Sozialen Zusammenhalt fördern. Kommunales Handeln in gesellschaftlicher Vielfalt

Schriftenreihe Komplexes Entscheiden (Professional Public Decision Making), Band 9


Masterarbeit, 2018
171 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Liberale Gesellschaften unter Druck

3. Gesellschaftliche Vielfalt
3.1 Entwicklung zu einer liberalisierten Multioptionsgesellschaft
3.2 Aufweichung eindeutiger Zugehorigkeiten
3.3 Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens.
3.4 Heterogene Einwanderung
3.5 Ausdifferenzierung der Parteienlandschaft
3.6 Wandel der Religiositat
3.7 Gesellschaft der Differenzen

4. Konfliktpotential moderner Gesellschaften
4.1 Okonomische Disparitaten
4.2 Soziale Entfremdung
4.3 Kulturelle Polarisierung
4.4 Ablehnung etablierter Politik
4.5 Eine zentrale Konfliktlinie?

5. Sozialer Zusammenhalt
5.1 Definition und Konzept
5.2 Empirische Ergebnisse

6. Vielfalt durch Selbstbestimmung und ein inklusiver Zusammenhalt

7. Gelingendes Zusammenleben in Vielfalt

8. Kommunen als geeignete Ebene
8.1 Vielfaltige soziale Beziehungen fordern
8.2 Inklusive Verbundenheit starken
8.3 Wirksame Gemeinwohlorientierung unterstutzen
8.4 Fazit zu These

9. Kommunales Handeln zur Forderung von gesellschaftlichem Zusammenhalt
9.1 Die Kontakthypothese
9.2 Ein partizipatorischer Governance-Ansatz
9.3 Kohasionsforderndes kommunales Handeln: Theorie

10. Qualitatives Forschungsdesign
10.1 Auswahl der Untersuchungseinheiten und der Experten
10.2 Datenerhebung: Leitfadengestutzte Experteninterviews
10.3 Datenauswertung: Qualitative Inhaltsanalyse
10.4 Gute der Forschung

11. Ortsteile im Profil
11.1 Arbergen und MahndorZ
11.2 Gartenstadt Sud und Neuenland
11.3 Sozialer Zusammenhalt in den Ortsteilen

12. Auswertung der Experteninterviews
12.1 Kohasionsforderndes kommunales Handeln: Empirie
12.2 Unterschiede im kommunalen Handeln
12.3 Fazit zu These II
12.4 Oberraschende Untersuchungsergebnisse
12.5 Exklusive Dorfgemeinschaft vs. inklusive Kleinstadt-gesellschaft
12.6 Beispiele fur die Kontextgebundenheit kommunalen Handelns
12.7 Handlungsempfehlungen

13. Resumee

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Karte der Ortsteile

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Konzept sozialer Zusammenhalt

Tabelle 2: Kennzahlen der Ortsteile im Vergleich

Tabelle 3: Sozialer Zusammenhalt in den ausgewahlten Ortsteilen

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Im Rahmen der Schriftenreihe „Komplexes Entscheiden (Professional Public De­cision Making)" werden herausragende Seminar- und Abschlussarbeiten von Studentinnen und Studenten sowie Absolventinnen und Absolventen des gleichnamigen Masterstudienganges der Universitat Bremen veroffentlicht. Wahrend des Studiums werden einschlagige Theorien, Konzepte und Entschei- dungsmodelle aus Philosophie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft so­wie Rechtswissenschaft analysiert und diskutiert. Die interdisziplinare Entschei- dungsforschung steht dabei im Mittelpunkt des Studiengangprofils.

Die ausgewahlten Arbeiten befassen sich mit komplexen Entscheidungen im Spannungsfeld von politischen Opportunismen, administrativen Postulaten, wirtschaftlichem Effizienzstreben und rechtlichen Rahmenbedingungen. Auf- grund der inhaltlichen und methodischen Vielschichtigkeit von offentlichen Ent- scheidungsprozessen werden gleichermaBen philosophische, okonomische, po- litik-, und rechtswissenschaftliche Problemanalysen, Losungskonzepte und Um- setzungsstrategien untersucht.

Herausgegeben von:

Prof. Dr. Dagmar Borchers Dr. Svantje Guinebert Studiengangsleiterin Komplexes Entscheiden Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Universitat Bremen Universitat Bremen

Sandra Kohl Weitere Informationen unter: Koordinierungsstelle Verwaltungsforschung Universitat Bremen

{ HYPERLINK "http://www.make.uni-bremen.de" }

1. Einleitung

Der im Jahr 2018 zwischen der CDU, der CSU und der SPD geschlossene Koaliti- onsvertrag ist unter anderem mit „Ein neuer Zusammenhalt fur unser Land" uberschrieben. Dies ist ein Indiz dafur, dass in Deutschland, wie auch in vielen anderen liberalen Demokratien, die Debatte uber gesellschaftlichen Zusammen­halt gegenwartig an Bedeutung gewinnt. Die Ursache liegt in sichtbaren gesell­schaftlichen Polarisierungen, die sich insbesondere im Erstarken populistischer Parteien manifestieren. In Deutschland hat die rechtspopulistische Partei AfD beinahe aus dem Stand bedeutsame Wahlerfolge errungen, wahrend insbeson­dere die groBen Parteien an Zustimmung verlieren. Der derzeitige Niedergang der Volksparteien ist auch auf die gesellschaftliche Ausdifferenzierung in Deutschland zuruckzufuhren, da einzelne Parteien kaum noch groBe soziale Ag­gregate mobilisieren konnen. Dabei eroffnet sich eine Entscheidungsproblema- tik: Wie kann trotz vielfaltiger Differenzen Zusammenhalt in einer liberalen Ge- sellschaft organisiert werden? Die vorliegende Arbeit erortert deshalb, wie poli- tisches Handeln den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland wirksam starken kann. Zur konsistenten Bearbeitung der Forschungsfrage ist die Arbeit in drei Teile gegliedert: Der erste Teil stellt einen analytischen Rahmen bereit, da- von ausgehend werden im zweiten Teil theoretische Annahmen entwickelt, die im dritten Teil empirisch getestet werden.

Um die Relevanz der Fragestellung zu untermauern, werden zu Beginn von Teil 1 Entwicklungen benannt, welche die liberal-demokratisch verfasste Gesellschaf- ten unter Druck setzen. Die Megatrends Digitalisierung, Globalisierung, Migrati­on und Klimawandel haben eine erhebliche Veranderungsdynamik und einen permanenten Krisenmodus ausgelost, wodurch sich ein Grundgefuhl des Kon- trollverlusts und der Verunsicherung verfestigt hat. In dieser Unubersichtlichkeit gewinnen die einfachen Antworten antiliberaler Krafte an Zustimmung, die je- doch das demokratische Institutionengefuge angreifen. Um sich dem For- schungsinteresse weiter zu nahern, wird anschlieBend die Beschaffenheit der Gesellschaft in Deutschland analysiert. Die grundlegende Beobachtung ist dabei, dass sich ein Wandel in Form einer gesellschaftlichen Diversifizierung vollzieht. Jedoch wird Diversitat nicht auf Multikulturalismus reduziert, sondern ein weit- reichenderer Ansatz verfolgt. Mit Hyperdiversitat wird erfasst, dass sich neben der kulturellen, unter anderem auch eine politische, religiose und sexuelle Plura- lisierung vollzieht. Die multiple Diversitat mundet in einer Gesellschaft der Diffe- renzen, der unterschiedliche Konfliktquellen innewohnen. Okonomische Dispari- taten verweisen auf Perspektivlosigkeit in strukturschwachen Regionen, sozialer Verunsicherung und der ungleichen Verteilung wirtschaftlicher Guter und Chan- cen. Hauptbetroffene sind dabei gering Gebildete in prekaren Arbeitsverhaltnis- sen oder in Arbeitslosigkeit. Die kulturelle Polarisierung entzundet sich insbe- sondere am kosmopolitischen Gesellschaftsideal. Der von liberalen Eliten for- cierte Kosmopolitismus protegiert ein Lob der Vielfalt und fordert dementspre- chend die Aufwertung vulnerabler Gruppen. Davon fuhlen sich viele zuruckge- setzt und vernachlassigt, weil es auch als Abwertung des eigenen Lebensmo- dells empfunden wird. Diese kulturelle und okonomische Polarisierung offenbart sich in der Ablehnung der etablierten, reprasentativen Parteiendemokratie und deren politischen Praxis. Allerdings durfen die traditionellen Konfliktlinien nicht das Desintegrationspotenzial von sozialer Entfremdung unterschlagen. Durch die gesellschaftliche Diversifizierung unterscheiden sich Lebensstile zunehmend, wodurch eine Fulle an interpersonalen Abweichungen entsteht. Der Umgang mit fremden und unvertrauten Temperamenten, Mentalitaten, Wertvorstellungen, Erscheinungs- und Konversationsformen an sich kann uberfordernd wirken.

Der erste Teil wird mit der Einfuhrung in das Konzept der gesellschaftlichen Ko- hasion1 und der Darlegung relevanter empirischer Ergebnisse abgeschlossen.

Sozialer Zusammenhalt wird „als die Qualitat des gemeinschaftlichen Miteinan- ders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen" definiert und zeichne sich durch „belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und eine ausgepragte Gemeinwohlorientierung aus" (Bertelsmann Stiftung 2017: 16). Die Bertelsmann Stiftung hat in einer Studien- reihe soziale Kohasion auf unterschiedlichen Ebenen empirisch verglichen und mogliche Einflussfaktoren untersucht. Wahrend bei der Untersuchung groBerer Gebietseinheiten soziookonomische Parameter wie Wohlstand, eine geringe Einkommensungleichheit und Jugendarbeitslosigkeit zur Erklarung hoher Koha- sionswerte herangezogen werden konnen, sind auf kommunaler Ebene habitu- elle Faktoren wie Bildung oder das positive Erleben des Miteinanders in der Nachbarschaft empirisch signifikant. Den Studien ist gemein, dass in kohasive- ren Gemeinwesen ein hoheres subjektives Wohlbefinden gemessen wurde, so dass ein Zusammenhang von Lebenszufriedenheit und sozialem Zusammenhalt belegt werden kann (vgl. Bertelsmann Stiftung 2013, 2014, 2016, 2017).

Im zweiten Teil wird erortert, welche politische Ebene mittels welchen Hand- lungsansatzes den gesellschaftlichen Zusammenhalt am wirksamsten fordern kann. Dabei werden schrittweise theoretische Annahmen bezuglich eines koha- sionsfordernden politischen Handelns entwickelt. Als Basis wird zunachst eine normative Positionierung in Bezug auf gesellschaftliche Vielfalt und sozialem Zusammenhalt formuliert. Da Menschen ohne den Zwang der Fremdbestim- mung autonom ihre Lebensweise gestalten konnen sollen, wird Selbstbestim- mung normativ positiv gewertet und als Fundament angesehen, auf dem sich gesellschaftliche Vielfalt entwickeln kann. Zudem wird ein inklusives Verstandnis von sozialem Zusammenhalt exklusiven Formen vorgezogen, da es alle Mitglie- der eines Gemeinwesens miteinbezieht, und ihre Differenzen anerkennt und damit einer Segmentierung der Gesellschaft entgegenwirkt. Demnach ist es fur ein friedliches Zusammenleben in Vielfalt notwendig, dass die Gesellschaftsmit- glieder mit interpersonalen Abweichungen umgehen konnen, sie also anerken-nen oder zumindest tolerieren. Dafur wiederum werden kulturelles Kapital und bruckenbildendes Sozialkapital als essentielle Ressourcen eingestuft. AuBerdem ist eine Politik der Gleichbehandlung im Sinne einer Bedurfnisorientierung und Regeldurchsetzung hilfreich, um Verstandnis innerhalb der gesellschaftlichen Vielfalt zu schaffen und Inklusion zu realisieren.

Nach diesen grundlegenden Ausfuhrungen wird These I untersucht, die besagt, dass Kommunen die geeignete Ebene sind, um gesellschaftlichen Zusammen- halt wirksam zu fordern. Dafur spricht erstens, dass der kommunale Rahmen die Moglichkeit bietet, das tatsachliche Zusammenleben der Menschen direkt zu gestalten. Um die gesellschaftliche Kohasion zu starken, mussen konkrete ge- sellschaftliche Konflikte reguliert und ein inklusives Miteinander vor Ort gefor- dert werden. Zweitens ermoglicht die lokale Begrenzung eine wirksame Steue- rung der Politik, da sie die vielfache Unubersichtlichkeit eingrenzt. Diese beiden Grundargumente werden auf die drei Kernbereiche von sozialer Kohasion (so- ziale Beziehungen, Verbundenheit mit Gemeinwesen und Gemeinwohlorientie- rung) angewendet. These I wird auf argumentativer Basis bestatigt, da im Ver- gleich die Einflussmoglichkeiten ubergeordneter Ebenen auf den Zusammenhalt als weniger weitreichend eingestuft werden.

Nach der Wahl der Ebene wird erortert, mittels welchen Handlungsansatzes Kommunen das lokale Miteinander in einer diversifizierten Gesellschaft starken konnen. Die zentrale Botschaft ist, dass im Sinne der Kontakthypothese aus der Sozialpsychologie kommunales Handeln die Interaktion zwischen Menschen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen fordern sollte. Fur diesen Zweck konnen Kommunen Begegnungsorte schaffen, Kontaktmoglichkeiten selbst ini- tiieren oder Initiativen mit sozialer Orientierung fordern. Um diesbezuglich Ko- operationen zu erleichtern, kann Kommunalpolitik die Vernetzung der ortlichen sozialen Infrastruktur unterstutzen. Daneben werden Bildungseinrichtungen als besonders bedeutsam eingestuft, weil dort kulturelles Kapital vermittelt wird und bruckenbildendes Sozialkapital entstehen kann. Zudem sollte die kommu- nale Wohnraumpolitik zum Ziel haben, Menschen mit unterschiedlichen Hinter- grunden raumlich zu durchmischen, um alltagliche Beruhrungspunkte zu schaf- fen. Weiterhin ist es relevant, Sicherheit und Kontrolle in offentlichen Raumen zu gewahrleisten. SchlieBlich sollte kommunales Handeln Konflikte regulieren, bei geeigneten Themen einen breiten Teil der Bevolkerung miteinbeziehen und eine diversitatssensible und responsive Kultur und Struktur in der Verwaltung imple- mentieren.

Im dritten Teil wird empirisch untersucht, welches kommunale Handeln den ge- sellschaftlichen Zusammenhalt fordert. Dafur wird These II getestet, die besagt, dass kommunales Handeln, welches den Kontakt zwischen verschiedenen ge- sellschaftlichen Gruppen fordert, den gesellschaftlichen Zusammenhalt starkt.2 Es ist kompliziert, die Wirkung von kommunalen MaBnahmen auf den lokalen Zusammenhalt zu erfassen, auch weil gesellschaftlicher Kohasion ein dimensi- onsreiches Konzept zugrunde liegt. Deshalb wird ein qualitatives Forschungs- design gewahlt, um bei begrenzter Fallauswahl eine in die Tiefe gehende Analy­se zu ermoglichen. Es werden einzelne Ortsteile Bremens untersucht, da deren Kohasionsniveaus bei einer Studie der Bertelsmann Stiftung ermittelt wurden. Daruber hinaus ist die Freie Hansestadt Bremen auch aufgrund ihrer Hyper- diversitat und der Rolle als Stadtstaat ein interessanter Forschungsraum. Dem- nach schlieBt die qualitative Untersuchung an die Studienreihe der Bertelsmann Stiftung an, da diese neben den konzeptionellen Obereinstimmungen auch die Fallauswahl bestimmt. Eine Beurteilung der Wirkung von kommunalem Handeln wird vorgenommen, indem das kommunale Handeln in Ortsteilen mit sehr ho- her Kohasion (Gartenstadt Sud, Neuenland) mit dem kommunalen Handeln in Gebieten mit sehr niedriger Kohasion (Arbergen, Mahndorf) verglichen wird.

Durch die Kontrastierung kann uberpruft werden, ob unterschiedliche Muster im kommunalen Handeln zur Erklarung des gegensatzlichen Kohasionsniveaus her- angezogen werden konnen. Dieses Erkenntnisinteresse ist am besten durch die Befragung von Experten zu ermitteln, die sich mit den Strukturen und der Wir- kung kommunaler MaBnahmen in den ausgewahlten Ortsteilen auskennen. Da- zu zahlen Ortsamtsleiter, Stadtteilmanager, thematisch erfahrene Kommunalpo- litiker, Burgerhausleiter und fur den Ortsteil zustandige Vertreter der GEWOBA.3 Um eine bessere Vergleichbarkeit und eine Fokussierung auf das Forschungsin- teresse zu gewahrleisten, wurden mithilfe eines Leitfadens insgesamt zehn qua­litative Experteninterviews gefuhrt, die mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden.

Vor der empirischen Bearbeitung der Forschungsfrage werden die Ortsteile an- hand von statistischen Daten und ausgewahlten Expertenaussagen charakteri- siert. Arbergen und Mahndorf zeichnen sich durch einen dorflichen Charakter aus. Sie liegen am Rande Bremens, sind durch eine kleinteilige Bebauungsstruk- tur gepragt und es besteht insbesondere innerhalb der „traditionellen" Einwoh- nerschaft eine hohe Identifikation mit dem eigenen Ortsteil. Die Gartenstadt Sud und Neuenland liegen dagegen zentrumsnah in der Neustadt, ein vitaler, bunter und urbaner Stadtteil mit Kleinstadtcharakter. Die sozial durchmischte Garten­stadt Sud ist gekennzeichnet durch die mehrgeschossigen GEWOBA-Hauser aus den 1960er-Jahren. Neuenland ist stark von der Nahe zum Flughafen gepragt und weist eine ahnliche Bebauungsstruktur wie Arbergen und Mahndorf auf, ist jedoch nicht durch ein tradiertes dorfliches Selbstverstandnis gekennzeichnet.

AnschlieBend wird These II auf doppeltem Wege uberpruft und bestatigt. Zum einen in dem zu Beginn des Interviews die Experten auf eine unkommentierte, offene Frage ausfuhren, dass Kommunalpolitik Gruppen zusammenfuhren, nachbarschaftliche Begegnung fordern und Begegnungsorte und -anlasse schaffen musse, um das lokale Miteinander zu starken. Zum anderen wird an- hand der Expertenaussagen ersichtlich, dass das kommunale Handeln in den kohasionsstarken Ortsteilen mehr Interaktionen zwischen verschiedenen gesell- schaftlichen Gruppen ausgelost hat als in den kohasionsschwachen Ortsteilen. Zusammenfassend ist die hohere Qualitat an der proaktiven Rolle der Lokalpoli- tik festzumachen, die DurchmischungsmaBnahmen selbst initiiert und partizipa- tiv anlegt, die Graswurzelprojekte mit sozialer Orientierung finanziell und ideell systematisch gefordert, die lokale Akteure effektiv vernetzt und dafur responsive Verwaltungsstrukturen realisiert hat. Damit ist die erste zentrale empirische Er- kenntnis, dass speziell die Kontakthypothese, aber auch weitere Annahmen zu kohasionsforderndem Handeln, Zustimmung finden. Auch weil keiner der Exper- ten die Auffassung vertritt, gesellschaftliche Gruppen sollten idealerweise vonei- nander isoliert werden.

Jedoch werden die Unterschiede im kommunalen Handeln nicht als ausreichend eingestuft, um die gegensatzlichen Kohasionsniveaus ausschlieBlich damit erkla- ren zu konnen. Erstens, weil in diesen Ortsteilen auch Begegnungen uber Grup- pengrenzen hinweg festzustellen sind, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Zwei- tens, weil Arbergen und Mahndorf als ruhige Gegenden wahrgenommen wer­den und mitnichten als soziale Brennpunkte, weshalb die Experten von den Messwerten uberwiegend uberrascht waren. Es ist denkbar, dass die Befragten aus Arbergen und Mahndorf aufgrund einer hohen Erwartungshaltung an das ortliche Miteinander den Zusammenhalt kritischer bewerten als in anderen Orts­teilen und dadurch die gemessenen Kohasionswerte zu niedrig fur den tatsach- lichen Zusammenhalt sind. Dieser Standpunkt kann mit Expertenaussagen be- grundet werden, die Arbergen und Mahndorf aufgrund einer hohen lokalen Identifikation und des dorflichen Selbstverstandnisses eine eher bewahrende Mentalitat zuschreiben. Diese Mentalitat steht Veranderungen und fremden Ein- flussen im Ortsteil skeptisch gegenuber, insbesondere wenn sie den originaren Charakter der Ortsgemeinschaft bedrohen. Diese Haltung auBert sich auch in einem gesteigerten Sicherheitsbedurfnis, welches die Proteste gegen geplante Obergangswohnheime fur Gefluchtete begrundeten. Demgegenuber beschrei- ben die Experten eine zunehmend kreative und inklusive Mentalitat in der Neu- stadt, die gesellschaftliche Diversifizierung fordert und Unvertrautem aufge- schlossen gegenubersteht, wohl auch weil Veranderungen die Identitat einer urbanen Kleinstadt nicht bedrohen, sondern sie vertiefen. Die abgeleitete und zuspitzende Formel „exklusive Dorfgemeinschaft vs. inklusive Kleinstadtgesell- schaft" verweist auf einen weiteren zentralen Befund: Damit der gesellschaftliche Zusammenhalt gefordert werden kann, mussen zunachst die spezifischen, loka- len Kontexte wahrgenommen und erfasst werden, weshalb Responsivitat als Schlusselkategorie fur wirksames kommunales Handeln angesehen wird.

Teil I: Analytischer Rahmen

Der erste Teil dient dazu, ein analytisches Fundament fur die Theorieentwicklung und die empirische Untersuchung zu schaffen. Dafur wird die Grundannahme von der gesellschaftlichen Vielfalt im Detail dargelegt, in dem die Entwicklung zu einer liberalisierten Multioptionsgesellschaft nachgezeichnet wird und be- sonders relevante Formen der sozialen Ausdifferenzierung ausgefuhrt werden. Darauf aufbauend wird das gesellschaftliche Konfliktpotenzial in Deutschland beschrieben und schlieBlich das Konzept von gesellschaftlicher Kohasion sowie wesentliche empirische Ergebnisse angefuhrt.

2. Liberale Gesellschaften unter Druck

Um sich der Frage zu nahern, wie Politik den sozialen Zusammenhalt starken kann, muss zunachst die aktuelle Gemengelage in den Blick genommen werden.

Komplexe, globale Entwicklungen sowie erstarkende antiliberale Krafte setzen aktuell liberale Demokratien nachhaltig unter Druck. Die sogenannten Me­gatrends verursachen eine tiefgreifende Veranderungsdynamik und losen damit ein Grundgefuhl der Unubersichtlichkeit, des Kontrollverlusts und der Verunsi- cherung in den westlichen Demokratien aus. Durch die Globalisierung verflech- ten sich die Markte weltweit enger miteinander. Neben zunehmenden Han- delsmoglichkeiten hat sich dadurch der Wettbewerbsdruck auf westliche Volks- wirtschaften spurbar erhoht. Der technologische Fortschritt, speziell die Digitali- sierung, beeinflusst bereits heute zunehmend das Arbeits- und Alltagsleben und wird sie in ungewissem AusmaB weiter verandern. Hinzu kommt eine Vielzahl an internationalen Krisen im vergangenen Jahrzehnt. Die im Jahr 2007 beginnende Finanz- und Wirtschaftskrise zeigte die Fragilitat vernetzter Markte. Indem sie sich zu einer Staatsschulden- und Eurokrise weiterentwickelte, verdeutlichte sie zudem die Schwierigkeiten politischer Institutionen auf internationale Krisen angemessen zu reagieren. SchlieBlich brach im Jahr 2015 die sogenannte „Fluchtlingskrise" in Deutschland aus, nachdem sich die Problematik europaweit lange zuvor angedeutet hatte. In diesem Kontext sind auch noch der Klimawan- del sowie der globale Terrorismus zu nennen. Diese Umwalzungen beeinflussen auch die Gesellschaften liberaler Demokratien massiv. Fucks (2017: 17) erkennt, dass sich „ein explosives Gebrau aus Globalisierungsfurcht und Abstiegsangsten, das Gefuhl des Kontrollverlusts im GroBen, wie in Bezug auf das eigene Leben, eine Kombination aus Fremdenfeindlichkeit und giftigen Sozial- neid, ein wachsendes Misstrauen gegen die politischen und wirtschaftli- chen Eliten und ein Grundgefuhl der Oberforderung durch das Tempo des kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels" ausbrei- tet.

Diese Stimmungslage spiegelt sich in politischen Entwicklungen wider, die Fucks dazu veranlassen eine Krise liberaler Demokratien sowie eine „antiliberale Revol­te"4 zu konstatieren. Neben dem Aufplustern autoritarer Machte, wie der Turkei, China oder Russland, seien auch in Demokratien wie den USA, Polen oder Un- garn Anzeichen illiberaler Demokratien zu erkennen. In Regierungsamter ge- wahlte Populisten greifen das demokratische Institutionengefuge an, indem sie die Unabhangigkeit der Justiz, die Pressefreiheit oder etwa den Schutz von Min- derheiten einschranken oder in Frage stellen (ebd.: 12). In dieser Tendenz wird die Enttauschung gegenuber der etablierten, moderaten, demokratischen Politik und der Wunsch nach Ubersichtlichkeit in der Verfuhrung des Populismus' durch einfache Antworten offenbar. Das zeigt sich auch in dem Brexit-Votum der Briten und den zahlreichen Wahlerfolgen von vor allem rechts- aber auch linkspopulistischer Parteien in vielen europaischen Landern. In dieser Gemenge- lage gewinnt die Debatte um sozialen Zusammenhalt erheblich an Relevanz, weil angenommen werden kann, dass Kollektive mit einer stabilen inklusiven Kohasion weniger anfallig fur illiberale Tendenzen sind, als solche, die Polarisie- rungen aufweisen. So ist etwa empirisch belegt, dass Menschen in kohasiveren Gemeinwesen eine hohere Lebenszufriedenheit aufweisen (siehe Kapitel 5.2), was das Bedurfnis, eine aggressiv auftretende populistische Partei zu wahlen, reduziert. Ein legitimes Ziel liberal-demokratischer Politik ist es demnach, sozia­len Zusammenhalt zu starken und gesellschaftliche Konflikte zu befrieden. Dafur wiederum ist das Bewusstsein fur die krisenhafte Situation essentiell - ebenso wie die Kenntnis vom gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Vielfalt, der im an- schlieBenden Kapitel beschrieben wird.

3. Gesellschaftliche Vielfalt

Wenn sich die Struktur einer Gesellschaft wandelt, verandern sich auch die Be- dingungen fur den sozialen Zusammenhalt. Die Gesellschaft in Deutschland wird heterogener, so dass ein „Trend zu mehr Vielfalt und damit zu einer modernen Gesellschaft" eindeutig ist (Borstel/ Luzar 2016: 107). Dieser Arbeit liegt eine Perspektive auf gesellschaftliche Vielfalt zugrunde, die sie nicht auf ein Merkmal wie etwa das der Multikulturalitat verengt. Vielmehr ist aufgrund einer generel- len Pluralisierung der Lebensstile5 eine ebenso vielgestaltige Ausdifferenzierung festzustellen. Dementsprechend umfasst der Wandel eine Vielzahl an innerge- sellschaftlichen Differenzierungen. Ta§an-Kok et al. (2017: 8) verwenden in diesem Kontext den Begriff Hyperdiversitat.

"Diversity should not only be understood in ethnic, demographic, and so­cio-economic terms. Rather, we should also look into differences with re­spect to lifestyles, attitudes, and activities. Urban society is growing more diverse every day, not only because the number of new identities is grow­ing but also because identities are becoming more complex and fluid than ever. We need to recognize that people do not have a single identity but belong to diverse categories such as gender, race, class, ability, sexual orientation, and other axes of identity, all of which interact on multiple levels, often simultaneously."

Nachfolgend werden Formen der Ausdifferenzierung ausgefuhrt, die fur die ge­sellschaftliche Struktur in Deutschland als besonders bedeutsam eingestuft wer-den. Zuvor werden die dafur zugrundeliegenden Dynamiken moderner Gesell schaften beschrieben.

3.1 Entwicklung zu einer liberalisierten Multioptionsgesellschaft

Schimank (2005: 79 ff) bezeichnet modernde Gesellschaften als Entscheidungs-gesellschaften, deren zentrale Entwicklungstreiber beschreibt er folgenderma- Ben: Aufbauend auf der Systemtheorie Luhmanns liegt die Grundlage in der „funktionalen Differenzierung". Wahrend in der Vormoderne Recht, Politik, Wirt- schaft und Familie in der gleichen Wertsphare zusammengefasst waren, sind moderne Gesellschaften in gleichrangige, funktional spezialisierte Teilsysteme wie eben Recht, Politik, Wirtschaft und Familie samt ihrer Logiken ausdifferen- ziert. Jedem Teilsystem ist ein anderer selbstreferentieller binarer Code zu eigen, weshalb ein unuberbruckbarer Orientierungsdissens zwischen ihnen besteht. Durch die unterschiedlichen Perspektiven der Teilsysteme vervielfaltigt sich die Sicht auf die gesellschaftliche Wirklichkeit. Gleichzeitig entwickelte sich in der Fruhmoderne eine vierfache „Rationalisierung" des Handelns: die Zweckrationa- litat ersetzte traditionale und emotionale Kalkule, die theoretische Rationalitat, die sich nach moglichst verallgemeinerbaren Kausalzusammenhangen richtet, die formale Rationalitat, die ein Handeln nach universal angewandten Regeln fordert sowie die Wertrationalitat, nach der sich das Handeln am MaBstab eines bestimmten Wertes ausrichtet (vgl. ebd. 82 ff). Die „kulturelle Sakularisierung" beschreibt laut Schimank die Emanzipation des individuellen und gesellschaftli- chen Handelns von der religiosen Weltdeutung. An die Stelle der Gottesidee, die den Menschen Gewissheit und Orientierung bot, trete die Idee des „Fortschritts". Sie besagt, dass nicht gottliches, sondern menschliches Handeln gesellschaftli­che Strukturen formt. Demnach ubergibt die Fortschrittsidee dem Menschen die Verantwortung fur die Gestaltung gesellschaftlicher Verhaltnisse und damit die politische Gesellschaftssteuerung. Aufgrund der Rationalisierung, so Schimank weiter, bestehe die Moglichkeit, gesellschaftliche Verhaltnisse durch rationale Entscheidungen gezielt zu gestalten und ggfs. zu verbessern (vgl. ebd. 88 ff, 92 ff).

Zudem erfolgte aus der kulturellen Sakularisierung eine zunehmende Liberalisie- rung der Gesellschaft. In der Vormoderne schrankten Vorgaben traditioneller Gemeinschaften wie Dogmen, Traditionen oder Routinen das Handeln und Den- ken ihrer Anhanger stark ein. Durch das Herauslosen aus Gemeinschaften wie der Familie, der Kirche oder der lokalen Gemeinde ergaben sich neue Freiheiten in der Lebensgestaltung und in der Moderne ruckte zunehmend die individuelle Selbstentfaltung ins Zentrum. Als Chiffre fur diesen Wandel gilt in der Geschich- te der Bundesrepublik die 68er-Studentenbewegung, die sich gegen die starren gesellschaftlichen Verhaltnisse der Nachkriegszeit auflehnte. Sie wird als Weg- marke fur die Modernisierung privater Lebensformen, Aufwertung von Minder- heiten, der Enttabuisierung von Homosexualitat, veranderte Geschlechterrollen sowie einer sexuellen Revolution angesehen. Nassehi (2017) bezeichnet 68 als „Abweichungsverstarkung", da die Zunahme an Freiheitsgraden eine Pluralisie- rung von Lebenswegen, Berufsbiografien, Familien- und Beziehungsformen nach sich gezogen habe.

Die Steigerung individueller Handlungsoptionen sowie die Liberalisierung der Gesellschaft fuhrte zu einer Individualisierung6 der Lebensfuhrung und damit zu einer Vervielfaltigung privater Lebensformen. Auf den wirtschaftlichen Auf- schwung der Bundesrepublik in den 1950er- und 1960er-Jahren folgte eine Ausweitung der sozialen Sicherheit und der Freizeit sowie ein Zuwachs an Bil- dungs-, Mobilitats-, Informations- und Konsummoglichkeiten (vgl. Beck 1986: 115 ff, 205 ff). In der dadurch entstehenden Multioptionsgesellschaft steigt die Zahl der Handlungs- und Wahlmoglichkeiten hinsichtlich der eigenen Lebens- gestaltung bis heute an. Die Individuen verfugen uber vielfaltige Optionen bei der Berufs- und Partnerwahl, bei Formen des Zusammenlebens oder der Wahl von Konsumgutern, Freizeitaktivitaten oder Massenmedien. Dadurch losten sich traditionelle soziale Milieus auf und Lebensentwurfe sowie Weltbilder individua- lisierten sich zunehmend (vgl. ebd.). In einer liberalisierten Multioptionsgesell­schaft sehen sich Individuen mit einer Vielzahl an Entscheidungszumutungen konfrontiert, so dass in der Moderne „auch die Nichtentscheidung nur noch als Entscheidung moglich" sei (Beck 2000: 46). Einerseits bedeute dies einen Zu- wachs an Freiheit und an Moglichkeiten zur Selbstentfaltung, da das eigene Le- ben eigenverantwortlich gestaltet werden kann. Andererseits kann es jedoch auch zu Oberforderungen fuhren, da sich das Risiko des selbstverantwortlichen Scheiterns erhoht, weil man nicht mehr auf eingeubte Handlungsweisen und Wertemuster vertraut, stattdessen eigenverantwortlich und nicht schicksalsglau- big agiert. Dabei bleibe jedoch trotz wachsender Komplexitat der Anspruch auf Rationalitat bestehen. Beck und Beck-Gernsheim (1994) sprechen deshalb von „riskanten Freiheiten", da die Optionsvielfalt der Moderne zu Bastellbiografien mit hoher Vereinsamungsgefahr fuhre. Festzuhalten ist, dass sich Lebensstile insbesondere aufgrund der steigenden Anzahl an individuellen Entscheidungs- moglichkeiten und der Liberalisierung zunehmend ausdifferenzieren. Inwiefern sich dadurch die gesellschaftliche Struktur in Deutschland wandelt, wird nach- folgend skizziert.

3.2 Aufweichung eindeutiger Zugehorigkeiten

In Deutschland haben traditionelle Milieus an Bedeutung verloren, stattdessen sind unbestandige Gruppierungen mit flieBenden Grenzen entstanden. In der Vergangenheit konnten Personen relativ eindeutig einem sozialen Milieu, einer Region oder einer Religion bzw. einer Konfession zugeordnet werden. Es gab groBe und kollektiv ansprechbare Aggregate, da Gruppenzugehorigkeiten be- standig waren und sich voneinander abgrenzten. Zwar lieBen sich auch heute relativ bestandige kulturelle Gemeinschaften7 identifizieren, jedoch unterschie- den sich die neuen Gruppierungen „durch ihre groBere Fluchtigkeit und Wan- delbarkeit, sowohl was ihre charakteristischen Merkmale als auch ihre personelle Zusammensetzung betrifft" entscheidend von ihren Vorlaufern (Muller 2012a). Gehorte man fruheren Gemeinschaften und Milieus in den meisten Fallen ein ganzes Leben lang an, seien Zugehorigkeiten nun eher auf Zeit angelegt, man konne mehreren Gruppierungen gleichzeitig angehoren oder wechsele zwischen ihnen (vgl. ebd.). Die Obergange zwischen den sozialkulturellen Gruppierungen seien demnach flieBend, weshalb sie auch keine erkennbaren, eindeutig vonei­nander abgrenzbaren Gesellschaftsgruppen reprasentieren konnten. Zudem seien neue Gruppierungen wandelbarer, passten sich dem Zeitgeist an oder ver- schwanden bei nachlassender Nachfrage eher wieder als altere Gemeinschaften (vgl. ebd.). Das bedeutet laut Peters (1993: 14 f), dass die Gesellschaft kaum noch in klar voneinander abzugrenzenden und stabilen Gruppen eingeteilt wer­den konne, stattdessen sei sie plural, segmentiert und heterogen.

3.3 Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens

Als besonders elementare Form der sozialen Beziehung haben sich Familien-und Paarformen im Zuge der Liberalisierung und Individualisierung ausdifferen- ziert, da Formen des Zusammenlebens auBerhalb des traditionellen Familien- modells zunehmend von Gesellschaft und Politik anerkannt werden. Zunachst ist festzustellen, dass die traditionelle burgerliche Familie, in der die Ehefrau sich um den Haushalt und die Kinder kummert, wahrend der Ehemann fur den Le- bensunterhalt sorgt, ihre Monopolstellung eingebuBt hat. Die traditionelle Fami- lienform war lange Zeit in Deutschland gesellschaftliche Norm und Abweichun- gen davon standen unter sozialem Druck. Durch die Werteliberalisierung und die gesetzliche Aufwertung anderer Beziehungsformen sind neben die traditio­nelle Familienform zunehmend andere Modelle des Zusammenlebens getreten, wie nichteheliche und gleichgeschlechtliche Partnerschaften, kinderlose Paare, Alleinerziehende oder Alleinlebende.

Peuckert (2012) nennt vier Trends, die den Wandlungsprozess von Familienfor- men auf besondere Weise pragen. Erstens stehe die Ehe unter geringerem ge- sellschaftlichen Druck. Man konne uber eine Heirat freiwillig und eigenstandig entscheiden und sich auch problemloser wieder scheiden lassen. Zweitens seien Ehe und Kinder heute nicht mehr selbstverstandlich miteinander verbunden, es habe vielmehr eine Differenzierung von Familienstrukturen stattgefunden. Die soziale und biologische Elternschaft sei haufig entkoppelt, viele erzogen ihre Kinder alleine oder in getrennten Haushalten. Sogenannte „Bastelfamilien" sind vielerorts Realitat. Drittens sei die Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern weniger vorgegeben und musse von den Paaren individuell ausgehandelt wer- den. Viertens seien immer mehr Frauen berufstatig. Das fuhre einerseits zu einer schwierigeren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Andererseits verandere es auch die Geschlechterbilder, da Manner Aufgaben in der Kinderbetreuung ubernahmen und Frauen in der Arbeitswelt zunehmend selbstverstandlich wer- den wurden. In Bezug auf Paarbeziehungen stellt Schafers (2004: 122ff) dennoch fest, dass die Mehrzahl der Deutschen, die zwischen 30 und 80 Jahren alt sind, verheiratet seien, wenngleich die Anzahl von nichtehelichen und gleichge- schlechtlichen Lebensgemeinschaften erheblich angestiegen sei. Zudem ist auf einen Ruckgang der Kinderzahlen und einem Anstieg der Scheidungsquote hin- zuweisen (vgl. Huinink 2009).

Die Formen sozialer Beziehungen haben sich generell entgrenzt. Waren sie fru- her auf die ortliche (Kirchen-) Gemeinde, der unmittelbaren Nachbarschaft und die eigene Verwandtschaft begrenzt, so seien sie heute „aus der Fasson selbst- verstandlich gegebener Traditionsmuster gefallen" (Keupp 1987: 34). Es bestehe eine „Vielfalt sozialer Beziehungen zwischen nicht verwandten Personen", die sich zunehmend funktionalisiert, personalisiert, entgrenzt, und unverbindlich gestalteten (Hennig 2016: 64). Diewald (1991) sieht darin eine Liberalisierung von Gemeinschaft, nach der die sozialen Netzwerke weniger raumlich einge- grenzt und vorgegeben, aber genauso stabil waren und zudem freier ausge- wahlt werden konnten. Keupp (1987) erkennt darin sogar eine Befreiung der Gemeinschaft, da sie weniger soziale Kontrolle ausubten und nach eigenen Be- durfnissen gestaltet werden konnten. Andere Autoren wie Munch (1992) und Sennett (1998) kritisieren hingegen die mangelnden Identifikationsmoglichkei- ten und die erhohten Flexibilisierungsanforderungen in der Moderne, in der es keinen gleichwertigen Ersatz fur den Verlust tradierter Beziehungsformen gabe, so dass ein Verlust an Gemeinschaft entstunde und sich „Unsicherheit ausgewei- tet" habe (Henning 2016: 66).

3.4 Heterogene Einwanderung

Das wohl offenkundigste Merkmal der sich vervielfaltigenden Gesellschaft in Deutschland ist die steigende Zahl an Gesellschaftsmitgliedern mit Migrations- hintergrund. Aufgrund der wachsenden ethno-kulturellen Diversitat wird die Gesellschaft mittlerweile als multikulturell bzw. multiethnisch beschrieben. In der Geschichte der Bundesrepublik gab es mehrere groBere Gruppen, die nach Deutschland eingewandert sind. Zu nennen sind erstens die Gastarbeiter, aus- landische Arbeitskrafte, die in Folge des Wirtschaftsbooms zwischen dem Ende der 1950er- bis Anfang der 1970er-Jahre zunachst vor allem aus der europai- schen Mittelmeerregion, spater aus dem ehemaligen Jugoslawien und schlieB- lich insbesondere aus der Turkei nach Deutschland gekommen sind. Zwischen Ende der 1980er und Anfang der 1990er-Jahren stieg die Zahl der Asylsuchen- den in Deutschland rapide an, darunter waren vor allem Fluchtlinge des Burger- krieges aus Jugoslawien. Durch die Offnung des „Eisernen Vorhangs" verstarkte sich zudem der Zuzug von Aussiedlern, Einwanderer deutscher Abstammung aus der ehemaligen Sowjetunion und Ost- und Sudosteuropa nachhaltig. Nach- dem in Deutschland die Zuwanderung sank und 2008 und 2009 sogar mehr Menschen aus- als eingewandert sind, ziehen die Zuzugszahlen seit 2010 wieder an. Dabei kommt die uberwiegende Zahl aus dem EU-Ausland, insbesondere aus Polen, Rumanien und Bulgarien. Eine Ausnahme ist das Jahr 2015, in dem uber eine Million Gefluchtete, vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, nach Deutschland kamen (vgl. Hanewinkel/ Oltmer 2017: 3 ff).

Laut Mikrozensus hatten im Jahr 2016 ca. 18,6 Millionen Personen in Deutsch­land einen Migrationshintergrund8, was einem Anteil von 22,5 Prozent (%) an der Gesamtbevolkerung entspricht, womit ein Hochststand gemessen werden konnte. Davon haben 52 % einen deutschen Pass. Die groBten Gruppen haben ihre Wurzeln in der der Turkei (15,1 %), Polen (10,1 %) und der Russischen Fede­ration (6,6 %). Zwar haben weiterhin die meisten Menschen mit Migrationshin­tergrund ihre Wurzeln im europaischen Ausland, jedoch hat sich in den vergan- genen Jahren insbesondere der Anteil aus dem Nahen und Mittleren Osten so- wie aus Afrika vergroBert. Die Bevolkerung mit Migrationshintergrund ist regio­nal unterschiedlich konzentriert. Mit mehr als 26 % weisen die Stadtstaaten Ber­lin, Bremen und Hamburg und die Flachenstaaten Baden-Wurttemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen einen relativ hohen Anteil auf, wahrend in den neuen Bundeslandern dieser bei unter sieben Prozent liegt. Generell ist zu erwarten, dass der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund weiter steigen wird, auch weil der Anteil bei jungeren Alterskohorten uberdurchschnittlich ist. Bei- spielsweise haben 38,1 % der unter Funfjahrigen in Deutschland einen Migrati­onshintergrund (ebd. 5, Statistisches Bundesamt: 2017b). Die gesellschaftliche Vervielfaltigung werde zudem verstarkt, indem sich die Prozesse der sozialen Ausdifferenzierung und der zunehmenden Multikulturalitat hybridisiere und ver- schrankten (vgl. Welsch 2005: 324).

Aus der Ausfuhrung wird deutlich, dass die Menschen aus verschiedenen Moti- ven nach Deutschland kommen. Heckmann (2015: 23 f) zufolge betreten „Ar- beitsmigranten, Bildungs- und Heiratsmigranten oder aus humanitaren Grunden aufgenommenen Personen (...) mit unterschiedlichen Voraussetzungen jeweils unterschiedliche Integrationspfade". Das entspricht dem Super-Diversity- Konzept nach Vertovec (2007), der eine mehrdimensionale Diversifizierung der Zuwanderung konstatiert. Die Diversifizierung der Einwanderung druckt sich in einer zunehmenden Vielfalt an Herkunftslandern, Migrationspfaden, aufent- haltsrechtlichen Status, beruflichen Qualifikationsniveaus, sprachlichen Kompe- tenzen, religioser Orientierungen sowie Arten der Bindungsverhaltnisse zum Herkunftsland aus. Demnach ist Migration in sich selbst ein vielfaltiges Phano- men.

3.5 Ausdifferenzierung der Parteienlandschaft

Durch die gesellschaftliche Diversifizierung sind auch politische Orientierungen heterogener geworden. Folglich hat sich das Parteienspektrum in Deutschland seit den 1980er-Jahren kontinuierlich erweitert. Bis dahin hatte sich in der Bun- desrepublik ein stabiles Dreiparteiensystem aus CDU/ CSU, SPD und FDP etab- liert. Im Jahre 1983 zog mit Bundnis 90/ Die Grunen eine weitere Partei in den Bundestag ein. Spatestens seit der Verschmelzung von Linkspartei.PDS und der WASG zur Linkspartei und deren Einzug in den Bundestag im Jahr 2005 kann von einem Funfparteiensystem gesprochen werden.9 Durch den erstmaligen Einzug der AfD in den Bundestag sind seit 2017 sechs Parteien im Parlament vertreten. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Partei mittelfristig etablieren kann, jedoch machen das starke Wahlergebnis mit 12,6 % und die zahlreichen Landes- fraktionen ein Sechsparteiensystem aus heutiger Sicht wahrscheinlich.

Auffallig ist dabei, dass insbesondere die beiden groBen Parteien, die Union aus CDU und CSU und die SPD, in den letzten Jahrzehnten mit abnehmender Unter- stutzung konfrontiert sind. Sie haben sowohl erheblich an Wahlerstimmen verlo- ren, als auch eine Vielzahl an Mitglieder eingebuBt.10 Es scheint jedoch, dass diese Entwicklung nicht ausschlieBlich aus dem Eigenverschulden der Parteien resultiert, sondern dass die heterogene Struktur der Gesellschaft es GroBorgani- sationen zunehmend erschwert, eine hohe Zahl an Menschen an sich zu binden. Neben den beiden groBen Parteien haben auch die christlichen Kirchen (1985: 84,3 %, 2015: 57,4 %) und die Gewerkschaften (1985: 12,7 %, 2015: 7,5 %) mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kampfen (vgl. Die Zeit 2016).11 Das weist da- rauf hin, dass in einer vielfaltigen Gesellschaft groBe soziale Aggregate kaum noch kollektiv ansprechbar sind - sie per Mitgliedschaft dauerhaft an sich zu binden, mutet aufgrund des Individualisierungsprozesses noch schwieriger an.

3.6 Wandel der Religiositat

Auch in Bezug auf Religiositat hat in Deutschland eine Pluralisierung stattgefunden. In diesen Prozess sei auch die Sakularisierung einzuordnen, sowie „eine Ausdifferenzierung religioser Zugehorigkeiten, eine vielfaltigere Ausformung von Religiositatsstilen als auch eine Zunahme der vielfaltigen Auspragungen von Nicht-Religiositat" (Pickel 2017: 67). Am Ruckgang der Mitgliederzahlen ist der Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen abzulesen, die uber lange Zeit das Zentrum des lokalen Gemeindelebens waren und dadurch eine entscheidende Bindungsfunktion ausubten. Durch diese Entkirchlichung der letzten Jahrzehnte ist der Anteil an Konfessionslosen (29,9 Mio.) stetig angestiegen - mit besonders hoher Quote in Ostdeutschland. Hinter der romisch-katholischen Kirche (23,6 Mio.), den evangelischen Landeskirchen (21,9 Mio.) hat sich der Islam12 (4,6 Mio.) als drittgroBte Religionsgemeinschaft in Deutschland etabliert. Nachfolgend sind die unterschiedlichen orthodoxen, orientalischen und unierten Kirchen zu nennen, die gemeinsam auf 1,6 Mio. Anhanger kommen. Hinzu kommen weitere nichtchristliche Religions- gemeinschaften wie der Buddhismus, der Hinduismus und das Judentum, vor allem die Erstgenannten gewinnen an Bedeutung - jedoch auf niedrigem Niveau (vgl. REMID 2018). Es folgen neue christliche Gemeinschaften wie die der Neuapostolischen Kirche, die jedoch bei weitem nicht den Mitgliederschwund der beiden groBen christlichen Kirchen aufwiegen. Muller (2012b) verweist in diesem Zusammenhang auf einen heterogenen Prozess der religiosen Individualisierung, zu dem auch auBerkirchliche Formen der Religiositat (Astrologie, Okkultismus) und Spiritualitat (New Age) zahlten. Zudem sei auch eine sogenannte „Bastel-Religiositat" zu beobachten, die sich am verfugbaren religiosen und spirituellen Angebot individuell bediene. Insofern sei neben einer Entkirchlichung, Pluralisierung und Individualisierung, auch eine „Privatisierung religioser und spiritueller Glaubensuberzeugungen" festzustellen (ebd.).

3.7 Gesellschaft der Differenzen

Es lieBen sich noch weitere tiefgreifende gesellschaftliche Veranderungen aus- fuhren - wie etwa in der Arbeitswelt, im Freizeitverhalten oder die sich veran- dernde demografische Struktur. In der segmentierten, deutschen Gesellschaft wird die Heterogenitat auch zunehmend sichtbar. Zum einen, weil insbesondere interkontinentale Migration die Vielfalt an ethno-kulturellen Pragungen erwei- tert. Zum anderen konnen sich Personengruppen wie Homosexuelle oder re- ligose und ethnische Minderheiten wegen der steigenden Bedeutung von Anti- diskriminierungsdiskursen freier entfalten und ihre Lebensweise offener pflegen. Das fuhre zu einer kulturell-normativen Dezentrierung der Gesellschaft, in der es „schwieriger geworden ist, Regeln und Verhaltensstandards mit dem Verweis auf kulturell begrundete Normalitatsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft durch- zusetzen" (Nieswand 2010).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass aufgrund der vielfaltigen Diversifizierung der Lebensstile eine erhebliche Zunahme innergesellschaftlicher Differenzen entstanden ist. Die vielfache Pluralisierung erzeugt neben etlichen personlichen Freiheitszugewinnen eine unubersichtliche Struktur der Gesell­schaft, die schwer versteh- und beschreibbar ist. Laut Nassehi (2015: 294) sei keine Zentralperspektive mehr einnehmbar, die eine koharente Beschreibung der Gesellschaft biete. Etablierte Diagnosen wurde die „erhebliche Komplexitat13 und Unubersichtlichkeit, die Perspektivendifferenz und Widerspruchlichkeit der modernen Gesellschaft" negieren oder ignorieren (ebd. 12). Deshalb stunden politische Unterteilungen wie zum Beispiel in links und rechts fur ein Ordnungs- bedurfnis, das „vor den Ordnungsproblemen einer differenzierten, einer kom- plexen Gesellschaft kapituliert" (ebd. 26). Das verdeutlicht die Schwierigkeit, in einer ausdifferenzierten Gesellschaft ein politisches Angebot zu formulieren mit dem Anspruch eine Mehrheit anzusprechen, da diese Gesellschaft mannigfalti- ge, sich zum Teil widersprechende Anspruche und Bedurfnisse in sich vereinigt. Dementsprechend erschwert die Vielzahl von Partikularinteressen auch ein wirk- sames politisches Handeln zur Starkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

In dieser Unubersichtlichkeit erkennt Reckwitz (2017) im Obergang von der Mo- derne in die Spatmoderne eine neue Klassenstruktur. Die Spatmoderne be- schreibt er als „Gesellschaft der Singularitaten", in der die Individuen in allen Lebensbereichen das Besondere anstrebten. Damit sei mehr als das Entbinden aus sozialen Vorgaben im Sinne einer Individualisierung nach Beck gemeint. Mit Singularisierung meint Reckwitz „das kompliziertere Streben nach Einzigartigkeit und AuBergewohnlichkeit," das auch Dinge und Orte miteinbeziehe und zur ge­sellschaftlichen Erwartung gereift sei (ebd. 9). In der Moderne hingegen habe das Allgemeine und das Durchschnittliche dominiert, woraus sich eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft etabliert habe. Es habe ein kultureller Konsens bestan- den, in dem die Lebensstile uberwiegend auf soziale Kontrolle und gleichformi- gen statt besonderen Konsum ausgerichtet waren. Durch die angesprochene Bildungsexpansion sei ein breites akademisches Milieu entstanden, ausgestattet mit hohem kulturellem Kapital, das Reckwitz als „neue Mittelklasse" bezeichnet. Sie habe folgenden Wertewandel angetrieben: Anstatt sich an Pflichten, Lebens- standard, Normen und Konformitat zu orientieren, richten sie ihren Lebensstil an den Parametern Selbstverwirklichung, Kosmopolitismus, Lebensqualitat, Authen- tizitat und kulturelle Offenheit aus.14 Dieser neuen, hochqualifizierten Mittelklas- se stellt Reckwitz die „neue Unterklasse" und „alte Mittelschicht" gegenuber, die auf den Wertewandel mit SchlieBungstendenzen reagiere, wie im Abschnitt 4.3 weiter ausgefuhrt wird (ebd. 275 ff).

4. Konfliktpotential moderner Gesellschaften

Gegenwartige Gesellschaftsanalysen weisen in der Regel auf Spannungen in der Gesellschaft und deren Auseinanderdriften hin. Dabei ist es strittig, ob die deut­sche Gesellschaft auch tatsachlich auseinanderstrebt oder ob diese Annahme eher einer allgemeinen Gefuhlslage entspricht. Empirische Erhebungen jeden- falls liefern Hinweise fur einen relativ stabilen Zusammenhalt in Deutschland (siehe Kapitel 5.2). Bedeutsam scheint in diesem Kontext jedoch, dass innerhalb der Bevolkerung die Wahrnehmung verbreitet ist, dass der Zusammenhalt ge- fahrdet ist und sich soziale Polarisierungen verscharfen (siehe dazu ebenfalls Kapitel 5.2). Es besteht also ein Bewusstsein fur eine voranschreitende gesell- schaftliche Desintegration. Es stellt sich die Frage, worin die Ursache fur diese Stimmungslage liegt. Eine monokausale Begrundung erscheint aufgrund der komplexen Thematik als abwegig. Die folgende Unterteilung in eine soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Dimension erhebt weder einen An- spruch auf Vollstandigkeit noch auf Trennscharfe, dafur sind die Symptome zu vielgestaltig und interdependent.

4.1 Okonomische Disparitaten

Die traditionelle Konfliktlinie moderner Gesellschaften erstreckt sich entlang der soziookonomischen Ressourcenallokation. Prominent vertritt Fratzscher (2016) die Position, dass die Hauptursache der sozialen Desintegration in Deutschland in der ungleichen Verteilung der wirtschaftlichen Guter und Chancen liege. Tat- sachlich ist eine okonomische Ausdifferenzierung in Form von einer Polarisie- rung festzustellen. Unter anderem belegt eine Studie der Deutschen Bundes­bank (2016: 67) die deutlichen monetaren Disparitaten in Deutschland. Das obe- re Zehntel verdiente im Jahr 2014 36,8 % des gesamten Nettoeinkommens, wahrend die untere Halfte 22,6 % einnahm (mittlere 40 %: 40,6 %). Deutlicher werden die Unterschiede bei der Netto-Vermogensverteilung der privaten Haushalte. Die oberen 10 % verfugen uber nahezu 60 % des Netto-Vermogens. Im Kontrast dazu liegt der Anteil der unteren 50 % bei 2,5 % (mittlere 40 %: 37,7 %) (ebd.). Dementsprechend lag der Gini-Koeffizient15 des Nettovermogens in Deutschland im Jahr 2014 bei 76 %. Das ist im Vergleich mit anderen Landern des Euro-Raums ein Spitzenwert, so dass die Bundesbank (ebd. 61) konstatiert, dass die Vermogen „relativ ungleich verteilt" seien. In diesem Zusammenhang ist bedeutsam, wer wie von der wirtschaftlichen Globalisierung der letzten Jahr- zehnte betroffen war. Hervorzuheben ist, dass zu den Verlierern der wirtschaftli- chen Entwicklung nachweislich „vor allem Personen mit geringem Humankapital, also solche, die einen geringen Bildungsgrad aufweisen und einfache berufliche Tatigkeiten, vor allem im gewerblichen Bereich, ausuben" sowie „Personen mit niedrigem Einkommen und solche, die aufgrund ihrer geringen Qualifikation dauer- haft Lohnersatzleistungen beziehen und daher geringe Chancen auf stabile Integration in den Arbeitsmarkt haben" (Lengfeld 2017: 213) ge- horen.16

Sie seien die Hauptbetroffenen, da ihre Erwerbskarrieren aufgrund des Drucks durch die weltweite Konkurrenz unsicherer geworden waren. Der Wandel der Arbeitswelt bedeute fur sie drohende EinkommenseinbuBen bzw. die steigende Sorge vor Arbeitslosigkeit, weil ihre Tatigkeiten technologisch oder extern er- setzt werden konnten. Zudem sei in dem entstandenen Dienstleistungsprekariat uberwiegend die Personengruppe vertreten, die auch von den Hartz-Reformen aufgrund des Absenkens der Lohnersatzleistungen im besonderen MaBe betrof- fen gewesen waren (vgl. ebd.). Dem ist hinzuzufugen, dass erstens eine Steige- rung von Einkommen und Vermogen nur einer kleinen Gruppe am anderen En- de der Skala vorbehalten war und zweitens, dass die Profiteure der Digitalisie- rung und Globalisierung insbesondere Hochqualifizierte sind und wohl weiter sein werden.

Diese okonomische Spaltung in Deutschland verscharft sich durch die soziale Chancenungleichheit und die mangelnde soziale Mobilitat. Im internationalen Vergleich hangt in Deutschland der Bildungserfolg sowie das spatere Einkom­men uberdurchschnittlich stark von der Herkunft ab. Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien haben weitaus geringere Lebenschancen. Einer Studie des Deutschen Instituts fur Wirtschaftsforschung zufolge konnen 40 % des spateren Arbeitseinkommens und sogar 50 % des Bildungserfolgs durch die Herkunft, also dem sozialen Status, dem Einkommen und dem Bildungsgrad der Eltern erklart werden (vgl. Schnitzlein 2013: 3). Dementsprechend habe laut des Funften Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung die „interge- nerationale berufliche Aufstiegsmobilitat von Generation zu Generation abge- nommen" (Bundesministerium fur Arbeit und Soziales 2017: 19). Geringe soziale Mobilitat bei groBer wirtschaftlicher Ungleichheit tragt zur gesellschaftlichen Polarisierung bei, da sich die Einkommensklassen zunehmend voneinander ent fernen.

4.2 Soziale Entfremdung

Durch die vielgestaltige Ausdifferenzierung der Gesellschaft unterscheiden sich Lebensstile zunehmend, wodurch eine Fulle an innergesellschaftlichen Differen- zen und Abweichungen entsteht. Dabei verursacht speziell der Umgang mit un- vertrauten Fremden Konfliktpotenzial. Fur ein besseres Verstandnis ist zunachst festzustellen, dass Fremdheit der Gesellschaft per Definition innewohnt. Das wird an der klassischen, idealtypischen Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft nach Tonnies ([1887] 1991) deutlich. In Gemeinschaften ken- nen sich laut Tonnies die Menschen, fuhlen sich aufgrund bestimmter Ober- einstimmungen miteinander verbunden und verstehen sich als einheitliches Kol- lektiv. Als Beispiele nennt er die Familie, das Dorf oder die Kirchengemeinde, wahrend die Gesellschaft einer GroBstadt ahnelt, in der Menschen „nicht we- sentlich verbunden, sondern wesentlich getrennt sind" (ebd. 34). Man kennt sich untereinander nicht, ist sich fremd, weshalb eine weniger starke soziale Kontrol- le ausgeubt wird, die eine groBere Variation an Werturteilen ermoglicht. Dem- entsprechend ist fur Nassehi (2016b: 153) Fremdsein „der Modus des Gesell- schaftlichen" und wertet das prinzipielle Fremdsein als „zivilisatorische Errun- genschaft", da er vollstandige interpersonale Transparenz als nicht erstrebens- wert betrachtet (ebd. 147).

Aufgrund des dargelegten Ausdifferenzierungsprozesses hat jedoch das Fremd­sein in der heutigen Gesellschaft ein neues Niveau erreicht, weil Quantitat und Qualitat der Differenzen zwischen den individuellen Biografien erheblich zuge- nommen hat. In der Folge treffen in der Gesellschaft hochst unterschiedliche Temperamente, Mentalitaten, Wertvorstellungen, Erscheinungs- und Konversa- tionsformen aufeinander. In diesem Sinne besteht nicht nur die gesellschaftlich bekannte bzw. vertraute Fremdheit, sondern eine Fulle an unbekannter, unver- trauter Fremdheitserfahrungen. In hyperdiversen GroBstadten ist dies etwa im offentlichen Nahverkehr deutlich wahrnehmbar, auch weil auffallig-abweichende Erscheinungen, wie etwa aufgrund von interkontinentaler Migration, mehr Auf- merksamkeit auf sich ziehen als gewohnlich-vertraute Erscheinungsformen. Dadurch ist es besonders auffallig, wenn das Verhalten eines unvertrauten Fremden von der Norm abweicht. Unvertrauten Fremdheitserfahrungen wohnt ein hohes Irritations- und damit Konfliktpotenzial inne, weil die Denkmuster und das Verhalten eines unvertrauten Fremden weniger erwartbar und kalkulierbar sind, als bei Interaktionen mit vertrauten Personen. Hellmann (1997: 428) er- kennt in der Kommunikation mit Fremden durch die fehlende Anschlussfahig- keit ein „strukturelles Nichtverstehen", welches besonders schwer wiege, da die Erwartungssicherheit des Vertrauten enttauscht werde. Zudem kann in Konflikt- fallen oftmals nicht auf geteilte Regulierungsmechanismen zuruckgegriffen wer- den und insbesondere bei Sprachbarrieren entsteht ein hoher Verstandigungs- aufwand. Hradil (2013: 20) erkennt aufgrund der Auseinanderentwicklung der Lebensstile eine zunehmende „gegenseitige Fremdheit und Verstandnislosig- keit". Erschwerend kommt hinzu, dass unterschiedliche gesellschaftliche Grup- pen kaum in Kontakt miteinander treten, weil die Beruhrungspunkte schwinden. Das liegt unter anderem auch am Bedeutungs- und Bindungsverlust von inter- mediaren Institutionen, wie Kirchen und Gewerkschaften, die fruher eine Kon- taktplattform unterschiedlicher Schichten und Milieus darstellten. Es stellt sich die Frage, welche Institution das heute zu leisten vermag. Deshalb drohe laut Sachweh und Sthamer (2016: 245), „das Gefuhl verloren zu gehen, trotz sozio- okonomischer Unterschiede mit allen - auch den benachteiligten - Mitburgern einen gemeinsamen sozialen Raum zu teilen".

4.3 Kulturelle Polarisierung

Die soziale Ausdifferenzierung ist die Grundlage fur kulturelle Polarisierungen, da diesen der Konflikt uber den Umgang mit Differenz und Abweichung gemein ist. Folgend wird zwischen einigen kulturellen Polarisierungen differenziert. Die Hauptkonfliktlinie entfaltet sich entlang der Frage, wie man zum kosmopoliti- schen Gesellschaftsideal steht. Der Kosmopolitismus subsumiert eine Vielfalt an Konzepten17, im Kern steht der Begriff fur eine Kombination aus „Wertschatzung von Differenz bzw. Andersartigkeit mit ausgewahlten - in der Regel normativ aufgeladenen - Prinzipien wie Toleranz, partizipatorische Legitimitat und Effekti- vitat" (Scherle 2016: 40 f). Entsprechend begruBt das kosmopolitische Gesell­schaftsideal Weltoffenheit und Vielfalt, in dem es unterschiedliche Lebensstile anerkennt, individuelle Selbstbestimmung fordert und religiosen, kulturellen und sexuellen Pluralismus befurwortet. Zudem fordert es Empathie gegenuber Bedurftigen und von der Politik MaBnahmen zur Anti-Diskriminierung, Aufwer- tung und Inklusion vulnerabler Gruppen, wie Homosexuelle, Menschen mit Be- hinderung, Frauen oder religiosen und ethnischen Minderheiten ein.18 Demge- genuber stehen unterschiedliche Gruppierungen, die den Kosmopolitismus ab- lehnen. Sie eint, dass ihnen die vielfachen Differenzen einer komplexen Gesell- schaft Unbehagen bereitet und sie daher mehr Ubersichtlichkeit anstreben. In Deutschland manifestierte sich der Konflikt zwischen Befurwortern und Gegnern des Kosmopolitismus im Kontext der sogenannten Fluchtlingskrise. Auf der ei- nen Seite engagierte sich unter dem Begriff der „Willkommenskultur" eine groBe Zahl an Menschen, um die ankommenden Gefluchteten zu unterstutzen. Auf der anderen Seite kam es unter dem Slogan „Pegida"19 zu groBen Demonstrationen gegen die Asylpolitik der Bundesregierung und speziell gegen die steigende Bedeutung des Islams, aber auch gegen andere kosmopolitische Ideale.

Dabei ist das Klientel von Pegida nicht etwa eine homogene Masse, sondern ist in sich differenziert und reicht bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Neben rassistischen, volkischen und nationalistischen Motiven empfanden viele die Zu- nahme an Vielfalt, speziell der ethnischen und religiosen, als Zumutung und nicht etwa als Bereicherung (vgl. Borstel/ Luzar 2016: 135 f). Das veranderte ge- sellschaftliche Erscheinungsbild lost Angste aus, wirkt uberfordernd und stellt das eigene Zugehorigkeitsgefuhl in Frage. Zudem stoBt die Forderung liberaler Eliten mit vulnerablen Gruppen auch sprachlich rucksichtsvoll umzugehen, auf Unverstandnis, da sie gewohntes Alltagsverhalten angreift. Zusammenfassend entsteht fur viele durch die gesellschaftliche Vielfalt eine uberfordernde Unuber- sichtlichkeit. Die einende Klammer von Pegida sei dementsprechend „die Angst vor Veranderung", „neuer Vielfalt", „Konkurrenz" und „Unubersichtlichkeit" (ebd.: 107)20 gewesen.

Dass Gegner einer zunehmenden Vielfalt lautstark auf sich aufmerksam machen, hangt wohl auch mit der zunehmenden Durchsetzung des Kosmopolitismus in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien in den letzten Jahren zusammen. Aufgrund kosmopolitisch eingestellter Eliten gewannen Antidiskriminierungsdis- kurse an Bedeutung und es konnte eine Aufwertung langer Zeit benachteiligter Gruppen beobachtet werden, wie etwa der Homosexuellen, Menschen mit Be- hinderung oder Frauen. Fucks (2016) spricht in diesem Zusammenhang vom „Ende des Patriarchats", Nieswand (2010) von einer „kulturell-normativen De- zentrierung". Beide Begriffe meinen im Kern, dass speziell die Gruppe der wei- Ben, heterosexuellen Manner die kulturelle Vormachtstellung, ihre gesellschaftli- che Dominanz einbuBen. Der Verlust der privilegierten Position innerhalb der Gesellschaft wurde als Krankung empfunden. Inglehart und Norris (2016: 13) erkennen darin ein sozial-psychologisches Phanomen, in dem auf die empfun- dene Vernachlassigung, Zurucksetzung und Verletzung der Etabliertenvorrech- te21 durch die Durchsetzung progressiver Werte mit einem „cultural backlash" reagiert werde: „Support for populism will be especially strong among those holding traditional values and retro norms, including older generation and the less-educated groups left behind by progressive cultural tides." Diese Stim- mungslage verhalf der AfD zu diversen Wahlerfolgen, weshalb der Rechtspopu- lismus als breiteste Bewegung gegen den Kosmopolitismus in Deutschland ein- gestuft werden kann (siehe 4.4.).

Jedoch ist die Ablehnung kosmopolitischer Werte nicht auf das Lager der „Bio- deutschen" beschrankt. Das zeigt sich zum einen darin, dass in migrantischen Milieus haufig ein traditioneller Lebensstil gepflegt wird, der Mannern mehr Teilhabe ermoglicht als Frauen. Zum anderen zeigt es sich in den Unterstut- zungswerten fur autoritare Fuhrer der jeweiligen Herkunftslander. Es gibt empi- rische Hinweise fur die Beliebtheit Prasident Wladimir Putins unter Russland- deutschen (vgl. Goerres/ Spies/ Mayer 2018: 1) und beim turkischen Verfas- sungsreferendum stimmten 63,2 % der in Deutschland lebenden turkischen Staatsangehorigen fur ein autoritares Prasidialsystem, das die Macht von Prasi­dent Recep Tayyip Erdogan erheblich ausbaute (vgl. Spiegel Online 2017). Dadurch werden gesellschaftliche Graben vertieft, weil unklar erscheint, warum Menschen, die in einer liberalen Gesellschaft leben, ein autoritares System un- terstutzen. Folglich steigt das Unverstandnis bei der autochthonen Bevolkerung.

Reckwitz subsumiert all diese Gruppierungen unter dem Begriff „Kulturessenzia- lismus", dessen Spektrum rechtspopulistische, neo-nationalistischen Gruppie­rungen, religios-fundamentalistischen und ethnischen Gemeinschaften umfasst. Anstatt Differenzen wertzuschatzen, modellierten sie die Welt laut Reckwitz (2016: 6) mithilfe

„eines Antagonismus zwischen Innen und AuBen, zwischen ingroup und outgroup, der zugleich ein Dualismus zwischen dem Wertvollen und dem Wertlosen ist. (...) Die eigene, uberlegene Nation gegen die fremden (Na- tionalismus), die eigene Religion gegen die Unglaubigen (Fundamenta- lismus), das Volk gegen die kosmopolitischen Eliten (Rechtspopulismus)".

Zudem sei bei jeder Spielart des Kulturessenzialismus eine gemeinschaftliche, kollektive statt individuelle Identitat zentral, durch innere Homogenitat gestarkt, werde die eigene Tradition gegenuber jeglicher Innovation aufgewertet, um sich dem Grenzen-verwischenden Kosmopolitismus deutlicher zu widersetzen (vgl. ebd. 6 f). Der Ruckzug in eine geschlossene Gemeinschaft samt komplexitatsre- duzierendem Weltbild verspreche ihnen Sicherheit und Zugehorigkeit.

AbschlieBend gilt es noch auf zwei an Bedeutung gewinnenden, extremen Spiel- arten des Kulturessentialismus einzugehen, von denen nicht nur Konflikt- son- dern nachweislich auch ein erhebliches Gewaltpotential ausgeht: die rechtsext- reme Szene auf der einen und die islamistischen Bewegungen, speziell die sa- lafistische, auf der anderen Seite. Beide Gruppierungen verbinde eine uberstei- gerte Gruppenidentifikation, die sich auch aus der Abwertung bis hin zur Ent- menschlichung von Fremdgruppen speise, die Vorstellung vom nahenden apo- kalyptischen Endkampf und der Konstruktion eines Weltbildes, das die Welt schematisch in Gut und Bose unterteile (vgl. Ebner 2018).22 Sie bekampfen offen den demokratischen Rechtstaat und die kosmopolitische Weltanschauung. In- dem sie sich selbst auch feindlich gegenuberstehen, manifestieren sie das kultu- relle Gegeneinander nachdrucklich. Das rechtsextreme Lager verfolgt einen vol- kischen Nationalismus und ist fur eine ansteigende Zahl rechtsextremer Straft- und Gewalttaten verantwortlich.23 Der Salafismus hingegen ist eine radikal aus- gelegte Form des Islams, der die Grundlage des islamistischen Terrorismus bil- det. Die Bewegung, zu der sich besonders junge Menschen angezogen fuhlen, wachst in den letzten Jahren in Deutschland rasch an und strahlt ebenfalls ein erhebliches Gewaltpotenzial aus.24

4.4 Ablehnung etablierter Politik

Die dargelegten Spannungsbereiche bundeln sich in der politischen Arena und fuhren zu erheblichen Zweifeln an der Stabilitat des liberal-demokratischen Rechtsstaates. Mounk (2018: 8 f) begrundet den „Zerfall der liberalen Demokra- tie" mit dem politischen Aufstieg der Populisten in vielen westlichen Landern. Auch in Deutschland, dessen Demokratie lange als „unumstoBlich" angesehen worden sei, verdoppelte sich die Zustimmung in den vergangenen 20 Jahren fur einen „starken Anfuhrer, der sich nicht um Wahlen oder Parlamente kummern muss" (ebd., 12 f). Es ist generell eine wachsende Unzufriedenheit mit der repra- sentativen Parteiendemokratie festzustellen. Der prominenteste Beleg fur die wachsende Kluft zwischen Politik und Bevolkerung ist der Ruckgang der Wahl- beteiligung seit den 1970er-Jahren, wobei es zu beachten gilt, dass bei Europa-, Landtags- oder Kommunalwahlen in der Regel eine noch geringere Wahlbeteili- gungsquote zu beobachten ist (vgl. Schafer 2013). Des Weiteren ist die Distanz zwischen Politik und Burgern am mangelnden Vertrauen gegenuber demokrati- schen Institutionen abzulesen. Einer Reprasentativuntersuchung zufolge haben lediglich 36 % „groBes" oder „sehr groBes" Vertrauen in den Bundestag und in die Bundesregierung und nur 18 % in die politischen Parteien (vgl. POLIS 2016: 38). Zudem hat sich selbst die generelle Zustimmung zur Demokratie als „gute Staatsform" verringert - wenn auch auf hohem Niveau. Die Zustimmung betrug im Jahr 2016 zwar 81 %, allerdings lag sie im Jahr 2010 noch bei 90 % (ebd. 34). Weitaus groBer ist die ablehnende Haltung gegenuber der demokratischen Pra­xis. Lediglich 48 % waren 2016 mit der Art und Weise zufrieden, wie die Demo­kratie funktioniert, drei Jahre zuvor waren es noch 61 % (ebd. 29). Bei der Un- tersuchung zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Die Unzufriedenheit ist in Ostdeutschland hoher als in Westdeutschland und besonders ausgepragt unter AfD-Anhangern.

Dementsprechend manifestiert sich in Deutschland diese Krise der liberalen Demokratie auch an den Wahlerfolgen der rechtspopulistischen Partei25 AfD. Sie zog 2017 mit 12,6 % erstmals in den Bundestag ein und wurde direkt drittstarks- te Fraktion. Zudem ist die Partei in 14 Landtagen vertreten und erreichte bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt im Jahr 2016 Werte von uber 20 % (vgl. Statista 2017). Festzuhalten ist, dass sie sich als Gegenpol zur kulturellen Modernisierung des Kosmopolitismus positioniert, indem sie Zu- wanderung und die Stellung des Islams in Deutschland ablehnt, eine nationale Identitatspolitik betreibt, das klassische Familienmodell und traditionelle Ge- schlechterrollen bevorzugt und die „Gender-Ideologie" ablehnt (vgl. Hausler 2016). Hinzu kommen mediale Tabubruche, die einen gereizten, teilweise gehas- sigen Umgang besonders in den Sozialen Medien fordert. Generell tragt die segmentierte Mediennutzung zu stark divergierenden Informationsstanden und damit unterschiedlichen Bewertungen gesellschaftlicher Themen bei.

4.5 Eine zentrale Konfliktlinie?

Die Analyse zeigt, dass es nicht die eine Quelle fur gesellschaftliche Spannungen gibt, jedoch soll abschlieBend erortert werden, ob eine zentrale Konfliktlinie ausgemacht werden kann. In der offentlichen Debatte besteht Uneinigkeit dar- uber, ob der zentrale Riss entlang der soziookonomischen oder der kulturellen Polarisierung verlauft, ob es sich also holzschnittartig umrissen, eher um einen Klassen- oder einen Kulturkampf handelt. Einen ersten Hinweis geben die ver- gangenen Wahlergebnisse auf Bundes- und Landesebene. Anstatt einer linken Partei, die Umverteilung verspricht, hat mit der AfD eine rechtspopulistische Par- tei mit wirtschaftsliberaler Programmatik stark an Zustimmung gewonnen und sich als Protestpartei positioniert. Jedoch gilt es genauer zu untersuchen, welche Bevolkerungsgruppen mit welchen Motiven sich von der etablierten Politik ab- wenden und die AfD wahlen. Dabei sind bei den entsprechenden Untersuchun- gen verschiedene Akzentuierungen zu erkennen.

Die Bertelsmann Stiftung (2017b) hat in einer Studie zur Bundestagswahl 2017 untersucht, wie die AfD in den einzelnen Sinus-Milieus abgeschnitten hat. Die hochste Unterstutzung (28 % der Wahlerstimmen) hat die AfD im Milieu der so­zialen Unterschicht erreicht, den sogenannten „Prekaren". Dieses Milieu ist der Wahl in der Vergangenheit zunehmend ferngeblieben, so dass die Mobilisierung der AfD zu einem Anstieg der Wahlbeteiligung gefuhrt und deren soziale Spal- tung um fast drei Prozentpunkte verringert hat, was fur eine Klassenpolarisie- rung spricht. Allerdings gehoren auch okonomisch besser gestellten Milieus wie die „Traditionellen" (16 %) und die „Burgerliche Mitte" (20 %) zu den AfD- Kernwahlermilieus. Auch im Milieu der „Konservativ-Etablierten", das zur Ober- schicht zahlt, erzielte die AfD mit 10 % ein lediglich leicht unterdurchschnittli- ches Resultat (ebd. 10, 60). Demzufolge schlagt die Bertelsmann Stiftung eine „sozial-kulturelle Konfliktlinie" vor, die Modernisierungsbefurworter von Moder- nisierungsskeptikern trennt. Die Wahler der AfD stammten zu 65 % aus den modernisierungsskeptischen Milieus, wahrend die anderen Parteien mehrheit- lich von modernisierungsbejahenden Milieus gewahlt werden. Dabei werden Modernisierungsskeptiker als

„Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Grunden den okonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen eher skeptisch oder sogar ablehnend gegenuberstehen. Sie empfinden sich zumindest subjektiv als soziale, okonomische und/ oder kulturelle Verlie- rer der Modernisierung" (ebd. 13) definiert.26

Inglehart und Norris (2016: 30) haben bei einer international vergleichenden Studie ahnliche Unterstutzergruppen fur populistische Parteien, auch in Deutschland, identifiziert: „Older birth cohorts and less-educated groups support populist parties and leaders that defend traditional cultural values and emphasize nation­alistic and xenophobia appeals, rejecting outsiders, and upholding old- fashioned gender roles. Populists support charismatic leaders, reflecting a deep mistrust of the 'establishment' and mainstream parties who are led nowadays by educated elites with progressive cultural views on moral is­sues."

Kohlrausch (2018) widerspricht der Erklarung, die AfD wurde hauptsachlich auf- grund der kulturellen Modernisierung und weniger wegen der sozialen Spaltung reussieren (vgl. dazu Lengfeld 2017). Zwar ist fur Deutschland empirisch wider- legt, dass die AfD ausschlieBlich von soziookonomisch Benachteiligten unter- stutzt wird. Jedoch konnte auch gezeigt werden, dass die „Angst vor einem so­zialen Abstieg einen groBen signifikanten Effekt auf die Bereitschaft hat, AfD zu wahlen", so dass „soziale Verunsicherung und soziale Angste wichtige Treiber der AfD Wahl sind" (ebd.: 6, 4). Anstatt auf individuelle Wahlmotive abzuheben, wurde in einer Studie des DIW der Zusammenhang von soziodemografischen und okonomischen Strukturvariablen auf Wahlkreisebene und dem Zweitstim- menergebnis der AfD untersucht (Franz/ Fratzscher/ Kritikos 2018). Der Untersu- chung zufolge erfahrt die AfD in Westdeutschland vergleichsweise hohe Zu- stimmung in Wahlkreisen mit unterdurchschnittlichen Haushaltseinkommen und einem uberproportionalen Anteil an Industriebeschaftigten. Letzteres konnte, ausgelost von zunehmender Automatisierung und Digitalisierung, mit Angsten bezuglich der beruflichen Zukunft im verarbeitenden Gewerbe zusammenhan- gen. In Ostdeutschland erzielt sie besonders gute Ergebnisse in dunn besiedel- ten Regionen mit einem uberdurchschnittlichen Anteil an alteren Menschen und einer hohen Dichte von Handwerksbetrieben. Diesen Umstand erklaren die Au- toren mit „einer empfundenen Perspektivlosigkeit im Hinblick auf die weitere Entwicklung dieser Regionen" (ebd. 144). Dagegen sind die Merkmale wie die Arbeitslosenquote, Bildung oder der Auslanderanteil fur die Erklarung des AfD- Zweitstimmenergebnisses kaum relevant. Im Fazit wird der Politik geraten, die Strukturschwache speziell ostdeutscher Regionen starker zu begegnen, um sozi­ale Teilhabe zu starken und die Grundversorgung zu sichern.

Reckwitz (2017) verbindet die kulturelle und okonomische Konfliktlinie, indem er von einer doppelten liberalen Offnung spricht. Die neue Mittelklasse, eine mit hohem kulturellen Kapital und zumeist akademischer Bildung ausgestatteten und in Metropolen konzentrierten Personengruppe, etablierte sich seit etwa der 1980er-Jahre zunehmend als gesellschaftliches Leitmilieu. Dabei setzte diese Tragergruppe ein zweifaches liberales Paradigma durch, das sowohl kulturelle als auch okonomische Differenzen propagiert. Angetrieben von der Markte- verbindenden Globalisierung, hat sich ein auf Wettbewerb setzender Wirt- schaftsliberalismus durchgesetzt. Ebenso hat sich die klassische Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt, in der die neue Mittelklasse hoch- qualifizierte Jobs im wachsenden Sektor der Wissensokonomie einnimmt. Zu- dem verkorpern sie geradezu einen kosmopolitischen Linksliberalismus, der sich aus Werten wie individueller Selbstbestimmung, Lebensqualitat, kultureller Diversitat und Nichtdiskriminierung speist. Reckwitz subsumiert in der neuen Mittelklasse eine Tragergruppe, die sowohl von der kulturellen als auch von der okonomischen Diversifizierung profitiert und sie als Werte verinnerlicht. Die neue Unterklasse und die alte Mittelklasse27 sehen sich als Verlierer dieses diffe­rential len Liberalismus, da sie dadurch eine Herabstufung ihrer Lebensstile, Wertvorstellungen und Tatigkeitsbereiche erfahren. In der Folge reagieren sie mit einer kulturellen SchlieBung von Lebensformen, indem sie kosmopolitische Errungenschaften wie die Anerkennung multikultureller Diversitat, das Ende des Patriarchats oder die Moglichkeit zur sexuellen Selbstbestimmung ablehnen und traditionelle Lebensformen mittels rigider Moralisierung verteidigen - bis hin zur Hingabe zum Kulturessenzialismus (ebd. 9 f, 376 ff).28

Dieses Kapitel gibt einen Uberblick uber die Bandbreite gesellschaftlichen Kon- fliktpotenzials und deren bedeutsamen Polarisierungslinien. Dabei ist sowohl ein kultureller als auch ein okonomischer Graben festzustellen, die sich teilweise uberlagern. Okonomische Benachteiligung setzt sich aus prekaren Arbeitsver- haltnissen, sozialer Verunsicherung und Abstiegssangst sowie aus Perspektivlo- sigkeit in strukturschwachen Regionen zusammen. Kulturell regt sich ein Wider- stand gegen einen von liberalen Eliten forcierten Kosmopolitismus, da sich von dessen Lob der Vielfalt viele zuruckgesetzt und vernachlassigt fuhlen. Diese De- batte sollte jedoch nicht das Desintegrationspotenzial von unvertrauter Fremd- heit unterschlagen, das aus gesellschaftlicher Diversifizierung resultiert. Sie ist nicht nur Grundlage kultureller Zerwurfnisse, sondern erschwert auch Milieu - ubergreifende Solidarisierung. Fur das Fortbestehen der liberalen Demokratie ist die Frage entscheidend, wie zum einen der Graben zu kulturell und wirtschaft- lich Modernisierungsverlierern uberbruckt und zum anderen wie mit innerge- sellschaftlichen Differenzen individuell wie kollektiv produktiv umgegangen werden kann.

5. Sozialer Zusammenhalt

Das beschriebene Konfliktpotenzial der (spat-)modernen Gesellschaft in Deutschland begrundet die Relevanz der Frage nach deren sozialen Zusammen­halt, um den Fliehkraften etwas entgegenzusetzen. Die Vorstellung von einer friedlichen Koexistenz verschiedener gesellschaftlicher Gruppen erscheint auf- grund der existierenden Polarisierungslinien als unrealistisch. Allerdings reicht der Diskurs uber gesellschaftliche Kohasion historisch weit zuruck. Bereits im Jahr 1932 thematisierte Erich Fromm den „sozialen Kitt", der die Gesellschaft „im Innersten" zusammenhalte und schon im 19. Jahrhundert unterscheidet Emile Durkheim (1988: 230) in diesem Kontext zwischen der mechanischen und der organischen Solidaritat. In traditionellen, weniger gegliederten und entwickel- ten, „segmentaren" Gesellschaften wird Zusammenhalt mechanisch erzeugt, da ein starkes Kollektivbewusstsein gemeinsame Weltbilder und Handlungsweisen begrundet. In modernen, dezentralen Gesellschaften schwinden diese Ober- einstimmungen insbesondere durch die Arbeitsteilung, weshalb laut Durkheim die mechanische einer organischen Solidaritat weicht. Diese eint die Gesellschaft mithilfe einer verbindlichen Moralvorstellung, die hinreichend abstrakt sein muss, um die entstandenen Differenzen verbinden zu konnen (vgl. ebd. 108). In jungerer Vergangenheit war angesichts der voranschreitenden Individualisie- rung insbesondere die Debatte um Sozialkapital pragend. Putnam (2000) diag- nostizierte einen Ruckgang an sozialer Vernetzung und Solidaritat sowie ein schwindendes Engagement fur das Gemeinwesen. Grund dafur seien Ressour- cenknappheit, lange Arbeitsanfahrten und vor allem Vereinzelungstendenzen, die elektronische Unterhaltung auslose. Putnam zufolge unterminiere der Schwund an sozialen Netzen und der "civic culture" die Qualitat und Stabilitat einer Demokratie, da es ihre Performanz verringere. Damit definiert Putnam so- ziales Kapital als kollektives, Demokratie stutzendes Gut - im Unterschied zu Bourdieu, der es als individuelle Ressource einordnet (siehe Kapitel 7). Im An­schluss wird zunachst die Definition und Konzeption von gesellschaftlicher Ko- hasion dargelegt, die der Arbeit zugrunde liegen, sowie wesentliche empirische Ergebnisse vorgestellt.

5.1 Definition und Konzept

Lange Zeit mangelte es dem akademischen Diskurs an einer einheitlichen Kon- zeptualisierung von sozialem Zusammenhalt. Mittlerweile besteht in der Litera- tur ein Konsens uber drei Dimensionen: „(1) Soziale Beziehungen, (2) Identifika- tion mit einer geographischen Einheit und (3) eine Orientierung am Gemein- wohl" (Schiefer/ van der Noll 2016: 579). Dementsprechend definiert eine Exper- tengruppe der Bertelsmann Stiftung (2016: 20) sozialen Zusammenhalt „als die Qualitat des gemeinschaftlichen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen. Eine kohasive Gesellschaft ist gekennzeich- net durch belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Ver- bundenheit ihrer Mitglieder mit dem Gemeinwesen und eine ausgepragte Gemeinwohlorientierung."

Demzufolge bezieht sich Zusammenhalt nicht auf einzelne Personen, sondern auf ein Kollektiv wie eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die mehr oder weni- ger zusammenhalten konnen, so dass es sich um ein graduelles Phanomen han- delt. Die Qualitat der sozialen Kohasion setzt sich dabei aus den Einstellungen der Individuen und Gruppen einer Gesellschaft zusammen, weshalb es ein mehrdimensionales Konzept ist (ebd. 19). Das Konzept dieser Expertengruppe besteht folgerichtig aus den drei Kernbereichen Soziale Beziehungen, Verbun- denheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung. Weiterfuhrend werden die Kernbereiche, wie in Tabelle 1 dargestellt, in jeweils drei Dimensio­nen untergliedert.

Der Kernbereich Soziale Beziehungen bezieht sich auf das horizontale Netz zwi- schen Gesellschaftsmitgliedern und -gruppen und umfasst die Dimensionen

Tabelle 1: Konzept sozialer Zusammenhalt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle. Bertelsmann Stiftung 2016: 21, eigene Darstellung soziale Netze, das Vertrauen in die Mitmenschen und die Akzeptanz von Diversi­tat. Je stabiler soziale Netze sind, je mehr sich die Menschen untereinander ver­trauen und je akzeptierter Diversitat ist, desto kohasiver ist ein Gemeinwesen.

Der zweite Kernbereich Verbundenheit setzt sich aus der positiven Identifikation der Burger mit dem Gemeinwesen, deren Vertrauen in gesellschaftliche undpo- iitischelnstitutionen sowie der individuellen Wahrnehmung, in der Gese/lschaft gerecht behandelt zu werden, zusammen. Der dritte Kernbereich reprasentiert gemeinwohlorientierte Haltungen und Handlungen der Gemeinschaftsmitglie- der, die den Zusammenhalt starken. Gemeinwohlorientierung umfasst die Di- mensionen Solidaritat und HUfsbereitschaft, insbesondere zur Unterstutzung Schwacherer, die Achtung sozialer Rege/n und die zivilgesellschaftliche Partizi- pation (vgl. ebd.). Die Autoren haben die unterschiedliche Verteilung von Res- sourcen wie von Einkommen oder Bildung nicht in das Konzept integriert, da sie in ihr einen „moglichen Einflussfaktor, nicht aber einen definitorischen Bestand- teil von Zusammenhalt sehen" (ebd. 22). Das Konzept tragt zudem der oben beschriebenen gesellschaftlichen Diversitat Rechnung. Es fordert keine ethni- sche, kulturelle oder politische Homogenitat ein und zielt auch nicht auf einen umfassenden Wertekonsens ab. Im Gegenteil, es lasst Raum fur Diversitat, un­terschiedliche Lebensweisen und Wertvorstellungen.

5.2 Empirische Ergebnisse

Die Relevanz von gesellschaftlicher Kohasion zeigt sich in zwei quantitativen Studien zur Einstellung zu sozialem Zusammenhalt in Deutschland. Dabei stim- men die sogenannte „Vermachtnisstudie" und eine Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung in einer doppelten Erkenntnis uberein. Einerseits ist einer groBen Mehrheit sozialer Zusammenhalt ausgesprochen wichtig und wunscht diesem Wert zukunftig eine groBere Bedeutung. Andererseits besteht ebenso mehrheitlich die Oberzeugung, dass der Zusammenhalt in Deutschland eher schwach ausgepragt ist und auch in Zukunft weiter schwinden wird. Demzufolge ist eine Diskrepanz zwischen Wertvorstellung, erlebter Realitat und eine pessi- mistische Zukunftserwartung in Bezug auf gesellschaftliche Kohasion empirisch festzustellen (vgl. POLIS 2016: 15 f, Wintermantel 2017: 3 ff). Einen anderen An- satz folgt die Studienreihe „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" der Ber­telsmann Stiftung, in denen nicht die Einstellung zu gesellschaftlicher Kohasion untersucht wird, sondern vielmehr das Zusammenhaltniveau selbst, dessen Ent- wicklung uber Zeit sowie mogliche Einflussfaktoren auf unterschiedlichen Ebe- nen empirisch ermittelt wird. Die Untersuchungen weisen eine Koharenz auf, da sie alle auf der vorgestellten Definition von sozialem Zusammenhalt aufbauen. Die neun Dimensionen des vorgestellten Konzepts wurden in der Studienreihe quantitativ erfasst - auf internationaler, foderaler und kommunaler Ebene.

Eine Studie aus dem Jahr 2013 hat den sozialen Zusammenhalt in 34 Landern29 uber Zeit quantitativ gemessen und verglichen. Dabei konnte die hochste sozia- le Kohasion in der skandinavischen Landerfamilie gemessen werden, gefolgt von den traditionellen Einwanderungslandern in Ozeanien und Nordamerika sowie reichen, kleineren Staaten Westeuropas (Luxemburg, Niederlanden, Schweiz). Der geringste soziale Zusammenhalt wurde in Sudosteuropa (Griechenland, Bulgarien, Zypern) und mit Ausnahme von Estland im Baltikum erhoben. Deutschland belegt in dieser Studie einen Platz im oberen Mittelfeld, weist ein stabiles Niveau an sozialer Kohasion auf und hat sich im Zeitverlauf im Vergleich zu anderen Landern leicht verbessert. Bemerkenswert im deutschen Fall ist die hohe Anerkennung sozialer Regeln sowie die geringe Identifikation mit dem eigenen Land. Im Zeitverlauf erhohte sich relativ zu den anderen Landern das Institutionenvertrauen, das Gerechtigkeitsempfinden und die Qualitat sozialer Netze, wahrend die Akzeptanz von Diversitat im Zeitverlauf abgenommen hat. Es konnten drei EinflussgroBen identifiziert werden, die gesellschaftliche Kohasi­on begunstigen: eine geringe Einkommensungleichheit, Wohlstand sowie die Entwicklung zu einer modernen Wissensgesellschaft. Etwas unerwartet ergab die Studie, dass ethnische Heterogenitat, Globalisierung und eine Wettbewerbskul- tur sozialem Zusammenhalt nicht schaden, wahrend ein hohes AusmaB an Reli- giositat dagegen der Kohasion einer Gesellschaft zu schaden scheint (vgl. Ber­telsmann Stiftung 2013: 54 f).

Im Jahr 2014 legte die Bertelsmann Stiftung (2014: 66 f) eine methodisch uber- wiegend identische Untersuchung vor, die einen Vergleich der Kohasion in den Bundeslandern vornahm und damit einen detaillierten Blick auf kleinraumigere Entwicklungen und Unterschiede ermoglicht. Das Bundeslander-Ranking wird von Hamburg angefuhrt, gefolgt von Baden-Wurttemberg, dem Saarland, Bre­men und Bayern. Die funf neuen Bundeslander belegen hingegen die letzten Platze, wobei der Abstand zwischen west- und ostdeutschen Bundeslandern sich seit der Wiedervereinigung vergroBert hat. Die Autoren der Studie unterschei- den anhand der neun Untersuchungsdimensionen zwischen funf „Zusammen- haltsprofilen". Die drei Stadtstaaten gehoren bei vielen Dimensionen, wie der Akzeptanz von Diversitat, zur Spitzengruppe, haben allerdings bei der Anerken- nung von sozialen Regeln eine deutliche Schwachstelle. Die suddeutschen Fla- chenlander (Baden-Wurttemberg, Bayern) weisen ein sehr ausgeglichenes Profil mit hohen Werten bei Solidaritat und Hilfsbereitschaft sowie der Anerkennung sozialer Normen auf. In den drei westdeutschen Flachenlandern Hessen, Nieder- sachsen und Nordrhein-Westfalen wurden viele durchschnittliche Werte gemes- sen, sie gehoren aber bei Identifikation und gesellschaftliche Teilhabe zum unte- ren Mittelfeld. Die vierte Gruppe bilden die drei kleineren westdeutschen Bun­deslander (Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Saarland), die sehr hohe Werte bei Vertrauen in Institutionen und Gerechtigkeitsempfinden erreichen, allerdings sind sie bei Solidaritat und Hilfsbereitschaft im unteren Mittelfeld an- gesiedelt. Die ostdeutschen Bundeslander schlieBlich gehoren bei gleich sieben der neun Dimensionen der Schlussgruppe an, konnen aber bei der Akzeptanz von Normen einen hohen Wert aufweisen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2014: 34). Als Grunde fur den geringen Gesamtindex der neuen Bundeslander nennen die Autoren die „geringere Wirtschaftskraft und Beschaftigung, hoheres Armutsrisi- ko, das hohere Durchschnittsalter und ein geringerer Urbanisierungsgrad" (ebd. 66).

Die beiden Studien weisen einige Parallelen auf. Zunachst ist die Stabilitat bei­der Rankings auffallig, da wenige Positionswechsel im Zeitverlauf festzustellen sind. Demnach scheint gesellschaftlicher Zusammenhalt empirisch ein konstan- tes Charakteristikum von Gesellschaften zu sein. Zudem konnte in kohasiveren Gemeinwesen jeweils ein hoheres subjektives Wohlbefinden gemessen werden, so dass ein Zusammenhang von Lebenszufriedenheit und sozialer Kohasion be- legt werden kann. Auch die oben angefuhrten soziookonomischen Erklarungs- groBen fur Zusammenhalt konnen in der zweiten Studie wieder identifiziert werden. Daruber hinaus wird auch hier deutlich, dass sich der soziale Zusam­menhalt in Deutschland innerhalb des untersuchten Zeitraums nicht verringert, sondern sogar leicht erhoht hat. Eine neue Erkenntnis der Bundeslander-Studie ist die positive Bedeutung einer ausgepragten urbanen Raumstruktur fur die gesellschaftliche Kohasion. AuBerdem ist bemerkenswert, dass in Bundeslandern mit den hochsten Migrantenanteilen ein sehr hoher Grad an Zusammenhalt gemessen werden kann. Konnte bei der internationalen Studie kein negativer Effekt von kultureller Diversitat auf den sozialen Zusammenhalt gemessen wer­den, so ist diese bei der innerdeutschen Studie sogar eine positive Einflussgro- Be. Positive Trends sind zudem die steigende Anerkennung sexueller Minderhei- ten, der Vertrauenszugewinn lokaler Institutionen sowie der Ruckgang der Furcht vor Kriminalitat. Demgegenuber steht eine sinkende „Bereitschaft, Ein- wanderer die Sitten und Gebrauche ihrer Herkunftskultur pflegen zu lassen" (Bertelsmann Stiftung 2014: 67).

Die dritte empirische Studie der Reihe geht weiter vom GroB- ins Kleinraumige, indem nach dem Vergleich von Nationalstaaten und Bundeslandern, die Ortstei- le Bremens in den Fokus rucken. Der Zusammenhalt in der Freien Hansestadt

Bremen kann als gut eingestuft werden, da die meisten Ortsteile mittlere Werte erreichen. Keiner der Bremer Ortsteile konnte uber alle neun Dimensionen her- ausragende Werte erreichen, vielmehr hat jeder Ortsteil individuelle Schwachen aber zumeist auch einzelne Spitzenwerte. Dementsprechend ergibt ein genauer Blick auf die einzelnen Dimensionen und Ortsteile ein heterogenes Bild. Wie bei den Vorganger-Studien kristallisieren sich auch bei dieser Untersuchung unter- schiedliche Zusammenhaltsprofile heraus. Das verdeutlicht, dass nicht einmal im Rahmen einer groBen Kommune ein Patentrezept fur sozialen Zusammenhalt fur alle Ortsteilebenen realistisch ist. Ein bedeutender Unterschied zu den vor- hergegangenen Studien ist allerdings, dass die ausgemachten ErklarungsgroBen weniger aussagekraftig sind. Auf kommunaler Ebene scheinen „harte" Faktoren weniger aussagekraftig zu sein, da sich „weder hohe okonomische Prosperitat noch hervorragende Infrastruktur oder eine bestimmte Bebauungsstruktur und ebenso wenig eine bestimmte Zusammensetzung der Bevolkerung (...) durch- gehend zur Vorhersage eines hohen gesellschaftlichen Zusammenhalts" eignen (ebd. 10). Anstatt struktureller Gegebenheiten waren auf Ortsteilebene vielmehr habituelle Faktoren, wie kulturelles Kapital, eine hohe Dichte an privaten Inter- netzugangen sowie das positive Erleben des Miteinanders in der Nachbarschaft entscheidend. Die Autoren folgern daher, dass Zusammenhalt „vor der Haustur" entsteht und dafur Bildung und tatsachliche, interpersonale Kommunikation - die auch online erfolgen kann - entscheidend sind (ebd. 11). Auffallend ist zu- dem, dass Ortsteile mit hoher und niedriger Kohasion haufig geographisch an- einander angrenzen. Die Autoren bewerten diesen Befund als „gesunde soziale Heterogenitat in Bremen, groBraumige soziale Brennpunkte gibt es ebenso we­nig wie ausgedehnte Reichenghettos" (ebd. 10). Mit Bezug auf die Gefluchteten- Thematik konnte ermittelt werden, dass eine groBere Akzeptanz von Gefluchte- ten mit einem hohen Kohasionsniveau einhergeht. Dies ist aufgrund der positi- ven Setzung von Diversitat und Hilfsbereitschaft innerhalb des Zusammenhalt- konzepts ein erwartbarer Befund, jedoch liefert es laut den Autoren „ein starkes Argument dafur, dass Initiativen zur Forderung von Zusammenhalt in den Orts- teilen auch dem Aufbau einer Willkommenskultur zugutekommen konnen" (ebd.).

SchlieBlich veroffentlichte die Bertelsmann Stiftung (2017a: 16 ff) im Jahr 2017 erneut eine empirische Untersuchung zur Kohasionsqualitat in Deutschland, bei der aber nicht nur die Bundeslander verglichen worden sind, sondern auch kleinraumigere Regionen, um regionale EinflussgroBen miteinbeziehen zu kon­nen. Trotz aller Krisenrhetorik ist grundsatzlich ein stabiles Zusammenhaltsni- veau gemessen worden. Auf einer neu eingefuhrten Skala von 0 bis 100 Punkten liegen die Gesamtindizes der Bundeslander zwischen 57 und 63. Analog zu den vorangegangenen Studien erreichen die neuen Bundeslander niedrigere Werte als die alten Bundeslander und belegen folgerichtig die letzten Platze im Ran­king. Das hochste Kohasionsniveau weist bei dieser Messung das Saarland auf, gefolgt von Baden-Wurttemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz. Bremen erreicht hinter Hessen den sechsten Platz. Die Autoren erklaren, dass der Zusammenhalt in Gebieten besser ist, „die sich als weltoffen erweisen, in denen viele junge Menschen leben und Arbeit finden und die eher in der Lage sind, soziale Aus- grenzung zu verhindern" (ebd. 17). Zudem ist bemerkenswert, dass in dichter besiedelten Regionen das Kohasionsniveau niedriger ist als in dunn besiedelten Gegenden. Als Begrundung wird angefuhrt, dass die „ungerechte Verteilung wirtschaftlicher Guter und das Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich in den GroBstadten besonders augenfallig ist" (ebd.).

Grundsatzlich fuhrt die Studie Gefahren fur den Zusammenhalt auf soziooko- nomische und nicht etwa kulturelle Faktoren zuruck. Wahrend die Akzeptanz von Diversitat deutschlandweit mit 79 Punkten den hochsten Wert aller Dimen- sionen erfahrt (gefolgt mit jeweils 77 Punkten von der Anerkennung sozialer Regeln und der Identifikation mit dem Gemeinwesen), erreicht das Gerechtig- keitsempfinden mit beinahe 38 Punkten den niedrigsten Wert. Die empfundene Ungerechtigkeit spiegelt sich in den empirischen Daten wieder, da gesellschaft- liche Kohasion in Gegenden mit hohem Armutsrisiko, hohen Arbeitslosenzahlen - speziell hoher Jugendarbeitslosigkeit - und vielen Menschen ohne Haupt- schulabschluss geringer ausgepragt ist. Demgegenuber wirkt ein hohes Wohl- standsniveau, eine jungere Bevolkerung sowie eine positive Einstellung gegen- uber der Globalisierung kohasionsfordernd. Deshalb wird der „in der Bevolke­rung wahrgenommene[n] Gerechtigkeitslucke und die tiefe Spaltung, die sich in Bezug auf das soziale Miteinander zwischen Ost und West sowie zwischen struk- turschwachen und prosperierenden Regionen auftut" (ebd. 16) das wesentliche Gefahrdungspotenzial fur den Zusammenhalt zugerechnet. Ein neuer Aspekt stellt in der Studie die gemessene Diskrepanz zwischen wahrgenommenem Zu­sammenhalt im eigenen Umfeld und der Einschatzung der bundesweiten Koha­sion. Ahnlich wie in den eingangs angefuhrten Studien empfinden drei Viertel die soziale Kohasion in Deutschland als mindestens teilweise gefahrdet. Ande- rerseits schatzen fast 70% der Befragten den Zusammenhalt im personlichen Umfeld als gut ein.

Welche Handlungsempfehlungen an politische Entscheidungstrager lassen sich aus den Ergebnissen der Empirie ableiten? Zunachst ist festzuhalten, dass es kein Allheilmittel zu geben scheint, mit dem in jedem Gemeinwesen sozialer Zusammenhalt gestiftet werden konnte, da auf jeder der untersuchten Ebenen eine Diversitat an Zusammenlebensprofile identifiziert werden konnte. Demnach ist sozialer Zusammenhalt stark kontextgebunden. Was sozialem Zusammenhalt zu- oder abtraglich ist, hangt von der jeweiligen Kultur und Mentalitat des Zu- sammenlebens ab. Jedoch konnten in den ersten beiden Studien insbesondere harte Faktoren zur Erklarung des Kohasionsniveaus festgestellt werden. Folglich sollte politisches Handeln auf die Genese von Wohlstand und dem Eindammen von soziookonomischer Polarisierung ausgerichtet sein. Hinzu kommt aus der Bundeslander-Studie die Bedeutung einer ausreichenden Urbanisierung. Dem­gegenuber weisen die Ergebnisse aus der Bremen-Studie darauf hin, dass Zu- sammenhalt fordernde Politik darauf hinwirken sollte, die Bildung der Gesell- schaftsmitglieder, interpersonale Kommunikationsstrukturen und vitale Nach- barschaftsbeziehungen zu starken. Zusammenfassend wird in der jungsten Stu- die sowohl der Abbau von Armut und sozialer Ungleichheit, als auch eine „akti- ve[n] und inklusive[n] Gestaltung des sozialen Miteinanders vor Ort" gefordert Bertelsmann Stiftung 2017a: 18). Dabei wird groBeren Stadten eine Schlusselrol- le zugestanden, weil in ihnen die Gefahren fur den Zusammenhalt besonders sichtbar werden und ihnen gleichzeitig innovatives Losungspotenzial innewohnt.

Teil II: Theorieentwicklung

Der zweite Teil der Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, wie im Kontext der sich veranderten gesellschaftlichen Struktur und des beschriebenen Kon- fliktpotenzials ein friedliches und inklusives gesellschaftliches Miteinander ge- staltet werden kann. Zunachst wird eine normative Positionierung vorgenom- men, indem begrundet wird, inwiefern gesellschaftliche Vielfalt und sozialer Zu­sammenhalt positiv gewertet werden. AnschlieBend wird dargelegt, was vonno- ten ist, damit ein Zusammenleben in Vielfalt gelingen kann. Darauf aufbauend wird anhand der drei Kernbereiche ausgefuhrt, warum Kommunen die geeigne- te Ebene sind, um sozialen Zusammenhalt zu fordern. SchlieBlich wird beschrie- ben, mittels welcher Ausrichtung und MaBnahmen kommunales Handeln koha- sionsstarkend wirken kann.

6. Vielfalt durch Selbstbestimmung und ein inklusiver Zusam­menhalt

In diesem Kapitel wird eine normative Grundlage formuliert, auf der die Ausfuh- rungen zu kohasionsforderndem Handeln fuBen. Dies ist relevant, um einen Be- zugspunkt zu den zentralen Begriffen wie Vielfalt, Zusammenhalt und Kosmopo- litismus zu definieren. Dabei werden gesellschaftliche Vielfalt und ein inklusiver sozialer Zusammenhalt normativ positiv gewertet. Praziser formuliert, wird nicht Vielfalt per se befurwortet, sondern vielmehr der normative Rahmen, woraus sich Vielfalt entwickeln kann. Menschen sollen moralisch autonom sein und selbstbestimmt uber ihr Leben und ihre Lebensweise entscheiden konnen und keinem Zwang der Fremdbestimmung unterliegen, etwa der „Gewalt, die andere Menschen ausuben, oder (...) dem Zwang, der von bestehenden Herrschaftsver- haltnissen ausgehen kann" (Bayertz 1996: 66). Demnach sollen Institutionen, wie beispielsweise die Familie, die Regierung oder eine Religionsgemeinschaft, nicht durch die Androhung von sozialen Sanktionen oder durch freiheitsbeschnei- dende Vorgaben die Selbstbestimmung des Einzelnen eingrenzen, was gleich- wohl nicht bedeutet, dass Institutionen nicht beratend, orientierungsstiftend und unterstutzend agieren konnen. Im Grundgesetz ist die rechtliche Grundlage hierfur im Recht auf freie Personlichkeitsentfaltung in Art. 2, Abs. 1 verankert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Personlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmaBige Ord- nung oder das Sittengesetz verstoBt." Das normative Ideal ist zudem, dass Men­schen nicht auf Merkmale wie Herkunft, Aussehen oder Geschlecht oder innere Gesinnungen reduziert werden. Deshalb ist in Art. 3, Abs. 3 das Diskriminie- rungsverbot festgeschrieben, wonach niemand „wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiosen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden" darf. Wurde aus diesen normativen und rechtlichen Leitplanken gesellschaftliche Homogenitat erwachsen, ware das legitim. In Deutschland haben sich die Lebensstile jedoch innerhalb des Rahmens der Selbstbestimmung diversifiziert, weshalb dieser Zustand normativ positiv gewer­tet wird. Bedeutsam ist, dass weder ein Zwang zur Homogenitat noch zur Diver- sitat besteht, der die individuellen Freiheitsgrade einschrankt.

Daran anschlieBend stellt sich die Frage, wie in dieser Vielfalt trotz des beschrie- benen Konfliktpotenzials ein positiv erlebtes Zusammenleben gelingen kann. Empirische Erkenntnisse legen nahe, dass das Konzept des sozialen Zusammen- halts einen Ausweg bietet. Zum einen besteht in der Bevolkerung der ausge- pragte Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Kohasion. Zum anderen konnte ein Zusammenhang zwischen einem hohen sozialen Zusammenhalt und einer hohe- ren individuellen Lebenszufriedenheit wiederholt empirisch belegt werden, wes- halb die Bertelsmann Stiftung soziale Kohasion als „ein normativ wunschenswer- tes Wohlfahrtsziel" einstuft (BS: 2016: 11). Allerdings muss zwischen Kohasions- formen differenziert werden, da Zusammenhalt nicht bedingungslos ein positi- ver gesellschaftlicher Wert ist, weil er zu Konformitatsdruck, Ausgrenzung oder einer Art „Versaulung" der Gesellschaft beitragen kann. Der Social-Quality- Ansatz verweist auf das Spannungsverhaltnis zwischen individueller Autonomie und kollektiver Identitat. Danach kann ein zu hohes MaB an sozialer Kohasion zu sozialer Kontrolle oder Obernorminierung fuhren (vgl. Bears et al. 2005). Auch das Ziel Zusammenhalt durch ein kollektives Bewusstsein zu schaffen, rechtfer- tigt nicht die Einschrankung der individuellen Selbstentfaltung. Demnach ist ei- ne erzwungene Kohasion von oben abzulehnen. Generell sind Formen von ex- klusivem Zusammenhalt eine sensible Thematik in pluralen Gesellschaften. Es ist kritisch zu hinterfragen, wie sich eine Vielzahl an ethnischen, religiosen oder kul- turellen Gemeinschaften auf die Gesamtgesellschaft auswirkt. Wenn sich Indivi- duen in ihren jeweiligen Gruppierungen sammeln, liegt es nahe, dass ein sozia­ler Ruckzug und damit Exklusion und Segregation stattfindet. Partikulare Ge­meinschaften hatten demnach eine desintegrative Wirkung, wenn Zugehorigkeit an Merkmale wie Kultur, Herkunft oder Religion gebunden ist oder der interne Zusammenhalt gar durch die Abwertung anderer Gruppen generiert wird. Dafur finden sich auch empirische Belege. Putnam (2007: 138) diagnostiziert, dass in den USA die Zunahme ethnischer Gruppierungen zumindest kurzfristig zu ei­nem Ruckgang an Solidaritat, Vertrauen und Sozialkapital fuhre. Gleichzeitig ist demgegenuber festzustellen, dass Selbstbestimmung in liberalen Gesellschaften auch beinhaltet, sich partikularen Gemeinschaften anschlieBen zu konnen. Diese konnen zudem einen gesellschaftlichen Mehrwert ausuben, in dem sie ihren Mitgliedern Werte vermitteln, Sinnstiftung ermoglichen, Bedurfnisse wahrneh- men und Interessen vertreten. Dieses Spannungsfeld findet sich in der Kontro- verse zwischen Liberalismus und Kommunitarismus wider, in deren Mittelpunkt das Verhaltnis von Individuum und Gemeinschaft steht. Der Kommunitarismus kritisiert einen ubersteigerten Individualismus und hebt den Wert von Gemein­schaften fur die kulturelle Selbsterhaltung und fur die Identitat von Individuen hervor, wahrend der Liberalismus die Selbstbestimmung des Einzelnen gegen- uber Gruppenlogiken verteidigt. Um beiden legitimen Anspruchen gerecht zu werden, bedarf es eines normativen Rahmens. Dieser sollte sowohl die Rechte partikularer Gemeinschaften, als auch die von einzelnen Individuen schutzen, solange nicht die Rechte Dritter, die Verfassung oder das Sittengesetz verletzt werden.

Dieser Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass gesellschaftliche Vielfalt eine zeitgenossische Realitat darstellt. Dennoch stellt sich die Frage, ob sie als Gefahr oder als Bereicherung fur eine Gesellschaft anzusehen ist? Zunachst ist festzu- halten, dass sich Diversitat nicht automatisch positiv oder negativ auf den sozia- len Zusammenhalt einer Gesellschaft auswirkt (vgl. Ta§an-Kok et al. 2017). Daran schlieBen sich zwei Beobachtung an. Auf der einen Seite kann Diversitat Kon- flikte hervorrufen, wie „clashing lifestyles, forms of racial discrimination, open conflicts between ethnic groups, and a growing sense of detachment and disil­lusion within marginalized communities" (ebd. 97). Viele Konfliktherde stehen in Verbindung mit der gesellschaftlichen Diversifizierung, wie in Kapitel 4 ausfuhr- lich dargelegt wird. Die erhebliche Zunahme an Differenzen stellt eine groBe Herausforderung fur die gesellschaftliche Kohasion dar, weil die Kenntnis vonei- nander und damit das Verstandnis fureinander schwindet, der Verstandigungs- aufwand sich erhoht und besonders unvertraute Fremdheitserfahrung verunsi- chernd wirken konnen. Dadurch verursacht Diversitat auch gesellschaftliche Kos- ten. Auf der anderen Seite weisen qualitative Studien darauf hin, dass in hetero- genen Nachbarschaften ein kultursensibler oder zumindest friedlicher Umgang miteinander gepflegt wird (vgl. Wessendorf 2014). Vor allem fur jungere Men- schen und in Gegenden, die schon langer von Vielfalt gepragt sind, ist Diversitat eine Selbstverstandlichkeit (vgl. Bolt/ Visser/ Tersteeg 2017). Noble (2009) un- terscheidet in diesem Zusammenhang zwischen einem zivilen, unproblemati- schen „unpanicked multiculturalism" und einem konfliktaren „panicked multicul- turalism". Auch bei der quantitativen Untersuchung der Bundeslander zeigt sich, dass sich kulturelle Diversitat positiv auf die soziale Kohasion auswirkt (vgl. Ber­telsmann Stiftung 2014). Wenn ein konstruktiver und anregender Austausch stattfindet, kann Diversitat bereichern, weil sich dadurch neue Perspektiven er- offnen und Verstandnis fur die, den oder das Andere geschaffen wird.

An die Bewertung von Diversitat knupft sich auch eine Positionierung zum Kos- mopolitismus30 an. Da die individuelle Selbstbestimmung positiv und die Ein- schrankung von Freiheit negativ bewertet werden, wird dem Kosmopolitismus grundsatzlich zugestimmt und gleichzeitig sein Oberforderungspotenzial aner- kannt. Nicht zuletzt ermoglichte der Kosmopolitismus anhand der Forderung von Vielfalt die Diversifizierung der Gesellschaft. Aus der entstandenen Pluralitat an Differenzen ergibt sich nicht nur eine unubersichtliche gesellschaftliche Struktur, sondern auch eine Vielzahl an unterschiedlichen Ansichten und An- spruchen innerhalb der Bevolkerung sowie viele Konfrontationen mit unvertrau- ten Fremden. Deshalb wird anerkannt, dass die vom Kosmopolitismus mitverur- sachte Heterogenitat bei Menschen Unbehagen und Oberforderung auslosen kann.31 Deshalb bedarf es wegen der Vielzahl an innergesellschaftlichen Unter- schiedlichkeiten einer gleichzeitigen Orientierung am Gemeinwesen, damit das Spezifische und das Verbindende in der Balance gehalten werden. Darum ist ein inklusives Verstandnis von sozialer Kohasion notwendig, das alle Mitglieder ei- nes Gemeinwesens miteinbezieht und Diversitat anerkennt: „>Wir< definiert als diejenigen, die hier sind, also ein inklusives Wir-Gefuhl, starkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. >Wir<, definiert als diejeni­gen, die hier sein durfen, die wir hier haben wollen, also ein ausgrenzen- des Wir-Gefuhl, gefahrdet den sozialen Zusammenhalt" (Arant/ Boehnke 2016: 168).

Fur ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt bedarf es daruber hinaus einen adaquaten Umgang mit Differenzen und Abweichungen, wie nachfolgend dar- gelegt wird.

7. Gelingendes Zusammenleben in Vielfalt

Dieses Kapitel zeigt Schwerpunkte auf, die die Politik setzen sollte, damit eine von Unterschiedlichkeiten gepragte Gesellschaft „gelingen" kann. Die Ausrich- tung bezieht sich nicht auf eine spezifische politische Ebene, eignet sich aber fur Gesellschaften, denen die in Kapitel 4 beschriebenen Polarisierungen innewoh- nen. In Kapitel 9 werden die grundsatzlichen Aspekte konkretisiert. Die Grund- bedingung ist ein friedliches Zusammenleben und die Freiheit zur individuellen Selbstentfaltung. Um Konflikte zu vermeiden und daruber hinaus ein inklusives Miteinander zu kreieren, braucht es einen souveranen individuellen Umgang mit Differenzen und eine Politik der Gleichbehandlung im Sinne einer Bedurfnisori- entierung und Regeldurchsetzung.

Die Grundlage fur ein Zusammenleben in Diversitat sind die Grundprinzipien einer liberal-demokratischen Gesellschaftsordnung: unverauBerliche Grundrech- te, weltanschaulicher Liberalismus, Volkssouveranitat und Selbstgesetzgebung sowie Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung (vgl. Mohr 2008: 237). Innerhalb dieses Rahmens konnen sich alle Gesellschaftsmitglieder in ihrer Unterschied- lichkeit selbstbestimmt entfalten. Das ist jedoch lediglich die Grundlage, die notwendige, aber nicht die hinreiche Bedingung fur ein gelingendes Zusam­menleben in Vielfalt. Es bedarf daruber hinaus eines souveranen Umgangs mit Differenzen, wenn es in einer Gesellschaft viele Abweichungen im Sinne einer Hyperdiversitat gibt. Dabei sind zwei verschiedene Qualitaten des individuellen Umgangs mit vertrauten Abweichungen oder gar unvertrauter Fremdheit denk- bar. Entweder die Anerkennung, also die Wertschatzung der Differenz oder ab- gestuft davon die Toleranz, also die Akzeptanz fur Differenzen, obwohl man sie fur sich ablehnt. Deshalb sollte Politik auf mehr Anerkennung oder zumindest Toleranz fur Abweichungen hinwirken, um „die Akzeptanz von Zuwanderinnen und Zuwanderern sowie ganz allgemein fur Menschen mit andersartigen Le- bensstilen und -entwurfen zu erhohen" (Bertelsmann Stiftung 2013: 56). Damit Gesellschaftsmitglieder das eine oder andere Niveau erreichen, sind zwei Kapi- talsorten nach Bourdieu (1992) entscheidend. Zum einen das kulturelle Kapital, verkurzt gesagt Bildung, Kulturkompetenz sowie Handlungswissen und zum an- deren das soziale Kapital, verkurzt gesagt die Gesamtheit aller sozialen Bezie- hungen.32 Beim Sozialkapital ist die Unterscheidung zwischen „bridging social capital" und „bonding social capital" nach Putnam (2000: 22) relevant. Letzteres beschreibt das Sozialkapital, welches geschlossene Eigengruppen zusammen- bindend und durch die Abgrenzung nach auBen auch ausgrenzend wirken kann. „Bridging social capital" hingegen steht fur bruckenbildendes, uber Gruppenzu- gehorigkeiten hinweg wirkendes Sozialkapital. Fur die Kohasion einer Gesell- schaft ist es wichtig, dass beide Sozialkapital-Formen vorhanden sind, aber spe- ziell das bruckenbildende Sozialkapital wirkt sozialer Segregation entgegen, weil konkrete zwischenmenschliche Beziehungen unvertraute Fremdheit abbaut und zur Durchmischung der Gesellschaft beitragt. Zudem kann es dazu fuhren, „dass die einzelnen Mitglieder sich an denselben Normen und Werten orientieren und sich auf ein friedliches Miteinander verstandigen" (Arant/ Boehnke 2016: 168). Allerdings ist die direkte Begegnung nicht notwendig, um mit unvertrauten Fremden umgehen zu konnen, es mutet in einer vielfaltigen Gesellschaft auch unrealistisch an, mit allen gesellschaftlichen Gruppen in Kontakt zu treten. Des- halb ist das kulturelle Kapital in heterogenen Gesellschaften von Bedeutung. Es hilft Individuen kognitiv mit unvertrauter Fremdheit innerhalb von komplexen Gesellschaftsstrukturen umzugehen, sie zu tolerieren oder sie ggfs. als berei- chernd wertzuschatzen. Beide Kapitalsorten sind interdependent. Bruckenbil­dendes Sozialkapital starkt die Kulturkompetenz und kulturelles Kapital kann dabei helfen, sich fur Begegnung mit fremden Personen zu offnen. Beide Kapi- talformen tragen dazu bei, unvertraute Fremdheit umzuwandeln - entweder in mindestens tolerierbare vertraute Fremdheit oder durch Kontakt und Begeg­nung in etwas Vertrautes oder gar Freundschaftliches. Dass sie den sozialen Zu- sammenhalt starken, spiegelt sich auch in der Empirie wider. Die Bertelsmann Stiftung (2016: 100) stellt fest, dass „das kulturelle Kapital (Bildung) und die tat- sachlich gelebten Kommunikationsstrukturen entscheidend fur das AusmaB von sozialem Zusammenhalt sind".

Neben der individuellen Souveranitat gegenuber Differenzen, bedarf es einer Politik der Bedurfnisorientierung und Regeldurchsetzung. In Deutschland ist der Trend zu mehr Vielfalt im Vergleich etwa zu den USA relativ jung und wie in Ka- pitel 4.3 beschrieben, wird die Aufwertung von anderen Gruppen oft als eigene Benachteiligung empfunden. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Bedurfnis- se und Anspruche in der Bevolkerung durch die Diversifizierung nicht nur ver- vielfaltigt, sondern durch den wachsenden Wohlstand auch zugenommen ha- ben. Das zeigt sich in der aktuellen Fluchtlingsdebatte, in dem viele Menschen, die ihre Wurzeln in Deutschland haben oder fruher eingewandert sind, sich ver- nachlassigt oder zuruckgesetzt fuhlen, wenn die Politik neu immigrierten Men­schen Unterstutzung bietet. Diesen Gefuhlen der Benachteiligung kann durch eine Politik der Gleichbehandlung entgegnet werden, sowohl bei der Regel- durchsetzung als auch bei den Unterstutzungsleistungen.

Die Heterogenitat einer Gesellschaft zeigt sich auch in einer Vielzahl an Gerech- tigkeitsverstandnissen, Wertemustern und Verhaltensweisen. Dadurch wird das Verhalten anderer, insbesondere Fremder, weniger erwartbar und kalkulierbar. Demnach erschwert Diversitat ein gemeinsames Verstandnis von grundlegen- den sozialen Regeln. Das spiegelt sich ebenfalls in den empirischen Ergebnissen wider. Beim foderalen Vergleich haben hyperdiverse Stadtstaaten bei der Ak- zeptanz von sozialen Regeln eine deutliche Schwachstelle (vgl. Bertelmann Stif- tung 2014: 35). Deshalb betont Hradil (2013: 27) die Notwendigkeit verbindli- cher Spielregeln auf Grundlage der Menschen- und Grundrechte in heterogenen Gemeinwesen. Neben der Anerkennung normativer Grundprinzipien geht es darum, dass gemeinsame Standards, die das Zusammenleben regeln, etabliert und durchgesetzt werden, damit Verlasslichkeit entsteht und trotz Unterschied- lichkeiten das Verhalten anderer kalkuliert werden kann. Dafur durfen das Ge- waltmonopol und die Handlungsfahigkeit des Staates nicht eingeschrankt sein, da offentliche Sicherheit und eine wirksame Sanktionierung von RegelverstoBen fur eine empfundene Gleichbehandlung grundlegend sind, was wiederum das Verstandnis fur Differenzen starkt. Daraus lasst sich folgern, dass ein Zusam- menhang zwischen inklusiver Kohasion und Sicherheit besteht.33

Die Analyse des gesellschaftlichen Konfliktpotenzials aus Kapitel 4 zeigt, dass groBe Bevolkerungsgruppen von der wirtschaftlichen wie kulturellen Moderni- sierung abgehangt sind. Um den sozialen Zusammenhalt zu starken, sollte Poli- tik darauf ausgerichtet sein, diese Personengruppe zu unterstutzen, um den Graben zu ihnen zu uberbrucken und abzubauen. Um dem Gefuhl der Vernach- lassigung und Zurucksetzung zu begegnen, mussen Unterstutzungsleistungen nach Bedurftigkeit und nicht nach anderen Merkmalen vergeben werden. Wohnraumschaffung, Bildungsmoglichkeiten und die Befriedigung korperlicher Grundbedurfnisse sollte demnach nicht an Merkmalen wie Migrationshinter- grund, Geschlecht oder Religionszugehorigkeit gebunden sein. Die Politik muss sich um alle Bedurftigen wirksam kummern, die in einer sich rasant verandern- den Leistungsgesellschaft keinen Platz haben, damit sie sich nicht zuruckgelas- sen fuhlen. Im Sinne der Gleichbehandlung durfen zudem nicht alle Menschen gleichbehandelt werden, sondern Bedurftige mussen im Vergleich zu Privilegier- ten eine besondere Forderung erfahren. Das druckt sich beispielsweise darin aus, die Startbedingungen von Kindern anzugleichen, damit die Herkunft keinen zu groBen Einfluss auf Lebenschancen hat. Um die staatliche Daseinsvorsorge zu sichern und Perspektivlosigkeit zu bekampfen, sollten strukturschwache Raume besonders gefordert werden, anstatt verstarkt in florierende Gebiete zu investie- ren. Mit dieser Position werden Bedarfs-, Chancen- und teilweise auch die Re- gelgerechtigkeit zu zentralen Dimensionen des Gerechtigkeitsempfindens und den anderen Gerechtigkeitsdimensionen Verteilungs-, Leistungs- und Generati- onengerechtigkeit vorgezogen, weil ihnen das groBere Integrationspotenzial mit Blick auf die gegenwartigen Polarisierungsquellen zugerechnet wird - zum ei-nen der Graben zu den wirtschaftlichen und kulturellen Modernisierungsverlie- rern und zum anderen die generelle soziale Entfremdung aufgrund der Diversifi- zierung (siehe Kapitel 4.5).

AbschlieBend wird noch auf die elementare Bedeutung einer gemeinsamen Sprache als Verstandigungsgrundlage hingewiesen. Sie vereinfacht die Kontakt- aufnahme zwischen Gesellschaftsmitgliedern und ist damit essentiell fur bru- ckenbildendes Sozialkapital. Zudem ermoglicht Sprache mehr gesellschaftliche Teilhabe, was das kulturelle Kapital starkt. Sie ist aber auch zur Regulierung von Konflikten notwendig. Verstandigung kann im Alltag Irritationen ausraumen und beim Eintritt eines Konfliktfalls zur friedlichen Beilegung beitragen. So erleichtert Sprache den Umgang mit dem erheblichen Fremdheitspotenzial in diversen Ge- sellschaften. Empirische Studien untermauern die Integrationskraft einer ge­meinsamen Sprache. Laut einer Studie wird in Deutschland die Fahigkeit die deutsche Sprache zu sprechen, mit 97 % Zustimmung als wichtigste Vorausset- zung angesehen, um in die deutsche Gesellschaft aufgenommen zu werden (vgl. Foroutan 2014: 6). Des Weiteren zeigt das Ergebnis einer Langsschnittanalyse eines umfangreichen Paneldatensatzes, dass die Deutschkenntnisse der Integra- tionskursteilnehmenden der relevanteste Faktor fur interethnische Kontakte der Zuwanderer und deren Verbundenheitsgefuhl mit dem Aufnahmeland Deutsch­land darstellt (vgl. Lochner 2016: 206 f). Im anschlieBenden Kapitel wird argu- mentiert, warum die Kommune als geeignete Ebene angesehen wird, diese Be- dingungen zu erfullen und dadurch gesellschaftlichen Zusammenhalt wirksam zu fordern.

8. Kommunen als geeignete Ebene

Die erste These dieser Arbeit lautet, dass Handeln auf kommunaler Ebene in be- sonderer Weise dazu geeignet ist, die gesellschaftliche Kohasion zu starken. Die Bezeichnung „kommunale Ebene" umfasst groBe und kleine Stadte, Dorfer, auch jene in landlichen Regionen, und kann ebenfalls fur Ortsteile angewendet wer- den. Damit werden unterschiedlich umfangreiche Formen der Gebietskorper- schaften subsumiert, wobei das verbindende Merkmal ist, dass sich die Einheiten als zusammenhangende Gemeinwesen verstehen. Die Grundintuition der Argu­mentation fuBt auf zwei Aspekten. Zum einen wird es als entscheidend angese- hen, dass der kommunale Rahmen die Moglichkeit bietet, das konkrete Zusam- menleben der Menschen direkt zu gestalten. Um die gesellschaftliche Kohasion zu fordern, mussen konkrete gesellschaftliche Konflikte reguliert und ein inklusi- ves Miteinander vor Ort gefordert werden. Diese Einschatzung teilen die Auto- ren der Studie der Bertelsmann Stiftung (2016: 23): „Gesellschaftlicher Zusam- menhalt wird - so jedenfalls unsere Einschatzung - vor allem vor Ort gelebt: in den Stadten und Gemeinden und in den Nachbarschaften und Quartieren." Vor allem, wenn sich Nachbarschaften diversifizieren, entsteht ein hohes Irritation - und dadurch Konfliktpotenzial. Deshalb ist es notwendig, dass Politik dazu bei- tragt, Konflikte praventiv einzuhegen und das Zusammenleben in Vielfalt als bereichernd erfahrbar zu machen. Da sich Kommunalpolitik uberwiegend mit konkreten Themen des lokalen Zusammenlebens auseinandersetzt, ist sie be- sonders geeignet sozialen Zusammenhalt zu starken.

Zum anderen ermoglicht die lokale Begrenzung eine wirksame Steuerung der Politik, da sie die vielfache Unubersichtlichkeit eingrenzt. Grundsatzlich er- schwert die Ausdifferenzierung und Komplexitat moderner Gesellschaften eine wirksame Steuerung durch die Politik. Nassehi (2015: 276) geht davon aus, dass eine moderne, differenzierte Gesellschaft nicht mehr zentral steuerbar sei und schlagt deshalb eine „punktuelle[n] Koordination von Unkoordinierbarem und einem gemeinsamen MaB fur Inkommensurables" vor. Schimank (2005: 96) stellt zudem fest: „Staatliche Akteure vermogen [...] Gesellschaft nur selten unmittel- bar selbst zu gestalten, [sie] sind vielmehr von einem entsprechenden Handeln anderer Akteure abhangig." In diesem Kontext bietet die kommunale Ebene aufgrund der ortlichen Begrenzung ein komplexitatsreduzierendes Handlungs- feld. Dadurch hat kommunales Handeln das Potenzial, wirksam und responsiv zu agieren, da es gezielter auf Gesellschaft einwirken kann als hohere Ebenen. So- wohl die Zahl der Akteure etwa aus Politik, Wirtschaft, Religion und Sozialem als auch die Anzahl der Burger ist beschrankter und damit auch die zu adressieren- den Bedurfnisse und Themen. Dadurch kann die Kommunalpolitik die Verhalt- nisse vor Ort besser einschatzen, Problemlagen schneller identifizieren und thematisieren sowie sich mit relevanten Akteuren absprechen, was eine zielge- nauere Einflussnahme moglich macht. Folglich sind eine bedurfnisorientierte Steuerung der Ressourcen, eine wirksame Koordination der Teilsysteme34 und ein Eingehen auf die - heterogenen aber eingegrenzten - Anspruche der Bevol- kerung realisierbar. Diese beiden grundlegenden Aspekte werden im Folgenden auf die drei Kernbereiche des Konzeptes von sozialem Zusammenhalt abgelei- tet, um die erste These weiter zu begrunden.

8.1 Vielfaltige soziale Beziehungen fordern

Kommunales Handeln hat aufgrund der lokalen Fixierung einen Bezug zum All- tagsleben der Menschen. Damit auch zu deren sozialen Beziehungen, die zwar nicht „verordnet" werden konnen, jedoch kann kommunales Handeln Begeg- nungsraume und Kontaktanlasse kreieren, um sie eher entstehen zu lassen. Die Bremen-Studie der Bertelsmann Stiftung zeigte einen Zusammenhang zwischen einer lebendigen Nachbarschaft und einem stabilen sozialen Zusammenhalt. Kommunalpolitisches Handeln kann demnach durch eine aktive Nachbar- schaftspolitik einen wichtigen Beitrag fur ein positives Zusammenleben leisten. Dafur sind kontaktfordernde offentliche Platze und Einrichtungen relevant wie Marktplatze, Burgerhauser, Mehrgenerationenhauser und auch unterschiedliche Vereine, wenn sie sich fur ihre Kommunen offnen, Aktivitaten anbieten und Ver- anstaltungen organisieren. Kommunales Handeln kann diese Begegnungsstruk- tur unterstutzen und dadurch die Entwicklung von sozialen Netzen, um so das Vertrauen in die Mitmenschen zu fordern.

Wie bereits ausgefuhrt, ist fur die Akzeptanz von Diversitat kulturelles Kapital und bruckenbildendes Sozialkapital relevant. Um letzteres zu fordern bietet die Kontakthypothese aus der Sozialpsychologie wichtige Erkenntnisse. Sie besagt, dass der personliche Kontakt zu Menschen, die einer anderen gesellschaftlichen Gruppe angehoren, die Vorurteile gegenuber dieser Gruppe verringern. Demzu- folge unterstutzt es das bruckenbildende Kapital, wenn Menschen unterschiedli- cher Gruppen in Kontakt miteinander kommen (siehe Kapitel 9.1). Auch das kann im kommunalen Rahmen dank des lokalen Fokus' geleistet werden. Erstens kann durch stadtebauliche Planung raumliche Segregation vermieden werden, um stattdessen eine Durchmischung der Stadtviertel anzustreben. Dadurch ver­ringern sich auf dem Mikrolevel viele Differenzen, weil man ahnlichen Lebens- umstanden ausgesetzt ist. Zweitens konnen durch spezifische Veranstaltungs- angebote Menschen aus unterschiedlichen Milieus sich begegnen und kennen- lernen, um Fremdheitsbarrieren abzubauen. Drittens sind Bildungseinrichtungen von herausragender Bedeutung. Dort wird kulturelles Kapital vermittelt und nicht nur Kinder, sondern auch Eltern knupfen soziale Kontakte. Kommunalpoli- tik kann dafur Sorge tragen, dass sich an diesen Orten nicht homogene Grup­pen treffen, sondern sich verschiedene Bevolkerungsgruppen mischen.

8.2 Inklusive Verbundenheit starken

Bei wachsender Heterogenitat der Bevolkerung stellt der geteilte Wohnort eine der wenigen verbindenden Gemeinsamkeiten dar. Deshalb ist kommunales Handeln in der Lage, jenseits nationaler oder ethnischer Kategorien ein inklusi- ves Wir-Gefuhl zu stiften. Gerade in urbanen Gebieten ist die gesellschaftliche Vielfalt ausgepragter und aufgrund der raumlichen Konzentration sichtbar.

Durch die gesellschaftliche Ausdifferenzierung schwinden kollektive Gemein- samkeiten innerhalb der Bevolkerung, weshalb Gerchow (2017) feststellt, dass „die Stadt das Einzige ist, was alle Menschen, die dort leben, miteinander ge- mein haben. Nicht mehr die Religion, die Herkunft, irgendeine nationale Identi- tat - es ist der Ort, den sie miteinander teilen." Die raumliche Verbundenheit kann empirisch in einen Zusammenhang mit der Akzeptanz von Diversitat ge- setzt werden. Beim Vergleich der Bundeslander erreichten die drei Stadtstaaten, die eine besonders vielfaltige Bevolkerungsstruktur aufweisen, Spitzenwerte bei der Akzeptanz von Diversitat und dem Vertrauen in die Mitmenschen. „Die Iden- tifikation mit konkreten Mitmenschen (...), [die] auf realen, inklusiven mit- menschschlichen Beziehungen basiert, kann den Zusammenhalt starken", wah- rend „die Identifikation mit einer abstrakten Idee scheint dem Zusammenhalt abtraglich" zu sein, da sie „haufig exklusiver Natur ist" (Arant/ Boehnke 2016: 168). Demnach kann die Kommune ein inklusives Zugehorigkeitsangebot bieten, welches auf Ausgrenzungstendenzen des Kulturessentialismus verzichtet und alle dort lebenden Menschen ohne Herabstufung miteinbezieht.35 Zudem bietet sie in einer unubersichtlichen Welt, in der nationale Grenzen verschwimmen, einen ubersichtlichen Bezugsrahmen, der nicht uberfordert und Orientierung und Verbundenheit stiften kann.

Des Weiteren kann das Vertrauen der Bevolkerung eher in die kommunalen In- stitutionen, wie dem Burgermeisteramt, dem Kommunalparlament oder der lo- kalen Verwaltung gestarkt werden, als in Einrichtungen hoherer Ebenen, da der komplexitatsreduzierte Rahmen die Steuerung erleichtert und der direkte Kon- takt zu den Burgern Responsivitat ermoglicht. Wie bereits dargelegt, erhoht die ortliche Begrenzung die Steuerungsmoglichkeit der Regierenden und damit de- ren Handlungsfahigkeit und Problemlosungskompetenz, was wiederum das Ver- trauen in sie erhoht. Daneben kann gezielter auf Bedurfnisse und Interessen der Burger eingegangen werden, da sie aufgrund der quantitativen Begrenzung und der Moglichkeit der direkten Kontaktaufnahme besser zu erfassen sind. Allein der positiv empfundene personliche Kontakt, etwa bei der Beschaffung eines Personalausweises, ist eine vertrauensbildende MaBnahme. Schlussfolgernd kann Kommunalpolitik durch die Moglichkeit zur responsiven Steuerung geziel­ter auf gesellschaftliche Verhaltnisse einwirken und so kann das Vertrauen in politische Institutionen gestarkt werden.

Auch das Gerechtigkeitsempfinden kann von der Kommunalpolitik gefordert werden. Zwar kann sie nur bedingt auf die Verteilung der Steuerlast Einfluss nehmen, jedoch hat sie die Moglichkeit dank der unmittelbaren Nahe zur Bevol- kerung gezielter auf Bedurftige einzugehen, da spezifische Notlagen lokal bes­ser einzuschatzen sind. Zum Beispiel besteht die Moglichkeit, soziookonomisch Benachteiligte der sozialen Unterschicht gezielt mit maBgeschneiderten MaB- nahmen anzusprechen, wie bei Formaten der aufsuchenden Fursorge oder bei QualifizierungsmaBnahmen, die auf den lokalen Arbeitsmarkt abgestimmt sind. Ein solch passgenaues Vorgehen ist bei hoheren Ebenen nur schwer vorstellbar, deren Programme haufig nach dem GieBkannenprinzip vorgehen oder „one- size-fits-all-Losungen" anbieten. Zudem konnen Ungleichheiten in der Raum- entwicklung auf Stadt- bzw. Ortsteilebene angeglichen werden. Dabei kann nicht nur raumliche Segregation verhindert werden, sondern es konnen auch besonders problembehaftete Gegenden durch gezielte MaBnahmen gefordert werden.

8.3 Wirksame Gemeinwohlorientierung unterstutzen

Des Weiteren wird argumentiert, dass die Kommune auch auf den dritten Kern-bereich, die Gemeinwohlorientierung, in besonderer Weise Einfluss nehmen kann. Bei Solidaritat und Hilfsbereitschaft ist festzustellen, dass sich Menschen eher gegenuber Menschen hilfsbereit und solidarisch zeigen, zu denen ein per- sonlicher Bezug besteht, etwa zu Bedurftigen aus dem Nahbereich mit deren Notlage man unmittelbar konfrontiert ist. Kommunales Handeln kann dies un- terstutzen, indem lokale Bedurftigkeit wahrgenommen und darauf aufmerksam gemacht wird und gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren Moglichkeiten geschaffen werden, Menschen in Notlagen zu helfen.

Gesellschaftliche Teilhabe ist auf kommunaler Ebene ebenfalls aufgrund der lo- kalen Begrenzung wirksamer zu organisieren. Dadurch kann auf die Anliegen der Burger anhand von Anhorungs- und Beteiligungsformate eher eingegangen werden. Trotz aller moglichen Komplikationen konnen sie zudem in Planungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Im Gegensatz etwa zu viel- schichtigen Diskursen auf Bundesebene eignen sich konkrete lokale Themen fur Beteiligungsverfahren, um dadurch Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermogli- chen und so der Entfremdung von Politik entgegenzuwirken. Der lokale Bezug ermoglicht es auch, Menschen mit mangelnden Ressourcen miteinzubeziehen, die bekanntlich ein Beteiligungsdefizit aufweisen. Dank der „Nahe" kann ihnen der Besuch von kulturellen Einrichtungen und gesellschaftlichen Veranstaltun- gen unburokratisch ermoglicht werden und bei Partizipationsverfahren konnen sie mit niedrigschwelligen Angeboten wirksam adressiert werden.

Zuletzt kann insbesondere kommunales Handeln auch auf die Einhaltung grundlegender sozialer Regeln hinwirken. Die besondere Eignung begrundet sich wieder in der Moglichkeit auf konkrete, lokale Verhaltnisse samt spezifi- scher Bevolkerungscharakteristika Bezug nehmen zu konnen. Es konnen spezifi- sche regionale, religiose oder kulturelle Pragungen vor Ort berucksichtigt wer­den und konkrete lokale Veranderungen reguliert und moderiert werden. Dazu ein immer wiederkehrendes Beispiel: Insbesondere in vielen vor allem landlichen Regionen in Deutschland ist es der autochthonen Bevolkerung wichtig, dass die StraBenzuge und offentliche Platze frei von Mull sind. Werden dort Gefluchtete untergebracht, die mit einem anderen Verstandnis von der Mullentsorgung so- zialisiert wurden, kann kommunales Handeln darauf hinwirken, diese Divergenz zu uberbrucken. Daneben ist auch die Gewahrleistung von offentlicher Sicher- heit in Siedlungen und Ortsteilen von Relevanz. Kommunen kennen dank des unmittelbaren Bezugs potenziell gefahrliche Raume und kriminelle Personen- gruppen, so dass sie eine wirksame Sicherheitspolitik unterstutzen konnen, in- dem beispielsweise polizeiliche Prasenz bei Bedarf erhoht oder Sozialarbeit in- tensiviert wird. Der konkrete Zugang ist auch dazu geeignet, um Konflikte zu befrieden, die Diversitat verursacht wie konfligierende Lebensformen, Diskrimi- nierung und Radikalisierungstendenzen. Zum einen kann auf die spezifische Problemlage fokussiert und wirksam eingegangen, Problemlosungen implemen- tiert und eine praventive Regulierung vorgenommen werden. Dabei hilft, dass Vertreter gesellschaftlicher Gruppen einen engeren Kontakt mit den Gruppen- mitgliedern pflegen konnen und dadurch effektiver deren Interessen vertreten und auf Missstande einwirken konnen, als es auf hoheren Ebenen moglich ist. Zum anderen ist auf kommunaler Ebene ein problemorientierter Diskurs anhand lokaler Gegebenheiten moglich - im Kontrast zu oftmals holzschnittartigen, konfrontativen Debatten auf Bundesebene. Damit nicht der Eindruck entsteht, es wurde etwas beschonigt oder verschwiegen, gelte es „vor allem auf lokaler Ebe­ne, in den Stadten und Gemeinden, real existierende Konflikte ehrlich zu analy- sieren und offentlich zu erortern" (Borstel/ Luzar 2016: 139). Dadurch kann der Verbreitung von Geruchten und Halbwahrheiten vorgebeugt werden, die Radi- kalisierungen befeuern. Kommunen konnen demnach als Verstandigungsplatt- form fungieren, auf der kontroverse Themen anhand konkreter lokaler Problem- lagen konstruktiv debattiert werden, um so Konfrontationen, zum Beispiel zwi- schen Gegnern und Befurwortern von Vielfalt, einzudammen und negative Er- fahrungen mit lokaler Diversitat zu vermeiden.

8.4 Fazit zu These I

Der dargelegten Argumentation kann entgegnet werden, dass die Bedeutung und der Handlungsspielraum von Kommunen eingeschrankt sind. Die finanzielle Ausstattung ist erheblich von der Zuweisung von hoheren Ebenen abhangig, offentliche Debatten auf Bundesebene erfahren mehr mediale Beachtung, Poli- zei und Bildung sind hauptsachlich „Landersache" und Kommunen verfugen nur uber sehr begrenzten Einfluss auf die Verteilung der Steuerlasten. Zudem kon- nen all die beschriebenen Moglichkeiten durch Regierungsversagen konterka- riert werden, diese Gefahr ist allerdings jeder politischen Ebene inharent. Dem wird das vielfaltige Potenzial entgegengesetzt, das Kommunen ermoglicht, die Kernbereiche des sozialen Zusammenhalts in einem komplexitatsreduzierten Umfeld konkret starken zu konnen. Dank des lokalen Fokus' konnen konkrete Problemlagen zielorientiert adressiert, Begegnung uber Eigengruppen hinweg gefordert, Diversitat fernab polarisierender Debatten gestaltet, ein inklusiver Zusammenhalt gestiftet und der direkte Austausch mit der Bevolkerung gesucht werden. Aufgrund dessen wird die These I als argumentativ ausreichend be- grundet angesehen und folglich Kommunen als geeignete Ebene angesehen, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu starken.

9. Kommunales Handeln zur Forderung von gesellschaftlichem Zusammenhalt

Doch mittels welcher Handlungsweisen konnen Kommunen die soziale Kohasion starken? Im Folgenden wird dieser Frage nachgegangen und dabei das theoreti- sche Fundament entwickelt, auf dem anschlieBend die These II empirisch getes- tet wird, wobei bereits Angesprochenes naher ausgefuhrt wird. Die Grundorien- tierung gibt dabei die angesprochene Kontakthypothese aus der Sozialpsycho- logie. Sie untersucht, wie es sich auswirkt, wenn sich Mitglieder unterschiedli- cher gesellschaftlicher Gruppen begegnen. Einen spezifischeren Blick auf koha- sionsforderndes kommunales Handeln bieten die Ergebnisse des Forschungs- projekts DIVERCITIES. Dabei wurden 147 lokale Initiativen in diversifizierten Nachbarschaften aus 14 Stadten untersucht, um herauszuarbeiten, wie lokale Politik neben sozialer Mobilitat und okonomischer Performanz auch gesell- schaftliche Kohasion fordern kann. AbschlieBend werden die dargelegten For- schungsergebnisse als Grundlage fur die empirische Untersuchung zusammen- gefasst.

9.1 Die Kontakthypothese

Nach Allport (1954), dem Begrunder der Kontakthypothese, verringern sich Vor- urteile gegenuber anderen Personengruppen durch den personlichen Kontakt zu Menschen, die dieser anderen Gruppe angehoren. Vorurteile werden dabei als uberwiegend negative Einstellungen gegenuber einer Personengruppe oder gegenuber einzelnen Menschen aufgrund der jeweiligen Gruppenzugehorigkeit definiert. Jedoch wirke sich Kontakt nicht per se positiv aus, vielmehr identifiziert Allport vier Bedingungen, die fur „optimalen Kontakt" gegeben sein mussen. Erstens sollte kein Hierarchiegefalle zwischen den Personen vorhanden sein, sondern eine Begegnung auf Augenhohe stattfinden. Zweitens sollte die Zu- sammenarbeit Ziele fur beide Parteien bereithalten und drittens von gegenseiti- ger Kooperation gepragt sein. Viertens sollte der Kontakt zudem von Institutio- nen unterstutzt und legitimiert werden. Pettigrew (1998: 76) fugte noch eine funfte Bedingung hinzu: Der Begegnung sollte das Potenzial einer spateren Freundschaft innewohnen. Eine Metaanalyse von uber 500 Untersuchungen samt 250.000 Probanden unterstutzt die Kontakthypothese, in dem sie empi- risch belegt, dass Personen eine positivere Einstellung gegenuber einer Gruppen haben, zu der sie schon einmal Kontakt hatten, im Vergleich zu Personen, die keinen Kontakt zu dieser Gruppe hatten (vgl. Pettigrew/ Tropp 2006: 751 ff). Dies gelte fur Vorurteile gegenuber ethnischen und religiosen Gruppen, aber auch fur negative Einstellungen gegenuber homosexuellen, alten oder behin- derten Personengruppen. Der positive Effekt von Kontakt auf die individuelle Einstellung trete auch auf, wenn die oben genannten Bedingungen nur teilweise oder gar nicht erfullt seien. Der Einwand, dass Personen, die Kontakt zu anderen Gruppen pflegen, schon zuvor eine positive Einstellung gegenuber solchen hat- ten, konnte zum Teil entkraftet werden. Zwar hatten kontaktfreudige Personen tatsachlich grundsatzlich weniger Vorurteile. Jedoch verringere Kontakt Vorur- teile auch bei Menschen, die bei der Studie den Gesprachspartner nicht selbst wahlen konnten (vgl. ebd.). Daruber hinaus gibt es empirische Belege, dass sich Kontakt bei intoleranten Personen besonders vorurteilsreduzierend auswirkt: „Intergroup contact and friendships work well (and often best) among intolerant and cognitively rigid persons—by reducing threat and anxiety and increasing empathy, trust, and outgroup closeness" (Hodson 2011: 154). Im Anschluss wei- sen Pettigrew und Tropp (2008: 922) darauf hin, dass sich die vorurteilsverrin- gernde Wirkung von Kontakt nicht nur auf das verbesserte Wissen uber eine Gruppe zuruckfuhren lasse. Sie konnten auch die signifikante Wirkung von Emo- tionen, insbesondere von Angst und Empathie, gegenuber einer Gruppe bele- gen. Eine Analyse der Daten des Eurobarometers 1997 zeigt zudem, dass vor allem Freundschaften uber die Eigengruppe hinaus Vorurteile reduzieren (vgl. Wagner/ van Dick 2001).

Gleichzeitig verandert auch negativ erlebter Kontakt die individuelle Einstellung gegenuber anderer Personengruppen, wie eine Studie mit 1276 europaischen Studierenden zeigte. Studienteilnehmende, die ein negatives Kontakterlebnis mit Personen eines anderen Landes erfahren haben, waren besonders negativ gegenuber der jeweiligen Bevolkerungsgruppe eingestellt (vgl. Graf/ Paolini/ Rubin: 2014). Diese beide Wirkrichtungen von Kontakt finden sich auch im Ge- fluchteten-Kontext wieder. Einerseits hatten Personen, die mit Gefluchteten in Kontakt getreten sind, eine positivere Einstellung gegenuber ihnen. Andererseits lehnten insbesondere jene Menschen in Deutschland die Aufnahme von Ge- fluchteten ab, die von negativen Erlebnissen berichteten (vgl. Aydin et al. 2017). Das zeigt, dass es fur ein friedliches Zusammenleben verschiedener Gruppen wichtig ist, einerseits Kontakt zwischen verschiedenen Gruppen zu fordern, aber andererseits auch negativen Begegnungen vorzubeugen. In Bezug auf Diversitat ist zudem bemerkenswert, dass fur Deutschland anhand einer Wahrscheinlich- keitsstichprobe gezeigt werden konnte, dass ein hoherer Anteil von ethnischen Minderheiten in einem Wohnbezirk mit geringeren Vorurteilen der Mehrheits- bevolkerung gegenuber Auslandern einhergeht (vgl. Wagner et al. 2006: 380). Die Kritik an der Kontakthypothese stellt allerdings in Frage, ob der Kontakt auch das tatsachliche Verhalten gegenuber fremden Gruppen beeinflusst, da die meisten Studien lediglich veranderte Einstellungen oder Verhaltensabsichten erfassen. Demnach ist es unklar, ob eine Einstellungs- bzw. Absichtsveranderung auch eine Veranderung im Verhalten nach sich ziehe und es etwa durch Kontakt zu weniger Gewalttaten oder Alltagsdiskriminierung gegenuber Personen frem- der Gruppen kame (vgl. Landmann et al. 2017).

9.2 Ein partizipatorischer Governance-Ansatz

Um mit Hyperdiversitat produktiv umzugehen, empfehlen die Autoren des For- schungsprojekts DIVERCITIES einen partizipatorischen Governance-Ansatz, der das positive Potenzial von Diversitat wahrnimmt, die Interaktion zwischen ge- sellschaftlichen Gruppen fordert, die Verwaltung diversitatssensibel gestaltet, eine breite Beteiligung der lokalen Akteure anstrebt und lokale Initiativen unter- stutzt (vgl. Ta§an-Kok et al. 2017: 105). Anhand der Ergebnisse von Fallstudien identifizieren sie konkrete kohasionsfordernde MaBnahmen, die nachfolgend beschrieben werden.36

Zunachst nennen die Autoren kommunale Initiativen, die Begegnung und Inter- aktion zwischen verschiedenen Gruppen in der Nachbarschaft ermoglichten, wie lokale Festivitaten zu organisieren, Gemeindezentren zu betreiben und Anwoh- ner zur Teilnahme an sozialen Aktivitaten zu motivieren oder sie dabei zu unter- stutzen, selbst solche ins Leben zu rufen. Damit Menschen miteinander in Kon- takt treten, mussten sie sich an Orten wohlfuhlen. Deshalb sei es essentiell Plat- ze fur Partizipation und Begegnung ansprechend zu gestalten. Dafur mussten sie sicher, sauber, komfortabel und gut an die lokale Infrastruktur angebunden sein. Zudem benotigten die Platze ein gutes Image und seien idealerweise mul- tifunktional, so dass sich unterschiedliche Zielgruppen vermischen konnten. Um Diversitat in einer Nachbarschaft beizubehalten bzw. zu ermoglichen, musse bezahlbarer Wohnraum fur alle Einkommensgruppen vorhanden sein. Deshalb bedurfe es auch erschwinglicher Wohnmoglichkeiten fur finanziell schwacher ausgestattete Gesellschaftsmitglieder, zum Beispiel durch sozialen Wohnungs- bau. Daruber hinaus gelte es speziell in heterogenen Nachbarschaften die Si- cherheit, Sauberkeit und Attraktivitat des offentlichen Raums zu gewahrleisten, weshalb die lokale Ebene auf ausreichende Ressourcen angewiesen sei, um notwendige Investitionen realisieren zu konnen. Dabei wird eine partizipatori- sche Planungspolitik vorgeschlagen. Um umfassende und innovative Losungs- ansatze zu generieren, sollten moglichst viele lokale Bevolkerungsgruppen in die Entwicklungs- und Planungspolitik einbezogen und verschiedene politische Sektoren miteinander verbunden werden. Bei der Partizipationsintegration soll­ten Bevolkerungsgruppen besondere Aufmerksamkeit genieBen, die gemeinhin ein niedriges Beteiligungsniveau aufweisen, wie etwa neu angekommene Mig- ranten oder sozial Benachteiligte.

Des Weiteren sollte die lokale Verwaltung diversitatssensibel aufgestellt werden. Dafur durfe die Verantwortung fur Diversitat nicht in einer einzelnen Behorde isoliert werden, sondern vielmehr sollte in allen Einheiten einer Kommunalver- waltung ein Bewusstsein fur Hyperdiversitat entwickelt werden. Dadurch werde sichergestellt, dass die Verwaltung Personen nicht ausschlieBlich auf deren Zu- gehorigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe reduziere, wodurch auch eine Unterscheidung zwischen In- und Outsidern vermieden werde. Gleichzeitig konnten die spezifischen Bedurfnisse unterschiedlicher Gruppen besser beruck- sichtigt werden. Auch bei der Gestaltung neuer Policies bedurfe es einer Sensi- bilitat fur Diversitat. Die Autoren schlagen vor, die Auswirkungen aller geplanten Neuerungen in der Wohlfahrts- und Planungspolitik auf die gesellschaftliche Vielfalt hin zu ermitteln und sie bei Bedarf anzupassen.

Eine gewichtige Bedeutung fur den sozialen Zusammenhalt raumen die Autoren lokalen Bottom-Up-Initiativen mit sozialer Orientierung ein. Deshalb sollte die Kommunalpolitik diese wertschatzen und daruber hinaus nicht nur finanziell unterstutzen, sondern ihnen auch Netzwerk- und Austauschmoglichkeiten bie- ten. Solche Initiativen seien in der Regel aufgrund flacher Hierarchien organisa- torisch flexibel, hatten einen lokalen Bezug sowie niedrige Beteiligungsbarrieren und lebten von der personlichen Hingabe der Engagierten. Dadurch orientierten sie sich an den Bedurfnissen und Interessen der lokalen Bevolkerung und nah- men eine vermittelnde Position zwischen Burgern und lokalen Behorden ein. Folglich seien lokale Graswurzelbewegung, die soziale Aktivitaten anboten oder sich um Benachteiligte kummern wurden, in vielfacher Hinsicht wertvoll fur Nachbarschaften. Deshalb sollte lokale Politik diese Initiativen wertschatzen und unterstutzen, indem sie offentliche Finanzierungsmoglichkeiten schaffen und lokale Netzwerkstrukturen etablieren, die einen wechselseitigen Wissensaus- tausch und Kooperationen ermoglichten. Dabei gelte es auch zu beachten, die Auflagen von offentliche UnterstutzungsmaBnahmen fur Bottom-Up-Initiativen nicht zu eng zu gestalten, da deren Organisationsstruktur oftmals nicht ausge- reift sei. Zudem mussten die Zustandigkeiten innerhalb der Behorden so flexibel gestaltet werden, dass lokale Initiativen gefordert werden, auch wenn sie nicht einer spezifischen Verwaltungseinheit zugeordnet werden konnten. Daruber hinaus zeigen einige Fallstudien, dass die lokale Bevolkerung haufig unzu- reichend uber soziale Aktivitaten, offentliche Finanzierungsmoglichkeiten und weitere Unterstutzungsprogramme informiert sei. Diese sollten lokale Behorden wirksamer kommunizieren. Letztlich gelte es Hyperdiversitat offentlichen neu wahrzunehmen. Dieser Diskurs musse jenseits der kontroversen Debatten, die zwischen den Polen ,Leitkultur' und ,Multikulti' verhartet seien, verlaufen. Diver- sitat sei vielerorts gesellschaftlicher Alltag. Folglich sollte sie als bereicherndes Merkmal urbanen Lebens eingestuft werden. Doch auch die entstehenden Kon- flikte sollten nicht vertuscht werden, sondern produktiv reguliert werden (vgl. 44-49, 95-102 ff).

9.3 Kohasionsforderndes kommunales Handeln: Theorie

Um die dargelegten Erkenntnisse zu bundeln, werden abschlieBend die Merk-male eines kohasionsfordernden kommunalen Handelns zusammengefasst, die sich zur empirischen Oberprufung im Interviewleitfaden wiederfinden. Die zent- rale Botschaft der Forschungsergebnisse ist, dass kommunales Handeln die In- teraktion zwischen Menschen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen fordern sollte, vor allem in diversifizierten Nachbarschaften und idealerweise unter Berucksichtigung der funf Bedingungen der Kontakthypothese. Kommu- nen konnen Begegnungsorte und -moglichkeiten selbst erzeugen oder deren Entstehung durch das Engagement von Anwohnern unterstutzen. Dabei sollten nicht die innergesellschaftlichen Differenzen, sondern verbindende, gemeinsa- me Tatigkeiten im Mittelpunkt stehen. Beispiele sind lokale Festivitaten wie StraBen- und Stadt(teil)feste, die Gestaltung des unmittelbaren Nahbereichs wie Grunflachen und Platze oder gemeinsame Aktivitaten wie Sport und Musizieren. Von der Beteiligung sollte niemand ausgeschlossen sein und auch Formen von zwischenmenschlicher Asymmetrie sind zu vermeiden, wahrend es gleichberech- tigtes Handeln, gemeinsame Ziele und institutionelle Unterstutzung anzustreben gilt. Letzteres kann durch die Bereitstellung von Raumen, Materialien und Mo- derationsangeboten von Behorden, aber auch Kirchen und Sportvereinen ge- schehen.

Generell sind Begegnungsraume, wie offentliche Platze oder soziale Einrichtun- gen, relevant, die attraktive Begegnungsformate anbieten. Fur die Kommunal- politik gilt es daher, die soziale Infrastruktur, bestehend aus Schulen, Mehrgene- rationenhauser, Kitas, Vereine aller Art, gastronomische und kulturelle Einrich- tungen sowie Kirchengemeinden, zu vernetzen. So werden Kooperationen und gemeinsame Aktionen ermoglicht. Eine herausragende Bedeutung wird Bil- dungseinrichtungen eingeraumt, wo kulturelles Kapital vermittelt wird und bru- ckenbildendes Sozialkapital entstehen kann. Dafur muss darauf geachtet wer­den, dass sich nicht einzelne Milieus voneinander separieren, sondern eine Durchmischung stattfindet. Da sie sich auch zum Ort von Oberforderung und Problemen entwickeln konnten, gilt es sie gerade in sozialen Brennpunkten gut mit raumlichen und personellen Ressourcen auszustatten. In diesem Kontext sind auch Mehrgenerationenhauser zu nennen, die einen intergenerativen Aus- tausch ermoglichen und sich daruber hinaus vielfaltig engagieren.37 Kommunen konnen auch eigene Treffpunkte wie Burgerhauser installieren, die mit einem attraktiven Veranstaltungsprogramm vielfaltige Begegnungsanlasse schaffen. Eine ahnliche Funktion konnen zentrale Platze innerhalb der Ortschaft uber- nehmen, die es dafur ansprechend zu gestalten gilt und welche ebenfalls mit einem niedrigschwelligen Veranstaltungsangebot wie Konzerte und Wochen- markte bespielt werden konnen.

Daneben stellt die Wohnraumpolitik ein zentrales Handlungsfeld der Kommu- nalpolitik dar, um Begegnung uber Gruppengrenzen hinweg zu fordern. Ver- schiedene gesellschaftliche Gruppierungen sollten nicht getrennt oder gar ab- geschottet voneinander wohnen. Die kommunale Wohnraumpolitik sollte viel- mehr zum Ziel haben Menschen mit unterschiedlichen Hintergrunden raumlich zu durchmischen, damit sie im Alltag automatisch in Beruhrung kommen und keine Raume entstehen, in denen homogene Bevolkerungsgruppen sich von der Mehrheitsgesellschaft isolieren. Jedoch ist es speziell in heterogenen Nachbar- schaften notwendig, negativen Kontakt praventiv zu verhindern oder bei Kon- flikten regulierend einzugreifen. Durch unterschiedliche Erscheinungsformen, Werturteile sowie Verhaltens- und Lebensweisen entsteht unvertraute Fremdheit und damit viele Anlasse zur Irritation. Deshalb muss Kommunalpolitik dafur Sor- ge tragen, dass der offentliche Raum sicher, sauber und wenn moglich attraktiv ist, damit sich die Anwohner wohl und nicht fremd fuhlen. Da diversifizierte Ge- genden auch haufig soziale Brennpunkte sind, muss sichergestellt sein, dass ei- nerseits ausreichend Polizeiprasenz vorhanden ist, damit nicht der Eindruck des staatlichen Kontrollverlusts entsteht. Andererseits mussen diese Raume in Form von Sozialarbeit und infrastruktureller MaBnahmen zielgerichtet gefordert wer- den.

Ein weiteres Handlungsfeld stellt die breite Miteinbeziehung der Bevolkerung dar. Dabei ist zum einen zentral, Formate und Fragen auszuwahlen, die sich fur Partizipationsprozesse eignen. Zum anderen gilt es, Menschen mit gemeinhin niedrigem Partizipationsniveau durch niedrigschwellige Angebote zu mobilisie- ren, um die soziale Beteiligungsspaltung zu verringern. Daruber hinaus muss sich Kommunalpolitik generell und im besonderen MaBe um kulturell und wirt- schaftlich „Abgehangte" kummern und muss versuchen sie durch Wertschat- zung, aufsuchende Fursorge und passgenauen QualifizierungsmaBnahmen ge- sellschaftlich wieder zu integrieren. Eine vermittelnde Rolle konnen dabei lokale Graswurzelinitiativen einnehmen, die daneben die Vitalitat und damit Attraktivi- tat einer Gegend erhohen. Kommunales Handeln kann sie unterstutzen, indem es sich gegenuber ihnen offen zeigt, sie anspricht, finanzielle Fordermoglichkei- ten bereitstellt und ihnen Netzwerk- und Austauschmoglichkeiten bietet. SchlieBlich ist es essentiell, eine diversitatssensible und responsive Kultur in der Verwaltung zu verankern. Dazu zahlt, aufgeschlossen und sensibel fur die Be- durfnisse und Initiativen aus der Bevolkerung zu sein, Diversitat positiv wahrzu- nehmen und im Kontakt mit der ganzen Breite der lokalen Akteurs-Struktur zu sein. Das muss sich auch in der Organisation der Verwaltung widerspiegeln, et- wa indem ubersichtliche Verwaltungsstrukturen bestehen und unburokratisch Ansprechpartner kontaktiert werden konnen. Im nachfolgenden dritten Teil der Arbeit werden die dargelegte Vorstellung von kohasionsstarkendem kommuna- lem Handeln empirisch untersucht.

Teil III Empirische Untersuchung

Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit liegt in der Frage, wie Politik den sozialen Zusammenhalt im Kontext gesellschaftlicher Vielfalt wirksam star- ken kann. Im vorangegangen Kapitel wird begrundet, warum die Kommune als geeignete Ebene angesehen wird, soziale Kohasion zu stiften und darauf auf- bauend wurden entsprechende MaBnahmenmoglichkeiten formuliert. Folglich hat die empirische Untersuchung grundsatzlich zum Ziel, kommunales Handeln zu identifizieren, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt starkt. Dafur wird These II empirisch untersucht, die besagt, dass kommunales Handeln, das den Kontakt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen fordert, den gesell­schaftlichen Zusammenhalt starkt. Somit wird der Fokus auf den uber die Eigen- gruppe hinweg stattfindenden Kontakt gelegt. Damit wird der festgestellten Diversitat Rechnung getragen und die generelle Frage nach kohasionsstarken- den MaBnahmen handhabbar gestaltet. Um weitere mogliche EinflussgroBen auf die lokale Kohasion zu uberprufen, werden daruber hinaus in der Untersu­chung auch weitere kommunale Handlungsmoglichkeiten miteinbezogen, die im vorangegangenen Teil als kohasionsfordernd eingestuft werden. Im Folgen- den werden zunachst die methodischen Oberlegungen und das empirische Vor- gehen schrittweise erlautert, anschlieBend die untersuchten Ortsteile anhand >pragender Charakteristika beschrieben und schlieBlich die Ergebnisse der empi rischen Untersuchung dargelegt.

10. Qualitatives Forschungsdesign

Um intersubjektive Nachprufbarkeit sicherzustellen, wird in diesem Kapital der Forschungsprozess im Detail erlautert, so dass dieser moglichst transparent nachzuvollziehen ist. Um zielfuhrend und methodisch fundiert vorzugehen, gilt es zu erortern, (a) wie die Wirkung von kommunalem Handeln auf sozialen Zu- sammenhalt operationalisiert werden kann, (b) wer uber spezifisches Wissen daruber verfugt und (c) in welcher Form dieses Wissen erhoben und ausgewer- tet werden kann. Dafur wird zum einen erlautert, warum ein methodisch qualita­tives Verfahren einem quantitativen vorgezogen wird. Zum anderen wird die Auswahl der Untersuchungseinheiten, der Experten sowie der Datenerhebungs- und Datenauswertungsmethodik dargelegt und begrundet. AbschlieBend wer­den die Qualitat der Forschungsergebnisse diskutiert und potenzielle Einschran- kungen dargelegt.

Die Wirkung von kommunalen MaBnahmen auf den sozialen Zusammenhalt zu „messen" ist auBerst kompliziert, insbesondere weil der sozialen Kohasion ein dimensionsreiches Konzept zugrunde liegt. Deshalb empfiehlt es sich, eine qua­litative Forschungsmethode zu wahlen, weil sie sich zur Analyse komplexer Wir- kungszusammenhange eignet und bei einer eingegrenzten Fallauswahl eine tie- fere Analyse der Fragestellung vorgenommen werden konnte (vgl. Flick/ von Kardorff/ Steinke 2008: 23). Eine Beurteilung der Wirkung von kommunalem Handeln kann vorgenommen werden, indem Kontraste miteinander verglichen werden. Durch die Kontrastierung konnen in qualitativen Studien gegensatzliche Strukturen und Herangehensweisen identifiziert werden, die ggfs. Generalisie- rungen ermoglichen. Deshalb wird in der Untersuchung das kommunale Han­deln in Gebieten mit sehr hoher Kohasion mit dem kommunalen Handeln in Gebieten mit sehr niedriger Kohasion verglichen. Dabei werden Unterschiede gepruft, die zur Erklarung des gegensatzlichen Kohasionsniveaus dienen.

10.1 Auswahl der Untersuchungseinheiten und der Experten

Die Bertelsmann Stiftung (2016) hat den sozialen Zusammenhalt innerhalb Bre- mens quantitativ auf Ortsteilebene untersucht, weshalb sich die Ortsteile Bre- mens fur die Fallauswahl anbieten. Demnach kann eine Kontrastierung zwischen den Ortsteilen mit der am hochsten gemessenen Kohasion (Gartenstadt Sud, Neuenland) und der am niedrigsten gemessenen Kohasion (Arbergen, Mahn- dorf, Rablinghausen) vorgenommen werden. Durch die Kontrastierung kann uberpruft werden, ob unterschiedliche Muster im kommunalen Handeln mit ho- hem bzw. geringem Zusammenhalt in Verbindung stehen und folglich zur Erkla­rung des jeweiligen Kohasionsniveaus auf Ortsteilebene herangezogen werden konnen. Insofern schlieBt sich die qualitative Untersuchung an die Studienreihe der Bertelsmann Stiftung an, da diese neben den konzeptionellen Obereinstim- mungen auch die Fallauswahl bestimmt. Neben kommunalen Handlungsmog- lichkeiten werden auch noch lokale Charakteristika uberpruft, die mit der ge­messenen Kohasion in Zusammenhang stehen konnten.

Die angestrebten Erkenntnisse sind am ehesten durch die Befragung von Perso- nen zu erhalten, welche uber eine Expertise verfugen, die es legitimiert, fundier- te Aussagen uber den lokalen Zusammenhalt zu treffen. Experten sind laut Przyborski und Wohlraab-Sahr (2008: 133) solche Personen, „die uber ein spezi- fisches Rollenwissen verfugen, solches zugeschrieben bekommen und eine da- rauf basierende besondere Kompetenz fur sich selbst in Anspruch nehmen." Der Expertenstatus ist demnach einer Funktionselite vorbehalten. Fur diese Untersu­chung gehoren dazu Personen, deren spezifisches Expertenwissen sich auf Ver- haltnisse und Strukturen der untersuchten Ortsteile sowie auf die Wirkung kommunalen Handelns auf den lokalen Zusammenhalt bezieht. Bei der Suche nach sachkundigen Experten wurden zunachst die Ortsamtleitungen der Stadt- teile Neustadt und Hemelingen kontaktiert und um weiterfuhrende Empfehlun- gen gebeten.38 Letztendlich wurden insgesamt zehn Experten interviewt - funf fur die Gartenstadt Sud und Neuenland (Experten A-E) und funf fur Mahndorf und Arbergen (Experten F-J). Dazu zahlen Ortsamtsleiter, Stadtteilmanager, thematisch erfahrene Kommunalpolitiker, Burgerhausleiter und fur den Ortsteil zustandige Vertreter der GEWOBA.

10.2 Datenerhebung: Leitfadengestutzte Experteninterviews

Um dieses Erfahrungs- und Professionswissen herauszuarbeiten, muss bei der Befragung aufgrund der vielschichtigen Thematik die Moglichkeit bestehen, de- taillierte Nachfragen stellen und zentrale Konzepte erlautern zu konnen, was eine standardisierte Fragenbogenerhebung nicht ermoglichen kann. Deshalb sind qualitative Experteninterviews zielfuhrender, die sinnvollerweise durch ei- nen Leitfaden strukturiert werden. Wahrend sich offene Befragungsformen fur die narrative Beschreibung subjektiver Erlebnisse eignen, hilft eine Strukturie- rung, um konkrete, praxis- und erfahrungsbezogene Informationen zur For- schungsthematik zu erhalten. Deshalb werden die Experten mithilfe eines Leitfa- dens interviewt, um eine Fokussierung auf das Forschungsinteresse vorzuneh- men und auf mogliche Zusammenhange hinzuweisen, welche die Befragten ggfs. von sich aus nicht angesprochen hatten. Durch den Leitfaden wird zudem die Vergleichbarkeit der Interviews erhoht, weil sich die Erhebungssituation ah- neln, da den Interviewten gleiche bzw. ahnliche Fragen gestellt werden. Dadurch sollen „verallgemeinernde Ergebnisse aus der unreduzierten Vielfalt der indivi- duellen Deutungen" gewonnen werden (Helfferich 2014: 556).

Jedoch darf die Strukturierung nicht dazu fuhren, dass sich die Antworten ledig- lich als ein Echo auf die Fragen gestalten und dadurch die Vielfalt moglicher AuBerungen einschrankt. Dabei ist es ein bedeutender Fehler, als Interviewer von Beginn an zu viel vorzugeben und eine Haltung einzunehmen, die lediglich die eigenen Deutungsmuster bestatigt bekommen mochte. Damit Antworten, die nicht der Logik oder den Werthaltungen des Interviewenden entsprechen, geauBert werden konnen, muss der Interviewte die Moglichkeit erhalten, eigene Begriffe zu verwenden und auch unerwartete Antworten zu geben. Deshalb ist die grundsatzliche Schwierigkeit qualitativer Interviews, die Balance zwischen Offenheit und Begrenzung zu finden, die sich mit dem Leitsatz: „So offen wie moglich, so strukturierend wie notig" beschreiben lasst (ebd. 560). Um sowohl Offenheit als auch Strukturierung zu ermoglichen, sollen einerseits unvoreinge- nommene Aussagen uber kommunales Handeln in Bezug auf sozialen Zusam- menhalt ermoglicht und gefordert werden. Andererseits soll das Interview eben auf diese Thematik fokussiert sein und zudem einige theoretische Annahmen angesprochen werden, was eine gewisse Strukturierung anhand konkreter Fra- gen notwendig macht.

Auf Grundlage dieser theoretischen Oberlegungen setzt sich der entwickelte Interviewleitfaden aus einer Kombination vom offenen „Erzahlaufforderung- Erzahlung-Schema" und dem strukturierten „Frage-Antwort-Schema" zusam- men. Wie in Anhang 1 dargestellt, wird zu Beginn des Interviews uber den Zweck der Forschung informiert, die Thematik anhand einer standardisierten Einleitung genannt, dem Interviewten die Rolle als Experte zugewiesen sowie die entsprechenden Untersuchungseinheiten genannt. Direkt im Anschluss wird der Interviewte anhand einer offenen „Erzahlaufforderung" danach gefragt, welches kommunale Handeln den sozialen Zusammenhalt starke und was sich schadlich auswirke. Indem keine inhaltlichen Vorbemerkungen getatigt werden, wird dem Experten Raum zur unvoreingenommenen MeinungsauBerung gegeben, um die Breite moglicher Aussagen nicht einzuschranken. Dadurch kann ermittelt wer­den, ob sich die Expertensicht mit eigenen theoretischen Annahmen deckt oder ob andere Schwerpunkte gesetzt werden. Danach werden bei Bedarf Nachfra- gen ausschlieBlich zum ersten Redebeitrag gestellt.

Um weitere mogliche Erklarungsfaktoren fur das Kohasionsniveau zu uberpru- fen, werden anschlieBend nach spezifischen lokalen Charakteristika, der emp- fundenen sozialen Kohasion, der Vielfaltigkeit und besonders haufig auftreten- den Konflikt- oder Spannungsmuster im jeweiligen Ortsteil gefragt. Im Mittelteil erlautert der Interviewer die zentrale Forschungsfrage, die Dimensionen gesell- schaftlicher Vielfalt sowie theoretische Oberlegungen aus dem vorangegange- nen Kapitel. Das soll die Aufmerksamkeit des Befragten auf Aspekte lenken, die die eigenen Aussagen womoglich erganzen konnten. Um auch eine Vergleich- barkeit zwischen den Interviews herzustellen, werden im abschlieBenden Teil des Interviews konkrete, vorformulierte Fragen gestellt, die Bezug auf die formulier- ten „kohasionsfordernden MaBnahmen" nehmen. Dazu zahlen Fragen nach kommunalen MaBnahmen im Sinn der Kontakthypothese, Isolationsentwicklun- gen, der Gestaltung offentlicher Platze, der Identifikation, dem ehrenamtlichen Engagement, der sozialen Infrastruktur und der offentlichen Sicherheit. Damit die Experten wahrend des Interviews nicht von den Ergebnissen der Bremen- Studie beeinflusst sind, werden sie mit den gemessenen Kohasionsniveaus der Ortsteile erst zum Abschluss des Gesprachs konfrontiert und um eine ad hoc- Erklarung gebeten.

Dieser Aufbau entspricht auch den drei Anforderungen an einen Leitfaden nach Helfferich (ebd. 567). Dazu zahlten Offenheit, weil „Einschrankungen der AuBe- rungsmoglichkeiten (...) mit dem Forschungsinteresse begrundet sein" mussten, Obersichtlichkeit, da „zu viele Fragen die (...) notwendige Erzahlzeit" beschrank- ten und die Forderung des Erzahlflusses, damit abrupte Sprunge oder rasche Themenwechsel verhindert wurden und die spontane AuBerung vor der Reihen- folge der Frage Prioritat erhalte. Der Leitfaden wurde mithilfe des SPSS-Schemas (ebd.) erstellt. Zunachst werden die Teilaspekte des Forschungsinteresses durch Fragen abgedeckt (Sammeln), die dann auf ihre Tauglichkeit bzw. zielfuhrende Verwendbarkeit gepruft werden (Prufen), um die verbleibenden Fragen an- schlieBend thematisch zu ordnen (Sortieren) und abschlieBend wird jedem Fra- gebundel ein erzahlgenerierender Impuls zugeordnet (Subsumieren). Dieses Vorgehen dient neben der Produktion des Leitfadens zur Reflexion des For­schungsinteresses, der strukturierten Herangehensweise sowie der Bewahrung der notwendigen Offenheit. Der Leitfaden wurde zunachst einem Pretest unter- zogen und anhand der gewonnenen Erkenntnisse modifiziert.

SchlieBlich ist auf das asymmetrische Rollenverhaltnis zwischen Interviewenden und Interviewten einzugehen. Zu Beginn der Befragung wird der Interviewte in seiner spezifischen Expertenrolle angesprochen. Damit wird der zugeschriebene Status verbalisiert, der entscheidend fur die Auswahl als Interviewpartner ist. Zudem wird auf das besondere Professions- oder Erfahrungswissen hingewie- sen, an dem der Interviewende teilhaben mochte. Das Rollenverhaltnis ist inso- fern komplementar, als dass der Interviewende ein wissenschaftliches Interesse aufweist, wahrend der Interviewte als Auskunftsperson zur Erfullung dieses Inte- resses beitragt. Dabei sollte der Interviewende eine „gelungene Mischung von Kompetenz und Wissensbedarf" ausstrahlen, um sich ideal zum Expertenstatus des Gegenubers zu verhalten (Przyborsik/ Wohlrab-Sahr 2008: 135). Grundsatz- lich gelte es bei qualitativen Interviews unterschiedliche Diskurskulturen und Erfahrungshintergrunde (Unterschiede im Alter, das Geschlecht, den sozialen Status oder ethnische Zugehorigkeit) sowie das jeweilige Machtpotenzial der Gesprachspartner zu berucksichtigen (vgl. Helfferich 2014: 564). Die Inter- viewtranskripte sind im Anhang 2 zu finden.

10.3 Datenauswertung: Qualitative Inhaltsanalyse

Die Auswertung der informationsbezogenen Experteninterviews wird mithilfe des Kodierens der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring durchgefuhrt. Sie wird einer Auswertung gemaB des Grounded-Theory-Ansatzes39 vorgezogen, da sie sich zur Oberprufung von Konzepten und Theorien eigne (vgl. Kuckartz/ Ra- diker 2014: 395). Da der Analyse ein spezifisches Konzept von sozialem Zusam- menhalt zugrunde liegt und daruber hinaus im Vorfeld formulierte Theoriean- satze getestet werden, sind im Rahmen dieser Untersuchung die Methodiken von Datenerhebung und -auswertung aufeinander abgestimmt. Die qualitative Inhaltsanalyse „stellt eine Methode der Auswertung fixierter Kommunikation (z.B. Texte) dar, geht mittels eines Sets an Kategorien systematisch, regel- und theo- riegeleitet vor und misst sich an Gutekriterien. Das qualitative Element besteht in der Kategorienentwicklung und der inhaltsanalytischen Syste- matisierung der Zuordnung von Kategorien zu Textbestandteilen" (May­ring/ Brunner 2009: 673).

Demzufolge stellt die Methode ein systematisches Verfahren bereit, das theorie- und regelgeleitet Textpassagen Kategorien zuordnet. Zentrales Instrumentarium ist das Kategoriensystem, dort werden die Interviewaussagen den zusammenge- stellten Kategorien zugeordnet (siehe Anhang 5). Die Komplexitat des Datenma- terials wird reduziert, indem Textstellen systematisch herausgezogen und ko- diert werden. Kodieren bedeutet, konkreten und relevanten Textstellen Katego­rien anhand einer definierten Extraktionsregel zuzuordnen.

Um das Kategoriensystem zu entwickeln und intersubjektive Oberprufbarkeit sicherzustellen, wird in Anhang 3 das Ablaufmodell der Qualitativen Inhaltsana- lyse schrittweise vorgestellt. Dabei wird erstens die Fragestellung prazisiert und theoretisch begrundet sowie die Richtung der Analyse festgestellt. Zweitens werden in einem Kommunikationsmodell das zu analysierende Material festge- legt, die Entstehungssituation analysiert und formale Charakteristika des Materi­als beschrieben. Drittens werden die Analyseeinheiten und die Analysetechnik definiert und die Entwicklung des Kategoriensystems dargelegt. In dieser Arbeit wird eine Kombination aus deduktiver und induktiver Kategorienbildung ge- wahlt. Abgeleitet von den theoretischen Annahmen und den zentralen Fragen des Leitfadens wurden zunachst deduktiv 15 Kategorien aufgestellt. Diese wur- den mithilfe der strukturierenden Inhaltsanalyse und eines Kodierleitfadens ent- sprechenden Textabschnitten zugeordnet. Im Anhang 4 wird der Kodierleitfaden detailliert vorgestellt, der die Kategorien definiert, mit Ankerbeispielen exempla- risch veranschaulicht und anhand einer Kodierregel von anderen Kategorien abgegrenzt. Anhand dieser Vorgaben werden die Textstellen den Kategorien zugeordnet, wobei das Kategoriensystem nach einem ersten Materialdurchgang uberarbeitet und angepasst wurde. Nach der systematischen Zuordnung des Datenmaterials zu den deduktiv erstellten Kategorien, wurden aus den bisher nicht zugeteilten Textpassagen, deren Aussagen dennoch als relevant eingestuft werden, induktiv drei weitere Kategorien erstellt, die ebenfalls in Anhang 4 vor­gestellt werden. SchlieBlich ist im Anhang 5 das ausgearbeitete Kategoriensys­tem zu finden, wo die Interviewaussagen aller Experten den entsprechenden Kategorien zugeordnet sind.

10.4 Gute der Forschung

AbschlieBend gilt es die Gute der Forschungsergebnisse kritisch zu diskutieren. Dafur werden die klassischen Gutekriterien Validitat, Reliabilitat und Objektivitat, aber auch alternative BeurteilungsmaBstabe herangezogen. Besonders im Fokus stehen moglichen Verzerrungen, die sich aufgrund von qualitativen Interviews ergeben. Die Validitat stuft ein, wie genau die erhobenen Daten abbilden, was untersucht werden soll. Im Bezug darauf ist bei der durchgefuhrten Datenerhe- bung in Form von qualitativen Interviews auf einige Einschrankungen hinzuwei- sen. Es handelt sich bei den generierten Expertenaussagen vielfach um subjekti- ve Einschatzungen von Wirkzusammenhangen oder um individuelle Wahrneh- mungen von lokalen Entwicklungen und selten um objektive Aussagen. Die Be- fragten haben unterschiedlichen Erfahrungs- und Professionshintergrunde, die ihre Blickwinkel beeinflussen und moglicherweise auch verzerren. Gerade die thematische Expertise kann zu einer Verengung der Sichtweise fuhren. So war zum Beispiel bei zwei Experten, die sich seit langer Zeit fur eine vitale Nachbar- schaft einsetzen, eine deutliche Frustration uber das aus der eigenen Sicht man- gelnde und abnehmende Engagement anderer wahrzunehmen. Soziale Er- wunschtheit kann die Ergebnisse in eine andere Richtung verzerren, was ein ge- nerelles Problem von Fragebogenerhebungen darstellt. Die Identifikation mit dem eigenen Ortsteil oder die Hervorhebung der eigenen Tatigkeiten kann dazu verleiten, die soziale Kohasion oder das kommunale Handeln besser darzustel- len, als sie tatsachlich sind. Die Bekanntgabe der Ergebnisse der Bermen-Studie am Ende des Interviews, sollte dies eindammen und eine Beeinflussung der Sprechposition des Interviewten vermeiden. Zudem ist von Deutungs- und Mei- nungsdifferenzen innerhalb der Expertengruppe auszugehen. Es wurden zwar immerhin zehn Experten interviewt, jedoch ist es moglich, dass sich bei einer anderen Expertenauswahl das Meinungsbild stark unterschieden hatte. Daruber hinaus kann die Interviewsituation an sich, durch latente Missverstandnisse oder Ahnlichem zur Verminderung der Validitat fuhren. Daneben beschreibt die in­terne Validitat, inwieweit andere Faktoren die Ergebnisse erklaren konnten. Um diese „Gefahr" einzudammen, wird nicht nur konkret nach MaBnahmen im Sinne der Kontakthypothese gefragt. Sondern es wird zum einen zu Beginn die offene Frage gestellt, was ganz allgemein die soziale Kohasion starkt. Zum anderen werden andere mogliche EinflussgroBen uberpruft, wie die offentliche Sicherheit oder besondere Charakteristika des Ortsteils. Wie unter 10.2. erlautert, liegen der Gestaltung des Interviewleitfadens vielfache Oberlegungen zugrunde, um das Forschungsinteresse moglichst genau zu erfassen, zum Beispiel die ange- strebte Balance zwischen Offenheit und Strukturierung.

Das Gutekriterium Reliabilitat bzw. Zuverlassigkeit stuft ein, inwiefern sich die Ergebnisse bei wiederholten Erhebungen ahneln. Auch sie kann wegen der qua- litativen Befragungsform eingeschrankt sein. Durch die Art der Fragestellung oder die Form und Haufigkeit von Interventionen durch den Interviewenden konnen Interviews mit denselben Experten zu unterschiedlichen Ergebnissen fuhren. Deshalb wurde im Leitfaden ein Block mit standardisierten Fragen instal- liert, um eine Vergleichbarkeit sicherzustellen. Zudem wurden die Interview- Transkripte den Experten im Nachhinein nochmals zugeschickt. Einerseits um deren Freigabe zu erhalten und andererseits um den Befragten die Moglichkeit zu bieten, Korrekturen vorzunehmen. Jedoch wurden bis auf wenige redaktio- nelle Anderungen keine weitreichenden Anderungen der Interviewaussagen vorgenommen. Das deutet daraufhin, dass die Experten an ihren, teilweise intui- tiven, Antworten auch nach langerer Nachdenkzeit festhalten. Das wiederum spricht dafur, dass bei einem Re-Test, einem wiederholten Interviewdurchgang mit demselben Leitfaden, ahnliche Antworten gegeben worden waren. Dieser Vorgang wird auch als „kommunikative Validierung" bezeichnet: Indem die Zu- stimmung der Interviewpartner zu den Interviewaussagen eingeholt wird, wer- den diese validiert.

Mit Bezug auf das Kriterium Objektivitat ist zunachst darauf hinzuweisen, dass der Forschende selbst wahrend des Forschungsprozesses in der Neustadt wohnhaft war. Die Bindung zu dem Stadtteil kann zumindest unterbewusst die Durchfuhrung und Beurteilung der Interviews beeinflusst haben. Da subjektive Beeinflussung bei der Datenerhebung kaum verhindert werden kann, bezieht sich Objektivitat jedoch eher auf die Analyse der Forschungsergebnisse. Bei der qualitativen Inhaltsanalyse werde laut Mayrring (2015: 124) mit der Interkoderu- bereinstimmung „die Unabhangigkeit der Ergebnisse von der untersuchenden Person" bestimmt. Dafur analysieren verschiedene Forscher unabhangig vonei- nander das gleiche Datenmaterial. Aufgrund von essentiellen Interpretations- spielraumen mussen die Ergebnisse fur hinreichende Objektivitat nicht ganzlich, aber zumindest uberwiegend ubereinstimmen. Ein solches Vorgehen war im Rahmen dieser Arbeit nicht umsetzbar. Allerdings wird sowohl das Datenmateri­al in Form von Interviewtranskripten und des Kategoriensystems bereitgestellt, als auch der Analysevorgang im Anhang schrittweise beschrieben, so dass Transparenz und die Moglichkeit zur intersubjektiven Oberprufbarkeit sicherge- stellt sind. Als zweites Kriterium bei der Datenanalyse fuhrt Mayrring die Intra- koderubereinstimmung an, mit der die Reliabilitat des Analysevorgangs getestet werde. Dafur wird das Material bzw. relevante Teile erneut ausgewertet ohne die vollzogene Kategorisierung bzw. generelle Analyse im Blick zu haben. Dieser Vorgang wurde bei Teilen des Datenmaterials vollzogen und in die Analyse ein- gepflegt.

Flick (2014: 422) stellt infrage, inwieweit sich die klassischen Gutekriterien dazu eignen, die Qualitat von qualitativen Erhebungen zu erfassen und formuliert qualitative BewertungsmaBstabe. All diese Forderungen werden im Rahmen die­ser Arbeit erfullt: Die Methodenwahl wird begrundet dargelegt, das methodi- sche Vorgehen wird detailliert erlautert, die Zielvorstellungen des Forschungs- projektes werden benannt und schlieBlich wird auch die Vorgehensweise schrittweise und transparent dargelegt. Zum Abschluss gilt es noch ein unver- meidliches, aber grundlegendes Problem des Forschungsdesigns anzusprechen. Es wird versucht, unterschiedliches kommunales Handeln zu identifizieren, das zur Erklarung der unterschiedlichen Kohasionsniveaus herangezogen werden kann. Allerdings erfolgte die Messung des sozialen Zusammenhalts (September bis Dezember 2015) zeitlich vor der Untersuchung des kommunalen Handelns (die Interviews fanden zwischen Dezember 2017 und Marz 2018 statt). Zwar wurde versucht, die Interviewpartner darauf hinzuweisen, jedoch konnte nicht verhindert werden, dass sie haufig auf aktuelle und damit zeitlich nachgelagerte Entwicklungen Bezug nahmen.

11. Ortsteile im Profil

Die Stadt Bremen ist dank der Studie der Bertelsmann Stiftung in Bezug auf so- zialen Zusammenhalt quantitativ kleinteilig erforscht wie kaum eine andere Stadt. Jedoch eignet sich Bremen auch aus anderen Grunden als Forschungs- raum fur die Thematik. In der hyperdiversen GroBstadt ballt sich das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Konfliktpotenzial auf engem Raum und steht damit stellvertretend fur die Herausforderungen vieler westlicher Demokratien. Zudem „hat die Stadt mit ihrer historisch gewachsenen weltoffenen Orientierung auch besondere Ressourcen", um mit diesen Herausforderungen produktiv umzuge- hen (Bertelsmann Stiftung 2016: 9). Bemerkenswert ist auBerdem, dass Bremen zusammen mit Bremerhaven als Stadtstaat verfasst ist. Dadurch nimmt die Exe- kutive und Legislative Bremens kommunale Themen starker in den Fokus als es in Flachenlandern der Fall ist.

Die Stadt Bremen gliedert sich in die funf Stadtbezirke Mitte, Nord, Sud, Ost und West, diese sind in vier eigenstandige Ortsteile und 19 Stadtteile unterteilt - 18 der 19 Stadtteile40 setzen sich wiederum aus 84 Ortsteilen zusammen. Folglich gibt es in Bremen insgesamt 88 Ortsteile. Wie auf Abbildung 1 zu sehen ist, lie- gen die Ortsteile Arbergen und Mahndorf nebeneinander und gehoren wie auch die Ortsteile Hastedt, Hemelingen, Sebaldsbruck dem Stadtteil Hemelingen an. Auch die Ortsteile Gartenstadt Sud und Neuenland grenzen aneinander an und liegen im Stadtteil Neustadt, wie auch die Ortsteile Alte Neustadt, Buntentor, Hohentor, Huckelriede, Neustadt und Sudervorstadt. Beide Stadtteile verfugen uber ein Ortsamt41 mit hauptamtlicher Leitung sowie einem ehrenamtlichen Stadtteilparlament, den sogenannten Beiraten. Um einen Eindruck von den aus- gewahlten Ortsteilen zu bekommen, werden sie im Folgenden charakterisiert.42

Abbildung 1: Karte der Ortsteile

Quelle. Statistisches Landesamt Bremen 2017, eigene Darstellung

11.1 Arbergen und Mahndorf

Arbergen (A) und Mahndorf (M) liegen am sudostlichen Rand Bremens, direkt an der Grenze zu Niedersachsen. Diese Randlage ist ein wichtiges Merkmal der beiden Ortsteile, die erst seit 1939 der Stadt Bremen angehoren. Das ist laut Ex- perte I der Grund, dass sich besonders viele altere Menschen „der Stadt" nicht zugehorig fuhlten. Alle befragten Experten nennen den „dorflichen Charakter" als pragendstes Charakteristikum der beiden Ortsteile. Das gilt in besonderer Weise fur Arbergen, das „von der Einwohnerschaft traditionell besetzt" sei, da viele altere Menschen schon lange in Arbergen wohnten und sich lokal sehr verbunden fuhlten (Experte I). Das Wahrzeichen des Ortsteils ist die Arberger Muhle, im Zentrum liegt die Kirche und der angrenzende Dorfplatz samt Wo- chenmarkt - daneben gibt es wenig Industrieflache. Doch auch Mahndorf hat „eher einen dorflichen Charakter mit vielen Einzelhauser, hohen Anteil an alteren Menschen und einem ebenfalls kleinen Gewerbegebiet" (Experte G). Mahndorf hat keinen zentralen Platz, dafur dienen ein Burgerhaus und im Sommer der Mahndorfer See als Treffpunkte. Zudem ist Mahndorf durch einen Bahnhof an Bremen angebunden, den auch die Bewohner von Arbergen mitbenutzen. Die dorfliche Atmosphare ist auch anhand der „kleinteiligen" Bebauungsstruktur festzustellen. Im Vergleich zu anderen Ortsteilen Bremens gibt es einen hohen Anteil an Wohnungen in Einfamilienhausern (A: 55,9 %; M: 39,8 %) und vom Ei- gentumer bewohnte Wohnungen (2011: A: 65,6 %; M: 56,5 %), zudem ist eine geringe Besiedlungsdichte festzustellen (Einwohner je ha: A: 4,4; M: 4), lediglich in Mahndorf gibt es eine Hochhaussiedlung.

Arbergen hat 5.950 Einwohner (Durchschnittsalter: 45,8 Jahre) und Mahndorf 5.627 (Durchschnittsalter: 44,6). Die dorfliche Pragung spiegelt sich auch in den Merkmalen der Bevolkerungsstruktur wider. Die durchschnittliche Wohndauer betragt in Arbergen 17,9 Jahre und in Mahndorf 16,4 Jahre. In 20,6 % (A) bzw. 22 % (M) der Haushalte gibt es Kinder, davon wiederum sind 17 % (A) bzw. 22,6 % (M) alleinerziehende Haushalte. Wahrend der Prozentsatz an Ledigen relativ gering (A: 35,9 %; M: 38 %) ausfallt, ist der Anteil an ehelichen und nichteheliche Lebensgemeinschaften (A:56,2 %; M: 53,2 %) und evangelischen und katholi- schen Kirchenmitgliedern (A: 50,6 %; M: 49,4 %) vergleichsweise hoch. In Arber­gen haben 23,6 % und in Mahndorf 33,2 % der Bevolkerung einen Migrations- hintergrund. Einen besonders hohen Anteil daran machen (Spat-) Aussiedler mit 24,8 % (A) bzw. 31% (M) aus. Wegen der vielen Einfamilienhauser seien die „Migranten, die dort hinziehen und sich ein Hauschen leisten konnen (...), eher der Mittelschicht" angehorig (Experte F). Ein Indiz uber die sich verandernde Bevolkerungsstruktur in den beiden Ortsteilen bietet die Entwicklung des Anteils der unter 18-Jahrigen mit Migrationshintergrund. Im Jahr 2006 hatten noch le- diglich 29,9 % (A) bzw. 38,4 % (M) der Minderjahrigen einen Migrationshinter­grund - im Jahr 2015 ist der Anteil auf 43,2 % (A) bzw. 54,1 % (M) angestiegen. Grundsatzlich sind die Ortsteile nicht reprasentativ fur den gesamten Stadtteil, da es „einen hoheren Anteil an alteren Menschen und einen niedrigeren Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund als in den angrenzenden Ortsteilen" gebe (Experte F).

11.2 Gartenstadt Sud und Neuenland

Im Vergleich zur dorflichen Randlage von Arbergen und Mahndorf liegen die Ortsteile mit hohem Kohasionsniveau zentrumsnah und sind nur von der Weser von der Bremer Innenstadt getrennt, die mit dem OPNV oder dem Fahrrad schnell und einfach zu erreichen ist. Bedeutsam fur die Gartenstadt Sud (GS) und Neuenland (N) ist der Stadtteil Neustadt, der aufgrund des „Kleinstadtcha- rakters viel genutzt wird", uber die Jahrzehnte gewachsen und „immer angesag- ter" sei, so dass es sich „von einer spieBigen Ecke zu einem vitalen, bunten Stadtteil entwickelt" habe (Experte A). Die Neustadt ist der „groBte Stadtteil mit den meisten Einwohnern, dem groBten (Familien-)Zuzug, der hochsten Gebur- tenrate, den meiste Studenten und der groBten Anzahl nicht geforderter Kultur- einrichtungen in Bremen" (Experte C). Mit der PappelstraBe, der KornstraBe und der BuntetorstraBe gabe es drei Nahversorgungsbereiche und mit dem Werder- see und den Neustadtwallanlagen „attraktive" Grunanlagen, die „vor allem Jun- ge und migrantische Gruppen" als Treffpunkte nutzen (Experte A). Durch die sich ausbreitende Nachtszene dank neuer Kneipen wie dem „Papp", „Panama" oder „Charlotte" und den vielen Standorten der Hochschule, entwickele sich die Neustadt zum „neuen Hotspot Bremens" mit einem positiven „Spirit" (Experte C).

Der am sudlichen Rand der Neustadt liegende Ortsteil Neuenland werde stark „vom naheliegenden Flughafen gepragt" und uberwiegend mit diesem assozi- iert (Experte D). Zudem seien einige Unternehmen dort angesiedelt, weshalb es „eher wirtschaftlich" und „weniger als Wohnortgebiet wahrgenommen" werde (Experte C). Von der Bebauungsstruktur ahnelt Neuenland Mahndorf und Ar- bergen. Angesichts der groBen Flache, ist es mit 1.500 Einwohnern (Durch- schnittsalter: 42,3 Jahre) dunn besiedelt und fast ein Drittel (31,4 %) der Woh- nungen sind in Einfamilienhausern. Deutlich dichter besiedelt ist die Garten- stadt Sud. Die Einwohnerzahl betragt 5.109 (Durchschnittsalter: 43,6 Jahre), was einer Bevolkerungsdichte von 120,2 Einwohner pro Hektar entspricht (N: 2,6). Mit 6,8 % befinden sich vergleichsweise sehr wenige Wohnungen in Einfamili­enhausern. Von der Wohnstruktur ist in dem Ortsteil eine Zweiteilung festzustel- len: „Die Gartenstadt Sud hat einerseits die Mehrparteien-Hauser der GEWOBA und andererseits viele Menschen, die in ihrem Eigentum wohnen" (Experte E). Auffallig bei den GEWOBA-Hausern aus den 60er-Jahren „ist die mehrgeschos- sige Bebauung - das ist ungewohnlich in der Neustadt, die sonst von niedriger Bebauung gepragt ist" (Experte A). Dementsprechend ist der Wohnraum gunsti- ger, weshalb dort eher benachteiligte Gruppen leben. „Es gibt viele sozial Be- nachteiligte, sehr viele Alleinerziehende, viele Senioren, viele mit Migrationshin- tergrund und sozial benachteiligte Familien, daher herrscht viel Kinderarmut" (Experte D). Auf der anderen Seite liege „die Eigentumsquote (...) bei ca. 50 %, das ist Mittelstand, denen es soweit gut geht" (Experte E). Bemerkenswert ist dabei der hohe Anteil an Eigentumsgemeinschaften von 31,2 %. Generell sei „in der Gartenstadt Sud die Mischung an Menschen sehr groB" und wegen der „un- terschiedlich teure[n] Wohnmoglichkeiten" auch zwischen reich und arm (Exper- te D).

Tabelle 2 Kennzahlen der Ortsteile im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle. Statistisches Landesamt Bremen 2017, eigene Darstellung, Zahlen von 2015, sofern nicht anders angefuhrt

Bei einigen Kennzahlen43 sind deutliche Differenzen nach Kohasionsniveau fest- zustellen, die auch die Unterscheidung zwischen dorflicher und kleinstadtischer Mentalitat weiter charakterisieren. Im Vergleich zu Arbergen und Mahndorf ist die Wohndauer in der Gartenstadt Sud und Neuenland im Schnitt vier Jahre ge- ringer, es gibt prozentual deutlich weniger Haushalte mit Kindern (GS: 14,3 %; N: 11,4 %), davon ist ein hoherer Anteil alleinerziehend (GS: 32,7 %, N: 36,4 %) und es gibt mehr Ledige (GS: 50 %; N: 49,3 %). Dementsprechend ist die durch- schnittliche HaushaltsgroBe in kohasionsschwachen Ortsteilen (A: 2,15; M: 2,12) groBer als in kohasionsstarken Ortsteilen (GS: 1,64; N: 1,63). In letzteren ist au- Berdem ein geringerer Prozentsatz an Kirchenmitgliedern zu verzeichnen (GS: 41,6 %; N: 37,5 %). In Bezug auf die Bevolkerung mit Migrationshintergrund ergibt sich folgendes Bild. In der Gartenstadt Sud haben 31,5 % und in Neuen­land 43,9 % der Bevolkerung einen Migrationshintergrund. Dabei ist der Anteil an (Spat-)Aussiedlern deutlich geringer (GS: 10,4 %, N: 3,8 %) als in Arbergen und Mahndorf, wo diese Gruppe ca. ein Drittel ausmacht.44 Zwar ist zudem auch der Anteil der unter 18-Jahrigen mit Migrationshintergrund in den Ortsteilen mit hohem Kohasionsniveau zwischen 2006 (GS: 45,1 %; N: 49,1 %) und 2015 (GS: 57,4 %; N: 61,9 %) um jeweils uber 10 Prozentpunkte angewachsen, allerdings von einem deutlich hoheren Ausgangsniveau aus als in den kohasionsschwache- ren Ortsteilen. Die ausgepragteste soziale Infrastruktur gibt es in der Garten- stadt Sud. Dazu zahlen eine Kirchengemeinde, ein Mehrgenerationenhaus, ein Jugendfreizeitheim, das Seniorencafe „Rosencafe", eine Grundschule und zwei Kitas, die Spielplatzinitiative Theodor-Storm-StraBe und der Platz Menken-Markt mit Zentrumsfunktion, wo drei Mal in der Woche Markt stattfindet (vgl. Experte D). Zu Neuenland haben die Experten sich kaum geauBert, wohl weil es weder einen zentralen Platz, noch Sportvereine oder Gastronomie gibt. Dies ist aller­dings auf Stadtteilebene in der Neustadt ausreichend vorzufinden. In Arbergen und Mahndorf gibt es jeweils eine Grundschule und einige Kitas, einen zusam- mengelegten Sportverein sowie eine Kirchengemeinde.

Bemerkenswert ist, dass Arbergen und Mahndorf bei wirtschaftlichen Parame- tern besser abschneiden als die Gartenstadt Sud und Neuenland. Diese „harten" Faktoren, die oftmals zur Erklarung von sozialer Kohasion herangezogen wer- den, sind hier geradezu umgekehrt. Wie in Tabelle 2 ablesbar, sind die Arbeits- losen- und die Langzeitarbeitslosenquote in den kohasionsschwachen Ortsteilen geringer als in den kohasionsstarken Ortsteilen. Daruber hinaus gibt es wohl weniger Kinderarmut, da weniger SGB-II-Bedarfsgemeinschaften mit Kindern zu verzeichnen sind. Hinzu kommt die kleinteiligere Bebauung, sowie die hohere Eigentumsquote in Arbergen und Mahndorf, was auch Indizien fur einen hohe­ren Wohlstand sind.45 Auch die Wahlbeteiligung war in Arbergen (76,7 %) und in Mahndorf (71 %) bei der Bundestagswahl 2017 zumindest in der Summe hoher als in der Gartenstadt Sud (71,1 %) und Neuenland (64,8 %). ErwartungsgemaB war bei dieser Wahl der Zweitstimmenanteil der AfD in den kohasionsschwa- chen Ortsteilen hoher (A: 11,5 %; M: 13,7 %) als in den Ortsteilen mit hohen Zu- sammenhaltwerten (GS: 9,2 %; N: 8,9 %), wenn auch nicht im auBerordentlichen MaBe.

11.3 Sozialer Zusammenhalt in den Ortsteilen

Um die Charakterisierung der Ortsteile zu vervollstandigen, werden abschlie- Bend deren Zusammenhaltsprofile differenziert nach den neun Dimensionen der drei Kernbereiche (siehe Kapitel 5.1) dargelegt. Dafur werden die Messwerte der Bremen-Studie von der Bertelsmann Stiftung herangezogen, die in Tabelle 3 farblich veranschaulicht abzulesen sind. Arbergen gehort uberwiegend der Schlussgruppe an, beim Kernbereich Verbundenheit sogar durchweg bei allen Dimensionen. Allerdings wurden bei den Dimensionen Soziale Netze und Ak- zeptanz von Diversitat mittlere Werte gemessen, so dass der Kernbereich Sozia­le Beziehungen insgesamt dem unteren Mittelfeld angehort. Daneben gehort nur noch die Dimension Solidaritat und Hilfsbereitschaft nicht der Schlussgrup­pe an, ist allerdings ebenfalls lediglich im unteren Mittelfeld angesiedelt. Bei Mahndorf ist eine umgekehrte und etwas heterogenere Verteilung festzustellen. Im Gegensatz zu Arbergen gehoren die Dimensionen des ersten Kernbereichs allesamt der Schlussgruppe an. Dagegen sind die gemessenen Werte bei Identi- fikation dem oberen Mittelfeld zuzurechnen. Des Weiteren siedeln sich die Di­mension Solidaritat und Hilfsbereitschaft in der Mittelgruppe und die Dimensio­nen Gerechtigkeitsempfinden und gesellschaftliche Teilhabe im unteren

Tabelle 3: Sozialer Zusammenhalt in den Ortsteilen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle. Bertelsmann Stiftung (2016: 111 f), eigene Darstellung

Legende. Dunkelblau: Spitzengruppe; Hellblau: oberes Mittelfeld; Grun: Mittel-gruppe; Gelb: unteres Mittelfeld; Orange: Schlussgruppe Mittelfeld an. Folgerichtig finden sich die Gesamtindizes von Arbergen und Mahndorf in der Schlussgruppe wieder.

Demgegenuber gehoren die Gesamtwerte von den anderen beiden Ortsteilen der Spitzengruppe an. Bei der Gartenstadt Sud sind bei keinem Kernbereich alle Dimensionen im obersten Feld. Ein AusreiBer nach unten ist bei der Dimension Identifikation festzustellen, die in der Schlussgruppe angesiedelt ist. Des Weite- ren gehoren die Dimensionen Akzeptanz von Diversitat, Anerkennung sozialer Regeln und Vertrauen in Institutionen nicht der Spitzengruppe, sondern „nur" dem oberen Mittelfeld an. Ein eindeutiges Bild ergibt sich bei den Kohasions- werten von Neuenland. Sie gehoren durchweg der Spitzengruppe an. Der einzi- ge AusreiBer ist bei der Dimension Solidaritat und Hilfsbereitschaft festzustellen, die im unteren Mittelfeld angesiedelt ist.

Die Experten wurden darum gebeten, den sozialen Zusammenhalt in den aus- gewahlten Ortsteilen einzuschatzen - ohne Kenntnis der gemessenen Koha- sionsniveaus. Dabei sind keine Hinweise fur die extremen Werte zu finden. Ex- perte E stuft den Zusammenhalt in der Gartenstadt Sud auf einer Skala von eins bis zehn sogar nur bei vier ein. Experte B spricht in diesem Kontext von einem „guten Zusammenhalt", wie auch Experte D, der es jedoch auf die Engagierten eingrenzt. Laut Experte C ist der Zusammenhalt in der Neustadt generell und insbesondere in der Gartenstadt Sud „sehr groB", wobei die fixen Ortsteilgren- zen vielen unklar sind. Der Zusammenhalt in Arbergen und Mahndorf wird von den Experten F und I ebenfalls als „gut" eingestuft, zwei Experten (F, J) verweisen in diesem Zusammenhang zudem darauf, dass es dort „ruhig" zugehe. Die Ex­perten G und H nehmen den lokalen Zusammenhalt zwar als positiv war, schranken die Einschatzung aber zugleich auch ein. Experte H auf Menschen, „die eine gemeinsame Idee haben oder die miteinander befreundet sind" und laut Experte G gebe es in Arbergen „nur in Bezug auf die Arberger" ein gutes

Miteinander. Nachfolgend werden die zentralen Expertenaussagen dargelegt und in Bezug auf die theoretischen Annahmen erortert.

12. Auswertung der Experteninterviews

In diesem Kapitel wird anhand der zehn Experteninterviews untersucht, inwie- fern das kommunale Handeln zur Erklarung der gegensatzlichen Kohasionsni- veaus herangezogen werden kann und welche weiteren Einflussfaktoren identi- fiziert werden konnen. Die These II besagt, dass kommunales Handeln, welches den Kontakt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen fordert, den gesellschaftlichen Zusammenhalt starkt. Sie wird uberpruft, indem die Interview- aussagen auf zweierlei Weisen ausgewertet werden. Zum einen werden die Antworten auf die erste, offene Interviewfrage (Welches kommunale Handeln fordert den gesellschaftlichen Zusammenhalt?) in Hinblick auf Obereinstimmun- gen mit der Kontakthypothese, aber auch der weiteren theoretischen Annahmen aus Kapitel 9.3 uberpruft. Zum anderen wird getestet, ob signifikante Unter- schiede im kommunalen Handeln differenziert nach Kohasionsniveau festzustel- len sind. Um die These bestatigen zu konnen, musste demnach in der Garten- stadt Sud und in Neuenland mehr und besser im Sinne der Kontakthypothese gehandelt worden sein als in Arbergen und Mahndorf. These II kann zwar be- statigt werden, allerdings werden die Unterschiede im kommunalen Handeln nicht als ausreichend eingestuft, um die gegensatzlichen Kohasionsniveaus aus- schlieBlich damit erklaren zu konnen. Deshalb werden im Anschluss weitere Ein- flussgroBen auf Grundlage der Interviewaussagen erortert, vor allem die unter- schiedlichen Mentalitaten in den Ortsteilen, die unter anderem die Wahrneh- mung des lokalen Zusammenlebens maBgeblich zu beeinflussen scheinen. Aus- gehend von den uberraschten Reaktionen der Experten auf die Ergebnisse der Bremen-Studie wird auch auf die gegensatzlichen Entwicklungen der Untersu- chungsraume verwiesen. Als zentrale Erkenntnis kristallisiert sich die Kontextge- bundenheit von gesellschaftlicher Kohasion heraus, die essentiell fur die ab- schlieBende Formulierung von Handlungsempfehlungen fur kohasionsfordernde MaBnahmen ist.

12.1 Kohasionsfordernde kommunales Handeln: Empirie

These II wird durch Antworten auf die offene Eingangsfrage gestutzt, die ohne beeinflussende Vorrede des Interviewenden erfolgten. Die theoretischen An- nahmen zu kohasionsfordernden MaBnahmen finden vielfach Zustimmung, ins- besondere die Kontakthypothese. Eine andere, theoretisch auch denkbare Stra- tegie, zum Wohle der Kohasion gesellschaftliche Gruppen zu separieren oder zu isolieren, wurde zudem in keinem Gesprach angedeutet. Ganz im Gegenteil, Ex- perte A nennt alle MaBnahmen kohasionsfordernd, „die Gruppen zusammen- fuhren und der sozialen Entmischung entgegenwirken", damit „unterschiedliche Gruppen miteinander leben konnen" und um „eine bunte Mischung beizubehal- ten". Experte H verbindet Implikationen der Kontakthypothese mit der Notwen- digkeit von Begegnungsorten:

„Ganz wichtig fur gesellschaftlichen Zusammenhalt ist, dass man zusam- men was macht, sich kennt und sich trifft. Ohne spezielle Einrichtungen, die so etwas ermoglichen, ohne Treffpunkte, ohne Orte, wo man sich trifft und wo auch Menschen in der Erwartung hingehen, andere zu treffen, passiert so etwas nicht. Im Alltag findet das sonst nicht statt."

Experte C formuliert es auf ahnliche Weise. Zentral fur den sozialen Zusammen­halt sei es, „Orte, Anlasse und Moglichkeiten [zu] schaffen, damit Menschen zu- sammenkommen und sich austauschen konnen." Experte D argumentiert eben- falls ahnlich: Politik solle „offentliche Begegnung in den Nachbarschaften for- dern" und dafur offentliche Raume bereitstellen sowie nachbarschaftliche Be­gegnung und Initiativen mit offentlichem Charakter selbst anstoBen oder for- dern. Experte C betont die Bedeutung von hauptamtlichen Einrichtungen, die Stadtteile, Ortsteile und Nachbarschaften miteinander vernetzten. Zudem brau- che es nicht nur Geld und Unterstutzung, sondern auch Raum, „wenn sich etwas sozial oder kulturell entwickeln soil, Urbanitat und eine Stadtentwicklung ent- stehen soll". Das bleibende Problem sei dabei fur Experte E, dass man mit Ver- anstaltungsangeboten entweder nur bestimmte Gruppen erreiche oder dass speziell ethnische Gruppen haufig unter sich blieben und so keine Durchmi- schung stattfande. Deshalb musse man „Raume zur Verfugung stellen, die Tref- fen ermoglichen" und es gelte „Moglichkeiten bereitzustellen, die es interessant machen sich zu treffen, wie zum Beispiele Platzfeste mit niedrigschwelligem An- gebot". AuBerdem erhohe Vernetzung den Zusammenhalt, weil man dadurch wisse „an wen man sich wenden kann". Vernetzung auf kommunaler Ebene zu initiieren, erachtet ebenfalls Experte J als „sehr sinnvoll - mit der Ortspolitik und mit sozialen Einrichtungen". Zudem sei fur den gesellschaftlichen Zusammenhalt „alles gut, was von unten kommt und schlecht, was von oben kommt". Auch fur Experte F sind jene Initiativen am besten, „die von den Burgern selbst kommen". Aufgrund dessen, sei es wichtig, mit den Bewohnern in Kontakt zu stehen und sie bei Bedarf an Entscheidungen zu beteiligen. Man musse Bedurfnisse kennen und auf sie eingehen (vgl. Experte J). Dieser Punkt unterstreicht die Relevanz von einer responsiven Verwaltung, die dazu in der Lage ist, Interessen und Anliegen der Bevolkerung wahrnehmen zu konnen.

Der Grundtenor der Aussagen entspricht den vorher aufgestellten Annahmen zur Kohasionsforderung in hohem MaBe. Die Aussagen stutzen These II, in dem die Durchmischung und Vernetzung unterschiedlicher Gruppen als kohasions- fordernd eingestuft wird. Experte B unterstreicht den Zusammenhang fur den Bereich Wohnen. Insbesondere in Hausern mit vielen Parteien sei es „die logi- sche Konsequenz, dass es weniger Stress gibt, wenn sich die Menschen kennen." Zudem sind viele Oberschneidungen mit den theoretischen Oberlegungen uber die Kontakthypothese hinaus festzustellen, da niedrigschwellige Veranstaltungs- angebote, Orte der Begegnung, hauptamtliche Vernetzungsstellen, Aktivitaten mit offentlichem Charakter und die Forderung von bottom-up-Initiativen von den Experten von sich aus angesprochen wurden, ohne dass der Interviewende darauf hingewiesen hat. Das gilt auch fur die Annahme, dass Bildungseinrich- tungen von hervorzuhebender Bedeutung sind, wie unter anderem Experte A nachdrucklich unterstreicht:

„Wichtigster Indikator fur Begegnung ist die Zeit, wo die Kinder klein sind, zwischen 0 und 10 Jahren, weil da am meisten soziale Kontakte ent- stehen, auch zwischen den Eltern, weil sie dichter an den Kindern dran sind. Freundschaften der Eltern bestehen haufig aus der Kindergarten- und Schulzeit ihrer Kinder."

Experte H pflichtet bei, da in den Kitas „Kinder aus allen Schichten und Landern" zusammenkommen und deshalb auch „Eltern, die hier schon lange zu Hause sind" und „Eltern, die aus ganz anderen Ecken der Welt kommen" aufeinander- trafen. Kinder forderten den Bruckenschlag uber Gruppen hinweg, „weil sie es nicht interessiert, wo jemand herkommt, sondern ob man etwas gemeinsam machen kann und ob man sich versteht" (Experte H). Experte D betont die Nahe der Eltern zu den Kindern im Kontext der Kita. Dort wurden sie die Kinder noch „uber die Schwelle begleiten" und sich bei der Elternarbeit begegnen. Ab der Grundschule wurden sich die Eltern in der Regel wieder mehr zuruckziehen, weshalb in den Kitas „die Grundlagen fur soziale Begegnung" gelegt werde. Bei der Ausstattung gelte es laut Experte A darauf zu achten, dass das Angebot in Bildungseinrichtungen mit vielen benachteiligten Kindern so gefordert werde, dass auch Kinder aus privilegierten Familien angemeldet werden wurden, um Vermischung statt Segregation zu erreichen.

12.2 Unterschiede im kommunalen Handeln

Die zweite Herangehensweise zur Prufung von These II vergleicht das kommu- nale Handeln in den beiden Untersuchungsraumen. GemaB der These musste in dem kohasionsstarken Untersuchungsraum mehr im Sinne der Kontakthypothe- se unternommen worden sein als im kohasionsschwachen Untersuchungsraum. Tatsachlich sind anhand der Expertenaussagen Unterschiede in der Quantitat als auch in der Qualitat festzustellen. Zunachst ist die politische Willenserklarung des Beirats der Neustadt in Form eines Parteienkonsenses anzufuhren: „Soziale Entmischung entgegenwirken und soziale Mischung begunstigen," weshalb ver- schiedene MaBnahmen ergriffen werden wurden, „um eine bunte Mischung bei- zubehalten" (Experte A). Speziell in der Sozial- und Bildungspolitik werde ver- sucht, Begegnung zu ermoglichen. Bei den Standorten von Schulen und Kitas und deren Grenzbezirken werde darauf geachtet, dass „unterschiedliche Wohn- gebiete reprasentiert sind", damit soziale Durchmischung erfolge und Privile- gierte und Benachteiligte nicht getrennt werden (ebd.). Zudem sei wichtig, dass es sich um Ganztags- und Gesamtschulen handle und eine enge Kommunikati- on mit den Schul- und Kita-Leitungen des Stadtteils bestehe, damit bei Bedarf Unterstutzung organisiert werden konne, etwa durch den Einsatz von Schulsozi- alarbeitern. Daruber hinaus hat sich der Beirat zum Ziel gesetzt, offentliche Plat- ze zu beleben. Dafur werden Globalmittel bereitgestellt, es wurde eigens eine Arbeitsgruppe gegrundet und das Projekt „Viva la Piazza" ins Leben gerufen. Dabei initiiere die Kommunalpolitik einerseits eigene Projekte, wie die Installie- rung von Bucherschranken, die Bespielung von Platzen oder die Forderung kul- tureller Projekte und sozialer Einrichtungen. Andererseits wurden mit dem Glo- balmitteltopf von 75.000 € Initiativen aus der Bevolkerung unterstutzt, „wenn sie im Sinne der Offentlichkeit und Nachbarschaftspflege (...) nach auBen" gerichtet seien wie Platzprojekte, StraBenfeste oder kulturelle Veranstaltungen - mitunter auch experimentelle Aktionen (Experte D). Der Beirat agiere lokalen Initiativen gegenuber offen, unterstutzend und suche das Gesprach mit ihnen, was sich zum Beispiel an der Unterstutzung des Lucie-Flechtmann-Platz zeige, eines von Anwohnern und Studierenden initiierten Urban-Gardening-Projektes (ebd.).

Zudem bestehen, unter anderem in Form des Stadtteilmanagements, hauptamt- liche Strukturen, die „Vernetzung begunstigen und unterstutzen [und] Kontakte herstellen" (Experte A). Um Austausch und Kooperationen zu ermoglichen, wer- den „Formate und Moglichkeiten [bereitgestellt], um sich austauschen zu kon- nen - geschaftlich wie personlich" (Experte C). Beispielhaft sei das Kulturnetz- werk ,Vis-a-Vis', welches fast 80 Mitglieder umfasse und sich zu unterschiedli- chen Themen engagiere (ebd.). Das Ergebnis der Vernetzung seien vielfaltige Veranstaltungen wie das jahrlich stattfindende Musik- und Kulturfestival ,Sum- mer Sounds', das „eng mit dem Stadtteil organisiert" werde:

„Viele Neustadter (...) arbeiten das ganze Jahr uber zusammen und es entstehen daraus Kooperationen, die man vorher nicht fur moglich gehal- ten hat. Das Festival ist umsonst und drauBen, so dass jeder teilhaben kann. Dort kommen an dem einen Tag 10 bis 12.000 verschiedene Men- schen aus unterschiedlichen Orts- und Stadtteilen zusammen und be- gegnen sich" (ebd.).

Dadurch, dass Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen der Neustadt beteiligt seien, vermischten sich bei dem Festival verschiedene Milieus. Daneben betreffe Vernetzung auch den Austausch in Gremien zu spezifischen Themenfeldern. In den Gremien gebe es eine enge Zusammenarbeit zwischen Beirat, Ortsamt und weiteren relevanten Akteuren der Neustadt wie den Bil- dungseinrichtungen, der Polizei, den sozialen Einrichtungen und den Kirchen- gemeinden (vgl. ebd.).

In der Gartenstadt Sud hat es eine Reihe von niedrigschwelligen Veranstaltun­gen gegeben, die darauf ausgelegt waren, den Ortsteil zu beleben und Men­schen miteinander in Kontakt zu bringen. Zunachst ist auf die mehrwochige Beachparty beim Mehrgenerationenhaus zu nennen, die im Rahmen des Pro- jekts „Viva la Piazza" stattgefunden hat und auf die unter 12.6. detailliert einge- gangen wird. Daneben habe es verschiedene „Aktionen zur Belebung des Men- kenmarkts, der [fur sich] nicht sonderlich attraktiv ist" gegeben, wie Platzfeste, einen internationalen Suppentag und ein Kurbisschnitzen (Experte D). Die Ex- perten A, B, D, E sind sich einig, dass fur den Ortsteil die GEWOBA ein bedeut- samer Faktor sei, da sie sich sehr sozial engagiere. Auffallig ist, dass viele der von ihr geforderten Aktivitaten der Begegnung und Durchmischung dienen, was bei den Ausfuhrungen von Experte B deutlich wird: So wurden Mieterfeste or- ganisiert, bei denen „unterschiedlichen Nationalitaten zusammen kommen" und es Veranstaltungsangebote fur alle Altersgruppen gebe. Die steigenden Teil- nehmerzahlen drucken eine zunehmende Beliebtheit aus. Dort konnten sich Menschen ganz unkompliziert „bei einer Bratwurst am Tisch kennen lernen". Zudem werde an Nikolaus Geschenke an Kinder und im Fruhling Balkonpflanzen an alle Mieter verteilt. „Es gibt eine groBe Resonanz bei solchen Aktionen, die unterschiedlichen Leute stehen in der Schlange und kommen miteinander ins Gesprach." Bei Unstimmigkeiten zwischen Mietern kummere sich das Nachbar- schaftsmanagement der GEWOBA und „durch personlichen Kontakt werden die meisten Konflikte beigelegt". AuBerdem gebe es in jedem einzelnen Quartier Hauswarte, die „sich vor Ort und bei den Mietern" auskennen wurden. Durch technische Erneuerungen versuche das Sozialmanagement der GEWOBA, alteren Menschen zu ermoglichen, weiterhin in „ihren angestammten Quartieren woh- nen bleiben" zu konnen. Des Weiteren soll gunstiger Wohnraum geschaffen und erhalten werden, damit es auch „Angebote fur den kleineren Geldbeutel" gebe. SchlieBlich beteilige sich die GEWOBA bei der Vernetzung in den Quartieren und unterstutze lokale Initiativen, so stelle sie bei Aktionen auf dem Menkenmarkt regelmaBig die Zelte zur Verfugung (vgl. Experte B). Auch andere Institutionen zeigten „sich sehr offen fur offentliches Engagement" wie die Schulen und Kitas, die Kirchengemeinde, die Spielplatzinitiative Theodor-Storm-StraBe und das Mehrgenerationenhaus (Experte D). In letzterem gebe es beispielsweise viele Aktionen wie regelmaBige Spielangebote, einen gunstigen Mittagstisch oder gemeinsames FuBballschauen. Es kamen „Senioren, Vater mit ihren Kindern, Fa- milien im Kleinkindbereich" (ebd.). Letztlich ist noch festzuhalten, dass auch die Bevolkerung eigeninitiativ Events organisiere. Durch das Engagement der An- wohner, speziell der Familien, gebe es in der Gartenstad Sud und der Neustadt generell „eine ganze Reihe von StraBenfesten und SpielstraBen-Events", etwa in der MeyerstraBe oder KantstraBe, fur die die Anwohner „auch selbst Geld in die Hand nehmen" (ebd.).

In Arbergen und Mahndorf ist die Reichweite der kommunalen Aktivitaten als geringer einzustufen. Im Wesentlichen beschrankt es sich zum einen auf ver- schiedene Formen von Festlichkeiten und zum anderen auf die Aktivitaten des Burgerhauses. In Arbergen gebe es das Dorffest und das Fest der Vereine (vgl. Experte I). Laut Experte I stand das Erstgenannte bei der Bevolkerung in der Kri- tik, da die Kommerzialisierung problematisches Publikum aus ganz Bremen an- gezogen habe, wahrend das Zweitgenannte zunehmenden Zuspruch erfahre. Dort wurden alle Vereine einen eigenen Stand haben und auch das Rahmen- programm werde ehrenamtlich von ihnen organisiert, woran mittlerweile auch indische und afrikanische Gruppen partizipierten. Daneben wurden jahrlich noch das Fruhlingsfest in Mahndorf und die etwas groBere „HEVIE", kurz fur Hemelin- ger Vielfalt, im angrenzenden Ortsteil Hemelingen stattfinden - beides Messen fur Gewerbetreibende. Mit Blick auf Veranstaltungen in den Ortsteilen konsta- tiert Experte F: „Man kann sagen, dass wir da ein Defizit haben. Man konnte mehr machen, damit verschiedene Gruppen in Kontakt kommen." Damit Men- schen sich begegnen konnten, musste es laut des Experten mehr StraBenfeste und attraktive Veranstaltungen geben. Jedoch sei das Burgerhaus Mahndorf „ein zentraler Begegnungsort mit vielfaltigen Veranstaltungsangebot" (Experte G). Es begreife sich als „Kommunikationsstatte, wo Menschen mit Ideen, Anliegen und Sorgen hinkommen konnen und andere Menschen treffen, mit denen sie sich daruber auseinandersetzen konnen" und es schaffe „Raumlichkeiten, um sich zwanglos treffen zu konnen - beispielsweise durch ein verzehrfreies Cafe oder Veranstaltungen mit niedrigschwelligem Anlass" (Experte H). Zudem werde eine groBe Programmbreite angestrebt, mit dem Ziel „ein Programm fur alle zu ma- chen" (ebd.). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es in Arbergen zwar mehr Festivitaten gibt, aber dort eine mit dem Burgerhaus vergleichbare Einrichtung fehlt. Das Burgerhaus bietet ein vielfaltiges und ansprechendes Pro­gramm, ist jedoch sehr auf die eigenen Raumlichkeiten konzentriert.

Vernetzung findet in Arbergen vor allem im Rahmen der Kommunalpolitische Arbeitsgemeinschaft (KAG) statt. Das ist ein „Zusammenschluss aller Parteien, Vereine und Institutionen, die ihren Sitz in Arbergen haben - derzeit umfasst sie 38 Organisationen" (Experte I). Die 1954 gegrundete Vereinigung habe keine Satzung, agiere uberparteilich und konsensorientiert, damit „Arbergen mit einer Stimme gegenuber der Bremer Politik spricht" (ebd.). Bei anfallenden Problemen werde Hilfe geleistet, sei es durch das Sammeln von Spenden oder durch Man­power". Laut Experte I funktionierten die Kommunikationsstrukturen eher infor- mell und auf Zuruf. In Mahndorf gebe es mit der „Gewerbegemeinschaft Mahn- dorf" eine ahnliche Plattform, die jedoch weniger historisch gewachsen sei. Bei- den sei gemein, dass der Fokus auf den eigenen Ortsteilen liege, aber sich „nicht mit dem was auBen rum passiert" auseinandergesetzt werde (Experte G). Dem- entsprechend hatten es ortsteilubergreifende Integrationsbestrebungen auf Stadtteilebene schwer. Die Sportgemeinschaft aus den Sportvereinen Mahndorf und Arbergen hingegen verbinde die beiden Ortsteile. Dort gebe es „ein sehr vielfaltiges gemeinsames Tun, das ist ein groBer Integrationsfaktor, da Men- schen mit unterschiedlichen Pragungen zusammenkommen" (ebd.). Zudem be- stehe die Facebook-Gruppe „Arbergen und Mahndorf aktuell", in der man sich zu allen Themen untereinander austausche und aufeinander aufpasse (vgl. Ex­perte F).

AbschlieBend wird noch auf ein Problemmuster eingegangen, auf das Experten aus beiden Untersuchungsraumen hinweisen. Es bestehe die Schwierigkeit, dass in sich geschlossene, homogene Gruppen bestimmte Raume besetzten und an- dere Gruppen dadurch verdrangten. Experte D fuhrt aus, dass „im Jugendbe- reich (...) sich die Jugendliche stark in ihren Gruppen" sortierten und nennt als Beispiel das Freizeitheim in der ThedinghauserstraBe in der Gartenstadt Sud. Wenn sich dort eine Clique breitmache, „gehen andere dort nicht hin". Experte H erkennt ebenfalls in Jugendeinrichtungen immer wieder das Problem der Cli- quenbildung, die durch die Besetzung eines Platzes andere Gruppen verdrangen wurden. Auch Experte I berichtet von einer Verdrangung deutscher Jugendlicher durch eine turkische Community im Jugendheim. Experte E fugt als weiteres Bei­spiel den Spielplatz an der Theodor-Storm-StraBe, ebenfalls in der Gartenstadt Sud an. Von dort hatten sich „im Ortsteil ansassige Familien (...) durch die Pra- senz der turkischen Familien zuruckgezogen". Diese Beobachtung wirft zunachst die Frage auf, inwiefern es uberhaupt als problematisch anzusehen ist, wenn sich Menschen in ihren Gruppen sammeln, schlieBlich verteidigt der Kommuni- tarismus genau das als sinn- und identitatsstiftend. Im Rahmen dieser Arbeit wird es als problematisch angesehen, wenn dies zur strukturellen Separation von Gruppen fuhrt, der die Grundlage fur eine „versaulte" Gesellschaft darstellt und damit gegenseitiges Unverstandnis oder gar gegenseitige Abwertung und Feindlichkeit wahrscheinlicher macht. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob Verdrangung beabsichtig oder unbeabsichtigt erfolgt. Darum gilt es zu eror- tern, welche Strategien diesem Umstand entgegnet werden konnen. Experte I verweist auf die Relevanz von fahigen, handelnden Personen in sozialen Einrich- tungen. Der neue Heimleiter in der Jugendeinrichtung in Arbergen sei „ein Glucksfall, weil er gut in diverse Gruppen hinein vernetzt ist und so Probleme auffangen kann". Des Weiteren ist erneut auf das Integrationspotenzial von Bil- dungseinrichtungen zu verweisen: Wenn sie Durchmischung ermoglichen kon­nen, befreunden sich Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Hintergrunden, damit kann die beschriebene Dynamik aufgebrochen werden und wohlwollende Kontakte uber Gruppengrenzen hinweg entstehen.

12.3 Fazit zu These II

Bei beiden Ansatzen, These II zu testen, konnten unterstutzende empirische Hinweise identifiziert werden, weshalb im Rahmen dieser Arbeit bestatigt wer- den kann, dass kommunales Handeln im Sinne der Kontakthypothese den sozia- len Zusammenhalt starkt. Auf die offen gestellte Frage, wie kommunales Han­deln die Kohasion starken kann, erklaren die Experten auf unterschiedliche Wei- se, dass der Kontakt uber die individuelle Eigengruppe hinweg gefordert werden muss. Konkret sagten sie, man musse „Gruppen zusammenfuhren", „der sozialen Entmischung entgegenwirken", die „offentliche Begegnung in den Nachbar- schaften" fordern, „Orte, Anlasse und Moglichkeiten schaffen, damit Menschen zusammenkommen und sich austauschen konnen" und die es „interessant ma- chen, sich zu treffen". Zudem verweisen sie auf die Notwendigkeit, Einrichtun- gen und generell Raume zu schaffen, die gruppenuberschreitende Begegnun- gen ermoglichen. Des Weiteren wird die Bedeutung von Kitas und Schulen be- tont, weil dort Kinder aller Milieus zusammenkommen konnen.

Daneben sind auch Unterschiede bei den kommunalen Aktivitaten nach Koha- sionsniveau in den Untersuchungsraumen zu verzeichnen. In Arbergen und Mahndorf begrenzen sich die Bestrebungen unterschiedliche Gruppen mitei- nander in Kontakt zu bringen auf vereinzelnde Events im Jahr sowie auf das En­gagement des Burgerhauses, das sich allerdings sehr auf die eigenen Raumlich- keiten konzentriert. Zudem raumt ein Experte Defizite in diesem Zusammen- hang ein. Der starke Fokus auf den eigenen Ortsteil und der damit verbundenen, mangelnden Stadtteilintegration wird von allen Befragten bestatigt. Im Unter- schied dazu ist ein hoheres Niveau an DurchmischungsmaBnahmen speziell in der Gartenstadt Sud festzustellen, aber auch auf Stadtteilebene, der die beiden Ortsteile aufgrund des integrierten Kleinstadtcharakters maBgeblich beeinflusst. Bedeutsam dafur ist, dass sich der Beirat Neustadt aktiv dafur einsetzt, gesell- schaftliche Durchmischung zu fordern. Es besteht eine parteiubergreifende Wil- lenserklarung, der sozialen Entmischung entgegenzuwirken und soziale Mi- schung zu fordern. Deshalb wird darauf hingewirkt, dass in Schulen unterschied- liche gesellschaftliche Gruppen vertreten sind. Zudem initiiert der Beirat ausge- hend von der eigens eingerichteten AG zur Belebung offentlicher Platze eigene Projekte, um Menschen in ihren Nachbarschaften miteinander in Kontakt zu bringen. Diese Projekte werden professionell begleitet und erfolgen unter der breiten Einbeziehung der lokalen Akteursstruktur im jeweiligen Quartier. Hilf- reich ist dabei die umfangreich vorhandene soziale Infrastruktur, die sich zudem offnet und sich vielfach engagiert. Zudem werden Globalmittel bereitgestellt, um Initiativen aus der Bevolkerung mit sozialer Orientierung finanziell zu for­dern. Dafur muss sich der Beirat mit entsprechenden Projekten auseinanderset- zen, was dessen Sensibilitat fur die Interessen innerhalb des Stadtteils unter Be- weis stellt. Die kontaktfordernde Verwaltungsstruktur wird durch das Stadtteil- management erweitert, in dem es systematisch und stadtteilubergreifend rele- vante Akteure miteinander vernetzt, dadurch Kooperationen begunstigt und attraktive Veranstaltungen anschiebt. In Arbergen und Mahndorf sind die Ak­teure auch zum Beispiel im Rahmen der KAG miteinander vernetzt, im Unter- schied zur Neustadt ist die Vernetzung eher informeller Natur, ehrenamtlich or- ganisiert und mit einer Fokussierung auf den eigenen Ortsteil. AbschlieBend gilt es die Relevanz der GEWOBA fur die Gartenstadt Sud zu unterstreichen, da sie auf unterschiedliche Art und Weise den Kontakt zwischen verschiedenen gesell- schaftlichen Gruppen begunstigt. Erstens bietet sie unterschiedliche nied- rigschwellige Kontaktanlasse wie Mieterfeste an. Zweitens kummert sie sich bei Unstimmigkeiten zwischen Mietern um eine Beilegung der Konflikte. Drittens bemuht sie sich darum, auch Senioren und finanziell Schwachere Wohnraum in attraktiven Lagen zu bieten. Zusammenfassend ist die hohere Qualitat des kommunalen Handelns an der proaktiven Rolle der Lokalpolitik inklusive der Initiierung eigener Durchmischungsaktivitaten, der Forderung lokaler Initiativen, der systematischeren Vernetzung sowie an den entsprechenden Verwaltungs- strukturen festzumachen. Ein zusatzlicher, die Kontakthypothese unterstutzen- der, Hinweis erfolgte wahrend der Interviews nonverbal, aber ist gerade deshalb nicht zu unterschatzen. Als der Interviewende die theoretischen Annahmen zum Zusammenhang von Kontakthypothese und Zusammenhalt erlauterte, signali- sierten viele Experten selbstverstandliche Zustimmung, indem sie beispielsweise bestatigend nickten. Einige bejahten auch in der Folge die Ausfuhrungen. Ver- einzelt wurde die „Theorie" auch lediglich als „gesunder Menschenverstand" eingeordnet.

Allerdings sind auch die empirischen Einschrankungen zu benennen. Bereits er- wahnt wurden die ebenfalls vorhandenen MaBnahmen im Sinne der Kontakthy­pothese in Arbergen und Mahndorf, speziell das umfangreiche Angebot des Burgerhauses Mahndorf ist dabei hervorzuheben. AuBerdem beziehen sich viele der Expertenaussagen auf die gesamte Neustadt, oder eben auf die Gartenstadt Sud - uber den Ortsteil Neuenland kann kaum etwas Kohasionsforderndes be- richtet werden. Deshalb erscheint die Diskrepanz zwischen den gemessenen Kohasionswerten derart ausgepragt, dass allein die Unterschiede im kommuna- len Handeln nicht ausreichen, um das unterschiedliche Niveau zu erklaren. Die gemessenen Werte werden insbesondere davon in Frage gestellt, dass es sich bei Arbergen und Mahndorf relativ zu anderen Gebieten Bremens nicht um so- ziale Brennpunkte handelt. Sie werden als dorflich, ruhig, gar idyllisch beschrie- ben, es gibt wenige Arbeitslose, wahrend einige andere Ortsteilen, wie Tenever oder Osterholz sozial und wirtschaftlich uberfordert sind. Deshalb ist erstens festzuhalten, dass das kommunale Handeln den Zusammenhalt beeinflusst und These II bestatigt werden kann. Zweitens muss allerdings angefuhrt werden, dass diese Unterschiede allein nicht ausreichen, um die gegensatzlichen Zu- sammenhaltniveaus erklaren zu konnen. Deshalb werden ausgehend von den Ansatzen, die uberraschenden Messwerte einzuordnen, die unterschiedlichen lokalen Mentalitaten und die Entwicklung der Untersuchungsraume in die Erkla- rung integriert. Die Kenntnis lokaler Kontexte wiederum ermoglicht erkenntnis- reiche Ruckschlusse fur ein lokal geeignetes kommunales Handeln, worauf sich prazisere Oberlegungen zu kohasionsstarkenden MaBnahmen aufbauen lassen.

12.4 Uberraschende Untersuchungsergebnisse

Fur die uberwiegende Zahl der Experten sind die Ergebnisse der Bremen-Studie der Bertelsmann Stiftung uberraschend. Einen ersten Hinweis darauf geben die unter 11.3 angefuhrten Einschatzungen des Zusammenhalts in den Ortsteilen. Dabei konnte nur zum Teil Obereinstimmungen mit den Messergebnissen fest- gestellt werden, wobei die Extreme der Kohasionswerte uberhaupt nicht von den Experten antizipiert wurde. Mit der letzten Frage des Interviewleitfadens wurden die Experten mit den Untersuchungsergebnissen konfrontiert und um eine ad hoc-Erklarungen gebeten. Vier von funf Experten nennen das niedrige Kohasionsniveau fur Arbergen und Mahndorf „uberraschend". Sie beschreiben Arbergen und Mahndorf als „ruhig" (Experte J), „idyllisch" (Experte G) und mit einem „guten Gemeinwesen" (Experte F). Die Kriminalitat ist uberschaubar, die Wohnraumausstattung mit vielen Einfamilienhausern uberwiegend komfortabel und die Arbeitslosigkeit gering. Die beiden Ortsteile zahlen dementsprechend nicht zu den sozialen Brennpunkten Bremens, anders als beispielsweise die Ort­steile Tenever und Osterholz, wo „es Probleme ohne Ende" gebe (Experte G). Zudem seien sie „migrantisch nicht uberlastet"- im Unterschied beispielsweise zum angrenzenden Ortsteil Hemelingen (Experte J). Dort gebe es zudem „zu wenig Kitas" und „ghettoartige Gebiete", weshalb Experte G konstatiert, dass es in Arbergen und Mahndorf „eigentlich gemutlich im Vergleich zu anderen Orts­teilen" sei. Doch auch die Spitzenwerte fur die Gartenstadt Sud und Neuenland sind fur die Befragten in umgekehrter Weise uberraschend. Zwar ist es aufgrund der positiven Entwicklung der Neustadt erwartbar, dass in diesem Stadtteil ge- nerell ein hoher sozialer Zusammenhalt gemessen werden kann. Jedoch liegen die „Hotspots" wie die vielen Kultureinrichtungen und Kneipen, die Einkaufsstra- Ben und auch die attraktiven Grunanlagen in anderen Ortsteilen. Auch die Be- volkerungs- und Bebauungsstruktur hatten vermuten lassen, dass im akade- misch gepragten Flusseviertel oder im studentisch gepragten Buntentor eine hohere Kohasion gemessen wird, als in der Gartenstadt Sud mit den hochge- schossigen GEWOBA-Hausern oder im dunn besiedelten Flughafenviertel Neu- enland, weshalb Experte D konstatiert: „Fur Neuenland habe ich uberhaupt kei- ne Erklarung."

Diese Einschatzungen geben einen Hinweis darauf, dass die erweiterte Umge- bung und deren Entwicklung pragend fur die Messwerte sein konnten. Demnach senken naheliegende soziale Brennpunkte die Kohasion, wahrend vitale und boomende Umgebungen einen positiven Effekt haben. Dabei scheint auch die wahrgenommene Entwicklung der eigenen Umgebung die Einschatzung des lokalen Zusammenhalts zu beeinflussen. Die positive Entwicklung der Neustadt von einem spieBigen hin zu einem bunten, vitalen und attraktiven Stadtteil wird unter 11.2 ausfuhrlich dargelegt. Im Gegensatz dazu beschreiben die Experten fur Arbergen und Mahndorf einige problematische Entwicklungen. So unterla- gen die Ortsteile zunehmend einer hohen Verkehrsbelastung durch Bahnlinien, der Einflugschneise und den Autobahnen. Zudem habe die Entstehung des We- serparks, einem groBen Einkaufszentrum in Reichweite der Ortsteile, mitsamt dem gunstigen und modernen Angebot die kleinen Geschafte vor Ort ver- drangt. „Sobald er entstanden ist, ist die ortliche Infrastruktur hier ausgedorrt." Der Konsum habe sich dorthin verlagert, „und hier haben die kleinen Geschafte und Gaststatten, die alle Treffpunktfunktion hatten, nach und nach ihr Publikum verloren" (Experte H). Des Weiteren habe sich die Situation in der Grundschule Mahndorf geandert, „in dem der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund stark angestiegen ist" (Experte F). Dies sei eine groBe subjektive Veranderung fur die Eltern und Lehrer. In der Folge forderten sie mehr Schulsozialarbeiter, ob- wohl der Anteil im Vergleich zu anderen Ortsteilen immer noch unterdurch- schnittlich sei (ebd.). Allerdings melden die Experten E und F Zweifel an den Studienergebnissen an, sie meinen, der tatsachliche Zusammenhalt in Arbergen und Mahndorf sei besser als es die Messungen vermuten lassen wurden - vor allem im Vergleich zu den sozialen Brennpunkten in Bremen.

Eine schlussige Erklarung bietet die unterschiedliche Wahrnehmung der konzep- tionellen Dimensionen von gesellschaftlicher Kohasion. Die unterschiedliche Er- wartungshaltung an das lokale Zusammenleben determiniert die Bewertung der Kohasionsdimensionen und verzerrt dadurch die Messung des tatsachlichen Zusammenhaltniveaus. Auf die Neustadt angewendet, kann argumentiert wer- den, dass liberale Bildungsmilieus in den Vorzeigeortsteilen einen hoheren nor- mativen Anspruch an das Zusammenleben haben als die Menschen in der Gar- tenstadt Sud oder Neuenland. Dadurch beantworten sie die Fragen zu den ein- zelnen Dimensionen spitzfindiger, wodurch das gemessene Kohasionsniveau abgesenkt wird. Im Kontext von Arbergen und Mahndorf erscheint die dorfliche Mentalitat den Anspruch an das Zusammenleben nachhaltig zu beeinflussen. In Bezug auf das niedrige Kohasionsniveau weisen die Experten J und I auf den dorflichen Charakter der beiden Ortsteile hin, ohne den Zusammenhang weiter zu erklaren. Experte F stellt die Vermutung an, dass es mit der traditionellen Verbundenheit vieler Bewohner zusammenhange, fur die es „nicht mehr so ist, wie es fruher mal war". Diese Aussage enthalt einen Verweis auf eine Wahrneh­mung, dass das Zusammenleben sich in einer negativen Weise entwickelt habe. Experte A liefert dafur eine Erklarung:

„Auffallig ist, dass [sie] ehemalige Dorfer am Rande der Stadt waren, die durch bauliche und verkehrliche MaBnahmen einen deutlichen Wandel erlebt haben. Sicherlich ist da auch vieles von den alten Strukturen, Zu­sammenleben und Oberschaubarkeit, Zusammenhalt, Bevolkerungsstruk- tur und Nachbarschaft fur die "Ureinwohner" deutlich verandert."

Experte E fuhrt diesen Punkt weiter aus, indem er aufgrund der dorflichen Men- talitat eine ausgepragtere Anspruchshaltung an den lokalen Zusammenhalt vermutet:

„Die klassischen Organisatoren des sozialen Zusammenhalts waren in der Vergangenheit die Dorfkneipe, der Schutzenverein, die freiwillige Feuer- wehr, der Sportverein und die Kirchengemeinde. (...) Diese enge Verbin- dung zum Dorf ist durch die Verstadterung der beiden Dorfer sicher in der Vergangenheit immer weniger geworden - aber der Anspruch der „Alteingesessenen" an den sozialen Zusammenhalt ist weiterhin hoch, weil er eben fruher viel groBer war - man kannte ja fast jeden aus dem Dorf."

Den beiden Zitaten46 zufolge besteht aufgrund der dorflich tradierten Historie eine relativ hohe und spezifische Erwartungshaltung an das lokale Zusammen- leben. Durch den Prozess der Verstadterung bzw. der „Entdorflichung" wird der Zusammenhalt jedoch negativer wahrgenommen und eingeschatzt, als er gera- de im Vergleich zu anderen Ortsteilen zu sein scheint, was wiederum die niedri- gen Kohasionswerte mit erklaren kann.

Darauf kann entgegnet werden, dass auch Neuenland aufgrund der Randlage und der kleinteiligen und dunnen Besiedlung ahnliche dorfliche Strukturen auf- weist. Allerdings sind Ahnlichkeiten nur in Bezug auf die Struktur, nicht aber auf die gewachsene Mentalitat festzustellen. Es ist kein Dorf im traditionellen Sinne, das sich als zusammenhangende Einheit versteht, kollektive Routinen pflegt und uber eine historisch gewachsene Vereinskultur verfugt. Wegen dieser fehlenden Charakteristika „ist der Anspruch an den sozialen Zusammenhalt in stadtisch gepragten Wohnquartieren wahrscheinlich viel geringer als in ehemals dorfli- chen Strukturen" (Experte E). Demzufolge gebe es in Neuenland wie auch in der Gartenstadt Sud „ganz andere Strukturen und Erwartungshaltungen an das Zu- sammenleben" (Experte A). Einen besonderen Kontrast bietet die Gartenstadt Sud, die als Neubaugebiet in den 1960er-Jahre entstanden ist. Das heiBt „es wa- ren damals alle neu, keiner war als Erster da", um daraus Etabliertenvorrechte ableiten zu konnen - dadurch konne Zusammenhalt entstehen, „weil alle aufei- nander zugehen mussen" (Experte H). In dem Ortsteil sei zudem auffallig, dass viele Menschen aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen eher im sozialen Nahfeld bleiben und sich dort beteiligten: „Es gibt ein hohes Engagement, das eigene Lebensumfeld zu gestalten auch wenn die soziale Lage prekar ist" (Ex­perte D). Der Argumentation zufolge determiniert die lokale Mentalitat die An- spruchshaltung an das Zusammenleben und kann dadurch die Wahrnehmung auf den tatsachlichen Zusammenhalt verzerren. Dieser Ansatz wirft umgehend zwei Fragen auf. Erstens, inwiefern das tatsachliche Kohasionsniveau eine Rele- vanz gegenuber dem wahrgenommenen Kohasionsniveau hat und zweitens, ob es so etwas wie einen „objektiven" Zusammenhalt uberhaupt geben kann? Diese Fragen konnen im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht behandelt werden. Statt- dessen werden nachfolgend weitere relevante Implikationen der unterschiedli- chen Mentalitaten fur die Erklarung und Gestaltung des Zusammenhalts darge- legt.

12.5 Exklusive Dorfgemeinschaft vs. inklusive Kleinstadtgesellschaft

In diesem Unterkapitel werden die gegensatzlichen Mentalitaten im Detail her- ausgearbeitet, die auf die verkurzende Formel exklusive Dorfgemeinschaft vs. inklusive Kleinstadtgesellschaft heruntergebrochen werden konnen. Um das herauszuarbeiten, wird auf die diametrale Wahrnehmung von Ortsteilgrenzen, die Unterschiede in der Identifikationsweise und dem unterschiedlichen Um- gang mit dem Modernisierungsprozess, speziell der Diversifizierung, eingegan- gen. Dabei konnen Oberschneidungen mit der bisherigen Charakterisierung er- folgen, die auf Unterschiede unter anderem in der Bebauungsstruktur, der geo- grafischen Lage, der sozialen Infrastruktur und dem kommunalen Handeln ver- weisen. Auch die gegensatzliche Entwicklung der Untersuchungsraume gilt es in Erinnerung zu rufen. Auf der einen Seite steht die Neustadt, die sich von einem spieBigen zu einem hippen Stadtteil entwickelt hat und auf der anderen Seite der schleichende Verlust des dorflichen Charakters in Arbergen und Mahndorf inklusive des Wegbrechens der dezentralen Einkaufsstruktur wegen eines mo- dernen Einkaufszentrums.

Passend zu diesem Beschreibungsmuster manifestieren sich die verschiedenen Mentalitaten in unterschiedlichen Zugehorigkeitsgefuhlen. Wahrend in den ko- hasionsstarken Ortsteilen, wenn uberhaupt, ein Bezug zum Stadtteil besteht, identifizieren sich die Menschen in Arbergen und Mahndorf stark mit dem eige- nen Ortsteil. Das zeigt sich zum Beispiel an der unterschiedlichen Wahrnehmung der Ortsteilgrenzen. In der Neustadt generell seien die Grenzen zwischen den Ortsteilen fur die Bevolkerung „eher unwichtig und auch nicht so klar", weil zum Beispiel die Einzugsgebiete fur Schulen und Kitas ortsteilubergreifend seien (Ex- perte D). In den ehemaligen Dorfern stellt sich die Situation ganzlich anders dar, es gebe fixe raumliche Ortsteilgrenzen und mit einem Tunnel eine naturliche Grenze zwischen Arbergen und Mahndorf (vgl. Experte H, G). Des Weiteren stimmen die Experten bei der Analyse einer ortsteilbezogenen Identifikation uberein: „Die Menschen haben eine hohe Identifikation mit ihren eigenen Orts­teilen, identifizieren sich jedoch weitaus geringer mit dem Stadtteil Hemelin- gen", so sei der Zusammenhalt in Arbergen gut, „aber nur in Bezug auf die Ar- berger" (Experte G). Diese Feststellung teilen auch die anderen vier Experten. Experte H verweist dabei auf einen Zusammenhang mit dem Alter: „Je alter die Menschen sind, desto starker fuhlen sie sich als Arberger oder Mahndorfer." Ex- perte I fuhrt noch eine weitere Abstufung ein, in dem der Bezug zur Stadt Bre­men noch geringer sei als zum Stadtteil Hemelingen. Laut Experte J gehe die „hohe Identifikation mit dem eigenen Ortsteil" soweit, dass die traditionell ge- pragten Einwohner es ungern horten, dass man auch im Stadtteil Hemelingen sei und Experte F fugt an, dass viele es ablehnen als „Hemelinger" betitelt zu werden.

Demgegenuber stellen die Experten der kohasionsstarken Ortsteile ausschlieB- lich einen Bezug zur Neustadt fest und auch nur im Kontext der positiven Ent- wicklung des Stadtteils und nicht aufgrund eines tradierten Zugehorigkeitsge- fuhls. Folglich meint Experte E, dass sich die Identifikation hauptsachlich auf den Stadt- und nicht den Ortsteil beziehe. Experte A nimmt ein zunehmendes Zuge- horigkeitsgefuhl wahr, „da die Neustadt immer angesagter" sei. Zudem wurden sich auch die „Alteingesessenen" uber das steigende Image freuen und in der Neustadt gebe es generell eine „inklusive Mentalitat" (Experte C). Zusammenfas- send kann der inklusive und mit dem Image steigende Bezug zum Stadtteil in der Neustadt einer ausgepragteren, historisch gewachsenen und exklusiven Identifikation mit dem Ortsteil in Arbergen und Mahndorf gegenubergestellt werden. Letzteres wird anhand einer Anekdote deutlich, die Experte I wiedergab: Eines 80-Jahrigen zufolge habe fruher eine groBe Rivalitat zwischen den Sport- vereinen Arbergen und Mahndorf bestanden und „nach einer Niederlage gegen das Nachbardorf kam es zu Prugeleien und Tunnelsperren." Diese Erzahlung sagt viel uber das ursprungliche Selbstverstandnis der Ortsteile als traditionelle Dorfer aus und verdeutlicht die Parallelen zu Tonnies Beschreibung einer Ge- meinschaft, in der man sich untereinander kennt, sich verbunden fuhlt, sich so- gar als Einheit versteht und Fremdheit dementsprechend nicht vorkommt.

Jedoch sind diese Ortsteile einem Modernisierungsprozess ausgesetzt, der die dorflichen Strukturen bedroht. Das zeigt sich im modernen Einkaufszentrum, das die kleinen Dorfladen verdrangt, im steigenden Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund oder in der erhohten Verkehrsbelastung. Durch die ge- sellschaftliche Diversifizierung nehmen die ehemaligen Dorfer zunehmend Zuge einer Gesellschaft nach Tonnies an, deren zentrales Charakteristikum die inter­personal Unverbundenheit darstellt (siehe Kapitel 4.2). Die zunehmende, zu- mindest eingeschrankte Verbundenheit scheint Unbehagen bei den „Etablier- ten" auszulosen. Die Sorgen, die der Anstieg migrantischer Schuler bei Eltern und Lehrenden auslost, wurden bereits angesprochen. Experte I berichtet, dass es wegen der alternden Bevolkerung viele Leerstande gebe. Wenn migrantische Familien in die leerstehenden Hauser einzogen, store es manche, da sie „keine Migranten als Nachbarn haben" wollten. Noch deutlicher hat es sich bei den „heftigen Diskussionen" (Experte G) uber die geplanten Obergangswohnheime fur Gefluchtete gezeigt, die in Arbergen und Mahndorf entstehen sollten.47 In Mahndorf bundelten sich die Proteste gegen den geplanten Bau in einer Bur- gerinitiative, viele hatten davor Angst gehabt, dass „ihr Gebiet auseinander- bricht" (Experte F). Durch den starken Bezug zum eigenen Ortsteil werde Experte H zufolge genau hingeschaut, wenn etwas Fremdes in den Ortsteil komme. Da- bei kame es zu einem breiten Spektrum an Reaktionen, nicht nur Furcht oder Vorbehalt, sondern auch Solidaritat und Hilfsbereitschaft. Bedeutsam sei, dass die neuen Menschen im Ortsteil anders aussahen und unbekannt seien (vgl. Ex­perte H). Laut Experte I bekomme man „die neuen Bewohner nicht mit den Alt- bewohnern mal eben so zusammen - auch nicht uber ein Dorffest, da die, die hier geboren sind, eine eingeschworene Gemeinschaft sind". Die distanzierte Haltung gegenuber fremden, neu dazukommenden Einflussen sind insofern nachzuvollziehen, als dass sie den originaren Charakter der Ortsgemeinschaft verandern. So vermutet Experte H, dass der dorfliche Charakter dafur ursachlich sein konnte, mit Veranderungen Problemen zu haben. Diese Mentalitat korres- pondiert mit einem gesteigerten Sicherheitsbedurfnis. Laut Experte H habe es „einen groBen Aufschrei im Ortsteil gegeben, als die Kontaktpolizisten im Orts- teil reduziert bzw. ganz abgeschafft werden sollten". Grund dafur sei „die Sorge vor mehr Kriminalitat gekoppelt mit der Angst vor Einbruchen" gewesen. Vor einigen Jahren habe es einige Einbruche gegeben, mittlerweile sei es aber laut der Polizei sehr ruhig und dennoch sei das subjektive Sicherheitsgefuhl bei eini­gen Menschen ein ganz anderes (vgl. Experte F). Dazu tragen einzelne bei, die sich unsicher fuhlten und unwahre Geruchte uber Einbruche verbreiten wurden, wobei eine Informationsveranstaltung der Polizei hilfreich gewesen sei (ebd.).

Nicht nur in Bezug auf eine erhohte Erwartungshaltung kann die dorfliche Men- talitat das gering gemessene Kohasionsniveau mit erklaren, welches wohl auch vom als bedrohlich empfundenen Strukturwandel beeinflusst wurde. Vor allem die sichtbare, gesellschaftliche Vervielfaltigung ist eine neuere Entwicklung fur Arbergen und Mahndorf, die zum Verlust des gemeinschaftlichen Charakters beitragt und das erhohte Sicherheitsbedurfnis mitbegrundet. Auffallig ist zu- dem, dass wahrend des Zeitraums der Interviewerhebung im Rahmen der Bre- men-Studie zwischen September und Dezember 2015, auch „heftig uber Flucht- linge und Kontaktpolizisten diskutiert" wurde (Experte G) und damit eine Beein- flussung der Messwerte durch die beiden Kontroversen naheliegt.

Im Gegensatz dazu bestehe eine Offenheit gegenuber Veranderung und Vielfalt in der Neustadt, die laut Experte C „offen fur Diversitat" sei. Das mag auch daran liegen, dass der Wandel der letzten Jahrzehnte der Atmosphare in der Neustadt gedient hat. SchlieBlich stieg verschiedenen Expertenaussagen zufolge das Zu- gehorigkeitsgefuhl zur Neustadt mit deren Image an. Jedoch kann es auch auf eine veranderungsaffinere Mentalitat zuruckgefuhrt werden. Da Veranderung zumeist Abweichung bedeutet und sich der gesamte Stadtteil gesellschaftlich vervielfaltigt, ist von einer hohen Differenztoleranz oder gar -anerkennung aus- zugehen. Auch hier stellt der Umgang mit der „Fluchtlingskrise" ein aufschluss- reicher Gradmesser dar. Der Stadtteil habe viele Gefluchtete aufgenommen, wo- ruber es uber alle Parteien hinweg - inklusive AfD - einen Konsens gegeben habe (vgl. Experte A). Neben einer engen Zusammenarbeit zwischen Ortsamt, Beirat und den aufnehmenden Einrichtungen, habe es eine hohe Hilfsbereit- schaft innerhalb der Bevolkerung gegeben. Experte A fuhrt aus: „In der Neustadt war die Stimmung gegenuber den Gefluchteten groBartig - es gab keine Protes­te, im Gegenteil viel Engagement, Offenheit und Vernetzung - was die Neustadt insgesamt auch ausmacht."

Laut Experte D habe es viele Helfer gegeben, auch die vielen sozialen Einrich­tungen hatten sich sehr engagiert, so dass Experte A schlussfolgert, dass es „ty- pisch fur die Neustadt [ist], dass es sehr gut funktioniert hat". Die aufgeschlos- sene Haltung gegenuber Vielfalt und Veranderung liegt unweigerlich an den ansassigen Milieus. Die Neustadt ist gepragt von Studierenden, jungen Familien, Intellektuellen und engagierten Initiativen, die nicht nur empathisch gegenuber Bedurftigen sind, sondern auch von sich aus den offentlichen Raum gestalten und sozial orientiert sind.

„Es gibt viele Studierende, die Hochschule und vor allem eine Reihe von Einrichtungen, wie Kulturbeutel mit dem Anderswo, das Kukoon, das Papp, Karton und andere, die in den letzten Jahren in der Neustadt ent- standen sind, mit der Ausrichtung raus zu gehen, offentliche Platze wie- der in Beschlag zu nehmen" (Experte D).

Anstatt Altes zu bewahren, soll Neues, Innovatives entstehen, es besteht ein ge- stalterischer Anspruch. Diese Mentalitat ist aufgeschlossener gegenuber Unver- trautem, auch weil sie nicht die Ursprunglichkeit des Lebensumfelds bewahren mochte und deshalb Fremdes als bedrohlich wahrnimmt. Hinzu kommt, dass anders als im dorflichen Kontext, in einer Gegend mit urbanen Kleinstadtcharak- ter weniger die Gefahr besteht, eine spezifische, originare Identitat zu verlieren, da weniger tradierte, kollektive Denk- und Handlungsweisen bestehen. Gesell- schaftliche Diversifizierung stellt daher ein weniger bedrohliches Verlustszenario dar und langer ansassige Bevolkerungsgruppen beanspruchen weniger stark Etabliertenvorrechte. Auch hier bestehen Parallelen zu Tonnies' Konzept einer Gesellschaft, zumindest besteht keine soziale Bevormundung und Kontrolle ei­ner Gemeinschaft. Allerdings muss die einer Gesellschaft zugeschriebene we- sentliche Unverbundenheit zumindest auf Nachbarschaftsebene eingegrenzt werden. In der Neustadt bestehe keine Anonymitat, vielmehr kenne man sich wegen der dichten Besiedlung und der engen Bebauung (vgl. Experte A).

Um die Unterschiede zu betonen, sind die gegensatzlichen Mentalitaten ten- denziell idealtypisch beschrieben. Das Hauptunterscheidungsmerkmal ist dabei der diametrale Umgang mit Wandel, speziell der gesellschaftlichen Diversifizie- rung. In einer Dorfgemeinschaft wird auf abweichende Veranderungen von re- serviert bis ablehnend reagiert. Sie losen Verlustangste aus, weil die traditionelle Eigentumlichkeit bedroht ist, was sich auch in einem Sicherheitsbedurfnis nie- derschlagt. Einige Experten wiesen auf Nachfrage darauf hin, dass in Rablingha- usen, wo ebenfalls sehr niedrige Kohasionswerte gemessen wurden, eine ahnli- che Mentalitat vorherrsche wie in Arbergen und Mahndorf. Allen dreien sei ge- mein, dass es „ein konservativ-dorfliches Milieu gibt, das wenig Verstandnis fur Szene, Veranderung und Diversitat hat" (Experte C). Demgegenuber herrscht in der Neustadt eine veranderungsaffinere Mentalitat, die Vielfalt wertschatzt. Die gegensatzlichen Mentalitaten erinnern an die Unterteilung der Tragergruppen nach Reckwitz. Dieser zufolge ist in der Neustadt insbesondere die ,Neue Mit- telklasse' vertreten und in Arbergen und Mahndorf die ,Alte Mittelklasse', mit hohen okonomischen aber geringen kulturellen Kapital (siehe Kapitel 3.7).

12.6 Beispiele fur die Kontextgebundenheit kommunalen Handelns

Die Analyse lokaler Mentalitaten zeigt, dass selbst innerhalb Bremens unter- schiedliche Kontexte herrschen, an die sich kommunales Handeln anpassen muss. Dementsprechend sind unterschiedliche kommunale Handlungsansatze vonnoten, um den Zusammenhalt vor Ort zu starken, wahrend konkrete Hand- lungsweisen nicht einfach auf unterschiedliche Kontexte ubertragen werden konnen. Ein Kulturfestival mit elektronischer Musik findet zum Beispiel in der Neustadt Anklang, wahrend in Arbergen eher ein von Vereinen organisiertes „Dorffest" den passenden Rahmen bietet. Deshalb ist die Kontextgebundenheit kommunalen Handelns hervorzuheben, damit lokale Charakteristika miteinbe- zogen werden. Nachfolgend werden zwei bemerkenswerte Good-Practice- Beispiele vorgestellt, die die unterschiedlichen Mentalitaten mustergultig auf- greifen.

Als die Debatte uber das geplante Fluchtlingswohnheim in Arbergen an Dyna- mik gewann, hat die KAG eine Burgerversammlung in der Kirche organisiert. Experte I zufolge sei die Kirche „voll wie an Weihnachten" gewesen und es ware eine Durchmischung sichtbar gewesen, weil auch Menschen aus den Neubau- gebieten anwesend waren (Experte I). Dabei sei entscheidend gewesen, dass die Menschen vor der Entscheidung ihre Angste, Vorbehalte und Bedenken artiku- lieren konnten (vgl. ebd.). Wichtig sei zudem, die Anwesenden wirklich ernst zu nehmen, dementsprechend waren bei der Veranstaltung formulierte Forderun- gen teilweise auch umgesetzt worden. Die Aussprache habe geholfen „Aggres- sionen, Ressentiments und den erheblichen Widerstand" abzubauen und in der Folge seien Konflikte „komplett ausgeblieben" (ebd.). Mit aus der Veranstaltung entstand der „Verein grunes Dorf" zur Unterstutzung von Gefluchteten, wo auch Menschen aktiv seien, „die vorher Angst hatten" (Experte F). Mittlerweile habe sich die Lage normalisiert, „die Angste werden weniger, (...) weil die Bewohner merken, dass da normale Leute hinziehen". Auch weil die Unterkunft mitten in der Siedlung sei, konnten „ganz stark Beruhrungsangste abgebaut" werden (Ex­perte G). Es waren lediglich Geruchte aufgekommen, weil ein Polizist wochent- lich hingefahren sei, um den Kontakt zu pflegen und um Prasenz zu zeigen. Dar- aus hatten einige geschlossen, dass es im Heim viele Probleme geben musse, woraufhin die Polizei mit einer Richtigstellung die Geruchte zerstreute (vgl. Ex- perte G, I). Wenn im Ortsteil etwas Neues passiere, musse man laut Experte H „Aufklarungsarbeit leisten", denn „Unklarheit, Unkenntnis und mangelnde Betei- ligung sind Ausloser fur Negativreaktionen". Daruber hinaus sei es, ganz im Sin- ne der Kontakthypothese, notwendig, dass sich ,Alteingesessene' und die Neuen im Ortsteil begegnen wurden, wie Experte H ausfuhrt:

„Es sind einfach Unterschiede da - wie man sich kleidet, was man isst usw. - und das kann zu Konflikten und Vorbehalten fuhren. Aber das ist alles im direkten Kontakt der Menschen uberbruckbar. Solange sie aber nichts wirklich miteinander zu tun haben, ist der Bruckenschlag schwierig. Der Kontakt, das Kennenlernen ist das Entscheidende, um mit Unter- schiedlichkeit umgehen zu konnen."

Daraus ist erneut abzuleiten, dass fur bewahrende, eher veranderungsskeptische Haltungen der Zuzug vieler fremd erscheinender Menschen eine schwere Hurde darstellt, die eine intensive Begleitung seitens der Kommunalpolitik erforderlich macht. Die responsive Aktion der Kommune habe laut Experte F den sozialen Zusammenhalt in Arbergen gefordert, da die Widerstande der Bevolkerung an- hand eines fruhzeitigen, der Mentalitat des Ortsteils entsprechendes Anho- rungsverfahrens aufgenommen wurden.

In der Gartenstadt Sud hat mit einer mehrwochigen Beachparty eine der lokalen Charakteristika entsprechende Veranstaltung stattgefunden. Im Rahmen des Projekts ,Viva la Piazza' wurden vom Beirat hauptamtlich Personen beauftragt, Platze in der Neustadt zu beleben. Damit ist die Veranstaltung „von oben" ange- stoBen worden, allerdings wurden bereits in deren Entwicklung und Planung viele Akteure des Ortsteils miteinbezogen. Experte D berichtet, dass „diverse Multiplikatoren und weitere interessierte Kooperationspartner" bei einem Work­shop „mit der Methode des Weltcafes erste Ideen entwickelt" hatten. Mit der Grundschule, der Kirchengemeinde, der Spielplatzinitiative, dem Mehrgenerati- onenhaus und anderen sei die gesamte soziale Infrastruktur des Ortsteils vertre- ten gewesen. Die Zusammenarbeit habe wiederum das lokale Netzwerk erwei- tert und vertieft. Letztendlich hatte man mithilfe einer LKW-Ladung Sand eine Strandflache in der Nahe des Kirchturms fur zwei Monate angelegt. Dabei seien selbstorganisierte Aktionen der Anwohner zustande gekommen, beispielsweise waren gemeinsam Cocktails und Crepes zubereitet worden (vgl. ebd.). Experte D verweist zudem auf Vater, die sich bei den aufgestellten Strandkorben trafen, „wahrend ihre Kinder im Sand spielten". Des Weiteren sei ein zentraler Bestand- teil „die Ansprache von Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund und Al- leinerziehenden" gewesen, so dass der Aktion die Bestrebung innewohnte, Menschen mit Integrationsbedarf einzubinden. Experte D resumiert, dass dies die „erfolgreichste Aktion" des Projekts gewesen sei, „weil sich die ganzen Gruppen gemischt haben, weil es einen offentlichen Raum ohne Turen gab, so dass es keine Schwellenangst" gegeben habe. Auch wegen dieser geringen Hurde ware die Veranstaltung „total gut angenommen" worden und es wurde „von allen Beteiligten beschlossen, das Ganze zu wiederholen" (Experte D).

Mit der dargestellten Herangehensweise hat der Beirat Neustadt viele richtige Entscheidungen getroffen. Zunachst in dem die Bedeutung lebendiger Platze wahrgenommen wird und handlungsfahige Personen damit beauftragt werden, einen Beteiligungsprozess von unten in die Wege zu leiten. Sie begehen nicht den Fehler, isoliert aus der Verwaltungszentrale, Ideen umzusetzen. Die breite Einbeziehung der sozialen Einrichtungen tragt zum einen dazu bei, die Interes- sen der Bevolkerung abzubilden und zum anderen hilft es, dass das Angebot auch wahrgenommen wird, da uber diese Akteure viele Menschen angespro- chen werden konnen. AuBerdem eroffnet der Partizipationsprozess die Moglich- keit das Lebensumfeld selbst mitgestalten zu konnen, womit der Wunsch vieler Menschen nach Beteiligung wahr- und ernstgenommen wird. Durch die zeitna- he Umsetzung des Projekts erfahren die Beteiligten die Wirksamkeit des eige- nen Engagements. Zudem erhoht das niedrigschwellige Veranstaltungsdesign neben der lokalen Vitalitat, auch die Wahrscheinlichkeit, dass verschiedene ge- sellschaftliche Gruppen in Kontakt miteinander kommen. Durch eine spezielle Ansprache konnten auch unterprivilegierte Bevolkerungsgruppen integriert werden, die sich ublicherweise weniger beteiligen. Beide Musterbeispiele zeigen, dass wirksames kommunales Handeln auf spezifische ortliche Entwicklungen reagiert und den lokalen Mentalitaten entspricht. Die Hervorhebung der Kon- textbindung deckt sich mit den empirischen Ergebnissen der Bertelsmann Stif- tung, die auf allen untersuchten Ebenen unterschiedliche Zusammenhaltsprofile identifizierte. Damit ist Wirksamkeit eng mit der Beachtung der jeweiligen Kon- textbedingungen verknupft, was es wiederum erschwert, konkrete und verall- gemeinerbare Handlungsempfehlungen zu formulieren. Dennoch lassen sich einige generelle Leitlinien fur kommunale Entscheider identifizieren, wie an- schlieBend dargelegt wird.

12.7 Handlungsempfehlungen

Die Konstitution und Entwicklung eines Ortsteils beeinflussen die lokale Mentali- tat, die wiederum die ortlichen Bedurfnisse und Befindlichkeiten determiniert. Deshalb ist Responsivitat kommunaler Entscheidungstrager vonnoten, um die jeweiligen Kontextbedingungen erfassen zu konnen. Das zeigt sich auch bei den angefuhrten Good-Practice-Beispielen. Die Akteure sind erst auf Stimmungen der Bevolkerung eingegangen bzw. haben sie in den Planungsprozess einbezo- gen, woraufhin dann wirksame MaBnahmen durchgefuhrt werden konnten. Das unterstreicht, dass die Grundlage kohasionsfordernder MaBnahmen Responsivi­tat ist, da Kontextfaktoren elementar sind. Deshalb hilft es, wenn die Struktur und Kultur einer Kommunalverwaltung den engen Austausch mit der Bevolke­rung fordert und deren Partizipation wertschatzt. Das kann beispielsweise durch leicht zu erreichende Ansprechpartner und sich wiederholende Partizipations- formate gelingen.

Auf kommunaler Ebene werden gesellschaftliche Veranderungen sicht- und spurbar, prominentes Beispiel ist dafur die Unterbringung vieler gefluchteter Menschen. Der Umgang mit Veranderung im Allgemeinen und die gesellschaft­liche Vervielfaltigung im Speziellen wird von der jeweiligen lokalen Mentalitat stark beeinflusst. Es konnte gezeigt werden, dass bei veranderungsskeptischen, konservativen Mentalitaten ein hoherer Kommunikationsbedarf besteht. Bei an- stehenden Veranderungen ist es „entscheidend, den Burger von vornherein mit- zunehmen, sonst entstehen Konflikte und das Abwenden burgerschaftlichen Engagements" (Experte I). In einem solchen Umfeld sollten Entscheidungstrager verstarkt den Dialog suchen, insbesondere auftretende Sicherheitsbedenken gilt es zu thematisieren und ernst zu nehmen. Bei der Auseinandersetzung mit et- was Fremden entstehen auch haufig gefuhlte Wahrheiten. Solchen Geruchten kann entgegengewirkt werden, indem die Polizei aufklarende Informations- kommunikation betreibt. Angesichts der alltaglichen Fremdheitserfahrungen, welche die gesellschaftliche Diversifizierung zumindest temporar mit sich bringt, ist zudem die Prasenz von Polizisten mit ortlichem Bezug hilfreich. So kann das subjektive Sicherheitsempfinden gestarkt und das Gefuhl von Kontrollverlust eingedammt werden. In veranderungsaffineren Gebieten bedarf es eher der Ko- ordination und Moderation der Beteiligung, um etwa Doppelstrukturen bei der Fluchtlingshilfe zu vermeiden.

Um gesellschaftliche Diversifizierung produktiv zu gestalten, sprechen sich die interviewten Experten dafur aus, verschiedene Milieus in Kontakt miteinander zu bringen, um so innergesellschaftliche Barrieren abzubauen und Zusammenhalt zu starken. Bei der Durchmischung nehmen die Bereiche Bildung und Wohnen eine Schlusselfunktion ein, weil sich Menschen dort unabhangig von Interessen und Pragungen automatisch begegnen und der Umgang mit Vielfalt eingeubt werden kann. Beim Bereich Wohnen mussen Entscheidungstrager darauf achten, dass sich Ortsteile nicht homogenisieren, sondern sozial mischen. Deshalb ist der soziale Wohnungsbau ein wichtiges Instrument, um Wohnraum fur alle Ein- kommens- und Altersklassen auch in attraktiven Wohngegenden zu realisieren. Idealerweise uberlasst das Wohnbauunternehmen die Diversitat nicht sich selbst, sondern gestaltet sie mit. Dies wurde anhand der GEWOBA vorgestellt, die Konfliktmediation betreibt, Mieterfeste organisiert und sich sozial im Ortsteil engagiert. Ahnliches gilt fur Bildungseinrichtungen, in denen sich nicht Milieus, Klassen oder Schichten separieren durfen, sondern Durchmischung stattfinden sollte. Idealerweise entsteht dort auch kulturelles Kapital sowie bruckenbilden- des Sozialkapital, damit Abweichungen und Differenzen mindestens toleriert werden. Eine zentrale Handlungsempfehlung ist deshalb, Kitas, Kindergarten und Schulen fur diese anspruchsvolle Aufgabe ausreichend mit Ressourcen aus- zustatten. Um Durchmischung zu fordern, kann kommunales Handeln darauf hinwirken, Einzugsbezirke so zu gestalten, dass moglichst unterschiedliche ge- sellschaftliche Gruppen einer Einrichtung zugeteilt werden. Zudem sollten Standorte in Problembezirken besondere Unterstutzung erhalten, damit sie auch fur privilegierte Gesellschaftsgruppen attraktiv sind.

Neben diesen beiden Schlusselbereichen hat kommunales Handeln weitere Handlungsmoglichkeiten, die bruckenbildend wirken, weil sie zur Durchmi­schung gesellschaftlicher Gruppen fuhren. Damit etwa Veranstaltungen diesen Zweck erfullen, sollten ihre Formate niedrigschwellig angelegt sein und den lo- kalen Mentalitaten entsprechen. Letzteres wurde durch den Kontrast zwischen eines dorflichen und eines urban-liberalen Veranstaltungscharakters deutlich. Die Untersuchung ergab, dass sich fur den ersten Rahmen eher traditionelle Formate eignen, wahrend sich fur das zweite Umfeld innovativere Eventformen anbieten. Um passende Formate zu identifizieren, sind wiederum Responsivitat und Partizipationsmoglichkeiten erforderlich, um die Wunsche der Bevolkerung erfassen und abbilden zu konnen sowie Selbstwirksamkeitserfahrungen zu er- moglichen.

Zudem eignen sich Begegnungsanlasse, bei denen gruppenspezifische Merkma- le, wie Religion, Alter oder Ethnie keine hervorgehobene Rolle spielen, wie das zum Beispiel bei einem „Dialog der Religionen" der Fall ware. Dadurch werden Menschen mit angeblich homogenen Gruppen identifiziert und daruber defi- niert. Als Gegenbeispiele dienen Formate wie das Verteilen von Balkonpflanzen, StraBen- oder Dorffeste. Bei Letzteren kann Durchmischung gelingen, wenn bei der Programmgestaltung Personen von verschiedenen gesellschaftlichen Grup­pen miteinbezogen werden, die wiederum ihre Peer-Groups mit zur Veranstal- tung bringen. Verschiedene Experten machten die Erfahrung, dass durch diese Herangehensweise Begegnung im Sinne der Kontakthypothese besonders ge- lange. Bei Festivitaten kann deshalb durch die Einbindung diverser Essensstan- de, Musik- und Tanzgruppen Vielfalt erreicht werden, wodurch sich Menschen im Geschehen automatisch treffen. Bei solchen Konstellationen seien Grenzen zwischen Gruppen laut Experte H „ganz schnell (..) nicht mehr sichtbar". Um at- traktive und durchdachte Veranstaltungsangebote umzusetzen, braucht es fahi- ge Personen in der Verwaltung oder in Einrichtungen, die solche Projekte ansto- Ben und umsetzen konnen. Deshalb sollten Kommunen sich um kompetentes Personal bemuhen.

Die Experten sind sich einig, dass Initiativen „von unten" besonders wertvoll sei­en. Bei der Entwicklung von Projekten mit sozialer Orientierung ist daher „bot- tom-up" „top-down" vorzuziehen. Kommunen konnen solchen Graswurzelbe- wegungen Raumlichkeiten zur Verfugung stellen, sie aber auch anhand von Vernetzungsmoglichkeiten und Globalmitteln unterstutzen. Wenn aber die kommunalen Entscheidungstrager Bedarf sehen, selbst initiativ tatig zu werden, beispielsweise um offentliche Platze zu beleben, gilt es eine breite lokale Beteili- gung zu realisieren und nicht eigenstandig und isoliert zu agieren. Neben Graswurzelbewegungen ist es auch hilfreich, soziale Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Vereine, Kirchengemeinden oder Mehrgenerationenhauser bei der Ge- staltung von Projekten miteinzubeziehen. Beide Akteursarten konnen der Politik und der Verwaltung durch ihre intermediare Positionierung die Bedurfnisse und Interessen der Bevolkerung ubermitteln. Sie konnen auch bei der Veranstal- tungsplanung und -durchfuhrung Unterstutzung leisten und zudem die Projekte in ihren Bezugsgruppen bekannt machen. Daneben konnen Kooperationen, speziell mit sozialen Einrichtungen, bei langfristigen Aktionen fur Nachhaltigkeit sorgen. Zum Beispiel konnen Schulen Patenschaften fur Gemeinschaftsgarten oder Bucherschranke ubernehmen (vgl. Experte A).

Generell wirkt sich eine ausgepragte Infrastruktur an sozialen Einrichtungen po- sitiv auf die gesellschaftliche Kohasion aus. Es ist wichtig, dass (a) solche Einrich­tungen vorhanden sind, sie sich (b) zum Ortsteil hin offnen und engagieren, sie sich (c) vernetzen und kooperieren und (d) die handelnden Personen kompetent sind. Kompetentes und feinfuhliges Personal kann einer mehrfach angesproche- nen Problematik entgegenwirken: Wenn sich Personen in homogenen Gruppen isolieren und dabei offentliche Raume besetzen, was oftmals bei Jugendlichen der Fall ist, konnen kompetente und gut vernetzte Leitende von Burgerhausern oder Jugendfreizeitheimen diese Struktur durchbrechen. Bei solchen oder ahnli- chen Problemlagen hilft die Vernetzung der lokalen Akteurslandschaft, um ganzheitliche Gegenstrategien zu entwickeln. Generell sollten Entscheidungstra- ger ansprechende Kommunikationsformate bereitstellen, um auf kommunale Vernetzung hinzuwirken. Auch weil sich daraus interessante Kooperationsfor- men ergeben konnen, etwa im kulturellen Bereich, die das lokale Veranstal- tungsangebot erweitern und vertiefen konnen. Experte C betont in diesem Zu- sammenhang, dass Vernetzung Zeit und Verbindlichkeit benotige, bevor „die Fruchte geerntet werden konnen".

13. Resumee

In dieser Arbeit wird das Generelle mit dem Konkreten verknupft, indem auf die Analyse gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und Herausforderungen mit Handlungsempfehlungen geantwortet wird, die das lokale Miteinander betref- fen. Gegenwartig genieBen die Menschen in Deutschland im historischen wie geografischen Vergleich auBergewohnlich hohe Freiheitsgrade. Es schwindet allerdings auch Verbindendes in einer diversifizierten Gesellschaft, der zudem wegen der erheblichen Veranderungsdynamik ein vielgestaltiges Konfliktpoten- zial innewohnt. Auf die Frage, was sozialem Zusammenhalt schade, antwortet Experte H folgendermaBen: „Vorurteile, Feindbilder, Meinungs- und Stim- mungsmache, Kriminalitat und die entsprechende Berichterstattung daruber. Also es gibt ein wachsendes MaB an Angst voreinander und einen wachsenden Vertrauensverlust voneinander."48 Die kommunale Ebene wird als geeignete Ebene angesehen, um dem entgegen zu wirken und ein gelingendes Miteinan­der in Vielfalt zu fordern. Dort kann auf die vielen interpersonalen Abweichun- gen eingegangen werden, da die lokale Begrenzung die wirksame Gestaltung des konkreten Zusammenlebens ermoglicht. Aus der empirischen Untersuchung geht hervor, dass es einem inklusiven und friedlichen Gemeinwesen dient, wenn kommunales Handeln die Interaktion verschiedener gesellschaftlicher Gruppen fordert.

Dabei konnte eine Reihe von konkreten Handlungsmoglichkeiten identifiziert werden, die vielfach mit den theoretischen Annahmen ubereinstimmen. Schulen, Kitas und Kindergarten konnen durch eine entsprechende Gestaltung der Ein- zugsbezirke und der Aufwertung problembehafteter Standorte sozial durch- mischt werden. Zudem kann kommunales Handeln etwa durch sozialen Woh- nungsbau darauf hinwirken, dass auch in attraktiven Gegenden bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird. In heterogenen Zusammensetzungen muss beson- ders darauf geachtet werden, negativen Kontakt idealerweise praventiv zu regu- lieren. Einerseits indem der Umgang mit Diversitat mittels bruckenbildendem Sozialkapital und kulturellem Kapital eingeubt wird und andererseits, indem die Einhaltung von Regeln im offentlichen Raum gewahrleistet wird. Theorie und Empirie weisen in diesem Kontext auf die vielversprechende Wirkung hin, die niedrigschwellige Veranstaltungen und gemeinsame Aktivitaten entfalten, wenn sie verschiedene gesellschaftliche Gruppen in Kontakt bringen. Kommunales Handeln kann deshalb solche Vermischungsprojekte selbst anstoBen, fordern und darauf hinwirken, dass eine breite Beteiligung lokaler Gruppen und Akteure bei der Planung der Angebote realisiert wird. Auch aus diesem Grund ist die Forderung von bottom-up-Initiativen top-down-Bestrebungen vorzuziehen. An- statt isoliert Begegnungsformate zu organisieren, gilt es Graswurzelbewegun- gen mit sozialer Orientierung bedarfsgerecht zu fordern. Dies kann finanziell erfolgen, aber auch durch Vernetzungsangebote fur die ortliche soziale Infra- struktur. Das kann auch dabei helfen, sogenannte Modernisierungsverlierer zu integrieren. Deren Einbeziehung sollte eine besondere Beachtung eingeraumt werden, da sie aufgrund von unterschiedlichen Benachteiligungen oftmals von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. SchlieBlich sollte kommunales Handeln generell zum Ziel haben, die lokale Akteurslandschaft miteinander zu vernetzen, um interessante Kooperationsmoglichkeiten zu eroffnen und ortliche Probleme ganzheitlich zu adressieren.

Lokale Vernetzung kann auch dabei helfen, die zweite zentrale Erkenntnis der empirischen Analyse wahrzunehmen. Neben der Bedeutung von sozialer Durchmischung, zeigen die Expertenaussagen die Relevanz des lokalen Kontexts fur kohasionsforderndes Handeln. Die gegensatzlichen Kohasionsniveaus spie- geln sich auch in den unterschiedlichen Entwicklungen und Mentalitaten der Untersuchungsraume wider. Auf der einen Seite steht die Neustadt, die sich von einem spieBigen zu einem vitalen, bunten und attraktiven Stadtteil entwickelt hat. Auf der anderen Seite stehen Arbergen und Mahndorf, die einem schlei- chenden Verlust des dorflichen Charakters ausgesetzt sind, mitsamt zunehmen- der Verkehrsbelastung und der Verdrangung der traditionellen und dezentralen Einkaufsstruktur. In Bezug auf die lokale Kohasion ist das Hauptunterschei- dungsmerkmal der diametrale Umgang mit der gesellschaftlichen Diversifizie- rung. In der Neustadt herrscht eine veranderungsaffine Mentalitat, die Vielfalt wertschatzend wahrnimmt und neue fremde Einflusse empathisch und inklusiv aufnimmt. In den kohasionsschwachen Ortsteilen ist dagegen eher die Mentali­tat einer exklusiven Dorfgemeinschaft wahrzunehmen, die abweichenden oder fremden gesellschaftlichen Veranderungen reserviert bis ablehnend gegenuber- steht, vermutlich weil sie dadurch die dorflich tradierte Eigentumlichkeit bedroht sieht. Dieser Anspruch auf Besitzstandswahrung schlagt sich unter anderem in einem gesteigerten Sicherheitsbedurfnis nieder. Zudem treten die unterschiedli- chen Mentalitaten in den gegensatzlichen Reaktionen auf die Unterbringung von Gefluchteten markant hervor.

Das zeigt, dass die Grundlage wirksamer kohasionsfordernder MaBnahmen die Berucksichtigung der ortlichen Konstitution ist. Um unterschiedliche lokale Kon- texte zu berucksichtigen, muss kommunales Handeln in hohem MaBe responsiv agieren. Durch den engen Kontakt mit der Bevolkerung konnen die lokalen Mentalitaten, aufkommende Stimmungen und gegenwartigen Interessen wahr- und ernstgenommen werden. Kommunale Entscheidungstrager konnen auf die Bedurfnisse der Bevolkerung schneller und gezielter eingehen - ein bedeuten- der Vorteil der lokalen Begrenzung gegenuber hoheren politischen Ebenen. Die positive Wirkung von Responsivitat zeigt sich in den zwei dargelegten Good- Practice-Beispielen. Bevor sich die Kontroverse um ein geplantes Obergangs- wohnheim fur Gefluchtete in Arbergen zuspitzte, organisierte der ortliche Ver- netzungsverbund eine groB angelegte Informations- und Diskussionsveranstal- tung. Dabei konnten die teilweise als existenziell empfundenen Sorgen uber den anstehenden Wandel artikuliert und ernstgenommen werden. Durch die fruhzei- tige Integration der Bevolkerung in den Entscheidungsprozess konnte nicht nur ein sich abzeichnender Konflikt praventiv reguliert werden, durch die gemein- same Aushandlung wurde der soziale Zusammenhalt letztlich sogar gestarkt. In der Gartenstadt Sud initiierte die Kommunalpolitik ein Projekt, um nachbar- schaftliche Begegnung im offentlichen Raum zu fordern. Unter breiter Beteili- gung der ortlichen Bevolkerung wurde eine mehrwochige Beachparty geplant und durchgefuhrt. Durch das ansprechende und niedrigschwellige Veranstal- tungsdesign sind sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in positiver Weise begegnet. Zudem wurden unterprivilegierte Gruppen durch eine spezifi- sche Ansprache in das Projekt integriert. Fur beide Beispiele waren gut vernetz- te, kompetente und engagiert handelnde Personen essentiell.

Die Ausfuhrungen zeigen insgesamt, dass ein hoher Ressourcenaufwand vonno- ten ist, um gesellschaftliche Diversitat positiv zu gestalten. Doch sie zeigen auch, dass es sich lohnt, weil ein liberaleres, vitaleres und inklusiveres Miteinander im Vergleich zu homogeneren Gesellschaften moglich erscheint. Um diesen hohen Anforderungen gewachsen zu sein, mussen aus genannten Grunden insbeson- dere Kommunen adaquat mit finanziellen und personellen Ressourcen ausge- stattet sein. Mit Blick auf die Unwagbarkeiten der globalen Markte und den im- mensen Schulden vieler Kommunen scheint diese Grundbedingung nur in pros- perierenden Regionen erfullbar. Eine weitere Problematik wird in der schwin- denden Moglichkeit gesehen, Menschen kollektiv zu reprasentieren. Wenn Mei- nungen und Bedurfnisse sich aufgrund von Individualisierung und Diversifizie- rung zu sehr unterscheiden, ist es schwierig diese wirksam zu adressieren. Das ist insbesondere dann problematisch, wenn damit die Haltung verbunden ist, sich umgehend von der Politik abzuwenden, wenn die eigene individuelle Mei- nung nicht ausreichend berucksichtig wird. Eine weitere Problematik fur die so­ziale Durchmischung liegt in der zunehmenden raumlichen Segregation. An- hand einer Untersuchung von 74 Stadten zeigen Helbig und Jahnen (2018), dass zwischen 2005 bis 2014 arme und reiche Menschen sowie Jung und Alt immer seltener in derselben Nachbarschaft wohnen.

Fest steht, dass die Auseinandersetzung mit Vielfalt die Gesellschaft in Deutsch­land, wie auch in anderen modernen wie heterogenen Landern, weiter beschaf- tigen wird. Borstel und Luzar (2016: 105) stellen in diesem Kontext fest: „Der Umgang mit Vielfalt ist niemals statisch und unveranderbar, sondern einem dauerhaften Prozess der gesellschaftlichen Aushandlung unterworfen und durch politische Entscheidungen beeinflusst." Dabei weisen sie auf zwei kollidierende Prozesse hin: „Der gesellschaftliche Trend zu mehr Vielfalt schreitet ungebro- chen voran und wird mehrheitlich unterstutzt; gleichzeitig formiert sich ein in sich differenzierter Block, der diesen Trend stoppen mochte" (ebd. 105). Kom- munales Handeln hat mit den empirisch getesteten Handlungsempfehlungen die vielversprechenden Moglichkeiten, diesen Gegensatz einzudammen. Dabei gilt es, den vorgestellten Ansatz weiter zu verfeinern und gegebenenfalls zu fal- sifizieren. Insbesondere die Untersuchung lokaler Kontexte und darauf abge- stimmte Handlungsmoglichkeiten bieten erheblichen Forschungsbedarf. Jedoch darf die kommunale Ebene auch nicht mit Verantwortlichkeit uberlastet werden. Hohere politische Ebenen stehen ebenso in der Verantwortung, speziell bei glo- balen Herausforderungen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt maBgeblich beeinflussen, wie etwa bei einer gerechteren Gestaltung der Globalisierung oder der Migrationsfrage.

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Anhang

Anhang 1: Leitfaden der Experteninterviews

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Offene Phase

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Halboffene Phase

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Einfiihrung in zentra/e theoretische Uberiegungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Strukturierte Phase

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhang 2: Interviewtranskripte 49

Anhang 3: Ablaufmodell der Qualitativen Inhaltsanalyse (nach Mayrring)

Um intersubjektive Oberprufbarkeit zu gewahrleisten wird im Folgenden das Vorgehen bei der Datenauswertung anhand der qualitativen Inhaltsanalyse schrittweise beschrieben. Dabei wird sich an dem Ablaufmodell nach Mayrring (2015) orientiert, Abweichungen davon sind durch das Forschungsdesign be- grundet.

1. Fragestellung der Analyse

a. Prazisierung und theoretische Begriindung der Fragestellung

Die Fragestellung der Datenerhebung lautet: Welches kommunale Handeln for- dert den sozialen Zusammenhalt? Hintergrund ist zum einen die innergesell- schaftliche Ausdifferenzierung, so dass sich die Frage stellt, wie bei so vielfalti- gen Differenzen eine liberale Gesellschaft zusammenhalten kann. Die Frage ge- winnt zudem an Relevanz, wenn das Konfliktpotenzial und die Unzufriedenheit innerhalb der Gesellschaft betrachtet wird. Es wird angenommen, dass die kommunaler Ebene in besonderer Weise dazu geeignet ist, soziale Kohasion zu stiften. Weiterhin sollten kommunale MaBnahmen im Sinne der Kontakthypo- these insbesondere darauf ausgerichtet sein, den Kontakt zwischen verschiede- nen gesellschaftlichen Gruppen zu fordern. Um diesem Forschungsinteresse nachzugehen, wird das kommunale Handeln in den Ortsteilen Bremens mit sehr hohem (Gartenstadt Sud, Neuenland) und sehr niedrigem (Arbergen, Mahndorf) Kohasionsniveau verglichen. Durch die Kontrastierung der gegensatzlichen Ko- hasionsniveaus, soll erkenntlich werden, welches kommunale Handeln dem Zu­sammenhalt zu- bzw. abtraglich ist.

b. Richtung der Analyse

Die Richtung der Analyse ergibt sich aus den theoriegeleiteten Oberlegungen, die zu einem Katalog an kohasionsstarkenden, kommunalen MaBnahmen ge- fuhrt haben (siehe Kapitel 9.3). Der Fokus der Interpretation liegt zunachst auf der Frage, was generell den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort unter- stutzt und ob diese Aussagen zu den eigenen theoretischen Annahmen passt. Zudem wird uberpruft, ob differenziert nach dem Kohasionsniveau der Untersu- chungseinheiten ein Unterschied im kommunalen Handeln im Kontext der theo­retischen Oberlegungen festzustellen ist. Wurde also in den Untersuchungsein- heiten mit hoher Kohasion fur mehr Begegnung zwischen verschiedenen gesell­schaftlichen Gruppen gesorgt als in den Untersuchungseinheiten mit geringer Kohasion? SchlieBlich werden weitere EinflussgroBen auf sozialen Zusammen­halt uberpruft.

2. Kommunikationsmodell

Das Kommunikationsmodell beinhaltet Kontextinformationen und Ausrichtung der Datenerhebung. Dazu zahlen neben die Bestimmung des Ausgangmaterials, Informationen zum Textproduzenten und zur Erhebungssituation sowie der In- terpretationsfokus.

a. Festlegung des Materials

Es werden zehn Interviews mit Experten aus den Ortsteilen analysiert - jeweils funf mit Bezug zu Gartenstadt Sud und Neuenland und funf mit Bezug zu Mahndorf und Arbergen. Es werden alle Antworten der Interviews berucksich- tigt. Jeder der Interwieten verfugt uber eine spezielle Expertise von den Struktu- ren und Verhaltnissen der ausgewahlten Ortsteile und hat entweder als ehren- amtliche Kommunalpolitiker oder qua beruflicher Position ein Interesse an einer positiven Entwicklung der Ortsteile. Dementsprechend haben sie auch mehr o­der weniger ein Interesse an der Fragestellung. Dazu zahlen Beiratsmitglieder, Ortsamtsleiter, Statteilmanager, Burgerhausleiter, zustandige GEWOBA- Mitarbeiter. Alle Interviewten waren augenscheinlich gesund, konnten kognitiv abstrahieren und gaben auf vielfaltige Weise sachgerechte Antworten.

b. Analyse der Entstehungssituation

Nach der Kontaktaufnahme, konnte uber die Interviewteilnahme freiwillig ent- schieden werden. Es gab insgesamt eine Absage fur ein Interview. Alle Inter­views fanden face-to-face statt, die Interviewten konnten dabei Ort und Zeit der Interviewdurchfuhrung selbst auswahlen. Die Interviewdauer variierte zwischen 30 und 75 Minuten, sieben fanden in Buros statt und drei im Wohnraum der Experten. Bei den Gesprachen handelte es sich um leitfadengestutzte Experten- interviews. Die Interviews fanden im Rahmen der vorliegenden Masterarbeit des Interviewenden statt.

c. Formate Charakteristika des Materials

Die Interviews wurden mit einem Smartphone aufgenommen. Die Ergebnisse liegen in Form von Interview-Transkripten vor, der niedergeschriebene Text be- steht aus wortlichen und zusammenfassenden Zitaten. Die Antworten bestehen in der Regel aus FlieBtext. Wenn keine Aussage getroffen werden konnte, wur­den knappe Antworten notiert. Die Transkripte wurden zur Verifizierung den Interviewten nochmals zugeschickt, damit sie Korrekturen vornehmen konnen und sie ggfs. freigeben konnen, was alle gemacht haben.

3. Ablaufmodell der Datenanalyse

Nun werden die einzelnen Analyseschritte und -einheiten festgelegt, damit die Auswertung systematisch stattfindet, was sie nachvollziehbar und damit auch uberprufbar macht.

a. Festlegung der Analyseeinheiten

Die Kodiereinheit, der minimale Textbestandteil, der einer Kategorie zugeordnet werden kann, umfasst ein Wort. Die Kontexteinheit, der groBte Textbestandteil, der einer Kategorie aus einem Interview zugeordnet werden darf, umfasst die kategorienbezogene Aussage einer Person. Die Auswertungseinheit, die festlegt welche Textteile dem Kategoriensystem gegenubergestellt werden, besteht aus den zehn freigegeben Interviewtranskripten, chronologisch beginnend mit dem ersten zeitlich durchgefuhrten Interview.

b Festlegung der Analysetechnik

Die „Strukturierung" wird als Analysetechnik ausgewahlt, deren Ziel es ist „be- stimmte Aspekte aus dem Material herauszufiltern, unter vorher festgelegten Ordnungskriterien (...) das Material aufgrund bestimmter Kriterien einzuschat- zen" (Mayrring 2015: 67). Genauer gesagt, wird eine „inhaltliche Strukturierung" vorgenommen, um „bestimmte Themen, Inhalte, Aspekte aus dem Material her­auszufiltern" und Kategorien zuzuordnen (ebd. 103).

c Entwicklung des Kategoriensystems anhand eines Kodierleit- fadens

Das zentrale Instrument der qualitativen Inhaltsanalyse ist das Kategoriensys- tem, das den fur das Forschungsinteresse relevanten Materialanteil erfasst. Ab- geleitet von dem Interviewleitfaden werden zunachst deduktiv 17 Kategorien definiert, mit denen anschlieBend die inhaltliche Strukturierung vorgenommen wird. Die deduktiven Kategorien werden vorab in einem Kodierleitfaden (siehe Anhang 3) definiert, mit einem Ankerbeispiel beispielhaft beschrieben und mit einer Kodierregel von anderen Kategorien abgegrenzt (ebd. 97). In einem ersten Durchlauf werden die Textstellen der Interview-Transkripte den deduktiv ge- wonnen Kategorien zugeordnet und dabei uberpruft, inwiefern der formulierte Kodierleitfaden zum Textmaterial passt. Da sich die entwickelten Kategorien an den Fragen des Leitfadens orientieren, mussten im Anschluss nur wenige Modi- fikationen vorgenommen werden. Da einige Textstellen zu mehreren Kategorien passten, mussten lediglich einige Kodierregeln zur Abgrenzung formuliert wer­den. Daran anschlieBend wurden die Textpassagen aus den Transkripten extra- hiert und den Kategorien fest zugeordnet.

Nach der ersten Materialzuordnung werden die ubrig gebliebenen Textpassa­gen auf ihre Relevanz fur das Forschungsinteresse gepruft. Aus diesem Material

wurden induktiv drei weitere Kategorien gebildet, denen das relevante Restma- terial in einem zweiten Durchgang zugeordnet wird. Nachdem das Kategorien- system (siehe Anhang 5) vervollstandigt wurde, werden die restlichen relevanten Textpassagen den induktiv entwickelten Kategorien zugeordnet. Zunachst wer­den die Textpassagen pro Experte den Kategorien zugeteilt. Um eine zielge- naue Interpretation zu ermoglichen, wird in einem nachsten Schritt nach Kate­gorien und Untersuchungseinheiten differenziert, so dass beispielsweise alle Aussagen zu kohasionsfordernden MaBnahmen unterschieden nach Untersu­chungseinheiten untereinanderstehen. Auf Grundlage dieser nach Kategorie differenzierten, Obersicht wird die Analyse und Interpretation der Interviewaus- sagen vorgenommen.

1. Deduktive Kategorienbildung Kategorie 1: Kohasionsforderndes kommunales Handeln

Definition

Alle Textstellen, die kommunales Handeln oder Entwicklungen beschreiben, wel­ches den lokalen Zusammenhalt starkt.

Ankerbeispiei

„Ganz wichtig fur gesellschaftlichen Zusammenhalt ist, dass man zusammen was macht, sich kennt und sich trifft. Ohne spezielle Einrichtungen, die so etwas er- moglichen, ohne Treffpunkte, ohne Orte, wo man sich trifft und wo auch Men- schen in der Erwartung hingehen, andere zu treffen, passiert so etwas nicht. Im Alltag findet das sonst nicht statt."

Kodierregei

Dieser Kategorie werden Antworten zugeordnet, die ausschlieBlich als Reaktion auf die erste, offene Frage des Leitfadens formuliert wurden.

Kategorie 2: Kohasionsminderndes Handeln und Entwicklungen

Definition

Alle Textstellen, die MaBnahmen oder Entwicklungen beschreiben, die der sozia- len Kohasion abtraglich sind.

Ankerbeispiel

„Vorurteile, Feindbilder, Meinungs- und Stimmungsmache, Kriminalitat und die entsprechende Berichterstattung daruber. Also, es gibt ein wachsendes MaB an Angst voreinander und einen wachsenden Vertrauensverlust voreinander."

Es werden Antworten zugeordnet, die ausschlieBlich als Reaktion auf die zweite Frage der offenen Phase des Leitfadens formuliert wurden.

Kategorie 3: Besonderheiten der Ortsteile

Definition

Alle Textstellen mit spezifischen Charakteristika der Ortsteile Ankerbeispiel

Arbergen und Mahndorf haben sich ihren „dorflichen Charakter erhalten". „Sie sind beide nicht reprasentativ fur den ganzen Stadtteil: Es gibt einen hoheren Anteil an alteren Menschen und einen niedrigeren Anteil an Menschen mit Mig- rationshintergrund als in den angrenzenden Ortsteilen." Es gibt eine kleinteilige- re Bebauungsstruktur mit vielen Einfamilienhauser

Kodierregel

Es werden keine Angaben zur sozialen Infrastruktur, dem sozialen Zusammen- halt zugeordnet, sondern nur Antworten auf die Frage „Welche Besonderheiten machen die Ortsteile aus?

Kategorie 4: Bewertung des sozialen Zusammenha/ts im Ortste/l

Definition

Alle Textstellen, in denen der lokale soziale Zusammenhalt bewertet wird. Ankerbeispiel

Es gibt „einen guten Zusammenhalt dort und wenig Arger."

Es werden keine Aussagen mit Bezug zur Identifikation zugeordnet.

Kategorie 5: Gesellschaftliche Vielfaltigkeit des Ortsteils

Definition

Alle Textstellen, die beschreiben, inwiefern ein Ortsteil gesellschaftlich vielfaltig ist.

Ankerbeispiel

„Die migrantischen Hauptgruppen sind Russlanddeutsche und Menschen mit turkischem Migrationshintergrund. Daneben gibt es einige Kurden und Jesiden."

Kodierregel

Es werden ausschlieBlich Antworten auf die Frage: „Inwiefern ist der Ortsteil ge­sellschaftlich vielfaltig?" der Kategorie zugeordnet.

Kategorie 6: Haufig auftretende KonfUktmuster, Spannungen oder Iso/ie- rungen im Ortsteil

Definition

Alle Textstellen, in denen haufig auftretende Konflikte, Spannungen oder Isolie- rungen im Ortsteil beschrieben werden bzw. auf die Thematik Bezug genommen wird.

Ankerbeispiel

„Im Jugendbereich sortieren sich die Jugendliche stark in ihren Gruppen." Wenn eine Clique in das Freizeitheim ThedinghauserstraBe geht, „gehen andere dort nicht hin".

Definition

Alle Textstellen, in denen das Zugehorigkeitsgefuhl bzw. die Identifikation mit dem Ortsteil beschrieben und bewertet wird.

Ankerbeispiei

„Mit dem eigenen Ortsteilen gibt es eine sehr hohe Identifikation, mit dem ubergreifenden Stadtteil Hemelingen gar nicht."

Kategorie 8: MaBnahmen im Sinne der Kontakthypothese

Definition

Alle Textstellen, in denen Aktivitaten oder MaBnahmen erlautert werden, die verschiedene gesellschaftliche Gruppen in Kontakt miteinander gebracht haben.

Ankerbeispiel

„Zentrale MaBnahme sind Feste wie Stadtteilfeste und Stadtteilaktionen wie der Burgerbrunch." Es gibt daneben noch ein Fruhlingsfest und die etwas groBere HEVIE - beides Messen fur Gewerbetreibende. Beide fuhren auch zur starken Publikumsdurchmischung. Im Burgerhaus wird eine groBe Programmbreite an- gestrebt, „das Ziel ist ein Programm fur alle zu machen, wir suchen nach Ni- schen fur alle, die dann zu Begegnung fuhren."

Kodierrecgel

AusschlieBlich Antworten auf die Frage: „Wurden MaBnahmen ergriffen, die da- rauf aus waren, verschiedene gesellschaftliche Gruppen in Kontakt miteinander zu bringen?".

Definition

Alle Textstellen, die auf Entwickiungen hinweisen, die den Kontakt zwischen ge- sellschaftlichen Gruppen verhindern oder einen exklusiven Zusammenhalt be- fordern.

Ankerbeispiel

„Die steigende Beliebtheit hat auch ganz klar negative Folgen - Stichwort Gent- rifizierung mit der Gefahr, dass die Alteingesessenen von den steigenden Mie- ten vertrieben werden. Und der Wohnraum wird dadurch knapp, darunter natur- lich auch der sozial geforderte." Es besteht die Gefahr, dass „es sich zu einem zweiten Prenzlauer Berg oder Schanzenviertel entwickelt und die Subkultur ver- loren geht."

Kategorie 10: Einschatzung der Qualitat offentlicher Platze

Definition

Alle Textstellen, in denen auf die Gestaltung offentlicher Platze Bezug genom- men wird.

Ankerbeispiel

„Es gibt einen Wochenmarkt in Arbergen, Mahndorf hingegen hat keinen zent- ralen Platz und die kleineren Laden sind nicht mehr da." Es besteht auch der Wunsch nach einem Markt in Mahndorf auch wegen der sich dort bietenden Begegnungsmoglichkeiten. Die konnten auch kleinere Laden bieten, ein Einkauf bei Lidl hingegen weniger.

Definition

Alle Textstellen, in denen Bezug auf raumliche Segregation genommen wird. Ankerbeispiei

„Nein, es gibt keine Ghettoisierung, die Gefluchteten wohnen mitten im Zent- rum."

Kodierregei

Keine Textstellen, die Segregation in Bezug auf Kultur oder Identifikation mei- nen.

Kategorie 12: Bewertung des ehrenamtlichen Engagements

Definition

Alle Textstellen, die das ehrenamtliche Engagement oder burgerschaftliche Akti- vitaten beschreiben und bewerten.

Ankerbeispiel

„Ja, zu nennen ist der Verein Grunes Dorf e.V., die Kirchengemeinde, die KAG. Daneben gibt es viele sportlich ausgelegte Vereine (Angler/ Fahrradfah- rer/Schutzenverein/SVAG mit FuBball und anderen Breitensportarten)."

Kodierregei

Antworten auf die Frage „Sind burgerschaftliche Aktivitaten bzw. das ehrenamt­liche Engagement ausgepragt?" Dadurch konnen inhaltliche Oberschneidungen mit der Beschreibung der sozialen Infrastruktur entstehen.

Kategorie 13: Sicherheit im offentlichen Raum und AusmaB der Kriminali- tat

Definition

Alle Textstellen, in denen die Sicherheit im offentlichen Raum, die Regelbefol- gung und das AusmaB an Kriminalitat eingeschatzt wird.

Ankerbeispiei

„Gefuhlt gut, auch wenn viele Fahrrader geklaut werden. Die Polizei in der Neu- stadt ist sehr engagiert, sie organisieren zum Beispiel Kooperationsrunden fur Jugendliche in schweren Lebenslagen."

Kodierregei

Aussagen, die sich auf Konflikte im kriminalistischen Sinne beziehen, die also relevant fur die offentliche Sicherheit sind.

Kategorie 14: Bewertung der sozia/en Infrastruktur

Definition

Alle Textstellen, in denen eine Bewertung der sozialen Infrastruktur und der dort stattfindenden Durchmischung vorgenommen wird.

Ankerbeispiel

Die soziale Infrastruktur ist vielfaltig: Es gibt die Vereinigte Ev. Gemeinde Bre­men Neustadt mit dem Gemeindezentrum Matthias-Claudius (als Mehrgenera- tionenhaus), das Jugendfreizeitheim Thedinghauser StraBe, ein Seniorencafe (Rosencafe), die Grundschule und zwei Kitas, die Eigentumergemeinschaft und die Spielplatzinitiative Theodor-Storm-StraBe, auch den Menken-Markt (Wo- chenmarkt), der 3x pro Woche stattfindet. Und daneben noch einige StraBenini- tiativen.

Definition

Alle Textstellen, die sich mit der Erklarung der Ergebnisse der Bremen-Studie der Bertelsmann Stiftung auseinandersetzen.

Ankerbeispiei

Auffallig ist, dass Arbergen, Mahndorf und Rablinghause in starken Randlagen liegen, gepragt von viel Einfamilienhausbebauung und es an erkennbaren Zen- tren mangelt - was allerdings auch fur Neuenland gilt. Bei der GS Sud fallt auf, dass es ein Neubaugebiet aus den 60er/70er ist, das heiBt „es waren damals alle neu, keiner war als Erster da", um daraus Etabliertenvorrechte ableiten zu kon- nen. „Dadurch kann Zusammenhalt entstehen, weil alle aufeinander zugehen mussen." Es liegt evtl. auch am dorflichen Charakter, der mit Veranderungen Problemen hat, aber es ist hier definitiv kein sozialer Brennpunkt im Vergleich zu anderen, auch angrenzenden Ortsteilen.

Kodierregei

Antworten, die nach der Darlegung der Ergebnisse der Bremen-Studie erfolgten und damit nicht bezugslos die lokale Kohasion beschreiben.

2. Induktive Kategorienbildung Kategorie 16: Umgang mit dem Zuzug GefUichteter

Definition

Alle Textstellen, in denen die Reaktionen und der Umgang mit dem Zuzug vieler Gefluchteter beschrieben wird.

Ankerbeispiel

„Im Jahr 2016 als wir viel mit dem Zuzug von vielen Gefluchteten zu tun hatten, haben wir ganz eng mit dem Beirat, dem Ortsamt und den aufnehmenden Ein- richtungen zusammengearbeitet, auch die Wirtschaft viel gefordert. In der Neu- stadt war die Stimmung gegenuber den Gefluchteten groBartig - es gab keine Proteste, im Gegenteil viel Engagement, Offenheit und Vernetzung - was die Neustadt insgesamt auch ausmacht."

Kodierregei

Dieser Kategorie durfen keine Textstellen zugeordnet werden, die eine Bewer- tung des lokalen Zusammenhalts vornehmen.

Kategorie 17: Anmerkungen zur Kontakthypothese

Definition

Alle Interviewaussagen, die als Reaktion auf die Darlegung der Kontakthypothe­se entstanden sind.

Ankerbeispiel

Auch von Bedeutung ist es, dass keine ethnische Gruppe in einem Ortsteil do- miniert. Ein Vergleich: „In Tenever gibt es sehr viele Nationalitaten, dort ist die Unterschiedlichkeit Normalitat. Es funktioniert, weil keine Gruppe dominiert." Gropelingen hingegen ist stark turkisch-muslimisch gepragt. Sie haben dort Vormachtstellung, es ist schwierig fur andere Gruppen reinzukommen, es entwi- ckelt sich zu einer „Parallelgesellschaft".

Kategorie 18: Reievante Veranderung in den Ortsteiten uber Zeit

Definition

Alle Textstellen, die einer Veranderung der Ortsteile im Zeitverlauf beschreiben

Ankerbeispiei „Sobald der Weserpark entstanden ist, ist die ortliche Infrastruktur hier ausge- dorrt." Der Konsum hat sich dorthin verlagert, „und hier haben die kleinen Ge- schafte und Gaststatten, die alle Treffpunktfunktion hatten, nach und nach ihr Publikum verloren."

Anhang 5: Kategoriensystem [50]

[...]


1 Die Begriffe gesellschaftlicher Zusammenhalt, sozialer Zusammenhalt, soziale Kohasion und gesellschaftliche Kohasion werden im Rahmen dieser Arbeit synonym verwendet.

2 Doch auch die weiterfuhrenden theoretischen Annahmen werden im Rahmen der Untersu­chung uberpruft.

3 Aus Grunden der leichteren Lesbarkeit wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit die mannliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Entsprechende Begriffe sind im Sinne der Gleichbehandlung als geschlechtsubergreifend zu verstehen.

4 Antiliberale Akteure eine es, „als Stimme des Volkes gegen die abgehobenen Eliten" aufzutre- ten, an „starke Gefuhle und Leidenschaften", wie Identitat oder Patriotismus zu appellieren sowie „eine klare Trennungslinie zwischen ,uns' und den Fremden, Freund und Feind zu ziehen" (Fucks 2017: 12).

5 Muller (1997: 376 f) definiert Lebensstile „als raumzeitlich strukturierte Muster der Lebensfuh- rung (...), die von Ressourcen (materiell und kulturell), der Familien- und Haushaltsform und den Werthaltungen abhangen. Die Ressourcen umschreiben die Lebenschancen, die jeweiligen Opti- onen und Wahlmoglichkeiten; die Haushalts- und Familienform bezeichnet die Lebens-, Wohn- und Konsumeinheit; die Werthaltungen schlieBlich definieren die vorherrschenden Lebensziele, pragen die Mentalitaten und kommen in einem spezifischen Habitus zum Ausdruck."

6 Beck (1986: 206) unterteilt den Begriff in drei Dimensionen: Die 'Freisetzungsdimension' („Her- auslosung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Vorsorgungszusammenhange"), die 'Entzauberungsdimension' („Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen") und die 'Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension' („neue Art der sozialen Einbindung").

7 Die Milieustudie des Sinus-Instituts (2017: 13) unterscheidet zwischen zehn soziokulturellen Gruppen anhand unterschiedlichen sozialen Lagen, Wertorientierungen, Einstellungen und Le- bensstilen: Konservativ-Etablierte (10 %), Traditionelle (13 %), Liberal-Intellektuelle (7 %), Sozial- okologische (7 %), Burgerliche Mitte (13 %), Prekare (9 %), Performer (8 %), Adaptiv- Pragmatische (10 %), Hedonisten (15 %) und Expeditive (8 %).

8 „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehorigkeit nicht durch Geburt besitzt." Folgende Personen fallen unter diese Definition: „(1) zugewanderte und nicht zugewanderte Auslander; (2) zugewanderte und nicht zugewanderte Eingeburgerte; (3) (Spat-)Aussiedler; (4) mit deutscher Staatsangehorigkeit geborene Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen" (Statistisches Bundesamt 2017a: 4).

9 Die PDS schaffte bereits 1998 den Einzug in den Bundestag, scheiterte aber 2002 an der Funf- prozenthurde.

10 Die Parteien vereinten Mitte der 1970er-Jahre noch ca. 90% der Wahlerstimmen auf sich, 2017 waren es nur noch 53,5 %. Zudem haben sich die Mitgliederzahlen der Parteien nahezu halbiert (1990: SPD und CDU/ CSU mit jeweils knapp unter 1 Mio. Mitglieder, 2016: SPD: 432.706, CDU/ CSU: 574.332 Mitglieder) (Niedermayer 2017).

11 Die Prozentzahlen beziehen sich auf die Mitglieder gemessen an der Gesamtbevolkerung.

12 Es gilt die innerislamische Pluralitat zu beachten, die Gesamtzahl fasst unterschiedliche musli- mische Glaubensrichtungen zusammen.

13 Nassehi (2016a: 60 f) definiert Komplexitat folgendermaBen: „Komplex ist ein System dann, wenn es gleichzeitig mehrere Zustande annehmen kann und die Zahl der moglichen Verknup- fungen von Elementen steigt. Je komplexer ein System, desto indeterministischer ist es (...). Komplexitat verweist also in diesem Fall auf die Reibungsflachen, die Schnittstellen, den Kon- trollverlust, die Spannung zwischen den unterschiedlichen Logiken, die in Echtzeit aufeinander treffen und damit jenes unubersichtliche Bild der Gesellschaft erzeugen, gegen das Narrative opponieren, die eine Geschichte aus einem Guss anbieten."

14 In der Tradition von Ingleharts (1977) postmateriellen Wertewandel nennt Reckwitz (2017: 104) diesen Vorgang eine „Authentizitatsrevolution", wobei das eigene Selbst enorm an Bedeu- tung gewinne, in dem es „in seiner Besonderheit entfaltet werden" solle.

15 Der Gini-Koeffizient ist ein MaB zur „Charakterisierung der relativen Konzentration (Disparitat) bei einer Einkommensverteilung" (Gabler Wirtschaftslexikon 2009). Abgeleitet von der Lorenz- kurve nimmt der Index einen Wert zwischen 0 (bei einer gleichmaBigen Verteilung) und 1 (bei maximaler Ungleichverteilung).

16 Diese Gruppe bezeichnet Reckwitz als ,Neue Unterklasse'.

17 Vgl. dazu Vertovec/ Cohen (2002: 8 ff), die sechs Zugange identifizieren: ein soziokultureller Zustand, eine philosophische Richtung/ Weltsicht, ein Projekt zur Implementierung transnatio­nal Institutionen, ein Projekt zur Anerkennung der Vielfalt von Identitaten, eine Haltung/ Dis­position und eine Praxis oder Kompetenz.

18 Inglehart/ Norris (2016: 13) sprechen in diesem Zusammenhang von „progressiven Werten".

19 PEGIDA ist die Abkurzung fur „Patriotische Europaer gegen die Islamisierung des Abendlan- des".

20 Vgl. Borstel/ Luzar 2016 fur eine Obersicht uber verschiedene Auspragungen des rechten Spektrums.

21 Etabliertenvorrechte meint die „von Alteingesessenen beanspruchte Vorrang- und Vormacht­stellung gegenuber „Neuen", „Zugezogenen" und „Unangepassten"; Etabliertenvorrechte kon- nen somit die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Gruppen verletzen (Zick et al. 2016: 41).

22 Ebner (2018) beschreibt ausfuhrlich diese und weitere Parallelen, wie in der ideologischen und strategischen Ausrichtung.

23 Die Zahl rechtsextremistischer Straf- und Gewalttaten nimmt seit 2014 zu. Im Jahr 2016 wur- den 1.600 rechtsextremistische Gewalt- und 22.471 Straftaten registriert, wobei insbesondere gegen Asylunterkunfte gerichtete Gewalttaten eine gewichtige Rolle spielen (vgl. Bundesamt fur Verfassungsschutz 2018).

24 Dem Salafismus werden in Deutschland 10.300 Personen zugerechnet, der islamistischen Sze- ne insgesamt ca. 24.000. Davon sind laut Verfassungsschutz rund 1.800 Personen dem „islamis- tisch-terroristischen" Spektrum zuzuordnen, darunter etwa 700 sogenannte Gefahrder, denen die Sicherheitsbehorden grundsatzlich einen Terrorakt zutrauen. Zudem sind bereits 940 Perso­nen aus Deutschland nach Syrien und Irak gereist, um sich dem sogenannten Islamischen Staat anzuschlieBen (vgl. Zeit Online 2017).

25 Es ist strittig, inwiefern die AfD als rechtspopulistische Partei einzuordnen ist (vgl. dazu Haus- ler/ Niedermayer 2018). Rechtspopulismus definiere sich durch eine konfrontative Dichotomie „Volk gegen korrupte Elite", wobei das Volk als kulturell homogene Gemeinschaft angesehen werde, die gegenuber Fremden wie Migranten oder Auslander abgegrenzt und aufgewertet werde (Wolf 2017: 12 f). Diese Arbeit ordnet die AfD als rechtspopulistisch ein, weil sie sich als Gegenpol zu den sogenannten „Alt-Parteien" inszeniert und die Eliten als „Volksverrater" diffa- miert und nach Kulturzugehorigkeit exkludiert.

26 Demgegenuber werden Modernisierungsbefurworter als Personengruppen beschrieben, die „von den okonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen profi- tieren oder sich zumindest davon angezogen fuhlen und damit uberwiegend Chancen verbin- den" (ebd. 14).

27 Beide Klassen verbindet ihr niedriges kulturelles Kapital, wobei die alte Mittelklasse uber ho- heres okonomisches Kapital verfugt, da die neue Unterklasse vornehmlich prekare Dienstleis- tungsjobs ubernimmt. Reckwitz unterschlagt das Segment der Superreichen, das er fur die Rele- vanz in der Sozialstruktur als fur zu klein befindet (ebd. 277 ff)

28 Damit erkennt Reckwitz eine neue gesellschaftliche Klassenstruktur trotz der ausgefuhrten Diversifizierungsvielfalt. Die Beschreibungen erganzen sich, da die Klassen in sich nicht homo­gen, sondern heterogen sind und anhand weitreichender Klammern zusammengehalten werden. Dadurch wird der Vielfaltsannahme nicht widersprochen.

29 Dazu zahlten die Mitgliederstaaten der EU, Australien, Israel, Kanada, Neuseeland, Norwegen, die Schweiz und die USA.

30 Siehe Kapitel 4.3. fur eine Definition des Konzepts.

31 Das Verhaltnis von Kommunitarismus und Kosmopolitismus bedarf weiterer Oberlegungen, die in dieser Arbeit aus Platzgrunden nicht weitert thematisiert werden konnen. Insbesondere gilt es die Frage zu erortern, inwiefern beispielsweise ethnische oder religiose Gemeinschaften kosmopolitische Anspruche erfullen mussen.

32 Beim kulturellen Kapital unterscheidet Bourdieu (1992: 55 ff) zwischen einem inkorporierten, objektivierten und institutionalisierten Zustand. Das soziale Kapital wird als „die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von [...] institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind", beschrieben (ebd. 63).

33 Den Zusammenhang von Sicherheit und einer inklusiven Gesellschaft betont auch Bart So­mers (2018: 67 ff), erfolgreicher Burgermeister von Mechelen.

34 Dies ist insbesondere aufgrund der funktionalen Differenzierung bedeutsam, die in Kapitel 3.1 thematisiert wird.

35 Fur eine differenzierte Betrachtung muss in diesem Zusammenhang auch auf das rivalisieren- de Verhaltnis vieler benachbarter Orte verwiesen werden. Das gilt es jedoch unterzuordnen, solange die Rivalitat keine uberbordenden Konflikte zwischen Menschen begrundet, da Inklusi- onen stets neue Exklusionen erzeugen.

36 Um Vollstandigkeit und Gbersichtlichkeit der Inhaltsentwicklung zu gewahrleisten, werden bei den folgenden Ausfuhrungen zum Teil Inhalte wiederholt angesprochen.

37 Siehe ausfuhrlich dazu Binne et al. (2014).

38 Die Gartenstadt Sud und Neuenland sowie Arbergen und Mahndorf gehoren jeweils dem gleichen Stadtteil an, der Neustadt bzw. Hemelingen. Aufgrund dieser Zweiteilung konnten die Experten jeweils fur beide Ortsteile interviewt werden. Deshalb wird der Ortsteil Rablinghausen, der ebenfalls eine sehr geringe soziale Kohasion aufweist, nur am Rande untersucht.

39 Die erhobenen Daten sind fur die Grounded Theory zu weit vorstrukturiert, die sich dadurch auszeichne, dass durch „offenes Kodieren" die Theorien aus dem Datenmaterial heraus generiert werden (vgl. Mayring/ Fenzl 2014: 545).

40 Der Stadtteil Oberneuland verfugt uber keinen Ortsteil.

41 Das Ortsamt Neustadt ist auch fur den angrenzenden Stadtteil Woltmershausen zustandig.

42 Wenn nicht anders angefuhrt, beziehen sich die Kennzahlen auf das Jahr 2015, Quelle: Statisti­sches Landesamt Bremen 2017

43 Um die Kennzahlen besser vergleichen zu konnen, sind sie in Tabelle 2 ubersichtlich darge- stellt.

44 Leider konnte fur die einzelnen Ortsteile keine genauere Aufschlusselung der Migrationshin- tergrunde ermittelt werden.

45 Es sind keine aktuellen vergleichenden Daten zum mittleren Einkommen (Median) der Lohn- und Einkommenssteuerpflichtigen abrufbar. Fur das Jahr 2010 (in 1000 €) sind in Arbergen (23,2)

und Mahndorf (22,4) hohere Werte festzustellen als in der Gartenstadt Sud (17,9) und im Neuen­land (15,6).

46 Beide Antworten wurden nachtraglich per E-Mail zugesendet, so dass sie nicht ad hoc erfolg- ten, sondern mit zeitlichem Abstand zum Interview verfasst wurden. Beide sind zudem Experten fur die Neustadt, verfugen aber eine daruberhinausgehende Expertise, was ihnen eventuell so- gar eine bessere Beurteilungsperspektive auf die Entwicklung ermoglicht.

47 In Arbergen wurde schlieBlich eine Unterkunft eingerichtet, in Mahndorf aufgrund der ab- nehmenden Fluchtlingszahlen nicht.

48 Die Wirkung von medialer Skandalisierung auf die soziale Kohasion konnte in dieser Arbeit aus Platzgrunden nicht der Bedeutung entsprechend thematisiert werden. Analog dazu ist auch das Integrationspotenzial von Begegnungen am Arbeitsplatz nicht angefuhrt, obwohl es die wohl gangigsten Form darstellt, mit bisher fremden Menschen in Kontakt zu treten. Interessan- terweise hat kein Experte diese Thematik in Bezug auf kommunales Handeln angesprochen.

[49] Zugriff auf die Interviewtranskripte wird nach Kontaktaufnahme/Rucksprache mit dem Autor von diesem gerne ermoglicht

[50] Zugriff auf die Interviewtranskripte wird nach Kontaktaufnahme/Rucksprache mit dem Autor von diesem gerne ermoglicht

171 von 171 Seiten

Details

Titel
Sozialen Zusammenhalt fördern. Kommunales Handeln in gesellschaftlicher Vielfalt
Untertitel
Schriftenreihe Komplexes Entscheiden (Professional Public Decision Making), Band 9
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Masterstudiengang Komplexes Entscheiden
Note
1,0
Autoren
Jahr
2018
Seiten
171
Katalognummer
V461651
ISBN (Buch)
9783668890398
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialer Zusammenhalt, Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Social Cohesion, Gesellschaftliche Vielfalt, Kommunen, Kommunales Handeln
Arbeit zitieren
Mathis Dippon (Autor)Dagmar Borchers (Herausgeber)Svantje Guinebert (Herausgeber)Sandra Kohl (Herausgeber), 2018, Sozialen Zusammenhalt fördern. Kommunales Handeln in gesellschaftlicher Vielfalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461651

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