Amerika als Utopie. Die Vorstellung der Neuen Welt als irdisches Paradies


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
15 Seiten, Note: 1.3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse
2.1 Die Suche nach Gold
2.2 Nacktheit und Unschuld

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang

1. Einleitung

Die Berichte über den neu entdeckten vierten Kontinent spielen im 16. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Die Erkenntnis, dass es sich bei dem 1492 von Kolumbus bereisten Land um einen neuen Kontinent und nicht um Ausläufer Asiens handle, forderte eine grundsätzliche Erneuerung des Weltbildes im 15. Jahrhundert. Zwar gab es bereits in der Antike Spekulationen über die Existenz eines vierten Kontinents, jedoch sah man sich nach der tatsächlichen Entdeckung gezwungen, die Überlieferung der „dreiteiligen Aufgliederung des orbis terrarum aufzugeben“1 und den vierten Kontinent mit einzubeziehen.2 Der Versuch, die Menschen der neuen Welt mit der eigenen biblischen Vorstellung der Menschheit in Einklang zu bringen, führte zu zwei verschiedenen Vermutungen. Zum einen kursierte die Meinung, die indigene Bevölkerung müsse sich noch „in einem paradiesischen Zustand vor dem Sündenfall befinden “3, zum Anderen, dass es sich bei ihnen „gar nicht um Menschen, sondern um Tiere handelte“4.

In den Berichten der Entdecker und Seefahrer finden sich Beschreibungen des neuen Kontinents als sowohl monströs und ungebildet wie auch Berichte die Paradies ähnliche Umstände beschreiben.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem zweit genannten Aspekt – der Darstellung Amerikas als Utopie. Hieraus ergibt sich folgende Fragestellung: Auf welchen Elementen basiert die Darstellung des neuen Kontinents als irdisches Paradies und worauf sind diese zurückzuführen?

Die Analyse in dieser Arbeit beschäftigt sich dafür mit den Aspekten der Suche nach Gold und der Nacktheit und Unschuld der Indios, welche beide der paradiesischen Darstellung Amerikas dienten. Hierzu wird das Werk „Brevísima relación de la destrucción de las Indias” vom Bischof Bartolomé de las Casas analysiert.

Dieses Werk wurde 1552 veröffentlicht und vielfältig publiziert. Es bietet einen sehr interessanten Blickwinkel auf die Conquista und die Betrachtung Südamerikas, da Las Casas einer der bekanntesten Verteidiger der Rechte der Indios ist. In seinem Bericht kritisiert er stark die Methoden der Europäer, welche den Neuen Kontinent erobern und ausrauben. Er stellt ein sehr positives Indiobild dar, weshalb sich dieses Werk gut zur Analyse der oben gestellten Fragestellung eignet.

Das ausführliche Literaturverzeichnis zeigt, dass bereits viele Werke zu diesem oder ähnlichen Themen vorhanden sind, was seine Relevanz aufweist. Es handelt sich um ein spannendes, sehr viel erforschtes Thema. Die relevantesten Aspekte der aufgeführten Literatur werden in dieser Arbeit unter dem Aspekt der Betrachtung Amerikas als irdisches Paradies zusammengefasst und gegenübergestellt. Dabei ist der geringe Umfang der Arbeit zu beachten. Eine längere Arbeit würde eine ausführlichere Ausarbeitung der Fragestellung erlauben.

2. Analyse

Die Assoziation des neuen Kontinents mit dem irdischen Paradies oder einer Art Utopie ist bei vielen Berichten damaliger Entdecker anzufinden. Hierzu trägt vor allem der Aspekt der Unschuld und Nacktheit der autochthonen Bevölkerung, sowie das Anfinden der Reichtümer, insbesondere des Goldes, bei. Diese beiden Aspekte werden im folgenden Anhand des Werks „Brevísima relación de la destrucción de las Indias“ vom Bischof Bartolomé de las Casas herausgearbeitet und analysiert.

2.1 Die Suche nach Gold

Der erste Analysepunkt dieser Arbeit ist die Suche nach Gold auf dem neuen Kontinent. Das Suchen nach Reichtümern aller Art war das eigentliche Ziel fast jeder Expedition und das Finden solcher Güter einer der großen Gründe, den Kontinent Amerika als irdisches Paradies anzusehen.5 So heißt es beispielsweise bei Horacio Jorge Becco:

La forma más característica en que la utopía se manifiesta en América es bajo los visos de un país fabulosamente rico en oro y plata y piedras preciosas y que responde a los varios nombres de El Dorado, Paititi, Trapalanda, [..].6

Die Vorstellung, man könne auf dem neuen Kontinent Reichtümer anfinden, manifestierte sich schon sehr früh. Bereits im Alten Testament steht geschrieben, dass sich große Schätze Richtung persischem Golf finden lassen. Diese Vorstellung wird zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Marco Polo aufgegriffen, als er von goldbedeckten Palästen der Insel Zipangu7 berichtet.8 Es ist somit nicht verwunderlich, dass Kolumbus, der sich genau auf diesen Inseln vermutet, ebenfalls große Goldvorräte erwartet. Er berichtet dem Papst in einer seiner ersten Briefe, dass er sich auf der Insel Tharsis, Cethia, Ofir und Ophaz befinde, welche bereits zuvor von Marco Polo bereist wurden. Er nannte diese Insel „Española“.9 Außerdem werden in der Bibel vier große Flüsse des Paradies beschrieben, welche sehr viel Gold beherbergen. Die in Amerika vorgefundenen Flüsse Amazonas, La Plata, Orinoco und Magdalena wurden als ebendiese gedeutet.10

Nachdem die Berichte von Kolumbus Ende des 15. Jahrhunderts in Europa bekannt wurden und alle von den Reichtümern der Neuen Welt erfuhren, folgten schnell die Seefahrer aus Portugal und den anderen machtvollen Ländern Europas, um miteinander um den neuen Kontinent ohne Besitzer zu wetteifern und mit seinen Reichtümern seine Macht in der Heimat zu verstärken. Viele dieser Eroberer sahen in der Indigenen Bevölkerung keine achtenswerten Individuen und behandelten sie dementsprechend.11

Auf diese Ausbeutung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung legt Las Casas den Fokus seiner Beschreibungen. Er sagt:

La causa porque han muerto y destruido tantas y tales y tan infinito número de ánimas los cristianos ha sido solamente por tener por su fin último el oro.12

Wie bereits der Titel „Brevísima relación de las Indias” andeutet, ist also das primäre Anliegen des Autors nicht die Beschreibung der Schönheit des Kontinents, sondern die Taten der Europäer die flächenweise zur Ausrottung der autochthonen Bevölkerung führten.

Nichts desto trotz lassen sich viele Beschreibungen der Reichtümer des Neuen Kontinents finden. Las Casas berichtet in seinem Werk von zahlreichen Inseln im karibischen Raum, welche große Reichtümer beherbergen. So sei die schlechteste und unfruchtbarste aller vorgefundenen Inseln immer noch „más fertil y graciosa que la Huerta del rey de Sevilla“13.

Er beschreibt viele einzelne Inseln, insbesondere sehr detailreich die Insel „Española“. Die verschiedenen Königreiche auf dieser Insel beschreibt er mit den Attributen „más insignes y admirables cosas del mundo“14 oder „infinitas y grandes poblaciones, grandísimas riquezas de oro”15. Diese Insel wird auch von vielen anderen Entdeckern als sehr reich und fruchtbar beschrieben. So beschreibt Kolumbus sie als „wahres Naturwunder“16 auf der er viele wertvolle Güter wie Gold, Baumwolle oder Matixharz fand.17 Auch Gonzalo Fernandez de Oviedo, einer der bedeutendsten Chronisten der Eroberung Südamerikas, beschreibt ausführlich die großen Reichtümer der Insel „Española“ mit den Worten:

[…] además de haber más ricas minas y de mejor oro que hasta hoy en parte del mundo en tanta cantidad se ha hallado ni descubierto, allí hay tanto algodón producido de la natura, que si se diese a lo labrar y curar de ello, más y mejor que en parte del mundo se haría.18

An vielen Stellen erwähnt Las Casas die unvorstellbar großen Reichtümer an Gold. Dabei gibt er teilweise bildhaften Darstellungen wie z.b.: „[…] de la isla Española se había henchido casi España de oro […]“19. Auch bei den Erzählungen der Ausbeutungen wird klar, wie viel Gold auf den Inseln vorhanden ist. Las Casa berichtet, dass über einen gewissen Zeitraum hinweg auf der Insel „Española“ Gold im Wert einer Million Castellanos erbeutet wurde.20

Die früheren Reiseberichte und Erfolgsgeschichten waren jedoch nicht die einzige Ursache, welche die Suche nach Gold bei allen Europäern anregte. Als die Indios verstanden, dass das ganzes Ziel der Europäer das Finden von Gold war, benutzen sie dieses Wissen und erfanden Geschichten von Gegenden mit unvorstellbar viel Gold. So versuchten die Indios den Gewalttaten der Europäer zu entgehen und sie loszuwerden. Diese glaubten jedem ihrer Berichte und machten sich auf die Suche. Einige Male wurden dabei sogar Indios nach Europa gebracht, um dort dem König von den Orten zu erzählen. Auf diese Weise verbreitete sich die Nachricht der goldenen Städte, Gebirge und Flüsse schnell in ganz Europa.21

Wie bereits kurz angemerkt, geht Las Casas auch sehr ausführlich auf die negativen Folgen des Goldvorrats ein. Er berichtet von vielen Einzelschicksalen wie dem des „cacique Paris“ der in der Nähe Panamas herrschte. Dieser gab den Christen freiwillig viel Gold als Willkommensgeschenk, doch diese waren gierig und beraubten und töten die Dorfbewohner trotz alledem. Dies geschah in vielen Dörfern. Oft wurden die Indios dabei gefoltert oder in ihren Häusern verbrannt. Außerdem wurden die Einwohner dazu missbraucht das Gold aus den Minen zu befördern, was „trabajo intolerable“22 war und sehr viele Tote forderte. Dies wurde nicht nur von selbstständigen, gewissenslosen Befehlshabern durchgeführt sondern auch von Handlangern der Könige oder einiger Bischöfe.23

Ein sehr interessanter Blickwinkel wird durch ein Zitat von einem Häuptling der Insel „Española“ geboten, welcher vor den Europäern nach Kuba flüchtete und dort von anderen Einwohnern gefragt wird, warum die Spanier sich so verhalten würden. Las Casas berichtet, dass dieser antwortete:

No lo hacen por sólo eso [por ser de su natura crueles y malos], sino porque tienen un dios a quien ello adoran y quieren mucho y por habello de nosotros para lo adorar nos trabajan de sojuzgar y nos matan. […] Veís aquí el dios de los cristianos [ - con una cestilla llena de oro en las manos].24

[...]


1 Kohl, Karl-Heinz (2008): „Allegorien der drei Erdteile und die Entdeckung Amerikas.“ In: Berichte und Abhandlungen Band (14), 30.

2 Vgl. König, Hans-Joachim (1993): „Vielfalt der Kulturen oder europäisches Muster? Amerika und Indios in frühen deutschen Schriftzeugnissen.“, In: Prosperi, Adriano (Hg.) u.a.: Die Neue Welt im Bewußtsein der Italiener und Deutschen des 16. Jahrhunderts. Berlin: Duncker & Humblot, 183.

3 ebd. 30.

4 ebd. 30.

5 Vgl. Gandía, Enrique de (1929): Historia crítica de los mitos de la conquista americana. Buenos Aires: Roldán, 117.

6 Jorge Becco, Horacio (2003): Crónicas de el Dorado. Caracas: Biblioteca Ayacucho, VIII.

7 heutiges Japan.

8 Vgl. Polo, Marco (1983): II Milione. Die Wunder der Welt. Zürich: Manesse-Verlag, 277.

9 Vgl. Gandía (1929): 105.

10 Vgl. Dippel, Horst (1989): „Faszination und Wandel im europäischen Amerikabild. Vom Eldorado zum Paradigma.” In: König, Hans-Joachim (Hg.) u.a.: Der europäischer Beobachter außereuropäischer Kulturen. Zur Problematik der Wirklichkeitswahrnehmung. Berlin: Duncker & Humblot, 85.

11 Vgl. Zea, Leopoldo (1990): Descubrimiento e identidad lationamericana. México: Universidad Nacional Autónoma de México, 26.

12 Casas, Bartolomé de las (1984): Brevísima relación de la destrucción de las Indias. Madrid: Cátedra, 74.

13 Ebda.: 73.

14 Ebda.: 79.

15 Ebda.: 91.

16 Kolumbus, Christoph (1982): „Amerika, das Paradies.“ In: Rodríguez Monegal, Emir (Hg.): Die neue Welt. Chroniken Lateinamerikas und Kolumbus bis zu den Unabhängigkeitskriegen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 68.

17 Vgl. ebda.: 76.

18 Oviedo, Gonzalo Fernández de (1950): Sumario de la natural historia de las Indias. México: Fondo de cultura económica, 85f..

19 Casas (1984): 91.

20 Vgl ebda.: 93f..

21 Vgl. Casas, Bartolomé de las (1876): Historia de las Indias. Tomo IV. Madrid: Miguel Ginesta, 97.

22 Casas (1984): 84.

23 Vgl. ebda.: 91ff..

24 Casas (1984): 87.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Amerika als Utopie. Die Vorstellung der Neuen Welt als irdisches Paradies
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1.3
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V461845
ISBN (eBook)
9783668905535
ISBN (Buch)
9783668905542
Sprache
Deutsch
Schlagworte
amerika, utopie, vorstellung, neuen, welt, paradies
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Amerika als Utopie. Die Vorstellung der Neuen Welt als irdisches Paradies, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461845

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