"Ist das Kunst oder kann das weg?" Zum kunstphilosophischen Problem des Verständnisses zeitgenössischer Kunst


Hausarbeit, 2015
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Dantos These vom „Ende der Kunst“
2.1 Andy Warhols „Brillo Box“ als Endpunkt der Kunstgeschichte?
2.2 Kann die Kunst überhaupt enden? Dantos Geschichtsauffassung
2.3 Kunst nach dem Ende der Kunst

3 Die Probleme mit der zeitgenössischen Kunst
3.1 Das Problem des Verständnisses zeitgenössischer Kunst
3.2 Das Problem der Richtungslosigkeit der Kunst
3.3 Das Problem des Zugangs zur Kunst

4 Die „Kunstbanausen“
4.1 Der Sprichwortschatz der „Kunstbanausen“ und sein wahrer Kern
4.2 Zeitgenössische Kunst verstehen lernen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die These vom „Ende der Kunst“, die der Philosoph Arthur C. Danto das erste Mal im Jahr 19841, genau 20 Jahre nach seinem entscheidenden Besuch der Ausstellung Andy Warhols in der Stable Gallery in New York und dem Anblick der „Brillo Boxes“, vorstellte, hatte eine große Resonanz zur Folge. Zustimmende, aber auch kritische Stimmen wurden laut, es wurde über die Zweckmäßigkeit der These und über den Standpunkt der Kunst dieser Zeit diskutiert, jedoch wurde schnell deutlich, dass viele Autoren Dantos These falsch verstanden hatten. Es ging Danto nie darum, den Tod der Kunst zu proklamieren, stattdessen diagnostizierte er das Ende der linearen Geschichte der Kunst, nach dem die Kunst weiterexistieren würde. Für Danto war immer unbestritten, dass die Kunst nicht aufhören würde zu existieren und dass auch weiterhin Kunstwerke geschaffen werden könnten, was eine der Grundvoraussetzungen für seine Thesen ist. Die Kunst hatte sich ihm zufolge von ihrer geschichtlichen Abhängigkeit befreit und war in einen anderen Zustand eingetreten, der sie nicht mehr dazu verpflichtete, auch immer zugleich Philosophie und Geschichtsfortschreibung zu sein. Die Kunst hatte ihre Freiheit endgültig erlangt und konnte fortan alles sein, was sie wollte; nichts war mehr unmöglich.

An dieser Stelle setzt auch das Problem an, um das es in dieser Arbeit gehen soll, nämlich das Unverständnis vieler Rezipienten für die Kunst nach 1964. Der Spruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ kam das erste Mal auf, als eine übereifrige Putzfrau Joseph Beuys' Kunstwerk „Die Fettecke“ in den 1980er Jahren einfach wegputzte2. Seitdem wird der Spruch immer wieder gerne zitiert, wenn Kunstwerke aus Versehen zerstört3, rücksichtslos behandelt4 oder einfach entsorgt werden5. Doch was genau soll damit zum Ausdruck gebracht werden? Ist es ein Ausdruck des Nicht-Verstehens zeitgenössischer Kunst im Einzelnen oder sogar im Generellen? Ist es eine Abwertung oder ein ironischer Kommentar zu der ohne Vorwissen meist tatsächlich nur schwer zugänglichen oder als solcher identifizierbaren Kunst? Welche Wertschätzung wird damit einer Kunst entgegen gebracht, die sich in so vielen Erscheinungsformen präsentiert, dass sie von normalen Dingen manchmal nicht zu unterscheiden ist?

Genau diese Tatsache, dass eben alles Kunst sein kann, was ein Künstler dazu erklärt, stößt bei vielen Museumsbesuchern auf Unverständnis und Verweigerung der Anerkennung, das Kunstwerk auch als solches zu akzeptieren. Diese Arbeit soll dabei helfen zu klären, wo die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Kunst und Betrachter auftreten und wie sie zustande kommen. In einem letzten Schritt soll ein möglicher Lösungsvorschlag für dieses Dilemma gemacht werden. Dabei werden nicht nur Dantos Schriften zum Ende der Kunst herangezogen, um die Entwicklung der Kunst nachzuvollziehen, sondern auch viele kritische Auseinandersetzungen mit dem schwierigen Zugang zur Kunst seit den 1960er Jahren, die nach 2000 erschienen sind und sich um eine Vermittlung zwischen Kunst und Rezipienten bemühen. Meines Erachtens spielt dieses Thema auch in Zukunft eine entscheidende Rolle, wenn die Kunst sich bei den skeptischen Betrachtern endgültig als losgelöst vom Mimesiskonzept und als Kunst, in der zu großen Teilen Ideen wichtiger als ihre Umsetzung sind, etablieren und Anerkennung erlangen will. Bis es aber soweit ist, wird vermutlich noch einige Zeit vergehen und noch einiges an Arbeit von Seiten der Kunst, der Medien und ihrer Berichterstattung sowie der Vermittler zwischen Kunst und Nicht-Kunstkennern geleistet werden müssen, bis auch der letzte Museumsbesucher sich hüten wird zu sagen: „Das hätte ich auch gekonnt.“

2 Dantos These vom „Ende der Kunst“

Die Rede vom „Ende der Kunst“ ist in den 1980er Jahren keineswegs neu, sondern geht bereits auf Georg Wilhelm Friedrich „Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Kunst, die er 1828 in Berlin hielt“6, zurück. Arthur C. Danto bezieht sich mehrmals ausdrücklich auf Hegel und auf den Gedanken, „die Kunst entwickle sich gewissermaßen auf ein historisches Ende hin, jenseits dessen sie sich in etwas anderes verwandele – nämlich Philosophie“7. Dieser Kerngedanke deutet bereits darauf hin, dass Danto relativ unreflektiert die Annahme einer linearen Entwicklung der Kunstgeschichte von Hegel übernimmt und als Voraussetzung seiner These verwendet, ohne dabei die Gleichzeitigkeit künstlerischer Strömungen wie beispielsweise in der Klassischen Moderne zu berücksichtigen. Gleichzeitig eignet Danto sich Hegels Annahme über die „Überlegenheit der Philosophie“8 an, aus der dieser im 19. Jahrhundert „seine berühmte These vom Vergangenheitscharakter der Kunst“9 abgeleitet hat. Die Kunst werde demnach zu ihrem Ende kommen und in die Philosophie übergehen, jedoch darf dies, genauso wenig wie bei Danto, „nicht als Behauptung oder Prophezeiung eines faktischen Endes der Kunst mißverstanden werden.“10 Auch bei Hegel gilt, dass vorschnelle Schlüsse vermieden werden sollten. Um die These vom Ende der Kunst überhaupt richtig nachvollziehen zu können, bedarf es der kritischen Reflexion ihrer Grundvoraussetzungen und ihrer Revision aus heutiger Sicht.

2.1 Andy Warhols „Brillo Box“ als Endpunkt der Kunstgeschichte?

Wieso ist es gerade eine von Warhols „Brillo Boxes“, die so eine große Wirkung auf Arthur C. Danto gehabt hat? Danto selbst hat diese Frage auch reflektiert: „Ich bin oft gefragt worden, warum ausgerechnet Brillo Box das deutlich machte und nicht irgendeine der anderen sechs oder sieben verschiedenen Schachteln, die Warhol in jenem Jahr ausstellte. […] Oder konnte man nicht sogar zurückgehen bis zu Marcel Duchamp und seinen Readymades?“11 Die Erwähnung von Duchamps Readymades erfolgt hier nicht willkürlich, denn Danto sah Duchamp als kunstgeschichtlichen Vorläufer für Warhols Arbeiten12, weshalb er auch „Warhols Brillo Boxes wie die Readymades von Duchamp“13 behandelte. Das Readymade, ein bereits fertiger Konsumgegenstand, konnte plötzlich durch eine Signatur des Künstlers oder durch seine bloße Bezeichnung als Kunstwerk zu Kunst werden. „Das Readymade […] steht nämlich für den Skandal, dass die Kunst hier gleichsam unter dem Deckmantel gewöhnlicher Dinge auftritt – und also vorderhand negiert, was für alle Kunsttheorie und Ästhetik bis dato entscheidend war: dass sich ein Werk vom einfach Ding unterscheiden lassen muss.“14 Der Grund für die Bedeutung des Readymades für Dantos Theorie ist, dass das Readymade vor Augen führt, dass „nichts Sichtbares den Unterschied zwischen Kunstwerken und ihnen bloß ähnelnden Dingen zeigen kann.“15 Duchamp stellte also die Frage nach der philosophischen Natur der Kunst nicht nur 50 Jahre vor Warhol, sondern auch von der Kunst aus – und nicht von der Philosophie aus. Somit hat „das Readymade die Philosophie mit der Herausforderung konfrontiert, den kategorialen Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst ohne Rekurs auf bestimmte Wahrnehmungseigenschaften erklären zu müssen“16. Eben das, nämlich der Unterschied zwischen den Gegenständen der Alltagswelt und Kunstwerken, ist es, was Danto mit seiner These vom Ende der Kunst versucht, wenn er sich die Frage stellt: „Worin unterscheiden sie sich, und was macht das eine zum Kunstwerk, wenn das andere keines ist?“17

Und der Grund, weshalb es Warhols „Brillo Box“ ist und nicht z.B. Duchamps „Fountain“, die das „Ende der Kunst“ markiert, ist die einfache Tatsache, dass „in den 60er Jahren mehr oder weniger dieselbe philosophische Frage in der gesamten Kunstwelt gestellt“18 wurde und dass Duchamp seiner Zeit einfach zu weit voraus war. In der Stable Gallery wurde die Frage in den 1960ern dann plötzlich dringlich, wie man eigentlich normale Dinge und Kunstwerke auseinander halten könne, wenn diese genau gleich aussahen:

Die Brillo Box zeigte in meinen Augen, daß der Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst philosophischer Natur und von grundlegender Bedeutung ist, indem sie sich als ein Beispiel jener Art entpuppte, in der eine philosophische, unsichtbare Grenze bereits angelegt ist. Man hatte es bis dahin für selbstverständlich gehalten, daß Kunstwerke durch bloße Augenscheinnahme von anderen Dingen zu unterscheiden wären oder mit Hilfe einfacher Kriterien19.

Dass diese etablierte Strategie sich mit einem Mal nicht mehr anwenden ließ, stellte Danto und die anderen Besucher vor ein Problem: Diese „Brillo Boxen“ waren zwar in einer Galerie ausgestellt, doch in ihrer Anordnung und äußeren Erscheinung glichen sie den Boxen aus dem Supermarkt, die keine Kunstwerke waren. Dies veranlasste Danto zu der Schlussfolgerung, dass man Theorien und eine Kenntnis der Kunstgeschichte brauche, um den Unterschied zwischen Kunstwerken und normalen Dingen verstehen zu können:

Irgendwann stellt sich für die Kunst die Frage nach ihrer wahren Identität und genau dann schlägt die Stunde der Philosophie. Eben das war meiner Ansicht nach 1964 in der Stable Gallery geschehen: um zu erkennen, inwiefern etwas Kunst war, bedurfte es einer Theorie über das Wesen der Kunst, womit die Kunst, historisch betrachtet, aus sich selbst heraus die Frage nach ihrem Wesen gestellt hatte.20

Kunstgeschichtliche Theorien werden demnach zur Philosophie und das Herstellen eines Kunstwerkes wie der „Brillo Box“ automatisch zur Frage nach dem philosophischen Wesen der Kunst. Wenn man diese Prämissen akzeptiert, kann man auch den weiteren Schluss Dantos daraus leichter nachvollziehen:

Und indem ich mir eine berühmte These Hegels zu eigen machte, kam ich überdies zu der Überzeugung, daß die Kunst mit der Enthüllung beziehungsweise Entdeckung ihres wahren philosophischen Wesens das Ende ihrer Geschichte erreicht hatte – daß jene Ausstellung in der Stable Gallery das von mir schelmisch so genannte »Ende der Kunst« markierte.21

Warhols Ausstellung genau als den Endpunkt der Kunst zu bezeichnen, folgt einer subjektiven Einschätzung Dantos, denn es wäre ein Leichtes, eine beliebige andere Ausstellung oder einen anderen Künstler dafür heranzuziehen, da die 1960er Jahren eine große Auswahl revolutionärer Künstler und Kunstwerke bieten. Danto selbst gibt auch zu: „Meine Brillo-Box-Obsession hat deshalb vielleicht auch mehr mit ihrer perfekten Beispielhaftigkeit als mit ihrer Einzigartigkeit zu tun.“22 Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es viele Werke nach Warhols „Brillo Boxen“ gab, „die explizit die Frage nach Kunst stellen, wie: Was kann als Kunst gelten oder warum wird etwas als Kunst akzeptiert?“23 Seitdem man sich dies in Bezug auf ein Kunstwerk fragen muss, wird auch der Unmut einiger Rezipienten immer lauter, die sich nicht mehr auf die althergebrachten Mittel und Wege verlassen können, ein Kunstwerk als solches direkt identifizieren zu können. Sie sehen das Kunstwerk immer noch in der „Bringschuld“ von Informationen, anstatt sich selbst Gedanken über den Standpunkt des Werkes zu machen.

2.2 Kann die Kunst überhaupt enden? Dantos Geschichtsauffassung

Wie schon erwähnt, ist es nicht Hegels oder Dantos Absicht, die Kunst, die Kunstgeschichte oder die Kunstwissenschaft für tot zu erklären. Vielmehr sind beide auf der Suche nach einer Kunst- Geschichte, die einen Anfang und ein Ende haben müsse, die ein Ziel verfolge und dieses auch zu einem bestimmten Zeitpunkt zwangsläufig auch erreichen müsse: „Die Kunstgeschichte mußte eine interne Struktur und sogar eine Art von Notwendigkeit haben.“24 Beide Philosophen proklamieren eine linear-progressive Geschichtsauffassung25, innerhalb derer es eine logische narrative Abfolge geben müsse26, die sich auf eine Art Abschluss hin entwickle, der dann als erreicht gilt, wenn die Kunst in die Philosophie übergeht, Kunst also nur noch durch die Philosophie erklärbar ist. Danto kam im Jahr 1984 rückblickend zu dem Schluss, dass dieses Ende der Kunst sich 20 Jahre zuvor tatsächlich ereignet haben musste, da es nach dem Stilpluralismus der 1960er Jahre (Pop Art, Realismus, Abstrakte Kunst, Minimal Art, Konzeptkunst etc.) keine einheitliche Kunstrichtung mehr gab. Er traute nicht einmal dem Neo-Expressionismus der 1980er Jahre zu, die Kunstgeschichte erneut zu revolutionieren und gleichzeitig sinnvoll weiterschreiben zu können.27 Daraus schlussfolgerte Danto, dass die Erzählung der Kunstgeschichte zu Ende sein müsse. „An ihr Ende gelangt ist vielmehr eine bestimmte Erzählform, in deren Begriffen das Kunstmachen als eine Fortschreibung der Geschichte der Entdeckungen und der Durchbrüche galt.“28 Die notwendige historische Überwindung von etablierten Techniken zur Produktion von Kunst spitzte sich in den Avantgarden der Moderne bis hin zu den 1960er Jahren dramatisch zu und es schien Danto danach so, „daß wir in eine Periode einer posthistorischen Kunst eingetreten sind, in der die Notwendigkeit der beständigen Revolutionierung der Kunst aus sich heraus nicht mehr besteht.“29 Auch die Tatsache, dass die Kunst selbstreferentiell wurde, ihren Status, ihre Methoden und ihre Techniken reflektierte und hinterfragte und sich in einem permanenten Diskurs mit sich selbst befand, trug zu dieser Entwicklung bei. „Mit diesen Fragestellungen mittels der Werke wird auch vielfach das Kunstsystem selbst thematisiert und hinterfragt.“30 Sogar die Künstler „verabschiedeten sich von einem linearen Geschichtsbewußtsein, das sie dazu gezwungen hatte, die Kunstgeschichte in die Zukunft fortzuschreiben und sie zugleich in der bisherigen Form kompromißlos zu bekämpfen.“31 Damit ging eine bis dato ungekannte Freiheit einher, die jedoch ambivalent zu betrachten ist.32

Der Ausdruck des Post-historischen wird von Hans Belting nicht nur als unwiderruflich gedeutet, sondern auch als Zeichen dafür, dass die Kunst nach 1960 sich nicht immer wieder aufs Neue etablieren musste, sondern institutionell anerkannt war33. Im Gegensatz dazu geht diese Bezeichnung Danto noch nicht weit genug. Er behauptet, dass die post-historische Periode in Wirklichkeit eine post-narrative Periode der Kunst sei.34

Darunter verstehe ich folgendes: Kunst, hervorgebracht nach dem Abschluss der großen Erzählung, in der die Kunst die erste Stufe einer wahren philosophischen Selbstbewusstheit erlangt hat und nicht mehr gezwungen ist, diese oder irgendeine Erzählung voranzutreiben. Diese große Erzählung endet nicht in Erschöpfung, sondern im Triumph; sie ist eine Erzählung der kognitiven Selbstentdeckung, und meiner eigenen Darstellung zufolge war sie ein Durchbruch, der im Werk von Warhol besonders deutlich zu erkennen war35.

Die Kunst ist also mit dem Ende ihrer linearen Entwicklung befreit vom „Joch der Geschichte“36, von der Verpflichtung zur Revolution und von der Diktatur des Stils, sie kann alles sein und alles werden, „doch ist die Situation deshalb alles andere als trostlos […]. Vielmehr eröffnet sie ein Zeitalter größter Freiheit, wie sie die Kunst bislang nicht gekannt hat.“37

2.3 Kunst nach dem Ende der Kunst

In diesem Freiheitsgedanken schwingt für viele Autoren aber auch die Angst vor Beliebigkeit und einem neuen Diktum mit: „So verkörpert Warhols Box […] den letzten, zutiefst ambivalenten Fortschritt der Kunst, der jeden weiteren Fortschritt verunmöglicht und die paradoxe Situation entstehen läßt, in der die Freiheit, daß alles Kunst sein darf, mit der Unfreiheit, daß kein Wandel mehr stattfinden kann, zusammenfällt.“38 Danto hingegen sieht diesen Fortschritt durchweg positiv, denn die „befreiten Künstler konnten nun Kunst schaffen, wie es ihnen gefiel, zu welchem Zweck auch immer oder zu gar keinem Zweck.“39 In seiner Euphorie sprach er dem Ende der Kunst überdies eine Meilenstein-Funktion innerhalb der Kunstgeschichte zu: „Es war ein Moment – ich würde sogar sagen, es war der Moment –, in dem die vollkommene künstlerische Freiheit Wirklichkeit geworden war.“40 Somit war die Möglichkeit gegeben, dass alles Kunst sein konnte und durfte. Das führte dazu, dass Danto im Jahr 1993 verkündete: „Das Zeitalter des Pluralismus ist da. Es spielt keine Rolle mehr, was man macht – das ist es, was Pluralismus bedeutet. Wenn die eine Richtung so gut ist wie die andere, ist der Begriff der Richtung nicht mehr anwendbar.“41 Er behauptete sogar, dass die post-historische Kunst niemals zu einem Ende kommen könne.42

Im Umkehrschluss bedürfen diese tiefgreifenden Veränderungen auch einer veränderten Sicht auf die Kunst, denn wie soll man sie als solche identifizieren? Als Lösungsvorschlag bringt Danto hier die Kunsttheorie ein, „also das Feld, das von der Kunstphilosophie besetzt werde.“43 Indem man „von der sinnlichen Erfahrung auf das Denken umschalten“44 müsse, „um herauszufinden, was Kunst war“45, müsse man „sich an die Philosophie wenden“46. Durch die logische Abhängigkeit der Kunstwelt von der Theorie47 entsteht eine neue Rechtfertigung für die Existenz einer Kunstphilosophie, deren Aufgabe es ist, den begrifflichen Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst herauszufinden48. In Dantos Gedankenkonstrukt waren Kunst und Philosophie sogar plötzlich aufeinander angewiesen und mussten sich füreinander öffnen: „In der Tat brauchten sie einander plötzlich, um sich gegenseitig auseinanderzuhalten.“49

[...]


1 Danto, Arthur C.: Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1984.

2 Süddeutsche Zeitung: Wie einst Beuys' Fettecke – Putzfrau schrubbt Kunstwerk kaputt. URL: http://www.sueddeutsche.de/kultur/wie-einst-beuys-fettecke-putzfrau-schrubbt-kunstwerk-kaputt-1.1180540, veröffenlticht: 04.11.2011. [Stand: 24.03.2015]

3 Preußische Allgemeine Zeitung: »Ist das Kunst oder kann das weg?« Zeitgenössische Kunst aus Alltagsgegenständen ist oft nicht von Sperrmüll zu unterscheiden. URL: http://www.preussische-allgemeine.de/nachrichten/artikel/ist-das-kunst-oder-kann-das-weg.html, veröffentlicht: 25.11.2011. [Stand: 24.03.2015]

4 Frankfurter Allgemeine Zeitung: Chillida-Skulptur in Düsseldorf – Ist das Kunst, oder kann das weg? URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/chillida-skulptur-in-duesseldorf-ist-das-kunst-oder-kann-das-weg-12547723.html, veröffentlicht: 27.08.2013. [Stand: 24.03.2015]

5 Pflichtlektüre Onlinemagazin für Studierende/Vossenberg, Katja: Ist das Kunst, oder kann das weg? URL: http://www.pflichtlektuere.com/31/01/2012/ist-das-kunst-oder-kann-das-weg/, veröffentlicht: 31.01.2012. [Stand: 24.03.2015]

6 Danto, Arthur C.: Kunst nach dem Ende der Kunst. München: Fink 1996, S. 20.

7 Ebd.

8 Schmücker, Reinold: Was ist Kunst? Eine Grundlegung. München: Fink 1998, S. 28.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Danto 1996: S. 18.

12 Vgl. Danto 1984: S. 10.

13 Rebentisch, Juliane: Theorien der Gegenwartskunst. Zur Einführung. Hamburg: Junius 2013, S. 122.

14 Rebentisch 2013: S. 122.

15 Betzler, Monika; Nida-Rümelin, Julian; Cojocaru, Mara-Daria (Hrsg.): Ästhetik und Kunstphilosophie von der Antike bis zur Gegenwart in Einzeldarstellungen. 2. aktual. erg. Aufl. Stuttgart: Kröner 2012, S, 233.

16 Rebentisch 2013: S. 123.

17 Danto 1984: S. 223.

18 Danto 1996: S. 18f.

19 Danto 1996: S. 19.

20 Danto 1996: S. 20f.

21 Danto 1996: S. 18.

22 Danto 1996: S. 20.

23 Lucci, Stefanie: Um die Ecke denken. Zur Konstruktion von Qualitätsmerkmalen und Funktionen zeitgenössischer Kunst. Essen: Klartext 2008, S. 32.

24 Danto, Arthur C.: Die philosophische Entmündigung der Kunst. München: Fink 1993, S. 20.

25 Vgl. Lucci 2008: S. 34.

26 Vgl. Belting, Hans: Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren. 2. erw. Aufl. München: C.H. Beck 2002, S. 29.

27 Vgl. Danto 1993: S. 19.

28 Danto 1996: S. 23.

29 Vgl. Danto 1993: S. 19.

30 Lucci 2008: S. 32.

31 Belting 2002: S. 22.

32 Siehe Kapitel 2.3: Die Probleme der Kunst seit den 1960er Jahren

33 „Vor 1960 mußte alles, was Kunst sein wollte, erst einmal Kunst werden und sich als Innovation bewähren […] Seit 1960 ist Kunst […] nicht mehr als solche umstritten, sondern wird als eine Fiktion mit eigenem Recht anerkannt, die durch Institutionen wie Kunstmarkt und Kunstausstellung verbürgt ist“. Belting 2002: S. 181.

34 Vgl. Danto 1996: S. 23.

35 Danto, Arthur C.: Das «Ende der Kunst», mißverstanden als «Tod der Malerei». In: Bonnet, Anne-Marie; Kopp-Schmidt, Gabriele: Kunst ohne Geschichte? Ansichten zu Kunst und Kunstgeschichte heute. S. 71-77. München: C.H. Beck 1995, hier: S. 76.

36 Danto, Arthur C.: Das Fortleben der Kunst. München: Fink 2000, S. 37.

37 Danto 2000: S. 154.

38 Lüthy, Michael: Das Ende wovon? Kunsthistorische Anmerkungen zu Dantos These vom Ende der Kunst. In: Menke, Christoph; Rebentisch, Juliane (Hrsg.): Kunst – Fortschritt – Geschichte. S. 57-66. Berlin: Kadmos 2006, hier: S. 58.

39 Danto 2000: S. 37.

40 Danto 1996: S. 22.

41 Danto 1993: S. 144f.

42 Vgl. Danto 1996: S. 22.

43 Lucci 2008: S. 31.

44 Danto 2000: S. 35.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Vgl. Danto 1984: S. 207.

48 Vgl. Danto 1996: S. 264.

49 Danto 1984: S. 13.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"Ist das Kunst oder kann das weg?" Zum kunstphilosophischen Problem des Verständnisses zeitgenössischer Kunst
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Kunst und Kunstwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V459966
ISBN (eBook)
9783668892620
ISBN (Buch)
9783668892637
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andy Warhol, zeitgenössische Kunst, Kunstbanausen
Arbeit zitieren
Stephanie Keunecke (Autor), 2015, "Ist das Kunst oder kann das weg?" Zum kunstphilosophischen Problem des Verständnisses zeitgenössischer Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/459966

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