Das Erschaffen von künstlichem Leben fasziniert die Menschen seit die Wissenschaft diesen Gedanken technisch zulässt. Etwas, das wie der Mensch sprechen kann, menschenähnlich aussieht, die Tätigkeiten eines Menschen vollbringt und sogar den Anschein erweckt, dass ein Denken und Fühlen möglich ist, ist hochgradig faszinierend. Vor allem E.T.A. Hoffmann hat das Automatenmotiv sehr facettenreich und auf nahezu unheimliche Weise in seine Werke aufgenommen. In der vorliegenden Arbeit soll dieses Motiv detailliert analysiert werden mit Schwerpunkt auf Funktion und Wirkung der Androiden auf die Protagonisten.
Dazu werden zunächst der historische sowie der literarische Kontext dargestellt, da vor allem die technischen Entwicklungen das Automatenthema angestoßen haben. Mit der Popularität der Automaten und ihrer Technik wuchs auch das allgemeine Interesse an ihnen. Auch die Philosophie nahm es sich im achtzehnten Jahrhundert zur Aufgabe, den Menschen mit der künstlichen Maschine in Verbindung zu setzen und somit Rückschlüsse auf die Lebendigkeit von Maschinen zu ziehen, deshalb werden die philosophischen Sichtweisen von Déscartes, La Mettrie und Leibniz zum künstlichen Menschen herausgestellt.
Schließlich wird der Fokus auf Hoffmanns Werk "Der Sandmann" gelegt, in welchem die Funktion und Wirkung des Automatenmädchens Olimpia auf den Protagonisten Nathanael untersucht wird. Zudem werden die konträren Weiblichkeitsbilder analysiert, da die Puppe Olimpia in extremem Gegensatz zu Clara steht und es zu klären gilt, was das Automatenmädchen in ihrem Wesen ausmacht, dass ihr der Protagonist letztendlich verfällt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichte des Automaten in Technik und Literatur
3. Philosophische Ansichten zum Automaten
4. Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
4.1. Wirkung und Funktion des Automatenmädchens Olimpia
4.2. Konträre Weiblichkeitsbilder: Clara und Olimpia
4.3. Nathanael als Automat
5. Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns „Die Automate“
5.1. Wirkung und Funktion des wahrsagenden Türken
5.2. Künstlichkeit oder tatsächlich Lebendigkeit?
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Automatenmotiv in den Erzählungen „Der Sandmann“ und „Die Automate“ von E.T.A. Hoffmann, wobei der Fokus auf der Funktion dieser Androiden als Spiegel für die Psyche der Protagonisten liegt.
- Analyse der historischen und philosophischen Entwicklung des Automatenbegriffs.
- Untersuchung der psychologischen Wirkung des Automatenmädchens Olimpia auf Nathanael.
- Vergleich der konträren Weiblichkeitsbilder von Clara und Olimpia.
- Deutung des wahrsagenden Türken in „Die Automate“ hinsichtlich seiner Ambivalenz zwischen Künstlichkeit und Lebendigkeit.
Auszug aus dem Buch
4.1. Wirkung und Funktion des Automatenmädchens Olimpia
Die erste Begegnung mit dem Automatenmädchen Olimpia ist für Nathanael selbst nicht von großer Bedeutung. Von seiner Wohnung aus kann er in ihr Zimmer blicken und Olimpia sehen, wobei Nathanael ihre Schönheit zwar wahrnimmt, doch mit „Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia höchst gleichgültig“46. Für Nathanael spielt Olimpia noch keine Rolle, da er sie unmittelbar mit seinen eigenen Augen betrachtet, was sich aber mit dem erworbenen Perspektiv von Coppola ändert. Denn sobald Nathanael Olimpia durch das Fernglas erblickt, scheint sie zum Leben zu erwachen:
„Nun erschaute Nathanael erst Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte Mondstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke“ (Der Sandmann, S.28).
Das Perspektiv des Wetterglashändlers scheint also eine magische Wirkung zu haben, denn je schärfer Nathanael hineinguckt, desto lebendiger wird das Automatenmädchen, sodass Nathanael sie nicht als einen künstlichen Menschen erkennen kann. Die tote Olimpia erhält also nur durch den Blick Nathanaels ihre Scheinlebendigkeit, die nur er wahrnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Faszination für das Automatenmotiv ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Funktion der Androiden in Hoffmanns Erzählungen zu analysieren.
2. Die Geschichte des Automaten in Technik und Literatur: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von Automaten als technische Kuriositäten bis hin zu ihrem literarischen Einzug in die Romantik nach.
3. Philosophische Ansichten zum Automaten: Hier werden die mechanistischen Theorien von Philosophen wie Descartes, La Mettrie und Leibniz hinsichtlich des Verhältnisses von Körper, Seele und Maschine beleuchtet.
4. Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“: Dieses Kapitel untersucht die Spiegelungsfunktion Olimpias für Nathanaels Psyche, das Kontrastverhältnis zu Clara und Nathanaels eigenen Verlust der Selbstbestimmung.
5. Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns „Die Automate“: Der Fokus liegt hier auf der Ambivalenz des wahrsagenden Türken, der für die Protagonisten Ferdinand und Ludwig zum mysteriösen Spiegel ihrer eigenen Zukunft wird.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Automaten bei Hoffmann primär als Projektionsflächen dienen, die den Protagonisten zu Selbsterkenntnis verhelfen, aber zugleich ihre psychische Integrität gefährden.
Schlüsselwörter
Automatenmotiv, E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Die Automate, Androiden, Künstlichkeit, Scheinlebendigkeit, Spiegelmechanismus, Wahnsinn, Narzissmus, Romantik, Maschinenmensch, Projektionsfläche, Mechanik, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit behandelt die literarische Auseinandersetzung mit künstlichem Leben, speziell das Automatenmotiv in ausgewählten Erzählungen von E.T.A. Hoffmann.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Technikgeschichte der Automaten, der philosophischen Diskussion über die "Maschine Mensch" sowie der psychologischen Funktion von Androiden als Spiegelbilder ihrer Erschaffer oder Betrachter.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist die detaillierte Analyse, wie Hoffmann die Automaten Olimpia und den wahrsagenden Türken nutzt, um die psychische Verfassung und den drohenden Identitätsverlust seiner Protagonisten darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse der Primärtexte unter Einbeziehung von Forschungsliteratur zu Philosophie, Technikgeschichte und Hoffmanns Erzählpoetik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-philosophische Einbettung, eine intensive Untersuchung von "Der Sandmann" (Fokus auf Olimpia und Nathanael) und "Die Automate" (Fokus auf den orakelnden Türken).
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie Spiegelmechanismus, Scheinlebendigkeit, Narzissmus und der Kontrast zwischen Künstlichkeit und menschlicher Natur sind zentral für das Verständnis der Argumentation.
Welche Rolle spielt das Perspektiv in "Der Sandmann"?
Das Perspektiv fungiert als entscheidendes Instrument, das die Scheinlebendigkeit der Puppe Olimpia für Nathanael erst erzeugt und seine Wahrnehmung der Realität trübt.
Wie unterscheidet sich die Wirkung des Automaten in "Die Automate" von der in "Der Sandmann"?
Während Olimpia als privater Spiegel der narzisstischen Idealfantasien Nathanaels dient, fungiert der wahrsagende Türke eher als übernatürliche Instanz, die Ferdinand und Ludwig zur Reflexion über Schicksal und Zukunft zwingt.
- Arbeit zitieren
- Ann Chef (Autor:in), 2018, Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" und "Die Automate", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461366