Von der Abbozzo zum fertigen Gemälde. Wilhelm Leibls Maltechnik am Beispiel von "Der Spinnerin"


Seminararbeit, 2003
18 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Einordnung von Wilhelm Leibl in die europäischen Kunstströmungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Die politischen Verhältnisse in Deutschland von 1848 bis

„Die Spinnerin“ – Über die Entstehungsgeschichte und Bildbeschreibung, Provenienz und Einordnung des Gemäldes in Leibls Spätwerk

Kompositionsmittel und Perspektive in „Die Spinnerin“

Von der Skizze zum Gemälde - Die Frage nach der Lichtwertigkeit und Stofflichkeit der Bildgegenstände

Was sich gleicht - „Die Spinnerin“ im Kontext von Leibls Gesamtwerk

Urheberrechtsklausel

Literatur- und Abbildungsverzeichnisse

Vorwort

Als ich 2001 anfing, Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Leipzig zu studieren, stand ich allen Künsten offen gegenüber. So ist es auch noch heute, knapp 18 Jahre später. Die Beschäftigung mit Wilhelm Leibl begann mit einem Seminar, das Dr. Heike Lüddemann leitete. Es fand 2003 statt und wurde noch größtenteils am Museum der bildenden Künste (Interim Handelshof) durchgeführt.

Wilhelm Leibl ist ein ungewöhnlicher Maler. Bauernidyllen, die keine sind. Altmeisterliche Malerei, die mit zunehmenden Alter lockerer ausgeführt wurde. Eingebettet in den Entwicklungen im Fin-de-Siècle, fällt das Werk von Wilhelm Leibl etwas aus der Zeit. Während Max Liebermann und Lovis Corinth mit Rückgriffen auf die französischen Impressionisten und Fauves das Leben malten und sich neuen künstlerischen Techniken bedienten, Künstler wie Ferdinand Hodler, Max Klinger, Arnold Böcklin und Gustav Klimt allegorisch-symbolistische Szenen schufen und die neue Malergeneration des frühen 20. Jahrhunderts in den Startlöchern stand, bediente Wilhelm Leibl sich klassisch anmutender Szenen aus dem bäuerlichen Leben im Münchner Umland. Man kann dem Maler vielleicht eine gewisse „Ältlichkeit“ vorwerfen. Weil sein Werk sich von den damals gängigen modernen Trends abhebt und in der Altmeisterlichkeit verharrt, kommt der Betrachter zu einer geschäftigen Ruhe. Die Schnelligkeit der Zeit, in der Wilhelm Leibl lebte, bleibt in seinen Bildern ausgeschlossen. Die modernen Erfindungen in der Fotografie, Film, Eisenbahn, Industrie, Tonträgern kommen in seinen Gemälden nicht zum Tragen. Das macht ihn und sein Werk zu etwas besonderem. Teile dieses Textes veröffentlichte ich auf dem Blog Artefakte - Das Journal für Baukultur und Kunst.

Daniel Thalheim, 2019

Die Einordnung von Wilhelm Leibl in die europäischen Kunstströmungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Betrachten wir die Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingehend, so stellen wir erhebliche Unterschiede in der Entwicklung des Malstils und der Motivwahl fest. Um das Jahr 1890 kann man die Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts erfassen: Neben der in England populären Spätromantik der viktorianischen Epoche, die von den Präraffaeliten beherrscht und zusehends von Arts&Crafts-Künstlern Design und Kunsthandwerk neu definiert wird, nimmt auf dem Festland der Einfluss der impressionistischen Künstler zu. In England war ebenfalls schon seit langem die dem Realismus zugewandte Landschaftsmalerei bekannt und stellte, neben den französischen Realisten, den Haupteinflussgeber für die deutschen Landschaftsmaler dar. Es ist außerdem bekannt, dass die Ölskizzen der Landschaftsmaler seit dem 17. Jahrhundert schon stark impressionistisch anmuten. Die flüchtige Arbeitsweise der Landschaftsmaler, der Porträtisten und der Stilllebenmaler war zunächst eine technische Notwendigkeit, um so rasch wie möglich den Eindruck auf sich wirken zu lassen, damit dieser realistisch ausgearbeitet werden konnte.

Wir können ebenfalls eine Strömung in Europa feststellen, welche die gemalte Form zu reduzieren versuchten. Wie stark die Arts&Crafts-Bewegung, Kunsthandwerk und Design in die Malerei einwirkte, bedarf einer genaueren Darstellung. In der Wiener Secession wird die Verschränkung von Kunsthandwerk und Malerei besonders deutlich. Künstler wie Gustav Klimt und Max Klinger versuchten ihrem Anspruch gerecht zu werden, Malerei in einem künstlerischen Gesamtkunstwerk einzubetten; bestehend aus Architektur, Design, Kunsthandwerk und Künste. Die Vielfalt der differenzierten Kunstströmungen wird ebenfalls durch die Gruppe der Idealisten erweitert, die sich aus Künstlern, wie Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler und dem jungen Gustav Klimt rekrutieren. So unterschiedlich die Malauffassungen waren, so verschiedentlich ist auch das Menschenbild der Künstler. Wo bei einigen Künstlern eine Entwicklung erkennbar ist, eben dieses zu verzerren und dem Willen des Malers zu unterwerfen und zu verallgemeinern, so kann man auch feststellen, dass der realistische Malstil, mit dem Thema des arbeitenden, geruhsamen, sittsamen Menschen eines Wilhelm Leibl, eben diesen Menschen versucht realistisch abzubilden, ohne ihn und seine Arbeit zu idealisieren.

Die politischen Verhältnisse in Deutschland von 1848 bis 1900

Der Kunstmaler Wilhelm Leibl umspannt mit seinen Lebensdaten 1844 und 1900 eine Zeit, die für Deutschland und seinen Einwohnern unruhig und geschäftig vorgekommen sein musste. Zu dieser Zeit setzte sich in dem preußisch-österreichisch dominierten Deutschen Bund seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung durch. In diesen Epochenabschnitt fallen auch bedeutende politische Ereignisse, die einerseits für Europa und andererseits für das planvoll geschaffene deutsche Reich kleindeutscher Lösung von Bedeutung waren. Eckdaten bezeichnen eine Progression, die mit der von Frankreich ausgehenden 1848er Revolution begann. Es folgten im Deutschen Bund nationale Erhebungen, wie sie zuletzt im Revolutionsjahr 1830 und dem Hambacher Fest 1832 nur ansatzweise zu beobachten waren. Das Resultat der deutschen Revolution 1848 war die Nationalversammlung in Frankfurt a. M., die als das Frankfurter Paulskirchenparlament bezeichnet wird. Aufgrund der, sich schon im Spätmittelalter gebildeten und ausgeprägten, Föderalstrukturen im Reich, wobei die Machtverteilung zugunsten der Reichs- und Kurfürsten ausfiel, gelang es der Nationalversammlung nicht, die Föderation der einzelnen Fürstentümer für sich zu gewinnen und unter einer gemeinsamen deutschen Regierung zu bündeln. Ein weiterer Grund für das Scheitern des ersten deutschen Parlamentarismusversuches war die Tatsache, dass die deutschen Fürsten und Könige aus reiner Prestige sich nicht vom Volk regieren lassen wollten.

Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die, von der Kaiserdeputation der Nationalversammlung, herangetragenen Reichsinsignien rüde ablehnte, bedeutete es mit Sicherheit auch die Nichtanerkennung des ersten nationalen Parlaments Deutschlands in der Neuzeit. Die Nationalversammlung besaß keine Bundeskasse, kein Bundesheer und keine straff organisierte Bundesverwaltung und Gerichtsbarkeit. Die Beschlüsse der Nationalversammlung waren oft nicht mehrheitsfähig. Man war auf die Akzeptanz der deutschen Königshäuser angewiesen und nicht zuletzt auf ihre Gelder und Truppen.

Das Scheitern der Nationalversammlung in Frankfurt hatte auch innere Gründe. Schrittweise zerfiel die parlamentarische Meinung in territorial ausgerichtete Demonstrationen und Proklamationen, die mitunter bewaffnet waren. Diese Erhebungen wurden von Preußen und Österreich militärisch niedergeschlagen. Die demokratischen Kräfte wurden, während dieser Gegenrevolution, in den Landesparlamenten ins politische Abseits gedrängt. In Österreich herrschten demzufolge nach 1849 ähnliche Zustände wie in dem System Metternich.

In den Bundesstaaten nördlich der Main–Linie wagte man liberale Zugeständnisse zugunsten des Bürgertums. Insbesondere verschärften sich die politischen Ambitionen der reichsorientierten Habsburger mit den Absichten der preußischen Hohenzollern, in der Frage, wer nun die Vormachtstellung im Deutschen Bund inne haben solle. Dieser preußisch- österreichische Dualismus, der im 18. Jahrhundert aufkeimte, verfestigte sich in der, anti-preußisch orientierten, gescheiterten Bundesreform 1863 und entlud sich in der Sache Schleswig und Holstein 1864 und am Bruch des Gasteiner Vertrages 1865 durch die Österreicher, was dann in den preußisch- österreichischen Krieg von 1866 führte. Bismarcks Ziel dieses Konfliktes war, Österreich dauerhaft politisch zu schwächen und vielleicht auch insgeheim die nationale Frage, für die kleindeutsche Lösung unter Preußens Hegemonie, zu stellen und zu beantworten. Dies gelang auch mit dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund. Mit der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867, unter Leitung eines Bundespräsidiums, Bundeskanzlers, Bundesrats und eines gewählten Reichstages, und der Erneuerung des Zollvereins fühlte sich der französische Kaiser Napoleon III. um einen Ausgleich mit Preußen und Bismarck geprellt, was aber im Londoner Vertrag gelöst wurde. Doch die Furcht der Franzosen vor einer europäischen Hegemonie Preußens wurde mit der spanischen Thronkanditatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern–Sigmaringen vertieft. Man dachte hierbei an eine Einkreisung durch das hohenzollernsche Herrscherhaus, ähnlich wie die Thronbesteigung Philipps von Habsburg im 16. Jahrhundert, als gleichzeitig Karl V. römischer Kaiser und Ferdinand von Habsburg gewählter deutscher König war.

Als Wilhelm Leibl in Paris verweilte - auf Einladung von Gustave Courbet, den Leibl 1869 in München, während der umfassenden Ausstellung des französischen Realisten, kennenlernte – musste er seinen Aufenthalt dort schon 1870 abbrechen. Der Grund dafür war der deutsch–französische Krieg, der um die Emser Depesche entbrannt war. Hierbei war es Bismarcks Absicht, Frankreich zu einer Kriegserklärung gegen Preußen zu bewegen, was auch gelang. Doch nun setzte der Bündnisfall in dem Norddeutschen Bund ein. Die alliierten Bundesstaaten leisteten Truppenhilfe und ordneten sich dem preußischen Kontingent unter. Der Bündnisfall wurde auch um die süddeutschen Staaten erweitert, da für die dortigen Könige viel versprechende Zugeständnisse gemacht wurden, wie beispielsweise die Beibehaltung der Königswürde. Der Krieg wurde schnell zu Gunsten der deutschen Staaten entschieden. Geschickt wurde der deutsche Sieg über Frankreich mit der Kaiserkrönung Wilhelms I. verknüpft. Mit Pomp wurde das Zeremoniell durchgeführt. Unmittelbar danach wurden die deutschen Truppen von Paris abgezogen, wo nach dem Sturz Napoleons III. ein heftiger Aufstand zwischen Linken, Anarchisten und Monarchisten entbrannte.

Nach der außenpolitischen Legitimation des Reiches durch die Kaiserproklamation und dem Sieg über das gedemütigte Frankreich, folgte der innen –und außenpolitische Konsolidierungskurs Bismarcks, beginnend mit einer neuen Reichsverfassung, neuem Maß –und Münzsystem, über die Verträge mit Großbritannien und Russland, um Frankreich zu isolieren. Darüber hinaus verhärtete der Kulturkampf der siebziger Jahre die innenpolitischen Fronten im Zuge der Sozialistengesetze und gegen die katholische Geistlichkeit gerichteten Maigesetze. Die Industrialisierung setzte eine gesellschaftliche Umwälzung frei, die man circa fünfzig Jahre zuvor in England sehen konnte. Trotz der darauffolgenden wirtschaftlichen Krise, die Deutschland erfasste, konnte sich dieses junge Reich rasch erholen und wurde Exportstaat Nummer zwei, gleich hinter Großbritannien. Durch den neuen Kurs der neunziger Jahre, den Wilhelm II. fuhr, wurde das Deutsche Reich zur aufstrebenden Kolonialmacht und für Großbritannien eine wirtschaftliche und militärische Konkurrenz, verknüpft an der Flottenrüstung des Deutschen Reiches. Nach Bismarcks Entlassung 1890 als Reichskanzler, konnten der Kaiser und die Kanzler das bismarcksche Bündnissystem nicht in der ursprünglichen Form beibehalten und lancierten das Reich zusehends in das diplomatische Abseits und in die außenpolitische Dauerkrise. Mitten in diesem Dauerfeuerwerk aus technologischer Entwicklung, politischen Umbrüchen und wirtschaftlichen Veränderungen, die tief in die Gesellschaften Europas einwirkten, stellt Wilhelm Leibl Sujets einer Welt gegenüber, die im Vergehen begriffen war; das Idyll des bäuerlichen Lebens mit seiner Härte, aber auch mit seiner abgeschiedenen Ruhe.

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Von der Abbozzo zum fertigen Gemälde. Wilhelm Leibls Maltechnik am Beispiel von "Der Spinnerin"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kunstgeschichte)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V460677
ISBN (eBook)
9783668912199
ISBN (Buch)
9783668912205
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Folgende Arbeit wird ohne Abbildungen veröffentlicht. Die Abbildungen müssten Online in den entsprechenden Datenbanken abgeglichen werden.
Schlagworte
Wilhelm Leibl, Realismus, Fin-de-Siècle, Deutschland
Arbeit zitieren
Daniel Thalheim (Autor), 2003, Von der Abbozzo zum fertigen Gemälde. Wilhelm Leibls Maltechnik am Beispiel von "Der Spinnerin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460677

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