Prof. Dr. Karl-Heinz Beine und Jeanne Turczynski haben im Jahr 2015 eine bisher unveröffentlichte Studie zum Thema Gewalt in Kliniken und Heimen erstellt und deren Erkenntnisse 2017 veröffentlicht. Ihren Studienergebnissen zu Folge werden Patienten in Kliniken beziehungsweise Heimbewohner in Senioren- und Pflegeheimen durch die Hände von Ärzten oder Pflegekräften viel häufiger zum Opfer als bekannt oder vermutet.
Diese Hausarbeit reflektiert und diskutiert die zentrale These von Beine und Turczynski kritisch. Dem vorangehend wird der Begriff der Sterbehilfe analysiert, definiert und ethisch sowie rechtlich eingeordnet. In Deutschland wird die Sterbehilfe als gesellschaftspolitisches Thema sehr kontrovers und in weiteren Teilen zugleich emotional debattiert, da der Begriff bei den Menschen ganz unterschiedliche Assoziationen und Einstellungen erweckt und nicht selten in Pro- und Contra-Debatten mündet.
Was für den Einen ein menschenwürdiges Sterben eines todkranken Patienten und Vermeidung eines unnötigen Leidens oder auch die Selbstbestimmung zum Sterben bedeutet, lehnen andere vollständig ab und stellen die Sterbehilfe auf die Stufe mit Tatbeständen wie Mord oder Totschlag.
Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, den Begriff Sterbehilfe exakt zu definieren und seine Bedeutung herauszuarbeiten. Bei der Begriffsdefinition und Begriffsabgrenzung sind auch spezielle, gegebenenfalls medizinisch indizierte Vorgänge zu berücksichtigen. Im Kontext der Sterbehilfe sind auch Handlungen und das Unterlassen von Handlungen zu beleuchten. Unterlassen bedeutet, dass nicht eingegriffen wird, selbst wenn die Möglichkeit hierzu bestände. Hierunter sind zum Beispiel Fälle zu subsumieren, in denen eine künstliche Ernährung oder die Beatmung eingestellt wird. Die Unterscheidung zwischen dem Tun und dem Unterlassen bei der Sterbehilfe hat gerade aus medizinethischer, aber auch aus rechtlicher Sicht herausgehobene Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Abgrenzung der Sterbehilfe
a) Passive Sterbehilfe
b) Aktive Sterbehilfe
3. Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie „Tatort Krankenhaus“ von Beine/ Turczynski
4. Diskussion und Reflexion
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Monographie „Tatort Krankenhaus“ von Beine und Turczynski auseinander, um die aufgestellte These einer hohen Anzahl an Tötungsdelikten in deutschen Kliniken und Heimen wissenschaftlich zu reflektieren und den Begriff der Sterbehilfe präzise einzuordnen.
- Analyse und Definition verschiedener Formen der Sterbehilfe (passiv vs. aktiv).
- Kritische Untersuchung der Methodik und Stichprobengröße der zugrundeliegenden Studie.
- Diskussion systemischer Risikofaktoren im Gesundheitswesen, wie Zeitdruck und Ökonomisierung.
- Reflexion der ethischen und rechtlichen Anforderungen an die medizinische Versorgung am Lebensende.
Auszug aus dem Buch
b) Aktive Sterbehilfe
Unter aktiver Sterbehilfe lässt sich die Abkürzung eines Krankheitsverlaufes verstehen, der den Tod des Patienten herbeiführt oder diesen beschleunigt, um so dem Patienten weitere Leiden zu ersparen. Die aktive Sterbehilfe beendet das Leben bzw. beschleunigt das Ableben eines Patienten direkt durch ein Tun des Arztes oder einer dritten Person.15 Im Rahmen der aktiven Sterbehilfe lässt sich hierbei zwischen der direkten aktiven und der indirekten aktiven Sterbehilfe unterscheiden.
Mit der indirekten aktiven Sterbehilfe wird eine schmerzmildernde Behandlung eines Patienten, zumeist im Behandlungsendstadium, bezeichnet, bei der ein Lebensverkürzungsrisiko in Kauf genommen wird. In der finalen Phase einer schweren Erkrankung eines Patienten, der unter großen Schmerzen oder Ängsten leidet, kann durch diese sogenannte palliative bzw. terminale Sedierung eine Beruhigung des Patienten bis hin zur Ausschaltung dessen Bewusstseins erfolgen. Die Beruhigungs- oder Betäubungsmittel sorgen für eine Erträglichkeit der Schmerzsymptome einerseits und andererseits wird das Risiko, dass mit der Medikamentenabgabe das Patientenleben verkürzt wird, bewusst diesem Therapieziel untergeordnet.16 Ostergathe schlägt vor, die Terminologie der indirekten aktiven Sterbehilfe „besser als Therapie […] am Lebensende [zu] bezeichnen“, da die Intention vielmehr auf die bestmögliche Symptomlinderung abzielt, aber die potenzielle Lebensverkürzung nicht gezielt angestrebt, lediglich „als unbeabsichtigte Nebenwirkung in Kauf genommen“ wird.17 Bei der indirekten aktiven Sterbehilfe handelt es sich nach deutschem Recht grundsätzlich um keinen Straftatbestand.18
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Studie von Beine und Turczynski ein, thematisiert die aufgestellte These der "Mordserien" in Kliniken und erläutert die Relevanz einer sauberen Begriffsdefinition der Sterbehilfe.
2. Definition und Abgrenzung der Sterbehilfe: Dieses Kapitel differenziert rechtlich und ethisch zwischen passiver sowie aktiver Sterbehilfe und erläutert die verschiedenen rechtlichen Konsequenzen in Deutschland.
3. Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie „Tatort Krankenhaus“ von Beine/ Turczynski: Es werden die zentralen Argumente der Autoren, ihre methodische Vorgehensweise sowie die daraus abgeleiteten Risikofaktoren im Gesundheitssystem dargestellt.
4. Diskussion und Reflexion: In diesem Teil wird die wissenschaftliche Validität der Studie kritisch hinterfragt, insbesondere hinsichtlich der nicht repräsentativen Stichprobe und möglicher Fehlinterpretationen der Befragungsdaten.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Studie zwar auf gesellschaftlich relevante Missstände hinweist, die Kausalität der Behauptungen jedoch wissenschaftlich nicht haltbar ist.
Schlüsselwörter
Sterbehilfe, Tatort Krankenhaus, aktive Sterbehilfe, passive Sterbehilfe, Beihilfe zur Selbsttötung, Gesundheitssystem, Patientenverfügung, Tötungsdelikte, medizinische Ethik, Fallpauschalen, DRG-System, Patientensicherheit, Palliative Sedierung, Beine/Turczynski, Arbeitsbedingungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert kritisch die Studie von Beine und Turczynski zum Thema Gewalt in Krankenhäusern und Heimen sowie die ethischen und rechtlichen Aspekte der Sterbehilfe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Differenzierung von Sterbehilfeformen, der Kritik an systembedingtem Zeitdruck im Krankenhausalltag und der methodischen Überprüfung der zugrundeliegenden Studie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die steile These der Autoren einer hohen Anzahl an Tötungsdelikten im deutschen Gesundheitssystem wissenschaftlich auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre methodische Fundierung zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursive Reflexionsmethode, die Fachliteratur sowie die statistischen Annahmen der Autoren einer kritischen Prüfung unterzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe der Sterbehilfe geklärt, die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und anschließend methodische Schwächen der Untersuchung (Stichprobengröße, Frageformulierung) diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Rechtssicherheit, Ethik, Gewalt in der Pflege, systemische Risiken, wissenschaftliche Evidenz und Patientenautonomie.
Warum ist laut der Arbeit die Studie von Beine und Turczynski problematisch?
Die Arbeit bemängelt, dass die Studie auf nicht repräsentativen Umfragedaten basiert und die Autoren weitreichende Schlussfolgerungen ziehen, die methodisch nicht gedeckt sind.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen "Tötung auf Verlangen" und "passiver Sterbehilfe"?
Die Arbeit grenzt diese anhand der Tatherrschaft und der Intention ab, wobei passive Sterbehilfe als zulässiges Unterlassen und Tötung auf Verlangen als strafbarer aktiver Eingriff definiert wird.
- Quote paper
- Marc Castillon (Author), 2019, Das Krankenhaus als Tatort? Eine Reflexion zur Studie von Beine und Turczynski, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461827