Chancen und Risiken eines EU-Beitritts von Bosnien-Herzegowina


Bachelorarbeit, 2018
34 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse von Bosnien-Herzegowina
2.1 Historischer Hintergrund und politische Verhältnisse
2.2 Ökonomische Entwicklung und Handel

3 Vergleich zum Beitritt Kroatiens
3.1 Historischer Ablauf
3.2 Gegenüberstellung der Tauglichkeit Kroatiens
3.2.1 Politik
3.2.2 Ökonomie
3.3 Folgen des EU-Beitritts

4 Chancen und Risiken eines Beitritts
4.1 Analyse der Tauglichkeit für einen EU-Beitritt Bosnien-Herzegowinas
4.1.1 Politische Kriterien
4.1.2 Wirtschaftliche Kriterien
4.1.3 Acquis Kriterien
4.2 Mögliche Auswirkungen eines EU-Beitritts

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Produktionsrückgang bei ausgewählten Erzeugnissen

Tabelle 2: Bruttoinlandsprodukt Bosnien-Herzegowina in den jeweiligen Preisen von 2005 bis 2018 (in Milliarden US-Dollar)

Tabelle 3: Anteile der Wirtschaftssektoren am Bruttoinlandsprodukt von 2007 und 2017 in Bosnien und Herzegowina (in %)

Tabelle 4: Bruttoinlandsprodukt Kroatien in den jeweiligen Preisen von 2005 bis 2018 (in Milliarden US-Dollar)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts in Bosnien-Herzegowina von 2008 bis 2018 (zum Vorjahr in %)

Abbildung 2: Arbeitslosenquote in Bosnien-Herzegowina von 2008 bis 2018 (in %)

1 Einleitung

Ein Beitritt in die Europäische Union (EU) bringt für die meisten Mitgliedsstaaten einen positiven politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf die Entwicklung. Seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, welche später in Europäische Union umbenannt wurde, ist es für die Länder des Kontinents Europa ein erstrebenswerter Zustand, ein Mitglied dieser Union zu werden. Eine Aufnahme in die EU ist jedoch nicht ohne Erfüllung gewisser Kriterien möglich, welche im Genaueren als die „Kopenhagener Kriterien“ bezeichnet werden. Sie besagen, dass ein Land politisch und wirtschaftlich stabile Verhältnisse besitzen muss, um einen Antrag zur Aufnahme abgeben zu können und in die nähere Auswahl eines Beitrittskandidaten zu gelangen.

Aktuell gibt es mehrere Länder, welche um die Erfüllung der geforderten Kriterien bemüht sind, um somit Mitglied in der EU zu werden. Eines dieser Länder ist Bosnien-Herzegowina. In den Medien ist Bosnien und Herzegowina allerdings kaum für die politischen Ambitionen ein Beitrittsland zu werden bekannt. Vielmehr gerieten in den vergangenen Jahren Berichte in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, welche die schlechten Zustände des Landes verursacht durch den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren zeigten. Die Auswirkungen dieser kriegerischen Auseinandersetzung und die damit einhergehende schlechte wirtschaftliche Lage sowie instabile politische Verhältnisse sorgten bisher dafür, dass Bosnien-Herzegowina im Verlauf der Zeit nicht über den Status eines Beitrittskandidaten hinauskommen konnte.

In dieser Arbeit soll erläutert werden, warum Bosnien-Herzegowina weiterhin den Status eines Beitrittskandidaten hat und was erforderlich ist, um letztendlich einen Beitritt in die EU zu gewährleisten. Damit wird der zentrale Aspekt dieser Arbeit sein, was mögliche positive oder negative Auswirkungen eines Beitritts in die EU für das Land sein könnten. Um diese Frage beantworten zu können, wird im zweiten Kapitel auf die bisherigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Land eingegangen. Im Folgenden wird ein Vergleich zu dem Land Kroatien gezogen, welches erst vor kurzer Zeit einen Beitritt in die EU abgeschlossen hat und sowohl von der Fläche als auch von der geographischen Lage ähnlich zu Bosnien- Herzegowina ist. Des Weiteren wird im dritten Kapitel der Ablauf erläutert, auf welche Weise sich der Beitritt von Kroatien in die EU gestaltet hat und anschließend werden die Folgen des Beitritts dargestellt. Das vierte Kapitel beinhaltet eine Analyse von Bosnien-Herzegowina bezüglich der Tauglichkeit im Hinblick auf die Kopenhagener Kriterien. Im Zuge dessen wird noch einmal genauer auf die Anforderungen eines Beitrittskandidaten eingegangen und diese werden den dortigen Verhältnissen gegenübergestellt. Schließlich folgt dann eine Erläuterung der möglichen Chancen und Risiken eines Beitritts, um das Ganze in einer Schlussbetrachtung zusammenfassen zu können.

2 Analyse von Bosnien-Herzegowina

2.1 Historischer Hintergrund und politische Verhältnisse

Eine sinnvolle Betrachtung des Landes Bosnien-Herzegowina beginnt am 01. Dezember 1918, da es an diesem Tag zu der Gründung von Jugoslawien kam.1 Der Staat Jugoslawien bestand aus den Ländern Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Kosovo und Mazedonien. Dieser Zusammenschluss der Länder stellte viele potenzielle Konfliktmöglichkeiten dar, da in dem Gebiet einige - teils verfeindete - ethnische und religiöse Gruppierungen vereint wurden. Die allgemeine politische Situation zu diesem Zeitpunkt war instabil, da es von unterschiedlichen Seiten zu Versuchen der Übernahme der politischen Entscheidungsmacht kam. Dann wurde das damals bekannt Jugoslawien im zweiten Weltkrieg durch einen Angriff Deutschlands aufgelöst und aufgeteilt, um anschließend am 29. November 1945 als die „Sozialistische Föderative Volksrepublik Jugoslawien“ neu gegründet zu werden.2

In Folge dessen gab es abermals wiederkehrende Machtkämpfe und Wechsel des jugoslawischen politischen Staatssystems, bis die Spannungen um 1990 zu stark wurden und in den einzelnen Ländern teilweise autonome Wahlen stattfanden. Ein Zusammentreffen der einzelnen Staatsoberhäupter brachte keine Einigung mehr, wonach die verschiedenen Balkanstaaten ihre Unabhängigkeit deklarierten.3

Der Zerfall Jugoslawiens ereignete sich im Zuge von fünf Konflikten, welche teilweise sehr gewaltsam ausgetragen wurden. Im Staatsgebiet von Bosnien-Herzegowina entfachte ein Bürgerkrieg, welcher im Frühjahr 1992 begann und dreieinhalb Jahre später - durch das Friedensabkommen von Dayton - ein Ende fand.4 Im Bürgerkrieg selbst standen sich die serbischen, kroatischen und muslimischen Volksgruppen innerhalb des Landes verfeindet gegenüber. Es ging um die territoriale Aufteilung des Gebiets, wodurch hauptsächlich die muslimisch geprägten Gruppen aus verschiedenen Teilen des Landes gewaltsam vertrieben wurden. Schließlich endeten die Auseinandersetzungen durch die Unterzeichnungen des Friedensvertrages von Dayton durch Mitwirken der USA am 14. Dezember 1995 in Paris.5 Eine genaue Anzahl der Kriegsopfer, welche in den drei Jahren umgekommen sind, ist nicht bekannt, Schätzungen belaufen sich auf 10000 bis 350000 Todesopfer.6

Die neue Verfassung, welche zu dieser Zeit ebenfalls durch den Daytoner Friedensvertrag verabschiedet wurde, sah Bosnien-Herzegowina als einen föderativen Bundesstaat mit den zwei Teilstaaten „Republika Srpska“, der Föderation Bosnien und Herzegowinas und dem autonomen Distrikt Brcko.7 Politisch gesehen bestand das System demnach aus einer Politik, welche sich durch die Verfassung als eine parlamentarische Demokratie äußerte. Der Friedensvertrag beinhaltete ebenfalls die Verankerung der Menschenrechte, welche in der Europäischen Menschenrechtskonvention verabschiedet wurden, die anschließend für Bosnien- Herzegowina galten und zusätzlich einen höheren Stellenwert als alle anderen Gesetze haben sollten.8 Einhergehend mit dem Friedensvertrag hatten alle Flüchtlinge innerhalb und außerhalb des Landes das Recht in ihre Herkunftsgebiete zurückzukehren.

Die Institutionen, welche in der Verfassung verankert wurden, sind: „ein Zwei-Kammer- Parlament, eine dreiköpfige Präsidentschaft, einen Ministerrat, das Verfassungsgericht sowie die Zentralbank.“9 Die Kompetenzen dieser politischen Organe beschränkten sich allerdings nur auf die Bereiche der Außenwirtschaftspolitik, der Zoll- und Geldpolitik, Einwanderungskonflikte und schließlich die Kontrolle der Luftfahrt. Alle anderen Entscheidungen wurden auf regionaler Ebene in den beiden Teilstaaten getroffen. Das durch Dayton etablierte politische System ist demnach von Anfang an ein sehr dezentralisiertes System, welches den drei Völkergruppen in Bosnien-Herzegowina schwerwiegende Veto- und Blockademöglichkeiten einräumte.10

Demnach wurde die Verfassung auf Basis der Kriegsverhandlung durch die politischen Vertreter der drei ethischen Gruppen unterzeichnet, was von Beginn an eine politische Konfliktmöglichkeit darstellte.11 Denn durch die weiterhin gespaltenen Völkergruppen herrscht in dem Land bis heute ein Identitätsproblem, welches durch die neue Verfassung nicht gelöst werden konnte. Laut dem Zensus in Bosnien-Herzegowina im Jahr 2013, besteht die Bevölkerung des Landes aus ca. 50% Bosniaken, 30% Serben, 15% Kroaten und der Rest ist anderer Abstammung oder ohne Angabe.12 Hier zeigt sich, weshalb die Organisation des politischen Systems sehr schwierig ist. Durch die Verteilung der verschiedenen politischen Entscheidungsorgane, welche sich auf rund 64% aller öffentlichen Ausgaben belaufen, entstehen hohe Verwaltungskosten.13 Dies führt zu einer hohen Belastung des Haushalts von Bosnien-Herzegowina.

Die gesamte Bevölkerung des Landes besteht nunmehr aus etwa 3,5 Millionen Bewohnern, was zu vorherigen Zählungen einen großen Unterschied darstellt, da vor Beginn des Bürgerkrieges ca. 4,4 Millionen Menschen in dem Land lebten. Die gesunkene Einwohnerzahl ist sowohl auf die Kriegsopfer und die Flüchtlinge, die nach dem Friedensvertrag nicht mehr zurückgekehrt sind, als auch auf die Abwanderung zurückzuführen. Die möglichen Gründe für die Abwanderung werden im folgenden Kapitel näher erläutert.

Seit September 1990 haben die Einwohner die Möglichkeit an freien Wahlen teilzunehmen.14

Die Sieger der Wahlen bis 2006 waren in allen drei Bevölkerungsgruppen weitestgehend die nationalistischen Parteien, welche sich zu einer instabilen Koalition zusammengefügt haben.15

Lediglich im Jahre 2000 gelang es gemäßigten Parteien eine Mehrheit zu bekommen und so eine Regierung zu bilden. Die Wahlen von 2018, welche kürzlich zu einem Ergebnis kamen, zeigen wieder eine nationalistische Besetzung der dreiköpfigen Präsidentschaft. Damit ist die demokratische Struktur in Bosnien-Herzegowina gegeben, es zeigt sich aber eine deutliche Problematik, welche behoben werden muss, um eine gut funktionierende Politik zu gewährleisten.16 Um hier mögliche Konflikte zu verhindern zeigt die EU Präsenz, da es nach der Beendigung des Krieges zur Entsendung von Sicherheitstrupps kam, welche die politische Stabilität im Land gewährleisten sollen.17 Generell ist zu sagen, dass das politische System einer Reform unterzogen werden muss, um die Komplexität dieses Gebildes zu vereinfachen und die Ungerechtigkeit in Form von Diskriminierung der Ethnien beseitigen.18

2.2 Ökonomische Entwicklung und Handel

Nach der Betrachtung der politischen Verhältnisse und der geschichtlichen Entwicklung folgt nun ein Überblick über die Wirtschaftslage von Bosnien-Herzegowina vor beziehungsweise nach dem Krieg und die aktuellen wirtschaftlichen Gegebenheiten. Das ökonomische System sowie die Wirtschaftspolitik in Bosnien-Herzegowina wurden von den verschiedenen Epochen, die das Land durchlaufen hat, geprägt. Der Zusammenschluss zu Jugoslawien hatte wie auch für die politischen Verhältnisse ebenso einen bedeutenden Einfluss auf die Wirtschaft von Bosnien-Herzegowina. Wie auch im heutigen Europa hatten die Mitgliedsländer Jugoslawiens unterschiedliche Ausstattungen, hinsichtlich der Wirtschaftskraft.19 Durch die kommunistische Politik Jugoslawiens, im Zuge der Neugründung 1945, wurden nach und nach mehrere Sektoren im Land verstaatlicht. Diese Verstaatlichung äußerte sich im Grunde genommen in drei Schritten, die wie folgt abliefen: 1946 wurden Großunternehmen und Finanzinstitute verstaatlicht, 1948 folgten kleinere Firmen - ausgenommen des Handwerks - und 1959 ging ein Großteil der Wohnungen in den staatlichen Besitz über.20 Lediglich die Landwirtschaft blieb weitestgehend in privater Hand. Grundlegend herrschten in Bosnien-Herzegowina damals, im Vergleich zu den meisten anderen Ländern Jugoslawiens, schlechte wirtschaftliche Verhältnisse, wodurch das Land abhängig von Ausgleichszahlungen des Länderverbunds war.21

Trotz eines guten wirtschaftlichen Wachstums in Jugoslawien, das zwischen 1952 und 1964 ca. 8% betrug, in der Folge aber immer weiter abflachte, verbesserte sich die Lage in Bosnien- Herzegowina weniger gut. Dies lag einerseits an den Kriegsschäden durch den zweiten Weltkrieg und andererseits an der starken Übergewichtung des landwirtschaftlichen Sektors, in welchem im Jahr 1947 noch drei-Viertel der Bevölkerung tätig waren.22 Die Infrastruktur war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch stark rückständig, da nur ein geringer Teil der Häuser Zugang zu Elektrizität hatte. Dennoch zeigte sich auch in Bosnien-Herzegowina eine positive Entwicklung durch die Modernisierung, wonach 1971 zum Beispiel nur noch rund 40% der arbeitstätigen Bewohner in der Landwirtschaft tätig waren.23 Diese Entwicklung lief noch einige Jahre mäßig weiter, bis es um und nach 1980 zu einer wirtschaftlichen Krise in Jugoslawien kam.

Durch den Tod Titos, der bislang eine Führungsposition in der Politik Jugoslawiens innehatte, kam es zu einem Zusammenbruch des kommunistischen Wirtschaftssystems, wodurch die Staatsverschuldung des Länderverbunds einen Wert von 21 Milliarden Dollar erreichte.24 Diese Krise gipfelte letztendlich im Bürgerkrieg, welcher bereits im vorherigen Kapitel erläutert wurde. Der Kriegsschaden war für die bosnische Wirtschaft enorm, da nicht nur viele Arbeitskräfte umgekommen sind, sondern auch große Teile der industriellen Gebäude und der generellen Infrastruktur zerstört worden waren. Das gravierende Ausmaß des Rückschlags durch die Kriegsschäden zeigt sich anhand des Rückgangs in den verschiedenen Erzeugnissen. So ist die Produktion der Elektroenergie beispielweise von 1991 auf 1995 um 74,2% gesunken.

Tabelle 1: Produktionsrückgang bei ausgewählten Erzeugnissen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Büschenfeld (1999), S. 518.

Wie in Tabelle 1 ersichtlich ist, kam es in fast allen Bereichen der Wirtschaft zu massiven Produktionsrückgängen diverser Erzeugnisse, was einen erheblichen Einfluss hatte. Durch die Schäden im Verkehrs-, Telekommunikations- und Energiesektor kam es beinahe zu einem vollständigen Rückgang der industriell gefertigten Produkte.25 In Folge dessen zeigte sich ein starker Anstieg der Arbeitslosenquote. „Das BIP sank im letzten Bürgerkriegsjahr auf ein Fünftel des Vorkriegswertes.“26

Nach Beendigung des Kriegs folgte dann wieder eine leichte Erholung der Wirtschaft, was sich im Kontrast zu dem vorhergegangenen starken Rückgang in einem enorm hohen Wirtschaftswachstum äußerte.27 Dieses Wachstum in den Nachkriegsjahren wurde auch durch hohe Summen an Geldern seitens der EU und anderer Länder verursacht, welche zur Sicherung des Friedensabkommens von Dayton gedacht waren und sich auf eine Summe von 4,65 Milliarden Dollar beliefen.28 Diese Gelder dienten einerseits dem Wiederaufbau und der

Erneuerung der Infrastruktur und andererseits der Etablierung einer funktionierenden Marktwirtschaft im Land, welche durch wirtschaftlichen Wettbewerb ein sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum erzeugen sollte.29

Ergo zeigt sich, dass die Ökonomie von Bosnien-Herzegowina sowohl durch die kommunistische Planwirtschaft als auch durch die Kriege mehrfach geschädigt wurde. Dies ist teilweise heute noch zu sehen, da es seit dem Bürgerkrieg zu keinem Wiederaufbau sämtlicher Wirtschaftssektoren kam. Es gibt mehrere Indikatoren, die aufzeigen, dass die Ökonomie des Landes nachträglich geschwächt wurde. Aus diesem Grund folgt nun eine Übersicht der wichtigsten wirtschaftlichen Merkmale, angefangen bei dem Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Tabelle 2: Bruttoinlandsprodukt Bosnien-Herzegowina in den jeweiligen Preisen von 2005 bis 2018 (in Milliarden US-Dollar)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: IMF (2018a), eigene Darstellung.

Wie Tabelle 2 zeigt, kann Bosnien-Herzegowina in den letzten Jahren kein stetiges Wirtschaftswachstum aufweisen. Es kam im Gegenteil sogar mehrfach zu Rücksetzern des Bruttoinlandsprodukts. Wie bereits erwähnt zeigte das BIP in den Jahren vor 2008 ein rasantes Wachstum, da die Wirtschaft durch den Bürgerkrieg nachträglich geschädigt wurde. Als es 2008 zu einer Krise kam, ereignete sich ein Rückgang des BIP. Generell bewegt sich das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2008 und 2017 weitestgehend auf einem ähnlichen Niveau. Der Wert vor dem Bürgerkrieg konnte erst ca. 20 Jahre später wieder erreicht werden, wodurch verdeutlicht wird, dass der Krieg einen massiven negativen Einfluss auf die Entwicklung des Landes hatte.30

In den Wachstumsraten des BIP aus Abbildung 1 werden die zuvor aufstellten Annahmen noch einmal graphisch ersichtlich. Die Wirtschaft des Landes kann kein stetiges Wachstum aufweisen, da die Wirtschaftsstruktur nachträglich stark geschwächt wurde. Einer der Gründe für das positive Wachstum zwischen den Jahren 2012 und 2014 ist ein Programm der Europäischen Kommission, welches dem Land helfen sollte, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erzeugen.31 Die Hauptursache der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation ist demnach auf die finanzielle Hilfe ausländischer Investoren und der EU zurückzuführen.

Abbildung 1: Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts in Bosnien- Herzegowina von 2008 bis 2018 (zum Vorjahr in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: IMF (2018b), eigene Darstellung.

Trotz diesen steigenden Wachstumsraten in den letzten Jahren, wurde das Vorkriegsniveau der Wirtschaft zumindest bis 2012 nicht erreicht.32 Auch wenn die beiden Wachstumsraten für 2017 und 2018 auf Schätzungen beruhen, zeigt sich, dass ein deutlich positiver Trend zu erkennen ist. Ein weiterer Faktor, welcher in der Entwicklung der Wirtschaft in Bosnien-Herzegowina eine bedeutende Rolle spielt ist die Arbeitslosenquote. Wie der Abbildung 2 im Folgenden zu entnehmen ist, hat Bosnien-Herzegowina mit einer relativ hohen Arbeitslosenrate zu kämpfen. Dies ist unter anderem auf das mäßige Wirtschaftswachstum und auf die Nachfolgen des Kriegs zurückzuführen.33 Eine genaue Ermittlung der Arbeitslosendaten ist nicht möglich, da viele Erwerbstätige in der Schattenwirtschaft tätig sind.

Abbildung 2: Arbeitslosenquote in Bosnien-Herzegowina von 2008 bis 2018 (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: IMF (2018c), eigene Darstellung.

Es fehlen demnach Daten auf Ebene des Staates im Bezug auf die Anzahl der Beschäftigten in der Wirtschaft, weshalb die Schätzungen bezüglich der Quote teilweise stark voneinander abweichen.34 Hierbei ist hervorzuheben, dass im Land eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht. Dieser Wert lag 2017 bei ca. 50%, das demnach zu einer hohen Abwanderung der jungen Arbeitskräfte aus Bosnien-Herzegowina führt.35 Durch die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Jugendlichen, kommt es zu einem sogenannten „Braindrain“. Menschen mit hoher Qualifikation wandern aufgrund der schlechten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt aus, um woanders bessere Perspektiven zu bekommen. Diese Problematik hat einen starken negativen Einfluss, da zum Beispiel im Gesundheitssektor ein Mangel an ausgebildeten Ärzten herrscht.36

Ein weiterer Indikator für die Wirtschaft eines Landes ist der Handel und die Produktionsallokation in den einzelnen Sektoren. Dadurch, dass Bosnien-Herzegowina bereits als EU-Drittland gilt, da es nunmehr seit mehreren Jahren in Verhandlung mit der EU steht, wurden bereits einige Handelsbarrieren innerhalb der Europäischen Union gesenkt.37 Aufgrund dessen befinden sich die wichtigsten Handelspartner, bezüglich Import und Export, innerhalb der EU.38 Der größte Handelspartner mit ca. 12% des Imports und ca. 15% im Export ist momentan Deutschland.39 An zweiter Stelle steht Italien, gefolgt von Kroatien. Hier zeigt sich die enge Zusammenarbeit mit den Ländern der EU, was einen Beitritt von Bosnien- Herzegowina erleichtern würde. Auch auf diese Thematik wird im 4. Kapitel weiter eingegangen.

In der Handelsbilanz zeigt sich allerdings ein stetiger Überschuss in den Importen, wodurch das Land eine andauernde negative Handelsbilanz aufweist. Allein im Jahr 2016 kam es in Bosnien und Herzegowina zu einem negativen Handelsbilanzsaldo von 3,81 Milliarden US-Dollar.40

Die Ursache dieser Problematik zeigt sich, wenn man sich die Produktionen der einzelnen Sektoren beziehungsweise die Gewichtung derer am BIP betrachtet. Einerseits wird eine positive Entwicklung deutlich, da der Anteil der Landwirtschaft, welcher vor der Jahrtausendwende und Anfang der Zweitausenderjahre sehr hoch war, zurückgegangen ist, aber auch hier wird das Defizit in der industriellen Produktion und im Dienstleistungssektor noch deutlich sichtbar. Die Allokation der Produktion in den einzelnen wirtschaftlichen Sektoren stellt sich - nach aktuellem Stand - folgendermaßen auf:

Tabelle 3: Anteile der Wirtschaftssektoren am Bruttoinlandsprodukt von 2007 und 2017 in Bosnien und Herzegowina (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: World Bank (2018a), eigene Darstellung.

In der Tabelle zeigt sich eine leichte positive Entwicklung in den einzelnen Sektoren. Der Anteil der Landwirtschaft am BIP wurde geringer und der industrielle Wirtschaftssektor nimmt im Land an Bedeutung zu. Wenn man diese Zahlen allerdings mit den Beschäftigungszahlen im Land vergleicht, fällt auf, dass immer noch ein sehr hoher Anteil der Berufstätigen in Bosnien und Herzegowina in der Landwirtschaft tätig ist. Im Jahr 2017 belief sich der Anteil der im landwirtschaftlichen Sektor tätigen Arbeiter laut der Wirtschaftskammer Österreichs auf 19,1% und 48,7%, die in der Dienstleistungsbranche tätig sind.41 Hier wird deutlich, dass die Struktur der Wirtschaft im Vergleich zu Europa, speziell im industriellen Sektor und Dienstleistungssektor noch relativ rückständig ist.42

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Wirtschaft von Bosnien-Herzegowina in einer positiven Entwicklung befindet. Entwicklungsgelder und die offene Marktwirtschaft führen zu einer Verbesserung und Modernisierung der Infrastruktur und der Zusammensetzung des gesamten Wirtschaftssektors. Dennoch ist die Wirtschaftskraft des Landes noch rückständig gegenüber den meisten Ländern in der EU und in ihrem direkten Umkreis. Wie sich diese Situation verbessern könnte und welche Maßnahmen nötig sind, um die Wirtschaft nachhaltig weiter zu steigern, wird unter anderem Gegenstand des vierten Kapitels sein.

[...]


1 Vgl. Pommer (2008), S. 53.

2 Vgl. Steindorff (2007), S. 190ff.

3 Vgl. Pommer (2008), S. 61.

4 Vgl. Gromes (2007), S. 142.

5 Vgl. Ebenda, S. 151.

6 Vgl. Pensold (2013), S. 140.

7 Vgl. Bliesemann de Guevara (2009), S. 102.

8 Vgl. Gromes (2007), S. 155.

9 Ebenda, S. 158.

10 Vgl. Richter, Gavric (2010), S. 841.

11 Vgl. Dzihic (2009), S. 179.

12 Vgl. Zensus (2016), S. 54.

13 Vgl. Rolofs (2010), S. 54.

14 Vgl. Busek (2011), S. 96.

15 Vgl. Richter, Gavric (2010), S. 842.

16 Vgl. Flessenkemper, Moll (2018), S. 22f.

17 Vgl. Reichel (2010), S. 309ff.

18 Vgl. Gromes (2018), S. 71f.

19 Vgl. Juric (2012), S. 224.

20 Vgl. Bieber (1999), S. 142.

21 Vgl. Pommer (2008), S.140

22 Vgl. Bieber (1999), S.144.

23 Vgl. Ramet (1992), S.143ff.

24 Vgl. Bieber (1999), S.144.

25 Vgl. Pommer (2008), S. 141.

26 Schmidt (2009), S. 180.

27 Vgl. Sanjay (2008), S. 27f.

28 Vgl. Tolksdorf (2012), S. 83f.

29 Vgl. Altmann (2018), S. 227.

30 Vgl. Schmidt (2009), S. 210f.

31 Vgl. European Commission (2012), S. 29f.

32 Vgl. Munzinger (2012).

33 Vgl. Juric (2012), S. 225ff.

34 Vgl. Dzihic (2009), S. 314.

35 Vgl. Fassmann (1997), S. 29.

36 Vgl. Dzihic (2009), S. 314.

37 Vgl. Außenwirtschaft Austria (2017), S. 10f.

38 Vgl. Pavleski (2010), S.64.

39 Vgl. Ebenda, S. 11.

40 Vgl. WTO (2018a), S. 28.

41 Vgl. WKO (2018), S. 4.

42 Vgl. Schmidt (2009), S. 400.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Chancen und Risiken eines EU-Beitritts von Bosnien-Herzegowina
Hochschule
Universität Trier  (Internationale Wirtschaftspolitik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V462246
ISBN (eBook)
9783668909038
ISBN (Buch)
9783668909045
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EU-Beitritt, Kopenhagener Kriterien, Bosnien-Herzegowina, Beitritt Kroatien, Risiken EU-Beitritt
Arbeit zitieren
Matteo Henrizi (Autor), 2018, Chancen und Risiken eines EU-Beitritts von Bosnien-Herzegowina, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462246

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