Meine Arbeit möchte die Marginalisierung und Kriminalisierung der Prostituierten in der Gesellschaft vom späten Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit ins Blickfeld rücken. Das bedeutet nicht nur, den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung auf die Prostitution zu thematisieren, sondern auch das Vorgehen gegen die Prostitution aufzuzeigen. Meine zentrale These ist, dass Prostituierte im späten Mittelalter zwar von der Gesellschaft verachtet wurden, aber trotzdem integriert waren. In der Frühen Neuzeit wurden Prostituierte nicht nur ausgegrenzt, sondern kriminalisiert. Dabei ist die entworfene These von Peter Schuster zentral, die die Entwicklungslinien des Moralsystems erläutert: „Mitteleuropa erlebte im 16. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter der öffentlichen und privaten Moral‘, das eine Epoche des ‚sittliche[n] Niedergang[s] im Laufe des 15. Jahrhunderts‘ ablöste.“
Die Art, wie die mittelalterliche Gesellschaft über Prostitution dachte, ist im Allgemeinen nur schwer zu beschreiben. Sie unterscheidet sich nicht nur regional – von Stadt zu Stadt und zeitlich, sondern sogar gegenüber der einzelnen Prostituierten. Die fahrende Frau wurde in der Regel stärker diskriminiert als die Dirne des städtischen Frauenhauses.
Zunächst werden Indikatoren angeführt, die die Einbindung der Prostitution zeigen. Darauf folgen solche, an Hand derer sich die Distanzierung und die damit verbundene Marginalisierung der Dirnen aufzeigen lässt. Laut Peter Schuster wurde die um 1500 geschehene Wende nicht durch die Reformation hervorgerufen, jedoch war es für sie möglich darauf aufzubauen. Mit der Frage, warum es zu dieser Wende kam und was die Änderung der Einstellung der Menschen zur Prostitution verursachte, beschäftige ich mich dann im letzten Teil. Somit wird der Wandel von der selbstbewussten Prostituierten zur verfolgten Hure deutlich dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung
B Indikatoren der gesellschaftlichen Integration der Prostitution
I Einrichtung der Frauenhäuser
II Anerkennung der Prostitution durch die Kirche
III Anerkennung der Prostitution durch die Obrigkeit
IV Teilnahme der Prostituierten am gesellschaftlichen Leben
C Indikatoren der gesellschaftlichen Ausgrenzung
I Ambivalente Stellung zur Prostitution
II Räumliche Trennung
III Kleiderordnung
D Gründe und Folgen der Änderung der Einstellung zur Prostitution
I Prostitution und Syphilis
II Prostitution und die neuen reformatorischen Moralvorstellungen
III Prostitution als Kriminaltat
E Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Behandlung von Prostituierten vom späten Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit, mit dem Ziel, die Transformation von einer integrierten, wenn auch verachteten, zur kriminalisierten und verfolgten Personengruppe zu verdeutlichen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit den Ursachen dieser Wende und der Rolle der Reformation sowie neuer Moralvorstellungen.
- Integration und Institutionalisierung der Prostitution im Mittelalter
- Wandel des Sittlichkeits- und Moralverständnisses in der Frühen Neuzeit
- Auswirkungen der Reformation auf die gesellschaftliche Stellung der Frau
- Kriminalisierung der Prostitution und staatliche Verfolgungsmaßnahmen
- Die Rolle der Syphilis in der öffentlichen Wahrnehmung und Repression
Auszug aus dem Buch
B I Einrichtung der Frauenhäuser
Die fahrenden Frauen suchten häufig Städte auf, weil sie dort mehr Arbeit fanden. Einerseits war Beate Schuster zufolge der Rat in manchen Städten davon wenig angetan. Ein Beispiel findet sich hierzu in Hannover, wo die Dirnen im 14. Jahrhundert eine vom Rat festgelegte Summe Geld erhielten, vorausgesetzt, dass sie weiterzogen. Andererseits duldete man sie bei besonderen Anlässen, vor allem bei Messen und Jahrmärkten. Obwohl sie beaufsichtigt und separiert wurden, waren diese Frauen keine ungebetenen Gäste. Gegen ihre Integration spricht allerdings, dass sich der städtische Rat nach derartigen Veranstaltungen bemühte, die Prostituierten wieder aus der Stadt zu treiben. Diese versammelten sich aber häufig am Rand der Stadt und trugen so dazu bei, dass sich die Ausbildung einer städtischen Organisation der Prostitution beschleunigte. Folglich wurde in den zahlreichen Städten gegen Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts ein Frauenhaus gegründet. Damit wurde beabsichtigt Zucht und Ehrbarkeit zu fördern. In der Argumentation der Zeitgenossen galt es als weniger schlimm, wenn Männer ihren Trieb bei Dirnen auslebten, da dadurch Jungfrauen und ehrbare Frauen geschützt würden. Hier wird auch das ordnungspolitische Interesse sichtbar.
Wunder zufolge kann man die Institution der Prostitution mit der lebenslangen Ehelosigkeit der besitzlosen ländlichen Leute und der langjährigen Ehelosigkeit der jungen Kaufleute und Handwerksgesellen erklären. Die Prostitution wurde institutionalisiert und durch die Einrichtung der Frauenhäuser unter die Kontrolle der städtischen Obrigkeit zum Schutz der Bürgertochter vor männlicher Aggression gestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einleitung: Vorstellung der zentralen These, dass Prostituierte im Mittelalter integriert, in der Frühen Neuzeit jedoch kriminalisiert wurden.
B Indikatoren der gesellschaftlichen Integration der Prostitution: Analyse der Faktoren, die zur Institutionalisierung und Akzeptanz von Frauenhäusern und Prostituierten führten.
C Indikatoren der gesellschaftlichen Ausgrenzung: Untersuchung der Maßnahmen wie räumliche Trennung und Kleiderordnungen, die der Stigmatisierung und Ausgrenzung dienten.
D Gründe und Folgen der Änderung der Einstellung zur Prostitution: Erörterung der Auswirkungen von Syphilis, reformatorischen Moralvorstellungen und rechtlicher Verfolgung auf das Schicksal der Frauen.
E Schluss: Zusammenfassung des Prozesses, in dem die Prostituierte ihren Platz in der Gesellschaft durch den Wandel der Geschlechterbeziehungen vollständig verlor.
Schlüsselwörter
Prostitution, Frühe Neuzeit, Spätmittelalter, Marginalisierung, Kriminalisierung, Frauenhäuser, Reformation, Moralvorstellungen, Syphilis, Stigmatisierung, Sittenzucht, Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Ausgrenzung, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel der gesellschaftlichen Behandlung von Prostituierten, die im Spätmittelalter weitgehend integriert, aber in der Frühen Neuzeit systematisch ausgegrenzt und kriminalisiert wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der städtischen Organisation der Prostitution, kirchlichen und obrigkeitlichen Positionen, sowie der Auswirkung moralischer und gesundheitspolitischer Krisen auf die Lebenswelt der Betroffenen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Autorin untersucht die Ursachen für die Wende von der gesellschaftlich institutionalisierten Prostituierten zur verfolgten Hure im Übergang zur Frühen Neuzeit.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Untersuchung auf Basis von Fachliteratur, die gesellschaftliche Entwicklungslinien und Forschungsdebatten (insb. Peter Schuster, Beate Schuster) kritisch zusammenführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Integration (Frauenhäuser, Kirche, Obrigkeit), die Ausgrenzung (räumliche Trennung, Kleiderordnungen) und die Gründe für die Kriminalisierung (Syphilis, neue Moral).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Marginalisierung, Kriminalisierung, Frauenhäuser, Reformation, Sittenzucht, Syphilis und der gesellschaftliche Wandel der Geschlechterbeziehungen.
Welche Rolle spielte die Reformation konkret für die Prostituierten?
Die Reformation führte zu einer strengeren Sittenzucht und einer Aufwertung der Ehe als einzig legitime Form des Zusammenlebens, was Prostituierten jegliche Legitimität entzog und zur Schließung der Bordelle führte.
Wurde die Syphilis als Hauptgrund für die Schließung der Frauenhäuser identifiziert?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Syphilis zwar eine Rolle in der Wahrnehmung spielte, aber für die tatsächliche Schließung der Frauenhäuser nur von untergeordneter Bedeutung war; ausschlaggebend war der generelle Wandel des Moralverständnisses.
Wie wirkte sich die räumliche Trennung auf das Leben der Frauen aus?
Die Zuweisung von Aufenthaltsorten an den Stadträndern diente der Distanzierung ehrbarer von unehrbaren Bevölkerungsteilen und führte zur Stigmatisierung und späteren rechtlichen Verfolgung.
- Quote paper
- Katarina Bezakova (Author), 2005, Prostitution in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46200