Die feministische Gesprächsforschung - Überholt oder noch zeitgemäß?


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Feministische Gesprächsforschung - ein historischer Überblick
2.1 Die Defizithypothese
2.2 Die Differenzhypothese
2.3 Die Code-Switching Hypothese

3 Aktuelle Forschungsansätze
3.1 Der sozialkonstruktivistische Ansatz
3.2 Die Theorie der zwei Kulturen
3.3 Doing gender

4 Gesellschaftliche und politische Auswirkungen

5 Fazit

6 Literatur

1 Einleitung

Die Frauenbewegung und die daraus hervorgehende feministische Forschung hat seit den siebziger Jahren nicht nur einen zwischengeschlechtlichen Diskurs und die breite wissenschaftliche Beschäftigung mit den Geschlechtern in unserer sozialen Umwelt angestoßen, sondern auch viele Fortschritte für die Gleichstellung der Frau auf gesellschaftlicher und politischer Ebene erreicht. Die feministische Gesprächsforschung setzte sich erfolgreich für einen bewussteren Umgang mit unserer Sprache und für die Abschaffung oder Neutralisierung sexistischer oder anderweitig frauenfeindlicher Termini ein.

Diese Arbeit wird sich jedoch nicht mit dem System der Sprache, der feministischen Kritik und deren Vorschläge zur geschlechtsneutralen Sprache beschäftigen, sondern vielmehr mit dem unterschiedlichen Gesprächs verhalten von Männern und Frauen und den daraus resultierenden Forschungsansätzen. Im Hintergrund steht die Frage, ob im 21. Jahrhundert eine feministische Gesprächsforschung überhaupt noch aktuell und zeitgemäß ist oder ob das Thema von einigen „übriggebliebenen Feministinnen“ einer sonst eher uninteressierten Gesellschaft immer wieder neu in alter Form präsentiert wird. Selbst die bekannte Gesprächsforschering Luise Pusch gesteht ein, dass die Bewegung mittlerweile dreißig Jahre alt sei und "also nicht mehr schick und jung", und sie auch auf eine "gewisse Verachtung des Alten trifft" (Grimm 2004).

Um sicher dieser Frage zu nähern, wird in einem historischen Überblick gezeigt, welche Richtung die feministische Gesprächsforschung vom Beginn in den siebziger Jahre bis in die neunziger Jahre hinein genommen hat (2), bevor zwei aktuelle Theorien vorgestellt werden (3), die einem sozialkonstruktivistischen Ansatz folgen.

Im letzten Teil (4) wird nach Beispielen der tatsächlichen politischen Auswirkung gesucht, die sich die feministische Gesprächsforschung ja immer zum Ziel gesteckt hat, um dann eine abschließende Beurteilung bezüglich der Aktualität der feministischen Gesprächsforschung zu treffen.

Da in der Kürze der Arbeit nicht die gesamte Bandbreite der feministischen Gesprächsforschung erschöpfend dargestellt werden kann, versteht sich diese Arbeit als „spots“ setzend, die lediglich richtungweisende Forschungstendenzen darzustellen in der Lage ist.

2 Feministische Gesprächsforschung - ein historischer Überblick

Der Beginn der feministischen Gesprächsforschung steht im Zusammenhang mit der 68er Studentenbewegung. Zwischengeschlechtliche Spannungsverhältnisse innerhalb der Studentenbewegung führten zu Protest der Frauen, die sich aus ihrer Rolle der „im Dienst des Mannes“ stehenden Frau lösen und ihren Teil zum politischen und gesellschaftlichen Diskurs beitragen wollten. Als Folge dieser Konflikte entstand die Neue Frauenbewegung (Samel 2000).[1]

Frauen fühlten sich unter anderem auch wegen der männlich dominierten Sprache und dem Sprachverhalten der Männer machtlos und herabgesetzt. Gleichzeitig inspirierten amerikanische Feministinnen die deutsche Frauenbewegung. Beginnend mit dem Artikel der Amerikanerin Robin Lakoff 1973 „Language and woman ’s place“ startete eine regelrecht Flut gesprächsanalytischer Arbeiten (Braun 2004). Jede linguistische (wie Aussprache, Grammatik, Lexikon, Syntax) aber auch stilistische Variation (Höflichkeit, Bestimmtheit oder Unschlüssigkeit) wurde als geschlechtspezifisch gesehen und typisiert.

Im Folgenden wird ein kurzer Abriss über den Trend der Forschungsansätze von den frühen siebziger Jahren bis Anfang der neunziger Jahre gegeben. Da hier nicht alle Theorie erschöpfend beschrieben werden können, werden nur einige Hypothesen dargestellt, mit denen die unterschiedlichen Theorien arbeiteten.

2.1 Die Defizithypothese

Der dänische Linguist Otto Jespersen befand bereits 1925 die
“Frauensprache“ als defizitäre und minderwertige Variante der „Männersprache“. Frauen hätten einen kleineren Wortschatz, benützten immer die „Landstraße der Sprache“ statt „schmalere Seitenpfade“ wie dies Männer zu tun pflegten und formulierten unvollständige Sätze, da ihre Gedanken gleichfalls unvollständig seien (Jespersen 1925: 231ff, zitiert aus Samel 2000:29). Die Ursachen für die defizitäre Sprache der Frau liegen laut Jespersen in sozialen und kulturellen aber auch biologischen Faktoren begründet.

Die Defizithypothese wurde in der späteren feministischen Linguistik wieder aufgegriffen (Robin Lakoff 1973 „Women’s language“, 1975 Why Women are Ladies“; Trömel-Plötz 1982 „Linguistik und Frauensprache“) und als Ursache für die gesellschaftliche Machtlosigkeit der Frauen eingestuft. Mit einem Sprachstil, der einen eher geringen Wortschatz, eine verniedlichende Tendenz, Unschärfemarkierer und Rückversicherungsfragen aufweist, entstehe der Eindruck von Unsicherheit und Trivialität (Samel 2000, Braun 2004). Lakoff fragte sich, warum Frauen einen solchen Sprachstil nicht einfach abstreifen, wenn er ihnen offensichtliche Nachteile bringt und sieht die Begründung hierfür in der frühen Sozialisation von Mädchen zur „Non-responsiblity“: Die Erziehung zur Abgabe von Verantwortung und Kompetenz an männliche Familienmitglieder (Lakoff 1978: 150, zitiert aus Crawford 1995:25f). Der anerzogene weibliche Sprachstil stelle Machtlosigkeit her und erhalte sie gleichsam. Zur Auflösung dieses Teufelskreises empfiehlt Lakoff: „We should shuck off deferential style just as we did hoop skirts and girldes (1978:149, zitiert aus Crawford 1995:25).

Zwar wurde Lakoff vorgeworfen, mit ihrer Charakterisierung und Interpretation weiblichen Gesprächstils bestärke sie von Männern gepflegte Vorurteile (z.B. Talbot 1998) und erhebe den männlichen Gesprächsstil zur Norm, darüber hinaus fehlten empirische Belege für ihre Aussagen (z.B. Braun 2000); dennoch hatte ihre Arbeit einen immensen Einfluss auf die nachfolgende Forschung und war die kommenden 20 Jahre eines der meist zitierten Werke in der entsprechenden Fachwelt (Crawford 1995).

2.2 Die Differenzhypothese

Die Kritik an Lakoffs Defizit-Ansatz führte zu weiteren Hypothesen. Die Differenzhypothese konzediert zwar die Andersartigkeit des weiblichen Gesprächstils, will diese aber nicht negativ bewertet wissen; im Gegenteil wird nun behauptet, in der „Frauensprache“ kämen weibliche Stärken wie Höflichkeit und Zurückhaltung zum Ausdruck (Samel 2000). Des Weiteren wird sowohl die Sichtweise abgelehnt, Frauensprache sei eine defizitäre Variante der Männersprache, als auch die Schlussfolgerung, Frauen müssten nur trainieren, wie Männer zu sprechen, um an gesellschaftlicher Macht zu gewinnen.[2] Um die Vormachtstellung der männlichen Sprache als Norm zu brechen, soll die weibliche Sprache aufgewertet und als Norm anerkannt werden. Ein wesentlicher Kritikpunkt dieses Ansatzes war die Beibehaltung oder gar Verstärkung von Geschlechterstereotypien im Männlich-Weiblich-Gegensatz (Talbot 1998).

M. Orellana (1999: 106 ff) und I. Samel (2000: 159) weisen darauf hin, dass die Sprachvarietät innerhalb einer gleichgeschlechtlichen Gruppe mindestens genauso groß, wenn nicht größer sei als die zwischen den Geschlechtern. Frauen seien keine „global category“ (Crawford 1995: 8). Außerdem kritisiert Orellana, ginge man bei einem Differenz-Fokus von Gender als einer statischen, definitiven Variablen aus, die kontextunabhängig und gleich welcher Kultur funktioniere. Auch M. Crawford (1995: 4) widerspricht dieser Darstellung und spricht bezüglich „sex differences“ von einer „now-you-see-them, now-you-don’t“ -Qualität. Selbst wenn solche Unterschiede für eine spezifische Gruppe quantifizierbar und verifizierbar seien, seien deren Bedeutung und Interpretation letztlich wieder Produkte kulturellen bzw. gesellschaftlichen Diskurses, der wiederum von einer vorbestehenden Polarisierung geprägt sei.

[...]


[1] Neue Frauenbewegung deshalb, da es Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg bereits eine Frauenbewegung gab, in der sich Frauen organisierten, um für ihre politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung zu kämpfen (siehe hierzu auch Samel 2000, Braun 2004).

[2] Hierzu erkannten schon Lakoff und Trömel-Pöltz die Zwickmühle, in der sich Frauen befinden: Gewöhnten Frauen sich einen männlichen Sprechstil an, würden sie zwar gesellschaftliche Macht gewinnen, jedoch ihre Identifikation als Frau in der Gesellschaft verlieren (Braun 2004).

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Details

Titel
Die feministische Gesprächsforschung - Überholt oder noch zeitgemäß?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Die Rolle der Frau in der politischen Rhetorik
Note
1,6
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V46039
ISBN (eBook)
9783638433228
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesprächsforschung, Rolle, Frau, Rhetorik
Arbeit zitieren
Beate Bernstein (Autor), 2004, Die feministische Gesprächsforschung - Überholt oder noch zeitgemäß?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46039

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