Sterben und Begräbnis im Früh- und Hochmittelalter

Eine geschichtliche Untersuchung zu Todesritualen in Westeuropa


Hausarbeit, 2018
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Thietmars Bericht über das Sterben Liudgards
1. Biografie Thietmars von Merseburg
2. Inhalt der Quelle und Thietmars Vorstellungen zum Tod

III. Das Sterben
1. Beichte
2. Krankensalbung
3. Sterbekommunion

IV. Das Begräbnis
1. Furcht vor dem Leichnam
2. Vorbereitungen zur Bestattung des Leichnams
3. Mittelalterlicher Friedhof

V. Memoria

VI. Fazit

VII. Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Literatur

VIII. Anhang

Quelle: Todesangst und schweres Sterben

I. Einleitung

Die Menschen im Früh- und Hochmittelalter mussten mit vielen Schwierigkeiten leben. Häufige Kriege, Naturkatastrophen und Hungersnöte1 machten das Leben schwer. Vor allem aber waren Epidemien und Seuchen, z.B. Lepra oder die Pest, die größten Gefahren für die mittelalterlichen Gesellschaften. Der Tod war damit jederzeit allgegenwärtig.2 Jedoch war das Sterben nicht nur wegen Epidemien und Seuchen omnipräsent, sondern auch z.B. wegen den Massakern während der Kreuzzüge oder dem geringeren Wert des menschlichen Lebens (schnellere und einfachere Hinrichtungen).3

Der Tod betraf nicht nur die Älteren, sondern Menschen aller Altersstufen. Er gehörte zu dem normalen Alltag eines mittelalterlichen, gläubigen Christen. Das Sterben war jedoch nicht das Ende, sondern der Beginn des „nächsten, ewigen Lebens“ im Jenseits.4 Wie aber sah die Erinnerung an Verstorbene im Detail aus?

Da das Sterben einen „Übergang“ zum „nächsten, jenseitigen Leben“ darstellte, gab es viele unterschiedliche Sterberiten.5 Ein Mensch starb im Beisein von Menschen, die ihm besonders nahestanden.6 Jedoch gab es auch schon vor dem unmittelbaren Sterben eine Sorge über sein eigenes Seelenheil, denn letztendlich wollte man „ gut und gerecht“, also ohne Sünden sterben. Dafür musste man rechtzeitig Maßnahmen ergreifen.7 Wie genau sahen diese Maßnahmen aus? Wie stark wurden diese Maßnahmen, der Tod und das Begräbnis sowohl vom Christentum als auch von vorchristlichen und abergläubischen Kulten geprägt?

Die folgende Hausarbeit versucht diese Fragen zu beantworten, indem sie zuerst eine geeignete Quelle8 für die Fragestellungen vorstellt, die Biografie des Autors skizziert und die Quelle interpretiert, und sich dann mit den Themen Sterbe- und Todesrituale, christliche, vorchristliche und abergläubische Merkmale bei der Vorstellung über das Sterben und den Tod und Erinnerung an Verstorbene im früh- und hochmittelalterlichen Westeuropa auseinandersetzt. Ein abschließendes Fazit soll kurz die wichtigsten Ergebnisse festhalten.

Die aktuelle Forschung hat viele Quellen zum Sterben und zum Tod großer Herrscher, wie Könige und Kaiser, vorliegen.9 Des Weiteren gibt es viele Quellen aus Klöstern, die den Tod der Kleriker beschreiben.10 Es gibt sehr wenige Quellen zu den Sterbeprozessen einfacher Menschen.11

II. Thietmars Bericht über das Sterben Liudgards

1. Biografie Thietmars von Merseburg

Beim Verfasser der Quelle12 handelt es sich um den Bischof von Merseburg und den Geschichtsschreiber Thietmar.13 Thietmar wurde nach eigenen Angaben vermutlich zu Walbeck14 am 25. Juli 975 geboren.15 Er war der Sohn des Grafen Siegfried von Walbeck und seiner Gattin Kunigunde von Stade.16 Seine weitverzweigte adelige Verwandtschaft machte ihn zum Mitglied des sächsischen Hochadels.17 Über seine Großmutter mütterlicherseits war Thietmar ein direkter Nachfahre Karls des Großen, in der neunten Generation.18

Während seiner Kindheit war Thietmar eine Zeit lang bei seiner Großtante Emnilde und erhielt bei ihr seinen Elementarunterricht.19 Im Hochadel war es standesüblich eine theologische Ausbildung zu haben. Deswegen schickten Thietmars Eltern ihn im Jahre 98720 zum Vorsteher des Johannisklosters in Magdeburg Abt Rikdag.21 Drei Jahre später wurde er Mitglied der Bruderschaft im Magdeburger Domstift.22 Thietmars Lehrer Ekkehard der Rote und Geddo zählten zu den gelehrtesten Männern des Reiches und somit genoss er eine ausgezeichnete Ausbildung. Er studierte christliche und antike, vor allem lateinische Autoren.23 Im Jahre 994 wurde Thietmar als Geisel zu Wikingern geschickt, damit seine Onkel mütterlicherseits das Lösegeld für sich aufbringen konnten.24 Jedoch waren die Onkel schon bei der Ankunft Thietmars der Geiselnahme durch die Wikinger entkommen und folglich konnte er nach Magdeburg unversehrt zurückkehren.25

Thietmar wurde wahrscheinlich um 1000 Mitglied des Domkapitels26 und zwei Jahre später kehrte er nach Walbeck zurück und „übernahm die Propstei der Familienstiftskirche“.27 In diesem Amt wurde er am 21. Dezember 1004 vom Magdeburger Erzbischof Tagino zum Priester geweiht.28 Nachdem der Merseburger Bischof Wigbert29 im April 1009 gestorben war, wurde Thietmar Bischof von Merseburg und Reichsbischof.30 Er bemühte sich das im Jahre 1004 wiederhergestellte Bistum31 wirtschaftlich weiter zu entwickeln.32 Thietmar starb am 1. Dezember 1018.33

Zwischen 1012 und 1018 schrieb Thietmar seine Chronik in lateinischer Sprache, die er in acht Bücher unterteilte.34 Die Chronik umfasst „die Geschichte der (…) Stadt Merseburg“35 und die „Lebenswege und Taten der frommen Könige Sachsens“36. Thietmars wichtigster Beweggrund zum Schreiben war nach Helmut Lippelt die persönliche Pflicht zur Memoria:

„Soweit Thietmars Sündenbekenntnisse nicht (…) ein direkter Ausdruck der geistigen Spannung zwischen adeliger Herkunft und geistlichem Amt sind, stehen sie in auffälligem Zusammenhang mit den Gedächtnisbemühungen, die ein Hauptmotiv seiner Geschichtsschreibung sind – sei es, daß [sic!] versäumtes Gedächtnis ihn bedrückt, sei es, daß [sic!] er während er anderer gedenkt, auf die Sorge für die Sicherung der Pflege des eigenen Gedächtnisses hingelenkt wird. Beides ist unmittelbar aufeinander bezogen: in seinen Bemühungen um die Memoria der Verstorbenen erwartet er deren Intercessio [Vermittlung], mit seinen Sündenklagen zielt er auf die spätere Pflege seines Gedächtnisses durch die Lebenden. Durch die Übertreibung seines Status als Sünder (…) versucht er sie geradezu zu erzwingen.“37

Ernst Schubert führt an, dass es Thietmar „nicht nur um einen Geschichtsbericht, sondern auch um die eigene ‚Memoria‘, um das Totengedenken“38 ging. Damit zeigt sich, dass die Memoria und das richtige Sterben Thietmar sehr beschäftigt haben und er sich theologisch damit auseinandergesetzt hatte, weil er, wie so viele Zeitgenossen, große Furcht hatte nicht „gut und gerecht“, also sündhaft, zu sterben. Dies alles erklärt auch, wieso der Sterbeprozess Liudgards in seine Chronik hineingelangte.

2. Inhalt der Quelle und Thietmars Vorstellungen zum Tod

Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um eine primäre Schriftquelle. Thietmar beschrieb im sechsten Buch seiner Chronik das Sterben und den Tod der Gemahlin des Markgrafen Werner von der Nordmark Liudgard.39 Er war ein guter Freund und Verwandter Liudgards. Als er in Wolmirstedt vermutlich am späten Abend des 12. November 101240 ankam und Liudgards Kemenate betrat, merkte er, dass sie Angst hatte. Sie sang Psalmen, vor allem den Psalm 63, 9., und sprach gar nicht zu ihm. Thietmar erkannte, dass Liudgard sterben wird und fragte sie, ob sie nach der Krankensalbung verlange, woraufhin Liudgard dies bejahte. Nachdem sie zur Ölung vorbereitet worden war, sah Liudgard „einen schönen Jüngling“, welchen aber weder Thietmar noch die anderen anwesenden Personen sehen konnten. Daraufhin ging Thietmar weg, legte sich schlafen und hörte sie beim Erwachen schmerzvoll stöhnen. Er ging zu ihr und sang zusammen mit den anderen Anwesenden Sterbegebete bis sie starb.41

Dieser Bericht über das Sterben und den Tod Liudgards wurde in die Chronik eingeschoben, obwohl er keinen Zusammenhang mit den vorherigen Ereignissen hat. Die Erwähnung Liudgards zeigt, dass Thietmar in seiner Chronik Personen beschrieb, die ihm persönlich nahestanden, mit dem Ziel ihnen nach deren Tod irdischen Ruhm durch die Memoria zu sichern. Durch das Seelenheil seiner engen Bekannten und Verwandten, welches er durch die Erinnerung in der Chronik bewirkte, erhoffte sich der Bischof selbst angemessene Memoria.

Thietmar berichtete ferner, dass Liudgards Gatte Werner sehr über ihren Tod trauerte, da „sie doch die treue Hüterin seines Lebens und seiner Seele gewesen [war] und (…) sich im Dienste Gottes für ihn mehr als für sich selbst schwer abgemüht [hatte].42 Damit implizierte Thietmar, dass Liudgard eine gute Christin war und die Menschen sich nicht um sie sorgen müssen, denn sie befolgte die christlichen Ideale und hatte folglich einen „guten und gerechten Tod“. Jedoch war nicht nur ihr Ehemann von ihrem „guten Tod“ überzeugt, sondern auch die einfachen Bürger Magdeburgs.43 Man kann annehmen, dass dies Thietmar beruhigte, denn er war sich sicher, dass „Liudgards Seele bei Gott“ ist.

Thietmar zeichnete sich durch eine tiefe Religiosität aus, die sich in Form eines starken Teufels- und Wunderglaubens niederschlug.44 Er war ein konservativer Mensch45 und obwohl Thietmar Kleriker war, haben auch ihn alte animistische Vorstellungen stark beeinflusst.46 Für den Bischof war die Art des Begräbnisses entscheidend für die Qualität des Lebens im Jenseits. Diese Annahme spiegelt wider, dass Thietmar auch von germanischen Vorstellungen geprägt wurde.47 Am Beispiel Thietmars kann man erkennen, dass das Denken über den Tod im Frühmittelalter aus einer Mischung von heidnischen Merkmalen und dem christlichen Glauben bestand.48 Thietmar war sich sicher, dass er mehrmals gesündigt hatte49 und zweifelte deshalb, ob er einen „guten und gerechten Tod“ haben wird. Die fortwährend vorherrschende Angst vor Verdammnis ließ ihn gelegentlich in einen ermüdend, ermahnenden und moralisierenden Ton verfallen.50

III. Das Sterben

In unserer heutigen europäischen Gesellschaft gelten das Sterben und der Tod als negative Ereignisse. Wie aber oben schon kurz angerissen, gab es im Mittelalter einen anderen, positiveren Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Kinder und Jugendliche waren bereits an den Anblick von Toten gewohnt, und ebenfalls an die Begleitung eines sterbenden Menschen.51 Der Sterbeprozess und der Tod waren auch ein Teil des Lebens wie die Geburt oder die Hochzeit.

[...]


1 Vgl. Haas 2015, 51.

2 Schoberth 2011, 292.

3 Ohler 1990, 11.

4 Neiske 2007, 106.

5 Ohler 1990, 57.

6 Ebd., 56.

7 Vgl. Rudolf 1957, 11–55.

8 Quelle: Todesangst und schweres Sterben (1012).

9 Hack 2009, 5.

10 Vgl. Haas 2015, 54.

11 Neiske 2007, 106.

12 Quelle: Todesangst und schweres Sterben (1012).

13 Vgl. Thietmar Vl, 84.

14 Trillmich 1970, XII.

15 Thietmar III, 6.

16 Goez 1983, 76.

17 Lippelt 1973, 48.

18 Werner 1967, 477.

19 Thietmar IV, 16.

20 Lippelt 1973, 64.

21 Goez 1983, 76.

22 Thietmar IV, 16.

23 Lippelt 1973, 71f.

24 Thietmar IV, 24.

25 Ebd., IV, 25.

26 Trillmich 1970, XII.

27 Goez 1983, 76.

28 Lippelt 1973, 88.

29 Mooyer 1854, 66.

30 Goez 1983, 76, 78.

31 Lippelt 1973, 93.

32 Ebd., 109.

33 Althoff 1984, 336.

34 Goez 1983, 77.

35 Thietmar I, 1.

36 Ebd. I, Prol.

37 Lippelt 1973, 200.

38 Schubert 1993, 239.

39 Thietmar I, 13.

40 Ob es sich um den 12.11.1012 oder 13.11.1012 handelt ist aus der Quelle nicht ersichtlich, da aber Thietmar nach Dunkelwerden ankam und nach der ersten Begegnung mit Liudgard lange schlief und Liudgard am 13.11. starb, ist es wahrscheinlicher, dass er am späten Abend des 12.11. ankam.

41 Vgl. Quelle: Todesangst und schweres Sterben (1012).

42 Thietmar Vl, 85.

43 Ebd.

44 Goez 1983, 79.

45 Lippelt 1973, 195.

46 Goez 1983, 78f.

47 Ohler 1990, 152.

48 Misch 1955, 514.

49 Vgl. Ohler 1990, 151; Goez 1983, 79.

50 Lippelt 1973, 196f.

51 Vgl. Haas 2015, 51.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sterben und Begräbnis im Früh- und Hochmittelalter
Untertitel
Eine geschichtliche Untersuchung zu Todesritualen in Westeuropa
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V461778
ISBN (eBook)
9783668930698
ISBN (Buch)
9783668930704
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sterben, begräbnis, früh-, hochmittelalter, eine, untersuchung, todesritualen, westeuropa
Arbeit zitieren
Ilja Wulf (Autor), 2018, Sterben und Begräbnis im Früh- und Hochmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461778

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