Gesprächsanalyse der 8. Szene aus Büchners "Woyzeck" mit einem Stundenentwurf


Studienarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 2.7

Ann Chef (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der linguistischen Methode der Gesprächsanalyse

3. Gesprächsanalyse der 8. Szene aus Büchners „Woyzeck“

4. Mögliche Umsetzung im Unterricht

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Oft gestaltet es sich im Schullalltag schwer, Schülerinnen und Schüler1 im Deutschunterricht für die sprachwissenschaftlichen Ebenen eines Textes zu begeistern. Die Sprachwissenschaft setzt „sich mit der Beschreibung und Erklärung von Sprache, Sprachen und sprachlicher Kommunikation“2 auseinander, was für die SuS meist weniger ansprechend ist als die literaturwissenschaftliche Herangehensweise an einen Text. Dabei können sich die Sprachwissenschaft und die Literaturwissenschaft im besten Fall gegenseitig ergänzen und den Horizont des Rezipienten erweitern, da sprachwissenschaftliche Erkenntnisse durchaus in literaturwissenschaftliche Arbeiten miteinbezogen werden können. Ein Beispiel dafür bildet die linguistische Gesprächsanalyse, eine bekannte Methode aus der Sprachwissenschaft.

Diese linguistische Gesprächsanalyse wird zuerst in der vorliegenden Arbeit in ihrer sprachwissenschaftlichen Methode sowie Analysekategorien dargestellt und erklärt, woraufhin sie ihre konkrete Anwendung anhand der 8. Szene aus Büchners Drama „Woyzeck“ findet. Das Gespräch vom Doktor und Woyzeck wird nach den methodischen Schritten der Gesprächsanalyse untersucht und analysiert.

Das sprachliche Spektrum ist in Büchners Drama besonders weit gefächert, da Fäkalsprache, grobe Umgangssprache und Fachsprache verwendet werden. Vokabular aus der Medizin, lateinische sowie griechische Begriffe und sprachliche Unbeholfenheit der untergeordneten Figuren, wie bspw. Woyzeck und seine Frau Marie, prägen den Sprachgebrauch in „Woyzeck“, sodass dieser vielfältig ausfällt.3

Nachdem die ausgewählte Szene gesprächslinguistisch analysiert wurde, werden Überlegungen zu einer möglichen Unterrichtsstunde aufgezeigt. Mit der didaktischen Analyse und entsprechenden Methoden für den Unterricht soll es den SuS ermöglicht werden, den sprachlichen Besonderheiten mithilfe der linguistischen Gesprächsanalyse näherzukommen und die sprachlichen Ebenen des Dialogs zu untersuchen. Denn mögliche Problemstellungen für SuS ergeben sich oftmals im Umgang mit den sprachwissenschaftlichen Ebenen eines Textes. Hierfür werden Hilfestellungen für die SuS mit dieser Herangehensweise dargelegt.

2. Darstellung der linguistischen Methode der Gesprächsanalyse

Zunächst soll die linguistische Gesprächsanalyse in ihrer Theorie dargelegt und schließlich dessen Analysekategorien erläutert werden. Diese ist eine Methode der Gesprächslinguistik, welche wiederum eine Teildisziplin der Linguistik darstellt. Sie fokussiert die Kommunikation und verbale Handlungen, wobei Aspekte der Soziologie miteinbezogen werden.4 Seit den 1960er Jahren rücken diese und ihre sprachliche sowie stilistische Ausführungen immer mehr in den Fokus der Literaturwissenschaft, sodass linguistische Methoden für derartige Fragestellungen eine Ergänzung in ihrer Arbeit darstellen.5

Bei der Gesprächsanalyse wird zuerst die Makroebene des Gesprächs untersucht, wobei die Gesprächsphasen ermittelt werden. Dabei lässt sich ein Gespräch wie folgend einteilen: Durch die Gesprächseröffnung wird das Gespräch begonnen, die Gesprächsmitte gibt Auskunft über das Hauptthema sowie Subthemen des Gesprächs und die letzte Phase bildet die Gesprächsbeendigung. Auch die Ränder des Gesprächs werden auf Nebenthemen untersucht. Schon in der Gesprächseröffnung werden die sozialen Beziehungen der Gesprächsteilnehmer deutlich und dessen Verhältnis wird definiert. Auch der Rahmen und die Situation des Gesprächs werden festgelegt, wobei die soziale Rangordnung schon institutionell vorgegeben sein kann.6 In der Kernphase werden dann die Haupt- und Subthemen untersucht, wobei es bei Gesprächen unterschiedlich ist, ob Themen schon im Voraus festgelegt sind oder nicht. So sind bspw. bei Tagungen und Talkshows die Themen bereits vorgegeben, welche von den Gesprächsteilnehmern auch beachtet und befolgt werden müssen während des Gesprächs. Anders verhält es sich bei spontanen Gesprächen, die situationsabhängig sind, denn hier ist die Wahl der Haupt-und Subthemen beliebig, da die Gesprächsteilnehmer jenes autonom selbst bestimmen können.7 Die Phase der Gesprächsbeendigung ist vom Verlauf des Gesprächs geprägt. Sie wird durch einen oder mehrere Gesprächsteilnehmer herbeigeführt, sodass das Gespräch schließlich von beiden Teilnehmern beendet wird. Einige Beendigungen sind durch Grußformeln gekennzeichnet, die diese Phase letztlich abschließen.8

Anschließend werden in der Gesprächsanalyse dann die Kategorien der mittleren Ebene analysiert. Hierzu zählt der Gesprächsschritt, also „turn“, welcher das beinhaltet, was ein Gesprächspartner sagt, während er zu seinem Gegenüber spricht.9 Auch der Sprecher-Wechsel, also das „turn-taking“, wird auf der mittleren Ebene untersucht. Hierbei gibt es drei Möglichkeiten, auf welche Art und Weise sich der Sprecher-Wechsel vollziehen kann: Zum Einen kann ein Gesprächsteilnehmer durch Selbstselektion das Wort im Gespräch ergreifen, obwohl er selbst nicht vom Vorredner ausgewählt wurde. Zum Anderen kann ein Gesprächsteilnehmer einen anderen auswählen und ihn das Gespräch weiterführen lassen, oder aber der Gesprächsleiter wählt den nächsten Sprecher.10

Zudem wird auch die Gesprächssequenz näher untersucht, welche die Zusammenfassung der Gesprächsschritte mehrerer Gesprächsteilnehmer darstellt, die die Eigenschaft der „bedingten Erwartbarkeit“11 aufweisen. Auch der Sprechakt sowie der Hörverstehensakt werden auf der mittleren Ebene des Gesprächs untersucht, Sprechakte sind dabei Teil der Gesprächsschritte oder aber sie stimmen mit diesen überein.12 Das Hörersignal, also der „back-channel-behavior“ wird ebenfalls analysiert, dabei werden alle Handlungen und Aktivitäten des Gesprächsteilnehmers, der gerade nicht spricht, herausgestellt. Zu diesen Hörersignalen zählen die nonverbalen Beiträge, wie Mimik und Gestik, sowie verbale Äußerungen.13

Auf der Mikroebene in der linguistischen Gesprächsanalyse werden dann schließlich „gesprächsakt- und rückmeldungsaktinterne Aspekte [untersucht]: phonische und prosodische Struktur, Wort- und Satzstruktur, Struktur von Mimik und Gestik“14. Im schriftlichen Gespräch können somit grammatikalische und stilistische Besonderheiten herausgestellt werden, sodass auch das verwendete Vokabular der Gesprächsteilnehmer näher untersucht werden kann.

Mit der gesprächslinguistischen Analyse lässt sich also ein Gespräch bis auf seine kleinste sprachliche Einheit und Kategorien untersuchen, wobei auch soziale Begebenheiten der Gesprächsteilnehmer herausgearbeitet und diese letztlich durch die Kategorien der Ebenen deutlich werden.

3. Gesprächsanalyse der 8. Szene aus Büchners „Woyzeck“

Anhand der gesprächslinguistischen Analyse soll im Folgenden die These untersucht werden, dass Woyzeck dem Doktor unterlegen und von diesem abhängig ist. In der 8. Szene des Dramas „Woyzeck“ befindet Woyzeck sich bei dem Doktor, da Woyzeck bei einem Experiment als Versuchsperson teilnimmt und aufgrund eines Vertrags dazu verpflichtet ist, seinen Urin beim Doktor abzugeben und eine Erbsendiät zu führen. Doch der Doktor hat ihn dabei gesehen, wie Woyzeck an eine Wand uriniert hat und wirft ihm dies vor, da ein Mensch mit seinem Willen dies unterdrücken kann. Woyzeck hingegen versucht sich unbeholfen zu verteidigen, scheitert aber daran, da der Doktor wortgewandt ist und ihn sogar als Versuchsobjekt mit einer Geisteskrankheit umso interessanter findet, sodass Woyzeck schließlich eine Erhöhung des Gehalts erhält.15

Zunächst wird die Makroebene des Gesprächs untersucht, wobei sich feststellen lässt, dass das Gespräch einen beruflichen Grund hat. Woyzeck muss mit dem Doktor in Kontakt treten, da er sich als Versuchsperson dazu verpflichtet hat, dem Doktor Ergebnisse seines Urins und der Erbsendiät zu liefern. Aus diesem Grund sucht er den Doktor auf. Die Gesprächssituation lässt sich daher eher als neutral beschreiben, da diesem Gespräch nur berufliche und wissenschaftliche Angelegenheiten zugrunde gelegt werden und weder der Doktor noch Woyzeck über intime Dinge sprechen. Dadurch wird erstmals die soziale Ordnung definiert, denn da Woyzeck dem Doktor seinen Körper als Versuchsobjekt anbietet, da er das Geld braucht, ist er diesem untergeordnet und finanziell von seinem Nebenverdienst abhängig, um als einfacher Soldat für seine Familie sorgen zu können. Dementsprechend ist der Doktor, der studiert ist und einen akademischen Grad vorzuweisen hat, Woyzeck überlegen. Somit wird gleich zu Beginn der Szene das Verhältnis beider durch die Rahmenbedingungen des Gesprächs deutlich. Auch die Gesprächseröffnung definiert das soziale Verhältnis, da der Doktor das Gespräch eröffnet, indem er Woyzeck eine rhetorische Frage stellt, auf die es für ihn gar nicht möglich ist, zu antworten. Denn der Doktor fragt, was er erlebt hat und das kann Woyzeck faktisch nicht wissen, sodass er dem Doktor eine Gegenfrage stellt, statt ihm eine Antwort geben zu können. Da er die Frage des Doktors nicht versteht, fragt er, was er denn meint (8. Szene, S. 15, Z. 7f.).

Während Woyzecks anfangs noch einen geringen Redeanteil im Gespräch besitzt, weist er in der Gesprächsmitte eine wesentlich höhere Anteilnahme auf. Der Doktor hingegen hat einen sehr großen Redeanteil, besonders zu Beginn des Gesprächs dominiert er das Gespräch und auch am Ende des Dialogs weist der Doktor einen größeren Redeanteil als Woyzeck auf. Die Themen des Gesprächs sind vom Doktor bestimmt. So thematisiert er anfangs Woyzecks Vergehen, indem er seinen Urin nicht abgegeben hat, woraufhin der Doktor dann erklärt, dass der Mensch den Willen über das Wasserlassen hat und der Mensch der Natur somit nicht unterworfen ist, wie Woyzeck sich zu rechtfertigen versuchte (8. Szene, S. 15, Z. 14-25).

Daraufhin erinnert der Doktor ihn daran, dass er an den gemeinsamen Vertrag gebunden ist (8. Szene, S. 15, Z. 27-31). Mit sprachlicher Unbeholfenheit will Woyzeck sich dann für sein Urinieren rechtfertigen, doch bricht ohnmächtig sein Sprechen ab, da er sich nicht richtig artikulieren kann und keine Worte für seine Lage und sein Empfinden findet (8. Szene, S. 16, Z. 7-11). Er versucht dem Doktor zu erklären, dass es zwei Seiten eines Wesens gibt, was der Doktor als Geisteskrankheit diagnostiziert (8. Szene, S. 16, Z. 13-17). Er ist schließlich so von Woyzecks geistiger Krankheit fasziniert und sieht wissenschaftliches Potenzial in seinem Versuchsobjekt mit geistiger Verwirrung, dass er ihm eine Gehaltserhöhung gewährt (8. Szene, S. 16, Z. 22-26). Dies reduziert Woyzeck auf ein bloßes Versuchsobjekt, dem der Doktor die Menschenwürde abspricht, da er nur die Geisteskrankheit Woyzecks sieht, nicht aber, dass Woyzeck psychologische Hilfe bräuchte. Nachdem der Doktor noch einmal betont, dass Woyzeck, als Versuchsobjekt, ein sehr interessanter Fall ist und er sich auch weiterhin dem Experiment entsprechend verhalten soll, beendet er das Gespräch (8. Szene, S. 16, Z. 33f.).

Auch mit der Gesprächsbeendigung wird das Verhältnis von Woyzeck und dem Doktor deutlich, denn er beginnt das Gespräch und beendet es auch schließlich, als er die Informationen bekommen hat, die er für sein wissenschaftliches Arbeiten braucht und Woyzeck seine Pflicht als Versuchsperson erfüllt hat. Denn Woyzeck ist nicht dazu befähigt, das Gespräch zu beenden und ist daher in der untergeordneten Position, sodass der Doktor, als sein Arbeitgeber, beschließen darf, wann er ihn entlässt.

Nachdem die Kategorien der Makroebene analysiert wurden, wird im Folgenden die mittlere Ebene des Gesprächs untersucht. Da die Termini der Gesprächsanalyse bereits im vorangehenden Kapitel erläutert wurden, soll dies hier ausgespart werden. Nachdem der Doktor das Gespräch mit einer rhetorischen Frage eröffnet hat, worauf Woyzeck nicht antworten konnte, konfrontiert der Doktor ihn mit seinem Fehlverhalten als Versuchsperson: „Er hat auf die Straß gepisst, an die Wand gepisst wie ein Hund!“ (8. Szene, S. 15, Z. 9f.). Damit hält er Woyzeck seinen Fehler vor und vergleicht ihn zugleich mit einem Hund, womit er sich der Tiermetaphorik bedient. Er demütigt Woyzeck somit und stellt ihn auf eine Ebene mit einem Tier, das sich in der Rangordnung unter dem Menschen befindet. Zudem hält der Doktor ihm vor, dass Woyzeck trotz seines Fehlverhaltens „zwei Groschen täglich“ (8. Szene, S. 15, Z. 10f.) erhält. Dies verdeutlicht, dass er seine Bezahlung Woyzecks momentan als nicht gerechtfertigt einschätzt, denn Woyzecks Verhalten wertet er als Wissenschaftler schlecht. Und von seinem schlechten Verhalten schließt der Doktor auf die ganze Welt: „Die Welt wird schlecht, sehr schlecht“ (8. Szene, S. 15, Z. 11f.).

Auf diesen Vorwurf und gleichzeitige Demütigung reagiert Woyzeck mit einer Rechtfertigung, womit er sein Urinieren erklären will: „Aber Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt“ (8. Szene, S. 15, Z. 13.). Das „turn-taking“ erfolgt also hier vom Doktor bestimmt, da er von Woyzeck eine Erklärung für seinen Vertragsbruch erwartet, was aber nicht sein Verhalten entschuldigen könnte. Für Woyzeck aber ist es ein natürlicher Drang, gegen welchen er sich nicht wehren kann. Daraufhin vertieft der Doktor den Aspekt der Natur und des Urinierens, denn er vertritt die These, dass der Mensch den Blasenschließmuskel mit seinem Willen beherrschen kann und der Wille des Menschen schließlich stärker als das natürliche Bedürfnis ist. Damit drückt er aus, dass der Wille Woyzecks zu schwach ist, als dass er seinen natürlichen Drang beherrschen kann und erniedrigt ihn damit, da er somit schwächer als sein Wille ist. Außerdem ist der Mensch frei, dass er seinem natürlichen Drang nicht unterworfen sein kann. Dann fragt er Woyzeck, ob er auch seine Erbsen gegessen hat und redet von wissenschaftlichen Zusammensätzen und Stoffen in seiner Arbeit. Der Doktor fordert ihn dann indirekt auf, dass er wieder urinieren und es probieren soll (8. Szene, S. 15, Z. 14-25). Auch wenn Woyzeck als Versuchsperson dazu verpflichtet ist, kann er der Aufforderung des Doktors nicht nachkommen, da er nicht den Drang danach verspürt, sodass er die Frage des Doktors verneinen muss: „Ich kann nit, Herr Doktor“ (8. Szene, S. 15, Z. 26).

Der anschließende „turn“ des Doktors hat den Anschein einer Drohung, da auf das Verneinen Woyzecks eine eindringliche Erinnerung an den Vertrag folgt: „Ich hab’s schriftlich, den Akkord in der Hand.“ (8. Szene, S. 15, Z. 27f.). Er ruft ihm somit noch einmal seine Abhängigkeit ins Gedächtnis, da er es schriftlich vorweisen kann, dass er dem Doktor als Versuchsobjekt dient und daher hat er kein Verständnis für Woyzecks Fehlverhalten. Durch diesen Vertrag wird deutlich, dass er an den Doktor gebunden ist und keine Möglichkeit für ihn besteht, frei über seinen natürlichen Drang zu entscheiden. Dennoch versichert er Woyzeck, dass er sich auf keinen Fall darüber ärgert, da es „unwissenschaftlich“ (8. Szene, S. 16, Z. 1f.) ist.

Der Sprecher-Wechsel, also „turn-taking“, vollzieht sich dann durch Selbstselektion, da Woyzeck nach dem Vortrag des Doktors selbst das Wort ergreift. Denn er möchte nochmals sein Verhalten erklären und sich rechtfertigen, doch er ist nicht in der Lage, sich vernünftig zu artikulieren und die richtigen Worte für seine Erklärung zu finden, sodass er seinen Redebeitrag ohnmächtig abbricht: „Aber mit der Natur ist’s was anders, sehn Sie, mit der Natur [...], das ist so was, wie soll ich doch sagen, zum Beispiel...“ (8. Szene, S. 16, Z. 8-11). Seine sprachliche Unbeholfenheit lässt es also gar nicht zu, dass Woyzeck sich ihm mitteilen und seine Situation verständlich machen kann. Doch der Doktor nimmt ihn nicht ernst und tut seine Erklärungsversuche als Philosophieren ab (8. Szene, S. 16, Z. 12).

Im nächsten Gesprächsschritt versucht Woyzeck, sich vertraulich dem Doktor mitzuteilen, denn er erzählt ihm von der „doppelten Natur“ (8. Szene, S. 16, Z. 14), da die Sonne einem Feuer gleicht und somit zwei Seiten hat. Schließlich teilt er dem Doktor noch mit, er habe eine „ fürchterliche Stimme“ (8. Szene, S. 16, Z. 16) im Kopf, die zu ihm spricht. Daraufhin führt der Doktor durch Selbstselektion den Sprecher-Wechsel herbei und diagnostiziert bei Woyzeck eine „aberratio“ (8. Szene, S. 16, Z. 17). Doch nach diesem kurzen Beitrag des Doktors ergreift Woyzeck durch Selbstselektion den Sprecher-Wechsel, denn er erzählt seinem Arbeitgeber von Schwämmen, die in Figuren auf dem Boden wachsen (8. Szene, S. 16, Z. 18-21).

Im darauffolgenden Gesprächsschritt reagiert der Doktor auf Woyzecks verwirrtes Gerede mit größter Faszination: „Woyzeck, Er hat die schönste aberratio mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt“ (8. Szene, S. 16, Z. 22f.). Er hat also bei ihm eine Geisteskrankheit festgestellt, von welcher er als Wissenschaftler fasziniert und begeistert ist, da er in Woyzeck nun nicht mehr nur eine Versuchsperson für seine Experimente hat, sondern auch einen neuen Fall einer geistigen Krankheit, sodass Woyzeck nun noch interessanter für ihn ist. Dafür belohnt er ihn auch noch, indem er ihm eine Gehaltserhöhung gewährt. Zudem fragt der Doktor ihn, ob er auch noch seiner Dienstleistung des Rasierens beim Hauptmann nachkommt (8. Szene, S. 16, Z. 24ff.). Dadurch vollzieht sich der Sprecher-Wechsel durch den Doktor, da er ihn mit seiner Frage zum Sprechen auffordert. Woyzeck bejaht seine Frage kurz mit „Jawohl“ (8. Szene, S. 16, Z. 27). Anschließend fragt der Doktor, ob er auch seine Erben isst, wodurch er den Sprecher-Wechsel vollzieht. Woyzeck antwortet gewissenhaft: „Immer ordentlich, Herr Doktor. Das Geld für die Menage kriegt mei Frau“ (8. Szene, S. 16, Z. 29f.). Er will also seinen Arbeitsgeber wissen lassen, dass er zumindest in seiner Erbsendiät seiner Pflicht nachkommt und diese regelmäßig einnimmt. Seine Selbstlosigkeit wird deutlich, indem Woyzeck seine Soldatenverpflegung und das Geld seiner Frau überlässt, damit sie und das Kind versorgt sind. Der Doktor geht nicht auf die Antwort Woyzecks ein, sondern stellt daraufhin die nächste Frage, ob er auch seinen Dienst tut, was dieser wieder bejaht (8. Szene, S. 16, Z. 31f.).

...


1 Wird im Folgenden mit SuS abgekürzt.

2 Busch, Albert/ Stenschke, Oliver (2008): Germanistische Linguistik. Eine Einführung. Tübingen, 5.

3 Vgl. Büchner, Georg (1969): Woyzeck. Kritisch herausgegeben von Egon Krause. Frankfurt am Main, 100.

4 Vgl. Mroczynski, Robert (2014): Gesprächslinguistik, Eine Einführung. Tübingen, 37f.

5 Vgl. Fritz, Gerd/ Hundsnurscher, Franz (1994): Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen, 522.

6 Vgl. Henne, Hemlut/ Rehbock, Hemlut (2001): Einführung in die Gesprächsanalyse. Berlin, 14f.

7 Vgl. Mroczynski, Robert (2014): Gesprächslinguistik, Eine Einführung. Tübingen, 127.

8 Vgl. Henne, Hemlut/ Rehbock, Hemlut (2001): Einführung in die Gesprächsanalyse. Berlin, 16.

9 Vgl. ebd., 17.

10 Vgl. ebd., 17f.

11 Vgl. ebd., 18.

12 Vgl. ebd., 19.

13 Vgl. Mroczynski, Robert (2014): Gesprächslinguistik, Eine Einführung. Tübingen, 73.

14 Henne, Helmut/ Rehbock, Hemlut (2001): Einführung in die Gesprächsanalyse. Berlin, 181f.

15 Vgl. Büchner, Georg (1967): Woyzeck. Herausgegeben von Johannes Diekhans. Paderborn: Schöningh, 15f. Wird im Folgenden im Fließtext zitiert.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gesprächsanalyse der 8. Szene aus Büchners "Woyzeck" mit einem Stundenentwurf
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2.7
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V461374
ISBN (eBook)
9783668889576
ISBN (Buch)
9783668889583
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Woyzeck, Büchner, Sprachwisenschaft, Gesprächsanalyse, Literatur, Didaktik, Unterricht
Arbeit zitieren
Ann Chef (Autor), 2016, Gesprächsanalyse der 8. Szene aus Büchners "Woyzeck" mit einem Stundenentwurf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461374

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