Als Galionsfigur über die Grenze

Die spektakuläre Flucht der französischen Offiziere Alain Le Ray und Pierre Mairesse-Lebrun im Jahr 1941 aus deutscher Kriegsgefangenenschaft


Essay, 2016
12 Seiten

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Schon vor dem Bekanntwerden der "Singen Route": Spektakuläre Flucht französischer Offiziere aus deutscher Kriegsgefangenschaft über Singen in die Schweiz im Jahr 1941

I. Als Galionsfigur über die Grenze

- Die Flucht des französischen Offiziers Alain Le Ray in die Schweiz im April 1941 -

Leutnant Alain Le Ray (Jahrgang 1910) war schon im Januar 1941, also nur etwa ein halbes Jahr nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Juni 1940, zusammen mit seinem Kameraden Tournon aus deutscher Kriegsgefangenschaft geflohen, und zwar aus dem Oflag (Offiziersgefangenenlager) II D in Westphalenhof/Groß Born in Hinterpommern. Beide hätten es fast geschafft, sich bis nach Frankreich durchzuschlagen, wurden aber in Bingerbrück aufgegriffen und als Offiziere, die bereits einen Fluchtversuch hinter sich hatten, in das als ausbruchsicher geltende Lager Schloss Colditz in Sachsen verbracht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Leutnant Alain Le Ray (Quelle: Sammlung des Schlosses Colditz)

Von dort aus schaffte es Alain Le Ray im April 1941, erneut zu fliehen und über Tuttlingen, Singen und Gottmadingen in die Schweiz zu gelangen. Dabei legte er das letzte Stück von Gottmadingen nach Schaffhausen zwischen den beiden Signallaternen1 einer Dampf-lokomotive, auf einer Art Plattform sitzend, in dunkler Nacht zurück.

Le Ray war ein Deutschlandkenner und sprach ausgezeichnet Deutsch, hatte in Mainz und Freiburg im Breisgau studiert und am französischen Konsulat in Stuttgart gearbeitet. Aus dem Urlaub kannte er die Gegend um Landeck in Tirol und speziell um Galtür sehr gut; und so war es nach der erfolgreichen Flucht aus Colditz sein ursprünglicher Plan gewesen, mit der Bahn bis nach Landeck zu fahren und über die Berge ins Schweizer Engadin zu gelangen.2 Dass er sich anders entschied und den Weg durch den Hegau wählte, hatte zwei Gründe.

Erstens war ihm das Geld ausgegangen. Zwar glaubte er, genügend Geld dabei zu haben.3 Allerdings bestand sein Barvermögen teils aus Reichsmark und teils aus Rentenmark; und schon am ersten Tag seiner Flucht machte er in Rochlitz, südlich von Colditz, die Erfahrung, dass seine Rentenmark nicht mehr angenommen wurden, woraufhin sein verfügbares Kapital erheblich zusammenschmolz und für den Kauf von Bahnfahrkarten bis nach Landeck nicht mehr ausreichte.

Zweitens hatte er ein gutes Auge für Landkarten und wusste sie zu interpretieren. Genau wie der holländische Offizier Hans Larive4 hatte er auf einer Eisenbahnkarte Deutschlands die besondere Lage Singens entdeckt. Singen selbst lag schon nahe an der Schweizer Grenze, und zwar an Gebietsvorsprüngen der Schweiz, die nördlich über den Rhein hinausragen (im französischen Text als "saillants" bezeichnet). Und von Singen aus gab es drei Bahnlinien, die Le Ray in seinem Buch als "pénétrantes" (in das Schweizer Gebiet eindringend) bzw. als "tangentielles" (das Schweizer Gebiet tangierend/berührend) bezeichnet. Die zwei "pénétrantes"-Linien sind die nach Schaffhausen und Etzwilen; die "tangentielle" Linie ist die heutige Sauschwänzle-Strecke von Immendingen nach Blumberg und weiter nach Fützen, Weizen und Stühlingen.5

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Eisenbahnkarte von Singen und Umgebung Die von Le Ray als "tangentiell" bezeichnete in den 1940er Jahren (Quelle: Landkartenarchiv.de) Linie, die sich bei Weizen fast an die Schweizer Grenze anschmiegt (Quelle: Landkartenarchiv.de)

Unerwähnt oder nicht beachtet bleiben bei Le Ray die Randenbahn und der Zipfel Schweizer Gebiets, der beim Spießhof nahe Gottmadingen sehr nahe an die Bahnlinie Singen - Schaffhausen heranreicht. Le Ray kannte auch nicht die von Hans Larive so benannte "Singen Route", denn er floh schon im April 1941 aus Colditz , also Monate bevor Larive im Juli 1941 dort eintraf und das Wissen von der Fluchtmöglichkeit über die offenen Felder nördlich von Ramsen in Colditz Verbreitung fand. Le Ray glaubte zu wissen, dass der an der "tangentiellen Linie" gelegene Bahnhof Weizen nur 50 m von der Schweizer Grenze entfernt war; aber er wusste auch, dass die Flucht eines mit ihm befreundeten Offiziers namens Mondon just an dieser Stelle gescheitert war, weil es dort eine starke Überwachung der Grenze gab. Er kam insgesamt zu dem Schluss: "De toute façon ces saillants doivent offrir pas mal de secteurs de moindre résistance." ("Jedenfalls muss es an diesen Gebietsvorsprüngen doch etliche Abschnitte geben, die nicht so scharf überwacht werden.")6

Solange Le Ray glaubte, genug Geld für eine Fahrt bis Landeck in Tirol zu haben, wollte er über Zwickau, Eger, München und Innsbruck fahren. Nachdem ihm schon in Rochlitz das Geld bis auf acht Reichsmark zusammengeschmolzen war, kam er auf der nunmehr von ihm anvisierten Strecke nach Singen nur bis Nürnberg. Zwar wusste er von seiner ersten in Bingerbrück gescheiterten Flucht, dass ein so genanntes Bremserhaus, das es zu dieser Zeit noch an vielen Zügen gab, ein ideales Versteck war, um als Schwarzfahrer zu reisen.7 Aber nachdem sich ihm in Nürnberg die Gelegenheit bot, durch einen Überfall in der verdunkelten Stadt einen warmen Mantel samt Geldbeutel zu ergattern8, hatte er genug Geld (50 RM), um die Fahrt nach Singen zu bezahlen. Als vorsichtiger Flüchtling kaufte er jedoch nicht gleich eine Fahrkarte bis nach Singen; er bezahlte immer nur Teilstrecken: bis Ansbach, bis Stuttgart, bis Tuttlingen. Und in Tuttlingen löste er eine Rückfahrkarte nach Singen. Le Ray schreibt: "Eine gute Vorsichtsmaßnahme war es, in Stuttgart nur eine Fahrkarte bis Tuttlingen zu lösen. Dieser Bahnhof ist weit genug von der Grenze entfernt, dass meine Reise nicht verdächtig erscheint, für den Fall dass man mir neugierige Fragen stellt. Die Tatsache, dass ich meine Reise in Tuttlingen unterbreche, stellt sogar ein ausgezeichnetes Alibi dar; da werde ich mich leicht herausreden können."9 Und etwas weiter: "In Tuttlingen löse ich eine Rückfahrkarte nach Singen, dem letzten Ort vor der Grenze, wo sich die Bahnlinien verzweigen. Ich bilde mir ein, dass die Fahrkarte mein Alibi sein wird, wenn mich die Polizei befragen sollte."10

In Tuttlingen schaute er sich vor der Weiterfahrt nach Singen ein wenig um und hatte ein kurioses Erlebnis. Er sah französische Kriegsgefangene, die sich frei bewegen durften, und stellte den Vergleich zwischen ihnen und sich selbst an. Er, der mühsam aus Colditz entkommen und mit Schwierigkeiten bis Tuttlingen gelangt war, konnte nicht verstehen, wieso diese Landsleute nicht längst geflohen waren, wo sie es doch gar nicht weit hatten:

"Plötzlich sehe ich aus einem Torbogen zwei französische Soldaten in Uniform herauskommen, mit den Buchstaben K.G.11 auf dem Rücken. Sie sind alleine und gehen ruhigen Schrittes auf ein Haus auf der anderen Straßenseite zu. Voller Neugierde schaue ich durch das Fenster des Erdgeschosses und zähle dort, in einem schäbigen Zimmer, etwa zehn französische Gefangene, die damit beschäftigt sind, zu lesen und zu schreiben. Ich habe keinen Anlass zu verweilen und gehe wieder fort, bin aber innerlich noch ganz erfüllt von diesem seltsamen Anblick. Franzosen, die kaum als Gefangene zu bezeichnen sind, da man sie kurze Entfernungen ohne Beaufsichtigung zurücklegen lässt, führen eine kleine, fast bürgerliche Existenz in dieser freundlichen Stadt inmitten von netten Deutschen, die sie mit Vertraulichkeit behandeln. Einmal mehr macht mich das traurig und erstaunt mich. Ist es denn möglich, dass diese Männer nicht unwiderstehlich den Drang nach Freiheit verspüren? Die ist nämlich da, ganz nahe, kaum dreißig Kilometer entfernt, gerade mal eine Nacht lang zu Fuß. Sie brauchen nur etwas ganz Elementares tun. Und sie wagen es nicht, vielleicht denken sie nicht einmal daran. Mir geht durch den Kopf, welches Zaudern, welche Ängste, welche Hindernisse man überwinden und wie viele Kilometer man zurücklegen muss, um von den meisten Lagern in Deutschland bis hierhin zu gelangen, fast in das Gelobte Land, wohingegen diese Männer sich nur die Mühe machen müssten, loszulaufen und mit einem Minimum an Vorsichtsmaßnahmen eine kurze Nachtstrecke zurückzulegen."12

Die Landsleute, die Le Ray gesehen hatte, waren natürlich keine Offiziere wie er; als einfache Soldaten hatten sie wahrscheinlich weniger den absoluten Drang nach Freiheit als vielmehr den Wunsch, irgendwann wieder sicher zu ihrer Familie zurückzukehren; und ganz so leicht, wie Le Ray es für möglich hielt, sollten die letzten dreißig Kilometer bis in die Schweiz und damit in die Freiheit auch für ihn selbst nicht werden. Was Le Ray auch nicht wusste, war, dass durchaus eine erhebliche Zahl französischer Kriegsgefangener aus der Umgebung von Singen in diesen Jahren in die Schweiz floh.13

In Tuttlingen besuchte er noch die Ostermesse und leistete sich einen Restaurantbesuch. Überall wimmelte es von deutschen Soldaten. Bei der Ankunft in Singen sah er aus dem Zugfenster viele SS-Leute, drei davon an der Bahnsteigsperre.14 Er plauderte jedoch munter auf eine junge Dame ein, die während der Fahrt in seinem Abteil gesessen hatte, und kam unbehelligt aus dem Bahnhof heraus, nachdem er seine Rückfahrkarte gezeigt hatte. Er entschied sich nunmehr für den Weg über Gottmadingen. Er kaufte noch eine Zeitung (angeblich die "Württemberger Post"15 ) und traf etwa fünf oder sechs Kilometer außerhalb von Singen auf einige bewaffnete Grenzwächter, an denen er jedoch im Schutz der beginnenden Dämmerung vorbeikam. Wahrscheinlich war Le Ray zu diesem Zeitpunkt auf Höhe des Spießhofs, ohne zu wissen, wie nah er an der eigentlichen Grenze war. In Gottmadingen folgte er irrtümlich einem Anschlussgleis und befand sich plötzlich in einem Werksgelände, aus dem er nur mit Mühe wieder herausfand, nachdem ihn ein Wachtmann angeleuchtet hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war Le Ray noch unentschieden, wie er weiter vorgehen sollte. "Mein Plan sah zwei Möglichkeiten vor: entweder zu Fuß, auf der Suche nach der Lücke in der Grenzüberwachung, oder die heimliche Mitfahrt in einem Zug, der die Grenze überquert."16 Er entschied sich zunächst für den Fußmarsch, kam aber im dunklen Wald schlecht vorwärts, hörte eine Patrouille, kletterte auf einen Baum, wo er unbemerkt blieb, vernahm dann drei Schüsse. In dieser Situation entschied Le Ray sich um; die Flucht sollte in jedem Fall noch in dieser Nacht gelingen.

Die späte Zugverbindung von Singen nach Erzingen (Baden), die den Kanton Schaffhausen durchquert, gibt es auch heute (2016) noch: 23.06 Uhr ab Singen, 00.08 Uhr in Erzingen, mit Umsteigen in Schaffhausen. Die Strecke Singen-Schaffhausen legt der Zug in 18 Minuten zurück. Am Ostermontag 1942 fuhr der durchgehende Zug nach Erzingen um 22.40 Uhr in Singen ab und brauchte 75 Minuten bis Schaffhausen, was an einem längeren Zwischenaufenthalt im Bahnhof Gottmadingen mit Kontrollen durch Zoll und Soldaten lag. Alain Le Ray hatte sich im Gebüsch auf Höhe der Lokomotive versteckt, seine Hose über die weißen Socken heruntergerollt, einen braunen Pullover übergezogen, und er trug schwarze Handschuhe. Als das Abfahrsignal gegeben wurde, schwang er sich auf die Plattform zwischen den beiden Signallaternen der Dampflokomotive. Ein kurzer Halt in Bietingen, wo jedoch nichts mehr auf dem Bahnsteig los war, ein weiterer Halt in Thayngen, wo er schon Schweizer Uniformen sah, und dann war er in Schaffhausen, wo es keine Ausgangskontrolle am Bahnhof gab. Er spazierte durch die Straßen, bestaunte die eleganten Schaufenster und wusch seinen Kopf in einem "großen gotischen Brunnen".17 Er war erfüllt von einem "unsagbaren Glücksgefühl".18

Le Rays Bericht bricht an dieser Stelle ab; er lässt den Leser nicht wissen, ob er sich bei den Schweizer Behörden gemeldet hat. Da es über ihn weder im Staatsarchiv des Kantons Schaffhausen noch im Bundesarchiv Bern ein Dossier gibt (im Gegensatz zu all den holländischen, britischen und kanadischen Offizieren, die bald danach über die "Singen Route" nach Ramsen kamen), kann man vermuten, dass er seinen Weg einfach nach Frankreich fortgesetzt hat.

Mit Alain Le Ray war den Deutschen in der Tat ein "kapitaler Hirsch" entkommen. Er organisierte 1943 den französischen Widerstand ("Résistance") gegen die deutsche Besatzung in der Bergregion des Vercors bei Grenoble und befreite zusammen mit alliierten Truppen 1944 das Département Isère (Gegend um Grenoble). Im April 1945 führte er den Kampf gegen deutsche Gebirgsjäger am Mont Cenis (italienisch-französisches Grenzgebiet). Er stieg zu hohen Ehren in der französischen Armee auf (bis zum Brigadegeneral, Divisionsgeneral und "général de corps d'armée" = Generalleutnant), nahm an den Kriegen in Indochina und Algerien teil und war Ende der 1950er Jahre Militärattaché an der französischen Botschaft in Bonn.

Seine Rolle als Widerstandskämpfer gegen die Deutschen in Frankreich und damit als Partisan sah er selbst mit gemischten Gefühlen und verspürte den Drang, sich innerlich zu rechtfertigen: "Später, als wir zu direkten Aktionen übergingen, fühlte ich mich noch schlechter in meiner Haut als Guerillero und Terrorist [sic!]. Dabei folgt der Guerillakampf noch in etwa den Gesetzen des Krieges. Er ist eine für die Schwachen angemessene Form des Kampfes, wenn sie die perfekten Eigenschaften eines Soldaten besitzen. Sicherlich hat der Hinterhalt etwas Schreckliches an sich, weil er den überraschten Gegner unerbittlich in eine Falle laufen lässt, in der er umkommt. Aber um bis dahin zu gelangen, muss man als Guerillero selbst hunderte Male ähnliche Situationen überstanden, die gegnerische Wachsamkeit ausgetrickst und jede Einzelheit bedacht haben. Das ist schon eine Kriegsaktion im vollen Sinne des Wortes. Der Terrorismus jedoch hatte mich zu einem Gesetzlosen gemacht, ich wurde Urheber und Komplize von Zerstörungen und Morden, die im Schutz der Nacht und der Anonymität begangen wurden. Wir traten als harmlose Zivilisten auf, tauchten in ihrer Masse unter. Sie aber mussten vielleicht für unsere Aktionen bezahlen. Wie sollte ich mich jemals daran gewöhnen? Weder half es mir zu wissen, dass Widerstand [französisch: la résistance] außerhalb dieser Form des Kampfes keinen Sinn hatte, noch konnte ich mir einreden, dass ich nicht das Recht hatte, mich dieser Form der Aktion zu entziehen, da man ja doch Menschen dafür brauchte. Ich konnte keinen Frieden mit mir selbst finden.

Die einzige Rechtfertigung für mein Handeln war der Hass, der Hass auf den Besatzer, auf den feindlichen Polizisten und seine französischen Helfer, der Hass, der aus all dem entstanden war, was wir über das entlarvte Nazi-Deutschland wussten, die Zwangsherrschaft, die Vernichtung von Millionen von Unschuldigen. Es gab für uns auch die schreckliche Gewissheit, dass, wenn wir gefangen würden, unser Schicksal schlimmer sein würde als das des Verwundeten, der auf dem Schlachtfeld stirbt. Diese ständig präsente Perspektive war die unvermeidliche Begleiterscheinung unseres Einsatzes, verlieh ihm etwas Tragisches, das uns von der Anklage der Grausamkeit freisprach."19

Wesentlich wohler als in der Rolle des Partisanen fühlte sich Le Ray gegen Ende des Krieges, als er Kommandant der Forces Françaises de l'Intérieur (FFI) an der Seite der Alliierten wurde und in den Alpen gegen reguläre deutsche Truppen kämpfte. "Diese wenigen Monate eines in Eiseskälte geführten, vom Sieg gekrönten harten Kampfes hatten mich wieder in meine natürliche Sphäre zurückversetzt und mir ermöglicht, wieder an den Elan meiner Jugend anzuknüpfen, ohne dabei etwas zu verdrängen oder zu vergessen,."20

Auf dem hinteren Klappentext von Alain Le Rays Buch "Première de Colditz" erfährt man, dass ihm an der Wiederannäherung und Versöhnung der Feinde von gestern sehr gelegen war und dass er in der Internationalen Föderation der Gebirgssoldaten aktiv war. Er starb 2007 in Paris im Alter von 96 Jahren. Ob er je wieder Singen, Gottmadingen oder Schaffhausen besuchte? Vielleicht hatte er als französischer Militärattaché in Bonn dazu Zeit und Gelegenheit.

II. Mit dem Milchmädchen in die Freiheit

- Die Flucht des französischen Offiziers Pierre Mairesse-Lebrun in die Schweiz im Juli 1941 -

Pierre Mairesse-Lebrun (Jahrgang 1912) war zwei Jahre jünger als Alain Le Ray und hatte am 9.6.1941 einen Fluchtversuch aus Schloss Colditz unternommen, der jedoch schon nach 7 km am Bahnhof Großbothen endete. Das hinderte ihn nicht daran, es schon knapp einen Monat später, am 2.7.1941, wieder zu versuchen; und diesmal war er erfolgreich. Die zum Steigbügel bzw. zur Räuberleiter gehaltenen Hände seines Kameraden Odry nutzte er zu einem gewagten Sprung über den Stacheldraht und konnte sich nach drei Tagen Fußmarsch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Leutnant Pierre Mairesse-Lebrun (Quelle: Sammlung des Schlosses Colditz)

bis Zwickau durchschlagen. Dort griff er sich ein nicht abgeschlossenes Fahrrad, das an einer Mauer lehnte, und radelte bis Singen, wo er acht Tage nach seiner Flucht aus Schloss Colditz eintraf. Insgesamt legte er eine Strecke von über 750 km zurück. Als Radfahrer hatte er weniger Mühe, sich quer durch Deutschland fortzubewegen, als man es vermuten würde.

"Das Fahrrad gab ihm Selbstvertrauen, und nun radelte er los Richtung Südwesten, auf der Hauptautobahn nach Nürnberg. 'Mit nacktem Oberkörper in der Sonne wie ein Deutscher im Urlaub', so erinnert er sich. 'Es war ein paar Monate, nachdem die deutsche Armee in Russland einmarschiert war. Ich war ganz allein in Richtung Südwesten unterwegs, während in der Gegenrichtung Truppen, Truppen und nochmals Truppen fuhren. Alle schauten, wie die Armee vorbeifuhr; niemand beachtete einen vorbeifahrenden Fahrradfahrer.' Lebrun gab sich als italienischer Offizier auf Urlaub aus, was seinen dunklen Teint, sein schlechtes Deutsch - und sein Fahrrad - erklärte. In Ulm platzte der Schlauch des Vorderrades und ließ sich nicht mehr reparieren, aber Lebrun ließ sich nicht abschrecken und radelte die nächsten 80 km auf der Felge weiter. Andere Reisende lachten, als er vorbeifuhr, und Lebrun winkte ihnen zu. Das kaputte Fahrrad brachte ihn immer näher an die Grenze."21

In der Nähe von Singen ließ Lebrun das Fahrrad im Wald stehen, nahm aber die Luftpumpe mit, was sich noch als sehr nützlich erweisen sollte. In der Dämmerung wanderte er Richtung Schweiz los und war am nächsten Morgen in einer Ortschaft, von wo er den Bodensee und den Rhein sehen konnte. Es muss sich also um die Gegend oberhalb von Öhningen und Stein am Rhein gehandelt haben, irgendwo bei Schienen. Lebrun wusste nicht, ob er in Deutschland oder in der Schweiz war, wanderte bergaufwärts und kam an ein Gefallenendenkmal für die Toten des Ersten Weltkrieges. Er war demnach in Deutschland, hatte vielleicht aber einen Gebietszipfel der Schweiz durchquert. Um 6 Uhr morgens begegnete er dann einem Polizisten auf einem Fahrrad, der ihm seine Geschichte ("italienischer Offizier auf Urlaub") nicht glaubte und ihn aufforderte, mit ihm aufs Revier zu kommen. Lebrun brachte den Polizisten zu Fall, indem er das Fahrrad unter ihm wegzog, und schlug ihn mit der Luftpumpe bewusstlos. Er nahm ihm seine Pistole ab und rannte in den Wald, wo er Grenzsteine mit der Inschrift 1830 fand.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kriegerdenkmal in Schienen Grenzstein auf dem Schienerberg mit der Jahreszahl seiner Aufstellung 1839 (Fotos: Reiner Ruft)

Da er die übrigen Inschriften auf den Steinen nicht zu interpretieren wusste, war ihm wiederum nicht klar, auf welcher Seite der Steine Deutschland und auf welcher Seite die Schweiz war. Dann sah er plötzlich ein Mädchen, das auf ein von Lebrun als "chalet" bezeichnetes Haus zuging. Er zeigte sich ihr, erklärte sich auf Französisch und Deutsch ("Haben Sie keine Angst, ich bin ein Flüchtling, ein französischer Offizier") und fragte sie, ob er sich in Deutschland oder in der Schweiz befinde. Sie entgegnete ihm, er sei in der Schweiz.

Allerdings lag das "chalet" schon in Deutschland; und das Mädchen war im Begriff, eine Milchkanne für die deutschen Grenzsoldaten dorthin zu bringen. Lebrun zuckte zusammen, das Haus war kaum 20 m entfernt; er hätte leicht einer deutschen Patrouille in die Hände fallen können.

Die Schweizerin verriet ihn nicht, sondern brachte ihn, nachdem sie bei den Deutschen die Milch abgeliefert hatte, in ihr Dorf zur Zollstation. Dort ließ sich Lebrun gerne verhaften und wartete darauf, was die Schweizer Behörden weiter mit ihm anfangen würden. Die Schweizer Zöllner boten ihm an, ihr Mittagessen zu teilen. Es war "tripes à la mode de Caen" (Kutteln), ein Gericht, das Lebrun eigentlich verabscheute. Aber unter den gegebenen Umständen war es "das beste Essen, das ich je in meinem Leben gegessen habe."23

Wenn man den Schienerberg ein wenig kennt, so weiß man, dass es hier Grenzpartien gibt, an denen die Schweiz nördlich von Deutschland und Deutschland südlich der Schweiz liegt. Die Szene zwischen Lebrun und der Schweizerin könnte sich beim Waldheim ( = das deutsche Chalet) abgespielt haben, das Mädchen mit der Milch könnte vom Hof Oberwald gekommen sein.24 Sie könnte Lebrun nach Ramsen oder Hemishofen zum Schweizer Zoll gebracht haben.

Im Staatsarchiv des Kantons Schaffhausen ist nur eine Karteikarte zu Pierre Mairesse-Lebrun erhalten, die über diese Einzelheiten nichts aussagt.

Etwas später, als Lebrun wieder zu Hause im südfranzösischen Orange war, schrieb er nach Colditz und bat um Nachsendung seiner Habseligkeiten, was ihm gewährt wurde; denn sein bei dem kühnen Sprung in die Freiheit an den Tag gelegter Wagemut nötigte auch den deutschen Bewachern Respekt ab.

Lebruns weiteres Schicksal war laut den in Französisch und Englisch über ihn vorliegenden Wikipedia-Artikeln tragisch. Er ging im Dezember 1941 nach Spanien, wurde verhaftet, versuchte wieder zu fliehen, brach sich dabei die Wirbelsäule und blieb gelähmt, so dass er auf einen Rollstuhl angewiesen war.25 Er starb 2003.

[...]


1 Das Dreilicht-Spitzensignal wurde erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre an Lokomotiven eingeführt.

Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Dreilicht-Spitzensignal (abgerufen am 20.9.2016)

2 Sämtliche Angaben beruhen auf Alain Le Rays eigener Darstellung der erfolgreichen Flucht: Première à

Colditz, Presses universitaires de Grenoble, 2004 (Collection "Résistances"), ISBN 2 7061 1204 2, 136 Seiten.

3 Fünfunddreißig Mark, die aus einem Tauschhandel mit einem deutschen Aufseher im Oflag II D in Groß Born

stammten (Geld gegen eine Armbanduhr und ein bisschen Tabak), siehe Première à Colditz, S.71.

4 Siehe dazu: Reiner Ruft, "The Singen Route: Fluchtwege alliierter Offiziere über Singen in die Schweiz", in

Hegau:Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donaus und Bodensee (ISSN 0438-9034), Bd.73 (2016), S.263-278

5 Première à Colditz, S.100 und 113

6 Ebda., S.97. Die wirkliche Entfernung vom Bahnhof Weizen bis zur Schweizer Grenze beträgt etwa 200 m.

7 Eigentlich war das Bremserhaus nach Einführung der Luftdruckbremse nach dem Ersten Weltkrieg ein Anachronismus. Trotzdem wurden noch bis in die 1950er Jahre Eisenbahnwagen mit Bremserhaus gebaut. Siehe: http://www.modellbahnfrokler.de/grundlagen/bremserhaus.html (abgerufen am 7.9.2016)

8 Als Offizier hatte er jedoch nach diesem Überfall ein schlechtes Gewissen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er den Überfallenen nicht ernsthaft verletzt hatte und der erbeutete Geldbetrag nicht so groß war, dass sein Verlust für den Geschädigten ein "désastre" war. (Première à Colditz, S.104)

9 Première à Colditz, S.113

10 Première à Colditz, S.115, Übersetzung der französischen Texte von Reiner Ruft

11 K.G. = Kriegsgefangener

12 Première à Colditz, S.114-115, Übersetzung des französischen Texts von Reiner Ruft

13 Nämlich 2544 zwischen Oktober 1939 und Oktober 1944, also im Durchschnitt täglich mehr als einer. Siehe Franco Battel, «Wo es hell ist, dort ist die Schweiz» - Flüchtlinge und Fluchthilfe an der Schaffhauser Grenze zur Zeit des Nationalsozialismus, Zürich 2000, ISBN 3-905314-05-3, S. 52.

14 Früher konnte man deutsche Bahnhöfe nur mit einer Fahrkarte betreten oder verlassen. Wollte man jemanden bis zum Zug begleiten oder direkt auf dem Bahnsteig abholen, musste man eine Bahnsteigkarte lösen und vorweisen.

15 Première à Colditz, S.119. Eine Zeitung mit diesem Namen scheint es aber nicht gegeben zu haben.

16 Première à Colditz, S.122, Übersetzung von Reiner Ruft

17 Première à Colditz, S.128

18 Ebenda

19 Première à Colditz, S.5-6, Übersetzung des französischen Textes von Reiner Ruft.

20 Première à Colditz, S.6, Übersetzung von Reiner Ruft

21 Pierre Mairesse-Lebrun hat seine Flucht Henry Chancellor bzw. jemand aus dessen Team von Interviewern erzählt. Der vorliegende Artikel folgt der Schilderung der Begebenheiten in: Henry Chancellor Colditz - The Definitive History, London 2001, "based on television programmes produced for Channel Four Televison", ISBN 0 340 79494 1, S.55-58.

22 In Wirklichkeit 1839, das Jahr, in dem die Grenzsteine aufgestellt wurden. Zwischen der Chroobachhütte und dem Hof Bleiki stehen auf dem Schienerberg über 150 Grenzsteine, durchnummeriert von 249 bis 417. Sie sind ob ihrer Größe und Dimensionen schwer zu übersehen und tragen mehrheitlich bis heute auf der deutschen Seite die Inschrift GB (für "Großherzogtum Baden") und auf der Schweizer Seite die Buchstaben CS (für "Canton Schaffhausen").

23 Henry Chancellor, a.a.O., S.57

24 Laut Homepage des heutigen Besitzers war das Waldheim während des 2. Weltkrieges geschlossen, nachdem es von 1935-1938 als Müttererholungsheim der NS-Volkswohlfahrt gedient hatte. Es ist jedoch zu vermuten, dass es während der Kriegszeit eine deutsche Grenzwacht dort gab. Siehe: http://www.waldheim-schienen.de/60001.html (abgerufen am 2.11.2016).

25 https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Mairesse-Lebrun und https://en.wikipedia.org/wiki/Pierre_Mairesse-Lebrun (abgerufen am 9.10.2016)

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Details

Titel
Als Galionsfigur über die Grenze
Untertitel
Die spektakuläre Flucht der französischen Offiziere Alain Le Ray und Pierre Mairesse-Lebrun im Jahr 1941 aus deutscher Kriegsgefangenenschaft
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V461782
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alain Le Ray und Pierre Mairesse-Lebrun waren die ersten Offiziere, die 1941 aus dem Offiziers-Kriegsgefangenenlager Colditz (Sachsen) in die Schweiz fliehen konnten. Beide Grenzübertritte in die Schweiz waren spektakulär.
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg, Kriegsgefangenenschaft, Colditz
Arbeit zitieren
Reiner Ruft (Autor), 2016, Als Galionsfigur über die Grenze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461782

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