Aufgabe dieser Arbeit ist es, einen anfänglich nach Verfasser und Entstehungszeit unbekannten Text, 1. in seinen wichtigsten Aussagen zusammenzufassen; 2. in einer komplexeren Ausführung den Text einer politiktheoretischen Tradition zuzuordnen; 3. kritisch die Position des Textes dahingehend zu diskutieren, inwiefern diese geeignet ist, politische Realitäten in modernen Gesellschaften zu analysieren.
Das Hauptaugenmerk vorliegender Arbeit wird auf den klassischen Positionen der politiktheoretischen Tradition liegen, das heißt, welchen klassischen Positionen schließt sich der Autor, Wilhelm Hennis, an und von welchen setzt er sich ab. Dies soll exemplarisch an den Klassikern Aristoteles „Politik“ (pro) und Thomas Hobbes „Leviathan“ (contra) erfolgen. Argumentationsweise und Standpunkt des Textes werden hierzu in der Theorienlandschaft ein- und die Positionen des Autors einer wissenschaftstheoretischen Schule zugeordnet. Interessant erschien mir bei der Bearbeitung dieser Fragen auch die Neuinterpretation von Max Weber durch Wilhelm Hennis, sprich die Verortung des wissenschaftlichen Interesses Max Webers näher an der praktischen Philosophie denn bei den empirischen Sozialwissenschaften und damit die Nähe der von Hennis vertretenen Positionen zu denen von Max Weber. Den Rahmen einer Hausarbeit hätte die Auseinandersetzung mit dem Max-Weber-Œuvre von Wilhelm Hennis jedoch gesprengt und so konzentriere ich mich für die Anschlusspositionen auf den Klassiker der politiktheoretischen Tradition – Aristoteles.
In der Erörterung der von Wilhelm Hennis vertretenen Haltung und ihrer nicht abstreitbaren Aktualität, ihrem Bezug zur politischen Realität in modernen Gesellschaften werde ich mich im wesentlichen auf die Strukturprobleme der Demokratien und den Prozess der Globalisierung konzentrieren. Nahtlos gehen diese Ausführungen in eine Schlussbemerkung über.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zusammenfassung der Aussagen des Textes
3 Zuordnung des Textes zur politikwissenschaftlichen Tradition
3. 1 Verortung des Textes in der Theorienlandschaft
3. 2 Strukturelle Unterscheidung politischer Herrschaft
3. 3 Art und Weise politischer Herrschaft
3. 4 Der Bezugsrahmen politischer Herrschaft
3. 5 Position des Autors und wissenschaftstheoretische Schule
4 Eignung der Position des Textes zur Analyse der heutigen politischen Realität in modernen Gesellschaften und Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Seminararbeit untersucht Wilhelm Hennis' Diagnose einer Krise der Politik in der Neuzeit, indem sie seinen traditionellen, praktischen Politikbegriff den technischen Konstruktionen der Moderne gegenüberstellt und dessen Relevanz für heutige Strukturprobleme von Demokratien diskutiert.
- Vergleich von traditionellem (Aristoteles) und modernem (Hobbes) Politikverständnis.
- Analyse der strukturellen Trennung von Politik und Ökonomie bzw. Freiheit und Herrschaft.
- Diskussion der wissenschaftstheoretischen Einordnung von Wilhelm Hennis.
- Bewertung der Aktualität von Hennis' Thesen im Kontext von Globalisierung und Demokratieproblemen.
Auszug aus dem Buch
3. 3 Art und Weise politischer Herrschaft
Politische Herrschaft nach Aristoteles zielt auf den Menschen als freies Wesen. Endziel ihrer Verfasstheit ist die Glückseligkeit des Staates und damit seiner Bürger, die in der „vollendeten Verwirklichung und Anwendung der Tugenden bestehe, und zwar ... im absoluten Sinne.“26. Die Tugenden sind bestimmt durch die Natur, die Gewöhnung und die Vernunft. Erziehung dient der Entfaltung der Charaktereigenschaften zur Tugend durch Sozialisation und Lernprozesse. Auf dem Fundament der Tugenden wurde das traditionelle Gemeinwesen durch den Bürger errichtet. Dieses wiederum befähigte ihn zur Verwirklichung eines guten Lebens, das der Verwirklichung seiner Natur entsprach.27 Hennis schließt sich diesen Positionen an, doch sieht er auch das in ihnen ruhende Problem. Wie kann das hohe und hehre Ziel, das gute, tugendhafte und selbstverwirklichte Leben, bei der Unterschiedlichkeit des Menschen, seinen unvorhersehbaren Handlungsweisen durch diese politische Herrschaft erreicht werden?
Mit Bestimmtheit, ja mit 100-prozentiger Sicherheit, gerade dieses Ziel zu verwirklichen, diesen Anspruch setzt sich nun Hobbes und mit ihm das gesamte moderne politische Denken. Er orientiert sich an den modernen Naturwissenschaften und entwirft anhand aufgestellter Regeln im Leviathan eine rationale Konstruktion der politischen Ordnung.28 Mit der auf ihn gekommenen politischen Philosophie bricht er konsequent. Wie Galilei die Kosmologie, will er die Wissenschaft vom Staat betreiben.29 Durch Entwurf, Gestaltung und Fabrikation soll nun das zwischenmenschliche Leben, das Handeln der Menschen konstruktiv gestaltet werden, „..., Werkstoff und Konstrukteur, beides sei der Mensch.“30. Ehrgeizig ist dieses Vorhaben, doch nicht nur für Hennis ein äußerst fragwürdiges. Er verweist mit F. A. von Hayek auf den Irrtum des Konstruktivismus und der Anmaßung von tatsächlichem Wissen.31 Sichtbar wird dieser Irrtum an dem mit Euphorie in den Ablauf der Natur eingreifenden Menschen, der in seinem Eifer die eigene Willkür und erschreckende Unwissenheit übersieht.32
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit setzt sich zum Ziel, den Text von Wilhelm Hennis inhaltlich zusammenzufassen, politiktheoretisch einzuordnen und dessen Relevanz für moderne politische Realitäten kritisch zu prüfen.
2 Zusammenfassung der Aussagen des Textes: Hennis kontrastiert einen praktischen Politikbegriff der Tradition mit einem technisch-modernen Politikverständnis und konstatiert ein drohendes Ende der abendländischen Politiktradition.
3 Zuordnung des Textes zur politikwissenschaftlichen Tradition: Das Kapitel verortet Hennis' Position anhand eines Vergleichs mit Aristoteles und Hobbes sowie dessen wissenschaftstheoretischer Einordnung.
3. 1 Verortung des Textes in der Theorienlandschaft: Die Argumentation wird als eine Sorge um die repräsentative Demokratie interpretiert, die sich der normativen politischen Theorie zuordnet.
3. 2 Strukturelle Unterscheidung politischer Herrschaft: Es wird die aristotelische Trennung von Polis (Freie) und Oikos (Unfreie) als Referenzpunkt für Hennis' Verständnis von Politik herausgearbeitet.
3. 3 Art und Weise politischer Herrschaft: Der Fokus liegt auf dem Gegensatz zwischen der tugendorientierten aristotelischen Ordnung und der konstruktivistischen, technisch orientierten Staatsauffassung bei Hobbes.
3. 4 Der Bezugsrahmen politischer Herrschaft: Das Kapitel untersucht die unterschiedlichen Naturbegriffe des Menschen, die zur Begründung von Politik bei Aristoteles und Hobbes führen.
3. 5 Position des Autors und wissenschaftstheoretische Schule: Hennis wird primär als Vertreter einer normativ-ontologischen Schule identifiziert, der Politikwissenschaft und praktische Philosophie verbindet.
4 Eignung der Position des Textes zur Analyse der heutigen politischen Realität in modernen Gesellschaften und Schlussbemerkung: Die Arbeit diskutiert Hennis' Thesen vor dem Hintergrund aktueller Strukturprobleme der Demokratie, Globalisierung und dem wahrgenommenen Verlust des Politischen.
Schlüsselwörter
Wilhelm Hennis, Politikbegriff, Politische Theorie, Aristoteles, Thomas Hobbes, Krise der Politik, Politikwissenschaft, Praktische Philosophie, Konstruktivismus, Demokratie, Globalisierung, Strukturprobleme, Normativität, Moderne, Daseinsvorsorge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Aufsatz „Ende der Politik?“ von Wilhelm Hennis und untersucht dessen Kritik an der modernen politischen Entwicklung aus der Perspektive klassischer Staatstheorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Unterscheidung zwischen einem traditionell-praktischen und einem technisch-modernen Politikbegriff sowie die damit verbundene Frage nach der Zweckbestimmung politischer Herrschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Hennis' Position theoretisch zu verorten und zu bewerten, inwiefern seine Ansätze heute noch zur Analyse der Strukturprobleme in modernen Demokratien beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparative politiktheoretische Analyse gewählt, die Hennis' Thesen exemplarisch mit den Klassikern Aristoteles und Thomas Hobbes vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil erfolgt die theoretische Zuordnung des Textes durch die Gegenüberstellung von Herrschaftsverständnissen, die Bestimmung der wissenschaftstheoretischen Position von Hennis und eine Diskussion zur Aktualität seiner Thesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Politikbegriff, praktische Philosophie, normative Politikwissenschaft, Demokratiekritik und das „Ende der Politik“ charakterisieren.
Wie unterscheidet sich laut Hennis der aristotelische vom hobbesianischen Politikbegriff?
Aristoteles verknüpft Politik mit der Verwirklichung des guten Lebens und der Tugend, während bei Hobbes Politik zu einem technischen Mittel zur reinen Daseinssicherung und Machtsteuerung reduziert wird.
Welche Rolle spielt die Globalisierung in der Schlussbetrachtung?
Die Globalisierung wird als ein Faktor diskutiert, der den Nationalstaaten Handlungsmöglichkeiten entzieht und damit die Grundlagen des klassischen, am „guten Leben“ orientierten Politikverständnisses weiter unter Druck setzt.
- Quote paper
- Matthias Rekow (Author), 2004, Ende der Politik? - Wilhelm Hennis zur Krisis der Politik in der Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45993