Haiku. Geschichte, Aufbau und Inhalt

Eine Einführung in die japanische Silbengedichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Geschichte des Haiku
2.1 Renga und die Entstehung des Haiku
2.2 Die Blütezeit der Haiku in der Edo-Periode
2.2.1 Matsuo Basho- der Großmeister des Haiku
2.3 Haiku heute

3 Der Aufbau des Haiku
3.1 Die japanische Schrift
3.2 Der stilistische Aufbau und Inhalt des Haiku

4 Weitere japanischen Silbengedichte
4.1.1 Tanka
4.1.2 Senryu

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Deutschunterricht sind Haikus ein beliebtes Mittel um in das Thema „Lyrik“ einzuführen und lyrisches Schreiben zu üben. Doch nicht jedes Silbengedicht ist automatisch ein Haiku. Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, näher in die lyrische Gattung Haiku einzuführen.

Zunächst möchte ich die Geschichte des Haiku und seine Entwicklung skizzieren. Im Zuge dessen werde ich mich mit dem Vorgänger des Haiku, dem Renga näher auseinandersetzen und darauffolgend auf den sogenannten Großmeister und Begründer der heutigen Haiku-Dichtung Matsuo Basho eingehen.

Anschließend daran beschäftige ich mich mit dem Aufbau des Haiku, indem ich zunächst genauer auf die japanische Schrift und danach auf den stilistischen Aufbau und die inhaltlichen Aspekte des Haiku eingehe.

Abschließend möchte ich zwei weitere japanische Silbengedichte vorstellen, die durch ihre Ähnlichkeit zu dem Haiku oftmals unwissentlich damit verwechselt werden.

2 Die Geschichte des Haiku

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass Haiku die ursprünglichste Form der japanischen Dichtung darstellen, sind sie eine relativ junge Gattung der Silbengedichte.

Im Folgenden möchte ich grob die Entstehung und die Geschichte des Haiku skizzieren und dabei näher auf Matsuo Basho, den Begründer der Haiku-Dichtung wie sie heute ausgeübt wird eingehen.

2.1 Renga und die Entstehung des Haiku

Das Haiku hat sich während dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert in Japan aus dem sogenannten Renga entwickelt. Das Renga ist eine seit dem dreizehnten Jahrhundert beliebte Form der Partnerdichtung in Japan, bestehend aus einem Erstvers und einem Zweitvers, wie die nachfolgende Abbildung verdeutlicht.

Abbildung 1: Die klassische Renga-Form

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle 1: Buerschaper 1987: 19

Der erste Autor beginnt hierbei, indem er einen Dreizeiler aus alternierenden Silbenfolgen von fünf-sieben-fünf dichtet. Der antwortende Partner führt dann das Gedicht mit dem Waki, einem Zweizeiler mit jeweils sieben Silben fort, ohne dabei ein maßgebliches Wort aus dem ersten Dreizeiler zu wiederholen. Durch seine Fortsetzung setzt der zweite Autor auch zugleich das Schlusszeichen für den ersten Dreizeiler, er entscheidet darüber, ob sein Zweizeiler einen Nebensatz anhängt oder ob er einen neuen Hauptsatz beginnen will. Inhaltich muss er in beiden Fällen jedoch „mit seiner Ergänzung an ein Wort, einen Gedanken oder an das Bild der Vorgabe“1 anschließen. Oftmals entstanden hierbei Strophenfolgen mit einer Aneinanderreihung unverbindlicher Naturbilder, welche mit einer vagen Gefühlsbestimmtheit besetzt waren.

Im Laufe der Zeit hat sich das Renga von einer anfänglich sehr lyrischen Dichtungsweise zu einer „volkstümlichen, der einfacheren Sprache nahestehenden Lyrikform gewandelt“2. Zudem wurde versucht, dem Renga eine größere Verbindlichkeit zu verleihen, indem man realistischere Motive darin aufnahm, inhaltlich nicht primär schöne und malerische Dinge benannt wurden, sondern Motive aus der Lebenswelt der Dichtenden, wie z.B. “laufende Kindernasen“. Es wurden existenznähere Töne angeschlagen, welche durch die in ihnen behandelte Thematik humoristische Tendenzen aufzeigten. Diese Form der Renga wurden gemeinhin als Haikai, scherzhafte und verspielte Renga, bezeichnet. Trotz des eher scherzhaften Inhaltes bemühten die Dichter sich um einen inhaltlich und sprachlich möglichst brillanten Startvers dieser Gemeinschaftsdichtung. Diese Bemühungen führten dazu, dass der Erstvers des Renga, der Hokku, oftmals keinerlei Ergänzung benötigte. Er konnte ab dem dreizehnten Jahrhundert für sich alleine als Kurzgedicht bestehen.3 Diese Gedichtform wurde jedoch abgesehen von einigen Dichterkreisen hauptsächlich von einer Reihe von Staatsmännern und Samurai verwendet, da sie durch ihre Kürze besonders geeignet schien für den Versand in Form eines Billetts an Freunde und Geliebte.

Aus dem Hokku entstand dann am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts „[d]ie wohl bekannteste Form der japanischen Poesie, das Kurzgedicht Haiku, der verselbstständigte Oberstollen der Tanka-Kurzgedichte mit drei Zeilen zu je 5-7-5 Silben“.4

2.2 Die Blütezeit der Haiku in der Edo-Periode

Aufgrund der Rivalitäten zwischen den führenden Fürstenhäusern tobte während dem sechszehnten Jahrhundert ein Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in Japan. Aus dieser Auseinandersetzung ging das Haus der Tokugawa unter der Führung des Fürsten Ieyasu siegreich hervor. Ieyasu wurde 1603 zum Regenten, dem sogenannten Shogun gekürt und machte Edo (Tokyo) zu seinem Hauptsitz und Zentrum der politischen Macht. Die Regierungsperiode der Tokugawa-Familie zwischen 1603 und 1867 wird daher als Edo-zeit oder Tokugawa-Zeit bezeichnet.5 Dies läutete zugleich auch eine neue Phase der innenpolitisch-sozialen Entwicklung in Japan ein. Während der sogenannten Edo-Periode wurde […] die Schroffheit der überkommenden feudalistischen Ordnung nicht gemildert, sondern die Grenzen zwischen den einzelnen Klassen der Gesellschaft [wurden] schärfer gezogen denn je.6

Dies geschah durch die Einführung eines neuen gesamtgesellschaftlichen Ordnungsrahmens, dem sogenannten Shinōkōshō (士農工商). Wörtlich übersetzt bezeichnet dies die vier Hauptstände zu dieser Zeit, in einer absteigenden Reihenfolge. Die Samurai oder den allgemeinen Schwertadel (shi), die Bauern (nō), die Handwerker (kō) und die Kaufleute (shō). Diesem System nicht zugehörig und darüberstehend war der Kaiser Tokugawa selbst und sein Regentenhaus, sowie dem Hofstaat zugehörige buddhistische Mönche und Shinto-Priester. Unter den Kaufleuten und ebenfalls außerhalb des Klassensystems rangierten die Klassenlosen, die Burakumin. Diese übten all jene Berufe aus, die keine andere Klasse ausüben wollte. Darunter fielen zum einen Berufe wie Gaukler oder Prostituierte, zum anderen all jene Berufe, die als unrein angesehen wurden, wie z.B. Berufe wie Totengräber, Metzger, Straßenkehrer oder Gerber. Angehörige der Burakumin galten während der Edo-Ära als “Nicht-Personen“ und ihre Dörfer als nicht vorhanden.7

Unter der Herrschaft der Tokugawa-Familie musste jede Familie an ihrem Türpfosten den Status angeben, den sie in der Gesellschaft innehielt. Ein Aufstieg in eine höhere Klasse war nur durch Adoption möglich. Ebenfalls gab es strenge Regeln darüber, welche Kleidung in welcher Klasse getragen werden durfte, welches Essen angemessen war und wie groß das Haus sein durfte. Verstöße gegen eine dieser Vorschriften wurden hart geahndet.

Die Unterschiede in der Gesellschaft wurden von den Japanern anstandslos hingenommen. Auch wenn die soziale Ungleichheit stark ausgeprägt war, so hatte doch jede Klasse festgelegte Rechte. Selbst die Klassenlosen hatten zumindest das Recht darauf, dass nur sie die ihnen zugeschriebenen Berufe ausüben durften, und kein anderer. Dieser Klassenstaat wurde während der Tokugawa-Herrschaft so sehr gefestigt, dass er bis heute noch teilweise in der Kultur Japans verankert ist. So gelten auch heute noch die Berufe der Burakumin als “unrein“ und werden oftmals innerhalb einer Familie fortgeführt. Auch wenn sie nicht mehr als “Nicht-Personen“ gelten, so werden sie dennoch oftmals von anderen Japanern gemieden.

Gleichzeitig mit der Festigung der Klassengesellschaft fand eine Schließung Japans statt. Jeglicher Verkehr zwischen Japan und seiner Um- und Außenwelt wurde untersagt, fast alle ausländischen Handelsgesellschaften mussten ihre Niederlassungen auf japanischem Boden schließen und sämtliche christliche Missionare wurden des Landes verwiesen. Wer sich als Christ zu erkennen gab wurde hingerichtet, die Ausübung des christlichen Glaubens wurde verboten. Ebenfalls verboten war jeglicher Verkehr mit dem chinesischen Festland. Dies wurde durchgesetzt, indem der Besitz von einem Schiff, welches groß genug war, um den Bannkreis der japanischen Inselwelt zu verlassen als ein todeswürdiges Verbrechen galt.8

Interessanterweise kam es während der gesamten Edo-Periode jedoch nie zu ernstlichen Revolten oder Umsturzversuchen. Die Japaner nahmen diese Gesellschaft der Unterschiede bereitwillig als gegeben hin und fügten sich in diese Feudalgesellschaft ein, „in der die soziale Ungleichheit der Menschen oberstes Gesetz war“9.

Durch diese Neuordnung Japans und das Ende des Bürgerkrieges kam es zu einem gewissen Wohlstand in den unteren Klassen der Gesellschaft. Besonders die Kaufleute profitierten von dem neuen Frieden. Dies führte dazu, dass nicht mehr nur die Fürstenhöfe das Zentrum der japanischen Dichtkunst bildeten. Auch in Kaufmannskreisen breitete sich die Beschäftigung mit der Poesie aus, es fand eine Verlagerung des sozialen Ortes der Poesie statt. Doch die an dem kaiserlichen Hof beliebte sehr künstliche Form der Dichtung war vielen zu kompliziert, die […] strengen technischen Regeln und die gequält künstlichen Anforderungen die die Dichtung mehr und mehr beherrschten, förderten das Streben nach Einfachheit und Natürlichkeit.10

Das Hokku als eine vereinfachte und volkstümlichere Alternative zu der Kettendichtung erfreute sich in allen Bevölkerungsschichten einer immer größeren Beliebtheit, vor allem jedoch in den unteren Klassen. Im Zuge dessen wurde es auch unbenannt zu dem Haiku, eine Abkürzung die sich aus seiner ursprünglichen Bezeichnung als Haikai no Hokku (humoristischer Anfangsvers des Haikai), herleiten lässt.11

Durch die primäre Ausübung der Haiku-Dichtung in der unteren Klasse der Gesellschaft, änderte sich der Inhalt der Haiku. Sie wurden pragmatischer, lebensnaher und “frischer“. Galt es vor der Edo-Zeit noch als angebracht, selbst unter scherzhafter Beschreibung nur eine gepflegte Melancholie als poesie-würdigen Gefühlsinhalt zu verwenden, so erhielten nun sämtliche Gefühlsregungen eine Berechtigung für die Verwendung innerhalb eines Haikus. Haiku wurden von jedermann als Zeitvertreib gedichtet.

2.2.1 Matsuo Basho- der Großmeister des Haiku

Im siebzehnten Jahrhundert bildete sich unter der Führung von Matsuo Basho, dem sogenannten Großmeister des Haiku, eine neue Stilrichtung des Haiku aus.

Wurde es bisher vor allem als eine Ausdrucksform einer schlichten, volkstümlichen und humoristischen Dichtung angesehen, so war es das Ziel von Basho einen möglichst sinnreichen Haiku-Stil zu etablieren.

Matsuo Basho wurde 1644 unter dem Namen Matsuo Munefusa in einer Samurai-familie geboren und wurde als Jugendlicher in der Kunst der Renga-Dichtung und der Haikai-Renga-Dichtung unterrichtet. Im Jahre 1666 studierte er den Zen-Buddhismus in einem Kloster in Kyoto und gründete eine eigene Schule der Dichtkunst. Im Alter von 36 Jahren siedelte er mit dieser Schule nach Edo, dem Hauptsitz der damaligen Regierung über. Dort bewohnte er ein Haus unter einem Bananenbaum, einem basho. Da er vornehmlich in diesem Haus oder im angrenzenden Garten seine Gedichte - damals noch Renga und Haiku- verfasste, entschloss er sich dazu den Künstlernamen Matsuo Basho anzunehmen.12

Im Laufe der Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Dichtung vom Verfassen der Renga hin zu einer Etablierung des Haiku. Sein Ziel war es, […] das Haiku aus dem Verfall in den es durch die Künstelei und Geschmacklosigkeit seiner Vorgänger und Zeitgenossen geraten war, wieder herauszuführen und zu einer erlesenen Form der japanischen Lyrik zu machen.13

Dies gelang ihm vor allem dadurch, dass er inhaltlich die Thematik des Zen und die damit verbundene Erleuchtungserfahrung mehr in den Mittelpunkt rückte.

Zen steht für eine Welterkenntnis, die jeder erlangen kann, unabhängig von seiner Klasse oder seinem Wissen über theologische Studien. Es geht davon aus, dass Erleuchtung unvorhergesehen erfahren wird und nicht durch Bewusstseinsarbeit oder der Befolgung mönchischer Lebensregeln. Hierbei kann jegliche Art von lebendig-sinnhaften Erlebten und Wahrgenommenen der Auslöser für die Erleuchtung sein. Die Welt enthüllt sich bei dem Weltverständnis des Zen aus sich selbst und wird nicht von außen erhellt. Im Haiku zeigt sich die Erkenntniserfahrung besonders durch eine plötzliche Einsicht darüber, „dass zwei bisher als getrennt erfahrene Seinsbereiche sich gegenseitig bedingen, ergänzen, eins sind.“14

[...]


1 Kurz 1992: 54

2 ebd.: 53

3 Vgl. Buerschaper 1987: 23

4 Distelrath 2017: 229

5 Vgl. ebd.: 204

6 Krusche 2017: 122

7 Vgl. Distelrath 2017: 206f

8 Vgl.: Krusche 2017: 123

9 ebd.: 123

10 Buerschaper 1987: 23

11 Vgl. ebd.: 23f

12 Vgl. Ulenbrook 2017: 243f

13 ebd.: 244

14 Krusche 2017: 134

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Haiku. Geschichte, Aufbau und Inhalt
Untertitel
Eine Einführung in die japanische Silbengedichte
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V462344
ISBN (eBook)
9783668901612
ISBN (Buch)
9783668901629
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haiku, geschichte, aufbau, inhalt, eine, einführung, silbengedichte
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Haiku. Geschichte, Aufbau und Inhalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462344

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