Historienmalerei aus kunstwissenschaftlicher Sicht

Über Gattungsbegriff, Vertreter und Kritik


Hausarbeit, 2016
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gattungsbegriff

2. Künstler

3. Kritik

4. Literaturverzeichnis

1. Gattungsbegriff

Der Begriff der Historienmalerei lässt sich aus dem lateinischen Wort historia ableiten, welches mit Forschung, Geschichte, Bericht oder Geschichtsschreibung übersetzt werden kann. Unter diese Kunstgattung fällt nach überliefertem Gebrauch die erzählende Bildkunst. Dabei kann sie religiöse, mythologische, legendäre, allegorische oder sagenbezogene Themen behandeln. Häufig bezogen sich Künstler auch auf weltliche Geschichten oder Motive aus der Dichtkunst. Nach dieser Definition lässt sich die Historienmalerei zurückverfolgen bis in die Reliefkunst sowie die Malerei Ägyptens und des alten Orients.1 Der eigentliche Begriff Historienmalerei wurde allerdings erst im 15. Jahrhundert bewusst gebraucht. So findet die Historienmalerei ihren Ursprung offiziell in der Renaissance. Sie entwickelte sich neben den Gattungen Genre, Landschaftsmalerei, Stillleben und Portrait. Zu der damaligen Zeit beschäftigten sich die Menschen immer mehr mit ihrer eigenen Identität und Vergangenheit, so fand ein wandelndes Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft statt und ein damit verbundenes Bedürfnis, Vergangenheit mit bestimmten Intentionen im Bild darzustellen und zu rekonstruieren. So reflektiert die Historienmalerei auf besondere Weise das zeitgenössische Bewusstsein der Jahrhunderte und beeinflusst damit gleichzeitig die geschichtlichen Vorstellungen der Betrachter.

Unter den Künstlern fand eine immer stärkere Spezialisierung von Talenten und Können statt, wodurch letztlich fünf klassische Bildgattungen entstanden sind: die Historie, das Genrebild, das Portrait, die Landschaft und das Stillleben. In der Renaissance wurden diese in ein streng hierarchisches System eingeordnet, in dem die Historienmalerei für einige Jahrhunderte als die führende und vornehmste galt.2 Denn Künstler, die diese Gattung beherrschten mussten der anderen vier ebenfalls mächtig sein.3 Vor allem die Darstellung von menschlichen Figuren galt damals als höherrangig. Die Geschichtsmalerei hatte den Anspruch, sowohl höchste ästhetische Anforderungen, als auch politische Bedeutung miteinander zu verbinden. Nach dem Ancien Régime wurden vor allem in Frankreich Darstellungen aus der antiken und französischen Geschichte in königlichem Auftrag gefördert. Immer mehr wurden Historienbilder dafür eingesetzt, für die Revolutionsherrschaft zu werben und schließlich mit diesen unter Napoleon staatliche Propaganda zu betreiben, um erfolgreiche Eroberungszüge ihres Kaisers gebührend feiern zu können.

Nach Napoleons Herrschaftszeit und der damit einsetzenden Etablierung der Romantik, sowohl in der Literatur, als auch in der Kunst, bemühten sich die französischen Künstler von der bisherigen Instrumentalisierung ihrer Kunst und der damit verbundenen politischen Bevormundung zu lösen. Aber auch die neue Monarchie erkannte, wie wichtig die Kunst für die Bevölkerung war, denn so dienten großformatige Gemälde für ein verbessertes Vorstellungsvermögen der französischen Bürger. Das visuell Wahrnehmbare spricht das Vorstellungsvermögen der Menschen deutlich mehr an, als lediglich ein abstrakter Begriff oder eine Erzählung allein. Die Bilder erlaubten die fernen Kampfgeschehnisse nachzuvollziehen und dieser anschauliche Blick festigte die Verbundenheit des Volkes mit der Nation und so auch mit der Regierung. So werden die historischen Erlebnisse der Nation tiefer im Gedächtnis verankert. Also nahm auch die neue Monarchie die Geschichtsmalerei wieder auf und förderte diese.4 Dementsprechend ist nicht zu übersehen, dass die Historienmalerei bereits frühzeitig eine große politische Rolle einnahm.5 Selbstverständlich liegt den Geschichtsbildern so gleichzeitig immer eine Art historisch-politische Rechenschaft bei. Dieses Genre steht vor allem durch ihre fragwürdige „historische Wahrheit“ in der Kritik. Allerdings werde ich auf dieses Thema später noch einmal detailliert eingehen.

Ein entscheidendes Charakteristikum der Historienmalerei ist, dass die dargestellten Personen meist bekannte Persönlichkeiten sind bzw. zumindest benennbar sind. Dies steht im Kontrast zur Genremalerei, bei der die vorkommenden Personen immer anonym sind, das Verhalten prototypisch oder verallgemeinert scheint und Geschehnisse des Alltags dargestellte sind. Die Historienmalerei hingegen konzentriert sich, wie der Name schon sagt, auf bestimmte und besondere Szenen der Geschichte. Häufig ist im Mittelpunkt eine herausragende, autonom handelnde Figur, ein Held, platziert.6 Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine wahre politische Historie handeln, denn die Darstellungen dienen nicht als konkrete und wahre Abbildung einer tatsächlichen Situation, sondern bilden absichtlich eine verklärte Sicht und überspitzte Ausgestaltung eines Geschehnisses ab, oder können auch auf einer erzählten Geschichte oder Dichtung fußen. Historienbilder wurden häufig von Herrschenden in Arbeit gegeben und dienten so hauptsächlich der Verherrlichung von adeligen Auftraggebern. So sahen sich diese gerne als Helden der griechischen Mythologie oder Götter des Olymps, wie beispielsweise Herkules, Jupiter oder Apoll.7 Dennoch ist es wesentlich für das Historienbild, dass nicht allein eine historische Persönlichkeit, sondern eine Begebenheit abgebildet wird.

Den historischen Inhalt ihrer Bilder erhalten die Künstler in erster Linie aus literarischen Vorlagen wie der Bibel, Heiligenlegenden, antiken und neueren Dichtungen, Theater und Geschichtsschreibungen.8 Maler lasen damals mehr Dichtung als Historie und ließen sich von dieser inspirieren.9

Häufig wird die Historienmalerei gleichgesetzt mit dem Begriff Ereignisbild, da sie inhaltlich häufig ähnliche Strukturen aufweisen. Dennoch ist es lediglich so, dass das Ereignisbild der Historienmalerei zugeordnet bzw. untergeordnet wird. Dabei ist eine Abgrenzung der beiden Begriffe wichtig und recht simpel. Das Ereignisbild nimmt Geschehnisse aus dem bürgerlichen Leben, beispielsweise aus der Stadt oder der Feldarbeit auf. Es nimmt eine Art aktuelle Berichtserstattung vor, es entsteht in direkter zeitlicher Folge des dargestellten Geschehens. Das Historienbild hingegen kann und möchte durch zeitlose und übertragbare Symbolik bzw. Allegorien von geschichtlich besonderen und vor allem vergangenen Ereignissen auf idealisierende Art und Weise berichten und steht damit dem Ereignisbild gegenüber.

Die Abwendung von der Historienmalerei Ende des 18. Jahrhunderts hat verschiedene Ursachen. Bereits seit langem war die auf eine strenge Mythologie bedachte Geschichtswissenschaft sehr skeptisch gegenüber den Wahrheitsansprüchen der Historienmalerei. Sie konnte den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Geschichtsbetrachtung niemals gerecht werden und wollte es auch nicht. Aber auch seitens der Kunstwissenschaft reagierte man nach der Jahrhundertmitte dem modernen Historienbild gegenüber immer ablehnender. Es wurde kritisiert, dass durch die zu sachlichen Darstellungen des Historienbildes, die eigentliche Kunst verloren ginge. Denn lediglich schon Geschehenes abzubilden sei keine Kunst. Es fehle dabei an Seele. Jacob Burckhardt betonte 1863 in einer seiner Vorlesungen über „Aesthetik der bildenden Kunst“, das in der Kunst das Wie wichtiger sei als das Was. Der Inhalt dürfe nie die künstlerische Form dominieren.

2.Künstler

Im Folgenden werde ich mich näher mit drei verschiedenen Vertretern der Historienmalerei auseinandersetzen: Zum einen Jacques-Louis David, dem führenden französischen Geschichtsmaler des Klassizismus, des Weiteren Alfred Rethel, ein deutscher Historienmaler der Spätromantik, und letztlich noch Carl Theodor von Piloty, der damals als einer der bedeutendsten Historienmaler seiner Zeit galt.

Jacques Louis David, der meistgefeierte und gleichzeitig auch kontroverseste Künstler seiner Zeit, wird am 30. August 1748 in Paris geboren. Besonders Michelangelo und Raffael beeindrucken den jungen Maler und festigen seine Vorliebe für antike Motive. In seinen Arbeiten greift er immer wieder politische und moralische Themen auf und setzt diese in antike Motiven um. Er reflektiert in seinen Bildern aktuelle politische Auseinandersetzungen und langfristige Veränderungen, die solche Auseinandersetzungen verursacht haben. 10

1784 wird er von dem französischen König beauftragt Der Schwur der Horatier zu malen, eines seiner bedeutendsten Werke. Damit gelang ihm letztlich auch sein internationaler Durchbruch. Denn dieses zeichnete sich nicht nur durch seinen besonderen detailgenauen und ausgereiften Malstil aus, es spiegelt insbesondre die mittlerweile populäre Grundeinstellung zum Leben und die vorrevolutionäre Stimmung des Volks meisterhaft wider. Mit diesem Gemälde, das durch seine klare Komposition und die reduzierten Bildelemente besticht, feiert er große Erfolge und definiert die wichtigsten Stilmittel des Klassizismus.

Dennoch erklärte sich David während der Revolution als Jakobiner und beeinflusste damit die französische Malerei. Er nutzt seine pathetisch anmutenden Gemälde, um seine politische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen. Schließlich stimmt er als Mitglied des Corps électoral von Paris der Verurteilung seines damaligen Auftraggebers Ludwig XVI zu, der daraufhin guillotiniert wird. David arrangierte sich relativ rasch mit den veränderten Umständen der Gesellschaft und gab so auch seiner Kunst eine neue Richtung, die sich an einer zugänglicheren und farbenreicheren Stilrichtung orientierte. Er suchte nach der „wahren Antike“. Dadurch gelang es Jacques-Louis David auch nach Napoleons Machtergreifung erneut künstlerischen Ruhm zu erlangen, arbeitete seither als Hofmaler und schuf zahlreiche berühmte Portraits Napoleons. Als schließlich 1816 auch Napoleon seine Macht verlor, wurde David des Landes verwiesen und übersiedelte ins belgische Exil, wo er schließlich 1825 in Brüssel verstarb.

Davids typisch klassizistischer Stil prägte die französische Kunst viele Jahre maßgeblich und beeinflusste andere Künstler, wie beispielsweise auch Jean-Auguste-Dominique Ingres, François Gérard oder Antoine-Jean Gros.

Weltweit verwahren die größten Museen Werke von Jacques-Louis David, darunter die Münchner Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, das Musée du Louvre in Paris und das Metropoliten Museum in New York.

Alfred Rethel, am 15. Mai 1816 in der Nähe von Aachen geboren, war ein deutscher Historienmaler der Spätromantik. Zwischen 1829 und 1836 besuchte er die Düsseldorfer Kunstakademie unter Wilhelm von Schadow. Schnell machte sich sein großes Interesse an Monumentalmalerei bemerkbar. Dennoch unterliegen zu dieser Zeit seine Arbeiten starke Schwankungen. Es war bekannt, dass seine Persönlichkeit noch nicht in dem Maße gefestigt war, als dass er bereits seinen eigenen Weg streng und gradlinig folgen konnte.11 Darüber hinaus sei bekannt, dass er sich in seiner Düsseldorfer Zeit vor allem zu dem Künstler Lessing hingezogen gefühlt habe. Vor allem dieser, aber auch andere Künstler und Freunde haben seine Werke immens beeinflusst, vor allem hinsichtlich seines geschichtlichen Wissens.12 1839 gewann Rethel den Wettbewerb um die Ausmalung des Krönungssaales in dem Aachener Rathaus.

In Alfred Rethels Werken schwingt immer eine gewisse Schwere und Ernsthaftigkeit mit. Er selbst war ein sehr frommer Mensch, musste gleichzeitig einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen und erlag schließlich auch mit gerade einmal 43 Jahren seinen Krankheiten. Dennoch spricht kein Pessimismus aus seinen Bildern. Er glaubte an seinen Gott und hielt selbst in seiner Krankheit an ihm fest und ergab sich seinem vorbestimmten Schicksal.

Carl Theodor von Piloty wurde am 1. Oktober 1826 in München geboren. Sein Vater, Ferdinand Piloty d.Ä., war ebenfalls Künstler, so kam er bereits in frühen Jahren mit der Malerei in Berührung. Recht schnell nach dem Beginn seines Studiums an der Akademie der bildenden Künste in München, wendete er sich der Darstellung von historischen Stoffen zu. Vor allem seine Unternehmungen nach Belgien und Frankreich verhalfen ihm, die Historienmalerei als seinen persönlichen Stil zu entdecken. 1954-1955 gelang ihm mit Die Gründung der katholischen Liga und seinem Meisterwerk Seni an der Leiche Wallensteins der künstlerische Durchbruch und die gesellschaftliche Anerkennung. Vor Allem an diesen Bildern ist sein Interesse bzw. seine Orientierung an der belgischen und französischen Historienmalerei zu erkennen.13

[...]


1 Vgl. Hager. 1989, S. 10.

2 Vgl. Baumstark und Büttner. 2003, S. 25.

3 Vgl. Popp. 2007, S. 10.

4 Vgl. Baumstark und Büttner. 2003, S. 26-27.

5 Vgl. Wappenschmidt. 1984, S. 47.

6 Vgl. Schneider. 2010, S. 11.

7 Vgl. Schneider. 2010, S. 12.

8 Vgl. Grossmann. 2010, S. 5.

9 Vgl. Hager. 1989, S. 11.

10 Vgl. Stolpe. 1985, S. 12.

11 Vgl. Koetschau. 1992, S. 121.

12 Vgl. Koetschau. 1992, S. 127.

13 Vgl. Baumstark und Büttner. 2003, S. 45.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Historienmalerei aus kunstwissenschaftlicher Sicht
Untertitel
Über Gattungsbegriff, Vertreter und Kritik
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Kunst und Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Kunstsoziologie: Ästhetizismus und Décadence
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V461938
ISBN (eBook)
9783668915725
ISBN (Buch)
9783668915732
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historienmalerei, 15. Jahrhundert, Renaissance, Malerei, Kunst, Geschichtsmalerei, Napoleon, Jacques Louis David, Alfred Rethel, Carl Theodor von Piloty
Arbeit zitieren
Sophie Hohmann (Autor), 2016, Historienmalerei aus kunstwissenschaftlicher Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461938

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