Das Motiv der künstlichen Frau im Pygmalionmythos sowie in "Isabelle"


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Emotionale Stellung gegenüber materiellen Objekten

2. Die Definition der künstlichen Frau

3. Das Motiv der künstlichen Frau im Pygmalionmythos sowie in Isabelle
3.1. Übereinstimmungen im Pygmalionmythos mit Isabelle
3.1.1. Das Verlieben in die Frauenfigur als Abbild vor ihrer Erweckung
3.2. Unterschiede der beiden Erzählungen
3.2.1. Die Liebesbeziehung nach der Belebung
3.2.2. Die Herstellung im Gegensatz zum Erwerben
3.2.3. Die Liebe zu den Frauen bei Isabelle im Gegensatz zum Hass gegenüber den Frauen in Geliebtes Bild
3.2.4. Das Erwachen der Kunstarbeit und dessen Folgen
3.3. Namensgebung

4. Auffassung der künstlichen Frau in beiden Werken
4.1. Die Erfüllung der Träume im Pygmalionmythos
4.2. Die Selbstzerstörung bis zum Tod in Isabelle

Literaturangaben:

1. Emotionale Stellung gegenüber materiellen Objekten

Jeder Mensch hat Dinge, die ihm wichtig sind. Familie, Freunde und Geliebte. Aber nicht nur Personen sind uns wichtig, sondern auch Gegenstände. Als Kind ist es das allererste Kuscheltier oder das Lieblingsspielzeug, später das Handy, das erste eigene Auto oder die Unterschrift eines weltberühmten Sängers. Nicht immer haben diese Dinge einen hohen materiellen Wert, meist ist die Bedeutung nur sentimental in der Person selbst verwurzelt. Aussehen, Erinnerungen oder Wichtigkeit des Gegenstandes können diesen Wert noch verstärken. Dadurch entwickelt man dem Objekt gegenüber Gefühle. Zum Beispiel sind der Hass auf den Computer, der nicht speichert oder Freude über die Kaffeemaschine, die den besten Espresso der Welt macht, nichts unbekanntes, doch trotzdem ist das besagte Objekt nicht dein Feind oder dein Freund. Doch was würde passieren, wenn der fragliche Gegenstand ein Eigenleben entwickelt? Würden wir ihn dann wie einen Menschen behandeln und diese Gefühle weiter ausbauen oder ihn doch nur für den ursprünglichen Verwendungszweck nutzen?

Darum geht es in diesem Aufsatz: Ein materieller Gegenstand, der dem Besitzer gegenüber einen ebenso hohen Wert bekommt wie eine geliebte Person und später durch phantastische Umstände zum Leben erweckt wird. Doch ist es weder das Handy noch das Auto, sondern in beiden Texten ein Kunstobjekt mit dem Bildnis einer wunderschönen und begehrenswerten Frau. Sowohl im Pygmalionmythos von Ovid als auch in Isabelle von Claude Seignolle geht es um eine Liebesgeschichte von einem Mann und einer künstlichen Frau. Aber beide Texte fassen die künstliche Frau sehr unterschiedlich auf. In dieser Arbeit werde ich somit erläutern, was eine künstliche Frau ist und wie die beiden Geschichten den Aspekt der künstlichen Frau nutzen und umsetzen. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede abgegrenzt und gedeutet. Dadurch wird auch der Schwerpunkt des Aufsatzes aufgedeckt werden und zwar um was für eine Art von Liebesbeziehung es sich zwischen den Figuren handelt und wie diese endet.

Ich untersuche eine Übersetzung des lateinischen Pygmalionmythos von Ovidius Naso Publius namens Geliebtes Bild, die 2004 übersetzt und herausgegeben wurde von Gerhard Fink. Im Vergleich dazu wird die 1989 herausgegebene Version der Geschichte Isabelle von Claude Seignolle untersucht, die das Motiv des Pygmalionmythos aufgreift und verändert. Beide Erzählungen haben auf den ersten Blick viele Gemeinsamkeiten, doch nach genauerer Untersuchung haben die Unterschiede und deren Folgen überwogen. Darum möchte ich meinen Schwerpunkt auf die Differenzen der beiden Texte legen und untersuchen inwieweit sich diese auf die Auffassung der künstlichen Frau sowie ihrer Beziehung zu ihrem Partner auswirken. Schlussendlich werde ich noch den Punkt der Namensgebung in beiden Geschichten erläutern.

2. Die Definition der künstlichen Frau

Zunächst einmal muss der Begriff künstliche Frau definiert werden. Obwohl hier Frau verwendet wird, könnte man diesen Begriff auch mit Mensch ersetzen, aber in beiden Werken ist sowohl Isabelle als auch Pygmalions Statue weiblich. Ein künstlicher Mensch wird mit Fachbegriff Homunkulus bezeichnet und ist ein „(nach alchemistischer Vorstellung) künstlich erzeugter Mensch“1. Viel interessanter ist also die Eigenschaft der beiden Figuren, ihre Künstlichkeit.

Ein künstlicher Gegenstand steht im „gegensatz zu natur“2, er ist nicht entstanden wie eine Pflanze oder ein Stein und wurde auch nicht geboren wie ein Tier. Stattdessen wurde er vom Menschen oder einer Maschine geschaffen. Einerseits ähneln die künstlichen Menschen zwar den Automaten durch die Erschaffung, den Gegensatz zur Natur und der Verbindung zum Erschaffer an sich, andererseits kann man diese Begriffe klar voneinander trennen. Ein Automat ist eine Untergattung des künstlichen Menschen, denn ein Automat ist zwar vom Menschen geschaffen, ist aber dennoch eine Maschine, die gebaut und programmiert wurde. Ein Automat hat meist keine eigene Seele und ist auch kein Mensch. Obwohl in beiden Fällen das Objekt personifiziert wird, ist die künstliche Frau sowohl in Geliebtes Bild als auch in Isabelle keine Maschine.

Umso mehr wird bei diesen beiden Figuren eine zweite Ebene der Künstlichkeit aufgemacht. Der Begriff künstlich wurde auf den Gegensatz zur Natur sowie auf die „kunstarbeit selber“3 oder die „künstlerische Betätigung“4 eingegrenzt. Das bedeutet, dass hier mit künstlich sowohl die Art der Erschaffung sowie die Art des Objekts, in diesem Fall ein Kunstobjekt, gemeint ist. In diesem Fall entsprechen die Figuren beiden Anforderungen, sie sind sowohl vom Menschen geschaffen als auch ein Kunstobjekt. Auf der einen Seite haben wir Pygmalions Statue, die er selbst als Künstler „aus schneeweißem Elfenbein“5 geformt hat, sowie Isabelle, eine Figur aus einem Ölgemälde. Damit aber die Figur nicht nur künstlich ist, sondern ein künstlicher Mensch ist, fehlt nur noch der sogenannte Lebenshauch. Dazu zählt einerseits natürlich der Herzschlag, andererseits auch eine Seele. Eine eigenständig denkende Person, die sowohl fühlen als auch denken kann, wird gemeinhin als lebender Mensch bezeichnet.

3. Das Motiv der künstlichen Frau im Pygmalionmythos sowie inIsabelle

Durch diese Definition kann eindeutig behauptet werden, dass sowohl Pygmalions Statue, nach der Belebung durch Venus, als auch Isabelle, die beim Einbruch der Nacht aus ihrem Gemälde stieg, künstlich in der Ebene der Herstellung und der Ebene des Objekts sind. Beiden Frauenfiguren wird ein Lebenshauch gegeben und sie verhalten sich wie ein lebendiger Mensch. Die Statue wird insofern als lebendig beschrieben, dass sie einen Herzschlag hat, erröten kann und sogar ein eigenes Kind gebären kann.6 Auch Isabelle bekommt menschliche Eigenschaften zugesprochen, sie wird als voller „Begehren“7 beschrieben, sie kann schlafen8, lieben und hat eine eigene Körperwärme.9 Außerdem hat sie Gefühle und kann diese auch zeigen, sie liebt, ist wütend oder auch traurig.10 Im Folgenden werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Texte untersucht und abgegrenzt, inwieweit dort Überschneidungen der Geschichten, Ähnlichkeiten oder völlig verschiedene Punkte zu finden sind.

3.1. Übereinstimmungen im Pygmalionmythos mit Isabelle

Da Isabelle ein Aufgriff von Pygmalions Geschichte über seine durch die Göttin Venus erwirkte Liebe ist, ähneln sich die beiden Geschichten in einigen Punkten. Der Pygmalionmythos wurde bereits zuvor in etlichen Werken aufgegriffen. Das Motiv des Pygmalionmythos entspricht meist einer Person, die sich in ein unbelebtes Kunstwerk verliebt, welches durch mysteriöse Umstände zum Leben erwacht oder so erscheint als ob und mit der verliebten Person eine Liebesbeziehung eingeht. Außerdem ist die Kunstfigur meist an ihren Partner ab ihrer Belebung gebunden, als wäre diese Person ihr Meister oder Befehlshaber. Dieses Motiv wurde auch in Isabelle verwendet. Als nächstes wird daher zuerst die Liebesbeziehung vor der Belebung der Figur analysiert. Dadurch lässt sich entscheiden inwieweit der Pygmalionmythos in Isabelle umgesetzt wurde.

3.1.1. Das Verlieben in die Frauenfigur als Abbild vor ihrer Erweckung

Dass sich der Mann in das unbelebte Kunstwerk verliebt, ist ein wichtiger Bestandteil des Pygmalionmythos. Pygmalion, der Erschaffer der Statue selbst, verliebt sich bei der Herstellung in sein Werk, als Künstler erschafft er die Statue nach seinen eigenen Vorstellungen einer perfekten Frau. Mithilfe dieser Grundvoraussetzung fängt er an Gefühle für die unbelebte Figur zu entwickeln. Er behandelt die Figur wie eine echte Frau, indem er ihr Geschenke bringt, sie küsst, anzieht und mit in sein Bett legt.11 Er will auch das Bett mit ihr teilen, daher nennt er sie „Gefährtin seines Lagers“.12 Dieses Verhalten gegenüber einer unbelebten Figur, einem Objekt, wird gesellschaftlich als merkwürdig und abnormal angesehen, aber durch das spätere Erwachen der Statue wird es romantisch verklärt.

Auch der Graf de R. hat bereits vor Isabelles Verlassen des Gemäldes Gefühle für sie, die durch ihr wunderschönes Aussehen und seine Neugierde als Kunstliebhaber geweckt werden. Er versucht diese nicht zu mindern mit der Begründung „was tat es, daß sie nur gemalt war!“13. Auch sein Verhalten gegenüber dem Bild entspricht nicht der Norm, er küsst sie „wie ein verzauberter Liebender“14. Er gibt zu, weiter an sie zu denken und sogar „körperliches Verlangen“15 nach der Figur auf dem Bild zu verspüren.

Die künstlichen, leblosen Figuren werden also wie reale Personen behandelt und geliebt, obwohl sie keinerlei Reaktionen zeigen und keine Handlungs- oder Entscheidungsfreiheit haben. Aber es steht sowohl für Pygmalion als auch den Grafen in dieser Art der Liebesbeziehung der sexuelle Aspekt im Vordergrund, denn beide verspüren das Verlangen mit dem Kunstobjekt das Bett zu teilen.

3.2. Unterschiede der beiden Erzählungen

Trotz der Annahme, dass Isabelle ein Aufgriff der Geschichte Geliebtes Bild ist, kann der Leser bereits nach der ersten Lektüre klare Unterschiede in beiden Geschichten erkennen. Einerseits gibt es einen Künstler mit Liebe zu seiner eigenhändig erschaffenen Statue, die erfüllt wird und in einer glücklichen Beziehung mit der Statue als Mensch endet, andererseits gibt es einen Kunstliebhaber, der sich in seine neueste Errungenschaft verliebt und mit dieser nachts sehr realen Person auf dem Bild eine sexuelle Beziehung eingeht, die mit dem Tod des Mannes endet. Zwei sehr gegensätzliche Erzählungen, die auf dem gleichen Grundgedanken aufgebaut wurden. Für eine vollständige Analyse sind die Differenzen in den Erzählungen ausschlaggebend, deshalb werden nun die Unterschiede der Beziehungen der Figuren genauer erläutert.

3.2.1. Die Liebesbeziehung nach der Belebung

Die Beziehung zwischen Pygmalion und dem auferweckten Mädchen wird wie ein perfektes Liebespaar beschrieben. Sobald die Statue Leben erlangt, sieht es Pygmalion als „seinen Geliebten“16. Die beiden verlieben sich, heiraten und leben glücklich zusammen. Sie werden von der Göttin sogar mit einem gemeinsamen Kind gesegnet, was für eine erweckte Statue eine weitere ungewöhnliche Gabe ist. Durch die Aussage „[ü]ber die Ehe […] waltet gnädig die Göttin“17 wird auf eine gemeinsame und frohe Zukunft hingedeutet bis an ihr Lebensende. Die beiden haben trotz ihrer anfangs unnatürlichen Beziehung ein Happyend bekommen, das jeder anderen Liebesgeschichte gleicht.

Im Gegensatz dazu steht die Beziehung des Grafen und Isabelle. Bereits während Isabelles erster sozusagen lebendiger Nacht, teilen die beiden Figuren miteinander das Bett.18 Weder reden sie miteinander, noch führen sie andere Aktivitäten aus als Sex und Schlafen.19 Hier kommt zwar ebenfalls eine Liebesbeziehung zustande, diese ist aber nicht romantisch, sondern eindeutig rein sexueller Natur, obwohl der Graf „verliebt war in diese Isabelle“20. Auch kann man durch den Akt des Bildzerstörens sehen, dass der Graf Isabelles Körper in seinem Besitz haben will, da sie dadurch nicht mehr in ihr Bild zurückkehren kann.21 Dadurch nimmt er ihr ihr Zuhause, den freien Willen und ihre Möglichkeit von ihm wegzukommen.

3.2.2. Die Herstellung im Gegensatz zum Erwerben

Ein weiterer Unterschied der beiden Erzählungen ist die Art des Erringens des jeweiligen Kunstobjekts, das später zur künstlichen Frau wird. Pygmalion ist als Künstler und Bildhauer selbst der Hersteller der Statue. Dadurch wird sie nach seinen Wünschen und Vorstellungen einer perfekten Frau mit „Schönheit […], wie sie von Natur keine Frau besitzen kann“22, gebaut. Auch wird durch die zeitaufwändige Herstellung eine innige Beziehung aufgebaut, Pygmalion selbst hat die Statue sowohl geplant als auch gebaut. Durch diese lange Befassung mit der Figur vor ihrer Belebung werden bereits Gefühle für sie aufgebaut. Die Liebe wird durch diese Langzeitbeziehung erwirkt, sie entwickelt sich langsam und stetig bis zur Vollendung seines Werkes. Auch wird dadurch, dass die Statue allein durch Pygmalion gemacht wurde, der Besitz- und Machtanspruch im Ganzen auf den Künstler selbst übertragen.

...


1 Duden.de. künstlich: Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Synonyme, Herkunft. online. Berlin. Zuletzt geprüft am 02.03.2018. <https://www.duden.de/rechtschreibung/kuenstlich>.

2 Jacob Grimm : Deutsches Wörterbuch /5: K. Leipzig: Hirzel, 1873, S. 2714.

3 Ebd. S. 2714.

4 Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. bearb. von Elmar Seebold. Berlin: De Gruyter, 2011.

5 Ovidius Naso Publius: Metamorphosen. Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2004. S. 495.

6 Vgl. Ovid, Metamorphosen. S. 497.

7 Claude Seignolle: Isabelle [1966]. In: Das Zimmer der Träume, wundersame Geschichten aus Frankreich. Hrsgb. v. Klaus Möckel. Berlin, 1989. S. 61.

8 Vgl. Ebd. S. 62.

9 Vgl. Ebd. S. 64.

10 Vgl. Ebd. S. 64-66.

11 Vgl. Ovid, Metamorphosen. S. 495, 497.

12 Ebd. S. 497.

13 Seignolle, Isabelle. S. 59.

14 Ebd. S. 59.

15 Ebd. S. 60.

16 Ovid, Metamorphosen. S. 497.

17 Ebd. S. 497.

18 Vgl. Seignolle, Isabelle. S. 61.

19 Vgl. Ebd. S. 64.

20 Ebd. S. 63.

21 Vgl. Ebd. S. 63.

22 Ovid, Metamorphosen. S. 495.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der künstlichen Frau im Pygmalionmythos sowie in "Isabelle"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Phantastische Erzählliteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V461254
ISBN (eBook)
9783668889484
ISBN (Buch)
9783668889491
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phantastik, Pygmalionmythos, Isabelle, künstlicher Mensch, Pygmalion, Auferstehung, Literatur
Arbeit zitieren
Lea Jell (Autor:in), 2018, Das Motiv der künstlichen Frau im Pygmalionmythos sowie in "Isabelle", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461254

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