"Die Arbeitslosen von Marienthal" und die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit für eine Gesellschaft


Hausarbeit, 2018
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Marienthal-Studie
2.1 Die Untersuchung
2.2 Erkenntnisse der Studie
2.3 Vier Haltungstypen von Arbeitslosigkeit
2.4 Fazit der Studie

3. Aktualität der Studie

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit vertiefendem Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit vom Mai 2018 über die Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland, lässt sich ein zahlenmäßiger Rückgang ebendieser seit 2007 erkennen. Im Jahr 2017 konnte ein neuer Tiefstwert von 901.000 Langzeitarbeitslosen vermeldet werden. Dementgegen ist der zunehmende Anteil an Menschen mit einer längeren Dauer der Langzeitarbeitslosigkeit problematisch darzustellen. Waren 2011 noch 298.000 Menschen länger als drei Jahre arbeitslos, sind es im Jahr 2017 schon über 317.000 Personen. Rund 9% aller Langzeitarbeitslosen sind länger als vier Jahre unbeschäftigt, wobei ein Austritt mit anhaltender Dauer der Arbeitslosigkeit immer seltener beobachtet werden kann und sich diese Beobachtung in den letzten Jahren verstärkt hat.1 Im Jahr 2011 waren die Menschen, welche Grundsicherung bezogen haben, im Durchschnitt 555 Tage ohne eine Arbeitsstelle. Im Jahr 2016 verlängerte sich die durchschnittliche Dauer auf 629 Tage.2

Im Folgenden soll dieses Phänomen durch die Betrachtung der Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit näher untersucht werden. Dabei soll die Frage geklärt werden, ob (Massen-) Arbeitslosigkeit in einer Gesellschaft zu deren Zerfall bzw. der Auflösung der sozialen Strukturen im allgemeinen führen kann.

Zu diesem Zweck wird im Folgenden, anhand der sozialwissenschaftlichen Pionierstudie von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel über „Die Arbeitslosen in Marienthal“ versucht die Folgen von Arbeitslosigkeit, für das Individuum und die Gesellschaft allgemein, zu beschreiben sowie zu analysieren.

Zunächst werden der Aufbau, die Durchführung und die Ergebnisse der Studie dargestellt. Anschließend wird eine Analyse der Aktualität der Studie vorgenommen.

2. Die Marienthal-Studie

Als Teil der Gemeinde Grammatneusidl in Niederösterreich entstand im Jahr 1833, mit dem Bau einer Flachspinnerei, die Arbeitersiedlung Marienthal. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Unternehmen stetig weiter, brach allerdings im Zuge der Weltwirtschaftskrise um 1930 zusammen, womit über 75% der Bevölkerung arbeitslos wurden.3 Diese neue und erstmalig vorliegende Situation einer Massenarbeitslosigkeit nutzen Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel um eine Analyse der Situation durchzuführen. Ziel war es „[…] ein Bild von der psychologischen Situation eines arbeitslosen Ortes zu geben.“4 Problematisch an der Untersuchung war deren Neuartigkeit. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der empirischen Sozialforschung noch keine vergleichbaren Studien, womit die Forscher*innen eine eigene Methodik zur Erhebung entwickeln mussten.5 Die Studie gilt daher als Vorreiter der sozialwissenschaftlichen Arbeitslosenforschung.

2.1 Die Untersuchung

Zur Untersuchung der Lebenssituation in Marienthal nahm das Forscherteam von ca. 15 Personen, bestehend aus zehn Psycholog*innen, mehreren Ärzt*innen und Soziolog*innen, verschiedene Daten über einen Zeitraum von rund vier Monaten auf. Dabei wurden für jede der 478 Familien Katasterblätter angelegt, Lebensgeschichten von 32 Männern und 30 Frauen dokumentiert sowie Zeitverwendungsbögen zur Dokumentation ihres Tagesablaufes verteilt. Darüber hinaus wurden Schulaufsätze über Zukunftswünsche analysiert, Preisausschreiben veranstaltet und Protokolle über Mahlzeiten, Weihnachtswünsche, Gesprächsthemen und Umsätze verschiedener lokaler Unternehmungen geführt.6

Eine rein sachliche Analyse aus einer Beobachterrolle war allerdings nicht im Sinne der Sozialforscher*innen. Jede*r Mitarbeiter*in sollte sich mit einer hilfreichen Funktion in das Gesamtleben des Dorfes integrieren. In diesem Zusammenhang wurden Kleideraktionen gestartet und bei der Verteilung erste Beobachtungen über die häusliche Situation gemacht. Weiterhin wurden Zeichen- und Sportkurse angeboten, ärztliche Behandlungen durchgeführt und Erziehungsberatungen eingerichtet.7 Jedes dieser Angebote für die Bewohner*innen von Marienthal lieferte den Forschern einen vertiefenden Einblick in die Lebenssituation, physische und psychische Verfassung, sowie Aktivitätsbereitschaft.

2.2 Erkenntnisse der Studie

Auffallend war zunächst der neu entstandene Wirtschaftsrhythmus, welcher sich um die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung alle zwei Wochen einrichtete. „[…] Schulden [werden] an diesem Tag bezahlt [und] die Großeinkäufe für die nächste Zeit […] gemacht. An diesem Tag ist auch das Essen besser als sonst.“8 Anhand dieser Beobachtung können bereits erste neu entstandene Muster im Lebensalltag von Arbeitslosen erkannt werden. Sie orientieren sich und ihren Wochenablauf anhand der Unterstützungszahlung, weil diese eine der verbleibenden gleichmäßigen Rhythmen in ihrem Leben darstellt.

Eine weitere interessante Erkenntnis der Studie war die rückläufige Entwicklung eines aktiven Dorflebens zu einer „müden Gesellschaft“.9 Anhand der qualitativ geführten Interviews lässt sich erkennen, wie ausgeprägt das Leben in Marienthal vor der Massenarbeitslosigkeit gewesen sein muss. Die Bewohner*innen berichten von täglichen Spaziergängen, Tanz- und Theaterveranstaltungen sowie den wöchentlichen Besuchen in Wien. Den gesamten Ort verband eine lebhafte politische Diskussionskultur mit der Fabrik als „Zentrum des sozialen Lebens.“10 Mit der veränderten Lebenssituation hat sich parallel die Kultur und Lebensweise gewandelt. Der Park wurde vernachlässigt und ist verwuchert, die Theaterschauspieler verloren ihre Begeisterung und die Ausleihe der Bücher aus der Bibliothek sank von 1929 bis 1931 um 48,7%, obwohl die Ausleihe nun kostenlos angeboten wurde. Besonders auffallend war der Rückgang an Abonnentenzahlen von politisierenden Zeitungen und Mitglieder*innen in politischen Vereinen um bis zu 62%. Steigende Mitgliederzahlen konnten nur solche Vereine aufweisen, die den Bewohnern*innen materielle Vorteile verschafft haben.11 Daran erkennt man den Rückzug der Bevölkerung aus dem politischen Diskurs und gesellschaftlichen Leben.

Durch die veränderten Aktivitäten und Interessen der Marienthaler*innen, sind politische Auseinandersetzungen untereinander gesunken, die politische Haltung der einzelnen aber konstant geblieben. Nachweisen konnten die Autor*innen dies anhand der annährend gleichbleibenden Wahlstatistiken aus den Jahren 1929, 1930 und 1932.12 Arbeitslosigkeit führt dementsprechend nicht zu einem politischen Meinungswandel. Weiterhin nahmen anonyme Denunziationen wegen Schwarzarbeit enorm zu. Daher könnte von einer Verschiebung des politischen Diskurses auf eine niedrigere Ebene ausgegangen werden und eine Entsolidarisierung, aufgrund von ungleichen monetären Verhältnissen, beobachtet werden.

[...]


1 Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung, Berichte (2017): Blickpunkt Arbeitsmarkt – Die Arbeitsmarktsituation von langzeitarbeitslosen Menschen. Nürnberg, S. 6 ff.

2 Vgl. Groll, T. (2018): Einmal langzeitarbeitslos, immer langzeitarbeitslos?. Abgerufen am 03.08.2018

3 Vgl. Jahoda, M.; Lazarsfeld, P. F.; Zeisel, H. (2003): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 33 ff.

4 Ebd. S. 9.

5 Vgl. Lazarsfeld, F. P. (2007): Empirische Analyse des Handelns. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 157.

6 Vgl. Vgl. Jahoda, M.; Lazarsfeld, P. F.; Zeisel, H. (2003): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 26 f.

7 Vgl. Ebd. S. 28 ff.

8 Ebd. S. 37.

9 Ebd. S. 55.

10 Ebd. S. 56.

11 Vgl. ebd. S. 57 ff.

12 Vgl. ebd. S. 61.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
"Die Arbeitslosen von Marienthal" und die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit für eine Gesellschaft
Hochschule
Universität Erfurt  (Staatswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Staatswissenschaftliche Klassiker der Hochmoderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V461268
ISBN (eBook)
9783668908888
ISBN (Buch)
9783668908895
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeitslosen, marienthal, folgen, langzeitarbeitslosigkeit, gesellschaft
Arbeit zitieren
Felix Ehrich (Autor), 2018, "Die Arbeitslosen von Marienthal" und die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit für eine Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461268

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