Ist Zeitarbeit wirklich so dereguliert bzw. reguliert, wie es die allgemeine Öffentlichkeit bzw. die Arbeitgebervertreter wahrnehmen? Hier möchte diese Arbeit ansetzen. Beginnend mit einer Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Arbeitnehmerüberlassung soll die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Arbeitsform, gerade im Hinblick auf die jüngste Änderung am Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG), beleuchtet werden. Hierbei wird erarbeitet, welches die Erfolgsfaktoren der Branche sind und wie sich Änderungen der Rahmenbedingungen auswirken. Im Besonderen liegt der Fokus auf der Anzahl der in Leiharbeit beschäftigten Arbeitnehmer, deren Einfluss auf den Arbeitsmarkt und die nominale Lohnentwicklung der Branche. Besonders interessant ist dabei der Zusammenhang zwischen vermeintlich schlechten Arbeitsbedingungen und dem trotzdem anhaltenden Wachstum.
Leiharbeit wird gesellschaftlich seit Jahren kontrovers diskutiert. Gerade bei Missbrauchsskandalen oder gesetzlichen Änderung ist die Medienpräsenz dieses Themas hoch. Besonderes Augenmerk in der öffentlichen Diskussion ist die gefühlte Verdrängung von Stammbeschäftigten durch Leiharbeitnehmer, der geringe Lohn, für den diese flexiblen Arbeitskräfte tätig werden und der Appell in Richtung Politik, die Missstände der Zeitarbeit endlich zu regulieren. Hingegen sprechen Arbeitgeberverbände von dem großen Nutzen für die schwächsten der Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundbegriffe, Entwicklung und Bedeutung
2.1 Grundbegriffe der Arbeitnehmerüberlassung
2.2 Internationaler Ursprung, Entwicklung in Deutschland
2.3 Volkswirtschaftliche Bedeutung
3 Deregulierung – Ein Erfolgsrezept für den Arbeitsmarkt?
3.1 Schrittweiser Abbau der Beschränkungen
3.1.1 Gemäßigte Deregulierung, 1982 bis 2002
3.1.2 Rapide Deregulierung durch die Hartz-Gesetze
3.2 Zusammenhang zwischen Liberalisierung und Nachfrageexplosion
3.2.1 Im Arbeitsmarkt (Beschäftigung und Entgelt)
3.2.2 Wohlfahrtseffekte
3.2.3 Sonstige Effekte
3.3 Missbrauch / Fehlentwicklung
4 Reregulierung – Vorwärts durch Rückschritt?
4.1 Erste Reregulierungen, 2008 bis 2016
4.2 Reform Zeitarbeit: Gesetz zur Änderung des AÜG und anderen Gesetzen
4.3 Analyse der ersten Monate und Entwicklungsausblick
4.4 Umgehungsstrategien
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Diplomarbeit analysiert die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Deregulierung der Zeitarbeit in Deutschland und untersucht die Wirksamkeit der jüngsten gesetzlichen Reregulierungsmaßnahmen (AÜG-Reform 2017) im Hinblick auf die Bekämpfung von Missbrauch und die Verbesserung der Beschäftigungssituation.
- Gesetzliche Rahmenbedingungen der Arbeitnehmerüberlassung
- Zusammenhang zwischen Liberalisierung und Nachfrageentwicklung
- Analyse von Missbrauch und Umgehungsstrategien (z. B. Werkverträge)
- Einfluss auf Arbeitsmarkt, Lohnentwicklung und Sozialsysteme
- Bewertung der Reregulierungsmaßnahmen und deren praktische Auswirkungen
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Rapide Deregulierung durch die Hartz-Gesetze
Zum Ende der Legislaturperiode des ersten Kabinetts Schröder wurde durch die damalige Bundesregierung aus politischer Motivation eine Expertenkommission mit der Vorbereitung einer großen Arbeitsmarkt- und Sozialreform beauftragt. Diese Kommission schlug der Bundesregierung vier Gesetzespakete vor, die nach der Wiederwahl im zweiten Kabinett Schröder Ende 2002 umgesetzt wurden und heute im allgemeinen Sprachgebrauch als die Hartz-Gesetze bekannt sind.
Mit dem ersten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt wurde das AÜG 2002, mit Wirkung zum 1.1.2003 bzw. 1.1.2004, stark liberalisiert. So wurden Wiedereinstellungsverbot, Befristungsverbot, das Synchronisationsverbot und die Höchstüberlassungsdauer aufgehoben. Gleichzeitig wurde ein allgemeiner Gleichstellungsgrundsatz im Gesetz verankert. Dieser Grundsatz schreibt vor, dass Leiharbeitnehmer unter gleichen Bedingungen eingesetzt werden müssen, wie beim Entleiher fest angestellt Mitarbeiter. Dies betrifft insbesondere Arbeitsentgelt, Arbeitszeiten und Urlaubsansprüche. Allerdings sieht das Gesetz auch zwei wichtige Ausnahmen von dieser Regelung vor. Bei erstmaliger Einstellung konnte Leiharbeitnehmern, die zuvor arbeitslos waren, für sechs Wochen ein Nettoentgelt gezahlt werden, das dem bisherigen Arbeitslosengeld entsprach. Der Gleichstellungsgrundsatz konnte auch umgangen werden, sollte ein gültiger Tarifvertrag abweichende Regelung vorsehen bzw. im Arbeitsvertrag die Anwendung eines solchen Tarifvertrags vereinbart worden sei.30 Diese Tariföffnungsklausel hatte zur Folge, dass der bis dahin nahezu tarifbindungsfreien Zeitarbeitsbranche (nur wenige Haustarifverträge) innerhalb weniger Monate eine nahezu flächendeckende Tarifbindung zukam.31
Neben der direkten Reform des AÜG wurde mit dem ersten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt die Grundlage für die Einrichtung von mehreren hundert Personalserviceagenturen (PSA) geschaffen, teils als eigenständige Einheiten der Arbeitsämter (später Arbeitsagenturen), teils privatrechtlich über bestehende lokale Zeitarbeitsfirmen. Hierdurch wurde die Leiharbeit nicht mehr nur staatlich gefördert, sondern aktiv staatlich betrieben und finanziert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in das Thema Zeitarbeit ein, erläutert die Relevanz der öffentlichen Diskussion über Missstände und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Zusammenhangs von Regulierung und wirtschaftlicher Bedeutung.
2 Grundbegriffe, Entwicklung und Bedeutung: Dieses Kapitel definiert die Arbeitnehmerüberlassung, zeichnet ihre internationale Entstehung sowie Entwicklung in Deutschland nach und beleuchtet ihre volkswirtschaftliche Funktion.
3 Deregulierung – Ein Erfolgsrezept für den Arbeitsmarkt?: Der Autor analysiert den schrittweisen Abbau von Beschränkungen, die Auswirkungen der Hartz-Gesetze, das Verhältnis von Liberalisierung und Nachfrage sowie auftretende Fehlentwicklungen wie Scheinwerkverträge.
4 Reregulierung – Vorwärts durch Rückschritt?: Es werden die Maßnahmen zur Reregulierung, insbesondere die Umsetzung der EU-Richtlinien und die AÜG-Reform von 2017, sowie die Reaktionen der Branche und Umgehungsstrategien kritisch bewertet.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bewertet die Wirksamkeit der jüngsten Reformen als eher gering („Wolf ohne Zähne“) und diskutiert die Zukunft der Zeitarbeit.
Schlüsselwörter
Zeitarbeit, Leiharbeit, Arbeitnehmerüberlassung, AÜG, Deregulierung, Reregulierung, Arbeitsmarkt, Hartz-Gesetze, Gleichstellungsgrundsatz, Equal Pay, Werkverträge, Lohndifferenzial, Beschäftigungspolitik, Flexibilisierung, Niedriglohnsektor
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Zeitarbeit in Deutschland, fokussiert auf den Wandel der gesetzlichen Rahmenbedingungen von der Deregulierung bis zur jüngsten Reregulierung und deren wirtschaftliche Folgen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die Definition und Bedeutung der Arbeitnehmerüberlassung, die Auswirkungen liberalisierender Reformen, das Problem des Missbrauchs und die Wirksamkeit neuerer Gesetzesänderungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, welche Erfolgsfaktoren die Branche prägen, wie sich geänderte Rahmenbedingungen auf den Arbeitsmarkt auswirken und ob die Reregulierung den beabsichtigten Missbrauch stoppen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen, statistische Daten zur Beschäftigungsentwicklung sowie eine Auswertung einschlägiger Literatur und ergänzt diese durch persönliche Erfahrungen des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Historie der Regulierung, der Analyse von Beschäftigungsdaten, der Untersuchung des Lohndifferenzials und der Darstellung von Umgehungsstrategien wie Scheinwerkverträgen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Zeitarbeit, Arbeitnehmerüberlassung, AÜG, Deregulierung, Reregulierung, Equal Pay und Werkverträge.
Wie bewertet der Autor die Wirksamkeit der jüngsten AÜG-Reform?
Der Autor bezeichnet die Reform im Fazit als „Wolf ohne Zähne“, da die Branche bereits zu stark etabliert ist und zu einfache Möglichkeiten zur Umgehung bestehen, weshalb die strengere Fassung eher Appellcharakter habe.
Welche Rolle spielen Werkverträge in dieser Untersuchung?
Der Autor identifiziert Werkverträge als ein zentrales Instrument zur Umgehung von Arbeitnehmerüberlassungsregeln und Tarifvorgaben, um Personalkosten zu senken und Kündigungsschutz zu unterlaufen.
- Arbeit zitieren
- David Zelenka (Autor:in), 2017, Strengere Regulierung der Leiharbeit und ihre wirtschaftlichen Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461149