„Mein Name ist Manfred Krug, ich bin Schauspieler und Sänger. Infolge der Scheidung meiner Eltern bin ich als Dreizehnjähriger aus Westdeutschland in die DDR gekommen, wo ich seither lebe. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder.
[...] Wie bekannt, verfaßten nach der Biermann Ausweisung 12 Schriftsteller einen Protest, den auch ich unterschrieb. Nachdem ich nicht bereit war, diese Unterschrift zurückzuziehen, hat sich mein Leben schlagartig verändert.
[...] Nach reiflichem Bedenken beantrage ich für meine Familie und mich die Ausreise aus der DDR in die BRD, wo meine Mutter und mein Bruder leben.“
Ebenso wie Manfred Krug haben viele Tausende in der DDR einen Ausreiseantrag gestellt, um in den Westen Deutschlands ausreisen zu können.
Auf den ersten Blick erscheint die Ausreisebewegung nicht das zu sein, was einem bei dem Schlagwort Widerstand in den Sinn kommt. Da denkt man eher an kritische Stimmen wie Wolf Biermann oder Menschen im Untergrund, die versuchen, durch spektakuläre Aktionen die Macht des Staates zu beeinträchtigen. In dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, ob die Ausreisebewegung eine Form widerständigen Verhaltens war.
Zunächst möchte ich die rechtlichen und historischen Fakten des Ausreiseantrages in der DDR klären, um dann das Verfahren darzustellen. Davon ausgehend zeige ich die Entwicklung der Ausreisesituation in den 60er, 70er und 80er Jahren auf, um dann die Haltung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zur Ausreise darzustellen. Hier interessiert vor allem die Motivstruktur der Antragsteller, die Haltung der Kirchen zu diesem Komplex, die Situation der Sachbearbeiter und letztlich die Aufnahme der Ausreiseproblematik durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) selbst. Danach werde ich zwei exemplarische Beispiele für die Zusammenschlüsse Ausreisewilliger in der DDR anführen und in einem weiteren Schritt die besondere Bedeutung der Rückverbindungen für die Ausreiseproblematik darlegen. Letztlich werde ich die Ausreisebewegung in den Kontext zweier Theorien über widerständiges Verhalten stellen und überprüfen, ob sie dem gerecht wird.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Darstellung
1. Der Ausreiseantrag
1.1. Rechtliche und historische Entwicklung
1.2. Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft
2. Die Ausreisesituation von 1962 bis 1989
2.1. Die 60er und 70er Jahre
2.2. Situationswandel der 80er Jahre
3. Haltungen zum Ausreiseantrag
3.1. Motivstruktur der Antragsteller
3.2. Kirche
3.3. Sachbearbeiter
3.4. SED
4. Die Ausreisebewegung als Form widerständigen Verhaltens
4.1. Beispiele widerständigen Verhaltens
4.2. Rückverbindungen
4.3. Einordnung
III. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die Ausreisebewegung in der DDR als eine Form widerständigen Verhaltens gegen den staatlichen Herrschaftsanspruch verstanden werden kann. Dabei wird analysiert, wie sich der Prozess des Ausreiseantrags historisch entwickelte, welche Motive die Antragsteller antrieben und wie Staat, Kirche und SED auf diesen gesellschaftlichen Druck reagierten.
- Historische und rechtliche Rahmenbedingungen des Ausreiseantrags in der DDR.
- Entwicklung und Wandel der Ausreisesituation zwischen 1962 und 1989.
- Analyse der Motivstruktur der Antragsteller und der staatlichen Repressionsmechanismen.
- Die Rolle der Kirche und der Sachbearbeiter in den Ausreiseverfahren.
- Theoretische Einordnung der Ausreisebewegung als systemkritische Widerstandsform.
Auszug aus dem Buch
4.1. Beispiele widerständigen Verhaltens
Um einen Eindruck über die Art der Öffentlichmachung ihres Ausreisebegehrens von Antragstellenden zu geben, möchte ich zwei Beispiele für demonstrative Handlungen darstellen. Das erste Beispiel beschreibt die Bürgerinitiative von Riesa aus dem Jahre 1977, das zweite die Jenaer Demonstrationen von 1983.
1977 schließen sich in Riesa 33 Bürger zu einer Initiative zusammen, die alle bereits einen erfolglosen Ausreiseantrag gestellt haben. Um erneut auf ihren Willen zur Ausreise hinzuweisen, verfassen sie eine Petition, welche sie alle mit Namen unterzeichnen unter dem provokativen Diktus „von mündigen Bürgern unterzeichnet“. In ihrer Petition betonen sie, daß die DDR sie zu diesem Schritt zwinge. Im weiteren Verlauf der Petition fordern sie explizit ihre Ausreise und begründen dies mit internationalen Vereinbarungen, welche die DDR unterzeichnet habe, sowie mit dem Artikel 8 der DDR-Verfassung, der die DDR dazu verpflichtet, internationales Recht in nationales umzusetzen. Weiterhin berufen sich die Ausreisewilligen auf das Staatsbürgergesetz der DDR und auf Artikel 2 des Grundlagenvertrages zwischen der DDR und der BR Deutschland.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, begründet die Relevanz der Ausreisebewegung und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich ihres Widerstandscharakters.
II. Darstellung: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die rechtlichen Verfahren, die historische Entwicklung der Ausreisequoten sowie die verschiedenen gesellschaftlichen Haltungen und Reaktionen von Staat und Opposition.
1. Der Ausreiseantrag: Erläutert die rechtlichen Grundlagen und das bürokratische Verfahren zur Antragstellung auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft.
2. Die Ausreisesituation von 1962 bis 1989: Beschreibt den quantitativen und qualitativen Wandel der Ausreisebewegungen über die Jahrzehnte hinweg.
3. Haltungen zum Ausreiseantrag: Untersucht die Motive der Antragsteller sowie die konträren Rollen und Strategien von Kirche, staatlichen Sachbearbeitern und der SED.
4. Die Ausreisebewegung als Form widerständigen Verhaltens: Belegt durch konkrete Beispiele wie die Riesaer Initiative und die Jenaer Demonstrationen den Charakter der Ausreise als Akt des Widerstands.
III. Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass die Ausreisebewegung durch die Kriminalisierung seitens des Staates und den wachsenden Druck der Antragsteller den staatlichen Machtanspruch nachhaltig untergrub.
Schlüsselwörter
DDR, Ausreisebewegung, Ausreiseantrag, Widerstand, Opposition, MfS, SED, Menschenrechte, KSZE, Staatsbürgerschaft, Systemkritik, Repression, Riesaer Initiative, Jenaer Demonstrationen, Rückverbindungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Ausreisebewegung von DDR-Bürgern und untersucht, inwieweit dieser Prozess als eine organisierte oder individuelle Form von widerständigem Verhalten gegenüber dem SED-Regime gewertet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die rechtlichen Grundlagen der Ausreise, die Entwicklung der Ausreisewellen, die Motivationslage der Antragsteller sowie die repressiven Reaktionen des Staates und die Bedeutung der internationalen Menschenrechtsabkommen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die Ausreisebewegung, die vom Staat oft kriminalisiert wurde, tatsächlich als systemkritischer Widerstand verstanden werden muss, der den totalitären Herrschaftsanspruch der DDR in Frage stellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von Primärdokumenten, rechtlichen Bestimmungen, Umfrageergebnissen unter Ausgereisten sowie auf die Auseinandersetzung mit politikwissenschaftlichen Widerstandstheorien und historischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den rechtlichen Fakten die spezifischen Verhaltensweisen der Akteure (Antragsteller, Sachbearbeiter, Kirche, SED) sowie konkrete Fallbeispiele wie die Bürgerinitiative von Riesa detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie DDR-Ausreisebewegung, Widerstand, Opposition, SED-Repression und das Spannungsfeld zwischen individuellem Ausreisewunsch und staatlichem Machtanspruch charakterisiert.
Warum war die Ausreise für die DDR ein so sensibles Thema?
Die Ausreise war deshalb so sensibel, weil sie die DDR-Führung zwang, sich mit ihren eigenen völkerrechtlichen Verpflichtungen zu den Menschenrechten auseinanderzusetzen, und weil öffentliche Proteste im Zusammenhang mit Ausreiseanträgen das staatliche Monopol auf die öffentliche Meinung gefährdeten.
Welche Rolle spielten die sogenannten „Rückverbindungen“?
Rückverbindungen waren Kontakte zwischen Ausgereisten und in der DDR Verbliebenen. Diese wurden vom Staat gefürchtet, da sie als „feindlich-negativ“ eingestuft wurden und das Potenzial hatten, durch Informationen aus dem Westen die Unzufriedenheit in der DDR-Bevölkerung weiter zu befeuern.
- Quote paper
- Thomas Grömling (Author), 1998, Die Ausreisebewegung - eine Form widerständigen Verhaltens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4616