Diskriminierung muslimischer Frauen in Deutschland. Der Topos der unterdrückten, gefährlichen Muslimin


Hausarbeit, 2018
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen und Begriffserklarungen
2.1 Stereotyp
2.1.1 Soziale Kategorisierung
2.1.1 Sich selbst erfullende Prophezeiung
2.2 Vorurteile
2.3 Diskriminierung

3. Vorurteile und Diskriminierungen gegenuber muslimischen Frauen
3.1 Theorie der Intersektionalitat
3.2 Rassismus
3.2.1 Antimuslimischer Rassismus
3.3 Topos der „unterdruckten, gefahrlichen Muslimin"
3.3.1 Benachteiligungen
3.4 Geschlecht als Querschnittskategorie von Diskriminierung

4.Schluss

5. Quellen
5.1 Literatur
5.2 Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Das mediale Bild „der Muslimin" oszilliert zwischen der Rolle der unterdruckten und verschleierten Muslimin und der muslimischen Fundamentalistin, die Frauenrechte unterwandern will. Die von Fereshta Ludins 1998 losgetretene Kopftuchdebatte (BpB.de ,2005). bietet ein Paradebeispiel der kontraren Vorurteile und Diskriminierungen, denen muslimische Frauen in Deutschland ausgesetzt sind. Laut dem Spiegel (Deggerich, 2015) beispielsweise wurde sie nicht nur durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft abgelehnt und sogar rassistisch angegriffen, auch die muslimische Welt kritisierte ihr Vorgehen (sie sei auf ihren Profilfotos auf facebook zu stark geschminkt) genauso wie einige Frauenbewegungen. Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer, die das Kopftuch schon immer als „politisches Symbol" ablehnte, ist der Ansicht, dass Ludin durch ihre islamistische Ideologie eine Gefahr fur Deutschland darstelle, weil sie die Grundgesetze nicht respektieren wurde (Schwarzer, 2015). Sie stellt damit Kopftuchtragerinnen per se unter Extremismusverdacht und verhartet gangige Zuschreibungen. Konfrontiert mit den Vorurteilen und Ablehnungen innerhalb der Gesellschaft, „sei sie zu jemandem gemacht worden, von dem sie sich eigentlich immer distanziert hatte" resumiert Ludin in dem Artikel des SPIEGELs (Deggerich, 2015, o.S.).

Die in diesen Debatten entworfenen Zuschreibungen und Vorurteile uber Musliminnen haben konkrete Auswirkungen auf die gesellschaftliche Situation muslimischer Frauen in Deutschland. Die Folge sind schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Marginalisierung (Rommelspacher, 2009, S.397; Jacobs, 2017). Dabei tragen nach einer Studie des BAMF 72% der fast 4000 Befragten gar kein Kopftuch (Haug, Mussig & Stichs, 2009, S.195) und selbstbewusste, muslimische Journalisten, Blogger oder Aktivistinnen, die sich fur Gleichberechtigung stark machen, sind medial prasent und prangern Alltagsrassismus an (u.a. Kubra Gumusay, 2015).

Die vorliegende Arbeit beschaftigt sich mit den Vorurteilen und Diskriminierungen gegenuber muslimischen Frauen in Deutschland. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, ob mehrdimensionale Diskriminierungen vorliegen.

Die Arbeit gliedert sich in 4 Teile und beginnt mit einer Einfuhrung in Begriffe und Funktionsweisen von Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung. Das Wissen um Mechanismen der Stereotypisierung und die Ursachen der Vorurteilsbildung sind konstitutiv, um diskriminierendes Verhalten gegenuber Musliminnen in Deutschland zu verstehen. AnschlieRend folgt eine kurze Einfuhrung in die Theorie der Intersektionalitat: Sie thematisiert die Wechselwirkungen die entstehen, wenn sich mehrere ungleichheitsgenerierende Dimensionen (Diskriminierungen aufgrund von Merkmalen) „kreuzen". Dazu greife ich zuerst auf Erkenntnisse aus der amerikanischen Geschlechterforschung ab den 1970er Jahren zuruck (v.a. Collective River, 1982; Crenshaw, 1989) bevor ich den Blick nach Deutschland richte. Besonders Walgenbach (2007, 2012), Winker & Degele (2010), Rommelspacher (2013), Shooman (2014) liefern hier aufschlussreiche Impulse fur die Analyse von Mehrdimensionale Diskriminierung. Eine Annaherung an das komplexe Phanomen der Intersektionalitat der muslimischen Frauen in Deutschland folgt anschlieRend in Kapitel 3. Dabei werden besonders die Benachteiligungen aufgrund der Rasse/Ethnie und Religion und des Geschlechts im Fokus der Analyse stehen. Nachdem die Benachteiligung aufgrund derzeit herrschenden antimuslimischen Rassismus erortert wurde, fokussiert sich die Arbeit auf die Stereotypen und Vorurteile gegenuber muslimischen Frauen und die daraus abgeleiteten Diskriminierungen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Peucker, 2016) hat dazu einige Studien veroffentlicht, die vor allem im Arbeitsleben enorme Einschrankungen durch den Arbeitgeber belegen.

2. Definitionen und Begriffserklarungen

Dieses Kapitel wird zunachst einen Uberblick uber die Begriffe Stereotyp, Vorurteil und Diskriminierung aus sozialpsychologischer Perspektive geben. Aronson, Wilson & Akert (2008) identifizieren Vorurteile als Einstellungen und unterteilen sie daher in drei Komponenten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die drei Komponenten des Vorurteils (http://kulturshaker.de/einstellung/diskriminierung/

einer kognitiven (Stereotyp), einer affektiven, emotionalen (Vorurteil) Komponente und der Verhaltenskomponente, welche als Diskriminierung bezeichnet wird (S.424, Abb. 1).

Auch nach Zick, Kupper, Hovermann (2011) ereignet sich die Entstehung eines Vorurteils in einem dreistufigen Prozess, bei der die Kategorisierung am Anfang steht. Es folgt die kognitive Stereotypisierung und schlieRlich das emotional geladene Vorurteil (S.32-34).

Die Abstufung des Vorgangs signalisiert aber auch, dass nicht zwingend die nachste Stufe folgen muss, sondern durch kontrollierte Informationsverarbeitung gestoppt werden kann, die wiederum aber kognitive Ressourcen benotigen (Schmid Mast & Krings, 2008, S.33f).

2.1 Stereotyp

Der aus den griechischen Bezeichnungen „Stereos (starr, hart, fest,) und typos (Entwurf, feste Norm, charakteristisches Geprage)" zusammengesetzte Begriff „Stereotyp" kommt ursprunglich aus der Drucktechnik und wurde von Lippmann (1922) in die Sozialpsychologie eingefuhrt (Petersen & Six, 2008, S.21) Er benutzte das Bild der „vorgefertigten Schablone" um zu illustrieren, wie Eigenschaften der Gruppe auf das spezielle Individuum aufgedruckt, also zugeschrieben werden. Stereotypen werden daher in der Sozialpsychologie haufig als verallgemeinernde Annahmen uber Mitglieder einer sozialen Gruppe, die aufgrund von Merkmalen assoziiert werden, bezeichnet (Aronson et al., 2008, S.425). Offenkundige Unterschiede, wie das Geschlecht oder die Ethnie sind beispielsweise Merkmale, die aufgrund ihrer Auffalligkeit („Salience-Effekt") verstarkt Stereotypisierung bewirken (Petersen & Six, 2008, S.21). Das Bild der Unbeweglichkeit ist dahingehen passend, weil Stereotype - einmal gebildet - schwer aufzubrechen sind und selbst wenn Gruppenmitglieder untypisches Verhalten zeigen, wird das Stereotyp nicht revidiert (Machunsky, 2008, S.46).

2.1.1 Soziale Kategorisierung

Aber warum neigen Menschen uberhaupt dazu, andere zu kategorisieren?

Das menschliche Bedurfnis nach sozialer Kategorisierung lasst sich aus der sozialen Kognition, bei der es um die Wahrnehmung, das Denken und Strukturieren der sozialen Welt geht, herleiten. Das „Automatische Denken" in Schemata unterstutzt dabei den Prozess der muhelosen und unbewussten Einordnung der Wahrnehmung in Bezug mit der bisherigen Erfahrungen (Aronson et al., 2008, S.57f). Ambivalente Ereignisse oder Situationen konnen gedeutet werden, wenn auRer der Kategoriezugehorigkeit kaum weitere Auskunfte vorhanden sind. Zudem untermauerte das klassische Experiment von Taylor, Fiske, Etcoff & Rudermann (1978) „Who said what"1 (Klauer, 2008, S. 25) die These einer okonomischeren Verarbeitung durch Kategorienbildung: Obwohl die Probanden kognitiver Belastung ausgesetzt waren, wurde die soziale Kategorisierung davon nicht beeinflusst. Dementsprechend ist festzuhalten, dass die unbewusste Aktivierung von Stereotypen im Alltag als ein vereinfachender und ordnender Mechanismus uns Menschen das Einschatzen fremder Personen und Situationen ermoglicht.

2.1.1 Sich selbst erfullende Prophezeiung

Die „sich selbst erfullende Prophezeiung" spielt im Kontext Vorurteile und Verhalten eine groRe Rolle und erklart, warum Personen sich immer wieder in ihren Vorurteilen bestatigt fuhlen und diese resistent gegen Veranderung bleiben.

Unsere Erwartungen und Einstellungen (Vorurteile) gegenuber Menschen beeinflussen unser Verhalten gegenuber diesen so stark, so dass sich mein Gegenuber entsprechend der ursprunglichen Erwartungen verhalt. Schlussendlich wird das Schema durch das eigene

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Selbsterfullende Prophezeiung (Aronson et al., 2008, S.67)

Verhalten unbeabsichtigt bestatigt (Greitemeyer, 2008, S. 80; Aronson et al., 2008, S.446). Abb. 2 zeigt den Teufelskreis, der sich durch die selbsterfullende Prophezeiung ergeben kann. Gerade im Bildungs- bzw. Arbeitskontext ist der Vorgang der selbsterfullenden Prophezeiung die letzten Jahre gut erforscht worden und dokumentiert, welche tiefgreifenden Konsequenzen fur Betroffene folgen (Aronson et al., 2008, S.66). Diese werden u.a. in Kapitel 3 am Beispiel der Muslimin im Arbeitsleben deutlich.

2.2 Vorurteile

Die klassische Definition nach Allport (1954) beschreibt Vorurteile als „ablehnende oder feindselige Haltung gegenuber einer Person, die zu einer Gruppe gehort und deswegen dieselben zu beanstandenden Eigenschaften haben soll, die man der Gruppe zuschreibt"- demnach sind Vorurteile in der Sozialpsychologie emotional gefarbte Stereotypen (Aronson et al., 2008, S.424; Zick, Kupper, Hovermann, 2011).

Die Fremdgruppe wird abgewertet und die eigene Gruppe positiver bewertet, um eine Erhohung des Selbstwertgefuhls, welches in der Sozialpsychologie als „einer der machtigsten Determinanten menschlichen Verhaltens" betrachtet wird, zu bezwecken (vgl. Aronson, 2008 S. 163; vgl. Zick & Kupper, 2011, S. 34). Weitere soziale Funktionen von Vorurteilen sind nach Zick & Kupper die Herstellung eines Wir-Gefuhls, die Legitimation von Hierarchien, Wissen und Orientierung und das Wissen daruber, wem (nicht) vertraut werden kann (vgl. 2011, S. 37-39). Medien spielen bei der Verbreitung von Stereotypen und Vorurteilen eine essentielle Rolle, denn sie reproduzieren und verfestigen Stereotype (vgl. Halm, 2006).

2.3 Diskriminierung

Die Bezeichnung „Diskriminierung" bezieht sich auf negatives, feindseliges Verhalten gegenuber einem Angehoriger einer Gruppe aufgrund der Mitgliedschaft in dieser Gruppe. (vgl. Aronson et al., 2008, S.428) Wenn bei einem Polizisten beispielweise die stereotype Annahme besteht, dass Afroamerikaner aggressiver sind, wird er bei dessen Festnahme eventuell harter zupacken. Bei allen Diskriminierungen

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes spricht von Benachteiligung, „da nicht jede unterschiedliche Behandlung, die einen Nachteil zur Folge hat, diskriminierend sein muss" und umfasst Handlungen wie Belastigungen und auch Mobbing (ADS, 2015, o.S.). Den Zusammenhang von Vorurteilen mit diskriminierende Verhaltensabsichten und auch konkretem diskriminierendem Verhalten belegen jungere Studien (vgl. Petersen & Six 2008, S. 192). Trotzdem darf man sich soziale Diskriminierung nicht als die unmittelbare Folge von Stereotypen und Vorurteilen vorstellen, denn auch „Personlichkeitseigenschaften, Selbstregulationsprozesse, das Bedurfnis nach Steigerung und Schutz des eigenen Selbstwertes [...]" beeinflussen den Prozess der zur Diskriminierung schlussendlich fuhren kann (Six & Petersen, 2008, S.18). Von institutionalisierter Diskriminierung spricht man, wenn diskriminierende Handlungen normativ d.h. akzeptiert in einer Gesellschaft sind (vgl. Aronson et al., 2008, S.449).

3. Vorurteile und Diskriminierungen gegenuber muslimischen Frauen

Die muslimische Frau in Deutschland ist v.a. von den ungleichheitsgenerierenden Kategorien Ethnie/Religion und Geschlecht betroffen. Das nachste Unterkapitel gibt zuerst einen Uberblick uber die Theorie der Intersektionalitat, welche die Basis fur die darauffolgende Analyse der Diskriminierungsdimensionen Rassismus und Sexismus stellen wird.

3.1 Theorie der Intersektionalitat

Der Intersektionalitatsansatz untersucht die Wechselwirkungen, welche aufgrund von Uberschneidung (engl.: intersection) von „ungleichheitsgenerierenden Dimensionen" (Winker & Degele, 2010, S.10, Karsch, 2016, S.207) z.B. „Rasse", Geschlecht oder Klasse2 entstehen. Mehrfachdiskriminierungen in einer Person werden nach dieser Theorie nicht addiert, sondern verstarken, verandern sich oder schwachen sich sogar ab. (Winker & Degele, 2010, S. 10f).

Das Konzept kommt ursprunglich aus der Reihe der schwarzen feministischen Bewegung der USA3, die das Selbstverstandnis der weiRen, westlichen Feminismen alle Frauen zu reprasentieren zum Brockeln brachte (Lutz, Vivar & Supik, 2013, S. 18). Vorreiter waren u.a. die Mitglieder_innen des Combahee River Collective, welche damals forderten, was der Intersektionalitatsansatz heute zu leisten vermag: „the development of integrated analysis and practice based upon the fact that the major systems of oppression are interlocking" (Combahee River Collective 1982, S.1).

[...]


1 Bei dem Experiment sollten Versuchsteilnehmer einer Diskussion von WeiRen und Schwarzen folgen und sich danach an die Inhalte erinnern.

2 Kategorien nach K. Crenshaw (1989)

3 Zu nennen sind v.a. das Combahee River Collective (1974), bell hooks (1982), Sojourner Truth (1851), Angela Yvonne Davis (1972)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Diskriminierung muslimischer Frauen in Deutschland. Der Topos der unterdrückten, gefährlichen Muslimin
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Veranstaltung
Sozialpsychologie des Lehrens und Lernens
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V462466
ISBN (eBook)
9783668931107
ISBN (Buch)
9783668931114
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskriminierung, Antimuslimischer Rassismus, Muslimin, Intersektionalität, Mehrfachdiskriminierung
Arbeit zitieren
Anna Gugel (Autor), 2018, Diskriminierung muslimischer Frauen in Deutschland. Der Topos der unterdrückten, gefährlichen Muslimin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462466

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