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Die Pathologisierung von Juden im ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts

Title: Die Pathologisierung von Juden im ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts

Presentation (Elaboration) , 2005 , 8 Pages

Autor:in: Lena Gorelik (Author)

Jewish Studies
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Bereits im 18. Jahrhundert setzte sich sowohl in der Psychologie als auch in der Medizin die Ansicht durch, dass Juden anders gebaut seien als Nichtjuden. So wurden diese beiden Gruppen getrennt voneinander untersucht und in Studien miteinander verglichen. Mit der Zeit wurde dieser Trend verstärkt und auf andere wissenschaftliche Bereiche, aber genauso auch auf das Alltagsleben übertragen. Dieser Trend ist als Hinweis darauf zu verstehen, dass die Integration der Westjuden in Deutschland nicht so funktioniert hatte, wie diese das gerne gesehen hätten. In dieser Zeit entstanden auch Begriffe wie Judenfrage und Judenkrankheit. Auf der anderen Seite spielte im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Medizinwissenschaft das Nervensystem eine zentrale und zunehmende Rolle. Neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet führten dazu, dass es die Seele als Untersuchungsobjekt, aber auch als Erklärungsmodell ablöste. So gewann auch Nervenschwäche als Krankheit nicht nur in der Forschung sondern auch im Alltagsobjekt an Bedeutung: Sie wurde als Antonym zu bürgerlichen Zielen und Tugenden wie beispielsweise Karriere gesetzt. Parallel zu dieser Entwicklung setzte sich das Gerücht durch, dass Juden besonders oft an dieser Krankheit litten. Dieses anfänglich nicht auf wissenschaftlichen Daten basierende Gerücht wurde mit dem sozialen Aufstieg und dem anwachsenden Ansehen der Ärzte „medikalisiert“. Nach dem Motto „ alles, was n icht bürgerlich ist, ist krank“ wurden Juden als nervenschwach und geisteskrank abgestempelt.
Als Nervenschwäche und Krankheit galt in dieser Zeit auch Masturbation. Weil dabei Nervenenergie verloren gehe, wirke sie sich negativ auf den Körper aus, hieß es damals. Gleichzeitig verstöße Masturbation gegen bürgerliche Werte und mache Männer weiblicher. Weil Juden aufgrund ihrer Frühreife angeblich mehr masturbierten als Nichtjuden, sprach man nun auch von einer „Verweiblichung“ der Juden. Das Vorurteil der Frühreife beruhte auf der Tatsache, dass in jüdischen Familien aufgrund von Traditionen oft früher geheiratet wurde als in christlichen. Ein weiteres, zu jener Zeit übliches Vorurteil lautete, „religiöse Schwärmerei“ hänge mit Nervenkrankheiten zusammen und komme vor allem bei Frauen und Juden vor. Bei Frauen liege dies an einer Nichtbefriedigung der sinnlichen Sexualität, bei Juden an ihrer besonders ausgeprägten Disposition zur Masturbation. Damit wurde die Religiösität von Juden erklärt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Theoretische Einführung

2. Die Verweiblichung der Juden und die Abgrenzung der Westjuden

3. Die angeblich pathogene Kultur der Juden

4. Ein Vergleich von Juden und Schwarzen

5. Ostjuden im Vergleich: Amerika und deutscher Sprachraum

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die Arbeit untersucht die historische Pathologisierung von Juden im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie pseudowissenschaftliche medizinische und psychologische Diskurse genutzt wurden, um Juden als "nervenschwach", "verweiblicht" oder geisteskrank darzustellen, und wie insbesondere liberale Westjuden und Zionisten diese Vorurteile zur Abgrenzung gegenüber den Ostjuden instrumentalisieren.

  • Medikalisierung antisemitischer Stereotype im 19. Jahrhundert.
  • Die Konstruktion des jüdischen Körpers als "weiblich" und "pathogen".
  • Die Rolle der Psychiatrie bei der Stigmatisierung jüdischer Traditionen.
  • Innerjüdische Differenzierungsstrategien (Westjuden vs. Ostjuden).
  • Vergleichende Perspektiven: Antisemitismus in Europa und Rassismus in den USA.

Auszug aus dem Buch

3. Die angeblich pathogene Kultur der Juden

Emil Kraeplin und Richard von Kraft-Ebing, zwei führende Psychologen des 19. Jahrhunderts, veröffentlichten im ausgehenden 19. Jahrhundert und Anfang des 20 Jahrhunderts Studien, deren Hypothese lautete, Geisteskrankheiten seien Folge des religiösen Glaubens und wären vor allem unter Juden verbreitet. Damit schufen sie ein theoretisches Ghetto für Juden. Auch jüdische Psychiater beschäftigten sich mit diesem Thema, aber sie unterschieden in ihren Forschungen dabei zwischen Ost und Westjuden. Sie argumentierten, sie seien objektiver als ihre nichtjüdischen Kollegen. Oft zeigten sie sich einverstanden mit den Befunden der nichtjüdischen Kollegen, gingen aber in ihren Forschungen insofern weiter, als dass sie im Gegensatz zu diesen nach Heilmitteln suchten. So sei das Ablegen von alten Traditionen und Bräuchen, wie z.B. dem Beten und dem Studieren der jüdischen Schriften, eine mögliche Kur gegen Geisteskrankheiten. So schrieben z. B. Moritz Benedikt und Hermann Oppenheim, zwei jüdische Psychiater, Ostjuden seien das, was Westjuden vor langer Zeit mal gewesen waren. Auch der Zionismus wurden als ostjüdisch abgestempelt, während auf der anderen Seite Deutschtum und Kultur als Eigenschaften der Westjuden beschrieben wurden.

Oppenheims und Benedikts Schriften waren eine Antwort auf ein Referat von Cecil F. Beadles über „den geisteskranken Juden“, das dieser 1900 gehalten und veröffentlicht hatte. Für dieses hatte er eine Untersuchung an 1000 jüdischen Personen durchgeführt und dabei herausgefunden, dass Juden auffallend oft an Geisteskrankheiten litten als Nichtjuden. Als Gründe dafür brachte er den Eifer zur Anhäufung des Reichtums sowie Sorgen, die mit Gier einhergingen, an. Bei Frauen käme zu häufiges Gebären hinzu, was wiederum auf frühe Eheschließungen zurückzuführen sei. Aber auch die schlechte Ernährung, die v. a. bei osteuropäischen Juden vorzufinden sei, sei ein möglicher Grund für die vielen Geisteskrankheiten, so Beadles. Armut habe das Nervensystem der Ostjuden bereits in der Kindheit ruiniert, hinzu kämen Schwierigkeiten, sich der neuen Kultur und der fremdartigen Welt anzupassen. Beadles war somit der erste, der nicht mehr rassistische Gründe, sondern kulturelle Eigenheiten und soziale Umstände für die angeblich vielen Geisteskrankheiten unter Juden verantwortlich machte.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Theoretische Einführung: Die Einleitung beleuchtet die medizinische und psychologische Konstruktion des jüdischen Körpers als "andersartig" und "krank" im 18. und 19. Jahrhundert, wobei insbesondere Nervenschwäche als Antonym zu bürgerlichen Tugenden definiert wurde.

2. Die Verweiblichung der Juden und die Abgrenzung der Westjuden: Dieses Kapitel beschreibt, wie durch orthopädische Messungen und religiöse Praktiken das Bild eines "verweiblichten" Judentums geschaffen wurde, welches liberale Westjuden auf die Ostjuden projizierten, um ihre eigene Assimilation zu legitimieren.

3. Die angeblich pathogene Kultur der Juden: Hier wird analysiert, wie namhafte Psychiater Geisteskrankheiten als Resultat jüdischer Traditionen und Lebensweisen darstellten, wobei auch jüdische Mediziner durch die Abgrenzung von Ostjuden versuchten, sich als "objektiv" zu positionieren.

4. Ein Vergleich von Juden und Schwarzen: Der Text zeigt parallele Entwicklungen im rassistischen Diskurs auf, bei denen in den USA sowohl Juden als auch Afroamerikanern pathologische Anfälligkeiten unterstellt wurden, wobei soziale Stigmatisierung durch pseudowissenschaftliche Theorien begründet wurde.

5. Ostjuden im Vergleich: Amerika und deutscher Sprachraum: Das abschließende Kapitel kontrastiert die judenfeindliche Anti-Immigrationsstimmung in den USA mit der innerjüdischen Pathologisierungs-Debatte in Österreich als Mittel der sozialen Distinktion.

Schlüsselwörter

Pathologisierung, Antisemitismus, Nervenschwäche, Verweiblichung, Westjuden, Ostjuden, Psychiatrie, Zionismus, Rassismus, Assimilation, Geisteskrankheiten, Cecil F. Beadles, Moritz Benedikt, Kulturkritik, Stigmatisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die wissenschaftsgeschichtliche Konstruktion von Juden als "pathologische" Gruppe durch die Medizin und Psychologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die Medikalisierung von Vorurteilen, die geschlechterspezifische Diskreditierung (Verweiblichung) und die instrumentelle Verwendung dieser Bilder durch jüdische Gruppen zur sozialen Abgrenzung.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie medizinische Diskurse genutzt wurden, um soziale und kulturelle Ausgrenzung zu legitimieren und wie innerhalb des Judentums diese Zuschreibungen zur Abgrenzung zwischen West- und Ostjuden verwendet wurden.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine historische Diskursanalyse, die auf zeitgenössischen medizinischen Publikationen, Fachartikeln und wissenschaftlichen Schriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts basiert.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die Konstruktion des "verweiblichten" Juden, die psychiatrischen Studien zu "Judenkrankheiten" und der Vergleich zur Stigmatisierung von Afroamerikanern in den USA analysiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Pathologisierung, Antisemitismus, Psychiatrie, Verweiblichung, Assimilation und Identitätsbildung charakterisiert.

Warum wurde Masturbation im 19. Jahrhundert mit dem Judentum in Verbindung gebracht?

Es galt als Vorurteil, dass jüdische Traditionen wie das lange Sitzen beim Studium religiöser Texte die Masturbationsneigung förderten, was wiederum als "verweiblichend" und krankhaft eingestuft wurde.

Welche Rolle spielte der Zionismus bei der Abgrenzung gegenüber den Ostjuden?

Zionisten versuchten, das Bild des "Muskeljuden" als Gegenentwurf zum angeblich verweiblichten Ostjuden zu etablieren, um ihre eigene Assimilation und Stärke im Vergleich zu den traditionellen Ostjuden zu unterstreichen.

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Details

Title
Die Pathologisierung von Juden im ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
College
LMU Munich
Author
Lena Gorelik (Author)
Publication Year
2005
Pages
8
Catalog Number
V46117
ISBN (eBook)
9783638433815
Language
German
Tags
Pathologisierung Juden Anfang Jahrhunderts
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Lena Gorelik (Author), 2005, Die Pathologisierung von Juden im ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46117
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