Zu Max Frisch: "Homo Faber" Walter. Die Konfrontation eines technisierten Menschen mit der Natur

Faber vor seiner inneren Wende


Hausarbeit, 2004
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Hauptteil
1. Die Bedeutung des Titels Homo faber
2. Die technische Weltsicht Walter Fabers
2.1 Der Technikbegriff
2.2 Technik als Lebensinhalt
2.3 Technik als Erklärungsmuster
2.3.1 Zufall statt Schicksal
2.3.2 Wahrscheinlichkeit und Statistik
2.4 Zahlen und Daten
2.5 Bedingungsloser Fortschritt
3. Walter Fabers Bild der Natur
3.1 Der Naturbegriff bei Frisch
3.2 Fabers Begegnung mit der Natur
3.2.1 Die Wüste
3.2.2 Der Dschungel
3.3 Abwehrmechanismen
3.3.1 Kamera und Rasierapparat
3.3.2 Sonstige Mechanismen
4. Begegnung der Natur im Erlebnis

III Schlussbemerkung

IV Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Romanbericht Homo faber aus dem Jahre 1957 von Max Frisch. Dabei wird im Besonderen auf die technische Weltsicht des Protagonisten Walter Faber und seinen Umgang mit der Natur eingegangen, mit der er im Laufe des Romans immer wieder konfrontiert wird.

Zunächst wird die Bedeutung des Titels geklärt, um einen ersten Überblick über die grundsätzliche Thematik des Berichtes und den Anlass dieser Hausarbeit zu erhalten.

Im Anschluss daran wird die zentrale Rolle der Technik im Leben Walter Fabers analysiert und anhand verschiedener Beispiele belegt. Weiter wird in exemplarischen Begegnungen mit der Natur auf Fabers Verständnis von der Natur eingegangen und damit die bestehende Differenz zwischen den beiden, für Faber konträren, Elementen Natur und Technik veranschaulicht.

Das vierte Kapitel widmet sich abschließend der Zusammenführung beider Elemente, in dem Versuch einer Annäherung des Homo faber an die Natur.

II. Hauptteil

1. Die Bedeutung des Titels Homo faber

In vielen Werken Frischs bezeichnet der Titel des Romans den Protagonisten.

So liegt beispielsweise in Herr Biedermann und die Brandstifter oder in Don Juan oder die Liebe zur Geometrie eine besondere Bedeutung im Titel, der den Charakter der Hauptperson in einer bestimmten Art und Weise im Voraus ankündigt. Neben diesen Romantiteln erzeugt auch Homo faber explizite Erwartungen beim Leser. Die Bezeichnung Homo faber erinnert an die lateinische Kategorie Homo sapiens, dem jetztzeitigen Menschen an sich.[1] Der Name Homo faber ergibt sich tatsächlich aus dem Lateinischen und bezeichnet mit dem ersten Wortteil Homo den Menschen allgemein oder den Mann.[2] Die Erweiterung durch faber beschreibt nicht den Nachnamen des Protagonisten, was auszuschließen ist, da er in diesem Fall groß geschrieben werden müsste. Stattdessen wird durch die Erweiterung ein bestimmter Typus beschrieben, ein Mensch der „die Welt handelnd angeht. In typologischer Wendung bezeichnet Homo faber oft den praktisch, insbesondere technisch tätigen Menschen“.[3]

Weiter ist die Frage zu stellen, von wem der Name vergeben wurde. Einerseits könnte es sein, dass nur der Autor die Bezeichnung im Titel nutzt, um den Leser von vornherein auf die Hauptfigur vorzubereiten, aber andererseits findet sich innerhalb des Romans eine Textstelle, in der Walter Faber über Hanna nachdenkt: „Ich nannte sie Schwärmerin und Kunstfee. Dafür nannte sie mich: Homo Faber“[4]. Auch wenn hier Faber in Anlehnung an den Nachnamen groß geschrieben ist, lässt sich durchaus sagen, dass Hanna mit dieser Beschreibung Walter Fabers eine Charakterisierung vornimmt, die sich im konkreten Gegensatz zu ihrem Typ „Schwärmerin“[5] allein auf die technische Weltsicht Fabers bezieht. Der Einbezug des durchaus bewusst gewählten Titels lässt also von vornherein Vermutungen zu, inwiefern die Romanfigur Walter Faber mit dem Technikbegriff in Verbindung gebracht werden kann.

2. Die technische Weltsicht Walter Fabers

2.1 Der Technikbegriff

Um die technische Weltsicht Fabers deuten zu können, muss zu Beginn der Begriff Technik erläutert werden. Schon immer faszinierte die Menschen die Kunst, die Ursachen von Unbekanntem, Naturgemäßem zu erforschen. Um Nutzen aus der Natur zu ziehen, bedarf es der Kunst, vielmehr nur einem kleinen „Teil der Kunst, [die] [...] hilfreich ist, [der]Mechanik“[6]. Hier sprechen wir also von Technik, als Fertigkeit, die Natur zu überwinden.

Ursprünglich entstammt der Begriff dem französischen Wort technique oder dem griechischen technikós. Er beschreibt kunstfertige, handwerkliche Tätigkeiten und beinhaltet technischen Fortschritt, der sich durch Veränderungen der bereits existierenden Fertigkeiten zu einer neuen, verbesserten Anwendung entwickelt. Mit Hilfe des erweiterten Wissen, der neuen Technik, entstehen veränderte, verbesserte Methoden, Arbeitsabläufe, Fertigungsverfahren und Produkte.[7]

In unserem heutigen technischen Zeitalter hört man nicht selten auch vom Begriff der Technokratie, der im abwertendem Sinne eine Beherrschung des Menschen und der Umwelt durch Technik beschreibt.[8]

2.2 Technik als Lebensinhalt

Walter Faber beschreibt sich selbst als Techniker.[9] Dies ist der einzig mögliche Beruf für ihn, ein Beruf, „der mit den Tatsachen fertig wird“[10]. Fabers Lebenshaltung ist vollkommen von der Technik geprägt, er beschäftigt sich ständig mit Maschinen und Apparaturen, erklärt oder repariert diese und „überschüttet uns mit einer Flut von technischen Ausdrücken und Typenbezeichnungen“[11]. Als Ingenieur der UNESCO sieht er seine Arbeit nicht unbedingt als humanitäre Hilfe, wie im Verlaufe des Romans deutlich wird. Walter Faber ist vollkommen von der Macht der Technik überzeugt.

„Wir leben technisch, der Mensch als Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur“[12]. In diesem Sinne liegt wieder die Verbindung zum Titel des Berichtes: Homo faber meint, die Natur durch die Technik nutzen und beherrschen zu können. Technik ist sein Lebensinhalt. „Ich sehnte mich nach elektrischem Strom“[13] Menschen sind ihm gleichgültig, ja sogar lästig: „Menschen sind anstrengend.“[14] „Menschen sind komisch.“[15] So isoliert sich Faber von seinen Mitmenschen, entfremdet sich von der Welt und von der Gesellschaft. Das Leben wird „auch [...] als ein einziger Zufall betrachtet“[16]. Situationen dürfen nicht unbekannt sein, sie müssen bekannt und mit genauer Beobachtung erklärlich sein, damit er diese in sein abgeschlossenes Weltbild einordnen kann. Faber ist „gewohnt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind“[17].

2.3 Technik als Erklärungsmuster

2.3.1 Zufall statt Schicksal

„Der Zufall ganz allgemein: was uns zufällt ohne unsere Voraussicht, ohne unseren bewussten Willen“.[18] So definiert Frisch den Zufall in seinen Tagebüchern und lässt seine Romanfigur im Homo faber mehr als oft mit dieser Begebenheit zusammentreffen.

„Wir stehen in La Guardia [...] mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen. Unsere Maschine war, wie üblich auf dieser Strecke, eine Super-Constellation.“[19]

Mit diesen Zeilen beginnt Walter Faber seinen Bericht. Alles ist wie immer, wie üblich, sein Leben besteht aus sich ständig wiederholenden Erfahrungen. Die Strecke ist bekannt, die Maschine dieselbe „wie üblich“[20]. Faber fühlt sich von seinem deutschen Flugnachbarn belästigt, der „wie üblich nach dem zweiten Weltkrieg, sofort auf europäische Brüderschaft“[21] zu sprechen kommt. Er hört das „übliche Dröhnen“[22] der Motoren, schaut durch die „üblichen Scheiben“[23], hört die „üblichen Lautsprecher“[24]. Der Barkeeper wirft mit der „übliche[n] Geste“[25] „die übliche Olive ins kalte Glas“[26].

In dieser Welt des Üblichen gibt es nichts mehr zu entdecken, nichts zu erleben. Faber hat immerzu dieselben Eindrücke, die ständige Wiederholungen sind. Die Dinge sind, „wie sie sind; alles Sehen wird zu einem Wiedersehen; alle Wahrnehmungen unterliegen einem nicht neu zu entdeckenden, sondern monoton bestätigenden Appertionsmechanismus, der nur die ewige Wiederkunft des Gleichen beschert.“[27]

Dies spiegelt sich nicht nur im Inhaltlichen wieder, sondern lässt sich ebenso in der Syntax der Sprache Walter Fabers wiederfinden. Der Satzbau ist gleichgeordnet: „Schnee vor den Scheinwerfen, Pulverschnee, Wirbel über der Piste “[28], so gibt es keine spezielle Gliederung, allenfalls eine additive Aneinander- bzw. Nacheinanderreihung[29], was die Wiederholungsstruktur des Textes betont. Alles scheint bisher in seine Welt zu passen. Faber glaubt „nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker [ist er] gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen.“[30]

Doch dann bricht schließlich das Plötzliche in seine kalkulierbare Wirklichkeit, in die Welt des Üblichen ein und zerstört dieses Einerlei.[31]

Nachdem der erste Motor der Super-Constellation ausgefallen ist, ändert sich die geplante Flugroute, sodass sich das Flugzeug „plötzlich landeinwärts“[32] bewegt,

„plötzlich“[33] wird das Fahrgestell ausgefahren. Nach der Notlandung kommt es Faber „ganz plötzlich“[34] in den Sinn, seinen Flugbegleiter Herbert nach dessen Bruder Joachim zu fragen. Ebenso „plötzlich“[35] hört er später die Motorengeräusche jener Maschine, mit der er ursprünglich fliegen sollte. „Plötzlich“[36] möchte er lieber mit dem Schiff fahren als zu fliegen, was schließlich dazu führt, dass er seine Tochter kennen lernt.

[...]


[1] Vgl. Brockhaus, 1998, Band, 10, S. 215f

[2] vgl. Brockhaus, 1998, Band 10, S. 215f

[3] Brockhaus, 1998, Band 10, S. 215f

[4] Frisch, 1991, S. 47

[5] ebd.

[6] Schmitz, 1983, S. 19

[7] Vgl. Brockhaus, 1998, Band 21, S. 672f

[8] vgl. DUDEN, Fremdwörterbuch, 1999, S. 800

[9] vgl. Frisch, 1991, S. 24

[10] Frisch, 1991, S. 77

[11] Henze, 1971, S. 66

[12] Frisch, 1991, S. 107

[13] Frisch, 1991, S. 33

[14] Frisch, 1991, S. 8

[15] Frisch, 1991, S. 43

[16] Jurgensen, 1972, S. 141

[17] Frisch, 1991, S. 24

[18] Frisch, 1974, S. 463

[19] Frisch, 1991, S. 1

[20] Frisch, 1991, S. 1

[21] Frisch, 1991, S. 2

[22] Frisch, 1991, S. 12

[23] Frisch, 1991, S. 9

[24] Frisch, 1991, S. 11

[25] Frisch, 1991, S. 12

[26] Frisch, 1991, S.12

[27] Pütz, 1983, S. 133

[28] Frisch, S. 1

[29] vgl. Pütz, 1983, S. 134

[30] Frisch, 1991, S. 22

[31] vgl. Pütz, 1983, S. 134

[32] Frisch, 1991, S. 17

[33] Frisch, 1991, S. 20

[34] Frisch, 1991, S. 25

[35] Frisch, 1991, S. 35

[36] Frisch, 1991, S. 60

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Zu Max Frisch: "Homo Faber" Walter. Die Konfrontation eines technisierten Menschen mit der Natur
Untertitel
Faber vor seiner inneren Wende
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V46240
ISBN (eBook)
9783638434737
ISBN (Buch)
9783638597302
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frisch, Homo, Faber, Walter, Wende, Konfrontation, Menschen, Natur, Thema Homo Faber
Arbeit zitieren
Annette Ernst (Autor), 2004, Zu Max Frisch: "Homo Faber" Walter. Die Konfrontation eines technisierten Menschen mit der Natur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46240

Kommentare

  • Gast am 17.11.2005

    Sehr gute Arbeit!.

    Dieses Werk ist außerordentlich gut geschrieben. Die Autorin glänzt mit ihrem Wissen über Homo Faber und erkennt sämtliche Zusammenhänge. Die neun Euro sind gut angelegt, denn die Note von 1,0 ist vollkommen gerechtfertigt!

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