Zugehörigkeit zur Heavy Metal Szene in Bezugnahme auf Körperlichkeiten

Eine Szene von Innen


Bachelorarbeit, 2018

139 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Hinführung
1.1 Kritische Reflexion persönlicher Involvierung
1.2 Begriffsbestimmungen
1.3 Abgrenzung von Stilrichtungen und Genres
1.4 Forschungsstand und Theoriehintergrund
1.4.1 Stand der Literatur/ Forschung
1.4.2 Theoretischer Rahmen

2. Der Begriff der Szene
2.1 Anfänge in der Jugend und die Jugendkultur der Szenen
2.2 Körperlichkeit: Der Körper als Spiegel der Szene
2.3 Analyseoptik: (Selbst-)Stilisierung in Szenen
2.3.1 Leben in Szenen
2.3.2 Stile und (Selbst-)Stilisierung
2.4 Heavy Metal als Szenephänomen
2.4.1 Der Lebensstil des Heavy Metal
2.4.2 Definition der Heavy Metal Szene über Körperlichkeiten
2.4.3 Bedeutung für das Individuum

3. Methodologie und Vorgehensweise
3.1 Exploratives Leitfadeninterview als Experteninterview
3.2 Auswahl geeigneter Experten
3.3 Aufbau des Leitfadens
3.4 Auswertung der Interviews

4. Ergebnisse der eigenen Untersuchung
4.1 Expertenstatus, Musikalische Vorliebe der befragten Biographien
4.2 Metal Szene in Jugend und Erwachsenenphase
4.2.1 Metal Szene in der Jugend
4.2.2 Metal Szene im Erwachsenenalter
4.3 Körperbezug und (Selbst-)Stilisierung
4.3.1 Innenbezug des Körpers
4.3.2 Außenbezug des Körpers
4.4 Ausblick und Anmerkungen der Befragten zur Metal Kultur

5. Fazit
5.1 Erkenntnisse zur Szenezugehörigkeit
5.2 Erkenntnisse zur (Selbst-)Stilisierung
5.3 Erkenntnisse zur Körperlichkeit
5.4 Diskussion

6. Literaturverzeichnis

7. Anhangsverzeichnis

Vorbemerkung:

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Bachelorarbeit die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

1. Einleitung und Hinführung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 04.08.2018

Heavy Metal - hinter diesem Begriff verbirgt sich neben der Bezeichnung einer Musikrichtung auch eine vielschichtige Kultur, die einerseits auf den intensiven Zuspruch und Loyalität seiner Anhänger zählen kann, sich aber andererseits häufig im Kreuzfeuer einer Vielzahl von Kritikern befindet (vgl. Wanzek 2018, Absatz 2).

Die gesellschaftliche Ablehnung entsteht zumeist aufgrund der Unwissenheit über die Metal Musik und die dazugehörige Lebensphilosophie. So wird die demonstrative musikalische, ideologische und optische Unangepasstheit der Heavy Metal Kultur zur Grundlage der Kritik. Aber gerade die Kultur als Einheit von Musik und Lebensstil übt eine anhaltende Faszination auf ihre Anhänger aus. So ist es kaum verwunderlich, dass fortwährende Kritik von außen sich durchaus positiv auf den Zusammenhalt und die Loyalität von Metal Fans untereinander auswirkt. Sie verstärkt ein Gefühl der Zugehörigkeit, welches bis in das hohe Alter erhalten bleibt. Die Metal Szene wird so zu einem nennenswerten Teilbereich der Gesellschaft und macht das Thema dieser Bachelorarbeit relevant für weitergehende Forschungsansätze, die zu tieferen Einblicken in eine bestehende Kultur führen.

Bei meinen Recherchen habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Heavy Metal dem oft erwähnten kulturellen Eisberg gleicht, der seine weitreichende Tiefe, Phänomene oder Möglichkeiten erst bei tiefergehender Betrachtung eröffnet. Der Überbegriff des Heavy Metal schwimmt an der Oberfläche, wobei er oftmals stigmatisiert und als gewaltverherrlichend, sexistisch und primitiv dargelegt wird (vgl. Diaz-Bone 2013, S. 218). „Heavy Metal operiere mit ‚schweren Zeichen‘ wie Todessymbolen, Symbolen der Allmacht und männlicher Stärke, mit Symbolen des Grauens“ (Diaz-Bone 2013, S. 218) und zeichnet somit düstere, dystopische und postapokalyptische Welten ab. Diese Thematisierungen der Vergemeinschaftung durch Gewalt, Brutalität und die dadurch entstandene Abgrenzungswirkungen finden sich zumeist in den Subkategorien der Death- und Black Metal Szene wieder (vgl. dazu: Höpflinger 2014, Chaker 2014). In meiner Bachelorarbeit möchte ich keine Untergruppierungen in einzelne Genres vornehmen, da die Heavy Metal Szene hier als Oberbegriff für eine weltweit etablierte Szene (vgl. Wanzek 2018, Absatz 1) verstanden wird, die alle ausdifferenzierten Stilrichtungen und Untergruppierungen der Szene miteinschließt.

Ich möchte mich auf eine Betrachtung von Mitgliedern der Heavy Metal Szene beschränken, welche die Endphase der Jugend (Adoleszenz) vollendet haben und sich der Heavy Metal Kultur zugewandt fühlen. Diese Gruppe szenezugehöriger Personen ist in besonderer Weise interessant, da die jugendliche Phase prägende Auswirkungen auf die Identität in der Erwachsenenphase hat (im Folgenden wird dies näher erläutert). Mir wurde mir der Zugang zu diesem Forschungsfeld durch vorab besuchte Tagungen und Veranstaltungen erleichtert, sodass nun weitere Untersuchungen durchgeführt werden können.

Thor Wanzek (2018, Absatz 2) und Sarah Chaker (2014, S. 17ff.) beschreiben die Zugehörigkeit zur Heavy Metal Kultur als identitätsstiftende Wirkung einer Szene, welche im Jugendalter ausgeprägt wird. Jakob Ehmke (2014, S. 93f.) führt dazu weiter aus, dass diese jugendliche sinngebende Identitätsstiftung ebenfalls im Rahmen der Sozial- und Jugendarbeit eingesetzt werden kann. Identifikations- und Distinktionsprozesse (vgl. Sackl-Sharif 2014, S. 161) werden im frühen jugendlichen Alter gebildet, verankern sich jedoch fest mit dem eigenen Selbstbild, sodass diese Identifikation bis in das Erwachsenenalter erhalten bleibt. Thor Wanzek (2018, Absatz 2) betont, dass sich besonders langjährige Teilnehmer der Szene, die sich mit Leidenschaft der Kultur hingeben, einen guten Ruf und einen entsprechenden Status innerhalb der Szene erarbeiten können, womit eine Motivation zur langjährigen Teilnahme gegeben ist. Die in der Adoleszenz als Distinktions- und Identitätswerkzeuge eingesetzten Mittel werden also über diese frühere Lebensphase herausgetragen und weiter verwirklicht.

Mit Hilfe von Befragungen szenekundiger Mitglieder und deren persönlicher Biographien soll in diesem Forschungsvorhaben versucht werden, ein soziologisch relevanter Blick auf das Phänomen der Heavy Metal Kultur zu werfen. In der Arbeit werden die persönlichen Gründe aus individuellen Lebensläufen mit Bezugnahme auf körperliche Eigenschaften beleuchtet, um darzustellen wie mit dem Körper als Akteur (vgl. Alkemeyer 2006, S. 266) gehandelt wird. Diese eigene Identität in der Szenekultur wird im Sinne von Gugutzer (2013, S. 67) durch voneinander abhängige Erfahrungen im Spannungsverhältnis von Leibsein (Bezug zur Innenwelt) und dem expressiven Körperhaben (Bezug zur Außenwelt) gebildet. Der Blick auf Körperlichkeiten in Zusammenhang mit einer Szenezugehörigkeit ist von hoher Relevanz, da dem Körper, dessen Gestaltung, Formung und Präsentation unterschiedliche Aufmerksamkeit gewidmet wird. Diese Aufmerksamkeit kann sich in den verschiedenen Lebensphasen unterscheiden (vgl. Kneer & Schroer 2010, S. 164). Es entsteht so die Forschungsfrage: Wie stellt sich die Zugehörigkeit zur Heavy Metal Szene nach Vollendung der Adoleszenz in Bezugnahme auf Körperlichkeiten dar?

1.1 Kritische Reflexion persönlicher Involvierung

„Eine freimütige Selbstkritik entwaffnet jede fremde.“ - Casparius (2018)

Bereits im Vorfeld zu dieser Studie habe ich mich mit dem Themenfeld der Heavy Metal Kultur beschäftigt und war als Konzertbesucher und Szeneanhänger aktiv. Dies ermöglicht mir auf eine spezifische Wissensgrundlage zurückzugreifen, die mir den forschenden Einblick erleichtert. Neben Informationen zu verschiedenen Musikern und deren Bands verfüge ich meines Erachtens über die nötige Geisteseinstellung, um szenetypische Verhaltensweisen zu verstehen und auch Geesten, Körpersprache und verbale Äußerungen zu deuten. So bin ich in der Lage, die Einhaltungen gewisser Verhaltensregeln und Codes zu gewährleisten (vgl. Chaker 2014, S. 82). Dies erleichtert mir sowohl den Zugang zum Forschungsfeld, als auch die Kontaktaufnahme zu Interviewpartnern.

Sarah Chaker (2014, S. 85) gibt zu bedenken, dass diese persönliche Wissensgrundlage falsch sein kann und durch die persönliche Beziehung die Forschung verschlossen für neue Ansichten ist. Ich werde daher im Laufe meiner Bachelorarbeit stetig Techniken der Selbstüberwachung anwenden, um im Sinne der Überwachung von Michel Foucault (2016, S. 62) dieses Wissen zu nutzen und in Prozessen der Selbstreflexion anzuwenden. Um eine einheitliche Grundlage zu schaffen, werden im Folgenden szenetypische Begriffe näher erläutert.

1.2 Begriffsbestimmungen

Jedes gründliche Fachwissen kann nur aus der Literatur moderner Sprachen erworben werden.“ - Cesare Lombroso (2018)

Das Fachwissen für eine Szene beinhaltet verschiedene Termini, die von Szenegängern genutzt werden. So wird ein allgemeiner Konsens über Bezeichnungen etabliert. Im Folgenden werden die gängigsten szenetypischen Fachbegriffe aufgeführt, die im Laufe des Forschungsvorhabens und bei den durchgeführten Interviews auftreten können.

Cornuto-Geste: „‚Corna‘ ist das italienische Wort für Hörner und ist im volkstümlichen Glauben sowohl ein Zeichen für Untreue (in diesem Zusammenhang vergleichbar mit der deutschen Redewendung ‚Hörner aufsetzen‘) als auch eine abergläubische Schutzgebärde vor Unglück oder Krankheiten“ (Lücker 2013, S. 106). Diese Geste taucht im gesamten Metal Bereich auf und kann zu vielerlei Anlässen, wie etwa auf Konzerten, zur Begrüßung/ Verabschiedung, oder als Zeichen der Begeisterung gezeigt werden. Die Cornuto-Geste wird durch eine geballte Faust und nach oben ausgestrecktem Zeigefinger und kleinen Finger gebildet (vgl. Lücker 2013, S. 106).

Crowd-Surfing: Beim Surfen auf dem Publikum werden Fans oder Künstler von der Fangemeinde auf Händen getragen und meist in Richtung Bühne transportiert (vgl. Schulze 2013, S. iv). Vor der Bühne werden die Crowd-Surfer von den Sicherheitsleuten entgegengenommen und zum seitlichen Bühnenrand begleitet, wo sie wieder mit der restlichen Fangemeinde vereint werden.

Fanzine: Sülzle (2018, S. 6) definiert Fanzines als „nicht-kommerziell und nicht-professionell (in Abgrenzung zu klassischen Medien)“ und beschreibt Fanzines als eine Zeitschrift, die auf szeneinterne Berichterstattung von Events, Tonträgern, Interviews, etc. spezialisiert ist und Fans über neueste Geschehen informieren soll.

Headbangen: Die Kopfbewegungen im Rhythmus der Musik werden als Headbangen beschrieben und zeichnen sich durch entweder starkes kreisförmiges Drehen des Kopfes und der Haare, oder starkes Nicken mit nach unten geneigtem Blick aus (vgl. Urban Dictionary 2018, Absatz 1).

Kutte: Traditionell handelt es sich bei einer Kutte um eine Jeansweste, die entweder blau oder schwarz ist, und auf der die persönlichen Lieblingsbands durch Aufnäher ausgestellt werden (vgl. Cremann & Ossege-Fischer, 2017, Absatz 3). Je nachdem, zu welchem Genre sich der Träger am meisten hingezogen fühlt, werden die Aufnäher ausgewählt.

Merchandise: Die Definition von Merchandise ist nach dem Duden als „Gesamtheit der verkaufsfördernden Maßnahmen und Aktivitäten des Herstellers einer Ware“ zu sehen und beinhaltet die „Vermarktung bestimmter, mit einem Film, mit Sport o. Ä. in Zusammenhang stehender Produkte“ (Duden 2018, Absatz 1). Als Merchandise gilt demnach alles was mit Bandlogos, Festival- oder Bandnamen versehen wird und käuflich erworben werden kann.

Metalhead: Als Metalhead wird der szenetypische Fan der Heavy Metal Kultur bezeichnet (vgl. Collins Dictionary 2018, Absatz 1).

Moshen: Die stilistische Art und Weise des Tanzes bei Heavy Metal Events, bei der Fans die Extremitäten in Bewegung bringen. Es findet ein Aufeinandertreffen verschiedenen Eventteilnehmer mit wiederkehrenden und teils starken, Körperberührungen statt. In den kreisförmigen Tanzbereichen (= Moshpits) in denen gemosht wird, gilt stets die Absicht sein Gegenüber nicht zu verletzen und rücksichtsvoll zu agieren und zu reagieren (vgl. Deutsche Enzyklopädie 2018, Absatz 1). Diese Art und Weise des Ausdruckstanzes im Heavy Metal wird oftmals mit den Begriffen Pogen oder Violent-Dancing gleichgesetzt.

Shouten/ Growlen: Nach Elfein (2010, S. 56) werden bei den Heavy Metal Gesängen hohe oder tiefe Schreie als typische Gesangstechniken etabliert, die dem extremen Stimmeinsatz der Heavy Metal Musik eine charakteristische Färbung erteilen.

Stagediving: Eine Möglichkeit der körperlichen Kontaktaufnahme von Fans und Musikern bietet das Stagediving, bei dem während eines Events Zuschauer oder Musiker von der Bühne in das Publikum springen (vgl. Konradin Medien 2018, Absatz 1) und dabei von dem Publikum aufgefangen und transportiert werden (= Crowd-Surfing).

Trueness: Nach Phillips und Cogan (2009, S. 7) ist die Debatte um eine einheitliche Definition des Begriffes true stetig im Gange, sodass individuelle Abgrenzungen des Begriffes vorgenommen werden müssen. Generell wird im Genre Metal Authentizität über die Kategorie trueness klassifiziert (vgl. Irtenkauf 2014, S. 53). Die Eigenschaften lassen sich an Hand der Übersetzung des Wortes true festmachen (vgl. Linguee 2018). Als true gelten somit Teilnehmer der Metal Szene, die sich wahrhaftig der Szene hingeben und authentisch den Szenemaßstäben nach handeln.

1.3 Abgrenzung von Stilrichtungen und Genres

„Musik ist disziplinierter Lärm“ – Unbekannt (2018)

Durch den extremen Einsatz der Stimme und durch die Gesangstechniken des Shoutens oder Growlens wird gerade die Heavy Metal Musik im Allgemeinverständnis oftmals als Lärm betitelt, ohne weitere Berücksichtigung der musikalischen Fähig- und Fertigkeiten (vgl. Lücker 2013, S. 14). Doch Heavy Metal bezeichnet mehr als eine rein musikalische Inszenierung. „Heavy Metal, oder einfach nur ‚Metal‘, bezeichnet sowohl Musik als auch die daraus gewachsene weltweite Szene. Beide sind stilistisch und regional so vielschichtig ausdifferenziert, dass selbst langjährig in der Szene Aktive diese nicht mehr komplett überschauen können“ (Wanzek 2018, Absatz 1).Daher wird Heavy Metal als ein Oberbegriff genannt, welcher alle Subgenres (wie z.B. Black Metal, Death Metal, Doom Metal, etc.) miteinschließt. Dies ist notwendig, um die Kultur des Heavy Metal als Gesamtheit zu sehen. Ebenfalls ist dies notwendig, da sich eine Dynamik von Stilbezeichnungen eingestellt hat (vgl. Lücker 2013, S. 16), deren Eigenschaften und Zuschreibungen mit der musikalischen Evolution der entsprechenden Bands zusammenhängen und sich im Laufe der jeweiligen Bandgeschichte weiterentwickeln. Auf eine Ausdifferenzierung der Genres wird in dieser Arbeit ebenfalls verzichtet, da Lücker zu bedenken gibt, dass Bands die Einordnung in Genres nicht selten ablehnen und sich mit Etikettierungen nicht wirklich einverstanden zeigen (vgl. Lücker 2013, S. 17). In dieser Forschungsarbeit soll eine soziologische Betrachtungsweise im Vordergrund stehen. Daher wird versucht kulturelle Charakteristika durch körperliche Merkmale zu erfassen und musikalische Aspekte lediglich für die Abgrenzung innerhalb der Szene zu nutzen. So wird neben den szenetypischen Gesinnungen und Geisteseinstellungen ebenfalls großer Wert auf die Außendarstellung und Abgrenzung zu anderen sozialen Gefügen gelegt, worauf im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch tiefergehend eingegangen wird.

1.4 Forschungsstand und Theoriehintergrund

1.4.1 Stand der Literatur/ Forschung

„Heavy Metal Forschung ist keine eigene Disziplin, sondern wird aus verschiedenen Disziplinen heraus betrieben, unter anderem aus der Kunstwissenschaft, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Musikwissenschaft, Philosophie, Religionswissenschaft, der sozialen Arbeit und Soziologie“ (Höpflinger & Heesch, 2014 S. 14). In dieser Abschlussarbeit wird der Fokus auf soziologische Aspekte der Betrachtung der Heavy Metal Szene gerichtet. Einen Zugang dazu bieten die Methoden der Heavy Metal Forschung von Florian Heesch und Anna-Katharina Höpflinger (2014).

Veröffentlichungen in der Fachliteratur Heavy Metal als Kultur und Welt (Nohr & Schwaab 2011) bieten Einblicke in ästhetische, ethnographische, musikalische, kulturelle, historische und politische Dimensionen der Subkultur Heavy Metal und ermöglichen einen umfassenden Zugriff auf ausgewählte und ausgearbeitete Aspekte theoretischer Betrachtungsweisen.

Eine umfangreiche Betrachtung über das Phänomen Heavy Metal und ein Porträt der Szene bietet Christoph Lücker (2013) mit Einblicken in die Heavy-Metal-Kultur unter Einbezug von differenzierten Lebensstilen, ästhetischer Gestaltung verschiedener in der Szene verwendeten Medien und Eigenleben bei szenetypischen Events. Bettina Roccor (1998) schafft über kulturwissenschaftliche Einblicke zu Funktionsweisen und Strukturen von Jugendlichen der Heavy Metal Szene und erweitert die kulturanthropologische Sicht auf die Gesamtdarstellung der Heavy Metal Szene von Deena Weinstein (1991) um wirtschaftliche und stereotype Gesichtspunkte.

Martin Schulze (2013), Sarah Chaker (2014) Thor Wanzek (2018) und Jeffrey Jensen Arnett (1998, 2018) behandeln die Heavy Metal Szene unter Berücksichtigung jugendlicher Identitätsfindung und knüpfen an Ronald Hitzler et al. (2001) an, die die Heavy Metal Szene als Mittel jugendlicher Auflehnung und gesellschaftliches Distinktionswerkzeug sehen.

Dietmar Elfein (2010) ermöglicht einen Zugriff auf musikalische Aspekte der Subkultur und Auswirkungen und Verhaltensweisen beim Aufeinandertreffen von Mitgliedern bei szenetypischen Events, hier beschrieben am Beispiel eines Musik Festivals.

Dem medial häufig negativ geprägten Bild der Heavy Metal Kultur steht jedoch ein weit verbreiteter Popularitäts- und Bekanntheitsgrad verschiedener aus dem Genre stammender Bands, Events oder Gepflogenheiten gegenüber1. Abgeleitet aus diesem kontroversen Erscheinungsbild haben Christoph Guibert und Gerome Guibert (2016) versucht, die Frage von grundlegenden (sozialen) Charakteristika eines Metal Music Fans an Hand von Befragungen von Teilnehmern eines französischen Heavy Metal Festivals zu beantworten.

In den vergangenen Jahren erlebte die deutschsprachige Heavy Metal Forschung einen Aufschwung, der Sammelbände wie Schwermetallanalysen (Elfein 2010), Methoden der Heavy Metal Forschung (Heesch & Höpflinger 2014), Metal Matters: Heavy Metal als Kultur und Welt (Nohr & Schwaab 2011), oder die englisch-sprachigen Metal Music Studies (Spracklen et al. 2011) erscheinen ließ. Weiterhin entstanden verschiedene Workshops und Tagungen wie z.B. Metal Matters (organisiert von Rolf F. Nohr), HardWired (organisiert von Florian Heesch) oder Dokumentationsserien und Filme wie beispielsweise Global Metal (Dunn & McFayden 2008).

Auf Grund der weitreichenden Ansätze und Forschungsmöglichkeiten die der Bereich der Heavy Metal Szene bietet, musste ich eine starke Einschränkung des Themenbereiches vornehmen. So sind überaus interessante Ansätze von z. B. Brill (2009) oder Inhetveen (2017) über die Symbolik der Gewalt für Vergemeinschaftungsprozesse und musikalische Extremität, oder Robert Walsers (1993) Ausführungen über Genderdifferenzen und Genderrollen in dieser Bachelorarbeit leider nicht vertreten. Diese Ansätze zeigen aber, dass es noch umfangreiche Möglichkeiten gibt, weitere Beobachtungen und Forschungen zu einzelnen Teilbereichen der Heavy Metal Kultur durchzuführen.

Nach Sichtung der Fachliteratur wird deutlich, dass die deutschsprachige der englischsprachigen Literatur in diesem Themenbereich nachsteht, daher werden Beiträge auf englischer Sprache ebenfalls mit in die Literaturrecherche einbezogen. Es zeichnet sich ab, dass Körperlichkeiten von erwachsenen Teilnehmern der Heavy Metal Szene bisher wenig soziologische Aufmerksamkeit gewidmet wird und sich so eine Forschungslücke ergibt. Ein Bezug der vorhandenen Literatur im Hinblick auf mein Forschungsvorhaben wird im Folgekapitel erläutert.

1.4.2 Theoretischer Rahmen

Stock und Mühlenberg eröffneten 1990 einen ersten deutschsprachigen Einblick in verschiedene Subkulturen, unter anderem die des Heavy Metal. Einblicke in eine Szene sind jedoch zumeist eine momentane Bestandsaufnahme. So können verschiedene Institutionen sowohl auf eine Szene Einfluss nehmen und die Bedürfnisse der Nutzer verändern, als auch strukturelle Veränderungen der Rahmenbedingungen und Inhalte vornehmen (vgl. Hepp & Hitzler 2014, S. 116). Daher müssen Mitglieder einer Szene, diese selbst und deren Stilmittel als stetig im Wandel befindlich betrachtet werden. Den theoretischen Rahmen bilden die Analyseoptiken von Hitzler (vgl. Kapitel 2.3.1) und Willems (vgl. Kapitel 2.3.2), welche im Verlauf dieser Bachelorarbeit noch genauer dargestellt werden. Die Aspekte sind wichtig zur Beantwortung der Forschungsfrage, da sie die Szenezugehörigkeit mit einer selbst gewählten Stilisierung der individuellen Körper kombinieren.

Mit Hilfe der (Selbst-)Stilisierung nach Herbert Willems (2008) werden in diesem Forschungsvorhaben die Grundsteine für eine Abgrenzung im soziokulturellen Raum gelegt (vgl. Kapitel 2.3). Diese Abgrenzung wird dabei in weitere Lebensstilgruppierungen unterteilt, in denen subjektive Existenzformen zentrale Kennzeichen sind (vgl. Müller-Schneider 2008, S. 313). So wird eine theoretische Grundlage etabliert, um Mitglieder einer Szene im sozialen Raum abzugrenzen und einen Erkenntnisgewinn auf eine ausgewählte Bevölkerungsgruppe anzuwenden.

Unter der von Ronald Hitzler et al. (2010) veröffentlichten Darstellung jugendlicher Vergemeinschaftungsprozesse können szenetypische Phänomene dargestellt- und ebenfalls Kriterien abgeleitet werden, mit denen eine Szene betrachtet werden kann (vgl. Kapitel 2.3.1). Am Beispiel von Robert Schmidts Forschung von Praxisformen körperlicher Aufführungen (2002) von Mitgliedern des Berliner Yaam Club, sollen die durchgeführten Beobachtung von Prozessen und Mustern der Vergemeinschaftung innerhalb einer Szene, als Grundlage für eine Beobachtung szenetypischer Verhaltensweisen, Zugehörigkeiten, Performanzen und eigenlogischer sozialer Binnenstrukturen (Schmidt 2002, S. 261) genommen werden und auf die Heavy Metal Kultur übertragen werden.

Mit Hilfe des Körpers als Akteur (vgl. Alkemeyer 2006, S. 266) sollen anschließend die entsprechenden Merkmale für die Szenezugehörigkeit erfasst werden (vgl. Kapitel 2.4.2). Dabei werden mittels einer Expertenbefragung (vgl. Bogner 2014) und nachfolgender Auswertung nach Mayring (2015) Daten gewonnen (vgl. Kapitel 3.4), welche eine (selbst-)stilisierte Darstellung erwachsener Szeneteilnehmer durch ihre Körperlichkeiten ermöglichen (vgl. Kapitel 4).

Nach dieser Hinführung zum Thema soll im Folgenden ein kurzer Überblick über die theoretischen und methodischen Grundlagen für diese Bachelorarbeit dargelegt werden. Zunächst wird die entscheidende Entwicklungsphase der Jugend (vgl. Kapitel 2.1) und die Bedeutung des Körpers (vgl. Kapitel 2.2) näher betrachtet. Anschließend werden die soziologischen Analyseoptiken eingeführt (vgl. Kapitel 2.3) und auf den Lebensstil des Heavy Metal übertragen (vgl. Kapitel 2.4). Letzteres geschieht mit Hilfe von sinnvoll ausgewählten Teilforschungsfragen, um die Beantwortung der übergeordneten Forschungsfrage zu erleichtern. Methodische Grundlagen und Vorgehensweise (vgl. Kapitel 3) bilden die Basis für die durchgeführte Forschung in Form von Experteninterviews. Die eigenen Ergebnisse dieser Interviews werden in Bezug auf die vorab theoretisch eingeführten Inhalte gegliedert (Kapitel 4) und im Fazit als neue Erkenntnisse zusammengefasst und diskutiert (vgl. Kapitel 5). Ziel der Arbeit sollen neue Betrachtungsweisen sein, die an die jugendlichen Rebellions- und Distinktionsprozesse (Schulze 2013; Chaker 2014; Wanzek 2018) anknüpfen und den Fokus der Szenezugehörigkeit auf die nachfolgende Lebensphase des Erwachsenenalters legen.

2. Der Begriff der Szene

Um die Menschen zu verstehen, muss man ihre Jugend kennen.“ - Zauper (1840)

2.1 Anfänge in der Jugend und die Jugendkultur der Szenen

Wie eingangs erwähnt, haben viele Ursachen für Persönlichkeitsentwicklungen ihre Ursprünge in der Jugendphase . Im Folgenden wird ein Blick auf diese Lebensphase in Bezug auf szenespezifische Verhaltensweisen gerichtet, da der „Ausdruck von szenenspezifischen Darstellungs- und Distinktionsformen [...] Kristallisationspunkt für jugendeigene kleine Lebenswelten, deren mediengebundenes Symbolkapital neben einer Überhöhung und Ästhetisierung des Alltäglichen unterschiedliche Zeichensysteme, Kommunikationsmuster und Handlungsfelder generiert, in denen eigene Normen und Präferenzen gelten“ (Kutscher 2014, S. 150). Die Jugendphase ist somit ausschlaggebend für die Prägung der eigenen Identität und soll daher auch unter mehr als rein biologischen und anthropologischen Gesichtspunkten betrachtet werden, sodass sie wie folgt definiert werden kann: „Sie fängt mit der (inzwischen zeitlich vorverlagerten) Pubertät (körperliche, psychische und sozialkulturelle Entwicklungs- und Reifungsprozesse) an und endet, wenn man nicht nur juristische, nicht nur anthropologische und biologische und nicht nur psychologische, sondern auch soziologische Maßstäbe anlegt, mit dem Eintritt in das Berufsleben und/oder mit der Heirat“ (Ferchhoff 2010, S. 95). Diese Definition wird als geeignet angesehen, da sie den Umbruch in eine neue Lebensphase beinhaltet, in der ein Individuum meist an von außen vorgegebenen Richtlinien (z. B Hierarchien im Berufsleben) und neuen Wert- und Normenvorstellungen einer Sozialgesellschaft gebunden ist. Dies ist sinnvoll, da die Jugendphase keinen kalendarischen Abschluss besitzt (vgl. Ferchhoff 2010, S. 95) und so auf jedes Individuum und dessen Eintritt in die entsprechend nächste Lebensphase angepasst werden kann. Griese fasst dazu zusammen, dass Jugend im soziologischen Sinne „nichts Reales, sondern ein soziokulturelles Produkt und Konstrukt“ (Griese 1999, S. 462) ist und sich „je nach historisch-gesellschaftlicher Situation (sozialer und technischer Wandel) und je nach gesellschaftlicher Konstruktion (von Interessengruppen, Erwachsenen)“ (ebenda) anpasst.

Müller-Bachmann (2002, S. 162) führt aus, dass die Jugend als Faktor des sozialen Wandels zu sehen sei und als Prozess der Abgrenzung von strukturell-funktionalen Interpretationen in dem Spannungsfeld zwischen familiärer Sozialisation und gesellschaftlicher Veränderung gesehen werden kann. Daraus folgt eine Diskrepanz von Familie und Gesellschaft, bei der die jugendlichen Individuen mittig zu verorten sind. Die Jugend folgt so einem neuen Kontext, bei dem es „auf gesamtgesellschaftlicher Ebene [...] zu ‚kultureller Modernisierung‘ kommt“ (Müller-Bachmann 2002, S. 162). So wird ein Begriff der Jugendkultur geformt, der eigenen Zielen und Gestaltungsprinzipien folgt. Die Kulturwelt jugendlicher Individuen weist viele Strukturzüge auf, wobei jugendliche Praktiken als „Kampf um Anerkennung und Subjektivität“ definiert wird, bei dem es darum geht „unter Bedingungen einer (diffusen und) fragmentierten Sozialität das Gefühl subjektiver Kohärenz und eigener Handlungsfähigkeit herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten“ (Ferchhoff 2010, S. 104). Diese eigene Handlungsfähigkeit zeichnet sich meist durch „Abweichung, Protest und Revolte“ (Griese 1999, 462) aus, sodass sich Veränderung in der Sozialisationsfähigkeit einer Gesellschaft ergeben. Heyer et al. ergänzen dazu: „Identifikation nach innen geht gleichzeitig einher mit einer Distinktion nach außen“ (2013 S. 6). Somit werden in den neu gewonnenen kulturellen Räumen sowohl nach innen, gegen andere gleichaltrige jugendliche Individuen, als auch nach außen, gegenüber Erwachsenen, Abgrenzungen durchgeführt.

Eine allgemeingültige Definition des Begriffes der Jugendkultur ist nur schwer möglich. Häufig wird der Begriff der Sozialisationsinstanz Peers (vgl. Ferchhoff 2011, S. 112; von Gross 2014, S. 210; Hitzler, 2010, S. 15) synonym zur Jugendkultur verwendet. Als charakteristische Merkmale für beide Begriffe führt Baacke (2002, S. 13ff.) folgende Strukturzüge auf:

- Jugendkulturen bieten Erfahrungsräume für zwischenmenschliche und teils erotische Bedürfnisse, die im Freizeitverhalten ausgelebt werden können.
- Soziale Schichtzugehörigkeit und Statussymbole gewinnen für Jugendliche an Bedeutung.
- Selektivität der Wertsyndrome prägt sich je nach Gruppenzugehörigkeit aus, sodass Jugendkulturen sich an Standards der sozialen Verortung orientieren und diese übernehmen (z.B. Pünktlichkeit, Gepflegtheit vs. Tapferkeit, Raubeinigkeit)
- Erprobung der Persönlichkeit geschieht sowohl im solidarischen Verhalten, als auch in Rivalitäten.
- Emotionale und finanzielle Bindung an das Elternhaus bleibt mehr oder weniger stark bestehen.
- Jugendkulturen haben eine hohe Bedeutung für die Bereiche der Erlebnis- und Erfahrungssolidarität in psychisch-sozialen Problemlagen, sodass durch Beziehungen innerhalb einer Jugendkultur die eigene Identität und das Selbstbild gefunden und verfestigt werden kann.

(vgl. Baacke 2002, S. 13ff.)

Es wird ersichtlich, dass diverse Praktiken von Jugendkulturen oftmals als Abgrenzung von jugendeigenen Lebenswelten Anwendung finden, wo mediale und soziale Kompetenzen in eigener Regie erworben werden (vgl. Kutscher 2014, S. 141). Diese Kompetenzen werden als Suchbewegungen zur Aneignung von Handlungsräumen gesehen, in denen Jugendliche für ihre eigene Inszenierung entsprechende Handlungsmuster und Wirkungsfelder ausbilden und sich daher ebenfalls gleichzeitig, nacheinander oder durcheinander in verschiedenen Kulturkreisen aufhalten können (vgl. Müller-Bachmann 2002, S. 136). Dafür können vorhandene Handlungsräume umdefiniert, oder neue Räume geschaffen werden, sodass ein individueller Aneignungsprozess und selbstbestimmte Positionierung entsteht (vgl. Müller-Bachmann 2002, S. 137ff.). Eine Verbundenheit verschiedener jugendlicher Individuen miteinander erfolgt durch eine Bevorzugung von signifikanten Medien und Einigung in einer räumlich abgetrennten Kultur mit ähnlichen Ausstattungen (vgl. Ferchhoff 2011, S. 20). Diese Distinktion einer jugendlichen Szene erfolgt durch die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Stile, Dresscodes, Moden, Symbolen und Manierismen (vgl. Müller-Bachmann 2002, S. 143). Die Formen der individualisierten jugendlichen Vergemeinschaftung werden als jugendliche Szenen bezeichnet, die in thematischen Gesinnungsgemeinschaften zusammengefasst sind (vgl. Hitzler 2010, S. 15).

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Individuen in der jugendlichen Lebensphase eine neue Identität ausprägen oder entwickeln, in Abgrenzung zur Gesellschaft und Familie. Dadurch entstehen neue Räume, in denen Handlungs-, Denk- und Wahrnehmungsschemata (vgl. Gugutzer 2013, S. 172) neu ausgeprägt und ausprobiert werden können. Diese Räume bieten Orientierung und werden durch kulturelle Codes geprägt, die eigenständig aufgenommen oder verworfen werden (vgl. Heyer et al. 2013, S. 6). Diese Codes generieren eine fluide Zugehörigkeit zu einer Szene und äußern sich in Symbolen und Zeichen, die aus „Kleidung, Körpersprache, Gesten, verbaler Kommunikation und weiterer materieller wie nichtmaterieller Ausdrucksformen zusammengesetzt ist“ (Heyer et al. 2013, S. 6). Somit werden entweder Zugehörigkeiten zu einer Szene verkörpet, oder eine Distinktion nach außerhalb einer Szene durch eigens gewählte (Selbst-)Stilisierung vollzogen (vgl. Willems 2008, S. 295). Diese Ausprägung der neuen Identität wird durch den eigenen Körper zum Ausdruck gebracht und hat auch in der nachfolgenden Lebensphase der (Post-)Adoleszenz noch eine hohe Bedeutung (vgl. Ferchhoff 2010, S. 131 f.).

2.2 Körperlichkeit: Der Körper als Spiegel der Szene

Eine Zugehörigkeit zeichnet sich u.a. durch ein ähnliches Erscheinungsbild ab, so ist es zum Beispiel möglich, in der Alltagswelt Polizisten, Pfadfinder, oder Krankenhelfer durch ihre Äußerlichkeiten von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden.

Solch eine Unterscheidung ist auch für Angehörige einer Szene möglich. Eine Distinktion und Individualisierung in der Jugend- sowie in der (Post-)adoleszenten Phase konfrontiert das Individuum mit der Aufgabe „das eigene Ich sowohl nach Innen – gegenüber sich selbst – als auch nach außen – gegenüber anderen – zu definieren und abzugrenzen“ (Bette 2003, S. 26). Der Aspekt der Einzigartigkeit wird durch eine Individualisierung des eigenen Körpers gelebt. Im Allgemeinen spielen bei der Analyse von Körpern die soziologischen Beiträge von Pierre Bourdieu eine entscheidende Rolle. „Der durch vielfältige Prozesse der Technisierung, Gestaltung, Erziehung und des mimetischen Handelns vergesellschaftete Körper ist für Bourdieu kein bloßes Objekt, sondern in mehrfacher Funktion aktiv an seiner Vergesellschaftung sowie der (Re-)Produktion des Sozialen beteiligt“ (Alkemeyer & Schmidt 2003, S. 88). Der menschliche Körper wird dabei als Instrument gesehen, um sich innerhalb einer Gesellschaft abzugrenzen und sich selbst darzustellen. Gugutzer (2004, S. 220) thematisiert die Erfahrungswelt eines Individuums durch körper- und kulturelle Praktiken, dabei unterscheidet er die Zweiheit zwischen dem Medium Körper und der leiblichen Erfahrungen, dort als Leib genannt. Gugutzer (2004, S. 221) versteht den menschlichen Körper als Einheit, die aus zwei untrennbar miteinander verbundenen Facetten besteht und sich in Körpersein (Leib) und Körperhaben (Körper) äußern und sich gegenseitig bedingen. Ein Individuum steht somit in einer sich wechselseitig bedingenden Beziehung von seinem Körper, der als Medium eingesetzt werden kann, und der passiven Erfahrung des „Sich-Erleben“ (Gugutzer 2004, S. 222). Diese differenziertere Sicht zeigt, dass der Körper durch Prozesse der Unmittelbarkeit geformt wird, die sowohl auf den Körper als Gegenstand, als auch auf die Erlebenswelt einwirken und so die Erfahrungs- und Handlungswelt eines Individuums beeinflussen. Lenger et al. (2013, S. 17) beschreiben dazu den Begriff des Habitus von Bourdieu, als Produzent und Produkt von Praktiken, welcher sich in Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata äußert. Der Habitus bildet sich durch Verinnerlichungsprozesse (Inkorporierung) nachgeahmter Handlungen (Hexis) als kollektives Schema heraus, welches durch immer wiederkehrende Übungen einverleibt wird (vgl. Fröhlich 1999, S. 1).

Die Berücksichtigung der Erfahrungswelt des Leibes und der Herausbildung verschiedener Habitus bilden die Identität eines jeden Menschen, aus der sich Identitätskonstruktionen der Moderne ableiten lassen (vgl. Gugutzer 2013, S. 21). Dadurch wird eine Basis für Vergemeinschaftungen von Individuen geboten. In diesen neuen Handlungs- und Erfahrungsräumen wird der Körper mit Bezug auf Bourdieu als das „Körper gewordene Soziale“ (Bourdieu/ Wacquant 1996, S. 161 in: Alkemeyer & Schmidt 2003, S. 77) herausgebildet und eingesetzt. „Körperliche Produktion und Beglaubigung der szenetypischen Leitorientierung [...] tritt also in ein Spannungsverhältnis zu den mitgebrachten körperlichen Habitus der Akteure“ (Alkemeyer & Schmidt 2003, S. 84), die sich in verschiedenen Eigenheiten ordnen können. Diese sozialen Prägungen äußern sich in einer körperlichen Praxis, die es Mitgliedern erlaubt mit einem symbolisierten Habitus eine Verkörperung des Sozialen zu beschreiben (vgl. Alkemeyer & Schmidt 2003, S. 87). Es ist so möglich Zugehörigkeiten zu erkennen und eine Mitgliedschaft der Szene durch den eigenen Habitus zu verkörpern. Daraus folgt, dass sich jeder Habitus individuell gestalten und anpassen lässt, und sich die Konzeption des Habitus nach drei Gesichtspunkten strukturiert: „Der Körper scheine erstens als Speicher, der im Sinne einer permanenten Gedächtnisstütze die Strukturen des Habitus aufbewahrt; er wird in den körperlichen Akten des praktischen Sinns zweitens als Agens vorgestellt; und er wird schließlich drittens in verschiedenen Dimensionen als Medium thematisch“ (Alkemeyer & Schmidt 2003, S. 89). Der Körper ist demnach ein Speichermedium, welches mit dem Agens, einem praktischen Sinn für körperliche Handlungen (vgl. Alkemeyer & Schmidt 2003, S. 90) ausgestattet ist, und so in der Lage ist praktische Schemata und Prozesse nachzuahmen von sozialen Strukturen weiterzugeben und einzuüben. Es wird ersichtlich, dass sich der persönliche Habitus aus dem Körper als Medium und Leib als Erfahrungswelt zusammensetzt und so reflexive und individuelle Praktiken eines einzelnen Akteurs ausübt. Diese Praktiken in der jeweiligen Erfahrungswelt werden durch Merkmale der ihn umgebenen Szene beeinflusst und formen so einen individuellen Habitus mit szenetypischen Ausprägungen.

Doch wie werden diese Eigenschaften nach außen verkörpert und für die umgebende soziale Kultur sichtbar gemacht, um sich als Teil einer Szene oder Interessengemeinschaft zugehörig zu zeigen? „Der Begriff Habitus hat unter anderem die Funktion, die stilistische Einheitlichkeit zu erklären, die die Praktiken und Güter eines einzelnen Akteurs oder einer Klasse von Akteuren miteinander verbindet“ (Bourdieu 1998, S. 21) und so die Vergemeinschaftung über den Körper als Medium darzustellen. Dies geschieht durch die Inkorporierung sozialer Praktiken am menschlichen Körper (vgl. Lenger et al. 2013, S. 22) und wird als Stil betrachtet, durch den ein Individuum dargestellt wird. Zu erwähnen ist weiterhin, dass Subkulturen als Vollzeitidentitäten verstanden werden und eine Loslösung vom Stil daher durch bereits ritualisierte und inkorporierte Ausformungen nur schwer möglich ist (vgl. Bauer 2010, S. 58).

Der Stil eines Individuums bildet sich unter anderem aus Einflüssen aus Symbolen, Ritualen, Lifestyle, Medien und szenetypischen Strukturen (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 30f.), sowie „Körpersprache, Gesten, Kommunikation, sowie weiterer materieller wie nichtmaterieller Ausdrucksformen“ (Heyer 2013, S. 6). Der entstandene Stil wird durch eigengestaltete Formung des Körpers zum Gegenstand in einer Gesellschaft und kann öffentlich zur Schau gestellt werden (vgl. Alkemeyer et al. 2003, S. 10f.). Dadurch, dass keine Sanktions- oder Exklusionsmechanismen herrschen, ist die Zugehörigkeit zu einer Szene jederzeit kündbar (vgl. Hitzler S. 19). Jedoch haben szenetypische Charakteristika trotzdem einen großen Einfluss auf den individuellen Habitus mit seinen Ausprägungen, denn nach Müller-Bachmann (2002, S. 150f.) ist die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer Gruppe eine Lebensform und soziale Identität, die sich in Einstellungen und Verhaltensweisen äußert. Es ist also nicht einfach möglich, den ausgeformten szeneüblichen Habitus und damit einhergehenden Stil von Tag zu Tag abzulegen. Der Habitus gilt als System generativer Alltagswelten (vgl. Diaz-Bone 2013, S. 29) in denen habituelle Veränderungen zwar möglich, jedoch langfristig und schwerfällig sind (vgl. Schumacher 2013, S. 119).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Körper als praktischer Sinn, Medium und Speicher von habituellen Strukturen genutzt wird, die sich durch körperliche Praxis und leibliche Erfahrungen gegenseitig bedingen. Die Identität und Einzigartigkeit eines Individuums wird durch vielfältige Prozesse der Gestaltung und Mimesis durch den Körper als Instrument ausgebildet. Diese individuellen Merkmale sind zwar veränder- und ablegbar, dabei jedoch sehr schwerfällig. Durch individuelle Ausprägungen und Eigenschaften des Körpers wird ein eigener Stil herausgebildet, der sich durch die Inkorporierung sozialer Praktiken und durch den Körper als Medium und Leib als Erfahrungswelt äußert. Dieser eigene Stil kann ebenfalls in Gruppen vergemeinschaftet werden und so eine Zugehörigkeit sowie Distinktion einer Interessengemeinschaft anzeigen.

2.3 Analyseoptik: (Selbst-)Stilisierung in Szenen

Wie wird nun eine Gestaltung und eine Abgrenzung einer Szene dargestellt, was zeichnet Szenen bzw. Stile aus und wie entstehen Zugehörigkeiten und Vergemeinschaftungsprozesse mit Individuen? Es stellt sich die Frage, wie die Teilhabe einer Szene Einfluss nehmen kann, einerseits auf das äußere Erscheinungsbild und andererseits auf innere Einstellungen und Werte eines jeden Individuums. Im Folgenden werden die soziologischen Grundlagen erläutert, mit deren Hilfe die Leitfrageninterviews betrachtet werden können.

Nach einer Suche des Begriffes Szene in dem Nachschlagewerk Duden wird klar, dass es mehrere Definitionen gibt, die von einer „kleineren Einheit des Aktes, Hörspiels, Films“, über den „Ort einer Handlung, bis hin zur „theatralischen Auseinandersetzung“ (Duden 2018) reichen. Für eine soziologische Analyse möchte ich den Szenebegriff nach Hitzler et al. als Grundlage aufführen, um ein einheitliches Verständnis generieren zu können.

2.3.1 Leben in Szenen

Der Begriff der Szene erweitert die klassischen Vergemeinschaftsform der bürgerlichen, traditionellen Kultur (wie etwa in Vereinen) um den Aspekt des kulturellen Netzwerkes. Dieses schließt Werte um gemeinsame Ideen, Sinngebungen und ästhetischen Standards mit ein (vgl. Hitzler 2008, S. 64). Hitzler (2008, S. 20) beschreibt eine Szene als „eine bestimmte Art von ‚tendenziell globalen sozialen Netzwerken‘ von Menschen“, also „einem Netzwerk, in dem sich unbestimmt viele beteiligte Personen und Personengruppen vergemeinschaften“ (Hitzler & Niederbacher 2010, S. 16) und zusammenfinden. Bei jugendlichen Vergemeinschaftungsprozessen wird häufig der Begriff der Peer Group verwendet, da dabei der Fokus auf neuen Erfahrungsräumen mit gleichaltrigen Angehörigen einer Interessensgemeinschaft beschrieben wird (vgl. Hitzler et al. 2010 S. 15). Ebenso wird der Begriff des Milieus abgegrenzt, da dieser „jugendkulturelle Gesellungen, die aus gemeinsamen, teilweise ethnisch besonderten Lebensumständen heraus wachsen“ (Hitzler & Niederbacher 2010, S. 189), ähnlich wie andere jugendkulturelle Organisationsformen. Für den Aufbau einer Szene soll diese Grafik als Verdeutlichung dienen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gruppen in Szenen (Hitzler 2010, S. 21)

Szenen sind altersunabhängige Gesellungsformen und zeichnen sich durch eine Organisation aus, die keine Einhaltung von förmlichen Mitgliedschaftsregeln verfolgt und so die Ränder der Zugehörigkeit verschwimmen lässt (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 16 ff.). In einer Szene bewegt man sich also nicht innerhalb klarer Grenzen, sondern eher „wie in einer Wolke oder in einer Nebelbank: Man weiß oft nicht, ob man tatsächlich drin ist, ob man am Rande mitläuft, oder ob man schon nahe am Zentrum steht“ (Hitzler & Niederbacher 2010, S. 16). So ist nicht nur die Zugehörigkeit zur Szene, sondern auch diese selbst als dynamisch zu sehen, da das Szenegeschehen durch Angebote, Events und Nutzerkreise stetig in Bewegung ist (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 25).

Weiterhin werden Szenen als Gesinnungsgebilde gesehen, die thematisch fokussiert ihre eigenen Netzwerke ausbilden und unterhalten (vgl. Kutscher 2014, S. 255). Die thematische Fokussierung vereint die Gemeinsamkeiten, Einstellungen, Präferenzen und Handlungsweisen, wobei die vielfältige Kommunikation auch über die diffusen Ränder der Szene heraus reichen kann (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 17). So ist eine Szene ebenfalls als Interessengemeinschaft zu verstehen, wodurch das Individuum bei der Szenezugehörigkeit nicht auf ein dazugehöriges- und von der Szene verkörpertes Interesse beschränkt ist. Dieses Interesse innerhalb der Szene wird jedoch oftmals als Maxime angesehen. Für die Heavy Metal Szene sei hier das Statement des Sängers Bruce Dickinson der Band Iron Maiden anzuführen: „There are basically two categories of music: metal and bullshit“ (Dickinson 2018, Absatz 1). Diese polarisierende Darstellung spiegelt eine klare Abtrennung gegenüber anderen Szenen wieder und verstärkt das psychologische Prinzip der Gruppenbildungen, bei dem sich idealtypischerweise jede Gruppierung einer anderen überlegen fühlt (vgl. Göckel 2003, S. 142). Ein solch feststehendes Meinungsbild wird von Anhängern der Szene unterschiedlich stark gelebt, jedoch ist hier wieder die demonstrative Unangepasstheit als Mittel der Abgrenzung anzuführen, welches sich Dickinson für ein klares Standing innerhalb der Szene zu Nutze macht. Dies wird zusätzlich genutzt, um eine klare Abgrenzung gegenüber der populären Kultur zu begründen und gleichzeitig den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppierung weiter zu fördern. So wird eine Zugehörigkeit durch die wechselseitige Inszenierung und Verwendung von Symbolen, Zeichen und Ritualen bestärkt, damit ein Gemeinschaftsgefühl und die Zugehörigkeit von Szenemitgliedern (re-)produziert wird (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 19). Es entsteht eine einheitliche Basis für szenetypisches Verhalten, welches bei szenetypischen Events ausprobiert und (weiter-) entwickelt werden kann.

Events werden nach Hitzler und Niederbacher (2010, S. 22) definiert als „eine vororganisierte Veranstaltung, bei der unterschiedliche Unterhaltungsangebote nach szenetypischen ästhetischen Kriterien kompiliert oder synthetisiert werden, wodurch idealerweise ein interaktives Spektakel zustande kommt. Dieses Spektakel geht in der Regel mit dem Anspruch einher, den Teilnehmern ein ‚totales‘ Erlebnis zu bieten“ (Hitzler & Niederbacher 2010, S. 22). Events dienen der Zusammenkunft, Vergemeinschaftung, sowie der (Re-)Produktion von szenetypischen Verhaltensweisen, Symbolen und Ritualen und schaffen ein Erlebnisangebot für Szeneangehörige und Außenstehende (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 25f). Dazu spielt neben dem physischen Zusammentreffen die digitale Mediennutzung eine zentrale Rolle. Das Internet bietet einen geradezu unüberschaubaren Möglichkeitsraum sich selbst „zu repräsentieren, zu inszenieren, zu stilisieren, zu orientieren und zu vergemeinschaften“ (Hugger 2014, S. 21), sodass die Prozesse der Szene nicht lokal, physisch oder temporär eingrenzt werden können.

Szenen sind demnach relativ unstrukturiert, altersunabhängig und verfügen über gemeinsame Rituale, äußere Erscheinungsmerkmale sowie Denk- und Handlungsschemata, sodass ein eigenes Szeneleben geschaffen wird und eine Zugehörigkeit fördert, aber auch eine symbolische Distinktion zu anderen sozialen Gruppen zur Folge hat. „Vor allem in diesem Sinne lässt sich eine Szene mithin als Netzwerk von Personen verstehen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven (Selbst-) Stilisierung teilen und diese Gemeinsamkeiten kommunikativ stabilisieren, modifizieren oder transformieren“ (Hitzler & Niederbacher 2010, S. 17). Des weiteren haben sich langfristige Szenegänger ein spezifisches Sonderwissen angeeignet, welches Events, Rituale, Codes oder Regeln betrifft (vgl. Chaker 2014, S. 182) und sowohl für die Authentizität und Anerkennung, als auch für die Festigung des eigenen Stils eines Individuums innerhalb der Szene von großer Bedeutung ist. Im nächsten Abschnitt wird diese eigens gewählte Stilisierung aus soziologischer Sicht näher betrachtet.

2.3.2 Stile und (Selbst-)Stilisierung

Der Begriff des Stils findet in vielen Disziplinen, wie beispielsweise in der Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte oder in der Lebensstilforschung (vgl. Müller-Bachmann 2002, S. 144), Anwendung und wird im Folgenden für die Verwendung einer soziologischen Betrachtungsweise eingegrenzt.

Der Begriff Stil ist „als eine spezifische Präsentation gekennzeichnet und manifestiert die Zugehörigkeit eines Individuums nicht nur zu einer Gruppe oder Gemeinschaft, sondern auch zu einem bestimmten Habitus und einer Lebensform [...]. Ein Stil ist Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: Er ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung“ (Soeffner 1986, S. 318).

Ein Stil ist ein komplexes System, welches als Funktion gesehen werden kann, ein Individuum im sozialen Raum zu verorten, sowie als Instrument, um sich gegenüber anderen Gruppen abzugrenzen. Dies geschieht durch eigenverantwortliche Entscheidung, denn „durch seinen Habitus präsentiert das Individuum einen Stil der Selbstdarstellung [...] und damit wird der Körper zum Medium der sozialen Distinktion eingesetzt“ (Gugutzer 2013, S. 249). Der Habitus bezeichnet hierbei zunächst die „äußere Erscheinung von Menschen, von der aus auf die Gesamtheit der Einstellungen und Gewohnheiten geschlossen werden kann“ (Lenger et al. 2013, S.14). Zu diesem Erscheinungsbild zählen also sowohl die äußere Erscheinung, als auch die inne liegenden Wertvorstellungen, Überzeugungen und individuelle Verwirklichungen. Bei dem Begriff „Stil handelt [es] sich also um etwas sehr Allgemeines und zugleich sehr Variantenreiches, das über die Differenzen von Gruppen, Epochen, Kulturen und Subkulturen hinweg als Eigenschaft bestimmten Verhaltens und bestimmter Praxis identifizierbar ist“ (Willems 2008, S. 290). Ein Stil wird weiterhin als ein Gesamtbild gesehen, welches sich aus zwei Ebenen zusammensetzt. Einerseits erscheint der Stil als eine Art Produkt des Habitus welches sich unbewusst und implizit im Stil äußert; andererseits durch die explizite Ebene, welche ebenfalls Elemente der (Selbst-)Stilisierung enthält (vgl. Willems 2008, S. 24). Die (Selbst-)Stilisierung , also die Entscheidung zu einem bestimmten Stil mit dessen Performanz, ist demnach keine unbewusste habituelle Entscheidung, sondern eine bewusst reflexive Selbstfestlegung mit distinktiven Merkmalen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten (vgl. Willems 2008, S. 295). Somit ist der Stil, welcher Zugehörigkeiten ausdrücken kann, auch im Alltag erkennbar und kann nicht ohne weiteres abgelegt werden, da er nicht nur durch externe Faktoren und bewusst nach außen präsentiert wird, sondern sich auch auf interne Prozesse des Erlebens und Bewusstseins bezieht (vgl. Willems 2008, S. 290).

Nun sind Stile nicht nur individueller Natur, sondern können auch von Gruppen zum Ausdruck gebracht werden, welches für Ausprägungen einer Szene hilfreich ist. Willems (2008, S. 295) merkt dazu an, dass Gruppenstile zunehmende Performanz und Inszenierung benötigen, sodass Stile als Indikatoren von Identitäten fungieren, um sich symbolisch abzugrenzen, wobei diese Distinktion in verschiedene soziale Richtungen vollzogen werden kann. Eine Abgrenzung erfolgt somit nicht ausschließlich gegenüber anderen Szenen oder Gruppierungen, sondern auch auf individueller Ebene gegenüber anderen Szeneteilnehmern durch personalisierte Eigenpräsentationen. Diese individuellen Stile müssen nicht zwangsweise von dauerhafter Natur sein, sondern sind veränderlich und gestaltbar (vgl. Willems 2008, S. 295). Der Begriff des Stils ist als Zusammenspiel von bewussten und unbewussten Faktoren zu sehen, die sich durch körperbezogene Merkmale äußern und Einfluss auf habituelle Realitäten haben. „Der Stil greift über das Individuum hinaus; das Subjekt, das ihn verwirklicht, erzeugt etwas Überindividuelles“ (Gebauer et al. 2004, S. 121) und ist somit Werkzeug der Inszenierung und Performanz eines Individuums mit Einfluss auf Gruppen- oder szenetypisches Verhalten.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Zugehörigkeiten eines Individuums zu einer Gruppe oder Gemeinschaft durch Habitus und Lebensformen (selbst-)stilisiert werden, um sich so im sozialen Raum abgrenzen zu können. Dies beinhaltet sowohl äußere Erscheinungsprozesse, als auch innere, seelische Bewusstseinsprozesse, die reflexiv, veränderbar und gestaltbar sind. Diese Stile organisieren sich in Szenen, da diese thematisch fokussierte, labile und dynamische Gesinnungsgemeinschaften sind, die sich als partikuläre Teilzeit-Gesinnungsform äußern und durch unterschiedliche Reichweiten ihre Erfahrungsräume bereitstellen (vgl. Hugger & Özcelik 2014, S. 124). Zusammenfassend lassen sich Szenen als altersheterogene Gesinnungsgebilde, die sich durch szenetypische Symbole, Rituale und Zeichen von anderen sozialen Gruppen abgrenzen, definieren. Szenemitglieder haben durch Events die Möglichkeit ihr szenetypisches Verhalten zu (re-)produzieren, Handlungen zu inszenieren und durch Körper aufzuführen (vgl. Gebauer et al. 2004, S. 13,72).

Nachdem die theoretischen Hintergründe zu Szenen und zur (Selbst-)Stilisierung diskutiert wurden, soll im Folgenden die Heavy Metal Szene unter diesen Gesichtspunkten betrachtet werden.

2.4 Heavy Metal als Szenephänomen

Zum Heavy Metal-Konzert geht man nicht, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat; sondern weil das Bekenntnis zu dieser Musik untrennbares Merkmal der eigenen Identität ist; die ‚Schlagerparade‘ ist keine Alternative. “ - (Prisching 2008, S. 47)

Bei der Recherche zu dieser Bachelorarbeit wurde ersichtlich, dass Fragen des musikalischen Werdegangs, der Selbstdarstellung der Bands und deren Botschaften, sowie die Bühnenpräsenz die szenetypische Literatur beschäftigen. Heavy Metal geht weit über die Musik hinaus und findet sich in eigenen kulturellen Eigenschaften wieder, die angetrieben von einem Streben nach Authentizität und Auseinandersetzung mit der Gesellschaft sind. „Metal inszeniert sich über die Rolle des unabhängigen Außenseiters, der vor allem Tradition, Durchhaltevermögen, Freiheit und Freude in der Beschäftigung mit Musik schätzt“ (Wanzek 2018, Absatz 1). Um die übergeordnete Forschungsfrage beantworten zu können, ist es sinnvoll, weitere Teilforschungsfragen zu stellen: Was beinhaltet der Lebensstil des Heavy Metal, was bedeutet er für das Individuum und wie definiert sich die Szene über Körperlichkeiten? Dies soll anhand verschiedener theoretischer Betrachtungen kurz aufgearbeitet und durch selbst durchgeführte Experteninterviews (vgl. Kapitel 4) ergänzt werden. Dabei ist wichtig zu betrachten, dass es sich um persönliche Biographien handelt und keinesfalls alle relevanten Merkmale, Stilisierungen oder habituelle Prägungen erfasst werden können, sondern der Fokus nur auf die aussagekräftigsten Merkmale gelegt wird.

Die Frage: „Wer hört eigentlich Heavy Metal?“ soll im Folgenden nur kurz behandelt werden, da sich im Laufe der Musikgeschichte noch zu Beginn der 90er Jahre ein sehr negativ geprägtes stereotypes Bild von unterprivilegierten, bildungsfernen Anhängern des Heavy Metal verbreitet war, welches sich nach diversen aktuelleren Studien aufgelöst hat (vgl. Lücker 2013, S. 37). Es wird ein neues, heterogenes Bild von szenetypischen Mitgliedern der Heavy Metal Szene gezeichnet, unter dem zwar das männliche Geschlecht stärker vertreten ist, aber über Alter, Bildungsstand und Herkunftsmilieu keine einheitlichen Angaben gemacht werden konnten (vgl. Studien von: Guibert 2016; Roccor 1998; Lücker 2013). Es kann somit für dieses globale Phänomen der Heavy Metal Kultur keine Abgrenzung auf gesellschaftliche Teilbereiche vorgenommen werden.

2.4.1 Der Lebensstil des Heavy Metal

...for metalheads across the globe, metal is more than music. More than an identity. Metal is freedom. And together, we are a global tribe (Sam Dunn – Global Metal) “ - (Zitiert in: von Helden 2011, S. 379)

Dieses Statement aus der Dokumentationsreihe Global Metal von Sam Dunn (2008) macht deutlich, dass der Zusammenschluss von Begeisterten der Heavy Metal Kultur ein globales Phänomen ist, in dem Szenemitglieder von ähnlichen Beweggründen angetrieben werden, ähnliche Interessen und so einen ähnlichen langfristig angelegten Lebensstil verfolgen, um ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu erlangen.

Der eigene Stil eines Individuums kann durch eine konsequente, intensive Verfolgung und Verwirklichung auf den Begriff des Lebensstils erweitert werden. Laut Gugutzer (2013, S. 236) ist ein Lebensstil eine Praxis, die nicht gelegentlich ausgeführt wird, sondern eine körperbezogene kulturelle Ausdrucksform, die möglichst rund um die Uhr gelebt wird und sich nach Bourdieu (1987, S.278f.) als Habitus äußern. So werden Rahmen für Handlungs- und Verhaltensweisen gegeben, um ein individuelles Gesamtarrangement herzustellen (vgl. Hitzler & Niederbacher 2010, S. 29). Die Teilhabe an der Szene des Heavy Metal kann als ein zeitaufwendiges Hobby betrachtet werden, daher beschreibt man die Zugehörigkeit auch als Lebensstil oder Lebenseinstellung (vgl. Chaker 2014, S. 161). Da sich der Lebensstil des Heavy Metal auf eine Freizeitszene bezieht, gibt es für die Anhänger kaum verbindliche Vorgaben (vgl. Chaker 2014, S. 161) für die Ausprägung und Festlegung auf gewissen Eigenschaften eines Stils. Die Frage, was den Lebensstil des Heavy Metal auszeichnet, soll im Folgenden mit Hilfe der Fachliteratur kurz erläutert werden und kann unterteilt werden in Eigenschaften über Kleidung , Gepflogenheiten und Werte/ Lebenseinstellungen.

Der Lebensstil der Szeneanhänger wird nach außen sichtbar in Form von typischen Kleidungsmerkmalen getragen. Die Heavy Metal Kultur umfasst neben der intensiven Auseinandersetzung mit Musik und der Pflege von häufig langjährigen Freundschaften mit anderen Metal-Heads – je nach Möglichkeit – ein Auftreten als erkennbarer Metal-Fan, der seinen Geschmack und seine Einstellung durch die subtile bis offensichtliche Zusammenstellung und Gestaltung seiner Kleidung mit Hilfe von Merchandise-Artikeln andeuten kann“ (Wanzek 2018, Absatz 6). Dies führt zu dem Eindruck, dass es eine Art Metal-Uniform gibt, die ausschlaggebend für das Erscheinungsbild ist. Hier wird oftmals die Kutte als textiles Kleidungsstück angeführt, welches individuell vom Träger gestaltet wird. Dabei ist wieder anzumerken, dass es keinesfalls eine Pflicht ist, eine Kutte zu besitzen, da es derzeit möglich ist, nahezu alle gängigen Kleidungsstücke mit szenetypischen Merkmalen zu versehen, sodass neben dem klassischen Merchandise der Bandshirts, durchaus auch Hosen oder Schuhe mit Bandlogos oder Sprüchen bedruckt und verkauft werden.

Gelebt wird der Lebensstil vor allem auf Konzerten und Festivals, wobei auch hier einige szenetypische Gepflogenheiten aufgezählt werden können. Bei szenetypischen Events steht die gemeinsame, unbeschwert miteinander verbrachte Zeit mit Gleichgesinnten im Vordergrund (vgl. Wanzek 2018, Absatz 7). Dabei wird der Alltag ausgeblendet und der Fokus liegt auf der intensiven Auseinandersetzung von Musik, ihrer Anhängerschaft und der verbundenen Kultur. Die Liebe zur Metal Musik in all ihren Facetten ist ein wichtiges Merkmal des Lebensstils, da im Gegensatz zur Popmusik, auch extreme Gefühle wie Aggression, Hass oder Trauer kanalisiert werden können (vgl. Ehmke 2014, S. 94). Dieser Drang nach expressiver Entfaltungsmöglichkeit und Wunsch nach größtmöglicher Freiheit lässt sich als Kernaussage definieren, die Heavy Metal als Gegenstrom zu etablierten kulturellen Lebensweisen bezeichnen (vgl. Lücker 2013, S. 51). „Die Fixierung auf die Musik unterstreicht zudem noch einmal, welche immense Rolle diese innerhalb der Szene und für die Identität spielt“ (Lücker 2013, S. 52) und zeigt, dass die Musik durch ihre rebellische und revolutionäre Weise, vielfältige Mechanismen zur Gefühlsverarbeitung und Identitätsfindung bereitstellen kann. Die aktive Teilnahme an szenetypischen Events kann durchaus entladende, befreiende und somit kathartische Wirkung haben (vgl. Hug 2004, S. 22). Die damit einhergehende Reinigung der Seele und Verbannung von Leidenschaften (vgl. Hug 2004, S. 22) durch emotionales und körperliches Abreagieren, zeigt eine Möglichkeit der Herstellung eines psychischen Gleichgewichtes.

Die szenetypischen Werte und Lebenseinstellungen lassen sich folgendermaßen umschreiben: „Die Heavy-Metal-Kultur ist bezüglich der fundamentalen Lebenseinstellungen ihrer Szenegänger ein heterogener Verbund, in dem sich die breite Palette an Denk- und Lebensweisen einer Gesellschaft wiederfinden lässt“ (Lücker 2013, S. 51). Es gibt einige Charakteristika, die sich als szenetypisch herausstellen und mit der Heavy Metal Kultur assoziiert werden. Auf Faktoren wie Ehrlichkeit und Authentizität (der Begriff true kommt zum Einsatz) wird bei Befragungen unter Heavy Metal Fans großen Wert gelegt, sodass die Zugehörigkeit nicht verleugnet, sondern vielmehr gegenüber Außenstehenden repräsentiert wird (vgl. Lücker 2013, S. 52). Hier spielt auch der Zusammenhang von Kommerzialität und Mitläuferschaft eine Rolle, da diese im Heavy Metal als sorgenvolle Trends der populären Kultur betrachtet werden (vgl. Lücker 2013, S. 53). Damit ist die provokative und grenzüberschreitende Ausrichtung oder Gesinnung der Szeneanhänger anzuführen, da absichtlich von der restlichen Gesellschaft und zu einem Mainstream Verhalten abgegrenzt wird. Bei der Kommerzialisierung muss beachtet werden, dass der Heavy Metal zwar eine rebellische Grundhaltung demgegenüber vertritt, jedoch viele mit der Szene ihren Lebensunterhalt verdienen und so eine Vielzahl szenetypischer Produkte als Nebeneffekt auftreten (vgl. Lücker 2013, S. 53). So ist es nicht verwunderlich, dass die Business-Mentalität und Geschäftssinn (vgl. Lücker 2013, S. 53) auch verstärkt in der Metal Szene auftreten.

Der Begriff der Trueness vereint die Eigenschaften und Ideale der Heavy Metal Kultur. So tragen die dazu gehörigen Eigenschaften der Authentizität und Ehrlichkeit dazu bei, eine verlässliche und langanhaltende Basis für die Szene zu bilden. Diese Authentizität wird durch die Körperlichkeit untermalt, da Heavy Metal trotz zunehmender Digitalisierung und Modernisierung stets eine körperliche und materielle Erfahrung ist (vgl. Lücker 2013, S. 54). Dies kommt bei szenetypischen Events am ehesten zur Geltung, da Bands durch ihre Bühnenshows überzeugen müssen, der volle körperliche Einsatz als ritualisierte Gewalt (vgl. Chaker 2014, S. 166) bei Moshpits, oder das Growlen und Shouten stets als extreme Erfahrung durch den Körper zu sehen ist. Ebenfalls wird die Trueness durch die Anhäufung von szenespezifischem Sonderwissen bestärkt, welches distinktive Kommunikationsweisen ermöglicht (vgl. Hitzler 2008, S. 64). Dabei ist wichtig, dass nicht nur oberflächliches Wissen aus Fanzines rezitiert wird, sondern durch intensive Beschäftigung ein entsprechendes Hintergrundwissen für Diskussionen vorhanden und so die Authentizität für eine überzeugende Szenezugehörigkeit gegeben ist. Die langanhaltende Teilnahme an der Heavy Metal Kultur wird durch eine kontinuierliche und langjährige Verfolgung gelebt, sodass Rob Zombie im Film Metal: A Headbangers Journey herausstellt: „No one goes ‚yeah I was really big into slayer one summer‘...you know, I never met that guy. I only met the guy who got ‚slayer‘ cut across his chest.“ (Wise, Dunn & McFayden 2006, 23:34 Min).

Zusammenfassend werden im Metal vor allem Authentizität, Durchhaltevermögen, Traditionsbewusstsein und Verlässlichkeit (vgl. Wanzek 2018, Absatz 4) im Sinne der Heavy Metal Kultur wertgeschätzt, welche sich in dem Begriff der Trueness vereinen. Die rebellische Haltung gegenüber populärer Kultur und Kommerzialisierung vereint die Anhänger und bietet eine Möglichkeit den eigenen Stil in Anlehnung an die Heavy Metal Kultur zu formen. Die Musik dient hierbei als Katalysator der eigenen Emotionen. Der Lebensstil der Heavy Metal Kultur weckt Zugehörigkeits- und Sinnstiftungsgefühle, sodass sich die Anhänger durch musikalische, lyrische, rituelle oder gemeinschaftsfördernde Aspekte identifizieren und so eine eigene Kultur formen (vgl. Kosic 2011, S. 118), welche nicht auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe eingegrenzt werden kann. Diese Zugehörigkeits- und Sinnstiftungsgefühle werden über szenetypische Symbole vermittelt und über Körperlichkeiten definiert, welches im Folgenden näher behandelt wird.

2.4.2 Definition der Heavy Metal Szene über Körperlichkeiten

Die Metal-Kultur macht Identifikationsangebote und kann dadurch Zugehörigkeits- und Sinnstiftungsgefühle wecken. “ - (Kosic 2011, S.120)

Je nach Subgenre können eigene variierende Gesten , Rituale oder Symbole üblich sein - für die Gesamtheit der Heavy Metal Kultur sollen kurz die gängigsten Elemente aufgeführt werden.

Als symbolische Geste kann die Cornuto-, oder auch Horn-Geste (siehe Kap. 1.2), oder selbstironisch: „Pommesgabel“ (Chaker 2014 S. 166) genannt, aufgeführt werden. Diese Geste „wird einerseits ironisiert, andererseits als sakrale Geste gewertet. Ihr Gebrauch durch Außenstehende wird von Metal-Akteuren – zwar teilweise auf selbstironische Weise aber explizit – geahndet“ (Kosic 2011, S. 120). Diese Geste dient der Akzentuierung und findet in vielfältigen Bereichen Einsatz, die szenespezifische Aussagen, Handlungen oder Rituale betreffen. Headbanging, moshen, shouten, oder growlen (siehe Kap. 1.2) zählen nach Gugutzer ebenfalls zu einer Art und Weise den Körper als Medium (vgl. 2016, S. 234) und Übermittler von Emotionen zu benutzen.

Als Rituale in Bezug zu Körperlichkeiten müssen je nach lokaler Szene und Freundeskreise Unterscheidungen getroffen werden. Für szenetypische Events können Vorführungen der ritualisierenden Gewalt aufgezählt werden, welche beim Moshpit vor der Bühne durch „Anrempeln, Anspringen, Schubsen und Stoßen“ (Chaker 2014, S. 166) inszeniert werden und einen besonderen Reiz der „kontrollierten Aufgabe von Kontrolle“ (Chaker 2014, S. 166) mit sich bringt. Dieser absichtliche Kontrollverlust lässt das Moshen als unüberschaubares Aufeinandertreffen erscheinen, wobei auch dieses gewissen Regeln folgt. So ist nicht nur das Aufstehen helfen nach einem Niederfall eines Individuums im Moshpit eine Selbstverständlichkeit, Chaker (2014, S. 166) führt weiterhin aus, dass das körperliche Aufeinandertreffen außerdem eine legitime Art und Weise ist in Körperkontakt zu treten, ohne als homosexuell eingeschätzt zu werden. Hierzu zählen ebenfalls die Aktivitäten des Crowd-Surfens oder Stagedivens (siehe Kap. 1.2), da diese Praxen im Kontext des szenetypischen Events als ritualisiertes und gängiges körperliches Aufeinandertreffen gewertet werden.

Einen großen Einfluss haben Symbole auf nach außen getragener Kleidung, da diese nach Höpflinger (2014, S. 173) ein wichtigstes erstes Erkennungszeichen szeneinterner Kommunikation sind und so Grenzziehungs- und Zugehörigkeitsprozesse generieren. Durch die bereits erwähnten verschwimmenden Grenzen bei Szenen als labile Gebilde, gibt es keine festgelegten Kleidungsvorschriften, jedoch „haben sich bestimmte Bekleidungspraxen herausgebildet, die mit den musikalisch-klanglichen Phänomenen als auch den Inhalten [...] korrespondieren“ (Chaker 2014, S. 162). So ist schwarze Kleidung die mit Aufnähern oder bedruckt sein kann, eine vorwiegend benutzte Bekleidungspraxis. Dies macht eine relativ freie Wahl des Stils innerhalb gegebener Rahmen möglich, sodass diese szenetypische Kleidung auch im Berufsalltag getragen werden kann, sofern es die jeweiligen Kleidungsvorschriften zulassen.

Themen, die innerhalb der Heavy Metal Kultur sowohl musikalisch, als auch textlich verarbeitet werden, bedürfen einer Umsetzung und Verkörperung in Form von einer Verbildlichung symbolträchtiger Gegenstände und Devolationen (vgl. Eckel 2011, S. 65). Es geht bei den üblicherweise in der Szene dargestellten Themenbereichen um entweder ein Verlassen der Realität und Eintauchen in eine fantastische Welt, oder um die Überschreitung von Normen und Regeln, wobei das Böse und die Bestialität im Menschen thematisiert werden (vgl. Eckel 2011, S. 65). Als Beispiele können hierbei die Reise in eine vergangene Zeit der Ritter, und Themen mit Motiven wie Hass, Zerstörung, Folter oder Krieg angeführt werden. Die Beschäftigung mit diesen Themen sind Formen der Grenzüberschreitungen, die einen Hang zur Verbildlichung haben. Diese Verbildlichungen lassen sich durch den Körper repräsentieren und inszenieren. Ebenso erfolgt eine bildhafte Darstellung verschiedenster grenzüberschreitender Themen auf Bandshirts, Kutten, CD Covern, Tattoos, Aufnähern, oder anderen Accessoires die als szenetypisch gelten. Auf Außenstehende weckt die Metal Szene daher den starken Eindruck der Uniformierung (vgl. Chaker 2014, S. 162), welche je nach Subgenre in gewissen Rahmen variieren kann. So ist bei szenetypischen Events neben dem Bandshirt auch z.B. bei der Death Metal Szene schweres Schuhwerk wie etwa Bundeswehrstiefel in Verbindung mit (schwarzer) Lederkleidung eine übliche Erscheinungsweise (vgl. Chaker 2014, S. 162). Der Eindruck der Uniformierung wird zudem bestärkt, da neben schwarzer Kleidung auch oftmals militärische Tarnfarben und Patronen- und Nietengürtel als Schmuck, sowie Ketten oder Ringe, in welche szenetypische Symbole eingearbeitet werden, getragen werden (vgl. Chaker 2014, S. 163).

Entgegen der verallgemeinerten Reduktion auf ein typisches Metal-Outfit soll herausgestellt werden, dass sich zwar ein einheitlicher Lebensstil durch die (Selbst-)Stilisierung und damit einhergehende ähnliche Außendarstellung der einzelnen szeneangehörigen Individuen herausbildet, sich dieser aber innerhalb der Szene verschiedenartig und individuell entfalten kann. Kleidung oder Visualisierungen in Tattoos, Piercings, oder Brandings sind dabei nicht nur ein Medium zur körperlichen Inszenierungspraxis, sondern dienen der szeneinternen Verständigung (vgl. Höpflinger 2014, S. 174) und konstruieren so eine Abgrenzung der Heavy Metal Szene zur übrigen Gesellschaft.

2.4.3 Bedeutung für das Individuum

Wie bereits kurz im vorherigen Kapitel erwähnt, geht es bei den typischerweise in der Heavy Metal Szene dargestellten Themenbereichen um entweder ein Verlassen der Realität und Eintauchen in eine fantastische Welt, oder um die Überschreitung von Normen und Regeln, wobei das Böse und die Bestialität im Menschen thematisiert werden (vgl. Eckel 2011, S. 65). Die Behandlung der Themen kennt dabei jedoch keine Grenzen, sodass ebenfalls auch aktuelle, politische oder sozialkritische Themenbereiche aufgearbeitet werden können. Diese werden jedoch mit der Grundhaltung des Heavy Metals zusammengefasst, welches Kosic wie folgt kombiniert: „In der Metal Kultur ist eine Ästhetik, Symbolik und Moral des Kampfes, der Rebellion und Auflehnung, der Idealisierung des Individuums zu beobachten, welche entweder als reale Zustände betreffen oder eskapistische Elemente anbieten“ (2011, S. 120f.). Verarbeitet wird dies in erster Linie durch die Musik, welche „nicht nur ‚heavy‘ im Sinne von hart, sondern auch tiefgründig [ist], sie will den Menschen bis in seinen Seelengrund berühren“ (Jung 2015, 3. Absatz 3). Diese große Bandbreite an thematischen Betrachtungen durch die Musik bietet dem Individuum die Möglichkeit, einen Rückgriff für nahezu alle Bereiche des Lebens in der Heavy Metal Kultur zu finden.

Christoph Lücker (2013, S. 45) stellt fest, dass sich Einflüsse der Heavy Metal Szene auf Bereiche des Alltagslebens auswirken, so sind Freizeitgestaltungsmuster, Freundschafts- und Bekanntschaftsmodelle, Einkaufs- und Ausgehverhalten, Mediennutzung und andere Modalitäten, stets unter dem Einfluss von spezifischen Einstellungen und Lebensarten der Szene. Folglich ist die Zugehörigkeit der Szenen von großer Bedeutung für das Individuum und kann nicht ohne weiteres abgelegt werden, sondern kann nur durch eine träge Entwicklung verändert werden (vgl. Schumacher 2013, S. 119).

Die Bedeutung für Anhänger der Heavy Metal Kultur und Beweggründe für eine Teilhabe an der szenischen Sozialform des Heavy Metal sollen im Folgenden kurz erläutert werden. Die folgenden Kategorien können Gründe für die Attraktivität und Anziehungskraft der Heavy Metal Szene darlegen und werden in der Auswertung der durchgeführten Experteninterviews (vgl. Kapitel 7.7) ebenfalls aufgeführt. Nach Lücker (2013, S. 46ff.) zählen zu den bedeutendsten Faktoren der Anziehungskraft des Heavy Metal die:

[...]


1 So ist es derzeit möglich bei Textilhandelsunternehmen (z.B. H&M oder C&A) Kleidungsstücke zu erwerben die von szenetypischen Anhängern des Heavy Metal getragen werden. So werden dort bspw. Kleidungsstücke der Bands Slayer, Metallica oder Slipknot veräußert. Als Events sind Festivals wie „Wacken Open Air“, „Rock am Ring“ o. Ä. und als Gepflogenheiten u. A. die „Cornuto-Geste“ anzuführen.

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Zugehörigkeit zur Heavy Metal Szene in Bezugnahme auf Körperlichkeiten
Untertitel
Eine Szene von Innen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2018
Seiten
139
Katalognummer
V461479
ISBN (eBook)
9783668912397
ISBN (Buch)
9783668912403
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Szene, Heavy Metal, Körper, Körperlichkeit, Habitus, Adoleszenz, Hitzler, Willems, Bourdieu, Zugehörigkeit, Jugendkultur, Lebensstil, Selbst-Stilisierung, Stil, Szenephänomen, Individuum, Gesellschaft, Metal, Erwachsenenalter, Metal Szene, Szenezugehörigkeit
Arbeit zitieren
Michael Bauer (Autor), 2018, Zugehörigkeit zur Heavy Metal Szene in Bezugnahme auf Körperlichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461479

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