Die Dissertation gibt einen Überblick über die Entstehung der modernen HEMA-Szene, die historischen Fechtbücher und Fechtergesellschaften, die heute als Vorbilder dienen können. Die Arbeit untersucht am Beispiel von Trainern in Deutschland, wie historische Quellen für eine ‚Invention of Tradition‘ (Hobsbawn und Ranger) genutzt werden.
Die wichtigsten Forschungsmethoden waren die Teilnehmende Beobachtung, Interviews mit Trainern und die Analyse der von ihnen verfassten Ratgeberliteratur. Dabei werden trotz lückenhafter Quellen die Unterschiede zu historischen Verfassern von Fechtbüchern und Fechtergesellschaften deutlich. Ein offensichtliches Beispiel ist die HEMA-Schutzausrüstung, die speziell entwickelt wird. Sie hat kein historisches Vorbild.
Der historische Teil der Dissertation weist nach, dass es während der Romantik im 19. Jahrhundert und um die Wende zum 20. Jahrhundert schon einmal Bemühungen um eine Renaissance der mittelalterlichen Kampfkünste gab, die allerdings im Vergleich zur HEMA-Szene kurzlebig und mit stark beschränkter Wirkung blieben. Auf die heutige Szene haben diese Vorbilder nur marginalen Einfluss.
Die zentralen Fragen der Arbeit sind: Was ist die Bedeutung eines Trainers in der HEMA-Szene? Ist er ein Meister, ‚Sensei‘, Anleiter, Unternehmer, Wissenschaftler oder (spirituelles) Vorbild? Wie werden Gender und Körperbilder konkretisiert? Welche Objektivationen lassen sich in HEMA finden und was sagen sie über das Verhältnis zum Mittelalter und zur heutigen Lebenswirklichkeit der Akteure aus? Wie lassen sich HEMA im Kontext von Kampfsport und Kampfkunst verorten?
Inhaltsverzeichnis
1 Die Rückkehr der Schwertmeister?
1.1 Motivation, Fragestellung und Relevanz
1.2 Methoden, Vorgehensweise und Kritik
1.3 Nomenklatur
1.4 Forschungsgeschichte
1.4.1 Nationalstolz in Philologie, Rechts- und Geschichtswissenschaft (1762-1870)
1.4.2 Die Kontroverse der Fechter Wassmannsdorff (1821–1906) und Hergsell (1847–1914) zwischen 1870 und 1894
1.4.3 Sport, Spektakel und Germanistik um 1900
1.4.4 Forschungsstand ab 1935
2 Die historischen Vorbilder: Gerichtskämpfe, Sport und ‚ritterliche Kunst’
2.1 Fechtbücher und Fechter (ab 13. Jh.)
2.1.1 Die Gesellschaft Liechtenauers und die Fechtbruderschaften (14.–17. Jh.)
2.1.2 Die London Company of Maisters of the Science of Defence (16. Jh.)
2.1.3 Die Fechtmeister zwischen Katzenritter und Hofamt (16. Jh.)
2.1.4 Die Fechtschulen der Marxbrüder und Federfechter (16. - 17. Jh.)
2.1.5 Die universitären Fechtmeister (16.–18. Jh.)
2.2 Die erste Renaissance: Romantiker, Patrioten und Exoten (1839 – um 1900)
2.2.1 Das Eglinton Tournament (1839) und andere ‚Mittelalter-Veranstaltungen‘
2.2.2 Bartitsu, Selbstverteidigung und Schaukämpfe (um 1900)
2.3 Hollywoods Fencing Master (ab ca. 1920) und Deutschland bis 1945
3 Die zweite Renaissance: Western Martial Arts / Historical European Martial Arts (ab den 1980ern - heute)
3.1 Ursprünge der Szene und ihrer Trainer
3.1.1 Der organisatorische Rahmen: Kampfsport
3.1.2 Die Kampferfahrung: Reenactment / Living History
3.1.3 Das Lebensgefühl: Mittelalterszene
3.1.4 Die Kreativität: Live Action Role Playing (LARP)
3.2 HEMA: Sport, Kampf(kunst), Handwerk, Traditionspflege
3.2.1 Die Szene: Entwicklung, Strukturen, Akteure und Aktivitäten
3.2.1.1 Entwicklung der Szene
3.2.1.2 Benennung: Historisches Fechten, WMA, HEMA, …
3.2.1.3 Größe, Zusammensetzung und internationale Verbreitung
3.2.1.4 Aktivitäten: Training, Seminare, Turniere
3.2.1.5 Spiritualität und Etikette
3.2.1.6 Strukturen und Zusammenschlüsse
3.2.1.7 Kommerzielle Aspekte: HEMA als Branche
3.2.2 Sachkultur und Disziplinen der Szene
3.2.2.1 Sportgeräte, Waffen und waffenlose Disziplinen
3.2.2.1.1 Schwert und Fechtfeder
3.2.2.1.2 Einhandwaffen
3.2.2.1.3 Andere Disziplinen
3.2.2.1.4 Materialien
3.2.2.2 (Schutz)ausrüstung
3.2.2.2.1 Fechtmasken
3.2.2.2.2 Fechtjacken, Gambesons und Brustschutz
3.2.2.2.3 Handschuhe
3.2.2.2.4 Weitere Ausrüstung und Bekleidung
3.2.3 Konkrete Beispiele: Schwertkampf als Breitensportart, spiritueller Weg und außerhalb der HEMA-Szene
3.2.3.1 Die Sportart ‚Moderne Schwertkunst’
3.2.3.1.1 Vom eklektizistischen System zum Breitensport nach dem Vorbild Karate
3.2.3.1.2 Emanzipation von den Quellen
3.2.3.2 Der Verein ‚Lebendige Schwertkunst’
3.2.3.2.1 Berufung zum Schwertkampf
3.2.3.2.2 Die Suche nach hermetischem Wissen
3.2.3.3 Außerhalb von HEMA: Battle of Nations, Unified Weapons Master und andere
3.3 Die Trainer: Experten, Lehrer, Coaches, Meister
3.3.1 Trainer als Forscher: Quellen interpretieren und produzieren
3.3.1.1 Die Trainer als (Amateur-)Wissenschaftler
3.3.1.2 Die Trainer als Autoren: moderne Fechtbücher
3.3.2 Trainer als Meister: Vermittlung, Mythen und Symbole
3.3.2.1 Vermittlungs-Modelle und Hierarchien
3.3.2.2 Das Schwert als Mythos
3.3.2.3 Der Krieger als Ideal
3.3.3 Trainer als Kämpfer: Körperlichkeit, Wettkämpfe und Gender
3.3.3.1 Der Körper als Zeichen: Verletzungen und Turniere
3.3.3.2 Der Körper als Identität: Gender und Körperbild
3.3.4 Trainer als Gestalter: Selbstdarstellung der Gruppen
3.3.4.1 Internetseiten
3.3.4.2 Wappen und Logos
4 Unschärfen des Schwerts: Invention of Tradition, Paradoxien und die Martial Arts Studies
4.1 Renaissance eines immateriellen europäischen Kulturguts?
4.2 Die Erben alter Meister?
4.3 Die Paradoxien der HEMA
4.4 HEMA und die Martial Arts Studies
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Entstehung und Kultur der „Historical European Martial Arts“ (HEMA)-Szene in Deutschland mit einem besonderen Fokus auf die Rolle der Trainer. Die zentrale Forschungsfrage beschäftigt sich damit, wie moderne Akteure historische Quellen, persönliche Vorerfahrungen und mediale Einflüsse nutzen, um eine moderne Identität als „Erben alter Meister“ zu konstruieren, und inwieweit hierbei eine „Invention of Tradition“ stattfindet.
- Die Entwicklung und Struktur der modernen HEMA-Szene in Deutschland.
- Die historische Forschungsgeschichte und die Rezeption mittelalterlicher Fechtbücher.
- Das Selbstverständnis und die Rolle von Trainern als Wissensvermittler und Identitätsstifter.
- Die Bedeutung von Sachkultur, Ausrüstung und Ritualen für die Gemeinschaftsbildung.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt der „Tradition“ und dem „Mythos Schwert“.
Auszug aus dem Buch
1.4.1 Nationalstolz in Philologie, Rechts- und Geschichtswissenschaft (1762 - 1870)
„If we will have this true Defence, we must seke it were it is [...] not in long Swords, long Rapiers, nor frog pricking Poiniards.“ – George Silver (1599)
Die ersten Belege für ein neu erwachendes Interesses am mittelalterlichen Kampf außerhalb von Fechterkreisen sind auf Deutsch ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in der Rechtswissenschaft, der Philologie und der Geschichtswissenschaft zu finden. 1762 verfasste der Rechtsgelehrte und Lübecker Politiker Johann Carl Heinrich Dreyer (1723–1802) eine Abhandlung über Duellgesetze, in der er auf Hans Talhoffer, einen Fechtmeister des 15. Jahrhunderts verweist, die 1817 vom Archivrat Nathanael von Schlichtegroll (1794–1859) verwendet wurde. In diesem Zusammenhang wurde die Fechtkunst zwar durchaus als seriöser Forschungsgegenstand, aber doch immer auch als Kuriosität behandelt. Ein an der Fechtkunst interessierter Jurist wie Dreyer ist wohl kaum auf den Gedanken gekommen mit einem Übungspartner zum mittelalterlichen Schwert zu greifen, um die dargestellten Techniken selbst auszuprobieren. Er dürfte auch wenig Interesse daran gehabt haben nach weiteren bis dato unbekannten Texten und Bildwerken zu forschen, die sich nicht auf den Gerichtskampf beziehen.
Neben der oben erwähnten Abhandlung von J. C. H. Dreyer aus dem Jahr 1762 ist die Schrift von Nathanael von Schlichtegroll erwähnenswert. Er gab 1817 im Verlag der lithographischen Kunstanstalt in München „Thalhofer. Ein Beytrag zur Literatur der gerichtlichen Zweikämpfe im Mittelalter“ mit sechs Tafeln der Gothaer Bilder-Handschrift von Talhoffer heraus. Schlichtegroll beklagt im Begleittext, dass ihm Talhoffers Schriften, die sich zu seiner Zeit in der Bibliothek von Wien bzw. Wolfenbüttel befanden und auf die sich Dreyer bezog, nicht zugänglich waren und benennt ausdrücklich die Förderung der Rechtsgeschichte als Grund für die Herausgabe seiner Schrift.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Rückkehr der Schwertmeister?: Einführung in das Thema, die Motivation des Autors, die methodische Vorgehensweise und ein Überblick über die Forschungsgeschichte von der Frühzeit bis heute.
2 Die historischen Vorbilder: Gerichtskämpfe, Sport und ‚ritterliche Kunst’: Untersuchung der historischen Quellen, insbesondere der Fechtbücher vom 13. bis 17. Jahrhundert sowie der gesellschaftlichen Einbettung der Fechtmeister und Fechtgesellschaften.
3 Die zweite Renaissance: Western Martial Arts / Historical European Martial Arts (ab den 1980ern - heute): Detaillierte Analyse der modernen HEMA-Szene, ihrer Ursprünge, Strukturen, Ausrüstung sowie konkreter Beispiele für das Training und die Vermittlung.
4 Unschärfen des Schwerts: Invention of Tradition, Paradoxien und die Martial Arts Studies: Reflexion über die Konzepte von „Tradition“ und „Renaissance“ in der Szene, die Rolle von Paradoxien im modernen Fechttraining und die Einordnung in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion der „Martial Arts Studies“.
Schlüsselwörter
HEMA, Historisches Fechten, Schwertkampf, Trainer, Tradition, Invention of Tradition, Fechtbücher, Martial Arts Studies, Reenactment, Kampfkunst, Sportwissenschaft, Identitätsbildung, Sachkultur, Schutzausrüstung, Moderne Schwertkunst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Dissertation?
Die Arbeit liefert eine kulturwissenschaftliche Beschreibung der „Historical European Martial Arts“-Szene in Deutschland, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Rolle der Trainer und ihrer Gruppen bei der (Re-)Konstruktion historischer Kampfesweisen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verbindet eine historische Aufarbeitung der Fechtgeschichte mit einer gegenwärtigen ethnographischen Analyse der HEMA-Community, einschließlich ihrer organisatorischen Rahmenbedingungen, technischer Entwicklungen und sozialen Dynamiken.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, wie Trainer historische Vorbilder interpretieren, warum sie Zeit und Energie in das Erlernen potenziell gefährlicher Techniken investieren und wie sie als „Subjektivierungsregisseure“ Identität und Kultur in einer modernen Szene stiften.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Ansatz, bestehend aus Literaturanalyse (Fechtbücher, Ratgeberliteratur), qualitativer Feldforschung durch teilnehmende Beobachtung und leitfadengestützte Interviews mit Trainern und Funktionären.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung (von den Fechtbruderschaften bis zu den universitären Meistern), die Analyse der modernen HEMA-Strukturen und -Ausrüstung sowie eine tiefergehende Betrachtung von Trainer-Persönlichkeiten und ihrer Vermittlungsstile.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Invention of Tradition, HEMA, Schwertkampf, Trainer-Identität, historische Quellenkritik, Sportkultur und Körperbild definieren.
Wie unterscheidet sich die „Moderne Schwertkunst“ (MSK) von der restlichen HEMA-Szene?
Die MSK orientiert sich stärker an sportwissenschaftlichen Standards und Vereinsstrukturen (ähnlich dem Karate), nutzt ein standardisiertes Graduierungssystem und legt bei der Vermittlung weniger Wert auf eine enge, wissenschaftlich-historische Exegese als andere HEMA-Gruppen.
Warum ist das Thema der „Invention of Tradition“ so wichtig für diese Arbeit?
Da es keine ungebrochene, direkte historische Tradition vom mittelalterlichen Fechtmeister bis zum heutigen HEMA-Trainer gibt, ist die „Erfindung“ oder Konstruktion dieser Tradition zentral für das Selbstverständnis der Szene, die sich so in eine historische Kontinuität stellt.
- Arbeit zitieren
- M.A. Sebastian Keller (Autor:in), 2017, Moderne Schwertkampf-Trainer als "Erben" alter Meister, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461604