Die kirchliche Auseinandersetzung mit der sozialen Frage in der Phase der Hochindustrialisierung um 1870. Adolf Stoecker. Rechristianisierung und Sozialpolitik


Examensarbeit, 2010

65 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hochindustrialisierung und soziale Frage im wilhelminische Kaiserreich
2.1 Die Phase der Hochindustrialisierung um 1870
2.2 Die soziale Frage
2.3 Die Sozialdemokratie und das Sozialistengesetz

3. Der Protestantismus und die soziale Frage
3.1 Der Kulturkampf
3.2 Sozialer Protestantismus?
3.3 Kirchenparteien: Liberale, Konservative und die „Mittelpartei“
3.4 Themen und Gedanken der Theologie: Liberale und „Positive“

4. Adolf Stoecker: Rechristianisierung und Sozialpolitik
4.1 Stoeckers Werdegang bis 1874
4.1.1 Theologische Grundgedanken Stoeckers
4.1.2 Das Konzept der Volkskirche
4.2 Stoecker in Berlin
4.2.1 Stoeckers kirchenpolitische Position
4.2.2 Die Berliner Stadtmission
4.3 Stoecker als Politiker
4.3.1 Politik als „Seelsorge am Volk“
4.3.2 Stoeckers Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie
4.3.3 Stoeckers „Sozialismus“
4.3.4 Stoeckers Nationalismus
4.3.5 Die Eiskellerversammlung 1878
4.3.6 Die Gründung der Christlich-sozialen Arbeiterpartei
4.3.7 Die Entwicklung der Christlich-sozialen Arbeiterpartei
4.4 Stoecker als Redner
4.4.1 „Die soziale Frage ist die Judenfrage“
4.4.2 Die Berliner Bewegung
4.4.3 Stoeckers Antisemitismus und demagogische Rhetorik
4.4.4 Stoecker und die Jugend
4.5 Der Evangelisch-Soziale Kongress
4.5.1 Die Entwicklung des Evangelisch-Sozialen Kongresses
4.6 Der „Fall“ Stoecker
4.7 Die Wirkungsgeschichte Stoeckers

5. Schlussbetrachtungen

6. Anhang
6.1 Literaturverzeichnis

Die kirchliche Auseinandersetzung mit der sozialen Frage in der Phase der Hochindustrialisierung um 1870:

Adolf Stoecker – Rechristianisierung und Sozialpolitik

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Leben und Wirken Adolf Stoeckers, das in engem Bezug zu der sozialen Frage im wilhelminischen Kaiserreich steht. Einführend werden deshalb zunächst die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Deutschen Reich zur Zeit der Hochindustrialisierung um 1870 dargestellt. In einem zweiten Schritt ist der deutsche Protestantismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts und seine Auseinandersetzung mit der sozialen Frage Gegenstand der Betrachtung. Der Hauptabschnitt der Arbeit widmet sich schließlich dem Leben und Wirken Adolf Stoeckers unter den Stichworten Rechristianisierung und Sozialpolitik. Die Forschung der letzten 25 Jahre zu Stoecker beschäftigte sich vor allem mit Stoeckers Antisemitismus. Beispielhaft dafür seien hier die Monographie „Kirche am Abgrund. Adolf Stoecker und seine antijüdische Bewegung“ von Hans Engelmann (1984) und die Lehr- und Arbeitsbücher „Adolf Stoecker als Antisemit Teil 1. Leben und Wirken Adolf Stoeckers im Kontext seiner Zeit“ und „Adolf Stoecker als Antisemit Teil 2. Texte des Parteipolitikers und Kirchenmannes“ von Günter Brakel- mann (2004) genannt.1 Diese Thematik ist gerade auch für die wirkungs- geschichtliche Einordnung Stoeckers von großer Bedeutung und deshalb auch Teil dieser Arbeit. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch auf Stoeckers sozialem Engagement und seiner Sozialpolitik.

2. Hochindustrialisierung und soziale Frage im wilhelminischen Kaiserreich

Das wilhelminische Kaiserreich, gegründet nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich im deutsch-französischen Krieg 1870/71, war ein aus 25 Ländern zusammengesetzter Bundesstaat. Nach seiner Verfassung war das Deutsche Reich eine konstitutionelle Monarchie an deren Spitze seit der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 in Versailles der preußische König Wilhelm I. als deutscher Kaiser stand. Dieser bestimmte durch seinen Reichskanzler Otto von Bismarck 2 die Regierungsgeschäfte. Dieser wiederum war in Fragen der Gesetzgebung an den ansonsten wenig einflussreichen Reichstag gebunden. In den ersten Jahren nach der Reichsgründung war dort die Partei der Nationalliberalen Bismarcks erste Verbündete, da sie gemeinsame Ziele verfolgten.Vor allem ging es ihnen um die Modernisierung des Staates auf den Feldern Verwaltung, Wirtschaft und Rechtswesen.3

2.1 Die Phase der Hochindustrialisierung um 1870

In den Jahren von 1873 bis 1895 herrschte in den Industrienationen die

„große Depression“4. Das bedeutete allerdings nicht einen totalen Stillstand der Weltwirtschaft. Vielmehr gab es auch weiterhin Wachstum, nur war dieses spürbar ins Stocken geraten. Man kann, im Anschluss an Martin Greschat, in diesem Punkt eher von einer Wachstumskrise als von einer Wirtschaftskrise sprechen.5 Die Ursachen für die „Depression“ sind am wahrscheinlichsten in der Überproduktion in bestimmten Wirtschafts- zweigen, namentlich der Kohle-, Eisen- und Stahlproduktion zu suchen. Ab 1870 wurden überall in Europa die Hauptstrecken der Eisenbahn verlegt und das bedeutete einen enormen Aufschwung dieser Wirtschaftszweige.

Schließlich aber war der Punkt erreicht, da mehr produziert wurde, als der Markt aufnehmen konnte und so kam es zu Absatzschwierigkeiten und Preiseinbrüchen.

Verschärft wurde die Deflation zusätzlich durch die Konjunkturschwäche der Landwirtschaft, von der immer noch ein Großteil der europäischen Bevölkerung lebte.6 Billigeres Getreide aus Nord- und Südamerika, aber auch Russland überschwemmte die Märkte, sodass die europäische Landwirtschaft schwere Einbußen hinnehmen musste. Diese Entwicklung läutete das Ende von Wirtschaftsliberalismus und Freihandel ein. Stattdessen setzte man nun auf staatlichen Protektionismus in Form von Schutzzöllen und Handelsverträgen sowie auf den Ausbau des Imperialismus, insbesondere durch den Erwerb überseeischer Kolonien.7 Darüber hinaus wurden weitere Maßnahmen zur Rationalisierung der Produktion und zur Ausdehnung und Absicherung des Brancheneinflusses auch im Ausland eingeleitet. Die Anzahl der kleinen Betriebe ging deutlich zurück. Stattdessen teilten Konzerne und Kartelle den Markt per Preisabsprache unter sich auf.8

Die traditionellen Wirtschaftszweige, die in die Wachstumskrise geführt hatten, wurden nicht weiter ausgebaut. Dafür wurden neue Zweige für die Wirtschaft erschlossen, so vor allem die Bereiche Elektrotechnik, Chemie und Verbrennungsmotoren. An der sich anschließenden Phase der weltwirtschaftlichen Hochkonjunktur von 1896 bis 1913 hatte das Deutsche Reich dank dieser Umstrukturierung maßgeblichen Anteil.9 Nun war es nicht länger ein Agrarstaat sondern eine Industrienation.

2.2 Die soziale Frage

Auswirkungen dieser neuen Phase der Industrialisierung waren Bevölkerungswachstum und Urbanisierung. Es entstanden Ballungsgebiete (Berlin, Rheinland, Westfalen, Schlesien, Sachsen). Besonders dramatisch war der Bevölkerungszuwachs in der Reichshauptstadt Berlin. Im Jahr 1875 lebten hier ca. 967000 Menschen. 1890 waren es schon über 1587000 und 1910 ungefähr 2071000.10 Das brachte massive soziale Probleme mit sich, zum Beispiel die schlechten hygienischen Bedingungen unter denen viele Arbeiterfamilien leben mussten. Der rasante Wandel der Lebenswirklichkeit dieser Bevölkerungsschicht führte zu Unsicherheit und Orientierungs- losigkeit, zu regelrechter Entwurzelung. Der soziale Graben zwischen dem Arbeiterstand und der in Europa noch immer herrschenden Gesellschaftsschicht des Adels und des Großbürgertums wurde immer breiter. Daraus resultierten Spannungen, denn die Arbeiterschaft stellte die traditionelle Herrschaft dieser Kreise zunehmend in Frage..11 Hinzu kamen infolge der „großen Depression“ Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Dennoch hing die soziale Frage in dieser Phase nicht mehr in erster Linie mit dem Pauperismus zusammen, denn mit der Erschließung neuer Wirtschafts- zweige wurden auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Die soziale Frage stellte sich vielmehr angesichts einer neu entstanden Gesellschaftsschicht, des Proletariats. Aufgrund der harten Lebens- und Arbeitsbedingungen kam es zur Verelendung dieser untersten Schicht des Arbeiterstandes..12 Es gab lange Arbeitszeiten ohne Feiertage. Die Arbeit war zudem körperlich schwer und musste unter ungesunden Bedingungen geleistet werden. Die Löhne waren gering, sodass auch Frauen und Kinder arbeiten mussten, um die Familien durchzubringen. Es gab weder eine Kranken- noch eine Altersversorgung, und so insgesamt nur eine kurze Lebenserwartung.13 Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken dieser Zeit stellte der Maler Adolph Menzel (1815-1905) sehr eindrücklich in seinem Gemälde „Das Eisenwalzwerk“ von 1875 dar.14

Mit der Sozialgesetzgebung Bismarcks verbesserte sich die Situation der Arbeiter geringfügig. Am 31. Mai 1883 wurde das Krankenversicherungs- gesetz im Reichstag verabschiedet, am 27. Juni 1884 das Unfallver- sicherungsgesetz und am 24. Mai 1889 das Alters- und Invaliditätsgesetz.15

Die Arbeiterschaft war trotzdem immer noch stark benachteiligt. Die Lohn- und Wohnverhältnisse verbesserten sich zwar, aber an politisches Mitspracherecht oder gar Gleichberechtigung war nicht zu denken.16 Auch stiegen die Löhne nur gering und zudem verteuerten sich die Lebensmittel durch die Agrarzölle. So dienten die Sozialgesetze vor allem zur Stabilisierung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.17

Bismarck gelang es damit jedoch nicht die Arbeiter für den Staat zu gewinnen, aber die Gesetze brachten ihnen zumindest ein Minimum an sozialer Sicherheit. Und auch wenn die Sozialgesetze nur von geringem qualitativen Niveau waren 18, so gab es doch nichts Vergleichbares in der übrigen Welt.19

2.3 Die Sozialdemokratie und das Sozialistengesetz

Seit ungefähr 1860 gab es die Arbeiterbewegung mit Gewerkschaften und Parteien. Da der Staat aus Sicht der Arbeiter keine Lösung der sozialen Probleme anbieten konnte, blieb nur die eigene politische Initiative. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu politischem Einfluss war hierbei die Vereinigung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV)20 und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP))21 zur Sozialistischen Arbeiter- partei Deutschlands in Gotha 1875. Das Parteiprogramm wurde von der Öffentlichkeit als Ausdruck revolutionärer Absichten aufgenommen, als Angriff auf das Wirtschaftssystem, das Privateigentum und die Monarchie.)22

Den deutlichsten Ausdruck fand die antisozialistische Haltung der Mehrheit in Bürgertum und Adel im sogenannten Sozialistengesetz vom 21. Oktober 1878. Es wurde von vornherein auf einen Zeitraum von 12 Jahren begrenzt. Im 1. Paragraphen des Gesetzes hieß es:

„Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwecken, sind zu verbieten.“23

Dieser Eingriff des Staates in die Arbeiterbewegung ging an ihr natürlich nicht spurlos vorüber, aber er brachte auch nicht den vom Gesetzgeber gewünschten Erfolg. Schon während der Zeit seiner Geltung und erst recht nach Ablauf des Gesetzes im Jahr 1890 wurde sehr deutlich, wie wenig Schaden die Sozialdemokratie genommen hatte. Im Gegenteil: bei der Reichstagswahl im selben Jahr verdoppelte sich ihre Stimmenzahl fast. Aus 10,1% im Jahr 1887 wurden 19,7%.24

Was die herrschenden Schichten im wilhelminischen Kaiserreich offenbar nicht erkannten, war, dass die Arbeiterschaft nicht nur in ihrem eigenen Milieu, sondern in einer ganz eigenen Welt lebte. Ihr Leben war organisiert in Gewerkschaften, Vereinen und Parteien. Daher rührte der Massenzulauf der Sozialdemokratie, denn nur hier fanden die Arbeiter so etwas wie Geborgenheit und das echte Bemühen um die Verbesserung ihrer Lebenssituation.25

3. Der Protestantismus und die soziale Frage

Der Sieg im deutsch-französischen Krieg mit dem Fall der Festung Sedan und der Gefangennahme Napoleon III. am 2. September 1870 wurde von vielen deutschen Protestanten als gottgewollter Sieg verstanden.26 Er galt als Beweis der perfekten Verbindung von „militärische[r] Tüchtigkeit und evangelische[r] Erweckung“27. Auch die Gründung des Kaiserreiches wurde von den meisten Protestanten, besonders in Preußen, euphorisch begrüßt. Ein deutscher und zudem protestantischer Kaiser: das war endlich der Triumph über den Katholizismus, den man in der Reformationszeit nicht hatte erringen können. Der Protestantismus sah sich selbst als das Rückgrat Preußens. Dementsprechend groß waren die Hoffnungen: Welche herausragende Stellung würden die Protestanten erst im deutschen Kaiserreich einnehmen!28 Doch diese Hoffnungen stellten sich sehr schnell als substanzlos heraus.

3.1 Der Kulturkampf

Der Begriff „Kulturkampf“ ist wurde geprägt durch den Reichstagsabgeordneten der Nationalliberalen Partei und Mediziner Rudolf Virchow.29 Er bezeichnete den sich überall in Europa abzeichnenden Konflikt zwischen säkularem Liberalismus und antimodernem Katholizis- mus. Im wilhelminischen Kaiserreich war es der Kampf der preußisch, also protestantisch geprägten Reichsführung gegen den katholische Ultra- montanismus.30 Bismarck und die Nationalliberalen sahen in der katholischen Minderheit, die sich von der Reichsgründung wenig begeistert zeigte, eine Gefahr für die Stabilität des Staates.31 Der Reichskanzler befürchtete das Auseinanderdriften der konfessionell unterschiedlich geprägten Reichsteile. So trafen die von 1873 bis 1875 erlassenen Kampfgesetze, die der liberale Kulturminister Adalbert Falk mit großem Engagement und notfalls mit Polizeigewalt durchsetzte, vor allem die Katholiken. In den Maigesetzen von 1873 wurde die Ausbildung der Geistlichen reglementiert, dem Staat wurden Einspruchsmöglichkeiten bei der Pfarrstellenbesetzung geschaffen und die kirchliche Rechtssprechung wurde eingeschränkt.32 Die Vakanzen von Bischofsstühlen und Pfarrstellen mehrten sich und ein passiver Widerstand der katholischen Bevölkerung formierte sich. Mit dem Erlass des „Expatriierungsgesetz“ 1874 wurde es möglich, Geistliche auszuweisen oder sogar auszubürgern. In einer Enzyklika erklärte Pius IX. die Kulturkampfgesetze für nichtig. Es folgten Eingriffe in die Vermögensverwaltung und Gemeindeleitung, sowie das Verbot sämtlicher Orden außer der Krankenpflegeorden.33 Der Erfolg dieser Maßnahmen war aber nicht so umfassend wie Bismarck es sich erhofft hatte. Der Kulturkampf schweißte die katholische Bevölkerung eher zusammen und förderte die Solidarität mit ihren Priestern und Bischöfen. Die Zentrumspartei errang große Wahlerfolge. So ließ Bismarck ab 1878 den Kulturkampf allmählich ausklingen.34 Es erfolgte eine Abmilderung der Gesetze zwischen 1880 und 1883 und schließlich eine weitestgehende Rücknahme durch die sogenannten Friedensgesetze 1886/87.35

Der Protestantismus wollte zunächst als Stütze des Staates mithelfen im Kampf gegen den Katholizismus. Aber Bismarck und die Nationalliberalen machten keine Anstalten dieses Angebot anzunehmen. Denn ein zweites Ansinnen, dass sie mit dem Kulturkampf umzusetzen hofften, war die Lösung der engen Verbindung von Staat und evangelischer Kirche. Erst relativ spät erkannten die Protestanten, welche Herausforderung der Kulturkampf auch für sie bedeutete. Seit 1873 das Gesetz über den Kirchenaustritt erlassen worden war, das erstmals die Möglichkeit schuf, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören, spürten auch die evangelischen Kirchen die Auswirkungen des Kulturkampfes. Noch deutlicher wurde dies als der Staat mit der Einführung des Zivilstandes und der Einrichtung von Standesämtern den Kirchen die Registerführung aus der Hand nahm.36 Auswirkungen waren der Rückgang von kirchlichen Trauungen, Beerdigungen und Taufen. Die Zahl der Kirchenaustritte blieb dennoch gering.37 Für die liebgewordene Überzeugung der unbedingten Zusammengehörigkeit von Preußen und Protestantismus in weiten Kreisen der evangelischen Kirche war diese Entwicklung ein herber Rückschlag. Hinzu kamen die scharfen Angriffe der liberalen Presse auch auf die evangelische Kirche, was die Fronten zwischen der Mehrheit der Protestanten und dem Liberalismus noch verhärtete und für Resignation sorgte.38 Hatte Bismarck es nicht vermocht, den Katholizismus entscheidend zu schwächen, so hatte er sein zweites Ziel, die Lockerung der Verbindung von Staat und evangelischer Kirche, ein gutes Stück vorangebracht.39

3.2 Sozialer Protestantismus?

Nach Norbert Friedrich ist „sozialer Protestantismus“ ein Sammelbegriff für eine Vielzahl sozialer Initiativen aus bürgerlichem, protestantischem Milieu.40 Solches Engagement lässt sich für das 19. Jahrhundert vermehrt nachweisen, ohne dass man deshalb von einem Massenphänomenen sprechen könnte. Zutreffend ist aber auch, dass die Beschäftigung mit der sozialen Frage im Verlauf des Jahrhunderts immer weitere Kreise zog, wie am Beispiel des Evangelisch-Sozialen Kongress (ESK) und der Freien Kirchlich-soziale Konferenz41 noch gezeigt werden wird. Die ent- scheidenden Impulse aber gingen immer von Einzelpersonen aus. Zu den Vorläufer gehörten natürlich Johann Hinrich Wichern und die Innere Mission, aber auch Viktor Aimé Huber42. Auch in der wilhelminischen Ära waren es vor allem wieder Einzelpersonen wie Rudolf Todt43 und Gerhard Uhlhorn44, Friedrich Naumann45 und Reinhard Mumm46 und in herausragender Weise Adolf Stoecker, von denen in ganz unterschiedlicher Weise sozialreformerische Ansätze ausgingen. Dass man von „sozialem Protestantismus“ nicht wie von einer homogenen Bewegung sprechen kann, zeigte sich beispielhaft in den Reaktionen des Evangelischen Ober- kirchenrates in Berlin (EOK) auf die jeweilige politische Großwetterlage. Der neue sozialpolitische Kurs, den Wilhelm II. kurz nach seinem Amtsantritt am 15. Juni 1888 einschlug47, veranlasste den EOK am 17. April 1890 alle Theologen und Pfarrer zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der sozialen Frage aufzufordern.48 Fünf Jahre später allerdings, am 16. Dezember 1895, nachdem Wilhelm II. wieder Abstand genommen hatte von seinen sozialpolitischen Ambitionen, rief der EOK per Erlass Pfarrer und Theologen dazu auf, sich aus dem politischen Tagesgeschäft auch in sozialen Fragen herauszuhalten. Denn dies lenke nur von der eigentlichen Aufgabe der Kirche, der Evangeliumsverkündigung, ab.49 Dies zeigt zum einen, wie sehr die evangelische Kirche sich an den Staat gebunden sah und zum anderen, wie wenig innerlich dem deutschen Protestantismus die Beschäftigung mit der sozialen Frage war.

3.3 Kirchenparteien: Liberale, Konservative und die „Mittelpartei“

Das wilhelminische Kaiserreich bestand nicht nur aus 25 deutschen Staaten, sondern auch aus 39 evangelischen Landeskirchen.50 Was dies für den Protestantismus bedeutete, zeigte sich bald nach der Reichsgründung auf der sogenannten Oktoberersammlung, die vom 10. bis 12. Oktober 1871 in Berlin stattfand und die nach dem Willen ihrer Veranstalter alle bisherigen Kirchentage übertreffen sollte. Ihre dringlichsten Anliegen waren die Abendmahlsgemeinschaft aller Landeskirchen sowie die Einrichtung eines gesamtkirchlichen Gremiums. Mehr als 1500 Teilnehmer aller protes- tantischen Richtungen kamen, darunter auch Kaiser Wilhelm I.51 Die Oktoberversammlung war also von einigem öffentlichen Interesse. Mit dem Ziel einen einheitlichen Protestantismus zu schaffen, wollte man nachhaltig die eigene gesellschaftliche Position gegenüber Katholizismus, Sozialismus und Liberalismus stärken. Auch die Auseinandersetzung mit der sozialen Frage stand auf dem Programm. Doch die Gegensätze zwischen altpreußischer Union und konfessionellem Luthertum waren zu groß. Dabei hatten die Veranstalter der Versammlung, um den Lutheranern entgegenzukommen, die entschiedenen Liberalen, die im Protestantenverein organisiert waren, wieder ausgeladen. Trotzdem stemmten sich die Lutheraner gegen alle Versuche einer Vereinigung der evangelischen Landeskirchen, begründet in der Angst vor einer preußischen, die Konfessionsunterschiede verwischenden Nationalkirche.52 Weder die Abendmahlsgemeinschaft noch die Einrichtung eines landeskirchen- übergreifenden Gremiums kamen zu Stande. Von da an gab es immer wieder Zerwürfnisse auf theologischer und kirchenpolitischer Ebene zwischen Unierten und Lutheranern, Konservativen, Liberalen und der gemäßigt liberalen „Mittelpartei“.53 Einig war man sich nur über die Gefahren, die sowohl der kapitalistische Liberalismus als auch die Sozialdemokratie darstellten. Aber zu einer ernsthafteren Auseinander- setzung mit diesen Gefahren und der sozialen Frage fand sich keine Bereitschaft. Der Vortrag Wicherns, der über sein Programm des Wittenberger Kirchentages 1848 im Grund nicht hinausging, stellte die Mehrheitsmeinung dar: pro „christliche Liebestätigkeit“ und contra Sozialdemokratie und alle sozialpolitische Betätigung der Kirche.54

3.4 Themen und Gedanken der Theologie: Liberale, „Positive“ und die Vermittlungstheologie

Die bestimmenden Theologen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie des beginnenden 20. Jahrhunderts waren alle in irgendeiner Weise durch Albrecht Ritschl (1822-1889) geprägt.55 Die Frage, die ihn wesentlich beschäftigte, lautete: Wie kann in einer von der Industrialisierung, also vom Materialismus und von Kausalität bestimmten Welt, noch vom Menschen als Individuum geredet werden? Darauf antwortete er, dass die Religion nicht wie die Naturwissenschaft nach Objekten ausgerichtet, sondern an Werturteilen orientiert sei. Nach Ritschl ermöglicht das Christentum die Entwicklung der sittlichen Individualität. Er war Vertreter einer präsentischen Eschatologie, in der durch die Definition Gottes als Liebe wahre menschliche Gemeinschaft ermöglicht wird, die den Beginn der Verwirklichung des Reiches Gottes in der Welt markiert. Die sittliche Verwirklichung des Menschen aber erfolgt allein im Berufsleben und in der Pflichterfüllung.56 Auf diese Weise leistet jeder seinen Beitrag zur Durchsetzung des Reiches Gottes. Das ist der „Gottesdienst im Alltag der Welt“.57 Anhänger Ritschls waren im wilhelminischen Kaiserreich so führende Persönlichkeiten wie Wilhelm Herrmann, Adolf von Harnack, Ernst Troeltsch und Julius Wellhausen. Die Moderne wurde von ihnen nicht als Schrecken und Überforderung, sondern als Herausforderung für die Persönlichkeitsentwicklung interpretiert. Die geistige Führerrolle sprachen sie dabei noch einmal dem Bildungsbürgertum zu. Diese Theologie hatte auch Erfolg in kirchlichen Kreisen, denn sie ließ sich gut mit dem Volkskirchenkonzept verknüpfen. Das Christentum galt dabei als Garant einer sittlichen und menschenwürdigen Gesellschaft. Das allerdings war fern der Realität angesichts des Exodus der Arbeiter aus der Kirche.58

Neben der Ritschl-Schule etablierte sich die religionsgeschichtliche Schule, die das Verhältnis der biblischen Überlieferung zu ihrem Umfeld, dem alten Orient, dem Hellenismus und dem Judentum, untersuchte. Zur religionsgeschichtlichen Schule gehörten Hermann Gunkel, Wilhelm Bousset, Adolf Deißmann und Johannes Weiß, der die These aufstellte, dass Jesus im Bewusstsein einer endzeitlichen Naherwartung gelebt habe.59

Dagegen standen die „Positiven“ Hermann Cremer und vor allem Martin Kähler, für den nicht der „sogenannte historische Jesus“, sondern der „geschichtlich biblische Christus“ den Glaubensgrund darstellte.60

Dazwischen positionierte sich die sogenannte Vermittlungstheologie, die liberale Theologie und Konfessionalismus miteinander ins Gespräch brachte und mit der Kultur der Moderne verbinden wollte. Ein Vertreter dieser Richtung war der Berliner Theologe Carl Immanuel Nitzsch.61

Zwischen diesen und anderen theologischen Strömungen kam es immer wieder zu theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzungen, zum Beispiel dem Streit um die Jungfrauengeburt, um den Gebrauch des Apostolicums und dem sogenannten Babel- Bibel- Streit.62

Für die Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches ist es wichtig herauszustellen, dass auf allen Seiten in Kirche und Politik die restaurativen Elemente überwogen, die sich weiterhin auf das Bürgertum und den Adel stützten und den Fehler begangen, die Arbeiter und ihre Realität nicht wirklich in den Blick zu nehmen.

4. Adolf Stoecker: Rechristianisierung und Sozialpolitik

4.1 Stoeckers Werdegang bis 1874

Adolf Stoecker63 wurde am 11. Dezember 1835 in Halberstadt geboren.64 Er und seine Geschwister wuchsen in einfachen Verhältnissen auf. Der Vater, von Beruf Schmied, diente zunächst bei den Halberstädter Kürassieren als Wachtmeister und war dann Gefängnisinspektor. Die Mutter war die Tochter eines Schneiders und arbeitete selbst als Näherin.

In seiner Zeit als Schüler des Gymnasiums in Halberstadt pflegte Stoecker Umgang mit den bessersituierten Bürgerkreisen der Stadt. So verkehrte er im Haus des Geheimen Justizrates Krüger. Die gebildete und königstreue Familie Krüger lebte ein frommes, von der Erweckungsbewegung geprägtes Christentum, das den jungen Stoecker nachhaltig beeindruckte. Unter diesem Einfluss erlebte er in seinem letzten Jahr als Gymnasiast seine persönliche Bekehrung. Über diese Erfahrung schrieb er später:

„So tief bin ich damals in die Lebensmacht des Christentums hineingeführt, daß ich von da ab niemals wieder ernstlich in Zweifel oder Anfechtung des Glaubens gefallen bin.“65

In seiner Kindheit und Jugend waren es also zwei Einflüsse, die ihn tiefgreifend prägten: die Zucht und Ordnung des Militärs mit ihrer unbedingten Treue zum preußischen König und ein erwecklich geprägtes, konservatives Glaubensverständnis.

Zum Studium zog es Stoecker 1853 nach Halle. Dort studierte er Theologie und Philosophie. Da er über wenig finanzielle Mittel verfügte, war er immer wieder auf Stipendien angewiesen. Stoecker schloss sich der „Neoborussia“ an und führte ein typisches Korpsstudentenleben. Aufgrund einer nächtlichen Ruhestörung, für die er verantwortlich gemacht wurde, und nach Verbüßung einer vierzehntägige Karzerstrafe, musste er die Universität Halle verlassen. Er wechselte nach Berlin, wo er 1858 das Erste Theologische Examen ablegte.

Durch seine theologischen Lehrer August Tholuck (1799-1877) in Halle und Carl Immanuel Nitzsch (1787-1868) in Berlin fand Stoecker sich in seinem eigenen, früh gewonnenen Verständnis des christlichen Glaubens vor allem bestärkt und bestätigt, jedenfalls nicht zu einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der eigenen Postition herausgefordert.66 Auch später – bei seiner rastlosen Arbeit und seinen vielfältigen Verpflichtungen –kam er nicht dazu, seine theologischen Gedanken weiterzuentwickeln und verspürte wohl auch kein Bedürfnis danach. So blieb seine theologische Entwicklung buchstäblich in den Kinderschuhen stecken. Sichtbar wird dies in seiner Äußerung einem jungen Theologen gegenüber zum Thema Glaubenszweifel: „Zweifel kommen vom Teufel. Es gibt Gedanken, die man einfach totschlagen muß.“67

[...]


1 Siehe Literaturverzeichnis.

2 Otto von Bismarck (1815-1898) war seit 1862 preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler seit der Reichsgründung 1871. Vgl. Wolf-Dieter HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte Bd. 2, Reformation und Neuzeit, 807.

3 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 812.

4 Formulierung nach Hans Rosenberg in „Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa“, Berlin 1967. Vgl. Jochen-Christoph KAISER, Protes- tantismus und Sozialpolitik. Der Ertrag der 1890er Jahre, in: J.-C. Kaiser und W. Loth (Hg.), Soziale Reform im Kaiserreich. Protestantismus, Katholizismus und Sozialpolitik, 94, Anmerkung 2.

5 Vgl. Martin GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution. Das Christentum vor der Moderne, 148.

6 Davon ausgenommen war Großbritannien. Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 149.

7 Zur Sicherung ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht schmiedeten im Deutschen Reich die Großindustriellen gemeinsam mit den Großgrundbesitzern die „Allianz von Roggen und Eisen“ unter der Führung Bismarcks. Am 12. Juli 1879 wurde der Zolltarif eingeführt. Das bedeutete hohe Zölle für die Einfuhr von Holz, Fleisch, Getreide und Eisenerzeugnissen und führte zur erwünschten Stabilisierung der traditionellen Machtverhältnisse. Ähnliche Maßnahmen ergriff auch Wilhelm II. mit der Heraufsetzung der Kornzölle und mit seiner Flottenpolitik im Jahr 1898, die vor allem die Schwerindustrie ankurbeln sollte. Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 157f. und Günter BRAKELMANN, Adolf Stoecker als Antisemit Teil 1. Leben und Wirken Adolf Stoeckers im Kontext seiner Zeit, 99.

8 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 150.

9 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 148f. So lieferte die deutsche Industrie Anfang des 20. Jahrhunderts 85% des Weltbedarfs an synthetischen Farben. Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 156.

10 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 156.

11 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 150f.

12 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 802.

13 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 803.

14 Siehe Abb.1 im Anhang.

15 Vgl. BRAKELMANN, Stoecker als Antisemit 1, S.64, 67 und 77.

16 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 158f.

17 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 807.

18 Vgl. KAISER, Protestantismus und Sozialpolitik, 94.

19 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 217.

20 1863 in Leipzig von Ferdinand Lassalle (1825-1864) gegründet. Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 132.

21 1869 in Eisenach von Wilhelm Liebknecht (1825-1900) und August Bebel (1840-1913) gegründet. Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 132.

22 Vgl. Günter BRAKELMANN, Adolf Stoecker und die Sozialdemokratie, in: G. Brakelmann, M. Greschat und W. Jochmann (Hg.), Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stoeckers, 86.

23 Zitiert nach BRAKELMANN, Stoecker und die Sozialdemokratie, 108.

24 Vgl. Klaus Erich POLLMANN, Weltanschauungskampf an zwei Fronten. Der Sozialprotestantis- mus 1890-1914, in: J.-C. Kaiser und W. Loth (Hg.), Soziale Reform im Kaiserreich. Protes- tantismus, Katholizismus und Sozialpolitik, 57.

25 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 158.

26 Zur Feier dieses Sieges wurde nach einer Idee Friedrichs von Bodelschwingh das Sedansfest eingeführt. Aus dem von Bodelschwingh zur christlichen Besinnung, Dankbarkeit und Buße gedachten Fest wurde jedoch ein lauter Lobgesang auf die eigene Herrlichkeit. Vgl. Martin GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, in: J. Gadille und J.-M. Mayeur (Hg.), Die Geschichte des Christentums Bd. 11: Liberalismus, Industrialisierung, Expansion Europas, 657.

27 GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 656.

28 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 208.

29 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 810.

30 Der Ultramontanismus bezeichnet die totale Ausrichtung des Katholizismus auf Rom. Seinen Höhepunkt fand er in der am 18. Juli 1870 ausgesprochenen Erklärung der Unfehlbarkeit des Papstes im Rahmen des ersten Vatikanischen Konzils (1869/70). Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 196.

31 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 810f.

32 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 814f.

33 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 815.

34 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 817.

35 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 817.

36 1874 wurde in Preußen die Zivilehe eingeführt, 1875 im ganzen Reich. Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 815.

37 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 815.

38 Vgl. Martin GRESCHAT, Adolf Stoecker und der deutsche Protestantismus, in: G. Brakelmann, M. Greschat und W. Jochmann (Hg.), Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stoeckers, 43f.

39 Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 818.

40 Vgl. Norbert FRIEDRICH, „Sozialer Protestantismus“ im Kaiserreich – ein Überblick, in: N. Friedrich und T. Jähnichen (Hg.), Sozialer Protestantismus im Kaiserreich: Problemkonstel- lationen – Lösungsperspektiven – Handlungsprofile, 9.

41 Vgl. Norbert FRIEDRICH, „Sozialer Protestantismus“ im Kaiserreich, 10.

42 Für den Berliner Professor Viktor Aimé Huber (1800-1869) stellte die soziale Frage ein gesamt- gesellschaftliches Problem dar. Er plädierte für die bessere Einbindung der Arbeiterschaft in die Gesellschaft und für die konkrete Verbesserung ihrer Lebensumstände. Sein Programm veröffentlichte er 1848 in der Broschüre „Die Selbsthilfe der arbeitenden Klassen durch Wirtschaftsvereine und innere Ansiedlung“. Seine sozialreformerischen Vorschläge gingen über die „christliche Liebestätigkeit“, wie sie beispielhaft die Innere Mission verkörperte, hinaus. Deshalb kam es auch zum Konflikt mit Wichern. Hubers Pläne wurden später von Ferdinand Lassalle aufgenommen. Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 804.

43 Vgl. Anmerkung 104 unter 4.3.1 „Politik als ‚Seelsorge am Volk’“.

44 Gerhard Uhlhorn (1826-1901) war Hannoveraner Hofprediger und Oberkonsistorialrat und seit 1878 der Abt von Loccum. Als Vertreter einer typisch lutherischen Position sah er keinerlei Übereinstimmung zwischen Christentum und Sozialismus. Er publizierte kirchengeschichtliche Studien zur sozialen Frage. So zum Beispiel „Die christliche Liebestätigkeit“ in 3 Bänden von 1882-1900. Er korrigierte die ablehnende Haltung der Hannoverschen Landeskirche zur Inneren Mission und engagierte sich für soziale Einrichtungen. Den Erfolg eines Rechristianisierungs- programms schätzte er gering ein. Zudem sah er den Staat in der Verantwortung soziale Reformen durchzuführen und nicht die Kirche. Die Pfarrer leisteten ihren Teil schon durch ihre Predigttätigkeit. Ihre Aufgabe war die seelsorgerliche und fürsorgliche Betreuung und die „Hebung der Moral“. Dies alles diente nach Uhlhorns Meinung der Verbesserung des Arbeiterstandes. Vgl. HAUSCHILD, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte 2, 804f.

45 Vgl. 4.5 „Der Evangelisch-SozialeKongress“.

46 Vgl. Anmerkung 254 unter 4.7 „Wirkungsgeschichte Stoeckers“.

47 Vgl. BRAKELMANN, Stoecker als Antisemit 1, 74.

48 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 674.

49 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 677.

50 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 656.

51 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 657.

52 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 658.

53 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 209.

54 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 658f.

55 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 224.

56 Hier findet das protestantisches Arbeitsethos seinen deutlichen Ausdruck.

57 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 225.

58 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 225.

59 Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 678f.

60 Martin KÄHLER, Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche biblische Christus, 1892. Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 679.

61 Vgl. GRESCHAT, Das Zeitalter der Industriellen Revolution, 129.

62 Der Assyriologe Friedrich Delitzsch hatte in seinem Vortrag vor Wilhelm II. im Jahr 1902 die These aufgestellt, die babylonische sei der israelitischen Religion überlegen und jede Religion müsse sich weiterentwickeln. Troeltsch reagierte darauf mit seinem Buch „Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte“ (1902) und Harnack mit seiner Vorlesung über „Das Wesen des Christentums“ im Wintersemester 1899/1900. Vgl. GRESCHAT, Der deutsche Protestantismus im Kaiserreich, 679.

63 Siehe Abb.2 im Anhang.

64 Vgl. BRAKELMANN, Stoecker als Antisemit Teil 1, 117; Günter BRAKELMANN: „Stoecker, Adolf“, in: TRE Bd.32, 194 und Hans ENGELMANN, Kirche am Abgrund. Adolf Stoecker und seine antijüdische Bewegung, 14. Manchmal wird in der Literatur auch der 12. Dezember 1835 angegeben. Vgl. GRESCHAT, Stoecker und der deutsche Protestantismus, 22; Walter FRANK, Hofprediger Adolf Stoecker und die christlichsoziale Bewegung, 13 und Martin GRESCHAT: „Stoecker, Adolf“, in: RGG4 Bd.7, Sp. 1744.

65 Zitiert nach GRESCHAT, Stoecker und der deutsche Protestantismus, 22. Stoecker begann 1907 seine Memoiren zu verfassen. Aus der von Dietrich von Oertzen besorgten Veröffentlichung dieser Memoiren stammt dieses Zitat. Vgl. FRANK, Hofprediger Adolf Stoecker, 418, Anmerkung 1.

66 Vgl. GRESCHAT, Stoecker und der deutsche Protestantismus, 22.

67 Zitiert nach Gottfried KRETSCHMAR, Der evangelisch-soziale Kongreß. Der deutsche Protes-tantismus und die soziale Frage, 19.

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Die kirchliche Auseinandersetzung mit der sozialen Frage in der Phase der Hochindustrialisierung um 1870. Adolf Stoecker. Rechristianisierung und Sozialpolitik
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Evangelische Theologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
65
Katalognummer
V461840
ISBN (eBook)
9783668918894
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adolf Stoecker, Hochindustrialisierung, Rechristianisierung, Soziale Frage
Arbeit zitieren
Franziska Pätzold (Autor), 2010, Die kirchliche Auseinandersetzung mit der sozialen Frage in der Phase der Hochindustrialisierung um 1870. Adolf Stoecker. Rechristianisierung und Sozialpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461840

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