Verschiedene Arten der Vorausdeutung und deren Funktion im Nibelungenlied


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
21 Seiten, Note: 3+

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verschiedene Arten der Vorausdeutung im Nibelungenlied
2.1 Vorausdeutungen des Erzählers.
2.1.1 Vorausdeutungen, die zu einem komplexen Verständnis des Textes durch den Leser führen
2.1.2 Ereignisse, die der Leser ausschließlich als Vorausdeutung erfährt
2.1.3 Positive und negative Vorausdeutungen
2.2 Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung
2.2.1 Träume
2.2.2 Prophezeihungen
2.2.3 Argumentation
2.2.4 Reaktionen und Verhalten der Protagonisten auf die Vorausdeutungen
2.2.5 Vorausdeutungen als Vorbereitung auf künftiges Geschehen

3. Die Funktion der Vorausdeutungen im Nibelungenlied
3.1 Die formale Funktion der Vorausdeutung
3.2 Vorausdeutungen, die sich auf die Ermordung Siegfrieds beziehen
3.3 Vorausdeutungen, die sich auf den Untergang der Burgunden beziehen
3.3.1 Die Bedeutung der Vorausdeutungen für den Leser
3.3.2 Die Vorausdeutung als ein Hinweis auf das tragische Ende
3.3.3 Vorausdeutungen, die im weiteren Verlauf der Handlung keine Berücksichtigung finden

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Folgenden befasse ich mich mit den verschiedenen Arten der Vorausdeutung im Nibelungenlied. Es gibt eine große Anzahl von verschiedenen Vorausdeutungen, die z. B. als Traum oder als Prophezeihung auftreten können; an anderer Stelle findet der Leser Vorausdeutungen in der Argumentation von Protagonisten vor und des Weiteren ist eine Vielzahl an Vorausdeutungen des Erzählers vorhanden. In dieser Arbeit werden Beispiele helfen, in die Thematik der Vorausdeutungen einzuführen. Ich möchte den Leser dabei mit den unterschiedlichen Formen dieses Phänomens im Nibelungenlied vertraut machen. Diese Arbeit soll nicht nur den Unterschied zwischen Vorausdeutungen mit enger und weiter Wölbung, sondern auch das Verhältnis zwischen positiven und negativen Vorausdeutungen aufzeigen. Bei meinen Untersuchungen beziehe ich mich hauptsächlich auf die Nibelungen-Forscher Peter Göhler, Hansjürgen Linke, Julian Steh und Burghart Wachinger.

Außerdem erfährt der Leser, dass es sich bei den meisten Vorausdeutungen nicht nur um Vorausdeutungen im eigentlichen Sinne handelt, sondern dass sie auch bestimmte Funktionen innerhalb des Handlungsverlaufes einnehmen oder sich in bestimmte Rubriken einordnen lassen. Viele Vorausdeutungen bergen für den Gesamtkontext und das Hintergrundwissen in Bezug auf die Charaktereigenschaften der Protagonisten weitere Informationen.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit möchte ich dann konkret auf die Funktion dieser Vorausdeutungen sowie deren Beziehungen zum Gesamtkontext eingehen. Insgesamt möchte ich den Leser also mit den Vorausdeutungen selbst und deren Funktionen vertraut machen, um ihn für diese Thematik in Bezug auf das Nibelungenlied zu sensibilisieren.

2. Verschiedene Arten der Vorausdeutung im Nibelungenlied

Zunächst lassen sich zwei Arten der Vorausdeutung, die ich von Wachinger übernommen habe, unterscheiden. Zum einen handelt es sich um die Vorausdeutungen des Erzählers selbst, zum anderen treten Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung auf, die der Erzähler wiederum nur vorträgt (vgl. Wachinger 1960: S. 6 und S. 32). Die Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung sind allerdings austauschbar mit dem von Linke verwendeten Begriff der „epischen Vorausdeutungen“ (Linke 1976: S. 112).

Allgemein lassen sich die Vorausdeutungen in zwei weitere Arten unterteilen. Beziehen sich Vorausdeutungen auf einen Sachverhalt, der sich in der selben Aventiure vollzieht, so spricht Burger von einer „engen Wölbung“ (Burger 1985: S. 41). Als ein Beispiel ist der Sachsenkrieg zu erwähnen, der in der vierten Aventiure in Vers 171.4 angekündigt („dar umbe muosen degene sider kíesén den tôt.“) und dann bereits in den Versen 176.3/4 („mit roube und ouch mit brande wuosten si daz lant, daz ez den fürsten beiden wart mit arbeit bekannt.“) bzw. 177.4 (jâne wart den Sahsen geriten schedelîcher nie.“) beschrieben wird. Der zeitliche Unterschied zwischen Vorausdeutung und tatsächlichem Eintreten der Handlung beträgt also nur wenige Strophen und ist deshalb als enge Wölbung zu bezeichnen.

Bezieht sich eine Vorausdeutung jedoch auf einen der Hauptprotagonisten oder auf einen Sachverhalt, der noch in weiter Ferne liegt, so ist die Rede von einer „weiten Wölbung“ (Burger 1985: S. 41). Schon zu Beginn des Nibelungenliedes findet der Leser einige solcher Vorausdeutungen vor. So wird in den Versen 2.4 („dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp.“) und 6.4 („si stúrben sît jǽmerlîche von zweier edelen frouwen nît.“) schon der Untergang der Burgunden vorausgesagt, obwohl die eigentliche Handlung dieses Geschehens erst im zweiten Teil des Nibelungenliedes einsetzt. Dadurch haben diese Vorausdeutungen eine weite Wölbung.

Eine weitere Form von Vorausdeutungen bilden die Überschriften, die in wenigen Worten, für das Verständnis jedoch in ausreichender Form, den folgenden Abschnitt kurz zusammenfassen. Erst im Folgenden „wird dasselbe Geschehen ausführlich geschildert und dargestellt und in seinem Ablauf mit seinen einzelnen Phasen vorgeführt“ (Wachinger 1960: S. 8). Auf diese Form der Vorausdeutung, die in der mittelhochdeutschen bzw. vor- und frühhöfischen Epik durchaus gebräuchlich gewesen ist, soll im weiteren Verlauf meiner Arbeit nicht konkreter eingegangen werden. Auffällig ist nur, dass die Überschrift der letzten Aventiure („Wie her Dietrîch mit Gunther und mit Hagene streit“) noch nicht das Ergebnis des Geschehens innerhalb der Aventiure vorwegnimmt. Bei der großen Mehrheit an Überschriften des Nibelungenliedes verrät der Titel ansonsten den Ausgang der Handlungen in der Aventiure.

2.1 Vorausdeutungen des Erzählers

2.1.1 Vorausdeutungen, die zu einem komplexen Verständnis des Textes durch den Leser führen

Durch seine Vorausdeutungen greift der Autor des Nibelungenliedes als Erzähler erläuternd in den Verlauf der Erzählung ein. Dieses passiert auf unterschiedliche Art und Weise. „Am häufigsten kommt die kurze, aus einer Zeile bestehende, am Ende einer Strophe erscheinende Vorausdeutung im Nibelungenlied vor“ (Tisdell 1978: S. 114). Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die oben schon angegebenen Beispiele in den Versen 2.4 und 6.4., aber auch weitere Beispiele im Verlauf des Nibelungenliedes zeigen, dass es sich bei den Vorausdeutungen des Erzählers um Strophen handelt, in denen meistens nur ein Vers die Vorausdeutung beinhaltet. Eine Ausnahme bildet Strophe 335, in der Siegfried und Gunther ihre Abmachung, Kriemhild gegen Siegfrieds Hilfe bei den Kampfspielen diesem zur Frau zu geben, bekräftigen.

Des swuoren si dô eide, die réckén vil hêr.

des wart ir arbeiten verre deste mêr,

ê daz si die frouwen brâhten an den Rîn.

des muosten die vil küenen sît in grôzen sorgen sîn. (335)

Der ersten Vorausdeutung im zweiten Vers, die auf den bevorstehenden Kampf zwischen Siegfried und Brünhild hinweist, folgt im dritten Vers die Konsequenz dieses Kampfes: Gunther nimmt Brünhild zur Frau und reist mit ihr an den Rhein. Die letzte Vorausdeutung im vierten Vers wird als Resultat des Kampfspieles dargestellt und nimmt wiederum Bezug auf den bevorstehenden Untergang der Burgunden. Beziehen sich die Vorausdeutungen im zweiten und dritten Vers also auf die folgenden vier Aventiuren und sind somit als eine enge Wölbung zu bezeichnen, so nimmt der Erzähler mit seiner Vorausdeutung im letzten Vers dieser Strophe Stellung zu einem Ereignis, mit dem das Nibelungenlied schließt, und welches dem Leser bis zum Ende durch zahlreiche Vorausdeutungen in Erinnerung gerufen wird. Hierbei handelt es sich nach Burger um eine Vorausdeutung mit weiter Wölbung. Wie auch dieses Beispiel belegt, „zwingen fast alle [...] Vorausdeutungen [...], die der Nibelungendichter macht, den Leser zu einer hermeneutischen Öffnung gegenüber dem Gesamttext (Steh 1993: S. 67). Der Leser soll also in der weiteren Handlung des Nibelungenliedes nach dem Sinn oder Zusammenhang dieser Vorausdeutungen suchen.

Diese Aufgabe stellt sich ihm auch, wenn unmittelbar an die Vorstellung Kriemhilds zu Beginn des Nibelungenliedes im sechsten Vers mit der Vorausdeutung auf den Untergang der Burgunden („si stúrben jǽmerlîche von zweier edelen frouwen nît.“) das Ende der Erzählung vorweggenommen wird. Die Chronologie des Geschehens wird dadurch unterbrochen (vgl. Steh 1993: S. 61). Der Zusammenhang zwischen der Schönheit Kriemhilds und dem überraschend an dieser Stelle erwähnten Untergang eines ganzen Volkes bleibt für den Leser zunächst offen. Doch beim Weiterlesen und Entdecken von weiteren Vorausdeutungen wird schnell deutlich, dass der Leser die Erklärung für den Untergang nur dann finden kann, wenn er den Text bis zum Ende liest. Zunächst erscheinen dem Leser die einzelnen Strophen in ihrer inhaltlichen Geschlossenheit zwar verständlich, doch sie bergen ebenfalls die „hermeneutische Öffnung gegenüber dem Gesamttext“ (Steh 1993: S. 67). Erst das Interesse des Weiterlesens, das zweifelsohne durch die Vorausdeutungen geweckt wird, und das Mitverfolgen bzw. Überprüfen dieser Hinweise oder Vorhersagen, lässt beim Leser ein komplexes Textverständnis entstehen. Der Leser wird dazu angehalten, stets das Ganze im Auge zu behalten und ein erzähltes Ereignis nicht als isolierte Begebenheit aufzufassen. Hierdurch versucht der Verfasser, den Leser mehr auf die Frage nach dem Warum des Geschehens aufmerksam zu machen (vgl. Göhler 1989: S. 74).

2.1.2 Ereignisse, die der Leser ausschließlich als Vorausdeutung erfährt

Der Erzähler des Nibelungenliedes bestimmt, welches Ereignis er als Vorausdeutung vorwegnimmt und welches Ereignis er im weiteren Verlauf der Erzählung ausführlich beschreibt. So erfährt der Leser in Strophe 680, dass Siegfried den gerade entwendeten Ring und Gürtel an Kriemhild weitergibt, nur als Vorausdeutung. Dieses Ereignis, das für den weiteren Verlauf der Handlung hinsichtlich seiner Bedeutung eine große Relevanz aufweist, wird vom Erzähler also nicht ausführlich dargestellt und ist nur als kurze Vorausdeutung bestimmt. Da es sich beim Erzählen des Nibelungenliedes um ein Ereignis orientiertes Erzählen handelt, stimme ich Göhler zu, der zu dem Schluss kommt, dass der Erzähler in die Figuren hineinschauen müsste, wenn er die Ringübergabe hätte erzählen wollen. Dieses ist jedoch kein Merkmal des Ereignis orientierten Erzählens, sondern des motivierenden, auf psychologische Vorgänge orientierten Erzählens (vgl. Göhler 1989: S. 50).

[...]

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Details

Titel
Verschiedene Arten der Vorausdeutung und deren Funktion im Nibelungenlied
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Die Nibelungen: Epos, Drama und Musikdrama
Note
3+
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V46246
ISBN (eBook)
9783638434799
ISBN (Buch)
9783638776776
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Vorausdeutungen nehmen im Nibelungenlied eine zentrale Rolle ein und beeinflussen den Leser auf eine ganz besondere Weise. Welche Arten an Vorausdeutungen gint es und welche Bedeutung haben sie für den Gesamtkontext? Dabei wird auch auf die Analyse einzelner Fallbeispiele eingegangen.
Schlagworte
Verschiedene, Arten, Vorausdeutung, Funktion, Nibelungenlied, Nibelungen, Epos, Drama, Musikdrama
Arbeit zitieren
Jens Finger (Autor), 2005, Verschiedene Arten der Vorausdeutung und deren Funktion im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46246

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