Genderlinguistik. Zur Konstruktion von Gender

Gespräche in Institutionen


Ausarbeitung, 2016

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Die Stimme als wesentlicher Faktor in Gesprächen

Konzepte des Gender

Gesprächsstile von Männern und Frauen

Quellenverzeichnis

Die Stimme als wesentlicher Faktor in Gesprächen

Dass Männer und Frauen sich in Gesprächen unterscheiden, fällt in erster Linie durch die Stimme auf. Männer haben zumeist eine tiefere Stimme, was daher rührt, dass ihr Kehlkopf in der Regel größer ist und der Schildknorpel spitzer zuläuft. Dadurch werden die massige-ren Stimmbänder der Männer in einem anderen Winkel gespannt und der Luftstrom erzeugt unterschiedliche Schwingungen, die zur Varianz in der Klangfarbe führen (vgl. Braun 1993:191).

Grundsätzlich zu bemerken ist in dieser Hinsicht, dass eine tiefere Stimme viel schneller bedrohlich wirken kann, als eine helle, höhere Stimme dies tun würde. So wird zum Beispiel in einem Artikel des kommerziellen Nachrichtensenders n-tv erwähnt, Männer würden auf-grund tieferer Stimmen zwar von Frauen als attraktiv eingestuft werden, raue und harsche Klänge ließen jedoch eher auf große und deshalb bedrohliche Körper schließen (vgl. n-tv 2013). Dies mag vermutlich auch mit dem Testosterongehalt zusammenhängen, das der Ausbildung männlicher Merkmale (wie z.B. Stimmbruch, maskulinen Zügen ect.) dient. Das Assoziieren von tieferen Stimmen mit "Männlichkeit" erscheint mir daher naheliegend. Inwiefern auch eine evolutionäre Komponente in diese Thematik mit einfließt, ist von meinem jetzigen Wissensstand aus leider nicht zu beantworten.

Aber auch neben genannten anatomischen Unterschieden geht Friederike Braun in ihrem Beitrag "Geschlechtstypisches Sprachverhalten" davon aus, dass gewisse "stimmliche Geschlechtsmerkmale teilweise angelernt sind" (Braun 1993:191). So wissen wir, wie jemand unter Einfluss unterschiedlicher Emotionen klingt und können diese durch Formung der Resonanzräume beim Sprechen (vgl. Braun 1993:191) in und mit unseren Stimmen wiederspiegeln. Außerdem stehen uns unterschiedliche Intonationsmuster - wie Prosodie und Sprechtempo - zur Verfügung, die wir zwar grundsätzlich beeinflussen können, aber die auch ohne aktive Inanspruchnahme des Sprechers bei jedem Sprechakt mitwirken.

Konzepte des Gender

In ihrem Ansatz des doing gender schlagen West und Zimmerman allem voran eine genaue Ausdifferenzierung von sex, sex category und gender vor. Sex beschreibt das biologische Geschlecht, während die sex category eine Bezeichnung für die Zuschreibung von Ge-schlecht ist. Hierbei wird einer Person das entsprechende körperliche Geschlecht unterstellt, obwohl die soziale Zuordnung von Geschlecht vom sex stets unabhängig ist (vgl. Frank 1995:165). Aufgrund von Regeln und Traditionen, die durch das binäre Geschlechtersystem heteronormativ ausgestaltet sind, ist es in unserer heutigen Gesellschaft erforderlich, sich zum einen oder zum anderen Geschlecht zu bekennen (z.B. bei der Namenswahl).

Gender - als dritte Kategorie - ist als das sogenannte soziale Geschlecht zu bezeichnen, das sich aus der sozialen Zugehörigkeit einer Person zu einem Geschlecht ergibt. Es ist "keine Rolle, (...) sondern das Produkt sozialen Handelns in Interaktionen" (West/Zimmerman 1991:16,27).

Zusammenfassend beschreibt doing gender ein Konzept, in dem das Geschlecht als ein Merkmal sozialer Situationen erfasst wird, das sich durch Routine und immer gleiche Metho-den stetig neu in Interaktionen hervorhebt (vgl. Geimer 2013). West/Zimmerman kritisieren auch, dass die eigene Selbstzuschreibung zu einem Geschlecht und das doing gender - also das stete typisch-weiblich/männliche Verhalten - keineswegs aus dem binären Geschlechtersystem ausbrechen, sondern sich nur ausdifferenzierter darin einfügen (vgl. Frank 1993:169).

Undoing gender ist ein, auf dem diesem Ansatz aufbauendes Konzept von Stephan Hirsch-auer. Es geht (wie schon West/Zimmerman) von verschiedenen Identitätskategorien aus, zu denen sowohl das Geschlecht, als auch der professionelle Status, der sozioökonomische Hintergrund, die ethnische Zugehörigkeit, das Alter und schlussendlich auch die jeweilige individuelle Biographie gehören. Die Kategorie des Geschlechts wird dabei als sogenannte "master identity" gesehen, weil wir uns in unserem Leben immer zuerst über unser Geschlecht ausweisen (vgl. Kotthoff 2012:253). Das beginnt schon mit der ersten Aussage: "Es ist ein Junge/Mädchen!"

Es wird jedoch auch deutlich gemacht: Geschlecht inszeniert sich "niemals pur", sondern steht immer im Kontext anderer Identitätskategorien (vgl. Frank 1995:169). So dürfte es für einen jüngeren Bürger der oberen Bildungsbürgerschicht leichter sein, sich als homosexuell zu outen, weil stereotype Rollenmuster tendenziell in einer jüngeren, aufgeklärteren Bevöl-kerungsschicht weniger schwierig zu durchbrechen sein dürften. Schon aus diesem Grund kann und muss Geschlecht nicht immer "zentraler Identitätsfaktor" (Frank 1995:169) sein.

Neben dieser Verbundenheit bringt Hirschauer an, dass es unterschiedliche Grade der Relevantsetzung der Geschlechtskategorie gibt, die neben den anderen Kategorien hervor- oder in den Hintergrund treten können. Geschieht eben letzteres kann es zu einer "vorübergehen-den situativen Neutralisierung der Geschlechtsdifferenz" (Kotthoff 2012:255) kommen, näm-lich dann, wenn zum Zeitpunkt einer Interaktion die Geschlechtskategorie für die jeweilige Si-tuation völlig irrelevant (für alle Handelnden) wird. "Konstruktionen von Gender weisen somit eine kontextuelle Flexibilität und Dynamik auf" (Franz/Günthner, 2012:244) und weisen sich nicht als starre Muster aus, die einfach vorhanden sind.

Indexing gender stellt neben den doing - und undoing gender - Konzepten eine dritte Variante dar, die im deutschsprachigen Raum vor allem von Helga Kotthoff vertreten wurde. Dieser Ansatz setzt auf das "Erkennen von Typisierungsgraden innerhalb einer Handlungs-gemeinschaft", der sogenannten "community of practice" (Kotthoff 2012:257f), die von allen Sprechern dieser jeweiligen Gemeinschaft getragen wird. In diesen Handlungsgemein-schaften gibt es Indexikalitäten 1. und 2. Ordnung, die auf Sex und Gender verweisen. So sind das Pronomen "ich" oder die weiblichen Genitalien bei einer Person ein Index dafür, dass es sich bei dieser Person um eine Frau handelt: dies sind Indexikalitäten 1. Ordnung. Ein Rock wäre in der community of practice aller Deutschen ebenfalls ein Index für Weiblichkeit, wohingegen er es in der Handlungsgemeinschaft der Schotten, bei denen das Tragen von Schottenröcken auch für Männer völlig normal ist, nicht wäre. Daraus leitet Kott-hoff ab, dass es sich bei solchen Indexikalitäten zweiter Ordnung um besondere Ausprägungen handeln muss, denen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft historisch entstandene Assoziationen zugrunde liegen. Diese Indexikalitäten können materiell (wie Kleidung sein), sich aber auch auf das Verhalten (z.B. Kichern oder häufigeres Weinen bei Frauen) beziehen (vgl. Kotthoff 2012:257ff).

Gesprächsstile von Männern und Frauen

Als kompetitiv bezeichnete Sprecher sind in Gesprächen meist eigensinniger, dominanter und leistungsorientierter als Sprecherinnen, denen wiederum ein rücksichtsvollerer Umgang mit den Gesprächspartnern zugesagt wird. Kooperativ heißt aber auch, dass sie sich dem Gegenüber mehr "öffnen" und diesen unterstützen, in dem sie z.B. durch Minimalreaktionen Zuhörer-Signale aussenden.

Vorab sei gesagt, dass ich mich auf den aktuellen Forschungsstand nur noch vergleichend beziehen möchte, da dieser wenig aussagekräftig ist. Dadurch, dass quantitative Analysen für Gespräche nicht sehr sinnvoll erscheinen, sind Forschungen auf diesem Gebiet zumeist kosten- und zeitintensiv. Qualitative Forschungsergebnisse liegen daher nur in geringer Zahl vor (vgl. Frank 1992). Außerdem ist anzumerken, dass die letzten Ergebnisse längere Zeit zurückliegen und sich gerade im Bereich "Frauenbewegung" seither viel getan hat.

Dementsprechend ist der "aktuelle Forschungsstand" leider alles andere als "aktuell". Zwar wurde sich in dem Sammelband "Genderlingustik: Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität" von Günthner/Hüpper/Spieß (Hrsg.) eingehend mit aktuellen Themen beschäftigt, zu umfassenden Aktualisierungen im Bereich der Gesprächsstile ist allerdings keiner der Beiträge gekommen (am ehesten Franz/Güthner, S. 222-250).

Die Ergebnisse, die während des Brainstormings im Seminar zum Thema "Gesprächsstile von Männern und Frauen" herausgekommen sind, legten ein Frauenbild zugrunde, das sich jedoch zum Teil stark von dem aus der Literatur der 90er Jahre unterschied. Während die Frau dort als zurückhaltend beschrieben wurde, die in ihren Redeanteilen dem Mann unter-lag, hatten die Seminarteilnehmer einstimmig den Eindruck, heutige Sprecherinnen redeten in Gesprächen deutlich mehr als Männer. Sie formulierten blumiger und kämen weniger prä-zise zum Punkt. Das widerspricht zum Einen zwar den früheren Ergebnissen, Männer hätten deutlich öfter/länger das Wort als Frauen, bestätigt sie allerdings zum Anderen in der Hinsicht, dass Frauen eine gehobenere Sprechart besäßen (vgl. Braun 1993:192f).

Auffällig war für mich, dass Sprecherinnen keineswegs mehr in diese veralteten Rollenmuster zu passen scheinen, während sich die Klischees hinsichtlich der Gesprächs-stile von Männern kaum verändert haben. Sie werden noch immer als dominant, Männlich-keit-konstruierend und leistungsorientierter wahrgenommen. Dass ihre Redeanteile auch offensichtlich geschrumpft sind, liegt in meinen Augen daran, dass Frauen erst in den letzten Jahren wirklich "angefangen haben" zu reden: Sie sind nun sozusagen auf der Überholspur.

Abschließend ist festzustellen, dass ältere Forschungsergebnisse, wenn auch von der Menge her dürftig, keineswegs als "falsch" betrachtet werden dürfen. Es ist vielmehr so, dass sich das Objekt der Forschung - nämlich die Gesprächsstile (von Männern und) Frauen - im Zuge der Gleichberechtigung gewandelt hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Genderlinguistik. Zur Konstruktion von Gender
Untertitel
Gespräche in Institutionen
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Seminar Gesprächsanalyse | Sprachwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V461902
ISBN (eBook)
9783668917934
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Thesenpapier ist als einer von zwei Teilen in die Benotung mit eingeflossen und beinhaltet eine zusammenfassende Übersicht zu dem Vortrag mit medialer Unterstützung, der den anderen Notenanteil ausgemacht hat.
Schlagworte
Sprachwissenschaft, Gesprächsanalyse, Genderlinguistik, Genderkonstruktion, sprachliche Konstruktion von Gender, doing gender, undoing gender, indexing gender, gender, Gespräche in Institutionen
Arbeit zitieren
Jana Wischmann (Autor), 2016, Genderlinguistik. Zur Konstruktion von Gender, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461902

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