Elemente des Freudschen Unheimlichen in Novellen des Poetischen Realismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Novelle als „Schwester des Dramas“ (Engel 917)
2.1 Der poetische Realismus

3. Was bedeutet ‚unheimlich‘?

4. Theodor Storms „Schauerrealismus“ (Arndt 144)
4.1 Vergleich mit Storms „Seelenverkäufer“

5. Die Judenbuche
5.1 Ein weiterer Doppelgänger

6. Schluss

7. Bibliographie

1. Einleitung

„Als Novellendichter hat Storm in deutscher Zunge nur einen ihm Ebenbürtigen: Keller; in seiner besonderen Gattung, der romantisch verklärten Novelle, ist Storm der unübertroffene Meister.“1 Theodor Storm und Anette von Droste-Hülshoff sind zwei erfolgreiche Autoren von Novellen des deutschen Realismus. Diese Arbeit wird sich mit Elementen dieser Novellen beschäftigen, die laut der Theorien von Sigmund Freud und Dr. Ernst Jentsch als unheimlich wahrgenommen werden. Dazu muss zuerst erläutert werden, welche Ansprüche die Novelle des poetischen Realismus stellt und was die Leser der selbigen als unheimlich wahrnehmen.

2. Die Novelle als „Schwester des Dramas“ (Engel 917)

Aus dem Zitat Theodor Storms, die Novelle sei die „Schwester des Dramas“ (Ebd.) resultieren einige Merkmale und Bedingungen für die spätere Novelle. Beispielsweise die „Notwendigkeit, dass jede Novelle um einen Mittelpunkt angeordnet ist.“2. Mit der Konzentration als Bedingung einer Novelle meint Hugo Aust nicht nur diesen Wendepunkt, sondern auch das typische Symbol, welches in jeder Novelle vorhanden sein soll.3 Die Kraft dieses Symbols ist relevant für die Gattung der Novelle. Weitere relevante Merkmale der Novelle sind laut Rolf Füllmann in Einführung in die Novelle eine unerhörte Begebenheit, um die sich die Handlung dreht und ein erzählerischer Rahmen.4 Dieser Rahmen bietet dem Leser eine schematische Form der Erzählung anstelle einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung der Realität (Vgl. Minambres 17). In diesem Erzählrahmen sind die „Spannungsachsen“ (Minambres 23) verankert, auf denen die Novelle aufbaut. Durch den Rahmen ist die Novelle fest im Gespräch situiert und wird so in jedem Fall „zugleich ‚besprochen‘ […] und ‚reflektiert‘“ (Aust 15). Rahmen, Mündlichkeit der Novelle und die wiederkehrende Absicht zu belehren und zu unterhalten (Vgl. Aust 5) führten für die Novelle zum Ehrentitel der „moralische[n] Erzählung“ (Aust 6). Für die Begebenheit, also das, „was einem widerfährt und sich so erzählen läßt“ (Aust 10), stellt Aust diverse Kriterien auf. Die Begebenheit soll nicht nur unerhört, also ‚neu‘ sein. Aust verweist weiterhin auf den Wahrheitsanspruch der Novelle und die Singularität der Begebenheit (Ebd.). Die Novelle wird als eine „Erzählung mittlerer Länge“ (Ebd.) bezeichnet. Theodor Storm jedoch „negierte […] die herkömmlichen Forderungen nach Kürze, Neuheit und Wendepunkt“5 und orientierte sich bei seinen Novellen eher an Merkmalen des Dramas. Hans und Heinz Kirch, eine seiner späteren Novellen, ist eine „direkte Umsetzung der Theorie von der ‚Schwester des Dramas‘ (Stockinger 122). Jedoch ist die Novelle in ihrer Zeitaufteilung wesentlich flexibler, da sie sich nicht wie Komödie oder Tragödie auf vierundzwanzig Stunden beschränken muss (Vgl. Füllmann 35).

2.1 Der poetische Realismus

Der poetische Realismus lebt von der Theorie, dass die logischen Zusammenhänge in der von der Literatur geschaffenen Welt deutlicher sichtbar sind als in der echten Welt6. Hier findet jedoch eine „Poetisierung der Wirklichkeit“ (Stockinger 8) statt, also keine realistische Darstellung, viel mehr eine idealisierte. Der poetische oder auch bürgerliche Realismus beschäftigt sich intensiv mit der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft. „Der Prozeß der Vergesellschaftung hier, der Vereinsamung dort, also einer zunehmenden Spaltung im Gegenüber von Welt und Ich ist bei Storm, Raabe, Fontane voll bewußt geworden und hat zu ihren verschiedenen Formen des Erzählens geführt.“7. Das bürgerliche Bewusstsein beginnt, einen Anspruch auf Individualität zu stellen, „Das Ich suchte sich als ‘innerer‘ Wert gegenüber der ‚äußeren‘ Wirklichkeit zu behaupten.“ (Müller 37). Die Novelle stellt einen wesentlichen Teil der Epoche des Realismus dar. Storm beschreibt die Thematik der Novelle insofern, dass sich alles um einen Konflikt im Mittelpunkt des Geschehens dreht, der die wahren Probleme der Menschen widerspiegelt (Vgl. Stockinger 116). Auch der poetische Realismus besitzt einen Wirklichkeitsanspruch, die Autoren fühlen eine „Verpflichtung gegenüber der ‚Wahrheit‘ des erfahrenen Lebens“ (Martini 57). Höchst relevant steht „das Prinzip der ‚Verklärung‘“ im „Mittelpunkt des künstlerischen Akts“ (Stockinger 10). Zusammenfassend muss man sagen, dass sich „die derart abgebildete Wirklichkeit aus heutiger Sicht als ästhetisches Konstrukt“ (Stockinger 11) zeigt. Wie bereits erwähnt, enthalten Werke des poetischen Realismus also eher eine Gesellschaftskritik als eine realistische Widerspiegelung. Was die Verwirklichungen der Freud’schen Theorien in den nun betrachteten Werken so besonders macht, ist der begangene Stilbruch. Normalerweise lässt die Theorie des Realismus keinen Platz für Gespenster oder Schauergeschichten jeglicher Art.8

3. Was bedeutet ‚unheimlich‘?

„Stark ist der Wunsch des Menschen nach der intellectuellen Herrschaft über die Umwelt. Intellectuelle Sicherheit gewährt psychische Zuflucht im Kampfe ums Dasein.“9

Sigmund Freud und Dr. Ernst Jentsch stimmen größtenteils miteinander überein, dass unheimlich vor allem das ist, was der Mensch nicht begreifen und nicht verstehen kann. Angst entwickelt sich folglich hauptsächlich aus intellektueller Unsicherheit. Eben deshalb wird Unheimlichkeit sehr subjektiv wahrgenommen. Freud definiert die bloße Bedeutung des Wortes zunächst folgendermaßen: „Das deutsche Wort >>unheimlich<< ist offenbar der Gegensatz zu heimlich, heimisch, vertraut und der Schluss liegt nahe, es sei etwas eben darum schreckhaft, weil es n i c h t bekannt und vertraut ist.“10 Diese Definition deckt sich inhaltlich mit dem Zitat aus Jentschs Arbeit. Weiterhin beschreiben beide Psychologen Wesen als unheimlich, bei denen nicht klar entschieden werden kann, ob sie tot oder lebendig sind. Freud nennt als Beispiele hierfür Puppen, Automaten und Wachsfiguren (Vgl. Freud 12), während Jentsch sich auf tote Körper und Skelette bezieht, deren unheimliche Wirkung vor allem daher rührt, dass der „Gedanke an eine latente Beseelung immer so nahe liegt“ (Jentsch 204). Aus demselben Grund sind auch Gespenster Grauen erregend, weil sie so eng mit dem Tod und der Wiederkehr der Toten zusammenhängen. Es wird vermutet, dass „Der Tote […] zum Feind des Überlebenden geworden [sei] und beabsichtige, ihn mit sich zu nehmen“ (Freud 36). Der Doppelgänger wird ebenfalls als unheimlich bezeichnet.

Der Charakter des Unheimlichen kann doch nur daher rühren, daß der Doppelgänger eine den überwundenen seelischen Urzeiten angehörige Bildung ist, die damals allerdings einen freundlicheren Sinn hatte. Der Doppelgänger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen werden. (Freud 26)

Die Spannung der Doppelgänger geht daraus hervor, dass sie wegen ihrer Äußerlichkeit für eine andere Person gehalten werden, diese aber nicht sind und es häufig von Betroffenen nicht zuverlässig entschieden werden kann. Der Doppelgänger stört die freie Entfaltung des Individuums und enttarnt so die Illusion des freien Willens. Freud bezeichnet ihn sogar als „Vorbote des Todes“ (Freud 25). Lebendige Menschen gelten dann als unheimlich, wenn man ihnen böse Absichten unterstellt, die sie „mit Hilfe besonderer Kräfte“ (Freud 37) zu verwirklichen suchen. Freud stellt in seiner Arbeit folgende These auf: „Das Unheimliche des Erlebens kommt zustande, wenn verdrängte infantile Komplexe durch einen Eindruck wiederbelebt werden, oder wenn überwundene primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen.“ (Freud 46). Die Wahrnehmung, ob etwas unheimlich ist oder nicht, hängt also vom Individuum und somit von dessen psychischer Verfassung ab. Diese kann z.B. im Halbschlafe, durch Betäubungszustände aller Art, verschiedenartige Depressionen und Nachwirkungen von mannigfachen schreckhaften Erlebnissen, Aengste, schwere Erschöpfungen oder Allgemeinkrankheiten (Jentsch 197) eingeschränkt sein. Diese Unsicherheit, auch Angstperspektive genannt, tritt also leichter auf, wenn die subjektive Unwissenheit sehr ausgeprägt ist oder die Wahrnehmung unnormal schwankt, was laut Jentsch vor allem Frauen, Kinder und Schwärmer (Jentsch 204) betrifft. Da der Effekt des Unheimlichen also von dem Verwischen der Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit lebt (Vgl. Freud 39), lässt sich manchmal selbst bei völliger Sicherheit ein „höchst unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken“ (Vgl. Jentsch 196).

4. Theodor Storms „Schauerrealismus“ (Arndt 144)

Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran; ich hörte nichts; aber immer deutlicher, wenn der halbe Mond ein karges Licht herabließ, glaubte ich eine dunkle Gestalt zu erkennen, und bald, da sie näher kam, sah ich es, sie saß auf einem Pferde, einem hochbeinigen hageren Schimmel; ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern, und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Antlitz an.11

Bereits die erste Erwähnung der Figur des Schimmelreiters schafft eine unheimliche Atmosphäre. Storms Novelle ist eine Kombination aus „Wissenschafts- und Technikreflexion […] und spukhaft magischem Naturgeschehen“12. Der Erzählrahmen der Novelle ist mehrfach gefächert und unterbricht die Erzählung wiederholt. Diese Unterbrechungen tragen dazu bei, dass die Unheimlichkeit der Geschichte gesteigert wird.13 „Es wird deutlich, daß eine Bedrohung auftreten kann, sobald von Unheimlichem aus der Vergangenheit erzählt wird“ (Ebd.). Die Figur des Schimmelreiters tritt aus dem Erzählrahmen in die Geschichte hinein (Arndt 148). Über diesen Durchbruch gewinnt die Erzählung „wie von selbst an Wirklichkeit“14. Theodor Storm veröffentlichte auf dem „Höhepunkt der Aufklärung“ (Roebling 184) eine „Spukgeschichte“ (Ebd.) und erschuf so „the difficult combination of the supernatural theme and the realist novella“ (Arndt 155). Diese Kombination stellt für seinen Text jedoch kein Problem, sondern eher die Quelle seiner Kraft dar (Ebd.).

Einige der Aspekte, die Storms Novelle unheimlich machen, sind direkt in Hauke Haiens Charakter zu finden. Peter Lang geht soweit, zu sagen, dass die Leistung von Storms Novelle ist „aus einem Jungen wie Hauke Haien einen Deichgrafen und aus diesem ein ‚Nachtgespenst‘ zu machen“ (Lang 126). Bereits zu Beginn der Novelle erfährt der Leser von Haukes

[...]


1 Eduard Engel: Geschichte der deutschen Literatur. Zweiter Band. Zweite Auflage. Leipzig / Wien 1907. Hier: S. 917.

2 Germán Garrido Minambres: Die Novelle im Spiegel der Gattungstheorie. Würzburg 2009. S. 17

3 Hugo Aust: Novelle. Stuttgart 1990. S. 13

4 Rolf Füllmann: Einführung in die Novelle. Darmstadt 2010. S. 8.

5 Claudia Stockinger: Das 19. Jahrhundert. Zeitalter des Realismus. Berlin 2011. S. 121

6 Udo Müller: Realismus. Begriff und Epoche. Breisgau 1982. S. 34.

7 Fritz Martini: Die Erzählmethode des deutschen Realismus. In: Müller (HG): Bürgerlicher Realismus. Grundlagen und Interpretationen. Königstein 1981. S. 57-73. Hier: S. 59.

8 Christiane Arndt: Theodor Storm’s Der Schimmelreiter: Schauerrealismus or Gothic Realism in the Family Periodical. In: Charlotte Woodford and Benedict Schofield (Hrsg.): The German bestseller in the late nineteenth century. Suffolk 2012, 144 – 164. Hier: S. 147.

9 Ernst Jentsch: Zur Psychologie des Unheimlichen. In: Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, Nr. 22, 23 (1906), S. 195-199 (Nr.22), S. 203-205 (Nr.23). Hier: S.204.

10 Sigmund Freud: Das Unheimliche. Jana Srna. Project Gutenberg 2010. S.4.

11 Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Sabine Wolf. Stuttgart 2014. Hier: S.5.

12 Irmgard Roebling: Von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis. Die Thematisierung von Natur und Weiblichkeit in „Der Schimmelreiter“. In: Gerd Eversberg, David Jackson, Eckart Pastor (Hrsg.): Stormlektüren. Festschrift für Karl Ernst Laage zum 80. Geburtstag. 183 – 214. Hier: S.184.

13 Anette Krech: Schauererlebnis und Sinngewinnung. Wirkungen des Unheimlichen in fünf Meisternovellen des 19. Jahrhunderts. Band 18. Wolfram Buddecke, Manfred Raupach und Martin Schulze. Frankfurt am Main 1992. Hier: S.136.

14 Peter Lang: Wirklichkeit und Wahrnehmung – Neue Perspektiven auf Theodor Storm. Band 27. Elisabeth Strowick und Ulrike Vedder. Bern 2013. Hier: S.126.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Elemente des Freudschen Unheimlichen in Novellen des Poetischen Realismus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Novellen des poetischen Realismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V461679
ISBN (eBook)
9783668912694
ISBN (Buch)
9783668912700
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dozentin extrem begeistert!
Schlagworte
Freud, Novelle, poetischer Realismus, Storm, Droste-Hülshoff, unheimlich, Doppelgänger
Arbeit zitieren
Ina Noschitzka (Autor), 2018, Elemente des Freudschen Unheimlichen in Novellen des Poetischen Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461679

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