Analyse zum Film "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl


Hausarbeit, 2014
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Allgemeines
1.1 Ulrich Seidl
1.2 Die „Paradies“-Trilogie

2 Paradies: Liebe
2.1 Inhalt
2.2 Charaktere
2.3 Mise-en-Scéne
2.4 Interpretation:

3 Fazit:

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Allgemeines

1.1 Ulrich Seidl

Ulrich Seidl wurde am 24. November 1952 in Wien geboren und wuchs gemeinsam mit seinen vier Geschwistern in einer streng katholischen Familie auf. Er zählt zu einer der profiliertesten und gleichzeitig umstrittensten österreichischen Regisseure. Als Dokumentarfilmproduzent machte er sich als „Experte für menschliche Abgründe“1 einen Namen. Seit 2007 gelingt es ihm immer wieder, durch provokante Produktionen internationale Erfolge zu feiern. Als eines seiner Markenzeichen nennen Kritiker vor allem seine sarkastische und unbarmherzige Darstellungsweise, die sich wiederholenden, sehr langen Kameraeinstellungen, der häufige Einsatz von Laiendarstellern und das Fehlen von Off-Kommentaren und Interviews in seinen Dokumentarfilmen. Darüber hinaus wird ihm immer wieder vorgeworfen, er sei ein „Sozialvoyeur, der keine Schamgrenzen kennt“2. Seidl kommentiert solche Kritik mit den Worten: „Ich mache die Welt nicht schockierend und unerträglich. Ich versuche nur, sie realistisch zu zeigen.“3

Seit 2001 arbeitet Seidl überwiegend an Spielfilmen, anstatt wie zuvor an Dokumentararbeiten. Vor allem seine „Paradies“-Trilogie, die er ab 2012 veröffentlichte, machte ihn in den letzten Jahren bekannter denn je.

1.2 Die „Paradies“-Trilogie

Ursprünglich war die Trilogie als ein einzelner, auf drei Handlungsebenen basierender Film geplant. Erst im Laufe des Zusammenschnitts entschied Seidl, aufgrund von Verwertungsproblemen, diese einzeln zu veröffentlichen. Die Trilogie erzählt die Geschichten von drei Frauen einer Familie, die in einer Pluralitätsstruktur miteinander verbunden sind, denn die Filme zeigen, wie alle drei auf ihre Weise ihren Urlaub verbringen.

Mit den Titeln der Filme spielt Seidl auf die Dreieinigkeit des Katholizismus an: Liebe, Glaube, Hoffnung. Sie sind angeordnet wie ein Triptychon der Religion. Letztlich erkennt man, sobald man die Filme gesehen hat, dass Seidl die drei religiösen Motive mit ironischem und sehr kritischem Blick betrachtet. In allen drei Teilen der Trilogie verlieren die Protagonistinnen diese Motive innerhalb des Films: Teresa verliert ihre Liebe, Anna Maria ihren Glauben und Melanie ihre Hoffnung.

Der erste Teil dieser Trilogie „Paradies: Liebe“ erschien erstmals 2012 und thematisiert die wachsende Branche des Sextourismus in südeuropäischen und afrikanischen Ländern. Er handelt von einer 50-jährigen Wienerin, die als Sextouristin nach Kenia reist.

Der zweite Teil der Filmserie „Paradies: Glaube“ (2012) erzählt die Geschichte einer frömmlerischen, mit einem Muslim im Rollstuhl verheirateten Katholikin (Maria Hofstätter), die sich auf erotische Weise zu Jesus hingezogen fühlt. Seidl brachte eine Masturbationsszene mit einem Kruzifix in Italien eine Anzeige wegen Blasphemie ein.

Der abschließende Film der „Paradies“-Trilogie mit dem Titel „Paradies: Hoffnung“, der seine Premiere 2013 auf der 63. Berlinale feierte, fiel, wie auch bereits seine beiden Vorgänger, durch seine direkte und schockierende Sicht auf die Realität auf. Der Film handelt von der 13-jährigen übergewichtigen Melanie (Melanie Lenz), die sich in einem Diät-Camp in ihren 40 Jahre älteren Arzt verliebt.

Bei jedem dieser Filme fielen die Rezensionen sehr unterschiedlich aus. Sie wurden sowohl hoch gelobt, als auch stark negativ kritisiert. Der Tagesspiegel titulierte die Trilogie am 3.1.2013 als „Drei Sittengemälde über masochistische Rebellinnen“4.

2 Paradies: Liebe

„Paradies: Liebe“ eröffnet die provokante Trilogie Ulrich Seidls und feierte seine Premiere 2012 bei den 65. Filmfestspielen in Cannes. Der Film ist mit der Altersfreigabe FSK 16 ausgewiesen. Die Originalfassung beträgt eine Länge von 120 Minuten. Ulrich Seidl führte Regie, ist Produzent und entwarf in Mithilfe von Veronika Franz das Drehbuch des Films. Die Kamera führten Wolfgang Thaler und Ed Lachman. 2013 wurde „Paradies: Liebe“ bei der Österreichischen Filmpreisverleihung mit der beste Filmproduktion, besten Regie und besten Darstellerin ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt der Film den Papierenen Gustl für den besten österreichischen Film 2012.

2.1 Inhalt

„Paradies: Liebe“ erzählt die Geschichte der 50-jährigen alleinerziehenden Mutter Teresa (Margrethe Tiesel), die ihren Urlaub in Kenia verbringt, um dort bei willigen Beachboys Liebe zu finden und ihr fehlendes Sexualleben in Österreich mit diesen Erfahrungen zu kompensieren. Dort schlüpft sie in die Rolle einer ‚Sugarmama‘ und genießt die Liebesdienste der am Strand sich anbietenden Lover, die an den sexinteressierten Touristinnen ihren Lebensunterhalt verdienen. Allmählich bricht die Vorstellung des gefundenen Paradieses für Teresa zusammen, als sie feststellen muss, dass die Liebe in Kenia zunehmend als lukratives Geschäft gesehen wird und nichts mit wahrer Zuneigung zu tun hat. Letztlich wird Teresa bewusst, dass man sich das Entgehen der Einsamkeit auch außerhalb der Heimat nicht erkaufen kann und man die Dinge, die man hat, umso mehr schätzen muss.

2.2 Charaktere

Teresa:

Die 50-jährige Protagonistin Teresa ist eine etwas in die Jahre gekommene, übergewichtige Sozialarbeiterin, die in Kenia auf der Suche nach Glück und Liebe ist, die sie in Österreich nicht zu finden scheint. Das gemeinsame Leben mit ihrer ebenfalls übergewichtigen, launischen, pubertären Tochter und ihre Arbeit als Betreuerin von Menschen mit Behinderungen nehmen sie in Österreich dermaßen ein, dass es ihr nicht gelingt, sich der Männerwelt bemerkbar zu machen und sexuelle Kontakte zu finden. So erscheint ihr das sonnige und heitere Leben in Kenia umso paradiesischer. In ihrem Traumurlaub hat sie keine Pflichten und auch die Beachboys empfangen sie und ihre deutschen Freundinnen mit offenen Armen, denn Daheim misst sich ihr Marktwert an Figur und Attraktivität, hier in Afrika hingegen, wie sie bald feststellet, eher an Reichtum. So kommt schnell Geld ins Spiel. Teresa lässt sich in einer Mischung aus Naivität und Verliebtheit auf das Spiel ein und glaubt nur zu gern all die kleinen Schmeicheleien und Lügen, die dazu gehören. Fortan lässt sich Teresa von ihrem Beachboy Munga verwöhnen und mutiert zu einer Sugarmama, einer weißen Frau, die die Liebesdienste eines schwarzen Mannes in Anspruch nimmt und im Gegenzug seine Familie durch kleine Spenden ‚unterstützt‘.

Anfangs ist Teresa begeistert von der scheinbaren Gastfreundschaft und Offenheit der Beachboys. Sie lässt sich das lukrativ erscheinende Touristenleben in Kenia von ihrer Freundin (Inge Maux) in allen Zügen vorstellen. Sie ist jedoch zunächst etwas skeptisch und wehrt erste Zudringlichkeiten der jungen schwarzen Gigolos ab. Erst als einer kommt, der durch Höflichkeit und Zurückhaltung auffällt und ‚ernsthaft‘ behauptet, sie zu lieben, lässt sich Teresa auf die Liebesdienste ein und erkennt die Vorzüge der offenen Kultur Kenias. Wie auch Teresa, scheinen ihre Freundinnen in Österreich ebenfalls wenig glücklich und zufrieden mit ihrem Liebesleben. Der Sommerurlaub erscheint den Frauen als willkommene Abwechslung zum tristen Alltag der Heimat.

Die alleinerziehende Mutter erfreut und amüsiert sich zunächst über die Umlagerungen der Männer. Als die Bedrängungen schließlich zunehmen, wird es Teresa zu viel, denn sie sucht wahre Zuneigung und nicht oberflächlichen sexuellen Kontakt von Strandverkäufern. Da erscheint ihr Munga, der sich bereits durch seine schulterlangen Haare von den kahlgeschorenen übrigen Beachboys abhebt, als ‚Beschützer‘ vor der aufdringlichen Menge am Strand. Somit schlüpft Munga bereits zu Anfang in die Heldenrolle. Teresa gefällt seine Zurückhaltung und Fürsorge und so verabreden sie sich immer häufiger zu gemeinsamen Unternehmungen. Beziehung der Österreicherin und des Kenianers scheint zunehmend intensiver zu werden. Dennoch ist sich Teresa des Altersunterschiedes und der äußerlichen Differenz der beiden sehr bewusst. Doch Munga versichert ihr bei dem Aufkeimen jeglicher Zweifel seine Liebe zu ihr, sodass diese schnell vergessen sind. Somit gelingt es Munga Teresas Vertrauen zu gewinnen und Teresa dazu zu bewegen, seiner Familie und Bekannten Geld zu spenden. Teresa setzt all ihre Hoffnung auf die Liebe zu Munga und reagiert umso enttäuschter und wütender, als sie erkennen muss, dass es sich bei dieser ‚Liebe‘ lediglich um ein Sexgeschäft handelt. Die Österreicherin sucht daraufhin zunehmend telefonischen Kontakt zu ihrer Tochter, die ihre Ferien in einem Diätcamp in Österreich verbringt. Die häufigen Anrufe bleiben jedoch ohne Reaktion. Trotz aller Enttäuschungen versucht Teresa den Schein des perfekten Urlaubs zu wahren und beschreibt auf dem Anrufbeantworter der Tochter, wie schön es in Kenia sei. Zum Ende des Films distanziert sich Teresa zunehmend von der Hoffnung, wahre Liebe in Kenia zu finden und nutzt den Sextourismus, wie auch ihre Freundinnen schamlos aus. Sie sieht die Beachboys letztlich als Unterhaltungsobjekt. Als schließlich ein Hotelangestellter ihre sexuellen Anweisungen ablehnt und Teresa so in Afrika ihre erste Abfuhr erhält, muss sie erkennen, dass ihr persönliches Paradies Liebe auch in Afrika nur ein Trugbild war. Ihr wird bewusst, dass der Handel mit Liebe in Kenia nur ein hartes Geschäft ist und nichts mit wahrer Zuneigung zutun hat, nach der sich die alleinerziehende Mutter eigentlich sehnt.

Munga:

Munga ist einer von vielen Kenianern, die am Strand nach Europäerinnen Ausschau halten, um diesen die Vorzüge des Sextourismus schmackhaft zu machen. Er umschmeichelt die meist in die Jahre gekommenen und rundlichen Damen auf gekonnte Weise, denn hellhäutige Europäerinnen stehen in Kenia für Vermögen und Reichtum. In ihnen sehen sie ihren Lebensunterhalt und ihr Geschäft gesichert.

Im Vergleich zu den meisten seiner Kollegen erkennt er, dass Teresa einen zurückhaltenden Beschützer sucht und verschafft sich dadurch das Vertrauen der Österreicherin. Typisch für die kenianischen Beachboys versucht auch Munga Teresa über ständigen Körperkontakt, wie ihre Hand zu halten oder sie an der Schulter zu berühren, näher zu kommen und gleichzeitig Augenkontakt zu vermeiden. Dennoch versichert er Teresa, dass er sie liebt und, dass es in Kenia ganz anders sei, als in Europa: „ Na ja, ich glaube, dass die Liebe schon manchmal zu Ende geht. / Nooooo! In, in, in Europe may be. In Africa no. “ So gelingt es ihm, Teresas Geld für seine Familie zu entlocken.

Nach einiger Zeit distanziert sich Munga zunehmend und fordert immer mehr Geld. Als sie ihm weitere Geldgeschenke verweigert, verbietet er ihr, ihn zu berühren und straft sie mit Ignoranz. Als Teresa ihren ‚Freund‘ schließlich mit dessen Ehefrau am Strand entdeckt, reagiert er völlig eingeschüchtert und wehrt sich nicht gegen die Schläge, mit denen die Österreicherin ihren ehemaligen Liebhaber straft. Munga kauert sich am Boden zusammen, schaut sie nicht an und sagt kein Wort. Ihm erscheint es nicht wichtig, sich vor ihr zu rechtfertigen, denn die anfängliche Geldquelle scheint versiegt. Das Geld war letztlich der einzige Anreiz für Munga die Europäerin zu umgarnen.

[...]


1 Ulrich Seidl. URL: http://www.munzinger.de/search/portrait/ulrich+seidl/0/24227.html; (zuletzt aufgerufen: 30.03.2014)

2 Hafner, Karl: Gott ist ein Voyeur. URL: http://www.tagesspiegel.de/kultur/gott-ist-ein-voyeur/493688.html; (zuletzt aufgerufen: 30.03.2014)

3 Porträt – Ulrich Seidl – Der Herr der üppigen Tableaux. URL: http://www.wienerzeitung.at/meinungen/portraets/451998_Ulrich-Seidl.html; (zuletzt aufgerufen: 30.03.2014)

4 Lenssen, Claudia: „Paradies: Liebe“ - Die Sexkäuferinnen. URL: http://www.tagesspiegel.de/kultur/-paradies-liebe-die-sexkaeuferinnen/7578812.html; (zuletzt aufgerufen: 30.03.2014)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Analyse zum Film "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Kunst und Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Film- und Video-Werkstatt: Ulrich Seidl und die "Realfiktion"
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V462218
ISBN (eBook)
9783668916852
ISBN (Buch)
9783668916869
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ulrich Seidl, Paradies, Trilogie, Liebe, Film, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Sophie Hohmann (Autor), 2014, Analyse zum Film "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462218

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