. Anhand der Ausführungen in der Bergpredigt wird nochmals deutlich, dass Gott insbesondere versuche, die bedrängten und frustrierten Menschen mit seiner Liebe zu erreichen und ihnen somit einen Neuanfang zu ermöglichen.62

Nach Krötkes Auffassung erhalten die Menschen durch Christus Anteil an den Klarheiten Gottes, wodurch sie selber zu liebenden Personen werden können, sodass ihr Leben auf der Liebe zu Gott und zu Anderen basieren mag.63 Diese Art der gottbezogenen und zwischenmenschlichen Liebe gehört „zum auffallendsten, von Gott gewollten Charakteristikum des Verhaltens der Glaubenden in der Welt“64. Durch das Einwirken Christi könne sich der Mensch freimachen von der Macht der Sünde und erhalte dadurch erst die Möglichkeit, ein Leben zu führen, das dieser Liebesvorstellung Gottes entspreche.65

Aufgrund der von Krötke dargestellten Tatsache, dass Gott sich den Menschen eindeutig in der Klarheit seiner Liebe offenbare, sollte dieser bei der Verkündigung von Gottes Wesen eine wesentliche Rolle zukommen. Zumal Krötke mit dieser Art der Zuwendung und Offenbarung auch den Versuch und den Wunsch Gottes verbindet, den Menschen „seine [Gottes] Liebe als Grund ihres Lebens nahe[zubringen]“66, welches sich folglich wohl auch überaus positiv auf das Verhältnis zu sich selbst und zu anderen auswirken würde.

[...]


1 Vgl. Krötke, Wolf: Gottes Klarheiten. Eine Neuinterpretation der Lehre von Gottes „Eigenschaften“. Tübingen: Mohr Siebeck, 2001, 113.

2 Vgl. ebd., 2f.

3 Ebd.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd., 110.

6 Ebd., 113.

7 Vgl. ebd.

8 Ebd., 103.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. ebd., 105ff.

11 Vgl. ebd., 105.

12 Ebd., 109.

13 Ebd., 104.

14 Vgl. ebd., 106.

15 Ebd., 108. (Alle kursiven Hervorhebungen in Zitaten in dieser Hausarbeit wurden von Wolf Krötke vorgenommen)

16 Ebd.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. ebd., 105.

19 Ebd., 112.

20 Ebd.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. ebd., 113ff.

23 Ebd., 114.

24 Ebd.

25 Vgl. ebd., 114f.

26 Ebd., 115.

27 Vgl. ebd.

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. ebd.

32 Vgl. ebd., 118.

33 Ebd., 116.

34 Ebd.

35 Vgl. ebd.

36 Ebd., 117.

37 Vgl. ebd.

38 Ebd., 161.

39 Vgl. ebd., 161f.

40 Vgl. ebd., 162.

41 Ebd., 163.

42 Ebd.

43 Vgl. ebd., 163.

44 Ebd., 163f.

45 Ebd.

46 Vgl. ebd., 163f.

47 Vgl. ebd., 165.

48 Ebd.

49 Ebd., 167.

50 Ebd.

51 Ebd., 169.

52 Ebd.

53 Vgl. ebd., 169f.

54 Ebd., 171.

55 Ebd.

56 Luther, Martin: Lutherbibel. Mit Apokryphen. Hrsg. EKD. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2017.

2 Kor 13,11.

57 Vgl. ebd., 160; Vgl. I Joh 4,8.16.

58 Vgl. ebd., 172f.

59 Vgl. Joh 3,16.

60 Vgl. Krötke: Klarheiten, 183.

61 Vgl. ebd., 183f.

62 Vgl. ebd., 172ff.

63 Vgl. ebd., 160f.

64 Ebd.

65 Vgl. ebd., 175.

66 Ebd., 161.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Klarheiten Gottes nach Wolf Krötke mit Blick auf die aussterbende Gebetspraxis
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
31
Katalognummer
V459813
ISBN (eBook)
9783668885455
ISBN (Buch)
9783668885462
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klarheiten, gottes, wolf, krötke, blick, gebetspraxis
Arbeit zitieren
Timo Benninger (Autor), 2018, Die Klarheiten Gottes nach Wolf Krötke mit Blick auf die aussterbende Gebetspraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459813

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