Der Markuskult in Venedig. Entstehung und Beitrag zum Aufstieg der Seerepublik


Hausarbeit, 2017
16 Seiten, Note: 2
Frederick Benjamin Hafner (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter

3. Der Markuskult in Venedig – Entwicklung und Bedeutung
3.1 Ausgangspunkt im 9. Jahrhundert - Translatio Sancti Marci
3.2 Ausformung im 11. Jahrhundert – Inventio Sancti Marci
3.3 Höhepunkt im 13. Jahrhundert - Praedestinatio Sancti Marci

4. Schlussbetrachtung

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer heute durch die Straßen der Stadt Venedig spaziert, wird an zahlreichen Gebäuden den geflügelten Löwen, das Symbol des Evangelisten Markus, finden. Wer sich Buchcover zu Veröffentlichungen über die Lagunenstadt näher ansieht, wird feststellen, dass häufig dieses Zeichen auf den Titelseiten zu finden ist.1 Und wer das aktuelle Wappen der Hauptstadt der Region Venetiens betrachtet, wird abermals auf den Markuslöwen stoßen. Dies zeigt, wie selbst heute noch die Verbindung zwischen dem Evangelisten Markus und der Stadt Venedig sichtbar ist, wenngleich sie in der Vergangenheit noch viel stärker war und das, obwohl er selbst nie dort gewesen ist.

Es stellt sich also zwangsläufig die Frage, wie es überhaupt möglich gewesen ist, dass der heilige Markus zum Staatspatron Venedigs wurde, obwohl dieser selbst nie dort gewesen ist. Diese Frage, ist die einleitende Forschungsfrage dieser Arbeit. Von ihr ausgehend, soll in weiterer Folge noch aufgezeigt werden, dass der Aufstieg Venedigs im Mittelalter eng mit dem Aufblühen des Markuskultes zusammenhing. Ein weiteres Ziel ist es zu verdeutlichen, warum die Markuslegenden zu bestimmten Zeitpunkten entstanden sind. Der Rückgang des Einflusses Venedigs sowie die Auflösung der Republik wird in dieser Arbeit nicht behandelt, da es in erster Linie, um die Geschehnisse des Früh- und Hochmittelalters gehen wird, in denen sich der Kult um den heiligen Markus zu bilden begann und folglich auch seinen Höhepunkt erreicht hat.

Auch wenn diese schriftliche Arbeit im Rahmen eines Seminars der Neueren Geschichte geschrieben wurde, befasst sie sich, wie bereits erwähnt, themenbedingt mit dem Hoch- sowie Spätmittelalter. Der Aufbau der Arbeit beginnt mit dem Allgemeinen, also der Bedeutung von Reliquien im Mittelalter („2. Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter“), um davon ausgehend auf das Besondere schließen zu können. Das Besondere in diesem Fall ist die Markusreliquie in Venedig und ihre Bedeutung für die damalige Republik. Deshalb werden nach den theoretischen Grundlagen über Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter, die drei Legenden des heiligen Markus in Venedig erläutert werden („3.1 Ausgangspunkt im 9. Jahrhundert - Translatio Sancti Marci “, „3.2 Ausformung des Markuskultes im 11. Jahrhundert – Inventio Sancti Marci “ und „3.3 Höhepunkt im 13. Jahrhundert - Die Praedestinatio Sancti Marci “), wobei zuerst der Mythos in seiner legendenhaften Ausformung dargelegt wird, um danach diese Geschichten aus der historischen und nicht aus der mythischen Perspektive zu betrachten. Zur historischen Betrachtungsweise gehört das Einbetten der Ereignisse in einen historischen Kontext sowie das Aufzeigen der Gründe für eine solche Ausformung der Legende zu einer bestimmten Zeit. Gleichzeitig wird noch versucht die Forschungsfrage zu beantworten, indem hier die Markusreliquie mit dem Aufstieg, welchen Venedig im Mittelalter erfuhr, in Verbindung gesetzt wird.

Die zwei wichtigsten Veröffentlichungen zum Markuskult in Venedig stammen von Reinhard Lebe2 und Corinna Fritsch3. Beide Autoren haben das Thema intensiv beforscht und durchleuchtet sowie versucht einen wissenschaftlichen Zugang zu diesem äußerst legendenhaften Thema zu schaffen. Die restlichen Monographien und Texte, welche zum Erstellen dieser Seminararbeit zu Rate gezogen wurden, befassen sich eher allgemein mit der Geschichte Venedigs und erwähnen an manchen Passagen Details über den heiligen Markus und seine Verehrung in Venedig. Diese Informationen wurden ebenfalls miteinbezogen, da sie nicht immer in den beiden bereits erwähnten deutschsprachigen Standardwerken zum Markuskult in Venedig zu finden waren. Außerdem wurden für das Hauptkapitel über Reliquien im Mittelalter zwei Monographien über dieses Thema4 berücksichtigt.

Die methodische Vorgehensweise, um zu Ergebnissen zu gelangen, ist die Auswertung, Analyse sowie der Vergleich, der im Literaturverzeichnis genannten Texte. Es wurde versucht die Literatur so auszuwählen, dass damit die Leitfragen der verschiedenen Kapitel möglichst klar beantwortet werden können.

2. Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter

Um die im nachfolgenden Hauptkapitel häufig auftretenden Unterschiede zwischen den Legenden über den heiligen Markus und den historisch belegten Fakten fassen zu können, ist es notwendig vorher in die Gedankenwelt des Mittelalters einzutauchen und zu verstehen, welche Bedeutung den Heiligen und ihren Reliquien beigemessen wurde.

Als Reliquie konnte alles gelten was mit einem Heiligen in Verbindung gebracht werden konnte. Das reichte von Gegenständen, welche lediglich von einem Heiligen berührt wurden, in seinem/ihren Besitz gewesen waren bis hin zu Teilen seines/ihres Leichnams oder gleich dem ganzen Leichnam eines Heiligen. Ein jeder wollte eine Reliquie besitzen, weil in ihr, so glaubte man, sei der Heilige selbst präsent und könne dem Besitzer/der Besitzerin Schutz bieten. Und wer eine Reliquie sein Eigen nennen konnte, bewies damit, dass er/sie von Gott als würdig dafür angesehen wurde. Somit ist es auch kaum verwunderlich, dass Reliquien beliebt waren. Gleichzeitig erklärt dies auch, aus welchem Grund ein Reliquienraub nicht als Unrecht angesehen wurde. Denn der aktuelle Besitzer musste stets jener sein, welcher von Gott als legitim auserwählt wurde. Außerdem hätte der Heilige selbst doch die Macht sich zu wehren, wäre er nicht mit einem Raub bzw. einer Überführung (lat. Translation) seiner Reliquie einverstanden.5

Nicht nur Einzelpersonen sammelten Reliquien, sondern vor allem auch Bischöfe und weltliche Herrscher, um für sich und ihre Untertanen den Schutz des Heiligen zu sichern.6 Neben diesem schützenden Aspekt, gibt es aber auch einen ökonomischen, welcher nicht unterschätzt werden darf. Eine erstrangige Reliquie zu beherbergen bedeutete oft, dass Gläubige in die Kirche pilgerten, in welcher sich diese befand und dort Geld spendeten oder in der umliegenden Region ausgaben. Um diese genannten Vorteile zu genießen, wurden Reliquien häufig geraubt oder gefälscht.7 Aber es lässt sich nicht verallgemeinernd sagen, welche Bedeutung eine Reliquie für seine Kirche hatte bzw. mit welchen Absichten sie an einen Ort gebracht wurde. Deshalb muss trotz dieser grundlegenden Gemeinsamkeiten von einer „Vielfalt der Implikationen mittelalterlicher Reliquienverehrung“ gesprochen werden.8 Auch in Venedig beschränkt sich der Raub der Gebeine des heiligen Markus nicht nur auf wirtschaftliche Faktoren, sondern vor allem auch auf politische. Darauf wird jedoch erst im nachfolgende Kapitel näher eingegangen werden.

Dies waren nun die theoretischen Grundlagen zur Bedeutung von Reliquien im Mittelalter. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht jedoch „der vielleicht berühmteste und folgenreichste Reliquienraub des […] Mittelalters, nämlich der Raub der Gebeine des heiligen Markus“9, mit welchem sich der nachfolgende Abschnitt auseinandersetzen wird.

3. Der Markuskult in Venedig – Entwicklung und Bedeutung

3.1 Ausgangspunkt im 9. Jahrhundert - Translatio Sancti Marci

Die Translatio Sancti Marci, also die „Überführung des heiligen Markus“ von Alexandria nach Venedig, soll sich an der Wende der beiden Jahre 827 und 828 unter dem Dogen Giustiniano Partecipazio zugetragen haben.10 Die Legende, welche sich über diese Geschehnisse gebildet hat, soll hier in aller Kürze und in „ihre[r] geradezu klassische[n] Ausformung“11 nach dem Bericht des Dogen Andrea Dandolo, dargelegt werden. Demnach verschlug es damals zwei venezianische Kaufleute, aufgrund eines Seesturmes, nach Alexandria, wo sie sich, gezwungenermaßen, trotz eines Handelsverbotes aufhielten. In Alexandria beteten sie in der Kirche des heiligen Markus, wo auch seine Gebeine begraben lagen. Zwei byzantinische Priester erzählten den Kaufleuten von der Absicht des Kalifen, christliche Kirchen zu zerstören, um sich aus dem Baumaterial einen Palast bauen zu können. Damit der Leichnam des Evangelisten nicht den Plänen des Kalifen zum Opfer fallen werde, sollten die Kaufleute die Reliquie mit nach Venedig nehmen. Um die hiesigen Christen zu überlisten, legten sie ein anderes Skelett in das Grab des heiligen Markus. Ebenfalls getäuscht werden mussten die muslimischen Zollbeamten. Dies geschah, indem die venezianischen Kaufleute für Muslime als ekelhaft empfundenes Schweinefleisch über die Gebeine legten.12 In Abbildung 1 können die zentralen Geschehnisse der Legende, der Raub und das Täuschen der Zollbeamten, wie sie im 12. Jahrhundert in einem Mosaik in der Markusbasilika verewigt wurden, gesehen werden. Eine wissenschaftliche Betrachtung der Geschehnisse lässt jedoch deutliche Zweifel an diesem Ablauf aufkommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Mosaik in der Basilika San Marco aus dem 12. Jahrhundert

Q uelle : Karsten, Arne: Kleine Geschichte Venedigs, München 2008, S. 21.

Häufig wird in der Forschung offenkundig sogar an der Echtheit der Reliquie gezweifelt, auch wenn diese These weder bewiesen noch wiederlegt werden kann. Wie Karsten13 geht auch Leben nicht davon aus, dass die venezianischen Kaufleute, die Gebeine des heiligen Markus aus Alexandria mitgenommen haben. Er meint es sei „außerordentlich unwahrscheinlich […], daß die Venezianer […] etwas anderes aufgetan haben als das Skelett irgendeines koptischen Klerikers“.14

Weiters spricht das Entstehungsdatum des Translationsberichts von Andrea Dandolo (Doge Venedigs von 1343-135415 ) gegen eine faktengetreue Erzählweise. Er schrieb die Geschehnisse aus einer Distanz von über 500 Jahren auf und lehnte sich deshalb auch an die zu dieser Zeit bereits ausgebildeten Legenden an. Von diesen Mythen ist in der ersten schriftlichen Überlieferung der Translatio Sancti Marci noch nichts zu lesen.

[...]


1 Zum Beispiel Lebe, Reinhard: Als Markus nach Venedig kam. Aufstieg und Staatskult der Republik von San Marco, Frankfurt am Main 1978; Karsten, Arne: Geschichte Venedigs, München 2012; Pölnitz, Götz von: Venedig, München 1951; Pölnitz: Venedig, 1951

2 Lebe: Als Markus nach Venedig kam, 1978

3 Fritsch, Corinna: Der Markuskult in Venedig. Symbolische Formen politischen Handelns in Mittelalter und früher Neuzeit, Berlin 2001

4 Angenendt, Arnold: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München 1994; Mayr, Markus: Von goldenen Gebeinen. Wirtschaft und Reliquie im Mittelalter, Innsbruck, Wien [u.a.] 2001.

5 Fritsch: Der Markuskult in Venedig, 2001, S. 38.

6 Angenendt: Heilige und Reliquien, 1994, S. 139.

7 Fritsch: Der Markuskult in Venedig, 2001, S. 39f.

8 Mayr: Von goldenen Gebeinen, 2001, S. 221ff.

9 Karsten: Geschichte Venedigs, 2012, S. 18.

10 Lebe: Als Markus nach Venedig kam, 1978, S. 40f.

11 Karsten, Arne: Geschichte Venedigs, S. 19.

12 Lebe: Als Markus nach Venedig kam, 1978, S. 42f.

13 Karsten: Geschichte Venedigs, 2012, S. 19.; Karsten, Arne: Kleine Geschichte Venedigs, München 2008, S. 20.

14 Lebe: Als Markus nach Venedig kam, 1978, S. 48.

15 Goldstein, Walter B.: Tausend Jahre Venedig. Ein europäisches Märchen, St. Michael 1980, S. 30.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Markuskult in Venedig. Entstehung und Beitrag zum Aufstieg der Seerepublik
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
2
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V460894
ISBN (eBook)
9783668885585
ISBN (Buch)
9783668885592
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Venedig, Markuskult, Entstehung, Markus, Heiliger Markus, Seerepublik, Geschichte, Geschichte Venedigs
Arbeit zitieren
Frederick Benjamin Hafner (Autor), 2017, Der Markuskult in Venedig. Entstehung und Beitrag zum Aufstieg der Seerepublik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460894

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