Persönlichkeitsbezogene Risikoforschung in der Trendsportart Kitesurfen


Magisterarbeit, 2005

159 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

EINLEITUNG

A: THEORETISCHE RAHMENKONZEPTION
1 Risikosport – Trend oder überdauerndes Phänomen?
1.1 Der Risikobegriff und seine Differenzen
1.2 Grundbegriffe der Risikoforschung
1.3 Determinanten individueller Risikoeinschätzung und -wahrnehmung
1.4 (Risiko-) Sport als Paradigma futuristischer Gesellschaften
1.4.1 Anzeichen einer neuer Moderne
1.4.2 Risikosportarten: Suche und Sucht nach neuen Bewegungsgefühlen
1.4.3 Liegt Wagnistum im Trend?
1.4.4 Warum immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen –
Betrachtungen der Motive des Wagnissports aus
individualpsychologischer Perspektive
1.4.5 Zusammenfassende Gedanken zum Wagnissport
2 Persönlichkeitsmerkmale und Temperamentstypen
im Fokus der differentiellen Psychologie
2.1 Grundlegendes und zentrale Begriffe
2.2 Darstellung ausgewählter Theorieansätze zur Bestimmung
von Persönlichkeitsfaktoren
2.2.1 Exkurs: Die geschichtlichen Wurzeln der
Temperamentsforschung
2.2.2 Das Big Five-Modell und andere Beschreibungssysteme
für eine gesamtheitliche Betrachtung der Persönlichkeit
2.2.3 Die Überlegungen von Eysenck (1916-1997)
2.3 Das Persönlichkeitskonstrukt Sensation Seeking
2.3.1 Gedanken zum Stand der Sensation Seeking-Forschung heute.
2.3.2 Exkurs: Biologische Fundierung eines
psychologischen Konstrukts
2.3.3 Sensation Seeking und dessen Zusammenhang mit
Risikosport
2.3.4 Das Persönlichkeitskonstrukt Impulsivität und die
Verbindung zum Sensation Seeking
2.3.5 Die Sensation Seeking Skalen (SSS) – Messbarkeit
eines Konstrukts
3 Die Sportart Kitesurfen
3.1 Historisches sowie grundlegende Gedanken
3.2 Das Equipment
3.2.1 Klassifizierung der Kitegruppen
3.2.2 Die Boardvarianten des Kitesurfens
3.2.3 Zusätzliche Ausrüstung
3.3 Betrachtungen zum Unfallgeschehen und daraus
resultierenden Sicherheitsvorschriften

B: EMPIRISCHER TEIL
1 Studiendesign und Forschungsmethodik
1.1 Ziele und Fragestellungen der Untersuchung
1.2 Konzeption und Durchführung
1.3 Der Einsatz zweier Persönlichkeitsskalen: NISS und BIS
1.4 Stichprobenbeschreibung
2 Empirische Untersuchungen und Ergebnispräsen­tation.
2.1 Kitesurfen vs. Windsurfen – Facetten zweier Wassersportarten
2.2 Das Persönlichkeitskonstrukt Sensation Seeking im Fokus
beider Wassersportarten – ein Strukturierungsversuch
nach ausgewählten Aspekten
2.2.1 Gesamtscore und Subskalen von Sensation Seeking
und Impulsivität
2.2.2 Motivstrukturen zwischen Low- und High-Sensation-Seekern
2.2.3 Der Zeitfaktor im Wassersport und Sensation Seeking
2.2.4 Einstellung zum Drogen- und Alkoholkonsum bei beiden
Sportarten
2.2.5 Besteht ein Zusammenhang zwischen SS
und der Wahl des Kites?
2.2.6 Die Neigung von LSS und HSS zum Kiten unter „Überpower“
2.3 Einstellungen und Verhaltensweisen von Wassersportlern
im Lichte des Risikoaspekts
2.3.1 Die Gefahreneinschätzung von Kite- und Windsurfern
2.3.2 Die Schutz- und Sicherheitsausrüstung
2.3.3 Die Risikofaktoren im Wassersport
3 Integration der Befunde und pädagogische Folgerungen

ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG.

VORWORT

Sicher vermögen nur kurze Worte des Dankes nicht all das wiedergeben, was im Ganzen für mich damit verbunden ist und zudem auch angebracht wäre. Trotz allem dürfen sie an dieser Stelle nicht fehlen...

In diesem Sinne möchte ich mich bei allen Wassersportlern für ihre Unterstützung und Teilnahme an der Umfrage sowie das mir entgegengebrachte Interesse bezüglich der Studienergebnisse bedanken.

Besonderer Dank gilt dabei vor allem Dominik und Nikolas Förderreuther der eleon GmbH internet.solutions, mit deren Hilfe und Initiative die, auf einem Online-Fragebogen basierende, Studie überhaupt erst möglich wurde.

Für die intensive fachliche Betreuung danke ich meinen beiden Mentoren, Frau Dr. phil. Sabine Würth (Institut für Sportpsychologie und -pädagogik), die trotz ihres eng bemessenen Zeitkontingents des Institutsalltags jederzeit Gehör für meine Fragen hatte, sowie PD Dr. phil. habil. Marcus Roth (Institut für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Intervention), der mir in spezifischen Problemen der Persönlichkeitspsychologie, vor allem aber im Rahmen statis-tischer Aspekte über manche Hürde hinweg half.

Ein besonders herzliches Dankeschön richtet sich zudem an meine Familie für ihre Unterstützung, Rücksichtnahme und Geduld im Verlaufe dieser Arbeit bzw. meines Studiums.

EINLEITUNG

„Ein Mann hebt am Strand von Warnemünde aus dem Wasser ab. Sein Drachen zieht ihn hoch in die Luft. Er fabriziert Kapriolen. Anerkennendes Kopfnicken am Strand. Spaziergänger staunen. Urlauber blicken von ihren Badetüchern auf. Der Kiter hat sein Sportgerät im Griff. (...). Surflehrer Achim Keilich (35) in Ummanz auf Rügen meint hingegen: ‚Kiten gehört nicht an Badestrände. Da muss das komplett verboten sein.’ Der Grund: Es passiert einfach zuviel. Stößt eine Windböe in die bis zu 16 Quadratmeter großen Drachen, sind die Sportgeräte für Anfänger nicht mehr zu steuern. ‚Ist der Kite überpowert, und der Wind nimmt kurz auf sechs Stärken zu, geht es richtig ab. Dann hat man keine Chance mehr’, sagt Keilich. Dann wirken hunderte Kilo auf den Schirm. In glimpflichen Fällen wird der Kiter über den Strand gezogen, nimmt ein paar Badetücher mit und ist die Beach-Lachnummer. Wenn es dumm läuft, bleibt er an dem einen oder anderen Kind hängen oder trampelt über Badende. Wenn es tragisch läuft, gibt es Verletzte, Schwerverletzte, Tote.

Unter Kitern ein Reizthema: Unfälle. Nur leider Realität. In diesem Jahr zwei Tote. Im Juni knallt auf dem Fleesensee ein 62-jähriger Berliner gegen einen Laternenmast. Tot. An der Nordsee verunglückt ein Anfänger aus Hannover tödlich. In Wismar wird ein 25-jähriger Kiter in einen Baum und kurz darauf gegen ein Auto geschleudert. Prellungen. Auf Fehmarn wird ein Kiter über den Steinstrand geschleift. Verletzt. Auf Norderney fliegt vor zwei Jahren ein Kiter gegen eine Mauer. Schwerverletzt. 2001 bleibt am Weststrand von Fehmarn ein Kiter in einem Zaun hängen. Die Wucht reißt ihm einen Fuß ab. Einem anderen wird von den Leinen seines Schirms ein Finger abgerissen. An einem Strand bei Cuxhaven wird eine Frau gegen eine Hauswand geschleudert. Querschnittsgelähmt. Im Juni 2002 hat Kiten sein erstes prominentes Opfer. Bei Wustrow auf dem Fischland wird die weltbekannte Kiterin Silke Gorldt in die Buhnen und in einen Zaun geschleudert. Die 26-Jährige stirbt. Der Kite-Contest wird abgebrochen.

Anfänger, Fortgeschrittene, Profis. Wenn der Wind zupackt, kann es jeden treffen. Bis zu 60 Meter hoch sollen die Sprünge gehen, wird in der Szene gemunkelt. Nur: Über Unfälle wird ungern gesprochen. Die Kiter fürchten um den Ruf ihres Sports. Beim Verband Deutscher Windsurfing- und Wassersportschulen (VDWS) in Weilheim bei München wird abgewunken. Lisbeth Prade (51), Leiterin der VDWS-Geschäftsstelle, sagt: ‚So gefährlich ist Kiten auch wieder nicht. Nicht gefährlicher als andere Sportarten wie Schwimmen.’ (...).

Kritiker und Journalisten, die sich mit Unfällen beschäftigen, werden als Ahnungslose ‚aus dem Mittelalter’ verunglimpft, die sich gefälligst aus der Szene raushalten sollen. Wagenburgstimmung.

Für Achim Keilich der falsche Weg. Kiten sei nicht gefährlicher als andere Sport-arten, sagt er. Aber es berge Gefahren, auf die man hinweisen müsse (...). Das sei Aufklärung. Und die werde gerade versäumt. (...).“

Diese zitierten Auszüge aus einem Artikel der Ostseezeitung (Meyer, 2004, online), für manch Angesprochenen auf den ersten Blick sicher inkorrekt und zu dramatisierend dargestellt, für Laien des Kitesports und Unbeteiligte vielleicht interessant und aufregend und zudem sehr spektakulär aber auch erschreck-end zu lesen, spiegeln die häufige Tendenz der Medienberichterstattung über diese Sportart wider. Die Medienseite spricht dabei von notwendiger Gefahrenaufklärung und Reglementierungsvorhaben, Teile der betroffenen Wassersportszene hingegen bezeichnen dieses agenda-setting als wenig objektiven, reißerischen und quotensuchenden Investigativjournalismus. Die sonst eher gering medienpräsente Sportart gewinnt anscheinend auf Grund ihrer steigenden Popularität, womöglich aber auch nur wegen der gegenwärtigen Rezipientenempfänglichkeit für Spektakuläres an Publikationsinteresse. Ohne dabei die Ereignisse und Unfälle der jüngsten Vergangenheit abschwächen bzw. jeglicher kritischer und problembewusster Auseinandersetzung innerhalb der Kitesportszene ausweichen zu wollen, gerät die Sportart auf Grund überspitzter Äußerungen und Fernbeurteilungen von Unfallszenarien, ob berechtigt oder nicht bleibt dahingestellt, in eine Außenseiterposition. All die ästhetischen Momente des Kitesports sowie die Leistungen, welche die Sportart dem Athleten abverlangt, werden in den Schatten gestellt. Was oftmals als Credo dieser Berichterstattung überwiegt, sind vermeintlich risikosüchtige und waghalsige Extremsportler oder wie es Alexander Lehmann, Chefredakteur des „Free“-Magazins treffend formuliert, wird darin Kitesurfen als „die gefährlichste Sportart der Welt mit zahllosen Toten (diffamiert - S. K.)“ (Lehmann, 2004, online). Der in gewissem Maße implizierte Risikoaspekt des Kitesurfens wird somit dahingehend pauschalisiert, dass die gesamte Sportart in eine Kategorie mit extrem hohen und vor allem unkontrollierbaren Risiko, ähnlich dem Freeclimbing, Stage-Diving, Drachenfliegen etc. subsummiert wird. Dies scheint einige eher an Populismus, statt an objektive Aufklärungsarbeit zu erinnern.

Der Versuch einer objektiven Charakterisierung der Beteiligten des Kitesurfens sowie die Definition dessen Stellenwertes aus sportwissenschaftlicher Perspektive kann als Auftrag formuliert werden, der dann seiner Erfüllung näher gekommen scheint, wenn zum einen der gegenwärtige Wissensstand der Risikoforschung überblicksartig referiert wird und diese Erkenntnisse dann im Hinblick auf die verschiedenen Veränderungstendenzen unserer heutigen Moderne Berücksichtigung finden. Zum anderen gilt es die Determinanten des Trend- und Risikosports zu erörtern und mit den individuellen Motiven für die Präferenz zu wagnisreichen Bewegungsformen zu vereinen.

Zudem müsste ferner die Betrachtung grundlegender differentialpsycho-logischer Ansätze erfolgen, um Aussagen über die verschiedenen Temperamentstypen evaluieren zu können. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung bietet es sich deshalb an, zwei Konstrukte der Persönlichkeitspsychologie, die in der Literatur häufig in der Diskussion um das Forschungsfeld der Wagnissportarten ihre Anwendung finden, detaillierter zu betrachten: Sensation Seeking und Impulsivität.

Sensation Seeking wird dabei verstanden als ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal bzw. eine Verhaltensdisposition, das die Tendenz von Individuen nach neuen, abwechslungsreichen und intensiven Reizen und/oder Erfahrungen zu suchen, beschreibt (vgl. Zuckerman, 1979, S. 11). Impulsivität resp. impulsives Verhalten wird demgegenüber häufig mit Begriffen wie wenig geplant, vorzeitig bzw. übereilt ausgeführt, situationsunangepasst, riskant und/oder sozial in-akzeptabel assoziiert (vgl. Evenden, 1999, S. 348 ff.).

Werden darüber hinaus noch die Merkmale, strukturell-technischen Besonderheiten aber auch die Gefahren der Sportart Kitesurfen gekennzeichnet und lassen sich nach der Evaluation und Interpretation des in der Studie gesammelten Datenmaterials Aussagen über das Persönlichkeitsbild von Kitesurferinnen und Kitesurfern, bezogen auf den Risikoaspekt, spezifische Verhaltensmuster und Motive sowie im Hinblick auf die beiden Konstrukte der Persönlichkeitspsychologie Sensation Seeking und Impulsivität gewinnen, lässt sich dieser Auftrag als abgeschlossen betrachten.

A: THEORETISCHE RAHMENKONZEPTION

1 Risikosport – Trend oder überdauerndes Phänomen?

Der Terminus des Risikos und seine Verflechtungen, stellen mittlerweile eine allgegenwärtige Erscheinung moderner pluralistischer Gesellschaften dar. Fast jede Überlegung über menschliches Handeln, sei in Wirtschaft, Politik oder eben auch im Bereich des Sports wird heutzutage mit deren potentiellen Konsequenzen verknüpft und überall wo von Möglichkeiten und Chancen einer Handlung die Rede ist, diskutieren wir unmittelbar auch über ihre Risiken. Welche Assoziationen existieren im Zusammenhang mit dem Risiko? Wie nehmen Menschen Risiken in unserer heutigen Zeit wahr und warum bewegen sich manche völlig freiwillig und sorglos in der Nähe von riskanten Situationen, ja suchen sogar sprichwörtlich die Gefahr? Dies sind Fragen, an deren Klärung sich im Folgenden angenähert werden soll.

Der Risikobegriff und seine Differenzen

Aus allgemeinsprachlicher Sicht wird Risiko überwiegend verstanden als Gefährdung, negatives Ereignis und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Schäden, Misserfolgen, Verletzungen, Todesfällen u.a. (vgl. Hoyos, 1987, S. 533). So ist Risiko zwar kein Phänomen der jüngsten Gegenwart, auch die Präsenz in der öffentlichen Kommunikation ist nicht neu, jedoch scheint Klarheit und Übereinstimmung darüber zu herrschen, „dass sich im Laufe der Geschichte die Bedrohungsmuster verändert haben“ (Wiedemann, 1993, S. 45).

Nach Luhmann (vgl. 1990, zit. bei Wiedemann, 1993, S. 45) treten im Zuge des Zivilisationsprozesses Risiken an die Stelle von Gefahren, wobei Gefahren von außen induziert, Risiken im Hinblick auf Entscheidungen hingegen eingegangen werden. Luhmann (1991) setzt damit Risiko nicht in Opposition zur Sicherheit, sondern zur Gefahr, wobei die Unterscheidung von Risiko und Gefahr die Möglichkeit einräumt, „dass in Bezug auf künftige Schäden Unsicherheit besteht“ (Luhmann, 1991, S. 29).

Die Sichtweise von Nowotny und Evers (vgl. 1986, zit. nach Wiedemann, 1993, S. 45) ähnelt dem Luhmannschen Konzept (1990), unterscheidet sich allerdings dahingehend, dass sie Risiko als eine überwindbare Gefahr postulieren. Beide Autoren verstehen darunter, dass das Individuum respektive die Gesellschaft Gefahren kennt und prinzipiell über Fähigkeiten zu deren Bewältigung verfügt. Haisch, Weitkunat und Wildner (vgl. 1999, S. 336) differenzieren hingegen fünf Ansätze des Risikobegriffes: die Sichtweise der New Public Health, die ver-sicherungsmathematische, die sozialwissenschaftliche, die gesundheitswissenschaftliche sowie die epidemiologische Annäherung. Risiko im Sinne von New Public Health schließt dabei neben dem objektiven epidemiologischen Zusammenhang, der als Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Situation charakterisiert ist, auch die von der Gesellschaft empfundene Gefährdung mit ein. Demgegenüber spricht Musahl (1997, S. 115) prägnant vom „Produkt aus Schadenswahrscheinlichkeit und dem im Mittel zu erwartenden Schaden in Geldwerten, Leben oder operativen Einheiten“.

Offensichtlich existiert kein einheitlich wissenschaftlicher Risikobegriff, der dem Terminus von Laien, als alltagsweltliche Sichtweise zusammenfassbar, gegen-übersteht. Ob Volkswirte, Sicherheitsexperten, Soziologen, Psychologen oder andere Geisteswissenschaftler, alle betrachten die Thematik der Risikoforschung aus Ihrer jeweiligen Perspektive und erschaffen somit ein mosaikartiges Bild hinsichtlich der Bedeutung von Risiko bzw. Risikowahrnehmung.

Grundbegriffe der Risikoforschung

Neben den Termini Risikowahrnehmung, Risikoentscheidung sowie Risikoverhalten, ist vor allem die dem Sicherheitsbewusstsein gegenüberstehende Risikobereitschaft bzw. häufig synonym verwendete Risikoakzeptanz bedeutsam für Untersuchungen nach dem psychologisch-kognitiven Ansatz.

Die psychologisch-kognitive Risikoforschung stellt die Frage nach dem Entscheidungsverhalten in Risikosituationen in den Fokus ihrer Überlegungen. Beispielsweise versucht diese Forschungsrichtung das subjektive Risiko, d. h. wie Menschen in bestimmten Situationen Risiken bewerten, zu analysieren. Im Hinblick auf die zu evaluierende Risikoausprägung gilt anzumerken, dass streng genommen nur dann vom objektiven Risiko gesprochen werden kann, wenn eine Vielzahl von Daten für solide statistische Aussagen hinsichtlich des Wahrscheinlichkeitskalküls erfassbar ist. Kann dieses Maß der Daten-generierung nicht gewährleistet werden, muss der Rückgriff auf die subjektive Schätzung von Experten erfolgen (vgl. Bechmann, 1993, S. XIII).

Die Fähigkeit von Individuen zur Risikoentscheidung gilt als notwendige Beding-ung für das Risikoverhalten. Sie bildet die Basis für den konkreten Handlungsvollzug in risikobehafteten Zuständen. Diese persönliche Entscheidungssituation wird u. a. vom sozialen Umfeld sowie den sozialstrukturellen Gegebenheiten determiniert. Auch spielen körperliche und seelische Entwicklungsprozesse eine wesentliche Rolle für die Risikoentscheidung und somit das resultierende Risikoverhalten (vgl. Engel & Hurrelmann, 1994, S. 9). Die Risikoentscheidung kann hierbei als „Verlauf und das Ergebnis eines Abwägungsprozesses zwischen sicheren (z. B. Sicherheitsbewusstsein) und sicherheitswidrigen (z. B. Zeitersparnis, Bequemlichkeit) Verhalten“ (Zehl, 2001, S. 41) verstanden werden.

Im weiteren Zusammenhang mit der psychologischen Forschung wird Risikoverhalten (risk behavior, risk taking) dem Wissenschaftsfeld der Entscheidungstheorie angegliedert (vgl. Bengel, 1993, S. 16). Trotz der Vielzahl der in der Vergangenheit durchgeführten Untersuchungen über das Risikoverhalten ist festzustellen, dass der Begriff definitorisch nur schwer fassbar ist. Den Versuch einer Begriffsklärung unternehmen Kogan und Wallach (vgl. 1967, zit. bei Arnold, Eysenck & Meili, 1993, S. 1921), indem sie jenes Verhalten von Individuen als Risikoverhalten überschreiben, bei dem es „ein erstrebenswertes Ziel gibt und es zugleich an Gewissheit fehlt, dass dieses Ziel erreicht werden kann“. In Anlehnung an v. Klebelsberg (vgl. 1969, S. 174) tritt Risikoverhalten dort zu-tage, wo hinsichtlich des Erreichens eines übergeordneten Ziels, eine Konflikt-situation auf Grund bestehender Leistungs- und Sicherheitstendenz hervortritt, welche innerhalb eines begrenzten Zeitfensters der Lösung bzw. Entscheidung bedarf. Es stellt ein Verhalten dar, welches mit Gesundheitsrisiken verbunden sein kann, gleichzeitig aber auch eine stimulierende Funktion für den Einzelnen, z.B. der Zugewinn an Selbstsicherheit und Anerkennung assoziieren vermag (Haisch et al., 1999, S. 339). Bonß (vgl. 1991, zitiert bei Raithel, 2001, S. 12) versteht unter dem Risikoverhalten eine Form unsicherheitsorientierten Handelns, wobei in diese Verhaltensweisen Unsicherheiten implementiert sein könnten, welche dem Handelnden nicht permanent bewusst sind. Demzufolge ist nicht jede Unsicherheit dem Risiko gleichzusetzen. Es werden vielmehr jene Handlungen als Risikoverhalten definiert, die ein Schädigungspotenzial gegenüber der eigenen Person oder dessen Umwelt (resp. -bedingungen) besitzen. Zusammenfassend kann somit aus der Vielzahl definitorischer Erklärungsversuche abgeleitet werden, „dass Risikoverhalten die Folge eines Entscheidungsprozesses ist, wobei Entscheidungsalternativen bewertet werden“ (Zehl, 2001, S. 39).

Dem entgegenstehend wird der Terminus der Risikowahrnehmung von Bengel (1993, S. 16) als „kognitive, individuelle Bewertung einer Bedrohung, unterteilbar in wahrgenommene Gefährlichkeit (Schwere) und wahrgenommene persönliche Gefährdung (Vulnerabilität)“ definiert. Fritsche (1986, S. 129) sieht Risikowahrnehmung als „das Ergebnis eines Verschmelzens von bewusstem und intellektuellem Kalkül mit unbewusst vorhandenen Vorstellungen und Emotionen.“

Im Wörterbuch für Gesundheitswissenschaften weisen die Autoren den Begriff als „Wahrnehmung und Einschätzung einer potentiellen Gesundheitsbedrohung“ (Haisch et al., 1999, S. 339) aus. Dabei findet eine Differenzierung zwischen der Ernsthaftigkeit einer Gesundheitsbedrohung sowie der subjektiven Gefährdung einer Person statt. Im engen Zusammenhang wird hierbei der Risikooptimismus genannt, was die Tendenz der Unterschätzung des eigenen Gefährdungsrisikos gegenüber anderen Individuen beschreibt (vgl. Haisch et al., 1999, S. 338). Auf diese Sichtweise wird im folgenden Kapitel noch detaillierter eingegangen.

Kurz und pragmatisch beschreibt Schwarzer (vgl. 1997, S. 44) Risikowahrnehmung als eine Funktion der Bedeutsamkeit eines Ereignisses sowie dessen perzipierter, d.h. sinnlich wahrgenommener Eintrittswahrscheinlichkeit, wobei auch hier der Schweregrad und die Vulnerabilität (persönliche Anfälligkeit) aus dem Modell gesundheitlicher Überzeugungen Erwähnung findet. Für Jungermann und Slovic (vgl. 1993, S. 13) bedeutet intuitive Risikowahrnehmung auf der einen Seite die Funktion kognitiver und motivationaler Ausstattungsmerkmale des Individuums, zum anderen beziehen sie soziale, politische und kulturelle Umfeldbedingungen in ihre Erklärung mit ein. Dabei determinieren motivationale Faktoren die Wahrscheinlichkeitseinschätzung und die vermutete Schwere des Schadens. Kognitive Ausstattungsmerkmale beeinflussen das intuitive Risiko hinsichtlich der Risikoquelle, des Risikobetreibers bzw. der Form und dem Umgang mit potentiellen Konsequenzen. Beispiele hierfür sehen Jungermann und Slovic in der Freiwilligkeit der Risikoübernahme, im Grad der Betroffenheit oder im Katastrophenpotential.

Vielerorts dem Sicherheitsbewusstsein als Pendant gegenüberstehend, wird bei Haisch et al. (vgl. 1999, S. 337) unter Risikoakzeptanz allgemeinsprachlich die Bereitschaft zu riskanten Entscheidungen verstanden. Weiter führen dabei die Autoren aus, dass diese Bereitschaft in Gruppenkonstellation höhere Werte annimmt, als bei Entscheidungssituationen des Einzelnen. Sinn und Weichenrieder (vgl. 1993, S. 13) sprechen in diesem Kontext von der Risikopräferenz als eine Eigenschaft, welche die Einstellung zum Risiko beschreibt. Hierbei wird die Risikoaversion als typische Einstellung unterstellt und der Versuch aufgezeigt, dass die Abneigung gegenüber dem Risiko auf biologisch-evolutionstheoretischen Gedankengängen basiert. Dies soll heißen, dass neben den Grundbedürfnissen Hunger, Durst oder Sexualität, auch die Risikoaversion als instrumentelle Präferenz „das Verhalten unbewusst in Richtung auf die Sicherung des Überlebens unseres Genpools“ (ebd., S. 13) richtet.

Thieß und Schnabel (vgl. 1987, S. 142) sehen Risikobereitschaft als eine Art willentliches Handeln, deren Akzeptanz in dem Falle erfolgt, wenn sich als Ergebnis riskanten Verhaltens entscheidende individuelle bzw. kollektive Vorteile erkennen lassen. In Anlehnung an Musahl (vgl. 1997, zitiert bei Zehl, 2001, S. 41 f.) können schließlich die referierten Definitionsversuche kurz zusammengefasst werden. „Das Risikoverhalten ist Resultat der Risikoentscheidung, das wiederum Risikobewusstein voraussetzt.“ Mangelhaftes Risikobewusstsein, genauer die fehlende Kenntnis über die Existenz bzw. Ausprägung von Risiken, kann demzufolge eine erhöhte Risikobereitschaft zur Folge haben.

Determinanten individueller Risikoeinschätzung und -wahrnehmung

Aus zahlreichen Ansätzen zur Risikoforschung (siehe dazu Jungermann, Rohrmann & Wiedemann, 1991; Trimpop, 1991; Kröger, 1998) sind eine Vielzahl von Faktoren ermittelt wurden, welche die Wahrnehmung und Bewertung des Risikos beeinflussen. Nach Luhmann (vgl. 1991, S. 50 f.) gestaltet sich die Einschätzung von Risiken als gegenwartsabhängiger Fakt. Demnach existiert für die entsprechende Analyse aus zeitlicher Dimension heraus, kein objektiver Standpunkt. Luhmann (1991) stellt fest, dass die nachträgliche Risikoeinschätzung anders erfolgt, „je nachdem, ob ein Schaden eingetreten oder ob es gut gegangen ist“ (ebd., S. 51). Er spricht weiterhin davon, dass Individuen bei der Reflexion vergangener Risikoerfahrungen nicht wissen, „wieso man in einer vergangenen Gegenwart derart vorsichtig oder derart riskant entschieden hatte“ (ebd., S. 51). Entsprechend dazu merkt Weinstein (vgl. 1987a, zitiert bei Bengel, 1993, S. 23) an, dass Menschen von Ereignissen der Vergangenheit auf die weitere Entwicklung schließen. Trat ein negatives Ereignis früher nicht ein, wird angenommen, dass es auch zukünftig nicht präsent sein wird. Neben der zeitlichen Dimension lassen sich andere Charakteristika für die subjektive Risikobeurteilung heranziehen.

So referiert Bechmann (vgl. 1993, S. XIII), dass Menschen eher eine akzeptierende Haltung gegenüber freiwilligen Risiken (z. B. Rauchen, Alkoholgenuss) einnehmen als unfreiwillige und zudem von außen auferlegte Risiken (z. B. Risiken der Kernenergie oder Gefährdungen durch Pestizidrückstände in Nahrungsmitteln) anzuerkennen. Er führt weiter aus, dass kontrollierbare Risiken eher Akzeptanz finden als unkontrollierbare. So werden meist die Risiken des Flugverkehrs im Gegensatz zum Autofahren stärker bewertet, obwohl statistisch gesehen, in diesem Fall dann als objektives Risiko erfassbar, letzteres ein deutlich höheres Gefährdungspotenzial inne hat. Slovic, Fischhoff und Lichtenstein (vgl. 1985, zitiert bei Bengel, 1993, S. 22) verbinden diesen Zusammenhang mit dem Konzept der „wahrgenommenen Kontrolle“ (siehe Thompson, 1981). Hierunter wird die Möglichkeit subsummiert, die Differenzen in der Wahrnehmung von Risiken durch deren vermeintliche Beeinflussbarkeit zu erklären. Dies lässt den Schluss zu, dass es oftmals zur systematischen Überschätzung der eigenen Fähigkeiten hinsichtlich der Kontrollmöglichkeit des Risikos kommt (vgl. Bechmann, 1993, S. XIII). Dabei haben besonders gravierende Gefahren eine starke optimistische Verzerrung der Wahrnehmung und Bewertung von Risiken zur Folge (vgl. Bengel, 1993, S. 23). Insbesondere erkennt man gerade dann eine Risikounterschätzung oder wie Weinstein (siehe u. a. 1984 und 1987a) treffend anmerkt den „unrealistischen Optimismus“, wenn es sich auf der einen Seite um kontrollierbare Risiken handelt und zudem andererseits noch Persönlichkeitseigenschaften resp. individuelles Verhalten als Beurteilungsbasis zu Rate gezogen werden. So wird das eigene Risiko unabhängig vom Alter, Beruf, Bildungsstand oder Geschlecht im Vergleich zur sogenannten Peergroup, also den Betroffenen des Risikos, niedriger bemessen. Ausschlaggebende Entscheidungshilfen sind vorrangig Überzeugungen hinsichtlich Gefahrenabwendung, verminderte Eintrittswahrscheinlichkeit, mangelnde persönliche Erfahrung mit der Risikosituation und die oben erwähnte Extrapolation zurückliegender auf zukünftige Ereignisse bzw. Entwicklungen (vgl. Weinstein, 1987b, zitiert bei Bengel, 1993, S. 22).

Bezugnehmend auf die Bedeutung von Persönlichkeitseigenschaften berichten hingegen verschiedene andere Untersuchungen von differenziertem Risikoverhalten in Abhängigkeit soziodemographischer Merkmale. Beispielsweise stellt Kass (vgl. 1964, zit. bei Arnold et al., 1993, S. 1924) bei Versuchen mit Kindern fest, dass Jungen ein größeres Risikoverhalten aufweisen. Im zunehmenden Erwachsenenalter relativiert sich diese Differenz anscheinend, wobei im Allgemeinen ohnehin das Risikoverhalten von älteren Menschen geringer bewertet wird (vgl. Kogan & Wallach, 1964, zit. bei Arnold et al., 1993, S. 1924). Bei Vergleichen der sozialen Schichtung stellten u. a. Scodel, Ratoosh und Minas (1959) heraus, dass z. B. einfache Soldaten gegenüber Studenten eine höhere Risikoveranlagung erkennen ließen. Hinsichtlich weiterer Untersuchungsergebnisse bezüglich der Bedeutung persönlicher Merkmale für die psychologische Risikoforschung, insbesondere der Behandlung um Fragen von motivierenden Korrelaten, beispielsweise zur Leistung aber auch zum Einzel- sowie Gruppenverhalten (Stichwort: „risky-shift-effect“), muss an dieser Stelle auf die weiterführende Literatur verwiesen werden (vgl. dazu Brown, 1956; Atkinson, 1957; Slovic, 1962; Stoner, 1968; Arnold, Eysenck & Meili, 1993).

Das bereits oben kurz erläuterte Phänomen des „unrealistischen Optimismus“ hat darüber hinaus erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung und lässt sich zudem auf weitere Bereiche übertragen. Neben der angesprochenen Verbindung zu gesundheitlichen Risiken (z. B. in Folge von Drogenkonsum), findet man u. a. im beruflichen Bereich oder im Sport die Überzeugung der persönlichen Kontrollierbarkeit bzw. vom „Grad der organisierten Sicherheit“ (Jungermann & Slovic, 1993, S. 99). So kommt u. a. eine Studie an 44 Sportkletterern zu dem Ergebnis, dass erfahrene Athleten die Wahrscheinlichkeit des Risikos eher unterschätzen, unerfahrene Sportkletterer dieses durch intensivere Vorbereitung allerdings zu minimieren versuchen (vgl. Allmer, 2004, S. 54, online). Weinstein (vgl. Bengel, 1993, S. 21) sieht im Zusammenhang mit dem „unrealistischen Optimismus“ die Gefahr, ein adäquates Schutz- und Vorsorgeverhalten in potentiellen Risikosituationen zu vernachlässigen. Schwarzer (1992) stellt dem jedoch entgegen, dass damit auch ein funktionaler Charakter verbunden sein kann, weil „der Betreffende nicht mit Gedanken und Grübeleien bezüglich seiner Gefährdung belastet ist, sondern sich aktiv der Bewältigung von Alltagsproblemen...“ (Bengel, 1993, S. 21) widmen und insbesondere den leistungsdeterminierenden Faktoren, z. B. bei der Ausübung von risikosportlichen Bewegungsformen uneingeschränkte Konzentration schenken kann. Dies trifft jedoch nicht für gravierende Risiken und deren Konsequenzen zu, welche durch die entsprechende Risikowahrnehmung hätten verhindert werden können (vgl. ebd., S. 21).

Im Zusammenhang mit der Einschätzung von Risiken aus Laiensicht lässt sich erkennen, dass deren Urteile zumeist auf individuellen Erfahrungen sowie spezifischen Heuristiken (Stichwort: „availability“- und „representativness-Heuristiken, vgl. dazu Tversky & Kahneman, 1974) basieren. Demzufolge ge-staltet sich die Beurteilung der Eintrittswahrscheinlichkeit einer Risikosituation in Abhängigkeit vom Erinnerungsvermögen oder der Ähnlichkeit mit bereits Erfahrenem. Ebenso der Vergleich mit anderen Personen, die ein höheres Risikopotenzial besitzen, kann die Verzerrung der Risikobewertung nach sich ziehen. Die so praktizierten „Abwärtsvergleiche“ (Wills, 1987) können in die Theorie des Sozialen Vergleichs von Festinger (1954) eingeordnet werden. Auf Grund des Heranziehens noch schlimmerer Ereignisse einer Referenzpopulation bzw. der selektiven Abstraktion positiver Attribute, sollen die wahrgenommenen Folgen des Risikos, genauer gesagt, die persönliche Gefahr negiert werden. Nach Perloff und Fetzer (vgl. 1986, zitiert bei Bengel, 1993, S. 24) ist allerdings eine Reduktion dieser vermeintlich antizipierten Nichtbetroffenheit der Gefährdung (Invulnerabiltät) zu konstatieren, wenn die Referenzperson ein Freund bzw. Verwandter ist.

Neben den bisher diskutierten Bestimmungsgrößen der Risikowahrnehmung und -beurteilung, zusammenfassbar als „Freiwilligkeit“ und „Kontrollierbarkeit“, trägt auch die „Verantwortlichkeit“ wesentlich zur Einschätzung des Risikos bei. Dabei fällt auf, dass Risiken natürlichen Ursprungs weniger starke individuelle Gewichtung finden als das von Menschen selbst verursachte Risiko. Als Exempel hierfür benennen Jungermann und Slovic (vgl. 1993, S. 90) die in den USA verbreitete Kontroverse über die ausgehende Gefahr von natürlicher vs. technisch bedingter Radonstrahlung und die damit verbundenen Differenzen der Besorgnis und dem Engagement zum Schutz vor radioaktiven Abfällen.

Weitere Faktoren, welche die Risikowahrnehmung und Risikobewertung determinieren, stellt Bechmann (vgl. 1993, S. XIII) kurz und prägnant dar. Hierbei werden neue Technologien riskanter bewertet als bekannte und langjährig erprobte Techniken. Treten Risiken erst mit einer zeitlichen Verzögerung auf, tritt ebenso eine zustimmendere Haltung zutage als bei unmittelbarem Risikopotenzial. Können die Schäden des Risikos behoben bzw. repariert werden, fällt dessen Akzeptanz im Gegensatz zu irreversiblen Folgen leichter.

Zusammengefasst wird deutlich, dass die Aspekte Betroffenheit, Verantwortlichkeit, Freiwilligkeit, Kontrollierbarkeit, Schadenswahrscheinlichkeit, Schadensgröße, Katastrophenpotential sowie die Undeutlichkeit von Risiken entscheidenden Einfluss auf deren individuelle Beurteilung haben (vgl. Jungermann & Slovic, 1993, S. 104). Tendenziell ist zu erkennen, dass bei der persönlichen Einschätzung und Akzeptanz von Risiken, eher die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses gegenüber dem Schadensausmaß vernachlässigt wird (vgl. Bechmann, 1993, S. XIII). In welchem Wert sich allerdings die quantitativen und qualitativen Determinanten für die Risikoevaluation verantwortlich zeigen, ist zum einen abhängig von der Art der Risikoquelle, zum anderen von den individuellen Voraussetzungen jedes einzelnen (vgl. Jungermann & Slovic, 1993, S. 104). In gewissem Maße banal, zum anderen aber treffend, bringen Jungermann und Slovic (ebd., S. 105) die vorangegangenen Ausführungen auf einen Nenner:

„Der einzelne kann und muss selbst sein Risiko beurteilen, wählen und verantworten“.

Die Wahrnehmung und Beurteilung von Risiken gilt auch zukünftig als zentrale Komponente der psychologischen Forschung. Es scheint klar zu sein, dass zwischen der Wahrnehmung und Einschätzung des Risikos und dem resultierenden Handeln deutliche Korrelationen bestehen. Ungeklärt bleibt dabei momentan („nur“) die Kausalitätsfrage. Demnach kann ein adäquates Risikoverständnis das Verhalten bestimmen und umgekehrt.

(Risiko-) Sport als Paradigma futuristischer Gesellschaften

Offensichtlich stellt unsere heutige Gesellschaftsform ein paradoxes Gebilde dar und es scheint, als funktioniere es auch nur als ein solches. Auf der einen Seite zurecht als Versicherungsgesellschaft (Ewald, 1989) verstanden, findet man demgegenüber Anzeichen einer Risiko-, Gefahren- und Katastrophengemeinschaft. Wie sich die Menschen an wechselnde Umweltstrukturen anpassen (müssen), zeichnet sich auch der Sport durch prägnante Adaptationen aus. Im weiteren Verlauf sollen die theoretischen Vorüberlegungen der psychologischen Risikoforschung auf den Bereich des Sports, insbesondere den Risikosport übertragen werden. Vorher erscheint es als angemessen, einige Gedanken über den gesellschaftlichen Wandel und seine Auswirkungen auf das System Sport anzureißen.

Anzeichen einer neuer Moderne

„Die Zeiten ändern sich“ heißt eine oft gehörte Phrase des Alltags. Damit verbunden sind mittlerweile auch Veränderungen in vermeintlich etablierten Strukturen, aber auch in Normen, Ansichten und Denkweisen. Nach Becks (vgl. 1986, S. 25) Gedanken über die „Logik der Reichtumsverteilung und der Risikoverteilung“ geht die fortgeschrittene Gesellschaft und die damit verbundene Produktion von Reichtum „systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“. In Anlehnung an Schulze (1993) kann dabei auch von einer Erlebnisgesellschaft die Rede sein, welche durch die „Vermehrung der Möglichkeiten“ (Schulze, 1993, S. 33) geprägt ist. Ob der Anstieg des Lebensstandards, die Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten, die Auflösung starrer biographischer Muster, die technischen Fortschritte oder eben die Zunahme der Freizeit sowie deren Gestaltungsoptionen – alles das lässt eine „sich perpetuierende Handlungsdynamik (entstehen - S. K.), organisiert im Rahmen eines rasant wachsenden Erlebnismarktes, der kollektive Erlebnismuster beeinflusst und soziale Milieus als Erlebnisgemeinschaften prägt“ (ebd., S. 33). In Anbe-tracht des vermuteten gesellschaftlichen Paradoxons sieht Groenemeyer (vgl. 2001, S. 48) allerdings weniger eine Erhöhung des Risikopotentials in der neuen Moderne als vielmehr eine Modifizierung der Gefahrenwahrnehmung im Hinblick auf die erhöhte Risikosensibilität bzw. verringerte Risikoakzeptanz. Er verweist dabei infolge der permanenten „Neuentdeckung“ und Problematisierung von Risiken eher auf die Form einer „Zero-Risk Society“ anstatt den viel-zitierten Terminus „Risikogesellschaft“ zu verwenden. Apter (1994) beschäftigt sich in diesem Kontext mit der Frage, welchen Stellenwert die Tendenz zur Suche nach starker Erregung bzw. Risiko in der heutigen Gesellschaft einnimmt. Er konstituiert dabei eine radikale Veränderung der westlichen Moderne, dergestalt, dass sie in hohem Maße sicherer geworden ist und die Menschen sich somit auch sicherer fühlen können. Diese Veränderungstendenzen, die Zu-nahme von Komplexität, Spezialisierung, Technologie und Fortschritt, lassen für Apter (1994) den Schluss zu, dass nutzbringende Risiken lediglich von Experten und Fachleuten eingegangen werden (können). Das „Zeitalter der Angst“ steht dem „Zeitalter der Langeweile“ (ebd., S. 240) gegenüber, das steigende Bedürfnis nach Aufregung steht demnach im Konflikt mit den schwindenden Optionen, sinnvolle Risiken einzugehen. Apter (1994, S. 238) sieht in diesem Widerspruch eines der gesellschaftlichen Hauptprobleme:

„Je sicherer wir unser Leben gestalten, desto stärker tendieren wir zum Risiko und liebäugeln mit Gefahr.“

Digel (2001), beschreibt diesen gesellschaftlichen Wandel aus einer modernisierungstheoretischen Sichtweise anhand von sieben Tendenzen, die seines Erachtens den Übergang aus der „Industriegesellschaft in eine Informations- und Wissensgesellschaft“ (Digel, 2001, S. 9) andeuten. Neben der Individualisierung, bei der es zu einer schrittweisen Erosion tradierter Lebensgemeinschaften sowie der Infragestellung ursprünglicher, handlungsleitender Muster und kultureller Normen, nach Digel auch als fortschreitende Säkularisierung verstanden, zu kommen scheint, steht die Rationalisierung. Hierunter wird die steigende Zuwendung hinsichtlich zweckrationaler Entscheidungen zusammengefasst. Statt Prinzipientreue und Wertüberzeugungen bilden Input/Output-Kalkulationen das Primat für die Bürger. Internationalisierung bzw. Globalisierung, Ökonomisierung, Verrechtlichung und Verwissenschaftlichung bilden weitere Eckpfeiler der sich herausbildenden Moderne. Schlussendlich gilt die Mediatisierung als folgenreicher und vielerorts unverzichtbarer Trend der heutigen Gesellschaftsform. Das dadurch jedoch häufig einzig und allein von den Massenmedien definiert wird, was in dieser Gesellschaft Relevanz erlangt und was nicht, bleibt manchmal unberücksichtigt. Nach Ansicht Digels (2001, S. 11) existiert heutzutage auch das Problem der Routinisierung, Bürokratisierung und Langeweile im Arbeitsleben, weshalb die Menschen in ihrer Freizeit vermehrt Spannung, Abenteuer, Nervenkitzel und Risiko suchen. Diese Optionen werden einerseits ohne Risiken für die eigene Person beispielsweise vom Sportfern-sehen befriedigt. Man setzt sich keinerlei Gefahren i. e. S. aus, wenn man sich die Formel 1, ein Fußballspiel oder ein Kajakrennen im TV anschaut. Das Bedürfnis nach Spannung und Unterhaltung, eben gerade dieses Mittendrin sein, kann durch den technologischen Fortschritt mittlerweile von den Medien (völlig gefahrlos) befriedigt werden. Andererseits reichen vielen Menschen diese Stimuli im Zeitalter der „dicken Bäuche“ (Beck, 1986, S. 27) nicht mehr aus, ja sie fühlen sich sogar von der enormen Flut unterhalterischer, teils inszenierter Offerten der Medienwelt bedrängt und auf Grund deren Inhalte ungesättigt und in Langeweile versetzt.

„Satt, verwöhnt und durch ein halbes Dutzend Policen gegen alle Risiken und Wechselfälle des Lebens weitgehend abgesichert“ (Hartmann, 1996, S. 79), bleibt dabei als ein häufiges Credo stehen. Auch Tibor Scitovsky (vgl. dazu 1976/1977) konstatiert in seiner „Psychologie des Wohlstands“ über die west-lichen Welten ähnliche Ansichten. Seine Forschungen verdeutlichen den wachsenden Mangel an Abwechslung und Anreiz sowie die Angst vor der Lange-weile. Kann das Alltagsleben kein optimales Reizniveau mehr bieten, verstärkt sich die Sehnsucht nach Wohlbefinden, körperlicher Bewegung, Spaß und Risiko (vgl. Opaschowski. 2000, S. 16). So kann nicht ausgeschlossen werden, dass die bereits von Knebel (1960) prognostizierte optische und akustische Reizüberfütterung, die Angst vor der Langeweile und Lustlosigkeit, als einzigen Ausweg das Ausweichen auf kinästhetische Empfindungen haben wird (vgl. Opaschowski, 1999, S. 165). Reiz- und vor allem inhaltsvollere Freizeitaktivitäten im neuen Stil scheinen somit an der Tagesordnung zu stehen. Der Anzug mit Lackschuhen wird nach dem beruflichen Alltag nicht einfach mehr nur durch Joggingsachen mit Pantoffeln getauscht (,einige überzeugte Fitnessathleten werden sicher mit den passenden Trainingsschuhen ihr individuelles Laufprogramm „herunterrattern“), sondern mittlerweile gehören auch Mountainbikes, Taucherflaschen, Kletterausrüstungen, Gleitschirme oder ganzes Surfequipment zum Kofferrauminventar vieler PKW. Neuer Stil bedeutet dabei in Anlehnung an Opaschowskis Thesen (vgl. dazu 1987, 1996) über die Freizeitgestaltung im Erlebniszeitalter, dass sich neben der Expansion der Erlebnisindustrie (z. B. Badelandschaften, Kino- und Shoppingparks, Kneipenmeilen) als Konkurrenzgebilde zum aktiven und vor allem vereinsmäßig strengorganisierten Sporttreiben, besonders der Trend zum Outdoorsport sowie eines individuellen „erlebnis- und spaßorientierten Freizeitverhaltens“ (vgl. Heinemann & Schubert, 1994, zitiert bei Opaschowski, 1999, S. 172) abzeichnet. Kurz um, das „frisch, fromm, fröhlich, frei“ eines Turnvater Jahn bekommt zunehmende Konkurrenz – oder wie es Schulze (1993, S. 33) exemplarisch formuliert: „Erlebe dein Leben!“ heißt nun der kategorische Imperativ.

Risikosportarten: Suche und Sucht nach neuen Bewegungsgefühlen

Anknüpfend an die bereits von Knebel (1969) prognostizierte Überflutung mit optischen und akustischen Reizen, zudem auch Apters (vgl. 1994, S. 21) berechtigte Sorge, dass Langeweile und Lustlosigkeit in Gewalttätigkeit umschlagen könnte, lässt nunmehr die Frage aufkommen, welchen Ausweg bzw. Gegenpart wir auf Grund dieser sinnlichen Sensationssteigerung in seiner denkbar üppigsten Form wählen? Existieren Ausgleichsaktivitäten und Ventile, um sich einerseits dem massiven sensorischen Reizansturm, zum anderen aber der zunehmenden Reizarmut bedingt durch gesellschaftliche Wandlungsprozesse entlastend gegenüber zu stellen?

Tatsache ist, dass veränderte Körperlagen, hohe Beschleunigungen und Geschwindigkeiten, wie u. a. beim Fallschirmspringen, Looping- oder Achterbahnfahren oder einfach nur bei rasanten Autofahrten erlebbar, völlig neuartige Empfindungsqualitäten, gar rauschartige Zustände, beispielweise Höhen- oder Geschwindigkeitsrausch, erfühlen lassen können. Gerade diese Vitalität der Bewegung sowie die unmittelbare und opiatähnliche Wirkung auf den mensch-lichen Körper, scheint eine Erklärung für die zunehmende Ausbreitung und Weiterentwicklung von Trend- und Risikosport zu sein (siehe hierzu Mürder, 1978; Neumann, 1999; Opaschowski, 1999, 2000, 2001).

Trotz der scheinbaren Klarheit über die Bedeutung und das Wesen des Begriffes Risikosport, lässt sich doch beim schärferen Betrachten keine endgültige Aussage darüber treffen, was alles unter Risikosport subsummiert werden kann und muss, vor allem aber und hier scheint die Transparenz noch stärker zu fehlen, wer konkret als Risikosportlerin und Risikosportler anzusehen ist. Zahl-reiche Studien geben Auskunft über den Nutzen und die Risiken des Sports. In den Statistiken von Behörden, Versicherungen und Sportverbänden wird deutlich, dass eine Vielzahl von Sportarten, über das allgemeine Verletzungsrisiko jeder sportlichen Betätigung hinaus, ein besonders hohes Verletzungs- sogar Todesrisiko in sich birgt. Differenziert wird in solchen Statistiken u. a. nach Todesfällen, schweren sowie leichten Verletzungen, Dauerfolgen, ärztlichen Behandlungen usw. Ferner beziehen sich Risikoaussagen dabei meist auf die Häufigkeit der Ausübung, beispielsweise basierend auf jährlicher und lebenslanger Betätigung. So zeigt eine Studie (vgl. Würtenberger, 1991, S. 2 f.), dass besonders Experten im Bergklettern das höchste Todesrisiko aufweisen. Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls wird dabei, unter Zugrundelegung einer lebenslangen Teilnahme (Basis: 25 Jahre), mit 1:7 bei Experten, mit 1:70 bei allen anderen Bergkletterern prognostiziert. Betrachtet man hingegen die Verteilung des Risikos anhand von schweren Verletzungen, weißt zwar die Sportart Fußball ein geringes Todesrisiko auf, allerdings ist hier die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung mit langanhaltenden Folgen bezogen auf ein Jahr (Basis: 25 Spieltage) mit 1:18, bezogen auf eine lebenslange Ausübung mit 1:4,5 besonders hoch. Abstrahiert dargestellt birgt demzufolge die Sportart Fußball ein deutlich höheres Risiko schwer verletzt zu werden als beispielsweise das Drachenfliegen (1:56 bezüglich jährlicher Betätigung).

Bereits diese beispielhafte Kurzdarstellung bestätigt die fehlende Transparenz einer klaren Definition zum Risikosport. Bezieht man neben der Unterscheidung der jeweiligen sportartspezifischen Todes- und Verletzungsgefahren zusätzlich noch die individualpsychologische Komponente der Risikobereitschaft sowie die Veränderungsmöglichkeit des Risikofaktors mit zunehmenden Fähigkeiten und Fertigkeiten infolge eines kontinuierlichen Trainingsprozesses (Stichwort: Superkompensation, siehe dazu u. a. Knoll, 2001) in die Evaluierung riskanter Sportformen ein, wird die konkrete Zuordnung um ein Vielfaches diffuser. Heitzlhofers (1979, S. 329) Definitionsversuch betrachtet Risikosportarten als „...eine Betätigung in Extremsituationen, die mit starkem Gefahrenrisiko verbunden...“ ist. Nach Apters (1994) Einschätzungen, muss dabei der eingangs erläuterte Aspekt der Freiwilligkeit berücksichtigt werden. Risikosportler gehen reale Risiken ein, nehmen Gefahren in Kauf und sehnen sich nach kalkulierbaren Herausforderungen. Diese „Politik des äußersten Risikos“ (Apter, 1994, S. 62) praktizieren sie offensichtlich nicht trotz, sondern gerade wegen des Risikos. Mürder (vgl. 1978, S. 11 f.) konstatiert dabei ein neuartiges Charakteristikum dieser Sportformen, bei der die Lokomotion, meist im Umgang mit speziellen Sportgeräten (z. B. Fallschirme, Lenkdrachen, Segel, Kletterhilfsmittel etc.), im Mittelpunkt steht. Hierbei wird der Fakt der Sicherheit in gewissem Maße aufgegeben und der Sportler begibt sich freiwillig in gewagte Situationen. Risikosportarten gehen häufig mit Geschwindigkeitserlebnissen und/oder Erfahrungen in exponierten Raum- und Körperlagen einher, wobei der jeweilige Athlet darauf vertraut, die notwendige Handlungsfähigkeit und Kompetenz zu deren situativen Bewältigung zu besitzen. In Anlehnung an Schleske (vgl. 1977, S. 118 ff), er spricht auf Grund der örtlichen Ausübung auch von Natursportarten, existiert infolge der Vielzahl möglicher Rahmenbedingungen, individuellen Stile und Technikdifferenzen eine Normierung nur im Wettkampf. Trotz der weitgehenden Kalkulierbarkeit von Risikosportarten, besteht dennoch genügend „Platz“ für unberechenbare und unüberschaubare Situationen, die nur selten mit bereits Erlebtem identisch sein werden (vgl. Mürder, 1978, S. 12). Vielleicht ist gerade dieses Gefühl der Unberechenbarkeit und Nichtvoraussehbarkeit ein Indiz dafür, dass es neben der steigenden Popularität „typischer“ Outdoorsportarten, wie dem Canyoning, Drachenfliegen, Extreme Skiing, Kitesurfing, Sky Diving etc., auch in der stadtkulturellen Sportentwicklung vermehrt zur Ausdifferenzierung von Aktivitäten und Erlebnisformen mit expliziter Risikosuche und -bewährung kommt. Erwähnung finden sollen hier vor allem der körperbetonte Aktivismus der Streetball-, Skateboard- resp. Inlinermilieus, die mit der Ausbildung neuer, souverän beherrschter Risikoaktivitätsmuster und modifizierter Formen individueller Selbstbeschreibung eine weitere Etappe der neuzeitlichen Sportgeschichte einläuten (vgl. Rittner, 2001, S. 217).

Dieser scheinbare Trend („Soft Adventure Trends“, vgl. dazu Rupe, 2000; Rittner 1989 und 1996; Opaschowski, 1994 und 2001) hin zum Abenteuer, zur Extremisierung, zur Erhöhung des Risikoniveaus, schlichtweg die Herauskristallisierung nunmehr eigenständiger Sportkonzepte und Bewegungsmuster, verdeutlicht die Komplexität all jener Formen des neuen Sport- und Selbsterlebens, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten als beschleunigter Strukturwandel des Sports bemerkbar gemacht haben (vgl. Rittner, 2001, S. 218). Jene Vielfalt zeigt sich bereits im Hinblick auf die begriffliche Umschreibung des gegen-wärtigen Sportpanoramas. So weisen Teile der verwendeten Literatur darauf hin (siehe auch Opaschowski, 2000; Rittner, 2001), und dies wurde auch vom Autor im Vorfeld so verstanden und deshalb dieser Arbeit unterstellt, dass auf Grund der diversen Ausprägungsformen riskanter und gefährlicher Sportarten, die Begriffe Risiko-, Extrem-, Abenteuer- beziehungsweise Wagnissport synonymisch gelesen werden können. Es wird dahingehend einer Diversifizierung der Begriffe zugestimmt, welche Egner und Kleinhans (vgl. 2001, S. 61 ff) unter Rückgriff auf die angloamerikanische Definition bezüglich der Einteilung in „Extreme Sports“ und „Thrill Sports“ vornehmen. Die Merkmale des Extremsports sind für beide Autoren das „Grenzgängertum“ sowie das subjektive Erleben eigener körperlicher Grenzen. Determinanten zum „Thrill Sport“ münden nach Egner und Kleinhans (2001) im freigesetzten Kick durch extreme und oftmals lebensgefährliche Situationen. Demgegenüber finden sich in der Literatur weitere Hinweise, die eine Trennung, zumindest des terminologischen Verständnisses der zentralen Wörter „Risiko“, „Wagnis“, „Abenteuer“ präferieren. Kritisierend merkt Schleske (vgl. 1977, S. 45) dazu an, dass diese Begriffe in der Literatur (u. a. von Balint, 1959) nicht hinreichend scharf unterschieden werden. Seiner Ansicht nach lassen sich insofern Differenzen feststellen, dass das Abenteuer Indizien des Überraschenden und Zufälligen, Wagnis hingegen als markante Eigenschaft existentielle Erfahrung beinhaltet. Das Risiko ist schließlich für Schleske (1977) durch die Kalkulierbarkeit der Handlungsergebnisse charakterisiert. Neumann (vgl. 1999, S. 9 f.) versteht in seiner Abhandlung über Wagnisse im Sport (in Anlehnung an Köck, 1990, S. 13 ff) das Abenteuer als länger andauernde Unternehmung mit unsicherem Ausgang, wobei er dem Wagnis (als kurze und intensive Ereignisform) keine schicksalhaften Züge zuschreibt, sondern es als eine Situation definiert, die eher von der beteiligten Person initiiert wird. Beim Wagnis geht man selbst auf Hindernisse zu, beim Abenteuer hingegen kommen die Hindernisse auf das Individuum zu. Trotz der alltagssprachlichen Ähnlichkeit in der Verwendung von Risiko und Wagnis, häufig wird der Begriff „Risiko“ vorgezogen, weist Bollnow (vgl. 1965, zit. bei Neumann, 1999, S. 10) auf Differenzen zwischen beiden Begriffen hinsichtlich derer Bedeutungsbestimmung hin. So bezieht sich das Wagnis eher auf personen-gebundene Gefahren, wogegen das Risiko vermehrt im technischen Kontext, in mathematischen oder auch versicherungstechnischen Rechenmodellen seine verbale Anwendung findet. Luhmann (vgl. 1991, S. 3) führt dazu vor dem Hintergrund seiner Begriffsdifferenzierung von Risiko, Wagnis und Gefahr aus, dass es sich bei Wagnissen um „individuelle Nischen“, gegenüber den gesellschaftlichen Risiken handelt. In sinngemäßer Übereinstimmung mit Luhmann, zieht somit auch Neumann (1999, S. 11) den Terminus des Wagnisses gegenüber dem Risiko vor:

„Im sportlichen Wagnis wird selbsttätig eine unsichere Situation aufgesucht und mit Hilfe der eigenen Fähigkeiten bewältigt.“

Um den Grundtenor über das Verständnis und den synonymhaften Gebrauch der Begriffe Risiko-, Extrem-, Abenteuer- und Wagnissport in der vorliegenden Arbeit noch einmal zu verdeutlichen, soll an dieser Stelle exemplarisch die Untersuchung von Goffmann (1971, S. 164 ff) angeführt werden, welche „die subjektiven Erlebnismerkmale und objektiven Situationsmerkmale von Abenteuer, Wagnis und Risiko in sich vereinigt“ (Schleske, 1977, S. 45) und mit dem Terminus „Action“ überschreibt. Als „Action-Sportarten“ werden hier u. a. Bergsteigen, Tieftauchen sowie Wellenreiten aufgeführt, die in ihren Handlungen „folgenreich und ungewiss sind und um ihrer selbst willen unternommen werden“ (ebd.). Auch der Aspekt der Erholung und des enthaltenen Risikos, die physische Gefahr sowie die Suche „nach Erregung und ‚prickelnder Unsicherheit’“ (ebd.) werden als Motive für die Betätigung im Action-Sport genannt.

Diese abschließenden Ausführungen legen die Zweckmäßigkeit und Plausibilität der existierenden, engverwandten Begriffe des Risikosports offen und sollen deren synonyme Verwendung im Weiteren rechtfertigen. Rückgreifend auf die obige Erwähnung der verschiedenen Termini bleibt darüber hinaus festzustellen, dass jene Sportarten über ihre begriffliche Verwandtschaft hinaus auch Assoziationen des neuverstandenen Trendsportpanoramas aufweisen, „(...) die krass vom Bild eines wohl integrierten, harmlosen, in Riegenform und im Rahmen der Vereinsgeselligkeit ausgeübten Sporttreibens im Sportverein abweichen“ (Rittner, 2001, S. 218) und schon vor über 18 Jahren von Opaschowski (siehe dazu 1987 und 1996) als Thesen über die Zukunft des Sports prognostiziert wurden.

Liegt Wagnistum im Trend?

In äquivalenter Problematik des bisherigen Versuchs der begrifflichen Klärung von Risikosport, gestalten sich auch die Definitionsversuche zum Trendsport, trotz erkennbarer verwandtschaftlicher Verbindungen, als sehr komplex. Was ist Trendsport, wurde von Jürgen Schwier (vgl. 2003, S. 18) auf dem Kölner Trendsportsymposium gefragt. Trotz der mittlerweile fortge-schrittenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik, ist eine ähnliche Definitionsdiskrepanz beim Trendsport zu verzeichnen, wie es auch bei anderen Spezialbegriffen des Sports (beispielsweise Gesundheitssport, Freizeitsport, Funsport etc.) der Fall ist. Problematisch zeigt sich dabei die Frage, welche Akteure im Prozess der öffentlichen Kommunikation diese Definitionsversuche meinungsbildnerisch determinieren (vgl. Breuer & Michels, 2003, S. 12). Zu nennen sind hier sicherlich neben sozialen Gruppen und Szenen, vor allem die Wirtschaft, die Werbeindustrie sowie die Massenmedien. Ob dieser Einfluss der drei Letztgenannten bereits die Grenze des Verträglichen überschritten hat, bleibt für Opaschowski (1994, S. 27) diskutabel und bedenkenswert:

„Fast alles, was derzeit an sportlichen Modewellen über den Atlantik zu uns schwappt, bekommt die Aura einer Trendsportart verliehen – auch unabhängig davon, ob der Trend sich durchsetzt oder nicht.“

Trotz allem lassen sich in der Literatur geeignete Definitionsansätze herauskristallisieren. So versteht Schwier (2003, S. 18) unter Trendsport all jene „Veränderungstendenzen des Sports, die (explizit oder implizit) mit bewegungskultureller Erneuerung und Innovation einhergehen.“ Insbesondere qualitative Merkmale, welche die Andersartigkeit der Sportformen beleuchten, bilden hierbei das entscheidende Augenmerk für den Trendsport. Dies zeigt sich vermehrt in der Abkehr von traditionellen Sportarten hin zu Innovationen, expliziten Stilisierungsintentionen und Ästhetisierungen sowie in einem deutlichen Streben nach Erlebnisorientierung, Unabhängigkeit und Freiheit. Daran anknüpfend kann gesagt werden, dass die teilweise Erfindung neuer Trendsportformen seit einigen Jahren bereits selbst einen Trend beschreibt. Der Trendsportbegriff kann dabei unter Bewegungsformen mit neuartigen und lifestyle-gerechten Elementen subsummiert werden, welche als sogenannte „charismatische Produkte“, so bemerken Lamprecht und Stamm (vgl. 1998, S. 372), hohe Verbreitungs- und Nachfragepotenziale inne haben. Auf Grundlage dieser ausgewählten Definitionsansätze lassen sich die prägnanten Merkmale des Trendsports zusammenfassen:

1. Trend zur Stilisierung

Hierbei wird deutlich, dass die Praktizierung von Trendsportarten häufig über das reine Sporttreiben hinausgeht und vielmehr die Sportart als ein selbstverständliches Element des individuellen Lebensstils fungiert. Man führt sozusagen das Leben eines Boarders oder Surfers, mit all seinen Gesten, Ritualen, Sprach- und Dresskodes. An die Stelle des traditionellen Sportvereins tritt demzufolge die Bildung expliziter (Biker-, Skater- oder Kiter-) Szenen.

2. Trend zur Beschleunigung

Seit etwa einem Jahrzehnt stellt das Phänomen der Beschleunigung eine Art sportkulturellen Megatrend dar, wobei es insbesondere für die Entwicklung und Verbreitung innovativer Bewegungsformen eine herausragende Rolle spielt. Einen wesentlichen Beitrag leisten dabei vor allem die Massenmedien die Sport teilweise (nur noch) als inszenierte Unterhaltung präsentieren. Helmkameras bei B.A.S.E.-Jumpern, Spezialkameras für Zweikämpfe oder Zeitlupen extremer Kurvenlagen sind dabei noch die einflussreduziertesten Mittel seitens des Mediensystems.

Demgegenüber sind jedoch viele Trendsportarten im Vergleich zu konventionellen Sportformen per se mit hyperaktiven, temposteigernden und dynamischen Eigenschaften besetzt. So resümiert Schwier (vgl. 1998, S. 39 ff), dass gerade diese extreme Rasanz und Dynamik des Sichbewegens, die hohe Aktionsdichte sowie der abrupte Wechsel der Anforderungen, quasi ein rauschhaftes Aufgehen im Tun bzw. Verschwinden in der Bewegung, das Flow-Erleben (vgl. Csikszentmihalyi, 2000), die originären Merkmale des Snowboardings, des Streetballs oder eben des Kitesurfens sind.

3. Trend zur Virtuosität

Gemeint ist hiermit vor allem die Überschreitung des binären Sieg-Niederlagen-Kodes und der damit implizierten rationalen Leistungsproduktion. Auffällig wird dies insbesondere bei Skatern, Mountainbikern, BMXern, Surfern, also bei Sportlergruppen, bei denen innovative Bewegungsformen mit Abenteuercharakter an der Tagesordnung sind. Diese Szenen leben Ihren Sport so, dass sie „auch ohne vorrangige Orientierung an einer Überbietungsperspektive dem Ideal des Besserwerdens folgen, sich mit ganzer Leidenschaft dem Einüben oder der Perfektionierung von Tricks hingeben und neue Fertigkeiten erfinden“ (Schwier, 2003, S. 25 f.).

4. Trend zur Extremisierung

Wo immer man heutzutage über Trendsportarten berichtet, ist die Diskussion über den „Extrem“-Begriff nicht weit. Nicht nur im Bereich der Risikosportarten, ebenso bei diversen Variationen von ausdauer- und fitnessorientierten Bewegungsformen, bildet die Extremisierung einen stetig dynamischen bzw. an-dauernd fortschreitenden Prozess.

5. Trend zum Event

Die neue Vereinssportkultur zeigt bereits seit einigen Jahren Anzeichen der vermehrten Unterhaltungsorientierung ihrer Organisations- und Inszenierungsformen. Wir befinden uns sozusagen auf dem Weg vom Wettkampf zum Mega- (und Media-) Event (vgl. dazu Dayan & Katz, 1994). Wie bereits oben hinge-wiesen, ist eine zunehmende Kommerzialisierung, Dramatisierung, Erlebnis-orientierung etc. im System des Sports mit teils wohlwollendem Einverständnis, teils mit expliziten (fernseh- und zuschauergerechten) „Einflusshilfen“ seitens der Medien und werbeführenden Industrie zu verzeichnen. Dabei sind die Gedanken über die Blaufärbung des Eises beim Eishockey oder die Vergrößerung der Bälle beim Tischtennis, um das Spiel langsamer zu gestalten, anscheinend nur harmlose Nebeneffekte der einflussreichen Sportberichterstattung. Fraglich dabei bleibt jedoch, und hier zeigt sich die eigentliche Problematik der Kommerzialisierung und Mediatisierung traditioneller Sportarten, wie weit die Anpassung des Sports an eine mediengerechte Vermarktung gehen kann und darf, bevor der er seinen sinngebenden und ursprünglichen Charakter gänzlich verliert (vgl. Gleich, 2000, S. 512). Dieser Einflussnahmen zum Trotz, stellen die Sportveranstaltungen der „Street-Skate-Snow-Dance-Fashion-Fraktion“ (vgl. hierzu Schwier, 1998) von jeher einen „ironisch-subversiven Gegenentwurf zu den Inszenierungen des Vereinssports dar“ (Schwier, 2003, S. 28).

6. Trend zum Sampling

Bekanntheit erlangte der Begriff „Sampling“ nicht nur im Bereich des Trendsports, sondern auch in anderen Segmenten der populären Kultur, so z. B. in Mode, Musik oder Literatur. Auch die bekannten Diskussionen um das Stichwort „Hybridisierung“ weisen auf verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Sampling hin. Im sportorientierten Kontext kommt es dabei zur Herauslösung existierender Traditionsdisziplinen und -bewegungsformen, zur Kombination von unterschiedlichen Mustern der Körperhandhabung sowie der Vermischung mit neuausgebildetem, heterogenem Material (z. B. Tae Bo, Inline-Aerobic, Triathlon etc.), was nach Turkle (vgl. 1998, S. 414 ff) ein Bedürfnis nach dem Ausleben innerer Vielfalt reflektiert und „letztlich ein kreatives Umgehen mit der Unbestimmtheit postindustrieller Konsumkulturen“ (Schwier, 2003, S. 31) impliziert.

Als Resümee jener Aussagen ergibt sich, dass diese allgemeinen Merkmale des Trendsports nicht in allen Praktiken des neuen Sportpanoramas anzutreffen sind bzw. in sie hineinwirken. Trotz der hohen Vielfalt und Heterogenität innovativer Bewegungsformen, wird in der Literatur idealtypisch eine Dreiteilung des Trendsports vorgenommen. Beispielhaft soll dafür erneut die Sichtweise von Schwier (vgl. 2003, S. 21) zu Rate gezogen werden, die in folgender Abbildung verdeutlicht wird. Demnach lassen sich die Bewegungsformen mit expliziter Fitnessorientierung, die Risikosportarten sowie die sogenannten „Funsportarten“ unter dem Dach des Trendsports zusammenführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Ausgewählte Trendsportarten (nach Breuer & Michels, 2003).

Diese Staffelung scheint im Hinblick auf die häufig fehlende Transparenz über das Definitionsverständnis von Trend-, Risiko- und Extremsportarten sehr pragmatisch und plausibel, obwohl es bei der konkreten Zuteilung der einzelnen Sportarten weiteren Überlegungen bedarf. So bleibt an dieser Stelle kritisch zu hinterfragen, ob das Wakeboarding in der gleichen Kategorie verankert sein sollte, wie beispielsweise das Freeclimbing oder Paragliding. Auf der anderen Seite bleibt fraglich, ob im speziellen die Sportart „Kitesurfing“ oder das „Mountainbiking“, bezüglich Anforderungsstruktur oder potentieller Gefahren und Risiken im selben Atemzug mit „Beachvolleyball“ genannt werden kann. Dem entgegen differenziert Opaschowski (vgl. 2000, S. 80) die neue Bewegungskultur in Abhängigkeit von den Faktoren Lifestyle und Thrill, wobei Teile des Trend- und Risikosports die bereits angesprochene Schnittmenge bilden.

Im Zusammenhang verwandtschaftlicher Aspekte von Trend- und Risikosport, die Feststellung, dass nicht alle Trendsportarten einen risikobehafteten Faktor implizieren und umgekehrt, scheint banal, lassen sich nach Rittner (vgl. 2001, S. 217) vier zentrale Merkmale zur Beschreibung des Risikosports benennen:

1. Risikosportarten ermöglichen explizite Risikoerfahrungen bei Zurück-drängung sonst üblicher Regeln und Formen des Wettkampfsports aus traditioneller Sicht;
2. der Wunsch nach gesteigerter individueller Selbstwahrnehmung und -darstellung kann durch sie vermehrt realisiert werden;
3. sie entbinden sich von traditionellen Sportrollen und bilden das Fundament der aktiven Reizsuche (siehe Zuckerman, 1979) sowie verleihen
4. Risikosportarten durch ihre Ästhetisierung einen adäquaten sozialen und kulturellen Ausdruck.

Überträgt man weiterführend die Aussagen von Zutt (vgl. 1963, S. 312 ff) über den Höhenschwindel, einerseits als psychologisches Phänomen (Unsicherwerden der Standfläche durch die Wahrnehmung des Abgründigen), andererseits als psychosomatische Tatsache (das Stehen am Abgrund und der Blick in die Tiefe äußert sich zusätzlich in den Beinen), auf den Risikosport, können diese Sportarten als „Sphäre existentieller Grenzsituationen“ (Schleske, 1977, S. 122) charakterisiert werden. Auch der Ansatz Rheinbergs (1996) betrachtet Wagnissport als komplexes Risikoverhalten in Grenzsituationen, genauer spricht Rheinberg von einem „Anreiztrias“, welcher das Kompetenzerleben, die erregende Bedrohungswahrnehmung sowie ungewöhnliche Bewegungszustände als Determinanten des Risikosports ausmacht (vgl. 1996, S. 112). Die bestehende Wechselbeziehung zwischen Kompetenzerleben und Bedrohungswahrnehmung zeigt dabei eine ursächliche Bedingung des Extremsports auf. Je größer das individuelle Können, desto höher gestalten sich die Möglichkeiten aber auch der Drang nach gesteigerter Reizintensität. Im Gegensatz dazu tendiert der Sportler bei geringerem Kompetenzpotenzial zu Bedrohung und Angst (vgl. Neumann, 1999, S. 88 f.). Die dritte Anreizkomponente, die erregende Bedrohungswahrnehmung, spielt nach der Auffassung Rheinbergs (1996) im Hinblick auf das Konstrukt des Sensation Seeking (vgl. Zuckerman, 1983a) eine entscheidende Rolle für die Motivation zu Abenteuersportarten. Rheinberg (1995, S. 155) verweist dabei auf die „starke Tendenz zu einem fähigkeitsabhängigen Risiko“, was das Ausüben lustvoller, erregender und in gewisser Weise bedrohlicher Reizsituationen (Nervenkitzel, „Angstprickeln“ etc.) unter Berücksichtigung der eigenen Fähigkeiten impliziert. Es kann nach vorliegenden Befunden (vgl. dazu z. B. Rittner, 2001) nur in den seltensten Fällen davon ausgegangen werden, dass Extremsport von dessen Protagonisten in unkontrollierter oder bewusst selbstgefährdender Art und Weise betrieben wird. Zwar wird deutlich, dass sich die Motive zum Risikosport von den traditionellen Sportmotiven unterscheiden, allerdings schließt Wagnissport, verstanden als eigenständiger Sozialisationsprozess „...demnach ein explizites Bestreben nach Risikokontrolle...“ sowie den „...Genuss von Kompetenz- und Könnenserfahrungen, mit denen Formen unkontrollierbaren Risikos bewältigt und gemanagt werden“ (Rittner, 2001, S. 226) in das rationale und zielgerichtete Sportverständnis mit ein. Darausfolgend können eine Vielzahl von Motiven und Faktoren für die Affirmation zum Trend- bzw. Risikosport genannt werden:

- Spaß haben
- das Sportgerät beherrschen
- Landschaft und Natur erleben
- Konzentration auf die Bewegungsaufgabe
- Einklang zwischen Anforderungen und individuellem Können herstellen
- Technik und Taktik verbessern
- Anwendung bisher erworbener Fähigkeiten und Fertigkeiten
- Abenteuer und Nervenkitzel erleben
- Kompensation von Langeweile
- Erregung spüren
- Flow erleben
- Zweckfreiheit, Selbstbekräftigung, Aktivierung
- soziale Anerkennung

In Anlehnung an die Forschungen von Cordes (1993) zu den Motiven von Drachen- und Gleitschirmfliegern, kann die angeführte Motivauswahl, welche einerseits keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, zum anderen in dieser Aufzählung keine Wertung darstellen soll, durch faktorenanalytische Ergebnisse in die Aspekte „Anwendung und Entwicklung individuellen Könnens“, „Wettkampf- und Leistungsambition“, „Selbstdarstellung und Erlebniswelt“ sowie „Kompensation der Alltagsbelastung“ allgemeingültig dem Risikosport zugesprochen werden.

Warum immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen – Betrachtungen der Motive des Wagnissports aus individualpsychologischer Perspektive

Die als Exempel für die weiteren Ausführungen übernommene Titelüberschrift von Michael Apter (1994) zeigt zwar nicht die komplette Bandbreite der individuellen Motivzuschreibungen zum Risikosport, legt wohl aber eine wesentliche Begründung für die Ausübung dieser Sportformen offen. In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, neben Betrachtungen zum Nervenkitzel, der Angst und der Angstlust (Thrill) auch andere, oftmals in der Diskussion um Risikosport verwendete Stichworte wie Langeweile, Zweckfreiheit und Flow zu erörtern. Es wird dabei im Folgenden darauf geachtet, eine begriffliche Klärung des Angstzustandes und dessen verwandten Termini weitgehend zu vermeiden, und mehr die Einordnung der Merkmale von Angst und Angstlust in Bezug auf den Extremsport in den Vordergrund zu stellen. Für den interessierten Leser wird diesbezüglich die Lektüre expliziter Literatur zur Angstforschung empfohlen.

Kurz referiert lässt sich Angst als einen emotionalen Negativzustand begreifen, der „als Reaktion auf das Wahrnehmen, Beurteilen und Bewusstwerden von Gefahren entsteht und zu einer situations- und gegenstandsbezogenen Erregungssteigerung des Menschen führt“ (Schubert, 1981, S. 253). Differenziert wird dabei häufig zwischen Angst als psychischer Eigenschaft, einhergehend mit deutlichen physiologischen Reaktionen (erhöhte Pulsfrequenz, Atemnot, Zittern, Schweißausbruch etc.), sowie dem situationsdeterminierten und gegenstandsbezogenen Zustand der Angst, auch als Furcht bezeichnet. Während Furcht emotional-affektive Antriebsmerkmale besitzt und mit einer Verschärfung der Sinneswahrnehmung verbunden ist, treten Angstzustände (reflektorisch) bei fehlenden Flucht- oder Ausweichalternativen auf (vgl. Kunath & Schellenberger, 1991, S. 112). Es existieren zur Untersuchung von Ängstlichkeit zahlreiche Persönlichkeitsskalen (z. B. Manifest Anexity Scale, vgl. hierzu Lück & Timaeus, 1969) die diesen Zustand anhand von Selbstbeurteilungen durch situations-unspezifische Items aber auch mittels konkreter angsterregender Situationen erfragen wollen. In Bezug auf Ängstlichkeit zeigt sich eine so hohe Korrelation mit Neurotizismus (siehe Kap. 3.2.3), dass die Eigenschaften Ängstlichkeit und Neurotizismus als identisch angesehen werden können. Interpretiert werden kann dies insofern, dass die Befragten eine stabile Meinung über ihre allgemeine Ängstlichkeit besitzen, unabhängig vom aktuellen Angsterleben. Im Gegensatz dazu kristallisierten sich durch Faktorenanalysen unterschiedliche Ängstlichkeitsfaktoren heraus. So zeigt beispielsweise Beckers (1982) Modell eine Ängstlichkeitshierarchie, welche die globale Angstneigung in Zustände von physischen und psychischen Angriffen (Verletzungen, Erkrankungen, Abwertung und Unterlegenheit) bzw. in Angst vor Bewährungssituationen (Auftritte, Selbstbehauptung) unterteilt (vgl. Asendorpf, 2004, S. 177 f.). Abschließen soll dieser Exkurs über die Begrifflichkeit von Angst mit dem Definitionsversuch Epsteins (1973, S. 215). Epstein (1973) sieht Angst „als Zustand ungerichteter Aktivierung bei der Wahrnehmung von Gefahr. Angst unterscheidet sich von Furcht darin, daß (! - S. K.) sie nicht in ein spezifisches Vermeidungsverhalten kanalisiert wird.“ Zwar stellt auch Epstein keine vollständige Transparenz zwischen beiden Begriffen fest und spricht deshalb von einem Angst-Furcht-Verhältnis, trotz allem laufen seine Erklärungsversuche mit anderen Autoren (vgl. hierzu Jaspers, 1948; Cattell, 1966; Kierkegaard, 1995) konform.

Nach Opaschowskis Forschungsergebnissen (1999) aus einer Befragung von 217 Extremsportlern auf Basis einer Repräsentativumfrage von 3000 Personen (ab 14 Jahren) lassen sich die oben dargestellten Gedanken statistisch untermauern. Dabei wird erneut auffällig, das der Aspekt der Vermeidung von Lange-weile, den bereits Voltaire (1694-1778) mit den Worten: „Unser größter Feind ist die Langeweile“ aufgriff (zitiert bei Opaschowski, 2000, S. 18), sich als eine Art Antriebsfeder und fundamentalen „Erregungszustand“ für sportliche (Risiko-) Aktivitäten, neben den Faktoren „Einfach Spaß haben“, „Ultimativen Kick erleben“ sowie „Probier- und Experimentierfreude“ von Individuen repräsentiert. Allgemein differenziert die Wissenschaft über die Psychologie der Erregung, insbesondere nach den umfangreichen und bahnbrechenden Pionieruntersuchungen von Walter Cannon (1929) vier Eckpfeiler der Erregungsskala, abhängig von deren Grad.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die psychologische Erregungsskala (nach Apter, 1994).

Angst und Aufregung als Zustände mittlerer bis starker Erregung, Langeweile und Entspannung als spiegelbildliches Pendant am unteren Ende der Skala, bilden somit die Emotionszustände des menschlichen Organismus aus psychologischer Perspektive (vgl. Apter, 1994, S. 34). Zu den wahrnehmbaren physiologischen Veränderungen bei der Aktivierung des Körpers, die neben dieser psychologischen Sichtweise auch Gegenstand emotionaler Erregung sind, muss an dieser Stelle jedoch auf die einschlägige Forschungsliteratur (z. B. das klassische Experiment zur Erregungssteigerung durch Adrenalininjektion von Schachter & Singer, 1962) verwiesen werden. Zur Unterscheidung der beiden Emotionen Angst und Aufregung, verweist Apter (vgl. 1994, S. 30 ff.) auf den grundlegenden qualitativen Aspekt. Kurz zusammengefasst, ist unter Aufregung (z. B. das Ansehen eines spannenden Films) eine „gute“, unter Angst (z. B. im Wartezimmer des Zahnarztes) eine „schlechte“ Erregung zu verstehen. Betrachtet man die Differenzen im Hinblick auf die Intensität, empfindet man Aufregung mit zunehmenden Maß immer angenehmer, während sich Angst unangenehmer anfühlt. Darüber hinaus kann nach Überschreiten einer bestimmten Intensitätsgrenze die totale Passivität oder Panikreaktion das Ergebnis sein (vgl. Mürder, 1978, S. 41). Beide Erregungszustände nehmen letztendlich wieder in dem Maße ab, wie die Erregung schwindet (vgl. dazu auch Abb. 1).

Wendet man sich nun der anderen Hälfte der Erregungsskala zu, d. h. vom mäßigen zum schwachen Erregungsniveau, wird deutlich, dass auch hier zwei verschiedene Emotionszustände eintreten können. Auf der einen Seite wird Langeweile den unangenehmen Gefühlszustand zur Folge haben, andererseits kann die Phase der Entspannung als sehr positiv im Sinne von Ruhe, Stille und Ausgeglichenheit empfunden werden. Auf Grund dieser Kreuz-Konstellation wird eine Denkweise der Psychologie erhellt, die Langeweile als Pendant zur Aufregung bzw. Entspannung als Gegenpart zur Angst postuliert. Apter (vgl. 1994, S. 38) spricht in diesem Kontext von zwei individuellen Seinszuständen, der Suche nach Aufregung (Nervenkitzel) sowie der Vermeidung von Angst. Bevor sich im Folgenden die weiteren Ausführungen auf den Aspekt des Nervenkitzels bzw. der Angstlust konzentrieren, bietet es sich an dieser Stelle an, das Motiv der Zweckfreiheit und Aktivierung kurz anzureißen. In diesem Fokus wird deutlich, dass die Motive für die Ausübung von Risiko- und Extremsportarten u. a. „im freiwilligen, zweckfreien Aufsuchen von spannungsreichen Situationen gesucht werden müssen“ (Mürder, 1978, S. 41). Zweckfreiheit (siehe dazu auch Graumann, 1969; Berlyne, 1974; Rheinberg, 1989) meint dabei nicht das Erreichen eines zählbaren Endzustandes, sondern vielmehr gilt die Betätigung an sich als anregend und interessant (vgl. Rheinberg, 1995, S. 130). Diese aus der Spieltheorie stammende Überlegung von der Zweckfreiheit modifiziert Heckhausen dahingehend, dass zweckfreie Tätigkeiten einen „schwebenden, durchaus lustvollen Spannungszustand“ (1974, S. 135) beinhalten können und nicht nur „um ihrer selbst willen“, sondern wegen des eigenen Anregungspotentials praktiziert werden. Es kann dabei von spannungsgeladenen Situationen gesprochen werden, wenn diese von einem Aktivierungszirkel geprägt sind, dessen Anregungspotential einen mittleren Aktivierungsgrad aufweist. Dieses Maß hat auf der einen Seite eine anregende Wirkung auf den Handelnden, andererseits werden dadurch seine kognitiven und motorischen Fähigkeiten optimal stimuliert. Es stellt somit einen prägnanten Faktor für lustvolles Erleben von risikobehafteten Situationen dar (vgl. ebd., 1974, S. 135 ff).

Wie bisher veranschaulicht, ist die Lust am Nervenkitzel und an Aufregung eine grundlegende Eigenschaft für die menschliche Natur, nicht generell bezogen auf das Ausüben von Extremsportarten, sondern eher in dem Sinne, dass „(...) jeder (Hervorhebung im Original) Mensch ab und zu etwas Nervenkitzel braucht, manche Menschen häufiger als andere“ (Apter, 1994, S. 22). Dies spiegelt sich z. B. beim Kinobesuch, beim Hören von Musik, beim Pferdewetten oder durch sexuelle Erregung wider. Aktivitäten im Risikosport stellen demnach eine Variante des diversiven Neugierverhaltens dar, welches als ein Teil der „natürlichen Ausstattung“ (Schneider, 1996, S. 128) des Menschen betrachtet werden kann (vgl. Neumann, 1999, S. 81).

Was bedeutet nun Nervenkitzel im Bezug auf die Präferenz von Risikosportarten? Unter dem englischen Wort Thrill werden dabei häufig die Begriffe Angstlust, Spannungsreiz, Wagnis oder eben Nervenkitzel subsummiert. In weiterer Anlehnung an Balint (1991) beinhalten gerade Risikosportarten solche aufregenden Erlebnisse und lustvollen Empfindungen.

„Die Mischung aus Furcht, Wonne und zuversichtlicher Hoffnung angesichts einer äußeren Gefahr ist das Grundelement jeder Angstlust (thrill)“ (Opaschowski, 2000, S. 43).

Das Erleben dieser Angstlust scheint somit eines der prägnantesten Merkmale für das Ausüben von Risikosportarten zu sein. In diesem Zustand, so konstatiert Mürder (vgl. 1978, S. 42), kann der Extremsportler seine individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten, Eigenschaften und Grenzen erleben sowie Qualitäten von Leistungsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Ausdauer und Mut verbessern. Verschiedene Autoren (vgl. Bittner, 1967, S. 249 ff; Mitscherlich, 1970, S. 136 und 142; Heckhausen, 1973, S. 162) sehen Angstlust als ursächliches Erlebnisphänomen von Abenteuer (und -sport), gekennzeichnet durch einen Mix von Furcht, Vergnügen, Angst und Lust. Heckhausen spricht in diesem Kontext auch von „rauschartigen Gefühlen des Aus- bzw. Über-sich-Hinauswachsens“ (1973, zit. bei Schleske, 1977, S. 35). Die Dimension der Angstlust, so führt u. a. Balint (1991) aus, gilt demnach als Antriebskraft und Sinnelement des Risikosports, die das Aufgeben und Wiedererlangen von Sicherheit beinhaltet und einen gewissen Grad an realisierbaren Spannungs-, Risiko- und Gefahrenmomenten, hervorgerufen durch hohe Geschwindigkeiten, den Verlust des Gleichgewichts, der Standfestigkeit oder des unmittelbaren Bodenkontaktes, repräsentiert (vgl. Heckhausen, 1973, S. 162). In der Literatur wird in diesem Zusammenhang auf „den realen psychophysischen Hintergrund jener Befindlichkeiten des Abenteuerverhaltens“ (Schleske, 1977, S. 36) verwiesen, welcher als „Drang nach vitaler Gefährdung“ sowie „Lust an existentieller Erregtheit“ (Haigis, 1941, S. 118 und 141), als „potenziertes Leben“ (Wandruszka, 1950, S. 145) oder als „Quellbezirke für Glück und Freude“ (Seidelmann, 1970, S. 301) bezeichnet werden kann. Diese Divergenz, zum einen das Angstgefühl des Ausgeliefertseins in riskanten Situationen, zum anderen die Suche, Aufmuth (vgl. 1989, S. 104) spricht im Hinblick auf das Extrembergsteigen auch von Sucht, nach Angstlust (Thrill), kann in Anlehnung an die Modelle von Hunt (1971) nähere Erklärung finden. Es wird davon ausgegangen, dass ein individuell und situativ bedingter Grad existiert, der bei Personen Anziehung und Vergnügen von Abstoßung sowie Vermeidungsverhalten trennt. Nach Hunts (1971) erstem Modell gibt es ein sogenanntes „adaptation level“, welches Lernerfahrungen, verarbeitete Informationen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu den Wahrnehmungen von neuen, überraschenden und ungewissen Konstellationen in Beziehung stellt. Verändert sich die aktuelle Konstellation und resultiert daraus eine Erhöhung des Diskrepanzwertes der Lage bzw. der Anforderungen an die situationsverarbeitenden Systeme, erhält die Situation zunehmend eine affektiv positive Färbung. Dieser Spannungs- resp. Anregungsgehalt, hervorgerufen durch optimale Belastung, konvergiert bei fortlaufender Steigerung der erlebten Diskrepanzen gegen den Grenzwert der Angstlust. Mit zunehmender Erhöhung kehrt sich diese Lage jedoch in den negativen Bereich um (vgl. Hunt, 1971, S. 15 ff.). Mürder (vgl. 1978, S. 41) führt dazu beispielhaft die Fahrt mit dem Skateboard auf steil abfallender Straße an, die anfänglich ein angenehmes und lustvolles Empfinden inne hat, während sich mit steigender Geschwindigkeit jedoch das Gefühl der Unkontrolliertheit und schließlich Angst und Panik einstellt. Hunts (1971) erstes Modell orientiert sich vorrangig an der wahrnehmungspsychologischen Sichtweise, hingegen der zweite Ansatz den Zusammenhang zwischen psychologischer Gesamterregung des Organismus und resultierender Handlungsfähigkeit beleuchtet. Hierbei wird von einer allgemeinen psychophysischen Aktivierung (level of arousal) ausgegangen, die in Funktion zur Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeit steht. Es ergibt sich ein umgekehrt u-förmiger Kurvenverlauf, der die Zustände vom Schlaf bis zur höchsten Erregung (Panik/Todesangst) repräsentiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Modell des “level of arousal” (aus Hunt, 1971).

Aus dem Modell wird erkennbar, dass wachsende Anregung mit der Zunahme an Wachheit und Interessiertheit verbunden ist. Schließlich stellt sich ein Optimum an Aktivierung bzw. Handlungsfähigkeit und ein emotional positiver Situationszustand ein, der im weiteren Verlauf in den negativen Bereich übergeht. Gekennzeichnet ist jenes Abkippen in den negativen Bereich durch das Nachlassen der Handlungs- und Wahrnehmungsfähigkeit bei sich steigender Gesamterregung und negativer Besetzung der Situation. Im panischen Zustandsbereich zeigt sich letztlich der kontroverse Zustand. Das Maximum der Gesamterregung steht dem höchsten Wert an eingeschränkter Handlungsfähigkeit (bis zur „totalen Passivität“ (Mürder, 1978, S. 41)) gegenüber (vgl. Hunt, 1971, S. 17). Hinsichtlich weiterführender Gedanken zur Beziehung von Individuen, seiner aktuellen Handlungsfähigkeit, den handlungsbegleitenden Emotionen und erlebten Neuigkeits- bzw. Überraschungsgehalten sowie der Betrachtung des Menschen als offenes und dynamisches System, soll an dieser Stelle auf andere Arbeiten hingewiesen werden (siehe u. a. Menninger, 1968; Allport, 1969; McReynolds, 1971; Heckhausen, 1973; Baacke, 1975).

Die bisherigen Erörterungen über individuelle Motivformen zum Risikosport, insbesondere das Motiv der Angstlust (des Nervenkitzels), welches Aufmuth (1989, S. 64 f.) treffend beschreibt: „(...) ohne die Angst wäre die Bergsteigerei für viele von uns ganz einfach uninteressant (...)“ sowie die auf Rheinberg (vgl. 1996, S. 112) basierende „Anreiztrias“, werden nun im Weiteren durch das Erlebnisphänomen des Flow-Zustandes (Csikszentmihalyi, 1975) ergänzt. Die eingangs geschilderte Zweckfreiheit als ein grundlegendes Motiv von Wagnissportarten, verstanden als intrinsisches Charakteristikum der (risiko-) sportlichen Tätigkeit, deutet bereits auf eine naheliegende Verwandtschaft zum Flow-Begriff hin. Sowohl aus motivationaler Sicht , als auch im Hinblick auf die Zielorientierung (Belohnung) lässt sich Flow auf einfache, alltagstheoretische Erklärung dem Wagnissport zuordnen. So sieht Horstmann (vgl. 1991, S. 38) im Flow ein aus der Tätigkeit selbst heraus geborenes Engagement trotz be-wusster Risiken für Leib und Leben, weil solche Aktivitäten mit außergewöhnlichen Erfahrungen verknüpft werden. Der aus Ungarn stammende Verhaltensforscher und Motivationspsychologe Mihaly Csikszentmihalyi (1975) thematisierte erstmals diesen dynamischen Erlebniszustand, der wesentliche Kriterien von mediativen Erfahrungen enthält, jedoch einer gänzlich anderen Handlungssituation entspringt (vgl. Schleske, 1988, S. 165). Csikszentmihalyi (vgl. 2000, S. 13) beschreibt die Elemente dieses Erlebnisphänomens in seinem Werk „Flow im Sport. Der Schlüssel zur optimalen Erfahrung und Leistung“, als einen Bewusstseinszustand, der vom holistischen (das Ganze betreffend) Aufgehen in der Tätigkeit gekennzeichnet ist, ohne dabei andere Gedanken oder Emotionen zu haben. Daneben ist Flow ein „(...) harmonisches Erlebnis, bei dem Geist und Körper mühelos zusammenwirken, bis sich das Gefühl einstellt, dass etwas ganz Besonderes mit einem geschieht (...)“ (ebd. S. 13). Dieser harmonische Einklang, das förmliche Verschmelzen mit der Handlung, lässt sich nach dem Prinzip der optimalen Passung, d. h. dem Gleichgewicht zwischen den Fähigkeiten der Person und den situativen Anforderungen, im sogenannten „flow-channel“ (Csikszentmihalyi, 1975, S. 75) kanalisieren. Das Modell zeigt in seinen Quadranten die Bedingungskomponenten des Flowerlebnisses. So ist erkennbar, dass bei bestehender Balance zwischen den Dimensionen Herausforderung und Können der Flow-Kanal entsteht. Im sportlichen Kontext wird hier auch vom „Idealen Leistungs-Zustand (ILZ)“(Kratzer, 1989) gesprochen, was sich im „(...) Verweilen in einem sicheren, leistungsangepassten Bereich (...)“ (Zehl, 2001, S. 54) äußert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Modell des Flow-Zustandes (aus Csikszentmihalyi & Jackson, 2000).

Betrachtet man diese Grafik in seiner Gesamtheit, so kann eine Verbindung zur Angstlust, insbesondere den beiden Modellen von Hunt (1971) beim Zusammenspiel von Wahr-nehmungs- und Handlungs-fähigkeit, Panik und Angst sowie der Erregungsskala von Apter (1994) gezogen werden. Übertragen auf den Risikosport weist u. a. Eberspächer (1993) darauf hin, dass bei risikobehafteten Aktivitäten trotz eingeengter Konzentration auf das Notwendigste (im Sinne von „Mit-sich-selbst-beschäftigt-sein“) ein Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein (Flow) eine Steigerung der kinästhetischen Empfindungen und damit höchste Konzentration bei völliger Entspanntheit die Folge sein kann (vgl. Zehl, 2001, S. 54). Nicht nur für den Natur- bzw. Risikosport sowie den leistungssportlichen Bereich sind Flow-Erfahrungen charakteristisch, ebenso im Hinblick auf spannende Spiele, ekstatische Tänze oder Formen kreativer und existentieller Betätigung, z. B. von Chirurgen, sind solche Erlebnisse nachweisbar. In Anlehnung an Schleske (vgl. 1988, S. 167) bietet dieses Erlebnisphänomen Möglichkeiten,

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Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Persönlichkeitsbezogene Risikoforschung in der Trendsportart Kitesurfen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Sportpsychologie und Sportpädagogik, Sportwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
159
Katalognummer
V46143
ISBN (eBook)
9783638433983
ISBN (Buch)
9783638707725
Dateigröße
2234 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Persönlichkeitsbezogene, Risikoforschung, Trendsportart, Kitesurfen
Arbeit zitieren
Sandro Knoll (Autor), 2005, Persönlichkeitsbezogene Risikoforschung in der Trendsportart Kitesurfen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46143

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