"A la fin de l'office, on me fit coucher dans une bière au milieu du choeur; on plaça des chandeliers à mes côtés, avec un bénitier; on me couvrit d'un suaire, et l'on récita l'office des morts, après lequel chaque religieuse, en sortant, me heta de l#eau bénite, en disant: 'Requiescat in pace.'"
Diese Totenmesse ist wohl eine der beeindruckendsten Szenen in der "Religieuse" von Denis Diderot. Allein schon die Elemente durch die der Raum dieser Szene erstellt wird schaffen eine unheimliche und bedrückende Grundstimmung.
Die Funktion, welche der Raum in einem Roman inne hat, ist sehr wichtig. Wie wird die Räumlichkeit in einem narrativen Text erstellt, welche Wirkung auf die Geschichte und die Figuren hat die räumliche Wirklichkeit? Das sind die Fragen, die sich mir bei bei der Lektüre der "Religieuse" stellten.
In dieser Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, wie durch die räumliche Wirklichkeit ein Weltmodell in einem Roman aufgestellt werden kann. Desweiteren werde ich untersuchen wie die Handlung von dieser räumlichen Wirklichkeit beeinflußt wird. Dabei ist auch interessant, wie die Empfindungen der Figuren von Gegenständen und Räumen wiedergegeben werden und welche Funktion dies für die Entwicklung der Geschichte hat.
Zuerst einmal wird die Raumtheorie geklärt. Der Raum wird unterschieden in zwei Bereiche und vom Raum der Geschichte ausgehend, wird schrittweise seine Funktion erläutert. Anschließend werde ich die raumtheoretischen Punkte explizit an dem Weltmodell der "Religieuse", ihrer Handlungststruktur und an einzelnen Raumfunktionen veranschaulichen.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Analyse
1. Die Theorie des Raumes
1.1 Unterteilung des Raumes : Raum des Diskurses - Raum der Geschichte
1.2 Evozierung des Raumes
1.2.1 Verfahren zur Erstellung der räumlichen Wirklichkeit
1.2.2 Raumfunktionen und Situationstypen
1.3 Weltmodelle
1.3.1 Verfahren der semantischen Opposition
1.3.2 Zustandekommen der Handlung durch räumliche Wirklichkeit
2. Analyse der semantischen Opposition und der Handlungsstruktur in der "Religieuse" anhand der räumlichen Wirklichkeit
2.1 Semantische Opposition(en)
2.1.1 Soziale Hierarchie
2.1.2 Ethische Merkmalhaftigkeit
2.2 Opposition der semantischen Teilfelder in der "Religieuse"
2.3 Veranschaulichung der Gefühlswelt der Figuren durch räumliche Wirklichkeit
2.4 Akustischer Tiefenraum
3. Illusionsbildung in der "Religieuse"
III Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion von Räumlichkeit in Denis Diderots Roman "La Religieuse". Das zentrale Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch räumliche Wirklichkeit ein Weltmodell konstruiert wird und wie dieses sowie die semantischen Oppositionen der Schauplätze die Handlungsstruktur und das Innenleben der Protagonistin Suzanne beeinflussen.
- Theoretische Grundlagen zur Raumkonstruktion in narrativen Texten
- Analyse der semantischen Oppositionen zwischen profaner und geistlicher Welt
- Untersuchung der sozialen Hierarchien und ethischen Merkmale anhand von Räumen
- Zusammenhang zwischen räumlicher Umgebung und der Gefühlswelt der Figuren
- Die Rolle von akustischen Elementen (Klangsymbolik) für die narrative Stimmung
- Illusionsbildung als Strategie zur Erzeugung von Glaubwürdigkeit
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Verfahren zur Erstellung der räumlichen Wirklichkeit
Die Vorstellung der räumlichen Gegebenheiten in einem narrativen Text ist also bei verschiedenen Menschen vollkommen unterschiedlich, obwohl das räumliche Modell im Text für jeden Leser auf die selbe Weise erstellt wird. Da stellt sich die Frage nach den verschiedenen Möglichkeiten zur Realisierung einer räumlichen Wirklichkeit, die ich in einem Text habe.
Durch sprachlich-stilistische Verfahren hat man drei Möglichkeiten in einer Geschichte eine räumlich/ gegenständliche Wirklichkeit zu erzeugen.
Das erste Verfahren ist die direkte Benennung der Anschauungsdetails in einem Text. Ein Gebäude oder eine Szene wird beschrieben, indem man alle Details nennt, welche für den Leser notwendig sind sich das Bild vorstellen zu können. So ist z.B. die Szene, in der Suzanne von zwei Nonnen begleitet nach Sainte-Eutrope fährt, eine Beschreibung der Anschauungsdetails. Man hat weder das Gefühl der Bildhaftigkeit (aus Mangel an Einzelheiten), noch hat die Szene eine übertragene Bedeutung, die eine weitere Assoziation wachruft.
Wie gerade eben angedeutet, ist ein weiteres Verfahren die Verwendung quasi genormter Bezeichnungen und Beschreibungen, die eine weiterreichende Assoziation ermöglichen. Der Leser ergänzt die ihm vor- schwebende Assoziation, die er mit einem bestimmten Ort oder Gegenstand verbindet zu dem genannten räumlichen Detail, und erhält eine erweiterte oder vollkommen neue Bedeutung. So ist die Reeperbahn nicht nur ein Straßenzug, sondern hat für den durchschnittlichen deutschen Bürger zugleich noch die Denotate des "Rotlichtmilieus".
Das dritte Verfahren ist die Bildlichkeit. Eine Szene wird so beschrieben, daß man sie ganz genau nachzeichnen könnte: "[...]une supérieure qui touchait à la quarantaine, blanche, fraîche, pleine d'embonpoint, à moitié levée sur son lit, avec deux mentons qu'elle portait d'assez bonne grâce, des bras ronds comme s'ils avaient été tournés, des doigts en fuseau et tout parsemés de fosettes, des yeux noirs, grands, vifs et tendres, presque jamais entièrement ouverts,[...]."
Zusammenfassung der Kapitel
Die Theorie des Raumes: Einführung in die Definition des Raumes als narratologische Kategorie, inklusive der Unterscheidung von Raum des Diskurses und Raum der Geschichte sowie der Darlegung zentraler Raumfunktionen.
Analyse der semantischen Opposition und der Handlungsstruktur in der "Religieuse" anhand der räumlichen Wirklichkeit: Anwendung der theoretischen Konzepte auf Diderots Roman, wobei die räumlichen Settings als Spiegel sozialer Hierarchien und moralischer Konflikte Suzannes gedeutet werden.
Illusionsbildung in der "Religieuse": Untersuchung der Techniken, mit denen Diderot durch den Einsatz lebensnaher Details und Ortsangaben die Glaubwürdigkeit und erzählerische Tiefe seines Romans steigert.
Schlüsselwörter
La Religieuse, Denis Diderot, Raumtheorie, Weltmodell, semantische Opposition, räumliche Wirklichkeit, narrative Struktur, Illusionsbildung, Klosterwelt, Handlungsraum, gestimmter Raum, Literaturwissenschaft, Romananalyse, Suzanne, Gefühlswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung und Funktion der Räumlichkeit im Roman "La Religieuse" von Denis Diderot und zeigt auf, wie diese die erzählte Welt und den Handlungsverlauf konstituieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Raumtheorie, die Konstruktion von Weltmodellen durch semantische Oppositionen, die Darstellung sozialer Hierarchien durch Räume sowie die Mittel zur Erzeugung erzählerischer Illusion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie durch die Gestaltung der räumlichen Wirklichkeit ein ideologisches Weltmodell entworfen wird und wie dieses den Konflikt der Protagonistin Suzanne zwischen der profanen Welt und der Klosterwelt strukturiert.
Welche methodischen Ansätze werden verfolgt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Prosaanalyse angewandt, die sich auf raumtheoretische Konzepte stützt, insbesondere durch Rückgriff auf Theoretiker wie Jurij Lotman und Hans-Werner Ludwig.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse semantischer Oppositionen, der sozialen Hierarchiekämpfe innerhalb klösterlicher Räume, der Klangsymbolik (Glocken) und der Verwendung von Details zur Illusionsbildung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Raumtheorie, semantische Opposition, Illusionsbildung, Weltmodell und Romananalyse definieren.
Wie wird die "Kerkerszene" im Kontext der Raumfunktion bewertet?
Die Kerkerszene dient als markantes Beispiel für einen "gestimmten Raum", der durch Lichteffekte und Symbole wie den Totenschädel eine unheimliche Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Todesnähe erzeugt.
Warum ist die Unterscheidung zwischen dem Kloster und der Außenwelt für die Handlung entscheidend?
Diese Trennung bildet die zentrale semantische Opposition des Romans; da Suzanne in keinem der beiden Bereiche vollständig aufgehen kann, fungiert ihr Wechsel zwischen diesen Polen als treibende Kraft für die Konflikte der Handlung.
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- Thomas Grömling (Author), 1996, Die Erfassung des Weltmodells und die Handlungserstellung mit räumlichen Begriffen in Denis Diderots La Religieuse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4615