Wer heute durch die Straßen der Stadt Venedig spaziert, wird an zahlreichen Gebäuden den geflügelten Löwen, das Symbol des Evangelisten Markus, finden. Wer sich Buchcover zu Veröffentlichungen über die Lagunenstadt näher ansieht, wird feststellen, dass häufig dieses Zeichen auf den Titelseiten zu finden ist. Und wer das aktuelle Wappen der Hauptstadt der Region Venetiens betrachtet, wird abermals auf den Markuslöwen stoßen. Dies zeigt, wie selbst heute noch die Verbindung zwischen dem Evangelisten Markus und der Stadt Venedig sichtbar ist, wenngleich sie in der Vergangenheit noch viel stärker war und das, obwohl er selbst nie dort gewesen ist.
Es stellt sich also zwangsläufig die Frage, wie es überhaupt möglich gewesen ist, dass der heilige Markus zum Staatspatron Venedigs wurde, obwohl dieser selbst nie dort gewesen ist. Diese Frage, ist die einleitende Forschungsfrage dieser Arbeit. Von ihr ausgehend, soll in weiterer Folge noch aufgezeigt werden, dass der Aufstieg Venedigs im Mittelalter eng mit dem Aufblühen des Markuskultes zusammenhing. Ein weiteres Ziel ist es zu verdeutlichen, warum die Markuslegenden zu bestimmten Zeitpunkten entstanden sind. Der Rückgang des Einflusses Venedigs sowie die Auflösung der Republik wird in dieser Arbeit nicht behandelt, da es in erster Linie, um die Geschehnisse des Früh- und Hochmittelalters gehen wird, in denen sich der Kult um den heiligen Markus zu bilden begann und folglich auch seinen Höhepunkt erreicht hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter
3. Der Markuskult in Venedig – Entwicklung und Bedeutung
3.1 Ausgangspunkt im 9. Jahrhundert - Translatio Sancti Marci
3.2 Ausformung im 11. Jahrhundert – Inventio Sancti Marci
3.3 Höhepunkt im 13. Jahrhundert - Praedestinatio Sancti Marci
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entstehung und politische Instrumentalisierung des Markuskultes im mittelalterlichen Venedig. Dabei wird analysiert, wie die Markusreliquie als zentrales Element zur Legitimation des venezianischen Staates sowie zur Behauptung der kirchlichen und politischen Unabhängigkeit gegenüber externen Mächten, wie dem fränkischen Patriarchat Aquileia, genutzt wurde.
- Die allgemeine Bedeutung und Funktion von Reliquien im Mittelalter
- Die Analyse der drei zentralen Markuslegenden (Translatio, Inventio, Praedestinatio)
- Die Verbindung zwischen dem Markuskult und dem Aufstieg Venedigs zur Seemacht
- Die politische Instrumentalisierung der Markusreliquie zur Stärkung der Dogenmacht
Auszug aus dem Buch
3.1 Ausgangspunkt im 9. Jahrhundert - Translatio Sancti Marci
Die Translatio Sancti Marci, also die „Überführung des heiligen Markus“ von Alexandria nach Venedig, soll sich an der Wende der beiden Jahre 827 und 828 unter dem Dogen Giustiniano Partecipazio zugetragen haben. Die Legende, welche sich über diese Geschehnisse gebildet hat, soll hier in aller Kürze und in „ihre[r] geradezu klassische[n] Ausformung“ nach dem Bericht des Dogen Andrea Dandolo, dargelegt werden. Demnach verschlug es damals zwei venezianische Kaufleute, aufgrund eines Seesturmes, nach Alexandria, wo sie sich, gezwungenermaßen, trotz eines Handelsverbotes aufhielten. In Alexandria beteten sie in der Kirche des heiligen Markus, wo auch seine Gebeine begraben lagen. Zwei byzantinische Priester erzählten den Kaufleuten von der Absicht des Kalifen, christliche Kirchen zu zerstören, um sich aus dem Baumaterial einen Palast bauen zu können. Damit der Leichnam des Evangelisten nicht den Plänen des Kalifen zum Opfer fallen werde, sollten die Kaufleute die Reliquie mit nach Venedig nehmen. Um die hiesigen Christen zu überlisten, legten sie ein anderes Skelett in das Grab des heiligen Markus. Ebenfalls getäuscht werden mussten die muslimischen Zollbeamten. Dies geschah, indem die venezianischen Kaufleute für Muslime als ekelhaft empfundenes Schweinefleisch über die Gebeine legten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung des Markuslöwen als Staatssymbol Venedigs ein und formuliert die Forschungsfrage, wie und warum der heilige Markus zum Staatspatron Venedigs wurde.
2. Reliquien und ihre Verehrung im Mittelalter: Dieses Kapitel erläutert die mittelalterliche Gedankenwelt, in der Reliquien als schützende Macht galten und oft aus politisch-ökonomischen Motiven geraubt oder gefälscht wurden.
3. Der Markuskult in Venedig – Entwicklung und Bedeutung: Hier werden die drei Kernlegenden des Markuskultes chronologisch untersucht und ihr jeweiliger politischer Kontext für den Aufstieg Venedigs herausgearbeitet.
3.1 Ausgangspunkt im 9. Jahrhundert - Translatio Sancti Marci: Dieses Unterkapitel behandelt die legendäre Überführung der Gebeine von Alexandria nach Venedig und verortet diese als Reaktion auf die Bedrohung durch das fränkische Patriarchat Aquileia.
3.2 Ausformung im 11. Jahrhundert – Inventio Sancti Marci: Der Fokus liegt hier auf der Etablierung des Markuskultes als Staatskult sowie der archäologisch widerlegten Legende der Wiederauffindung der Reliquie im 11. Jahrhundert.
3.3 Höhepunkt im 13. Jahrhundert - Praedestinatio Sancti Marci: Dieses Kapitel zeigt den Höhepunkt des Markuskultes auf, als Venedig durch den vierten Kreuzzug zur europäischen Macht wurde und der Heilige zum aktiven Siegeshelfer stilisiert wurde.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Markuslegenden politische Instrumente waren, deren Wahrheitsgehalt historisch nicht belegbar ist, die jedoch essentiell für das venezianische Selbstverständnis waren.
Schlüsselwörter
Markuskult, Venedig, Reliquien, Mittelalter, Translatio Sancti Marci, Inventio Sancti Marci, Praedestinatio Sancti Marci, Staatskult, Dogen, Patriarchat, Aquileia, Legendenbildung, Konstantinopel, politische Instrumentalisierung, Heiligenverehrung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die politische Bedeutung des Markuskultes in Venedig während des Mittelalters.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Reliquienverehrung im Mittelalter, der Analyse der Markuslegenden und der Rolle des Kultes für die staatliche Unabhängigkeit Venedigs.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, wie der heilige Markus zum Staatspatron Venedigs werden konnte, obwohl er nie selbst in der Stadt war, und wie dieser Kult den politischen Aufstieg der Stadt stützte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Auswertung, Analyse sowie den Vergleich bestehender historischer Literatur und Quellen, um die Zusammenhänge zwischen den Legenden und dem historischen Kontext zu klären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die drei zentralen Legenden – Translatio, Inventio und Praedestinatio – kritisch analysiert und in ihren historischen Kontext zur Dogenmacht und zum Streit mit Aquileia gesetzt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Markuskult, Venedig, Reliquien, politische Instrumentalisierung und die drei spezifischen Legenden (Translatio, Inventio, Praedestinatio).
Welche Rolle spielte die Synode von Mantua für den Markuskult?
Sie gilt als Auslöser für die "Translatio", da sie die Unabhängigkeit Venedigs gegenüber dem fränkischen Patriarchat Aquileia gefährdete und eine göttliche Legitimation erforderlich machte.
Warum wird die Inventio Sancti Marci als Legende betrachtet?
Die Erzählung der Wiederauffindung der Reliquie im 11. Jahrhundert konnte durch archäologische Untersuchungen an der Markusbasilika widerlegt werden, da keine Spuren eines früheren Eingriffs am Mauerwerk gefunden wurden.
- Citation du texte
- Frederick Benjamin Hafner (Auteur), 2017, Der Markuskult in Venedig. Entstehung und Beitrag zum Aufstieg der Seerepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460894