Political Correctness in der Kinderbuchdebatte 2013


Hausarbeit, 2018

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Political Correctness- Beginn/ Entstehung und Wandel des Begriffs

3. Die Entwicklung der PC in Deutschland

4. Die Anfänge der Kinderbuchdebatte 2013
4.1. Pro Argumente
4.2. Contra Argumente
4.3. Änderungen der Originaltexte zu Gunsten der PC

5. Abschließende Gedanken

Literaturverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

Was die bedeuten? Ich werd’s dir sagen. Als ich von der Arbeit un’ von dem dauernden Rufen nach dir ganz erschöpft war un’ einschlief, da war mir fast das Herz gebrochen, weil du verloren warst, un’ mir war`s ganz egal, was aus mir un’ dem Floß wurde. Un’ als ich aufgewacht bin un’ dich hier gefunden hab, heil un’ ganz, da sind mir die Tränen gekommen, un’ ich hätte auf die Knie niedergehen un’ dir die Füße küssen mögen, so froh bin ich gewesen. Und du hast an weiter nichts gedacht als bloß daran, wie du `n alten Jim mit `ner Lüge zum Narren halten kannst. Das Zeug da is’ Plunder, un’ Plunder sind Leute, die Dreck auf dem Kopf von ihren Freunden streun un’ sie beschämen.“

Dann stand er langsam auf, ging zum Wigwann und verschwand drin, ohne noch irgendwas zu sagen. Aber das genügte. Ich kam mir so gemein vor, dass ich am liebsten ihm die Füße geküsst hätte, damit er’s zurücknahm. Es hat fünfzehn Minuten gedauert, bis ich mich dazu aufraffen konnte, mich vor `nem Nigger demütigen zu gehen- aber ich hab’s getan, und hinterher hat’s mir auch nicht Leid getan. Ich habe ihm keine gemeinen Streiche mehr gespielt. 1 Diese Szene stammt aus Mark Twains Klassiker „Huckleberry Finns Abenteuer“, in der Huck und Jim durch einen Unfall voneinander getrennt werden.2 Als die beiden wieder aufeinanderstoßen, versucht Huck dem „dummen Nigger“3 Jim einen Streich zu spielen, sodass dieser denkt, er hätte den Unfall nur geträumt.4 Als er dies allerdings herausfindet, entgegnet er zu Huck das oben Zitierte.5 Huck bekommt daraufhin solch ein schlechtes Gewissen, dass er sich dazu bewegen lässt, sich „vor `nem Nigger demütigen zu gehen“6. Er, Huck, der weiße Junge, überlegt sich eine Handlung, die zu dem Zeitpunkt in Amerika unvorstellbar gewesen wäre.7

Liest man diese Szene, so würde man erkennen, dass es sich hier nicht um eine Bloßstellung des dunkelhäutigen Sklavenjungen Jim handelt, sondern doch eigentlich um viel mehr. Es stellt sich nun die Frage, was passieren würde, wenn man diesen Begriff heutzutage nach Auffassung von Political Correctness8 -Verfechtern umändern, beziehungsweise zensieren würde, da der Begriff des Niggers als diskriminierend aufgefasst wird. Würde man die gesamte Szene, die gesamte Geschichte, die hinter dieser kleinen Szene steckt, nicht gar verharmlosen? Andererseits muss sich im Umkehrschluss ebenfalls gefragt werden, ob durch die gezielte Sprachlenkung nicht indirekt auf das Denken und folglich auf das Handeln des Lesers eingegriffen werden könnte und damit eventuell sogar Diskriminierungen entgegengewirkt werden könnten?

Im Folgenden wird sich mit der brisanten Thematik der Political Correctness beschäftigt und durch diesen Hintergrund die Kinderbuchdebatte aus dem Jahr 2013 skizziert, die durch die zahlreich erschienenen hitzigen Artikel daraus schließen lässt, dass es sich in der Diskussion um mehr als „nur“ ein Gespräch über Kunst und Literatur handelt.

2. Political Correctness- Beginn/ Entstehung und Wandel des Begriffs

Der Begriff der PC fällt unter die Norm der Sprachkritik, die „als kritische Beurteilung sprachlicher Ausdrucksmittel“9 verstanden wird. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um eine allgemein verbreitete und oberflächliche Form der Sprachkritik, die das Vorhandensein bestimmter Begriffe in gewissen Situationen kritisch hinterfragt.10 Als weitergehender Ausdruck geht ihre Geschichte auf die Ursprünge der Sprache zurück, in der die Interaktionen zwischen Sprache, der Realität und des Gedankens ihre Anfänge finden.11 Da der eigentliche Ausdruck der Political Correctness jedoch erst Mitte des 20. Jahrhunderts zum Begriff wurde, wird sich im Folgenden vor allen Dingen in dieser Zeit bis hin zur Gegenwart mit dem Terminus beschäftigt.12

Im Laufe gewisser Menschenrechtsbewegungen der 1960er Jahre13 entstand bei großen Teilen der Bevölkerung der Wille, mittels veränderter Sprachmuster, Minderheiten wenigstens vor sprachlicher Diskriminierung zu schützen.14 Hierbei sollte angemerkt werden, dass wenn in diesem Fall von Minderheiten gesprochen wird, es sich „um Schwarze, Behinderte, Homosexuelle und nicht zuletzt die tatsächliche Mehrheit der Frauen, die allein in bestimmten Berufs- und Gesellschaftsschichten, die erkennbare Minderheit darstellen“15 handelt. Um die Entstehung des Begriffs ein wenig geläufiger zu gestalten, dient vor allen Dingen das Beispiel der Auswirkungen der „Civil-Right-Movements“ der 1950er und -60er Jahre.16 Durch eine Reihe von rechtlichen Einigungen hinsichtlich der Gleichberechtigung aller Hauttypen des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten von Amerika, kamen erste Gedanken zur Gleichberechtigung in der Sprache auf.17 Da von dieser Zeit jedoch Textzeugen fehlen, die das Aufkommen des Begriffs der Political Correctness bestätigen, lässt sich die eindeutige Herkunft des Ausdrucks nur sehr vage rekonstruieren.18 Im späteren Verlauf der Geschichte des Begriffs kann also festgehalten werden, dass sich die Diskussion einerseits mit vergangenen sprachkritischen Ansätzen unter einem anderen Titel beschäftigt und andererseits in verschiedene Stadien einteilen lässt, der jedoch bis zum heutigen Zeitpunkt nicht abreißt.19

Mit Beginn der 1980er Jahre verbreitete sich dann die Adjektivphrase des „politically correct“ mit den politischen Linken bis hin zu den Universitäten der Vereinigten Staaten. Hierbei kam erstmals das Substantiv „Political Correctness“ zur Sprache, welches unter anderem Umstrukturierungsprozesse der Universitäten speziell in der Literatur beinhaltete.20 Das Hauptziel dieser Anfangszeit war die aktive Überwindung sozialer Diskriminierung. Nach einer der drei Hauptstrategien der PC, das sogenannte „Affirmative Action“, würde diversen benachteiligten Bevölkerungsschichten ein Zugang zu Universitäten und anderen öffentlichen Institutionen erleichtert werden.21 Obendrein sollte als zweite Strategie eine große Veränderung in den Curricula stattfinden.22 Da bis zu dem damaligen Zeitpunkt die Lehrpläne der Universitäten „eurozentriert“ ausgelegt waren, sollte ein Durchbruch geschaffen werden, indem nicht nur die europäische, beziehungsweise westliche Kultur im Mittelpunkt steht, sondern eine Mischung der Kulturen im neuen Lehrplan vorhanden sein sollte.23 Dementsprechend sollten die sogenannten „Dead White European Males“ keine Autoren anderer Kulturkreise mehr verdrängen, sodass der Fokus nicht mehr allein auf der westlichen Welt liegt, sondern gleichmäßig verteilt werden würde.24 Der dritte Zweig der drei Hauptstrategien umfasst gewisse Sprachregelungen, die „das enge Verhältnis von Sprache und der außersprachlichen Realität“25 aufzeigt. Ausschlaggebend für Diskussionen rund um das Thema der PC, war der Standpunkt de Saussures, dass „Sprache [nicht] Ausdruck gesellschaftlicher Realität [sei], sondern sie vielmehr selbst konstituiert“26. Seine Auffassung beeinflusste einen sensibleren Umgang mit Sprache, die durch sprachliche Veränderungen dem Problem der Diskriminierungen von Minderheiten entgegenwirken sollte.27

Der Ausdruck wurde durch die Medien weltweit bekannt, die die Debatte der 1990er Jahre aufgriffen und veröffentlichten.28 Mit diversen Artikeln kamen die ersten PC- Gegner zu Wort, die vor allen Dingen anführten, dass die Wortneuschöpfungen oder –ersetzungen lediglich lächerliche Euphemismen darstellen und nichts an der Gegebenheit ändern könnten, dass Menschen diskriminiert werden würden.29 Andererseits wurde der PC- Aufschwung von der Gegenpartei als ernstzunehmende Angelegenheit bezeichnet, die den Menschen eine gewisse Redefreiheit im Alltag rauben würde.30 Denn das Ziel der unterschiedlichsten Strategien der PC-Ansätze ist eindeutig: Man möchte eine Art Reform der Lebensqualität von Minderheiten erschaffen, indem vor allem bestimmte Begrifflichkeiten aus dem alltäglichen Sprachgebrauch gestrichen werden.31 Durch die Popularität der Massenmedien entstand in kürzester Zeit ein globales Phänomen, welches weltweit brisant diskutiert wurde.32

3. Die Entwicklung der PC in Deutschland

Angesichts der US- amerikanischen Debatte wird der Anfang der Auseinandersetzungen in Deutschland mit einem Artikel des „Spiegel“ aus dem Jahr 1991 datiert.33 Er bildet den Beginn einer „reißerisch, polemisch und mit einem gehörigen Maß an Ironie“34 behafteten Diskussion rund um den großen Themenblock der PC- Debatte.

Im Gegensatz zu den USA fokussiert sich die PC- Auseinandersetzung in Deutschland dabei mehr auf den sprachlichen Aspekt, „als auf allgemeine Verhaltensregeln gegenüber sozialen Gruppen mit Minderheitsstatus“35. Dementsprechend wurden nach Erscheinen zahlreicher Texte zum Thema der PC, verschiedene Versionen des Begriffs verwendet und daraufhin vereinzelt lexikalisiert.36 Während anfangs die Ereignisse der USA in diversen Artikeln dargestellt und teilweise recht objektiv diskutiert wurden, wendeten sich die Texte in Deutschland rasant.37 Mehr und mehr lösten sich öffentliche Diskussionen von einer bedachtsamen Auseinandersetzung und ereigneten sich bis in die heutige Zeit fast ausschließlich kritisch.38 Dabei wird vor allen Dingen die Abwertung der Begriffe und ihre damit verbundene Lächerlichkeit priorisiert, welche durch die Tabuisierung und die euphemistischen Beschreibungen von Wörtern zustande kommt.39 Gerne werden diese Sachverhalte von Autoren als Zensur abgestempelt.40 Zu dieser meist einseitigen Kritik kam es, da sich die Begrifflichkeiten der PC zu dem Zeitpunkt, in dem sie Deutschland erreichten, schon längst von dem positiven Standpunkt abgehoben hatten.41 Obendrein gab es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland fast kaum PC-Vertreter, sondern vielmehr schweigsame Befürworter, die eher passiv an der mediengeführten Diskussion teilnahmen.42 Dementsprechend ist hinsichtlich der beschriebenen Entstehungsgeschichte infrage zu stellen, ob es je vor dieser Debatte eine ursprüngliche, objektive Verwendungsweise des Begriffs der PC im Deutschen gab.43

[...]


1 Twain (2002).

2 Vgl. ebd.

3 Twain (2002).

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Twain (2002).

7 Vgl. ebd.

8 Im weiteren Verlauf der Hausarbeit als PC abgekürzt.

9 Bußmann (2008): 653.

10 Vgl. Elsner- Petri (2015): 49.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Bonder (1995): 8.

14 Vgl. Hoffmann (1996): 11.

15 Hoffmann (1996): 11.

16 Vgl. Wierlemann (2002): 50.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Elsner- Petri (2015): 31 und 32.

19 Vgl. ebd.: 63. Als ein Beispiel kann die im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit beschriebene Kinderbuch- Debatte aus dem Jahr 2013 dienen. Siehe Kapitel 4.

20 Vgl. Hildebrandt (2005): 75.

21 Vgl. Wierlemann (2002): 55.

22 Vgl. Elsner- Petri (2015): 33.

23 Vgl. Elsner- Petri (2015): 33.

24 Vgl. Elsner- Petri (2015): 33.

25 Wierlemann (2002): 55.

26 Frank (1996): 191.

27 Vgl. Elsner- Petri (2015): 35.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. ebd.

32 Vgl. Hoffmann (1996): 14.

33 Vgl. Elsner- Petri (2015): 37. „Der neue Verhaltenskodex, dem die Anhänger der „multikulturellen“ Universität folgen, gebietet dagegen „politisch korrekte“ Einstellung in Wort und Tat, Lehre und Forschung. „Politically correct“, im abkürzungswütigen Amerika „PC“ genannt, heißt, an den Universitäten alle Anzeichen von verstecktem Rassismus, Sexismus und Klassenvorurteilen aus Sprache und Verhalten zu eliminieren.“ (SPIEGEL 1991/ 21, S. 194)

34 Ebd.: 43.

35 Germann (2007): 5.

36 Vgl. Elsner- Petri (2015): 37. Als Varianten treten im deutschen Sprachraum „politisch korrekt, Politische Korrektheit, politisch Korrekte, political correctness, Political Correctness, politically correct, selten in der grammatisch falschen Version political correct und abgekürzt als pc oder p.c. (letztere auch in Versalien)“ auf.

37 Vgl. ebd.: 38.

38 Vgl. ebd.: 43.

39 Vgl. ebd.: 43 und 44.

40 Vgl. ebd.

41 Vgl. ebd.: 38.

42 Vgl. Elsner- Petri (2015): 63.

43 Vgl. ebd. An diesem Punkt ist anzumerken, dass einerseits im Jahr 1955 im SPIEGEL und andererseits 33 Jahre später, im Jahr 1988, in der ZEIT zwei Artikel erschienen, die die Begrifflichkeiten der PC enthielten. Dabei ist jedoch anzunehmen, dass die Bezeichnungen aus reinem Zufall von den Autoren gebildet wurden und zu dieser Zeit noch nicht lexikalisiert waren.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Political Correctness in der Kinderbuchdebatte 2013
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V460912
ISBN (eBook)
9783668908567
ISBN (Buch)
9783668908574
Sprache
Deutsch
Schlagworte
political, correctness, kinderbuchdebatte
Arbeit zitieren
Julia Kutsche (Autor), 2018, Political Correctness in der Kinderbuchdebatte 2013, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460912

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