Die Revolution in München seit dem 7. November 1918


Seminararbeit, 2017
24 Seiten, Note: 12
André Paschke (Autor)

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Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

B. Vorgeschichte und Bedingungen der Revolution
I. Munitionsarbeiterstreik Januar
II. Matrosenaufstand und Rätebildung als Inspiration

C. Der Umsturz am 7. November

D. Die Zeit der Regierung Eisner
I. Maßnahmen der Regierung Eisner
II. Uneinigkeit über die künftige Stellung der Räte
III. Das vorläufige Staatsgrundgesetz vom 4. Januar
IV. Die Landtagswahl am 12. Januar
V. Die Ermordung Kurt Eisners und die Schüsse im Landtag
1. Eisners letzte Wochen
2. Mord an Kurt Eisner
3. Schüsse im Landtag

E. Die Zwischenphase
I. Die unmittelbaren Folgen
II. Erneutes Ringen um die zukünftige Regierungsform
III. Der Weg zur Räterepublik

F. Die erste Räterepublik
I. Proklamation der Räterepublik und Flucht der Regierung Hoffmann
II. Maßnahmen der ersten Räterepublik
III. Der Palmsonntagsputsch und die Machtübernahme der Kommunisten

G. Die zweite Räterepublik und die Rückeroberung Münchens
I. Maßnahmen der zweiten Räterepublik
II. Die Rückeroberung Münchens
III. Weißer Terror

H. Folgen und Fazit
I. Weitere Entwicklung in Bayern
II. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitung

Die bayrische Revolution begann mit der Übernahme der bayrischen Staatsgewalt durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte am 7. November 1918 unter Führung von Kurt Eisner und endete mit der militärischen Eroberung Münchens durch Freikorps und Reichswehrtruppen am 2. Mai 1919. Sie war ein Teil der Novemberrevolution, begann aber zwei Tage früher als deren Auswirkung in Berlin am 9. November. Sie behielt ihre radikale Form, die im letzten Monat in einer Räterepublik mündete, länger bei und wurde militärisch geschlagen und beendet. Genau wie im übrigen Reich manifestierte sich in ihrem Verlauf die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie, die hier wie dort in einem Bündnis der Mehrheitssozialdemokratie mit reaktionären Militärs gipfelte.

Während marxistische Historiker die Revolution und insbesondere die zweite Phase der Räterepublik als weitestgehenden Versuch des Aufbaus einer kommunistischen Gesellschaft, der von den „Massen“ getragen wurde, verstehen,1 gilt bürgerlichen Historikern die Regierung Eisner und noch mehr die Räteherrschaft als Projekt einer kleinen Gruppe leichtsinniger und naiver Radikaler, die ihre eigenen Möglichkeiten und ihre Verankerung in der Bevölkerung weit überschätzte2. Historiker der Wehrmacht und andere rechtsextreme Autoren bewerten die Ereignisse schließlich als bolschewistischen Terror von „erbärmlichen, gewissenlosen Gesellen“ und „jüdischem Gesindel“.3

Neben den Ursachen und dem Verlauf der Revolution sollen auch diese Fragen nach Charakter und Unterstützung der Revolution behandelt werden. Schließlich wird auch versucht zu bewerten, welche Auswirkungen die Niederschlagung der Revolution hatte.

B. Vorgeschichte und Bedingungen der Revolution

Die Revolution war nur möglich, weil sich in der Bevölkerung in den vorherigen Monaten eine Kriegsmüdigkeit ausgebreitet hatte, die sich auch bereits in einigen Protesten ausdrückte. Die sich von Norddeutschland ausbreitende Novemberrevolution war dann der Auslöser, der am 7. November zur Revolution in Bayern führte.

I. Munitionsarbeiterstreik Januar 1918

Schon ab dem zweiten Kriegsjahr kam es im Deutschen Reich aufgrund der Seeblockade und einigen Missernten zu Nahrungsmittelengpässen. Das Agrarland Bayern musste zwangsweise Nahrungsmittel an das übrige Reich abgeben, wodurch auch hier Versorgungsengpässe entstanden, die zu Unzufriedenheit und im Juni 1916 zu ersten Hungerdemonstrationen führten.4

Am 28. Januar 1918 riefen die Revolutionären Obleute der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) in Berlin zu einem dreitätigen Generalstreik auf. Sie forderten die sofortige Aufnahme von Verhandlungen mit dem Ziel eines Verständigungsfriedens und eine Demokratisierung des Deutschen Reiches. Die Streiks dauerten in Berlin eine Woche an, 500.000 Arbeiter beteiligten sich an ihnen.5

Nachdem die bayrische SPD mit ihrem Vorsitzenden Erhard Auer zunächst erfolgreich beruhigend auf die dortigen Arbeiter eingewirkt hatte, fanden nach Agitation durch den bayrischen USPD-Vorsitzenden Kurt Eisner hier ab dem 31. Januar ebenfalls Streiks statt. Zunächst beschränkte er sich auf die Münchener Munitionsfabriken, am 1. Februar weitete er sich auch auf weitere Betriebe aus. In München beteiligten sich 8.000-10.000 Arbeiter, in Nürnberg, wo SPD und USPD gemeinsam zum Streik aufriefen, sogar 45.000-50.000.6 Eisner wurde nach einer Denunziation in der Nacht zum 1. Februar als Rädelsführer verhaftet und der Streik am 4. Februar nach Einwirken der SPD-Führung ergebnislos abgebrochen. Die Spaltung der Sozialdemokratie in Bayern wurde durch diese Ereignisse verstärkt, das politische und persönliche Verhältnis der Vorsitzenden der beiden Parteien Auer und Eisner wurde feindselig.7

II. Matrosenaufstand und Rätebildung als Inspiration

Nachdem es Ende Oktober zu einer Meuterei der kriegsmüden Besatzung der Hochseeflotte kam, verbündete diese sich in Kiel mit der lokalen Arbeiterschaft. In der Folge wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, welche die faktische Regierungsgewalt übernahmen und ab dem 4. November die Kontrolle über Kiel ausübten. Dies stellte den Beginn der Novemberrevolution dar, die sich von Kiel aus in den nächsten Tagen auf das gesamte Reichsgebiet ausbreitete.8

Auf einer Demonstration der USPD am 5. November wurden die Aktionen in Kiel begrüßt und zu einer Friedenskundgebung am 7. November auf der Theresienwiese aufgerufen. Eisner forderte Auer dazu auf, sich dem Aufruf anzuschließen und somit die erste gemeinsame Aktion von SPD und USPD seit der Spaltung der Sozialdemokratie durchzuführen. Dieser willigte widerwillig ein, um nicht der USPD die alleinige Initiative zu überlassen und hierdurch ihren Einfluss in der Arbeiterschaft zu verlieren.9

In Bayern wurde versucht, mittels einer Verfassungsreform hin zu einer größeren Demokratisierung die Monarchie zu retten. Ebenfalls fand eine Kabinettsumbildung statt, nach der auch zwei Ministerposten für die SPD vorgesehen waren. Auf einer gemeinsamen Sitzung des alten und des neuen Kabinetts am 6. November, auf der die Demonstration mit Sorge gesehen wurde, versicherte Auer, dass von dieser keine Gefahr ausgehen würde: „Eisner ist erledigt. Sie dürfen sich darauf verlassen. Wir haben unsere Leute in der Hand. Ich gehe selbst mit dem Zug. Es geschieht gar nichts.“10

C. Der Umsturz am 7. November 1918

Am Nachmittag des 7. November versammelten sich zehntausende Menschen auf der Theresienwiese. Sie hörten unterschiedlichen Rednern, u.a. Eisner und Auer zu. Eisner verkündete, dass die Zeit zum Handeln gekommen sei und entfernte sich mit einer vergleichsweise kleinen Gruppe von etwa 2.00011 seiner Anhänger von der Theresienwiese, während der Großteil der Demonstration mit Auer in die Innenstadt zog und sich dort auflöste. Eisners Gruppe zog zu den Kasernen der Stadt und konnte die dortigen Soldaten überzeugen, sich ihnen für einen revolutionären Umsturz anzuschließen. Die Teilnehmer dieses Zuges besetzten bis 22 Uhr nun alle Kasernen, Ministerien und weitere Regierungsgebäude. Sie trafen hierbei auf fast keinen Widerstand, weswegen die Machtübernahme unblutig verlief. Der bayrische König Ludwig III. verließ mit seiner Familie und einigen Bediensteten in der Nacht fluchtartig München. Einige Tage später erreichte er Schloss Arnif in Österreich.12

Im Mathäserbräu am Stachus wurde der erste Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat gebildet, zu dessen Vorsitzenden die Anwesenden Eisner wählten. Die Rätemitglieder marschierten zum Landtag, wo Eisner eine Ansprache hielt, in der er das Ende der Monarchie erklärte und sich zum provisorischen Ministerpräsidenten wählen ließ. In einer ersten Proklamation in den frühen Morgenstunden des 8. November wurde der Freistaat Bayern ausgerufen. Am Morgen desselben Tages bildete Eisner eine Regierung aus SPD und USPD, die von einem zuvor gebildeten provisorischen Nationalrat (bestehend aus Vertretern von SPD, USPD, Bauernbund, Frauenverbänden und Gewerkschaften), der ein Übergangsparlament darstellen sollte, bestätigt wurde.13

D. Die Zeit der Regierung Eisner

Die Regierung Eisner verstand sich als Übergangsregierung, wobei sich nicht alle Beteiligten einig waren, wie lange diese Übergangszeit bis zur Wahl einer konstituierenden Nationalversammlung sein sollte. Als solche nahm sie keine grundlegenden Reformen vor. Ihre Arbeit wurde durch die weiterhin bestehende Spaltung der Sozialdemokratie erschwert. Sie endete mit der Ermordung Eisners am 21. Februar 1919.

I. Maßnahmen der Regierung Eisner

Eisner, der neben seinem Posten als Ministerpräsident auch das Amt des Außenministers übernahm, legte in seiner Regierungsarbeit einen Schwerpunkt auf die Außenpolitik. In einer ersten Regierungserklärung hieß es, dass eine Vereinigung des Deutschen Reiches mit Österreich notwendig sei. Innerhalb des Reiches sollte die Selbstständigkeit der einzelnen Länder gestärkt werden.14 Zudem versuchte er, die Alliierten davon zu überzeugen, dass ein deutlicher Bruch mit dem alten Regime stattgefunden habe, um so bessere Waffenstillstandsbedingungen zu erreichen. Um diesen zu demonstrieren, veröffentlichte er am 24. November Regierungsdokumente, die eine Schuld des Deutschen Reiches am Kriegsausbruch belegen sollten.15 Auf einer anschließenden Konferenz der Länderministerpräsidenten unter Einbeziehung von Reichskanzler Friedrich Ebert forderte er die Einsetzung einer Kommission von SPD- und USPD-Mitgliedern, die die Friedensverhandlungen führen sollten. Dies wurde wie Eisners Forderung, die Staatssekretäre Erzberger und Solf zu entlassen, von Friedrich Ebert abgelehnt. Eisner verließ daraufhin die Konferenz und brach für einige Wochen den diplomatischen Kontakt mit dem Reich ab.16

In der Innenpolitik versuchte die Regierung Eisner zunächst, für Ruhe und Stabilität zu sorgen. Der neue Militärminister Albert Rosshaupter (SPD) beließ die alten Kommandostrukturen im Militär unangetastet, es wurde lediglich die Bildung von Kasernenräten forciert, die die Interessen der Truppe vertreten sollten.17 Alle bayrischen Beamten blieben in ihrem Amt. Dies wurde ihnen durch den geflohenen König erleichtert, der am 12. November alle Beamten von ihrem auf ihn geleisteten Treueschwur entband, was einer faktischen Abdankung gleichkam. Nach einer Ablegung eines neuen Eides, dieses Mal auf die Republik, arbeitete die gesamte Verwaltung unter den neuen Ministern weiter wie zuvor.18 Erstmals wurde ein Ministerium für soziale Fürsorge eingerichtet, das aber nur einzelne soziale Verbesserungen eingeführte, wie eine höhere Arbeitslosenunterstützung, der Achtstundentag und verbesserte Arbeitsbedingungen. Die ursprünglich angekündigte Sozialisierung von Großgrundbesitz und Produktionsmitteln wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, da laut Eisner die bayrische Industrie hierfür noch nicht reif genug sei.19 Unter Kultusminister Johannes Hoffmann (SPD) wurde eine Schulreform durchgeführt, durch die die Eltern ermächtigt wurden, über die Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht zu entscheiden und die kirchliche Schulaufsicht aufgehoben wurde.20

II. Uneinigkeit über die künftige Stellung der Räte

Die Spaltung der Sozialdemokratie blieb auch nach der gemeinsamen Regierungsübernahme von SPD und USPD bestehen. Am deutlichsten wurde dies bei den unterschiedlichen Auffassungen darüber, welche Stellung die in den ersten Tagen der Revolution gebildeten Räte im zukünftigen Staat haben sollten. Eisner sah in den Räten Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung. Sie sollten weder Gesetzgebungsbefugnisse noch Vollzugsgewalt erhalten, sondern das Parlament und die Regierung kontrollieren und beraten. Durch diese Tätigkeit sollten auch die in ihnen organisierten Menschen zu mündigen Bürgern und Demokraten werden, was Eisner als unverzichtbare Voraussetzung für eine künftige Demokratisierung der gesamten Gesellschaft ansah.21

Die SPD mit ihrem Vorsitzenden Auer, der in der Regierung den Posten des Innenministers bekleidete, sah in den Räten hingegen nur eine vorübergehende Einrichtung der revolutionären Zeit. Sie hatten in den ersten Tagen nach dem Umsturz für Sicherheit und einen geordneten Ablauf des öffentlichen Lebens gesorgt, sollten aber nach der Wahl eines Landtages und Bildung einer neuen Regierung wieder aufgelöst werden oder nur im Bedarfsfall als Hilfsorgane für die staatlichen Stellen auftreten.22

Die am 26. November vom Ministerrat erlassenen „Vorläufigen Richtlinien für die Arbeiter- und Bauernräte“ stellten formal einen Kompromiss dar, bedeuteten aber faktisch eine Schwächung der Räte: Zwar wurde in ihnen die Stellung der Räte als „Grundlage des neuen Regierungssystems“ (vorübergehend) bestätigt, allerdings nur mit den marginalen Kompetenzen, die Auer ihnen zugestehen wollte.23

III. Das vorläufige Staatsgrundgesetz vom 4. Januar 1919

Noch vor der Landtagswahl am 12. Januar erließ die Regierung Eisner am 4. Januar eine vorläufige Verfassung mit dem Titel „Staatsgrundgesetz der Republik Bayern“. Dieses enthielt 18 Ziffern und eine ausführliche Präambel, in der auf den Weltkrieg und die Revolution eingegangen wurde und die indirekt das von Eisner präferierte Modell eines Nebeneinanders von Räten und Parlamenten proklamierte. Weiterhin wurde ein endgültiges umfassendes Verfassungswerk angekündigt, in dem die Grundsätze einer sozialistischen Republik zur Darstellung gelangen sollten. Die Verfassung enthielt einige staatsorganisationsrechtliche Regelungen, Grundrechte, die Abschaffung der Privilegien des Adels und die Wahlfreiheit der Eltern beim Religionsunterricht ihrer Kinder.24

IV. Die Landtagswahl am 12. Januar

Eisner zögerte mit der Festlegung eines Termins für die Landtagswahl. Er wollte zunächst die Räte als revolutionäre Errungenschaften stabilisieren. Außerdem wusste er, dass seine Partei, die USPD, noch über keine mit der SPD vergleichbare Infrastruktur verfügte und somit dieser gegenüber im Nachteil war. Nach mehreren Auseinandersetzungen über diese Frage einigten sich die unterschiedlichen Lager am 5. Dezember auf die Durchführung der Landtagswahlen am 12. Januar.25

Das Ergebnis war niederschmetternd für die USPD: Sie erhielt lediglich 2,5% der abgegebenen Stimmen, während die SPD 33% der Stimmen (mit einer Dominanz in vielen Städten) erhielt und die konservative Bayrische Volkspartei (BVP) mit 35% die stärkste Partei wurde und insbesondere auf dem Land dominierte. Die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) erhielt 14% der Stimmen. Teilweise wird dieses Ergebnis als nicht repräsentativ für die Stimmung in der Bevölkerung und die Unterstützung der Revolution und der Politik der Regierung Eisner angesehen. Durch die Dominanz von bürgerlicher Presse hätte eine hetzerische Manipulation der öffentlichen Meinung zulasten von Eisner stattgefunden. Außerdem seien die Anhänger der USPD und des Rätesystems, auch unter dem Eindruck der bürgerkriegsartigen Januarkämpfe in Berlin, der Wahl bewusst ferngeblieben, da sie den Landtag als bürgerliches Parlament als nicht relevant betrachteten für die Durchsetzung ihrer Interessen.26

Diese Faktoren trugen sicherlich zum schlechten Ergebnis der USPD bei; insbesondere eine ausgedehnte Pressekampagne gegen Eisner, die ihn in massiv antisemitischer Weise angriff, trug in den konservativen ländlichen Gebieten zu einer Stimmung bei, in der viele fürchteten, der Fortbestand der Regierung Eisner würde zu einem Untergang Bayerns führen.27 Allerdings können sie das massive Unterliegen insbesondere gegenüber der SPD nicht vollständig erklären. Dieses dürfte vor allem auf die organisatorische Schwäche der USPD gegenüber der SPD zurückzuführen sein. Es war ihr nie gelungen, eine bayernweite Struktur aufzubauen und bei der Wahl in allen Wahlkreisen angesehene Kandidaten aus der jeweiligen Region aufzustellen. Ihre Parteizeitung „Neue Zeitung“ hatte im Vergleich zu sozialdemokratischen und konservativen Zeitungen nur eine geringe Verbreitung. Zudem war die SPD traditionell stark in den Gewerkschaften verankert. Da die USPD somit bei vielen Arbeitern nicht präsent war und der Konflikt in der Koalitionsregierung nach außen nicht so deutlich zutage trat blieb für viele Arbeiter die SPD die klassische sozialdemokratische Arbeiterpartei.28

V. Die Ermordung Kurt Eisners und die Schüsse im Landtag

Am 21. Februar wurde Kurt Eisner auf dem Weg zum Landtag ermordet. Dies beendete die erste Phase der Revolution und führte zu einer weiteren Radikalisierung der verfeindeten Gruppen der bayrischen Politik.

1. Eisners letzte Wochen

Nach der Landtagswahl begannen Koalitionsverhandlungen zwischen der SPD, der DDP und dem Bauernbund, die aber nur schleppend vorangingen. In der Öffentlichkeit, insbesondere in den konservativen (aber auch sozialdemokratischen) Zeitungen wurde Eisner vehement zum Rücktritt aufgefordert. Ein von konservativen Studenten verteiltes Flugblatt drohte mit einem „Tyrannenmord“. In den letzten Wochen seiner Amtszeit besuchte Eisner noch den Kongress der Sozialistischen Internationalen in Bern, wo er zusammen mit französischen Sozialisten die Entlassung aller Kriegsgefangenen fordert. In der Presse wurde hingegen behauptet, Eisner wolle die deutschen Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit in Frankreich verpflichten.29

Nach seiner Rückkehr unterlag er endgültig im Machtkampf mit der SPD und bereitete seinen Rücktritt vor. Er hielt am 20. Februar seine letzte öffentliche Rede vor dem Bayrischen Rätekongress, der seit dem 13. Februar tagte. Er appellierte an die Rätevertreter, ihre Tätigkeit fortzusetzen, wandte sich aber auch nicht explizit gegen den Landtag.

2. Mord an Kurt Eisner

Am Morgen des 21. Februar schrieb Eisner seine Rücktrittsrede, die er am gleichen Tag vor dem Landtag halten wollte. Kurz vor zehn Uhr verließ er sein Büro und ging zusammen mit seinen Sekretären und zwei bewaffneten Leibwächtern zu dem Landtagsgebäude. Kurz bevor er dieses erreicht, tritt von hinten der 22-jährige Anton Graf Arco auf Valley an ihn heran und schießt ihm zweimal in den Hinterkopf. Eisner ist sofort tot. Sein Attentäter wird überwältigt, ein Leibwächter schießt zweimal auf ihn. Er überlebt knapp.30 Zuvor hatte er sich in konservativen und rechtsextremen Kreisen bewegt und (aufgrund seiner jüdischen Mutter erfolglos) versucht, Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft zu werden. Vor dem Attentat bezeichnete er in einer Art Bekennerschreiben Eisner als Landesverräter, der jedes vaterländische Denken untergrabe. Außerdem hasse er den Bolschewismus und die Juden.31 Ob er als Einzeltäter handelte oder Teil einer Verschwörung war, ist umstritten.32

3. Schüsse im Landtag

Die Nachricht von dem tödlichen Attentat verbreitete sich schnell. Die Eröffnung des Landtages wurde um eine Stunde verzögert, nach der man die Gewissheit hatte, dass Eisner getötet wurde. Der Metzgergeselle Alois Lindner, ein Mitglied des Münchener Revolutionären Arbeiterrates, dringt in den Landtag ein und schießt auf Auer, der gerade eine Gedenkrede auf Eisner gehalten hat. Linder ging von einer Verantwortung Auers für den Mord an Eisner aus, da Auer auch schon mit mehreren fehlgeschlagenen Putschversuchen gegen die Regierung Eisner in Verbindung gebracht wurde. Der BVP-Abgeordnete Paul von Jahreiß stellt sich Lindner in den Weg und wird daraufhin von diesem niedergeschossen. In dem folgenden Tumult schießen mehrere Menschen auf Lindner, der aber entkommen kann und erst im August festgenommen wird. Getroffen wird hingegen der BVP-Abgeordnete Heinrich Osel. Auer überlebt die Schüsse, muss aber vier Monate im Krankenhaus verbringen. Jahreiß und Osel erliegen ihren Verletzungen. Der Landtag löste sich auf.33

E. Die Zwischenphase

Die nun folgende Zwischenphase war von großer Unsicherheit über den zukünftigen Kurs der bayrischen Politik geprägt. Alle Konflikte zwischen den unterschiedlichen Parteien brachen offen aus. Sie dauerte bis zur Ausrufung der ersten Räterepublik.

I. Die unmittelbaren Folgen

Noch am 21. Februar wurde in Reaktion auf die Ermordung Eisners ein Generalstreik ausgerufen. Mehrere Regierungsmitglieder tauchten unter, die Regierung wurde handlungsunfähig, es entstand ein Machtvakuum. In dieser Situation bildeten die Räte noch am 21. Februar einen Aktionsausschuss, der einen Zentralrat als Regierung wählte. Er bestand paritätisch aus Mitgliedern der SPD, der USPD und des Bauernbundes. Vorsitzender wurde Ernst Niekisch (SPD), bisheriger Vorsitzender des Augsburger Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrates. Als erste Notmaßnahmen wurde der Belagerungszustand über München verhängt und für drei Wochen alle bürgerlichen Zeitungen, deren Stimmungsmache gegen Eisner man als einen der Hauptgründe für das Attentat ansah, zunächst verboten und dann bis zum 15. März einer Vorzensur unterworfen.34

Am 26. Februar wurde Kurt Eisner beerdigt. Dem Trauerzug schlossen sich 100.000 Menschen an, es wurde eine der größten Kundgebungen Münchens. Reden hielten u.a. Hugo Haase und Gustav Landauer. Auf einer Trauerfeier würdigte ihn Heinrich Mann: „Die hundert Tage der Regierung Eisner haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher.“35

II. Erneutes Ringen um die zukünftige Regierungsform

Durch die auf die Ermordung Eisners folgende Radikalisierung und die Machtübernahme der Räte wurde die Frage nach der zukünftigen Verfasstheit des Staates erneut gestellt. Der Zentralrat rief erneut einen gesamtbayrischen Rätekongress zusammen, der ab dem 25. Februar in München tagte und diese Frage klären sollte. Eine Mehrheit lehnte die Ausrufung der Räterepublik ab und befürwortete einen Kompromissvorschlag, der den Vorstellungen Eisners entsprach, dem aber auch die Delegierten der SPD zustimmten: Eine provisorische Regierung aus den linken Parteien (SPD, USPD, Bauernbund) solle von den Räten eingesetzt werden. Gegen deren Entscheidungen sollte den Räten ein Vetorecht zustehen, außerdem sollten sie Gesetzesentwürfe vorlegen und in der Verwaltung mitwirken können. Der Landtag sollte vorläufig vertagt bleiben, in Zukunft aber wieder zusammentreten. Am 1. März wurde ein Kabinett gebildet, dem als Ministerpräsident Martin Segitz (SPD) vorstehen sollte.36

Die SPD lehnte diesen Kompromissvorschlag ab und trat in Verhandlungen mit Abgeordneten der anderen Parteien. Als Ergebnis entstand der „Nürnberger Kompromiss“ (nach dem Ort seiner Ausarbeitung), der u.a. eine kurzfristige Einberufung des Landtags zur Bildung einer Regierung und die Reduzierung der Räte auf Beratungsorgane enthielt. Dass die Räte darüber hinaus keine Rechte haben sollten, wurde explizit festgestellt. Nach einigen lediglich formellen Änderungen nahm der Rätekongress diesen Vorschlag am 8. März an. Dies führte zu einer Spaltung der USPD, deren radikalerer Münchener Flügel um Ernst Toller den Kompromiss ablehnte und sich in der Folge den Kommunisten um Max Levien und Eugen Leviné annäherte.37

Der Landtag trat am 17. März zusammen. Er beschloss zunächst ein „Vorläufiges Staatsgrundgesetz“, dass in weiten Teilen demjenigen entsprach, was bereits unter Eisner am 4. Januar verabschiedet wurde, enthielt aber keine Präambel. Somit waren die Räte endgültig aus der Verfassung verschwunden. Danach wählte der Landtag den ehemaligen Kultusminister der Regierung Eisner, Johannes Hoffmann (SPD), zum Ministerpräsidenten. Dieser stellte dem Landtag am folgenden Tag sein Kabinett (bestehend aus Mitgliedern von SPD, USPD und Bauernbund) vor und ließ sich von diesem umfassende Vollmachten übertragen. Daraufhin vertagte sich der Landtag erneut.38

III. Der Weg zur Räterepublik

Die Regierung Hoffmann versuchte durch einige wirtschaftspolitische Sofortmaßnahmen die Not der Bevölkerung zu lindern, konnte die Lage jedoch nicht beruhigen. Teile der Räte, die zu Recht davon ausgingen, dass die Regierung Hoffmann ihren Einfluss zurückdrängen und sie letztlich abschaffen wollte, drängten weiterhin auf eine Räterepublik. Sie wurden hierin bestärkt, als am 21. März in Ungarn die Räterepublik proklamiert wurde.39

Ihren unmittelbaren Ausgangspunkt hatte die Ausrufung der Räterepublik in Augsburg. Ernst Niekisch hielt dort am 3. April eine Rede vor Delegierten der Augsburger Räte, in der er erklärte, dass die Räte noch nicht die Macht übernehmen könnten. Nachdem diese Aussage Protest hervorgerufen hatte, schlug Niekisch vor, dass die Anwesenden mit ihm nach München kommen sollten, um dem Kabinett ihre Forderungen zu präsentieren. Nachdem sie dort am nächsten Tag vertröstet wurden, besuchten sie eine Versammlung des Zentralrats der Räte, auf dem dieser beschloss, die für den nächsten Tag geplante Wiedereröffnung des Landtages abzusagen. Weiterhin wurde ein weiteres, geheimes Treffen im Ministerium für militärische Angelegenheiten am Abend geplant, auf dem über die Ausrufung der Räterepublik beraten werden sollte.40

Auf diesem Treffen, an dem Mitglieder des Zentralrates, des Revolutionären Arbeiterrates, Anarchisten, SPD- und USPD-Minister der Regierung Hoffmann (u.a. Ernst Schneppenhorst) teilnahmen, sprach sich eine Mehrheit für die Proklamierung der Räterepublik aus. Nachdem Mitglieder des Revolutionären Arbeiterrates gefordert hatten, dass bei der Ausrufung der Räterepublik die Kommunisten beteiligt werden sollten, sprach eine KPD-Delegation unter Führung von Eugen Leviné. Zur Überraschung der meisten Anwesenden sprach er sich gegen eine Proklamation der Räterepublik aus: Er hielt die Bedingungen für ungünstig im momentanen Zustand und befürchtete, dass eine Räteregierung unter Beteiligung von SPD-Ministern, die zuvor die Räte beschränken wollten, keinen Fortschritt bringen könne, sondern die Revolution beenden solle. Schneppenhorsts Meinungswandel beruhte auf einer Angst vor einem Kontrollverlust über die Situation, der von den Kommunisten ausgenutzt werden könnte. Er schlug vor, sich in zwei Tagen wieder zu treffen, damit er vor der Ausrufung die Zustimmung der SPD-Basis auf einer Tagung der Landespartei in Nürnberg einholen könne.41

Hoffmann, der zu Beratungen mit der Reichs-SPD nach Berlin gefahren war, erfuhr hiervon erst auf einer Kabinettssitzung am Morgen des 5. April. Die Hälfte seiner Minister war nicht erschienen, von den Anwesenden trugen einige die Ausrufung einer Räterepublik mit, die anderen verhielten sich passiv. Am gleichen Tag wurde auf einem Landesparteitag der SPD Südbayerns in München mit großer Mehrheit für einen Antrag gestimmt, der eine Räterepublik befürwortet unter der Voraussetzung, dass sich alle sozialistischen Parteien an ihr beteiligen. Hoffmann merkte, dass er von seinem Kabinett und der Münchener Basis keine Hilfe erwarten konnte und fuhr ebenfalls zum Treffen der Landespartei nach Nürnberg, um dort die Basis und Schneppenhorst auf eine rätefeindliche Linie zu bringen. Dies gelang ihm unter Androhung der Niederlegung seines Präsidentenamtes: Eine Mehrheit der Delegierten stimmte gegen die Ausrufung einer Räterepublik. Schneppenhorst musste somit mit einem negativen Votum der Basis nach München zurückkehren. Die Teilnehmer des vereinbarten Treffens kamen ihm jedoch zuvor mit der Ausrufung der Räterepublik.42

F. Die erste Räterepublik

Die erste Räterepublik wurde ausgerufen und geleitet von parteilosen Anarchisten, USPD-Anhängern und Mitgliedern des Bauernbundes. Die bekanntesten waren die Schriftsteller Erich Mühsam und Gustav Landauer sowie der USPD-Politiker Ernst Toller. Sie bestand für gerade einmal sechs Tage.

I. Proklamation der Räterepublik und Flucht der Regierung Hoffmann

Das Treffen vom 4. April wurde wie vereinbart am 6. April fortgesetzt. Ernst Niekisch, der die Leitung übernommen hatte, hatten zuvor die Rücktrittsgesuche aller Minister mit Ausnahme von Hoffmann und Justizminister Fritz Endres erreicht. Er ging deshalb davon aus, dass keine handlungsfähige Regierung mehr bestehen würde. Daraufhin beschlossen die Anwesenden die Ausrufung der Räterepublik mit Wirkung für den nächsten Tag und verteilten die zukünftigen Aufgaben. Als Vorsitzenden des Zentralrats und somit Regierungschef wurde Toller ernannt.43

Hoffmann hingegen kehrte nicht nach München zurück, sondern verlegte seine Regierung und den Landtag nach Bamberg. Von dort ließ er zunächst Flugblätter über München abwerfen, die erklärten, dass die Regierung weiterhin bestehe und die einzig legitime Macht darstelle. Sie verhängte einen Einfuhrstopp für Lebensmittel und Kohle nach Südbayern. Zudem begann sie mit dem Aufbau von Freikorps, um München militärisch zurückerobern zu können. Hierbei stützte sie sich auch auf die Thule-Gesellschaft, aus deren Umfeld der Mörder von Eisner kam.44

II. Maßnahmen der ersten Räterepublik

Aufgrund der begrenzten Zeit konnten von der ersten Räteregierung nur wenige Maßnahmen ergriffen werden. Hierzu gehörten die Beschlagnahme von Wohnraum und Nahrungsmittel sowie die Kontrolle des Kapitalverkehrs. Außerdem wurden Revolutionstribunale eingerichtet, die Verstöße gegen die „revolutionären Grundsätze“ ahnden sollten, aber nur äußerst milde Urteile fällten und schon bald nicht mehr ernstgenommen wurden. Auch wurde versucht, das Bürgertum zu entwaffnen und eine „Rote Armee“ aufzustellen. All diese Maßnahmen wurden jedoch nicht konsequent verfolgt, viele existierten nur auf dem Papier. Zudem galten sie nur in den Gebieten südlich der Donau, da in den nördlichen Gebieten Bayerns die Räte dem Revolutionsaufruf nicht folgten. Nach außen hin wurde die neue Regierung durch ihren eigenen Außenbeauftragten Franz Lipp diskreditiert: Dieser verschickte eine Vielzahl wirrer Telegramme, u.a. eines an Lenin, in dem er sich beklagte, dass Hoffmann „aus [seinem] Ministerium den Abtrittschlüssel mitgenommen“ habe und erklärte Württemberg und der Schweiz den Krieg, weil sie ihm nicht 65 Lokomotiven leihweise überlassen wollten. Als Toller erfuhr, dass Lipp in der Vergangenheit bereits mehrfach in die Psychiatrie eingewiesen wurde und wahrscheinlich psychisch krank war, entließ er ihn aus seinem Amt.45

III. Der Palmsonntagsputsch und die Machtübernahme der Kommunisten

Die Regierung Hoffmann ging weiterhin davon aus, mittels eigener, bayrischer Truppen München zurückerobern zu können und nicht auf die ihr von Reichswehrminister Noske angebotenen Truppen zurückgreifen zu müssen. Dies wollte sie unbedingt vermeiden, da sie sich im Gegenzug verpflichten musste, auf militärische Reservatrechte für Bayern zu verzichten und ihre Zustimmung zum Reichswehrgesetz zu geben. Deshalb hoffte sie auf die Zusicherung der in München stationierten „Republikanischen Schutztruppe“ unter Alfred Seyffertitz, dass alle Garnisonen in München die Räteregierung ablehnen würden und er mit einem kurzen Putsch diese stürzen und die Regierung Hoffmann wiederherstellen könne. Tatsächlich scheiterte der sog. Palmsonntagsputsch jedoch: Nachdem am 13. April einige Mitglieder der Räteregierung verhaftet wurden stellte sich schnell heraus, dass der größte Teil der Truppen in München hinter der Regierung stand. Nach schweren Kämpfen mit Anhängern der Räterepublik unter dem Kommando des Matrosen Rudolf Egelhofer (KPD) mit 21 Todesopfern musste sich Seyffertitz Truppe geschlagen geben und flohen aus München.46

Auf einer Versammlung der Münchener Betriebs- und Soldatenräte wurde noch am selben Tag der bisherige Zentralrat für abgesetzt erklärt und ein neuer Vollzugsrat mit Leviné an der Spitze ernannt. Die Kommunisten, die die Räterepublik zuvor noch abgelehnt hatten, wollen sie nun vollständig übernehmen und nach ihren Vorstellungen gestalten. Von den bisherigen Funktionären der Räteregierung gab es hiergegen keinen Widerstand, von der KPD-Parteizentrale hingegen schon: Sie sah im Vergleich zum 6. April keine geänderte Situation und meinte weiterhin, dass zurzeit keine gute Gelegenheit sei, in Bayern isoliert vom restlichen Deutschland eine Räterepublik zu errichten.47

G. Die zweite Räterepublik und die Rückeroberung Münchens

Die zweite Räterepublik unter der Führung von Kommunisten widmete sich vielen Problemen, die auch schon die erste Räterepublik angehen wollte, war hierbei aber deutlich konsequenter. Den Fokus ihrer Tätigkeit musste sie aber auf die militärische Verteidigung legen, da nach dem Scheitern des Palmsonntagputsches nun Truppenverbände von außerhalb Bayerns zur Rückeroberung Münchens eingesetzt wurden.

I. Maßnahmen der zweiten Räterepublik

Als erste Maßnahme riefen die neuen Machthaber zum Generalstreik auf, in dessen Zeit die Arbeiter bewaffnet und militärisch ausgebildet werden sollten. Oberkommandierender wurde Egelhofer. Die Verwaltung wurde unter die Aufsicht der Räte gestellt, die auch die Kontrolle über die Betriebe übernahmen. Zur Linderung der durch die Wirtschaftsblockade verursachten Knappheit an Lebensmittel wurden diese genau wie Wohnraum beschlagnahmt und verteilt. Schwarzhandel wurde schwer bestraft. Banken wurden enteignet und Konten gesperrt. Zunächst wurden alle Zeitungen verboten, nach einigen Tagen konnten die von SPD und USPD wieder erscheinen. Auch entließ man politische Gefangene.48

Die wichtigste Maßnahme war jedoch die Bildung der Roten Armee während des Generalstreiks. Insgesamt wurden ca. 20.000 Gewehre an Freiwillige ausgegeben. Nachdem der Generalstreik nach neun Tagen beendet wurde zog die Rote Armee in einer Parade mit 12.000 – 15.000 Mann am 22. April durch München.49

II. Die Rückeroberung Münchens

Nach dem Scheitern des Palmsonntagsputsches wurde Hoffmann klar, dass er auf militärische Hilfe aus dem Reich angewiesen war. Er bat die Reichsregierung um Truppen, die ihm am 16. April zugesagt wurden. Allerdings fanden alle weiteren Planungen ab diesem Zeitpunkt in Berlin statt, so dass er keinen weiteren Einfluss mehr hatte. Die vom Reich zusammengezogenen Truppen, darunter viele Freikorps, hatten eine Stärke von ca. 35.000 Mann und waren somit der Roten Armee schon in Zahlen deutlich überlegen. Aber auch ihre Ausrüstung und Ausbildung übertraf die der gerade erst gebildeten Roten Armee bei weitem, so war sie von Anfang an chancenlos.50

Bei ersten Kämpfen bei Dachau am 15. und 16. April konnten Verbände der Roten Armee unter Ernst Toller noch einige Erfolge gegen vereinzelte Regierungstruppen erzielen und diese in die Flucht schlagen. Sobald aber das Heer vollständig in die Gebiete der Räterepublik eindrang, zerfiel die Rote Armee und bestand nach wenigen Tagen nur noch aus wenigen Kämpfern, die sich in München verschanzten. Ende April versuchten Funktionäre der Räteregierung noch (nach einigen Konflikten über diese Frage im Zentralrat) die Bamberger Exilregierung zu Verhandlungen zu bewegen, aber diese bestand auf die vollständige Kapitulation. Am 30 April beschloss der Zentralrat, die Waffen niederzulegen. Am nächsten Tag drangen die Reichswehr und Freikorps in München ein und hatten schon am folgenden Tag den militärischen Sieg errungen.51

III. Weißer Terror

Die Truppen der Reichsregierung gingen bei der Rückeroberung und in den folgenden Tagen in München mit äußerster Brutalität vor. Sie waren durch Propaganda auch der Regierung Hoffmann, dass in München „bolschewistisches Raub- und Mordgesindel“ herrsche, beeinflusst. In die letzten Tage der Räterepublik fällt ihre einzige Terrorhandlung, die bei der Rückeroberung als wiederholte Rechtfertigung für die eigene Brutalität herangezogen wurde: Am 30. April hatten Angehörige der Roten Armee, nachdem sie von ersten Berichten über Misshandlungen und willkürliche Erschießungen durch Freikorps gehört hatten, acht Anhänger der Thule-Gesellschaft, die wegen Sabotage und Propaganda verhaftet worden waren, und zwei Freikorpssoldaten erschossen. Dieser sog. „Geiselmord“ beseitigte bei den Truppen letzte Hemmungen.52

Insgesamt verloren bei den Kämpfen und bei anschließenden willkürlichen Erschießungen 500-1200 Menschen ihr Leben. Ein Großteil davon starb nicht im Kampf, sondern kam erst nach dem 2. Mai ums Leben, darunter 21 katholische Gesellen, die für Kommunisten gehalten und erschossen wurden. Hunderte wurden sofort standrechtlich erschossen. Von den Regierungssoldaten starben nur 58.53

H. Folgen und Fazit

Nach Eroberung Münchens wurde Bayern das Zentrum der reaktionären Bewegung in Deutschland und die Keimzelle der NSDAP.

I. Weitere Entwicklung in Bayern

Die Regierungstruppen blieben bis zum 12. Juli in München, das Standrecht blieb bis zum 1. August in Kraft. Führende Politiker der Räterepubliken wurden wegen Hochverrats standrechtlich verurteilt, so z.B. Eugen Leviné (Tod, Erschießung am 5. Juni), Ernst Toller (fünf Jahre Festungshaft) und Erich Mühsam (15 Jahre Festungshaft). Gustav Landauer, der in der ersten Räterepublik Bildungsminister war, wurde am 2. Mai von Freikorpssoldaten verhaftet, misshandelt und erschlagen. Genauso wurde einen Tag später mit Rudolf Egelhofer verfahren. Im sog. Geiselmordprozess wurden sechs Todesurteile gegen Beteiligte an den Erschießungen verhängt. Die Morde der Freikorps hingegen wurden fast gar nicht gerichtlich verfolgt. Anton Graf Arco auf Valley wurde zum Tode verurteilt, am nächsten Tag aber von Hoffmann begnadigt und 1924 entlassen.54

Die Regierung Hoffmann blieb zunächst genau wie der Landtag in Bamberg und arbeitete eine neue, ausführliche Verfassung mit 95 Paragraphen aus. Diese enthielt wie schon die vorläufigen Staatsgrundgesetze einen Grundrechtekatalog und das Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie. Die Räte wurden in ihr nicht erwähnt. Diese „Bamberger Verfassung“ wurde am 12. August 1919 vom Landtag angenommen, nur die drei USPD-Mitglieder stimmten dagegen. Inzwischen hatte Hoffmann ein neues Kabinett mit Politikern der SPD, BVP und DVP gebildet. Bei Kommunalwahlen im Juni musste die SPD Verluste im Vergleich zur Landtagswahl hinnehmen: Sie verlor in allen größeren Städten Stimmen, häufig mehr als die Hälfte, während die USPD überall zulegen konnte und in einigen Städten, u.a. München (wo die SPD fast drei Viertel ihrer Stimmen verlor), die stärkste Partei wurde. Die gleiche Entwicklung zeigte sich bei der Landtagswahl am 6. Juni 1920, bei der die SPD mehr als die Hälfte ihrer Stimmen im Vergleich zum Januar 1919 verlor, während KPD und USPD ihre Stimmenanzahl vervielfachen konnten und gemeinsam fast mit der SPD gleichzogen. Die Wahlergebnisse deuten auf eine anhaltende Radikalisierung hin, die mit dem Ende der Räterepublik noch nicht vorbei war und die der SPD als ausgleichende Partei schadete.55

Am 17. August 1919 kehrten Landtag und Regierung Hoffmann wieder zurück nach München, konnten aber nicht lange vom Sieg profitieren. Genau wie die Novemberrevolution sich in Bayern abweichend entwickelte, verlief auch der Kapp-Putsch am 13. März 1920 in Bayern anders als im Reich: Nachdem die dortigen Truppenbefehlshaber Hoffmann zunächst ihre Unterstützung zusicherten, drängten sie ihn am nächsten Tag mittels indirekter Putschdrohung aus dem Amt. Die SPD-Minister folgten ihm. Zwei Tage später wurde ein neues Kabinett unter Gustav von Kahr (BVP) ohne SPD-Minister gewählt. Sie blieb in der gesamten Weimarer Zeit Oppositionspartei in Bayern.56

In der Folge wurde Bayern zum Rückzugsgebiet für rechtsradikale und antisemitische Organisationen. Politische Attentäter der Organisation Consul fanden hier Schutz vor juristischer Verfolgung, staatliche Posten wurden mit antisozialistischen Funktionären besetzt. In diesem Klima der „Ordnungszelle Bayern“ gedieh die NSDAP, von deren späteren Funktionären viele an der Niederschlagung der Räterepublik beteiligt waren (z.B. Rudolf Heß, Ernst Röhm, Heinrich Himmler, Karl Wolff, Sepp Dietrich und Hans Frank). Hitler erklärte München nach 1933 zur „Hauptstadt der Bewegung“.57

II. Fazit

Zwar konnte die Regierung Eisner in den Landtagswahlen keine Mehrheit erringen, aber das Bild von einer kleinen Verschwörerclique, die in Bayern die Macht an sich riss, ohne hierbei auf breite Unterstützung bauen zu können stimmt trotzdem nicht: Spätestens durch die Ermordung Eisners setzte eine Radikalisierung in allen Arbeiterorganisationen ein, die selbst einige SPD-Minister für einige Zeit zu Anhängern einer Räterepublik machte. Abstimmungen der SPD Oberbayern und München über die Frage des Beitrittes zur Räterepublik zeigten, dass die Partei gespalten war bei dieser Frage und teilweise auch für einen Beitritt votierte.58 Auch ist es bezeichnend, dass sich die Exilregierung Hoffmann zur militärischen Rückeroberung nicht auf bayrische Truppen verlassen konnte und die Reichsregierung um Hilfe bitten musste. Dies spricht ebenfalls für eine vorhandene Basis in der Bevölkerung, auch wenn nur Spekulationen darüber möglich sind, wie eine weitere Entwicklung der Räterepublik ausgesehen hätte.

Der Preis, den die SPD für die Niederschlagung durch rechte Militärs zahlen musste, war in Bayern genau wie im restlichen Reich neben der Spaltung der Arbeiterbewegung die Restauration in Verwaltung und Militär: Republikfeindliche, in Bayern zunächst auch viele monarchistische Personen besetzten die relevanten Posten und verhinderten eine Demokratisierung der Gesellschaft und des Staates. Die These, dass das Bündnis mit den alten Mächten eine Hauptursache für das Scheitern der Weimarer Republik und die Etablierung der Nationalsozialisten war,59 ist nirgendwo so überzeugend wie in Bayern.

1 Beyer, S. 7 f.; Seifert, in: Oktoberrevolution, S. 241.

2 Kolb, S. 357 f.; Mitchell, S. 291 f.

3 Killinger, S. 11; Niederwerfung, S. 1; Ullrich, S. 8.

4 Hitzer, S. 19; Höller, S. 19 f.; Karl, S. 9.

5 Höller, S. 35 f.; Karl, S. 21; Mitchell, S. 57 f.

6 Hitzer, S. 20 u. 23; Höller, S. 35 f.; Grau, in: HLB, Eintrag „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), 1917-1922“.

7 Hitzer, S. 23 f.; Höller, S. 36 f.; Karl, S. 21 f.

8 Maier, in: Revolution!, S. 11; Mitchell, S. 77; Wette, in: Klemperer, S. 198 f.

9 Hitzer, S. 24 f.; Karl, S. 24; Mitchell, S. 77 ff.; Schnupp, in: Revolution!, S. 13.

10 Höller, S. 39 u. 43 f.; Mitchell, S. 79 f.; Schnupp, in: Revolution!, S. 12.

11 Kritzer, S. 7 führt mehrere Augenzeugenberichte an, die diese Größe wiedergeben. Andere Quellen (Mitchell, S. 83 u. Schnupp, in: Revolution!, S. 13), die keine konkreten Zahlen nennen, geben ebenfalls an, dass der Zug von Eisner deutlich kleiner als der von Auer angeführte war. Lediglich Haffner, S. 164 gibt (ohne Beleg) an, dass Eisners Zug ebenso groß wie der von Auer gewesen sei.

12 Höller, S. 43 ff.; Karl, S. 24 f.; Mitchell, S. 82 ff.

13 Beyer, S. 16 (mit einem Auszug aus der Proklamation); Karl, S. 25 f. u. 28 f.; Mitchell, S. 86 f.

14 Auszüge der Erklärung abgedruckt in Beyer, S. 162 ff.

15 Beyer, S. 30 f.; Höller, S. 110 ff.; Schnupp, in: Revolution!, S. 15.

16 Beyer, S. 31; Höller, S. 113 f.; Mitchell, S. 116.

17 Beyer, S. 21; Mitchell, S. 98 f.

18 Beyer, S. 21; Karl, S. 29; Mitchell, S. 100 f.

19 Höller, S. 104; Karl, S. 30 f.; Mitchell, S. 101 u. 104.

20 Höller, S. 96; Schnupp, in: Revolution!, S. 15.

21 Haffner, S. 166 f.; Köglmeier, S. 68; Kritzer, S. 58 f.

22 Höller, S. 98 u. 122 f.; Karl, S. 50 f.; Köglmeier, S. 67.

23 Höller, S. 122 f.; Köglmeier, S. 70; Mitchell, S. 134.

24 Kritzer, Freistaat, S. 115 ff.; Mitchell, S. 178 f.

25 Beyer, S. 33; Mitchell, S. 144 ff.; Schnupp, in: Revolution!, S. 16.

26 Beyer, S. 42, der auch darauf hinweist, dass sie USPD in München eine Woche später bei der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung trotz sinkender Wahlbeteiligung mehr als doppelt so viele Stimmen erhält wie bei der Landtagswahl. Detaillierte Zahlen für ganz Bayern, die auch landesweit einen Zugewinn der USPD anzeigen, bei Mitchell, S. 186 ff.; Hitzer, S. 38; Höller, S. 141.

27 Hitzer, Arco, S. 25 ff.; Karl, S. 34; Mitchell, S. 166.

28 Grau, in: HLB, Eintrag „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“; Haffner, S. 167; Karl, S. 37.

29 Hitzer, Arco, S. 28 f.; Karl, S. 37 f.; Mitchell, S. 222 f.

30 Höller, S. 148 f.; Karl, S. 38 f.; Mitchell, S. 236 f.

31 Goodrick-Clarke, S. 131; Haffner, S. 168 f.; Hitzer, Arco, S. 391 f. (Bekennerschreiben im Wortlaut).

32 Ablehnend Hillmayr, S. 37, der davon ausgeht, dass es „zweifellos die Tat eines fanatischen Einzelgängers, nicht einer Verschwörerclique“ gewesen sei. Hitzer hingegen vertritt in seinem Buch „Anton Graf Arco“ die These einer Verschwörung.

33 Hillmayr, S. 36 f.; Höller, S. 152 f.; Schmalz, in: HLB, Eintrag „Zweite Revolution, 1919“.

34 Hitzer, S. 43 f.; Mitchell, S. 242 ff.; Schmalz, in: HLB, Eintrag „Zweite Revolution, 1919“.

35 Grau, in: HLB, Eintrag „Beisetzung Kurt Eisners, München, 26. Februar 1919“; Haffner, S. 169 f.; Höller, S. 154.

36 Beyer, S. 58 f. (Wortlaut der Kompromissresolution); Höller, S. 160 f.; Schmalz, in: Revolution!, S. 22 f.

37 Höller, S. 161; Köglmeier, S. 306; Kritzer, S. 96 f. (Wortlaut des „Nürnberger Kompromisses“).

38 Höller, S. 162; Kritzer, Freistaat, S. 118 ff.; Merz, in: HLB, Eintrag „Kabinett Hoffmann I, 1919“.

39 Höller, S. 169 ff.; Kritzer, S. 102 ff.; Mitchell, S. 255 ff.

40 Beyer, S. 72 f.; Höller, S. 183 f.; Kritzer, S. 109 f.

41 Beyer, S. 73 ff.; Höller, S. 184 f.; Karl, S. 117.

42 Höller, S. 185; Karl, S. 140; Kritzer, S. 107.

43 Höller, S. 186 f.; Karl, S. 118 f.; Köglmeier, S. 322 f.

44 Beyer, S. 83 f.; Höller, S. 192 ff.; Mitchell, S. 274 f.

45 Höller, S. 203 ff.; Karl, S. 196 ff.; Mitchell, S. 271 ff.

46 Hillmayr, S. 43 f.; Sepp, in: HLB, Eintrag „Palmsonntagsputsch, 13. April 1919“; Wette, S. 431 ff.

47 Beyer, S. 106 u. 108 f.; Höller, S. 220 f.; Mitchell, S. 278 ff.

48 Beyer, S. 117 ff.; Hillmayr, S. 59 ff.; Karl, S. 225 ff.

49 Beyer, S. 115 f.; Hitzer, S. 57; Karl, S. 227.

50 Hillmayr, S. 89 f.; Kritzer, S. 122 f.; Wette, S. 434 ff.

51 Höller, S. 246 ff.; Karl, S. 200 f.; Wette, S. 438.

52 Hillmayr, S. 119 ff.; Höller, S. 252 ff.; Wette, S. 438 ff.

53 Beyer, S. 149 f.; Kritzer, S. 127 f.; Wette, S. 440 f.

54 Karl, S. 244; Kritzer, S. 127 u. 130; Wette, S. 441.

55 Höller, S. 267 f.; Karl, S. 147 f.; Kritzer, S. 140 f. u. 171 f.

56 Karl, S. 149; Kritzer, S. 156 ff.; Thoß, in: HLB, Eintrag „Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920“.

57 Höller, S. 232 f. u. 266 ff.; Karl, S. 256 f.; Wette, in: Klemperer, S. 214 f.

58 Zahlen bei Kritzer, S. 107 f.

59 Winkler, in: Pehle, S. 13 ff. nennt dies die herrschende Auffassung in der Geschichtswissenschaft.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Die Revolution in München seit dem 7. November 1918
Hochschule
Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer (ehem. Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer)
Note
12
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V461885
ISBN (Buch)
9783668905740
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Notenvergabe erfolgte nach der juristischen Skala (0-18 Punkte).
Schlagworte
revolution, münchen, november
Arbeit zitieren
André Paschke (Autor), 2017, Die Revolution in München seit dem 7. November 1918, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461885

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