Die Erfassung des Weltmodells und die Handlungserstellung mit räumlichen Begriffen in Denis Diderots La Religieuse


Hausarbeit, 1996

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Analyse
1. Die Theorie des Raumes
1.1 Unterteilung des Raumes : Raum des Diskurses - Raum der Geschichte
1.2 Evozierung des Raumes
1.2.1 Verfahren zur Erstellung der räumlichen Wirklichkeit
1.2.2 Raumfunktionen und Situationstypen
1.3 Weltmodelle
1.3.1 Verfahren der semantischen Opposition
1.3.2 Zustandekommen der Handlung durch räumliche Wirklichkeit
2. Analyse der semantischen Opposition und der Handlungsstruktur in der
"Religieuse" anhand der räumlichen Wirklichkeit
2.1 Semantische Opposition(en)
2.1.1 Soziale Hierarchie
2.1.2 Ethische Merkmalhaftigkeit
2.2 Opposition der semantischen Teilfelder in der "Religieuse"
2.3 Veranschaulichung der Gefühlswelt der Figuren durch
räumliche Wirklichkeit
2.4 Akustischer Tiefenraum
3. Illusionsbildung in der "Religieuse"

III Zusammenfassung
Literaturverzeichnis

I Einleitung

" A la fin de l'office, on me fit coucher dans une bière au milieu du choeur; on plaça des chandeliers à mes côtés, avec un bénitier; on me couvrit d'un suaire, et l'on récita l'office des morts, après lequel chaque religieuse, en sortant, me jeta de l'eau bénite, en disant : «Requiescat in pace.»" [1]

Diese Totenmesse ist wohl eine der beeindruckendsten Szenen in der "Religieuse" von Denis Diderot. Allein schon die Elemente durch die der Raum dieser Szene erstellt wird schaffen eine unheimliche und bedrückende Grundstimmung.

Die Funktion, welche der Raum in einem Roman inne hat, ist sehr wichtig. Wie wird die Räumlichkeit in einem narrativen Text erstellt, welche Wirkung auf die Geschichte und die Figuren hat die räumliche Wirklichkeit? Das sind die Fragen, die sich mir bei bei der Lektüre der "Religieuse" stellten.

In dieser Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, wie durch die räumliche Wirklichkeit ein Weltmodell in einem Roman aufgestellt werden kann. Desweiteren werde ich untersuchen wie die Handlung von dieser räumlichen Wirklichkeit beeinflußt wird. Dabei ist auch interessant, wie die Empfindungen der Figuren von Gegenständen und Räumen wiedergegeben werden und welche Funktion dies für die Entwicklung der Geschichte hat.

Zuerst einmal wird die Raumtheorie geklärt. Der Raum wird unterschieden in zwei Bereiche und vom Raum der Geschichte ausgehend, wird schrittweise seine Funktion erläutert. Anschließend werde ich die raumtheoretischen Punkte explizit an dem Weltmodell der "Religieuse", ihrer Handlungststruktur und an einzelnen Raumfunktionen veranschaulichen.

II Analyse

1. Die Theorie des Raumes

1.1 Unterteilung des Raumes : Raum des Diskurses - Raum der Geschichte

Zuerst muß wohl eimal der Gegenstand "Raum" definiert werden. "Raum ist: 'die Gesamtheit homogener Objekte [...], zwischen denen Relationen bestehen, die den gewöhnlichen räumlichen Relationen gleichen [...]"[2]. Der Begriff "homogene Objekte" beinhaltet sowohl Figuren und Erscheinungen, als auch Zustände, Funktionen, Werte und dergleichen.

Genau wie die Zeit, läßt sich auch der Raum in zwei Bereiche unterteilen, nämlich in den Raum des Diskurses und in den Raum der Geschichte. Da der Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit ein narrativer Text ist, werde ich die Darstellung der Theorie ausschließlich auf den Raum der Geschichte konzentrieren.

Der Raum des Diskurses ist der Raum, den man im Diskurs antrifft. Die Darstellung des Raumes im Diskurs ist nicht so einfach wie in einem narrativen Text. Jede räumliche Vorstellung muß durch eine Person in direkter Rede geäußert werden. Dies beschränkt die Möglichkeit der Beschreibung und offenbart sofort die Subjektivität der räumlichen Wahrnehmung, da einem der Raum von einer Figur direkt vermittelt wird. Im Film oder in der Fotografie könnte man den Raum des Diskurses mit dem Kamerawinkel oder mit der Perspektive vergleichen.

Der Raum der Geschichte ist, analog zum Raum des Diskurses, der Raum in einem narrativen Text. Er ist ein Ausschnitt aus der Welt, ob dieser Ausschnitt nun realistisch oder utopisch sein mag spielt kein Rolle.[3] Man könnte ihn auch als Schauplatz, oder als "Setting" in bezug auf den Film, bezeichnen.

1.2 Evozierung des Raumes

Mit Hilfe der räumlichen Elemente im Text wird beim Leser eine bestimmte räumliche Vorstellung erreicht. Wie entsteht diese nun bei ihm?

Räume, Gegenstände, sowie optische, akustische und sonstige Eindrücke werden durch Sprachzeichen vermittelt, also durch den geschriebenen Text. Wir lesen den Text und bekommen so eine Ahnung von dem räumlichen Modell in der Geschichte. Die im Text genannten Raumdetails treten nacheinander auf, oft sogar in größeren Abständen. Dies setzt beim Leser ein Erinnerungsvermögen voraus, damit er fähig ist sich den Raum vorzustellen, welcher nacheinander evoziert wird. Er muß alle räumlichen Details wie Mosaiksteine zu einem Ganzen zusammenfügen, um ein Bild des dargestellten Raumes zu erhalten.

Da wir alle - in der Regel bis auf wenige Editionsunterschiede - den gleichen Text lesen, läge die Vermutung nahe, daß wir auch alle die selbe Vorstellung der räumlichen Wirklichkeit einer bestimmten Geschichte haben. Daß dies nicht so ist, weiß jeder aus eigener Erfahrung. Jeder von uns hat eine eigene, individuelle Vorstellung von jedem genannten Raumdetail einer Geschichte. Diese Fülle von individuellen räumlichen Gegenständen (von denen sich Einzelne durchaus bei einigen Leuten gleichen können) bildet letztendlich ein individuelles Bild des Raumes eines jeden Lesers. Dies meint auch Lotman wenn er schreibt: "Der dem Menschen eigene besondere Charakter der visuellen Wahrnehmung der Welt hat zur Folge, daß für den Menschen in der Mehrzahl der Fälle die Denotate verbaler Zeichen irgendwelche räumlichen, sichtbaren Objekte sind, und das führt zu einer spezifischen Rezeption verbalisierter Modelle."[4]

1.2.1 Verfahren zur Erstellung der räumlichen Wirklichkeit

Die Vorstellung der räumlichen Gegebenheiten in einem narrativen Text ist also bei verschiedenen Menschen vollkommen unterschiedlich, obwohl das räumliche Modell im Text für jeden Leser auf die selbe Weise erstellt wird. Da stellt sich die Frage nach den verschiedenen Möglichkeiten zur Realisierung einer räumlichen Wirklichkeit, die ich in einem Text habe.

Durch sprachlich-stilistische Verfahren hat man drei Möglichkeiten in einer Geschichte eine räumlich/ gegenständliche Wirklichkeit zu erzeugen.

Das erste Verfahren ist die direkte Benennung der Anschauungsdetails in einem Text. Ein Gebäude oder eine Szene wird beschrieben, indem man alle Details nennt, welche für den Leser notwendig sind sich das Bild vorstellen zu können. So ist z.B. die Szene, in der Suzanne von zwei Nonnen begleitet nach Sainte-Eutrope fährt, eine Beschreibung der Anschauungsdetails.[5] Man hat weder das Gefühl der Bildhaftigkeit (aus Mangel an Einzelheiten), noch hat die Szene eine übertragene Bedeutung, die eine weitere Assoziation wachruft.

Wie gerade eben angedeutet, ist ein weiteres Verfahren die Verwendung quasi genormter Bezeichnungen und Beschreibungen, die eine weiterreichende Assoziation ermöglichen. Der Leser ergänzt die ihm vor- schwebende Assoziation, die er mit einem bestimmten Ort oder Gegenstand verbindet zu dem genannten räumlichen Detail, und erhält eine erweiterte oder vollkommen neue Bedeutung. So ist die Reeperbahn nicht nur ein Straßenzug, sondern hat für den durchschnittlichen deutschen Bürger zugleich noch die Denotate des "Rotlichtmilieus".

Das dritte Verfahren ist die Bildlichkeit. Eine Szene wird so beschrieben, daß man sie ganz genau nachzeichnen könnte:

"[...]une supérieure qui touchait à la quarantaine, blanche, fraîche, pleine d'embonpoint, à moitié levée sur son lit, avec deux mentons qu'elle portait d'assez bonne grâce, des bras ronds comme s'ils avaient été tournés, des doigts en fuseau et tout parsemés de fosettes, des yeux noirs, grands, vifs et tendres, presque jamais entièrement ouverts,[...]."[6]

Um die durch diese Verfahren erzeugten Raumdetails richtig einordnen zu können, ist es natürlich unerläßlich zu wissen von welcher Figur sie mitgeteilt werden. Genauso wie jeder Leser ein Individuum ist, so ist das auch jede Figur in einem narrativen Text, folglich erleben und schildern diese Figuren "ihre" räumliche Wirklichkeit auch vollkommen subjektiv. Diese Subjektivität muß beim Lesen der räumlichen Schilderungen der Figuren berücksichtigt werden.

1.2.2 Raumfunktionen und Situationstypen

Durch die unterschiedlichen Verfahren zur Erstellung eines Raummodells in einem Text, ergeben sich auch unterschiedliche Funktionen, die ein Raum in einem Text übernehmen kann. Aufgrund der Fülle verschiedener möglicher Raumfunktionen werde ich mich hier auf einige wenige beschränken, die mir am wichtigsten erscheinen. Hierbei beziehe ich mich ausschließlich auf Ludwig und Hoffmann .[7]

Der uns wohl vertrauteste Funktionstyp eines Raumes ist der Hanglungs- bzw. Aktionsraum. Dieser Raum ist direkt auf die handelnde Figur bezogen, er dient zur näheren Erläuterung der Handlung, zur Sichtbar- machung der Beweggründe. Man hat es mit einem zielgerichteten Handeln zu tun, welches vom Erzähler geschildert wird. Jener erlebt mit, handelt aber nicht. Alle Gegnstände dieses Raumes scheinen wirklich, sind für die handelnde Person verfügbar.

Der gestimmte Raum ist ein ebenfalls oft verwandter Funktionstyp. Er erstellt eine Stimmung, eine Atmosphäre. Dies dient zur Veranschaulichung der inneren Verfassung einer Figur, die durch die gestimmte Atmosphäre eines Raumes verdeutlicht werden soll. Alle Raumdetails, auch der Lichteinfall, Töne, Geräu- sche und Gerüche haben eine für die Atmosphäre wichtige Funktion. Sie machen die Stimmung deutlicher, "bildhafter". Das wohl markanteste Beispiel aus der "Religieuse" ist die Kerkerszene.[8] Hier wird mit Hilfe des Lichts und durch die gegenständliche Wirklichkeit (Totenschädel), eine unheimliche, dem Tode nahe Stimmung erzeugt.

In Anlehnung an den gestimmten Raum, hat Ludwig nun einige Räume unter dem Stichwort "Perspektivierung" zusammengefaßt. Darunter fallen der kuriose, groteske, visionäre, mythische, idyllische, phantastische und halluzinatorische Raum, genauso wie die alltägliche Arbeitswelt, usw. Diese Raumfunktionen haben gemeinsam, daß der Leser sie kennt und aufgrund der eigenen Erfahrung bestimmte Vorstellungen, wie freundlich/feindlich, bekannt/unvertraut, verständlich/unverständlich, damit verbindet. Diese Räume bilden eine gewisse, bewußte oder unterbewußte, Grundstimmung beim Leser, die auf die jeweilige Situation oder auf den Verlauf der Handlung hinweist. Der "cofessional" zählt hierzu.[9] Jeder Leser hat eine Einstellung zur Beichte, welche sich auf diesen Raum überträgt und somit die Leserwertung dieser Beichtszene mitbeeinflußt.

[...]


[1] Diderot, Denis, La Religieuse, S. 99

[2] Lotman, Jurij M., Die Struktur literarischer Texte, S. 312

[3] Ludwig, Hans-Werner, Romananalyse, S. 170

[4] Lotman, Jurij M., Die Struktur literarischer Texte, S. 312

[5] Diderot, Denis, La Religieuse, S. 138

[6] Ebd. S. 171 f

[7] Ludwig, Hans-Werner, Romananalyse, S. 172; Hoffmann, Gerhard, Raum, Situation, erzählte Wirklichkeit, S. 47ff

[8] Diderot, Denis, La Religieuse, S. 83

[9] Ebd. S. 180

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Erfassung des Weltmodells und die Handlungserstellung mit räumlichen Begriffen in Denis Diderots La Religieuse
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Prosaanalyse von Texten Diderots
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
22
Katalognummer
V4615
ISBN (eBook)
9783638128308
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diderot, Raum, Wirklichkeit, Erzählkonzeption
Arbeit zitieren
Thomas Grömling (Autor), 1996, Die Erfassung des Weltmodells und die Handlungserstellung mit räumlichen Begriffen in Denis Diderots La Religieuse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4615

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