Gesellschaftliche Inklusion durch Social Entrepreneurship in Deutschland

Analyse des wirtschaftsethischen Innovationspotentials


Masterarbeit, 2018
121 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Motivation und Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Vorgehensweise

2. Social Entrepreneurship: Begriffsklärung und Gegebenheiten in Deutschland
2.1 Geschichtliche Einordnung des Phänomens
2.1.1 Historische Beispiele
2.1.2 Entwicklung in der Wissenschaft, Praxis und der Öffentlichkeit
2.2 Definitionen von Social Entrepreneurship
2.2.1 Definitionsüberblick und Analyse
2.2.2 Merkmal #1: Unternehmerisches Handeln
2.2.3 Merkmal #2: Social Value
2.2.4 Merkmal #3: Innovation
2.2.4 Exkurs: Verwandte Begriffe und weitere soziale Organisationsformen
2.3 Zwischenfazit und Arbeitsdefinition
2.4 Gegebenheiten in Deutschland
2.4.1 Tätigkeitsfelder von Sozialunternehmen
2.4.2 Deutsche Sozialpolitik und der Dritte Sektor
2.4.3 Möglichkeiten der Rechtsform
2.4.4 Möglichkeiten der Finanzierung
2.4.5.Zwischenfazit

3. Analyserahmen
3.1 Methodik und Auswahl der Organisationen
3.2 Bestimmung des Innovationspotentials
3.3 Social Entrepreneurship und Ethik
3.4 Inklusion und Ethik
3.4.1 Zum Inklusionsbegriff
3.4.2 Zur Bedeutung von Anerkennung und Freiheit
3.4.3 Von der Fürsorge zur Autonomie

4. Fallanalysen
4.1 auticon
4.1.1 Unternehmensprofil auticon
4.1.2 Innovationsanalyse auticon
4.2 discovering hands
4.2.1 Unternehmensprofil discovering hands
4.2.2 Innovationsanalyse discovering hands
4.3 Dialog im Dunkeln
4.3.1 Unternehmensprofil Dialog im Dunkeln
4.3.2 Innovationsanalyse Dialog im Dunkeln
4.4 VerbaVoice
4.4.1 Unternehmensprofil VerbaVoice
4.4.2 Innovationsanalyse VerbaVoice
4.5 Zusammenfassung Innovativität
4.6 Ethische Analyse
4.6.1 Stärken im Hinblick auf Inklusion
4.6.2 Risiken im Hinblick auf Inklusion

5. Fazit und kritische Würdigung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Social Value Chain

Abbildung 2: Typologie der Innovationen nach Schumpeter

Abbildung 3: Einordnung sozialer Organisationsformen

Abbildung 4: Tätigkeitsfelder von Sozialunternehmen in Deutschland

Abbildung 5: Finanzierungsformen für Sozialunternehmen

Abbildung 6: Innovationsgrad

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Definitionsübersicht

Tabelle 2: Typlogie Social Value Propositions

Tabelle 3: Unternehmensprofil auticon

Tabelle 4: Unternehmensprofil discovering hands

Tabelle 5: Unternehmensprofil Dialog im Dunkeln

Tabelle 6: Unternehmensprofil VerbaVoice

Tabelle A 1: Übersicht Themengebiete Social Entrepreneurship

Tabelle A 2: Bilanzanalyse

Tabelle A 3: Zusammenfassung Innovationsdimensionen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Motivation und Problemstellung

“ Social entrepreneurs are not content just to give a fish, or teach how to fish.

T hey will not rest until they have revolutionized the fishing industry.”

Bill Drayton, Gründer von Ashoka

Eine Vielzahl von Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen befindet sich zuneh- mend unter Handlungszwang, innovative Lösungen für die Bewältigung komplexer sozialer Probleme hervorzubringen (vgl. Perrini / Vurro, 2006, S. 57). Social Entrepreneurship (dt. Soziales Unternehmertum, im Folgenden durch „SE“ abgekürzt) gewinnt in diesem Zusam- menhang seit rund zwei Jahrzehnten zunehmend an Präsenz und weckt das Interesse von Akademikern, Unternehmen und Wirtschaftsakteuren. Auch in Deutschland wird soziales Unternehmertum verstärkt thematisiert. Beispiele hierfür sind neu entstandene Fördermög- lichkeiten und Auszeichnungen, wie die jährliche Bekanntgabe der sog. „Ashoka-Fellows“ sowie neue Lehrangebote und Professuren, wie bspw. die Gründung eines dezidierten Lehr- stuhls an der Leuphana Universität in Lüneburg 2009 (vgl. Hackenberg / Empter, 2011, S. 11ff.). Die Präsenz des Themas wächst außerdem durch die Entstehung neuer Fachzeitschrif- ten wie dem „Journal of Social Entrepreneurship“ oder dem Magazin „enorm-Wirtschaft für den Menschen“ (vgl. Beckmann / Zeyen, 2015, S. 161). Das Konzept Social Entrepreneu- rship involviert jegliche Geschäftstätigkeit, die weniger eine finanzielle Zielsetzung, son- dern ein gemeinnütziges Anliegen verfolgt. Protagonisten des Phänomens sind sog. Social Entrepreneurs (dt. Sozialunternehmer), die unter Zuhilfenahme unternehmerischer Mittel versuchen den gesellschaftlichen Status-Quo zu verbessern und gleichzeitig ein eigenstän- diges Wirtschaftsunternehmen aufzubauen. Das Engagement der Sozialunternehmer er- streckt sich über vielseitige Themengebiete wie Integration, Demokratisierung, Armutsbe- kämpfung oder Bildung und kann sowohl regional als auch global erfolgen (vgl. Habisch, 2011, S. 49). Auf dem Konzept Social Entrepreneurship liegt die Hoffnung, gesellschaftliche Probleme mit Hilfe sozial-innovativer Geschäftsmodelle zu bewältigen.

Im angelsächsischen Raum entwickelte sich ein regelrechter Hype um das Thema Social Entrepreneurship (vgl. Heinze et al., 2011, S. 100). In Deutschland wurde das Konzept ver-hältnismäßig spät aufgegriffen (vgl. Roder, 2011, S. 151). Grundsätzlich stellt Social Entre- preneurship ein recht junges Forschungsgebiet dar, aus dem bis dato kein einheitlicher kon- zeptioneller Rahmen hervorgegangen ist. Es bestehen außerdem sehr viele unterschiedliche Auffassungen über die Charakteristiken des sozialen Unternehmertums. Darüber hinaus gilt die Entwicklung von „innovativen Lösungsansätzen“ als eine Grundvoraussetzung für ge- lungenes Sozialunternehmertum (vgl. Ashoka, 2015, Zugriff: 27.11.2017). Dabei wird da- von ausgegangen, dass sich erfolgreiche sozialunternehmerische Aktivitäten durch Innova- tivität auszeichnen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welches Innovationspo- tential sich tatsächlich hinter Social Entrepreneurship-Initiativen verbirgt. Abgesehen von den definitorischen Merkmalen gelten Sozialunternehmer in der Öffentlichkeit außerdem oft als leuchtendes Beispiel für tugendhaftes Wirtschaften (vgl. Chell et al., 2016, S. 621). Je- doch widmen sich nur wenige Arbeiten der Erfassung der ethischen Dimensionen und der Herausstellung praktischer normativer Risiken von Social Entrepreneurship Initiativen.

1.2 Zielsetzung und Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen Social Entrepreneurship in Deutschland. Die Begrenzung auf den Standort Deutschland wurde vorgenommen, weil sich die Bundes- republik Deutschland durch individuelle Standortfaktoren auszeichnet und so eine Ver- gleichbarkeit der Modelle innerhalb des nationalen Kontexts gegeben ist. Ziel der Arbeit ist es, dem Konzept Social Entrepreneurship anhand von Kernmerkmalen auf den Grund zu gehen und sich nach der theoretischen Kenntnis des Konzeptes, erfolgreichen Sozialunter- nehmen aus der Praxis zuzuwenden. Die Begutachtung ausgewählter Fallbeispiele beabsich- tigt, ein Verständnis für die Besonderheiten der sozialunternehmerischen Herangehensweise zu erlangen. Zur Erreichung dieses Verständnisses sollen insbesondere die Innovativität der Sozialunternehmen und deren konkrete Dimensionen eruiert werden. Als weiteren Untersu- chungsschwerpunkt widmet sich die Arbeit der ethischen Dimension des SE-Phänomens, wobei vor allem Bezug auf das Prinzip der Anerkennung genommen wird. Es soll dabei erfasst werden, in welcher Form sich Sozialunternehmen der Thematik Inklusion widmen und ob sich in den Konzepten normative Risiken erkennen lassen. Aus den Ergebnissen lässt sich schließlich ableiten, welches wirtschaftsethische Potential zur Inklusion von Minder- heiten in den Initiativen von Social Entrepreneurs zu finden ist.

Im ersten Teil der theoretischen Betrachtung von Social Entrepreneurship wird zunächst der geschichtliche Hintergrund des Konzepts umrissen. Anschließend werden relevante wissen- schaftliche Definitionen aus der entsprechenden Literatur auf ihre Gemeinsamkeiten hin überprüft, um einen umfassenden Überblick über die wissenschaftliche Definitionsdiskus- sion zu erlangen und anschließend ein fundiertes Verständnis über die Abgrenzungsmerk- male zu gewinnen. Nach der näheren Begutachtung der konstituierenden Wesensmerkmale wird eine Arbeitsdefinition abgeleitet. Der zweite Teil der theoretischen Betrachtung von SE widmet sich den Umgebungsbedingungen, die Social Entrepreneurs in Deutschland antref- fen, insbesondere politische und rechtliche Rahmenbedingungen sowie Finanzierungsmög- lichkeiten. Eine Aufschlüsselung der gängigen Tätigkeitsbereiche von Sozialunternehmern, ermöglicht außerdem die Auswahl eines relevanten Themenbereichs für die Fallbeispiel- gruppe. Darauf wird in Kapitel 3 der Analyserahmen vorgestellt, unter dem die darauf fol- genden Fallbeispiele hinsichtlich ihrer Innovationsdimensionen und ihrer normativen Di- mension untersucht werden sollen. Daneben werden relevante Informationen rund um das Thema „Inklusion von Menschen mit Behinderungen“ aufgeführt. Kapitel 4 befasst sich mit vier ausgewählten Fallbeispielen, die dem SE-Typ zugeordnet werden können: auticon, dis- covering hands, Dialog im Dunkeln und VerbaVoice. Durch die Analyse der Innovationsdi- mensionen ergibt sich ein schärferes Bild des sozialunternehmerischen Geschäftsmodells wobei folgender Fragestellung nachgegangen wird:

Durch welche Herangehensweisen zeichnen sich Social Entrepreneurship Initiativen in Deutschland in Bezug auf ein gesellschaftliches Problem aus? Sind SE-Konzepte als inno- vativ zu bezeichnen und wenn ja, in welcher Form?

Die Analyse schließt mit der Einschätzung der Stärken der sozialunternehmerischen Heran- gehensweise der Fallbeispielgruppe sowie der Identifikation potentieller und tatsächlicher Risiken, die aus normativer Sicht in Bezug auf das Inklusionsziel auftreten können. An- schließend wird resümiert, ob und welches Potential sich aus den (innovativen) Konzepten der Sozialunternehmer ableiten lässt.

2. Social Entrepreneurship: Begriffsklärung und Gegebenheiten in Deutschland

2.1 Geschichtliche Einordnung des Phänomens

2.1.1 Historische Beispiele

Bei einer ersten Annäherung an das Thema Social Entrepreneurship kann festgestellt wer- den, dass unternehmerisches Handeln mit einer sozialen oder gesellschaftlichen Mission keine neue Erscheinung ist (vgl. Beckmann, 2011, S. 70; Dees, 2001, S. 1). In der Geschichte lassen sich einige sozial engagierte Unternehmer identifizieren, die mit ihren Ideen einen systemischen Wandel anregten. Ein historisches Beispiel stellt bspw. die Britin Florence Nightingale dar. Diese trug im 19. Jahrhundert durch ihre progressiven Veröffentlichungen zum Thema Krankenpflege und Pflegeausbildung zu einer Reformation der Gesundheitsfür- sorge in Großbritannien bei. Damit bildete sie die Grundlage für die heutige moderne Kran- kenversorgung (vgl. Bornstein, 2007, S. 41-47). Nightingale arbeitete im Krimkrieg 1854 als Krankenpflegerin und bemühte sich vor allem um akzeptable hygienische Bedingungen vor Ort sowie eine gute Ernährung der Soldaten. Für ihr soziales Engagement wurde sie im viktorianischen England bewundert und gründete 1860 in London die erste Krankenschwes- ternschule, infolgedessen Krankenschwestern erstmalig professionell ausgebildet wurden. Der Erkenntnisgewinn war dabei die Erfahrung, dass gute Pflege ebenso wichtig für Patien- ten ist, wie ihre medizinische Versorgung. Revolutionär für die damalige Zeit war außerdem, dass Nightingale Frauen mit der Professionalisierung ermöglichte, einen selbstbestimmten Beruf einzugehen (vgl. Gergs, 2011, S. 179f.). Neben Nightingale stellen darüber hinaus die im 19. Jahrhundert von F. H. Schulze-Delitzsch und F. W. Raiffeisen gegründeten Genos- senschaftsbanken historische Beispiele für Sozialunternehmen, im Sinne einer speziellen Form der Wirtschaftsorganisation, dar. Der Leitgedanke war hierbei die Unterstützung der benachteiligten Bevölkerungsschichten, denen die Inanspruchnahme und Gewährung von Krediten sowie die Geldaufbewahrung ermöglicht werden sollten (vgl. von Müller, 2010, S. 127-128; Beckmann, 2011, S. 70).

2.1.2. Entwicklung in der Wissenschaft, Praxis und der Öffentlichkeit

Die Terminologie „Social Entrepreneurship“ ist nicht von akademischer Seite, sondern von sozial engagierten Unternehmern geprägt worden. Häufig genannt wird in diesem Zusam- menhang die Gründung der Organisation Ashoka durch den US-Amerikaner Bill Drayton im Jahr 1980 (vgl. Habisch, 2011, S. 50). Drayton war vor der Gründung Ashokas als Un- ternehmensberater tätig und leitete stellvertretend die amerikanische Umweltbehörde. Er prägte den Begriff des Social Entrepreneurs und wollte mit seiner Organisation Unterneh- merpersönlichkeiten unterstützen, die drängenden sozialen Problemen mit innovativen Ideen begegnen1 (vgl. Ashoka, 2015, Zugriff: 27.11.2017). Draytons Initiative folgten anschlie- ßend weitere Stiftungen, wie der Roberts Enterprise Development Fund im Jahr 1997 sowie die von Ebay-Gründer Jeff Skoll ins Leben gerufene Skoll Foundation zur Förderung von SE-Initiativen (vgl. Martin, 2004, S. 7f.).

Auch im akademischen Bereich entwickelte sich ein Netzwerk aus dezidierten Forschungs- zentren mit dem Schwerpunkt Social Entrepreneurship. Vorreiter war 1993 die Harvard Bu- siness School mit der Gründung der „Initiative on Social Enterprise“. In den Jahren darauf folgten ähnliche Initiativen, wie das „Center for Social Innovation“ der Stanford University, das später die Fachzeitschrift „Stanford Social Innovation Review“ hervorbrachte (vgl. Mar- tin, 2004, S. 15f.). Insgesamt generierte das Thema zuerst im nordamerikanischen Raum Aufmerksamkeit, wobei insbesondere die USA eine entscheidende Rolle einnahmen und heute noch einnehmen (vgl. Fueglistaller et al., 2004, S. 442). In Europa etablierte sich das Thema SE erst einige Jahre später. Den Anfang machte Großbritannien, wo im Jahr 2000 mit politischer Unterstützung die „UnLdt – The Foundation for Social Entrepreneurs“ ge- gründet wurde. In England galt außerdem der britische Trendforscher Leadbeater mit seiner Forderung nach einer Modernisierung des Sozialstaats in der Veröffentlichung „The rise of the social entrepreneur“ aus dem Jahr 1997 als wegweisend im wissenschaftlichen Diskurs. In Kontinentaleuropa entstanden Ende der 1990er Jahre Institutionen wie die Schwab Stif- tung, gegründet vom Präsidenten des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab, die maßgeblich zur Verbreitung des Phänomens in Deutschland beigetragen hat (vgl. Martin, 2004, S. 7f.).

Im Gegensatz zur akademischen Welt erlangte SE größeres öffentliches Interesse erst im Jahr 2006 durch die Honorierung des Sozialunternehmers Muhammad Yunus mit dem Frie- densnobelpreis. Yunus gilt als Pionier im Bereich SE durch seine 1976 in Bangladesch ge- gründete Grameen Bank. Diese erteilt Kleinstkredite an ärmere Bevölkerungsschichten. Yunus‘ Vision war es, Menschen und insb. Frauen, die bis dato als Kreditnehmer durch mangelnde Sicherheiten nicht wahrgenommen wurden, unter geeigneten Bedingungen kleine langfristige Darlehen zu günstigen Konditionen zu gewähren. Er war nicht der erste, der Mikrokredite zur Armutslinderung einsetzen wollte. Durch die mit 97 % verhältnismäßig hohe Rückzahlungsquote war es ihm jedoch gelungen, Ausfallquoten gering zu halten, wo- mit sich das Geschäftsmodell skalieren lies und die Initiative finanziell unabhängig agieren konnte (vgl. Nobelprize.org, o.J., Zugriff: 27.11.2017; vgl. Fueglistaller et al., 2004, S. 363; vgl. Achleitner et al., 2007, S. 4f.).

Wirkungsbereiche

Es ist weiterhin festzustellen, dass sich die Debatten um SE in den USA und in Europa an- fangs inhaltlich unterschieden. In Europa verortete man das Phänomen Social Entrepreneu- rship stärker im Dritten Sektor oder der Sozialökonomie (vgl. Defourny & Nyssens, 2010, S. 32f.). Dementsprechend lag der inhaltliche Fokus häufig auf der Unterscheidung bzw. der Abgrenzung zum Non-Profit Sektor und politischen Wohlfahrtsansätzen. Die amerikanische Debatte war, auch durch das Social Business Konzept von Yunus, stärker an Business-The- men angebunden (vgl. Spiess-Knafl et al., 2013, S. 22).

In Bezug auf den Wirkungsschwerpunkt von SE-Initiativen lässt sich feststellen, dass man sich bei der Auswahl von Social Entrepreneurs durch Förderorganisationen wie Ashoka oder der Schwab-Foundation, zunächst auf Problemlösungsansätze in Zweite- und Dritte-Welt- Ländern konzentrierte (vgl. Achleitner et al., 2007, S. 11). In diesem Zusammenhang ent- standen Initiativen häufig mit Ausrichtung am Management-Ansatz der „Base of the Pyra- mid“ (BoP). Der Begriff BoP bezieht sich auf die größte und ärmste sozioökonomische Be- völkerungsschicht in der Wertschöpfungskette. Die Wissenschaftler Prahalad und Hart spra- chen 1998 dieser bis dato weitgehend kommerziell vernachlässigten Bevölkerungsschicht großes Potential zu. Internationale Unternehmen haben demnach die Möglichkeit, auf dorti- gen Märkten erfolgreich Produkte abzusetzen und Ressourcen zu generieren (vgl. Pervez et al, 2013, S. 55). Social Entrepreneurs stellten durch ihre innovative und gesellschaftliche Herangehensweise potentiell erfolgreiche Marktakteure in Entwicklungsländern dar. Die Initiativen der traditionellen wohltätigen Regierungseinrichtungen und Nichtregierungsor- ganisationen (NGO) hatten bisher nur begrenzte Erfolge bei der Überbrückung der sozio- ökonomischen Kluft, beim Erreichen der gewünschten sozialen Wirkung, Skalierbarkeit und Reichweite erzielt (vgl. Goyal et al, 2014, S. 419). Das Medizintechnik-Unternehmen Vestergaard Frandsen entwickelte bspw. Anfang der 1990er Jahre ein Moskitonetz, das In- sektizide in die Umwelt freisetzt - eine Technologie, die an verschiedenen afrikanischen Standorten erfolgreich gegen Malaria eingesetzt wurde. Das gleiche Unternehmen hat einen tragbaren Wasserfilter entwickelt, der Millionen von Menschen auf der südlichen Hemi- sphäre sicheres Trinkwasser liefert, sowie eine Rohrfiltertechnologie, die Guinea-Wurmlar- ven aus dem Trinkwasser entfernt. Das Unternehmen stellt diese nützlichen Technologien nicht kostenlos zur Verfügung. Vielmehr bemüht es sich, diese zu bezahlbaren Preisen ver- fügbar zu machen. Es betrachtet Menschen der BoP nicht als Empfänger von Wohltätigkeit, sondern als Kunden und Geschäftspartner (vgl. Volkmann / Tokarski, 2010, S. 162f.). Grund für den Einsatz in Entwicklungsländern war die vielfach höhere Dringlichkeit sozialer Prob- leme, die im Gegensatz zur westlichen Gesellschaften weniger gut durch staatliche Sozial- leistungen geregelt werden konnten. Außerdem ist der soziale Sektor in entwickelten Län- dern stärker reguliert und lässt vielen Initiativen nur eingeschränkte Handlungsmöglichkei- ten. Der Mangel an Sozialleistungen sowie entsprechenden Regulierungsmöglichkeiten in weniger entwickelten Ländern bewirkte, dass SE sich dort sehr viel stärker entfaltete (vgl. Achleitner et al., 2007, S. 11).

2.2 Definitionen von Social Entrepreneurship

Da es nicht allein für die Auswahl geeigneter Fallbeispiele, sondern auch für eine allgemeine Befassung mit dem Phänomen Social Entrepreneurship unerlässlich ist, eine Begriffsbestim- mung einschließlich wesentlicher Merkmalsausprägungen vorzunehmen, gewährt der fol- gende Teil einen umfassenden Einblick in die verschiedenen wissenschaftlichen Definitio- nen. Dafür werden zunächst gängige Definitionen aus der Wissenschaft und von relevanten Institutionen aufgeführt und nach darin genannten, mehrfach auftretenden Merkmalen ana- lysiert. Eine Analyse der häufig genannten Merkmale ermöglicht die Erstellung einer Ar- beitsdefinition und dient der Abbildung der aktuellen Definitionsdiskussion im Bereich SE.

Obwohl das SE-Konzept in den letzten Jahren sowohl im akademischen Bereich als auch von politischer Seite vermehrte Aufmerksamkeit erfuhr, steckt die wirtschafts- und sozial- wissenschaftliche Forschung zu SE noch in der Anfangsphase (vgl. Dees / Anderson, 2006, S. 39). Mair et al. bestimmten für SE die sog. „emerging excitement“-Phase, abgeleitet vom Lebenszyklusmodell nach Hirsch und Levin (vgl. Mair et al., 2006, S. 3f.). Obwohl das Thema per se nicht neu ist, fehlt von wissenschaftlicher Seite nach wie vor ein konzeptio- neller Rahmen für das Gebiet. Dies liegt vor allem an einer fehlenden allgemeingültigen oder exakten Definition (vgl. Hackenberg / Empter, 2011, S. 13). Obwohl diese Definitionsviel- falt ein Forschungshindernis bedeutet, betonen viele Autoren jedoch, dass sie dem Phäno- men vor allem hinsichtlich seiner Interdisziplinarität und dessen vielseitigen Umsetzungs- möglichkeiten in der Praxis gerecht wird (vgl. Cho, 2006, S. 36f.; Austin, 2006, S. 23). Dar- über hinaus wurde das Thema SE bisher primär im angelsächsischen Raum diskutiert, wes- halb auch die Fachterminologie englisch ausfällt (vgl. Achleitner et al., 2016, S. 5). Einige Autoren weisen daher konkret auf die tendenzielle Problemanfälligkeit der Übersetzung von Social Entrepreneurship ins Deutsche hin. Habisch betont bspw., dass „social“ nicht „sozial“ sondern „auf die Gesellschaft bezogen“ bedeutet (vgl. Habisch, 2011, S. 49).

2.2.1 Definitionsüberblick und Analyse

Generell hat das Konzept des Social Entrepreneurship für verschiedene Forscher verschie- dene Implikationen (vgl. Dees, 1998, S. 1). Beckmann stellt fest, dass Social Entrepreneu- rship definitorisch häufig aus einer Intentionsperspektive betrachtet wird und sich Sozialun- ternehmertum generell durch „intentionsorientierte Definitionen“ auszeichnet (vgl. Beck- mann, 2011, S. 69).

Eine häufig in wissenschaftlichen Texten zitierte Definition zum Social Entrepreneur stammt von Gregory Dees (vgl. Achleitner et al., 2007, S. 6). Dees war zuletzt Professor für SE an der Duke University’s Fuqua School of Business und galt durch seine zahlreichen Publikationen in dem Bereich als Pionier der SE-Forschung (vgl. The Economist, 2013, Zu- griff: 12.01.2018). Dees erstellte in seinem Beitrag „The Meaning of Social Entrepreneu- rship“ (1998) auf Grundlage führender Theorien der Entrepreneurship-Forschung eine De- finition des Social Entrepreneurs mit fünf Kriterien, die er selbst als idealisiert bezeichnete. Der Social Entrepreneur ist demnach:

1. Motor für den sozialen Wandel in der Gesellschaft, indem er die Schaffung und Erhaltung eines sozialen Wertes anstrebt.
2. Er nimmt darüber hinaus neuartige Gelegenheiten wahr und nutzt diese zur uner- müdlichen Verfolgung seines Ziels,
3. während er sich in einem Prozess kontinuierlicher Innovation und Anpassung be- findet.
4. Dabei handelt er mutig und lässt sich von gegebenen Ressourcen nicht einschrän- ken, denn er ist gewöhnt daran, an ein Vorhaben mit geringen Ressourcen heran- zugehen.
5. Schließlich zeigt er ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber der Ge- sellschaft und den Anspruchsgruppen, denen er versucht zu helfen (vgl. Dees, 2001, S. 4).

Zwei Denkschulen

Bevor konkrete Definitionen aus dem Forschungsgebiet SE genauer betrachtet werden, ist in Vorbereitung darauf zu beachten, dass in der Literatur häufig von zwei verschiedenen Denkschulen in der SE-Forschung zu lesen ist (vgl. Sommerrock, 2010, S. 52f.; Spiess- Knafl, 2013, S. 22). Die Unterscheidung und damit einhergehend der Vorschlag zur Unter- scheidung verschiedener Definitionsansätze findet sich bei Dees und Anderson (2006). Sie differenzieren Ansätze der SE-Forschung in zwei unterschiedliche „Schools of Practice and Thought“, die sich anhand ihres proklamierten Grades der Einkommensgenerierung und der Innovationsstärke unterscheiden lassen. Die unterschiedlichen Positionen entstanden aus der Praxis heraus: die erste Strömung bezeichnen sie als die „Social Enterprise School“, welche sich aus den Bemühungen des Non-Profit Sektors heraus entwickelte, neue Finanzierungs- möglichkeiten abseits von Spendeneinnahmen zu konzipieren (vgl. Dees / Anderson, 2006, S. 41ff.). Diese Denkschule legt den Fokus auf die Generierung von Einkommen zur Finan- zierung einer sozialen Mission. Die zweite Strömung bezeichnen die Autoren als die „Social Innovation School“. Diese konzentriert die sozialunternehmerischen Bemühungen auf den besten Lösungsansatz für ein gesellschaftliches Problem. Dabei wird vor allem das Innova- tionspotential der Social Entrepreneurs in den Vordergrund gestellt. Dieser Ansatz orientiert sich damit an den Ausführungen Schumpeters zur Rolle der Innovation im Unternehmen (vgl. Dees / Anderson, 2006, S. 44ff.).

Im Folgenden wird eine Übersicht der verschiedenen Definitionen von Social Entrepreneu- rship und Social Entrepreneur dargelegt. In Tabelle 1 sind 14 Definitionen von Autoren aus der wissenschaftlichen Forschung sowie von relevanten Institutionen, die im Bereich SE tätig sind, aufgeführt. Die Auswahl wurde anhand der Zusammenfassungen verschiedener definitorischer Ansätze, wie sie bei Mair und Martí (2006), Weerawardena und Mort (2006), Abu-Saifan (2012) sowie Zahra et al. (2009) zu finden sind, getroffen.

Tabelle 1: Definitionsübersicht (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Definitionsanalyse

Wie die vorangegangene Übersicht herausstellt, ist das Forschungsfeld durch eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen gekennzeichnet. Es lässt sich zunächst unterscheiden, dass die Diskussion um SE aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geführt wird: dabei befasst man sich entweder mit der Person oder dem Phänomen an sich. Bei der Beschäftigung mit dem Social Entrepreneur stehen Merkmale wie Charaktereigenschaften und Motive im Gegensatz zum konventionellen Unternehmer im Vordergrund. Demgegenüber behandeln Forschung und Definitionen rund um das Phänomen SE sozialunternehmerische Prozesse, wie den so- zialen Wandel (vgl. Spiess-Knafl, 2013, S. 21f.).

Im Hinblick auf die konkreten Merkmalsnennungen fällt weiterhin auf, dass sich die Defi- nitionen durch einen verhältnismäßig hohen Grad an Heterogenität bzgl. des generellen Be- griffsverständnisses und teilweise auch der Details auszeichnen. Trotzdem treten einige Be- zeichnungen gehäuft auf, bei denen sich die Autoren offenkundig einig sind. Viele Autoren beschreiben Social Entrepreneurship als einen Ansatz, einen Prozess oder eine Form von Aktivität (vgl. Zahra et al., 2009; Austin et al., 2006; Mair / Marti, 2006). Dadurch wird dem Phänomen eine dynamische Komponente zugesprochen. Weiterer wesentlicher Bestandteil von SE ist der „social value“ (vgl. Austin et al., 2006; Dees, 1998; Mort et al., 2003) bzw. die „social value proposition“ (vgl. Martin / Osberg, 2007), eine gesellschaftlichen Wert schaffende Geschäftsidee, die die Lösung eines gesellschaftlichen Problems zum Ziel hat und mit dem Erkennen von gesellschaftlichen Bedürfnissen (vgl. Mair / Martí, 2006; OECD, o.J.) oder dem Antrieb zu gesellschaftlichen Veränderungen beizutragen einher geht (vgl. Light, 2006). Es gehört zu den meist genannten Charakteristiken der Definitionen, eine so- ziale und gesellschaftliche Zielsetzung zu verfolgen. Einige Autoren beschreiben die Ziel- setzung etwas genauer mit der Fokussierung auf benachteiligte Gesellschaftsgruppen, die finanziell oder politisch nicht zur Selbsthilfe befähigt sind (vgl. Skoll Foundation, o.J.; OECD, o.J.; Martin / Osberg, 2007).

Eine weitere Merkmalsausprägung ist erwartungsgemäß die unternehmerische Herange- hensweise, d.h. die Nutzung unternehmerischer Techniken und Strategien zur Verfolgung des gesellschaftlichen Ziels (vgl. Ashoka, o.J.; Hibbert et al., 2005; Mort et al., 2003; Las- progata / Cotton, 2003). Das Gespür für marktfähige Geschäftschancen, oft als das Erkennen und Ergreifen einer „opportunity“, wird hierbei häufig genannt als Kernaufgabe des Sozial- unternehmers. Austin et. al definieren dazu:

„ Opportunity is defined as the desired future state that is different from the present and the belief that the achievement of that state is possible. Opportunities in the commercial and social sectors require the investment of scarce resources with the hope of future returns.” (Austin et al., 2006, S. 6)

Außerdem wird teilweise auf die besondere Fähigkeit des Sozialunternehmers hingewiesen, Ressourcen anzuziehen und zu mobilisieren, auch wenn diese ihm nur begrenzt zur Verfü- gung stehen (vgl. Dees, 1998; Mair / Martí, 2006; Peredo / McLean, 2006). Diesbezüglich erklären Austin et al., dass der Social Entrepreneur meistens eine ausreichende Marktgröße für sein entdecktes soziales Problem oder Bedürfnis vorfindet. Das Problem besteht eher darin, Ressourcen dafür zu mobilisieren: „T he problem is not the existence of the need, but rather whether the necessary resources can be marshaled for the social entrepreneur’s in- novation to serve that need“ (Austin et al., 2006, S. 7). Die Förderorganisation Ashoka be- tont die Voraussetzung der Skalierbarkeit einer sozialunternehmerischen Geschäftsidee. Da- neben nennen Definitionen zum Social Entrepreneur eine Reihe von persönlichen Eigen- schaften wie Risikobereitschaft, Proaktivität oder Kreativität, die erfolgreichen Unterneh- mern häufig zugesprochen werden (vgl. Mort et al., 2003; Paredo / McLean, 2006).

Die Definitionsübersicht eröffnet weitere SE -Merkmale neben jenen, die sich aus den kon- stitutiven Begriffen „social“ und „entrepreneurship“ ergeben. Es ist anzunehmen, dass „In- novativität“ als eines der wichtigsten Merkmale von SE fungiert. In vielen Definition aus Tabelle 1 ist das Wort „innovativ“ zumindest aufgenommen worden, sei es bspw. in Bezug auf Ideen (vgl. Bornstein, 2004), Ressourcenkombinationen (vgl. Mair / Martí, 2006), Her- angehensweise (vgl. Skoll Foundation, o.J.) oder Konzepte (vgl. Ashoka, o.J.). Auf Finan- zierungsstrukturen wird in den Definitionen kaum genauer eingegangen, vermutlich weil es in der Praxis viele verschiedene Ausprägungsmöglichkeiten gibt. In einigen Definitionen wird konkret darauf aufmerksam gemacht, dass der Social Entrepreneur Gewinnmaximie- rung eine nachrangige Bedeutung zuordnet (vgl. OECD, o.J.; Hibbert et al., 2005). Weiterhin verorten einige Autoren Social Entrepreneurship ausschließlich im Non-Profit-Bereich, dies ist jedoch eher eine Ausnahme (vgl. Lasprogata / Cotton, 2003). Generell herrscht der Grundtenor, dass das Phänomen sektorenübergreifend auftritt. Obwohl von einer innovati- ven Idee als Grundlage für SE ausgegangen wird, ist eine Organisationsgründung ebenfalls nirgendwo konkret angesprochen. Im Zuge der Diskussion ob SE auch innerhalb existieren-der Organisationen auftreten kann, prägten Mair und Martí den Begriff des „Social Intrap- reneurship“, im Rahmen dessen soziale Konzepte innerhalb einer Organisation umgesetzt werden (vgl. Mair / Marti, 2006, S. 36ff.).

In Bezug auf die beiden im Vorfeld genannten Denkschulen, die Dees und Anderson zur Unterscheidung der Definitionen identifiziert haben, lassen sich unter den vorliegenden De- finitionen aus Tabelle 1 folgende Zuordnungen vornehmen. So sind Definitionen der Num- mern 5 und 6 der „Social Enterprise School“ zuordnen, da sie Social Entrepreneurship eher als Finanzierung einer sozialen Mission deuten. Die Nummern 1,3,7,8,10,13 passen in ihrer inhaltlichen Ausrichtung zur „Social Innovation School“, da sie das Hauptaugenmerk auf tiefgreifenden sozialen Wandel lenken wollen.

Es ist ersichtlich, dass die Vielzahl an wissenschaftlichen Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten eine einheitliche Begriffsbestimmung erschwert. Es konnten jedoch drei Merkmale bestimmt werden, die in der einen oder anderen Form in den Definitionen auftau- chen und die demnach zur Begriffs- und Wesensbestimmung von SE sowie zur Identifika- tion von SE-Initiativen herangezogen werden können. Folgende definitorische Merkmale sind hervorgetreten:

(1) Einsatz von unternehmerischen Techniken,
(1a) Fähigkeit zur Identifikation von marktfähigen Geschäftschancen,

(2) Ausrichtung auf gesellschaftliche Interessen und soziale Bedürfnisse,
(2a) Schaffung von sozialem Wert,
(3) Umsetzung von sozialem Wandel durch innovative Lösungsansätze

Diese Merkmale stellen die Eckpfeiler für eine allgemeine Einschätzung des Phänomens Social Entrepreneurship dar. Um weiterführend zu einem fundierten Begriffsverständnis zu gelangen, sollten die Merkmale näher betrachtet werden. Aus den bisherigen Ergebnissen der Literatur ergeben sich folgende offene Fragen in Bezug darauf, was mit den genannten Begriffen in Einzelnen gemeint ist. So werden folgende Fragen aufgeworfen:

- Was umfasst „unternehmerisches Handeln“ und woran lässt es sich erkennen?
- Was versteht man unter „sozialem Wert“ oder „social value proposition“?
- Was bedeutet ein „Prozess kontinuierlicher Innovation“?

Im Anschluss befasst sich die Arbeit entsprechend mit den drei zentralen Merkmalen, die in der Definitionsdebatte maßgeblich sind: das unternehmerische Handeln“, der „social va- lue“ und die „Innovationsorientierung“.

2.2.2 Merkmal #1: Unternehmerisches Handeln

Begriffsverständnis Entrepreneurship

In Bezug auf die unternehmerische Herangehensweise ist es zunächst notwendig, den Be- griff „Entrepreneurship“ genauer zu betrachten. Das Wort „Entrepreneur“ hat seinen Ur- sprung im lateinischen pre(he)ndere mit der Bedeutung „nehmen“ und „ergreifen“. Über- nommen wurde der Begriff aus der französischen sowie der englischen Sprache und lässt sich übersetzen als „Unternehmer“ (vgl. Duden Online, 2018a, Zugriff: 05.01.2018). Im all- gemeinen Sprachgebrauch versteht man darunter häufig die Gründung eines Unternehmens. Diese Einschätzung fasst jedoch zu kurz (vgl. Faltin, 2008, S. 28). Entrepreneurship lässt sich allgemein als Überbegriff eines Forschungszweiges bezeichnen, der der Frage nachgeht, wie sich Individuen angesichts von jeglichen wachstumsorientierten Gestaltungsprozessen basierend auf einer Gelegenheit effektiv organisieren (vgl. Kuckertz, 2017, S. 3). Ähnlich wie im Bereich des Social Entrepreneurship hat auch die artverwandte Disziplin mit Defini- tionsschwierigkeiten zu kämpfen: „Perhaps the largest obstacle in creating a conceptual framework for the entrepreneurship field has been its definition“ (Shane, Venkataraman, 2000, S. 218). Grund für die definitorische Uneinigkeit ist vor allem die akademische Inter- disziplinarität, infolge dessen sich sowohl Ökonomen, Soziologen, Psychologen, Anthropo- logen und Historiker dem Phänomen auf unterschiedliche Art und Weise genähert haben (vgl. Sommerrock, 2010, S. 36).

Ungeachtet dessen haben sich zahlreiche Ökonomen dem Versuch der Definition angenom- men. Die erste Definition zum Entrepreneur wird häufig auf Jean-Baptiste Say zurückge- führt. Dieser schrieb um das Jahr 1800: “The Entrepreneur shifts economic resources out of an area of lower and into an area of higher productivity and greater yield.” Folglich agieren Entrepreneurs mit gesteigerter Produktivität und kreieren dadurch Mehrwert (zitiert nach Faltin, 2008, S. 28). Says Unternehmertyp entnimmt Wirtschaftsressourcen aus Bereichen mit geringer Produktivität und setzt sie andernorts, wo höhere Erträge erzielbar sind, wieder ein. Er agiert damit als „Lückenfinder“ und ist tätig, wo vor ihm noch keiner tätig war. In welcher Art und Weise der Entrepreneur bzw. der Unternehmer handelt, ist nicht bei Say zu finden, hingegen aber in den Arbeiten des österreichischen Ökonomen Joseph Alois Schum- peter. Dessen Schriften waren bestimmend für die wissenschaftliche Diskussion um das Thema Entrepreneurship (vgl. Gergs, 2011, S. 176f.). Schumpeter definiert: „Ein Unterneh- mer ist dasjenige Wirtschaftssubjekt, dessen Funktion die Erfindung neuer Kombinationen und deren Durchsetzung ist.“ (Schumpeter, 1997, S.111) Er unterscheidet hierbei zusätzlich den Unternehmenseigentümer vom dynamischen Unternehmer. So ist der Zweite dazu in der Lage „Führerschaft“ auszuüben, um Wege „aus der Routine“ für „neue Möglichkeiten“ zu finden (s. ebd., S. 121ff.). Für Schumpeter ist nicht jeder Inhaber eines Unternehmens als Unternehmer zu bezeichnen. Der Unternehmer ist ein Revolutionär, ein sog. „schöpferischer Zerstörer“, der bestehende Strukturen hinterfragt und aufzulösen versucht um eine neue Ar- beitsweise zu etablieren. Schumpeter spricht dem Unternehmer damit zwei Seiten zu: die schöpferische, die positiven Wandel und innovative Vorgehensweisen durchsetzen möchte und die zerstörerische Seite, die zu diesem Zweck alte Muster durchbrechen muss (vgl. Gergs, 2011, S. 176).

Aktuelle Fragestellungen der Entrepreneurship-Forschung

Eine nähere Betrachtung zu Merkmalen und aktuellen Themenschwerpunkten der Entrepre- neurship-Forschung findet sich bei Sommerrock (2010, S. 38ff.). Sie definiert fünf verschie- dene Dimensionen, die das aktuelle Verständnis von Entrepreneurship in der Wissenschaft prägen: zunächst ist das Erkennen von Chancen ein Kernelement von Entrepreneurship, bei dem Unternehmer nicht nur in der Lage sind, unternehmerische Gelegenheiten aufzu- spüren, sondern diese auch mit knappen Ressourcen sowie der Hilfe von Personen und Netz- werken zu implementieren. Das zweite Merkmal der Innovation und Transformation ist vor allem aus den Arbeiten Schumpeters hervorgegangen. Aktuell wird unter Forschern kontrovers diskutiert, bis zu welchem Grad ein Entrepreneur ein strukturverändernder Inno- vationspionier sein muss, d.h. wie innovativ seine Vorgehensweise sein muss, um Entrepre- neur genannt zu werden (vgl. De, 2005, S. 25). Die dritte Dimension schließt die Organisa- tionsgründung ein. Ungeklärt ist noch, ob der Gründer einer neuen Organisation per se zum Entrepreneur wird. Sommerrock (2010, S. 39) gibt zu bedenken, dass Entrepreneurship eng verbunden mit der Implementierung einer neuen Idee außerhalb einer existierenden Organi- sation ist, wobei eine gewisse Form der Gründung demnach zum Unternehmertum dazu ge- hört. Die Meinungen gehen jedoch auseinander; nach Schumpeter ist, wie bereits beschrie-ben, Eigentum kein wesentliches Kriterium für Entrepreneurship. Die vierte Dimension um- fasst die Qualifikationen des Entrepreneurs bezüglich Leadership und Management. In diesem Punkt wird sich mit der Fragestellung befasst, ob Manager Entrepreneurs sein kön- nen und umgekehrt. Gergs betont, dass die Übergänge zwischen Manager und Unternehmer besonders bei Führungskräften fließend sind, denn diese handeln situationsabhängig mal in dieser, mal in jener Rolle. Dennoch lassen sich beide idealtypisch differenzieren, z.B. anhand ihrer Zielstellung, ihres primären Motivs, ihrem Entscheidungsverhalten oder ihrer Zeitori- entierung (vgl. Gergs, 2011, S. 177f.). Weiterhin werden Entrepreneurs häufig als Leader, d.h. als Führungspersönlichkeiten beschrieben, die in der Lage sind, andere zu motivieren, zu leiten und anzuführen (vgl. Cunningham / Lischeron, 1991, S. 52). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Entrepreneurs Manager sein können, Manager jedoch meist ledig- lich Persönlichkeitsmerkmale mit Entrepreneurs teilen. Beide Gruppen sind idealerweise mit Führungsqualitäten ausgestattet (vgl. Sommerrock, 2010, S. 40).

Schließlich befasst sich die Entrepreneurship-Forschung mit Persönlichkeitsmerkmalen der Unternehmer. Umfangreichen Forschungsstudien zufolge, teilen Entrepreneurs fol- gende Eigenschaften: Vision, Energie, Zielstrebigkeit, Ausdauer und Selbstvertrauen. Wei- terhin werden ihnen oftmals Attribute wie Mut, Kreativität, Leistungsbereitschaft und Risi- kobereitschaft zugeordnet (vgl. Cunningham / Lischeron, 1991, S. 48). Gergs schreibt zu den Fähigkeiten des Unternehmers, dass dieser dazu im Stande sein muss, eigene innovative Ideen am Markt durchzusetzen. Dafür zeichnet sich der Entrepreneur durch Kreativität, Phantasie und Intuition aus sowie durch Durchsetzungskraft, Kooperationsfähigkeit und Ri- sikobereitschaft. Es trägt zu seinem Erfolg bei, wenn der Unternehmer andere für seine Vi- sion begeistern und diese gegen Widerstände durchsetzen kann (vgl. Gergs, 2011, S. 177).

Social Entrepreneur versus Business Entrepreneur

„T he test of successful business entrepreneurship is the creation of a viable and growing business. The test of social entrepreneurship, in contrast, maybe a change in the social dy- namics and systems that created and maintained the problem.” (Alvord et al., 2004, S. 3)

Obwohl sich in der Literatur einige Unterscheidungsversuche finden lassen, bleibt die kon- krete Abgrenzung von SE zu traditionellem Entrepreneurship eher unscharf (vgl. Mair, 2006, S. 89). Als dominierendes Abgrenzungsmerkmal zum traditionellen Unternehmer führen viele Autoren die gesellschaftliche Zielsetzung und den angestrebten sozialen Wandel des Social Entrepreneurs an (vgl. Mair / Martí, 2005, S. 38f.; Martin / Osberg, 2007, S. 39).

Austin et al. setzen sich dezidiert mit der Fragestellung auseinander und vergleichen die beiden Unternehmergruppen. Den entscheidenden Unterschied sehen Sie darin, dass im tra- ditionellen Unternehmertum der Schwerpunkt auf wirtschaftlichen Erträgen liegt, während der soziale Ertrag bei SE im Mittelpunkt steht (vgl. Austin et al., 2006, S. 6). Roder gibt dahingehend zu bedenken, dass man nicht dem Irrtum erliegen sollte, Business Entrepre- neurs eine ausschließliche Gewinnorientierung und Social Entrepreneurs eine rein altruisti- sche Handlungsmotivation zu unterstellen. Der Business Entrepreneur kann ebenso soziale Ziele anstreben bzw. durch die Schaffung von Arbeitsplätzen eine positive soziale Wirkung erzielen (vgl. Roder, 2011, S. 52). Jedoch ist sozialer Wohlstand im traditionellen Entrepre- neurship eher ein Nebenprodukt (vgl. Venkataraman, 1997, S. 122). In Bezug auf die am Markt befriedigten Bedürfnisse ist der traditionelle Unternehmer außerdem dazu angehalten, neue Bedürfnisse zu wecken, während der Social Entrepreneur langfristige und grundle- gende Bedürfnisse durch innovative Ansätze besser erfüllen möchte. Für ihn ist in der Regel eine ausreichende Marktgröße gegeben, sein Problem besteht in der Ressourcenmobilisa- tion, um den Markt ansprechen zu können (vgl. Austin et al., 2006, S. 6f.). Hinsichtlich der Finanzierungsquellen stehen dem Social Entrepreneur grundsätzlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung, da er sich für eine for-profit oder non-profit Ausrichtung entscheiden kann. Jedoch lassen sich die sozialen Ziele häufig nicht ausreichend durch die verfügbaren Res- sourcen umsetzen. Dies vor allem deshalb, weil die Endverbraucher oft nicht in der Lage sind genug zu zahlen, um die Kosten des Produktes oder der Dienstleistung zu decken (vgl. Austin et al., 2006, S. 7). In Bezug auf Arbeitnehmer hat der traditionelle Unternehmer die Möglichkeit finanzielle Anreize zur Anwerbung und Bindung von Personal zu setzen. So- zialunternehmer können meist keine Marktpreise für wichtige Stellen in der Organisation zahlen (vgl. Oster, 1995). Darüber hinaus verlassen sich Sozialunternehmer zumeist auf frei- willige Mitarbeiter und benötigen dementsprechend andere Führungsqualitäten als traditio- nelle Unternehmer, um deren Motivation langfristig zu gewährleisten (vgl. Austin et al., 2006, S. 11). Austin et al. stellen außerdem heraus, dass die Vorstellung von Wachstum in beiden Gruppen verschieden ist. Während der Unternehmer allgemein Wachstum positiv bewertet, ist Wachstum bei sozialen Initiativen nicht zwingend zielführend. Wachstum als reiner Selbstzweck kann organisatorische Ressourcen verschwenden und das Einflusspoten- tial der Organisation verringern (vgl. Austin et al., 2006, S. 7). Während schließlich die wichtigste Motivation von Investoren und Anteilseignern auf kommerziellen Kapitalmärk- ten der Aufbau einer profitablen Unternehmung und eine angemessene Kapitalrendite sind, haben Anleger im sozialen Sektor diverse Interessen, die der Sozialunternehmer berücksich- tigen muss. Um diese ressourcenbasierten Hindernisse zu überwinden, entscheiden sich So- zialunternehmer eventuell für eine for-profit Organisationsform, um Zugang zu Kapital- märkten zu verbessern und wettbewerbsfähige Löhne zu zahlen. Austin et al. fassen zusam- men: “Social entrepreneurs are often faced with more constraints: limited access to the best talent; fewer financial institutions, instruments, and resources; and scarce unrestricted fund- ing and inherent strategic rigidities, which hinder their ability to mobilize and deploy re- sources to achieve the organization’s ambitious goals.” (Austin et al., 2006, S. 12)

In diesem Kapitel ist deutlich geworden, in welcher Art und Weise sich der Social Entrepre- neur durch Merkmale des Unternehmers in seiner Handlungsweise und Persönlichkeit aus- zeichnet. Zusammenfassend lässt sich folgende Begriffsbestimmung für die unternehmeri- sche Komponente des Social Entrepreneurship ermitteln:

Entrepreneurship als Teil von Social Entrepreneurship ist ein Prozess, bei welchem zunächst eine Gelegenheit erkannt wird und in dem Ressourcen von einem gering produktiven Be- reich in einen Bereich höherer Produktivität verlagert werden. Der gesamte Prozess zeichnet sich durch Innovations- und Risikoelemente aus. Er hat für den Unternehmer das Ziel, sozi- alen Wert zu schaffen. Der Prozess wird von einer einzelnen Person oder einem kleinen Team um eine führende Person herum mit bestimmten persönlichen Eigenschaften durchge- führt, die die notwendigen Ressourcen akquiriert und die Idee über die bestehende Organi- sation hinaus implementiert (vgl. Sommerrock, 2010, S. 41).

2.2.3 Merkmal #2: Social Value

Begriffsbestimmung „sozial“

Nachdem die Inhalte der unternehmerischen Komponente erfasst wurden, soll im Folgenden die Ausrichtung auf soziale Interessen und die Schaffung von sozialem Mehrwert (engl. social value) näher beleuchtet werden. Häufig fehlt bei vielen Autoren die dezidierte inhalt- liche Auseinandersetzung mit dem Begriff „sozial“ (vgl. Roder, 2011, S. 53; Achleitner, 2010, S. 13). Durch die Konnotation wird das Wort Entrepreneurship bestimmt und ist dem- nach ebenso maßgeblicher Bestandteil des Phänomens.

Das Wort hat seinen Ursprung im lateinischen Begriff socialis, übersetzt als „gesellschaft- lich“, „gesellig“, „auf die Gesellschaft bezogen“ und im Begriff socius, übersetzt „Kame- rad“, „Genosse“, „Teilnehmer“. Gemäß seinem Duden-Eintrag hat der Begriff „sozial“ im deutschen Sprachgebrauch vier ähnliche Bedeutungsvariationen:

1. „das geregelte Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft betreffend“,
2. „die Gesellschaft und besonders ihre ökonomische und politische Struktur betref-fend“,
3. „Zugehörigkeit des Menschen zu einer der verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft“,
4. „dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend“ und „die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den [wirtschaftlich] Schwächeren schützend (Duden Online, 2018b, Zugriff: 05.01.2018).

In Hinblick auf die Definition von Social Entrepreneurship scheint die letzte Bedeutungsbe- schreibung inhaltlich am geeignetsten. In Bezug auf unternehmerisch soziales Verhalten, kann darüber hinaus die Gemeinnützigkeitsdefinition aus dem deutschen Steuerrecht heran- gezogen werden. Dort ist unter § 52 Abs. 1 S. 1 Abgabenordnung (AO) formuliert :

„ Eine Körperschaft verfolgt gemeinnützige Zwecke, wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern.“

Darüber hinaus agiert eine Körperschaft nach § 55 (1) AO selbstlos, wenn:

„ […]dadurch nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke - zum Beispiel gewerbliche Z wecke oder sonstige Erwerbszwecke - verfolgt werden.“

Entsprechend lässt sich feststellen, dass soziale Organisationen, Projekte und Initiativen all- gemein zum Ziel haben, im Sinne des Gemeinwohls die Lebensumstände für Menschen in einer Gesellschaft zu verbessern oder zu erhalten. Das heißt, dass sie damit entweder auf die Gesellschaft oder auf Gruppen in der Gesellschaft als Ganzes Einfluss nehmen oder auf Per- sonen, denen es an Wohlstand mangelt und damit indirekt der Allgemeinheit zu Gute kom- men (vgl. Sommerrock, 2010, S. 42).

Sozial im Kontext von Social Entrepreneurship

Viele Autoren benennen als maßgebliches Merkmal für SE die intendierte gesellschaftliche Wirkung. Genauer sprechen die Autoren dem Konzept die Eigenschaft zu, durch unterneh- merisches Engagement social value zu generieren (vgl. Austin et al., 2006; Dees, 1998; Peredo / McLean, 2006). So formulieren in Tabelle 1 aufgeführte Autoren, wie Dees (1998), Mort et al., (2003) und Nicholls (2008), dass eine soziale Mission bei Social Entrepreneurs im Vordergrund steht und dass die Schaffung von sozialem Wohlstand (vgl. Zahra et al., 2009) bzw. die Adressierung von sozialen und gesellschaftlichen Problemen (vgl. Mair und Marti, 2006) das Konzept kennzeichnen. Detaillierte Definitionen des Begriffs social value finden sich bei den Autoren kaum. Dees führt aus, dass gesellschaftlich wünschenswerte Verbesserungen und nicht finanzielle Erträge oder Konsumverbesserungen das Ziel von so- zialunternehmerischem Wirken ist. Gewinn, Wohlstand und Erfüllung von Konsumenten- wünschen mögen dabei Teil des Phänomens sein, diese müssen aber auf ein soziales Ziel hinführen und nicht Selbstzweck sein. Die gesellschaftliche und nachhaltige Wirkung ist das relevante Maß (vgl. Dees, 1998, S. 5).

Problematik der Messbarkeit

Dees gibt aber auch zu bedenken, dass die Schwierigkeit von social value darin liegt, den Wert einer Aktivität erstens eindeutig zu definieren und ihn zweitens messbar zu machen. Dees schreibt: „It is inherently difficult to measure social value creation. How much social value is created by reducing pollution in a given stream, by saving the spotted owl, or by providing companionship to the elderly?” (Dees, 1998, S. 4) Wo sich finanzielle Erfolge einfach und verlässlich in Zahlen ausdrücken lassen, ist die Erfolgsmessung sozialer Verän- derungen mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Zunächst ist es grundlegend proble- matisch, ein einheitliches Kriterium für Erfolg zu definieren. Dies vor allem auch deshalb, weil sich der gesamte Bereich Social Entrepreneurship durch eine hohe thematische Hetero- genität auszeichnet mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, Lösungskonzepten und Organisationsarten. Es lässt sich daher eher auf der Mikroebene feststellen, welche Auswir- kungen erzielt werden können. Des Weiteren liegt eine Attributionsproblematik vor, d.h. das eine genaue Zurechnung von Input und den Auswirkungen auf die Gesellschaft oft durch Zeitverzögerungen, Existenz von Drittvariablen oder mehreren Akteuren im gleichen The- menbereich nicht möglich ist. Weiterhin sind die Bereiche in denen Social Entrepreneurs wirken oft mit Zielen verbunden, die durch Daten schwer zu erheben sind. So können bspw. der Erfolg von Suchtpräventionsmaßnahmen oder eine verbesserte Lebensqualität von Min- derheiten schwer zu messen sein (vgl. Roder, 2011, S. 101ff.). Die Messbarkeit der Daten ist tendenziell eingeschränkt. In Deutschland ist außerdem zu beobachten, dass der soziale Sektor (im Vergleich zu den USA) einen geringen Professionalisierungsgrad aufweist (vgl. Stockmann, 1998, S. 48). Es bestehen aufgrund eher ablehnender Haltungen gegenüber der „Verwirtschaftlichung“ des sozialen Sektors keine Anreize, die Erfolgsmessung voranzu- treiben (vgl. Roder, 2011. S. 102).

Problematik der Normativität

Nicholls und Cho weisen weiterhin darauf hin, dass soziale und gesellschaftlichen Mehrwert schaffende Aktivitäten stark von politischem und normativem Kontext abhängen. Außerdem sollte grundsätzlich von einer starken Heterogenität sozialer Interessen ausgegangen werden (vgl. Nicholls / Cho, 2006, S. 105f.). Weiterhin kann nicht außer Acht gelassen werden, dass sich soziale Bedürfnisse und damit auch die Zielrichtung für soziale Aktivitäten mit der Zeit ändern (vgl. Leppert, 2008, S. 18). Folglich ist es relativ schwer einzugrenzen, was social value tatsächlich involviert und welche Aktivitäten oder Projekte als „social value creating“ angesehen werden können (vgl. Choi / Majumdar, 2014, S. 367).

Lautermann gibt zu bedenken, dass die meisten Autoren, die sich mit dem Konzept Social Entrepreneurship beschäftigen, den Ausdruck „sozial“ als einen Wertbegriff nutzen. Dieser Wertbegriff wird mit dem Ziel verwendet, auf eine bessere Gesellschaft oder eine verbes- serte Lage für gesellschaftliche Gruppen hinzuarbeiten. Die Bandbreite der Begriffe für die- ses Ziel reicht von social value, über soziale Bedürfnisse und soziale Probleme bis hin zur sozialen Wertschöpfung. Die zugrundeliegende Vorstellung einer „verbesserten“ Gesell- schaft ist dabei eine eher normative Einschätzung. Lautermann schlägt dementsprechend vor, dass sich Social Entrepreneurs mit ethischen Fragestellungen beschäftigen, wie etwa […] in was für einer Welt wollen wie leben und was können, wollen und sollen wir dazu beitragen“ (Lautermann, 2009, S. 72).

Cho greift dieses Problem ebenfalls auf und beschäftigt sich noch genauer mit der sozialen Dimension von Social Entrepreneurship. In Bezug auf die Identifikation eines sozialen Miss- standes, bezeichnet er dabei den monologischen Ansatz des Social Entrepreneurs als primär problematisch. Monologisch bedeutet, dass die Wahrnehmung des sozialen Missstandes und die entsprechende Einschätzung auf den Sozialunternehmer selbst eingegrenzt bzw. be- schränkt sind (vgl. Cho, 2006, S. 40ff.). Daher werden dem Social Entrepreneur häufig Be- zeichnungen wie „Revolutionär“ und „Reformer“ zugeordnet und führen schließlich zu emo- tionalen Social Entrepreneur-Definitionen (vgl. Roder, 2010, S. 54). Gegenüber dem mono- logischen Ansatz lässt sich der konsens- und dialogorientierte Ansatz konstruieren, bei dem gesellschaftliche Probleme und Lösungsansätze in Absprache mit Stakeholdern bestimmt werden. Die unterschiedliche Art und Weise sich sozialen Themen zu nähern, entweder in Form eines individualistischen Ansatzes des Entrepreneurs oder eines partizipativen und evtl. beständigeren Ansatzes im Austausch mit Stakeholdern, stellt eine Kontroverse dar.2 Cho empfiehlt dem Social Entrepreneur, bei der Identifikation von sozialen Missständen zusätzlich zu seiner eigenen Einschätzung das Gespräch mit relevanten Anspruchsgruppen zu suchen, um dadurch die eigenen Hypothesen zu überprüfen und die Ergebnisse in seinen Entscheidungsprozess zu integrieren (vgl. Cho, 2006, S. 54f.).

Konzept der Social Value Chain und Social Value Proposition

Es wurde ersichtlich, dass der soziale Wert an normative Vorstellungen geknüpft ist, zudem schwer messbar und wandelbar sein kann. Abgesehen von der Frage, was „sozial“ im Kon- text von Entrepreneurship bedeutet, beschäftigt sich die Forschung auch mit der praxisrele- vanten Frage, an welcher Stelle der Wertschöpfungskette die soziale Dimension einer unter- nehmerischen Initiative hervortreten kann. Dees und Anderson beschreiben zur Veranschau- lichung der Bereiche, in denen soziale Wertschöpfung stattfinden kann, eine Social Value Chain (SVC), die an eine vereinfachte Version der Value Chain von Michael Porter (1985) angelehnt ist. Porter führte dieses Konzept ein, um potentielle Wettbewerbsvorteile für Un- ternehmen zu analysieren. Die Value Chain umfasst alle Aktivitäten, durch die Unternehmen einen wirtschaftlichen Wert schaffen können, vom Einkauf der Rohstoffe bis zum Kunden- dienst (vgl. Dees / Anderson, 2003, S. 1ff.). Die SVC ist demnach ein Konzept, das die Beziehung zwischen Bereichen der sozialen Wertschöpfung sowie Tätigkeitsfeldern von So- zialunternehmern veranschaulicht (vgl. Sommerrock, 2010, S. 42). Generell können Sozial- unternehmen in jedem Bereich der Wertschöpfungskette „social impact“ generieren (vgl. Nicholls, 2006, S. 19). In Abb. 1 ist die SVC einschließlich ihrer fünf Teilbereiche darge-stellt.

Abbildung 1: Social Value Chain (vgl. Dees / Anderson, 2003)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beschaffung von Waren: Social Entrepreneurs können ihr soziales Ziel in Form von alter- nativen Beschaffungskonzepten realisieren. Häufig achtet man hier auf Zusammenarbeit mit ansonsten benachteiligten Lieferanten oder konzipiert einen umweltfreundliche Beschaf- fungsform. Die Fair-Trade Kaffeekette Campesino verkauft bspw. ausschließlich sozial und ökologisch verantwortungsvoll angebauten Kaffee aus demokratisch geführten Kleinbauern- genossenschaften in Mexiko und weiteren Ländern Lateinamerikas (vgl. Dees / Anderson, 2003, S. 4).

Arbeitnehmerbeschäftigung: Die Art und Weise der Arbeitnehmerbeschäftigung kann ebenso auf soziale Zwecke ausgerichtet sein. In der Regel werden benachteiligte, d.h. ge- sellschaftlich ausgegrenzte Personen (wie Menschen mit Behinderung, ehemalige Strafge- fangene, Drogenabhängige, o.ä.) mit dem Ziel eingestellt, für sie Ausbildungs- und Entwick- lungsmöglichkeiten zu schaffen und sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren (vgl. Dees/ Anderson, 2003, S. 4). Die US-amerikanische Organisation „The Enterprising Kitchen“ beschäftigte für einen begrenzten Zeitraum arbeitslose Frauen zur Herstellung natürlicher Seifen und bot ihnen bezahlte Arbeit einschließlich Karriereberatung, Finanzplanung, Tech- nologietraining und Ausbildungsmöglichkeiten an (vgl. Sommerrock, 2010, S. 44).

Produktentwicklung: An dieser Stelle der SVC wird der Idee nachgegangen, dass be- stimmte Produkte oder Dienstleistungen einen sozialen Wert haben. Häufig geben besondere lokale Bedingungen und Anforderungen, die üblicherweise nicht von anderen Anbietern be- rücksichtigt werden, den Anstoß für die Entwicklung solcher Produkte. Die US-amerikani- sche Organisation Kickstart entwickelt bspw. speziell auf lokale Anforderungen zugeschnit- tene, kostengünstige Bewässerungssysteme für Kleinbauern aus Afrika, die damit ihren Be- trieb profitabel machen und einen Weg aus der Armut finden können. Andere Beispiele aus diesem Bereich schließen Produkte ein, die umweltverträglich sind oder darauf gerichtet sind, ein größeres soziales Problem wie Kriminalität, Drogenabhängigkeit zu bekämpfen (vgl. Dees / Anderson, 2003, S. 4; Sommerrock, 2010, S. 44).

[...]


1 Ashoka ist aktuell in 80 Ländern aktiv und fördert ca. 3.000 Sozialunternehmer, sog. „Ashoka-Fellows“ (vgl. Ashoka, o.J.-a, Zugriff am 02.12.2018).

2 Anzumerken ist, dass, nach Sichtung der Definitionen, eben jene monologische Herangehensweise für viele Autoren die Stärke des Konzeptes von Social Entrepreneurship auszumachen scheint.

Ende der Leseprobe aus 121 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Inklusion durch Social Entrepreneurship in Deutschland
Untertitel
Analyse des wirtschaftsethischen Innovationspotentials
Hochschule
Internationales Hochschulinstitut Zittau
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
121
Katalognummer
V460509
ISBN (eBook)
9783668934924
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Social Entrepreneurship, Soziales Unternehmertum
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Gesellschaftliche Inklusion durch Social Entrepreneurship in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460509

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